Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Twittern

[Was Heinrich von Kleist heute vielleicht über das Twittern geschrieben hätte. Der Anstoß zu dieser kleinen Parodie kam natürlich via Twitter.]


Wenn du etwas wissen willst und es durch Nachdenken nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, bei der nächsten Gelegenheit darüber zu twittern. In deiner Timeline muss nicht unbedingt ein scharfdenkender Kopf sein, auch meine ich es nicht so, als ob du die Leute direkt befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du den Gedanken einfach in die Timeline loslassen.

Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir am Anfang den Rat gegeben, von nichts zu twittern, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber wolltest du wahrscheinlich mit Vorwitz andere bekehren. Ich meine aber, daß du aus der verständigen Absicht twittertest, dich zu belehren, und so können je nach Situation wohl beide Klugheitsregeln vielleicht doch nebeneinander bestehen.

Der Franzose sagt, der Appetit komme beim Essen, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, die Ideen kämen beim Twittern.

Oft sitze ich an meinem Rechner über den Texten, und erforsche, an welchen Stellen sie wohl zu verbessern sein könnten. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine Statistik vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt.

Und wenn ich mit meiner Timeline davon rede, welche irgendwo sitzt, und an anderen Dingen arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde.

Nicht, als ob mir jemand, im eigentlichen Sinne, sagte, was ich verbessern oder berechnen sollte: Die Leute in der Timeline kennen weder meine Texte, noch haben sie alle die Programmierkunst oder die Statistik studiert. Es ist auch nicht so, dass mich die Follower durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführten, auf welchen es ankommt, auch wenn letzteres manchmal der Fall sein mag.

Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, dass die Erkenntnis zu meinem Erstaunen nach einigen Tweets fertig ist.

Ich mische Emoticons ein, stauche die Wörter in ihrer Länge, gebrauche wohl ein Akronym, wo es nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede verkürzender, Kunstgriffe, um zur Fabrikation meiner Ideen in Twitters Cloud der Vernunft die zulässige Zeichenzahl einzuhalten.

Dabei ist mir nichts heilsamer, als die Tweets, die so scheinen, als ob sie mich unterbrechen wollten; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer Fußballer am Elfmeterpunkt, noch um einen Grad höher gespannt.

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichtigen konnte, so ist dies doch erst recht der Fall in einer Timeline mit hunderten Leuten.

Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der twittert, in einem treffenden Tweet, der ihm als Reply gesendet wird; und ein Tweet, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, erübrigt oft die Worte für die andere Hälfte desselben.

Ich glaube, daß mancher großer Twitterer, in dem Augenblick, da er den Tweet begann, noch nicht wusste, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen. […]


Das Vorbild: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden von Heinrich von Kleist.

Danke für den Anstoß an Markus Trapp.


Eine Antwort zu Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Twittern

  1. […] Der Blogger stefanolix macht sich Gedanken über das Twittern. Sein Vorbild für die Parodie der Kurznachrichten ist Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. stefanolix.wordpress.com […]

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