Kein mahnender Mühlstein

5. Juni 2014

Die Lokalpresse hat am Anfang dieser Woche berichtet, dass ein großer und schwerer Mühlstein als Mahnmal gegen Kindesmissbrauch auf dem Dresdner Altmarkt [Postplatz] aufgestellt worden sei. Dieser Mühlstein ist in vielen Städten zu Gast gewesen – mindestens eine hat ihn abgelehnt. Dazu später mehr.

Ich hätte den Mühlstein heute gern fotografiert, aber er war am Nachmittag nicht mehr zu sehen. Deshalb greife ich auf Textzitate zurück und verlinke ein fremdes Foto. [Das Foto aus Dresden wird nachgereicht.]

Auf dem Mühlstein steht ein Bibelzitat aus dem Neuen Testament. Es soll als Warnung vor dem Kindesmissbrauch gelesen werden.

Vordergründig wird dort die Strafe für einen Erwachsenen beschrieben, der sich an einem Kind vergangen hat: Mühlstein um den Hals – und im Meer versenken! Eine Strafe wie im Mittelalter.

Wer aufmerksam in Dresden, Leipzig oder anderen Städten unterwegs ist, kennt vermutlich die Aufkleber »Todesstrafe für Kinderschänder!«

Wenn man sich nun das Versenken des Verbrechers mit einem tonnenschweren Mühlstein um den Hals bildlich vorstellt, reibt man sich die Augen: Wie können christliche Lehre und Nazi-Ideologie so frappierend übereinstimmen?


Die kurze Antwort ist: Sie stimmen nicht überein. Der Spruch auf dem Mühlstein wurde völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es sind auch für Außenstehende nur wenige Sätze notwendig, um den Zusammenhang zu erklären.

Jesus hatte zwölf feste Nachfolger (Jünger), die ihn in jeder Hinsicht als Führer anerkannten. Zwischen diesen Jüngern gab es eine natürliche Konkurrenz um den wahren Glauben, um Aufmerksamkeit, um Anerkennung …

Um diese Konflikte zu entschärfen, stellte Jesus ein Kind in den Mittelpunkt und machte den Jüngern klar: Das Ideal meiner Lehre ist der Glaube eines Kindes. Das Kind sieht sich nicht im Wettbewerb um den besten Glauben, es glaubt einfach. Und wer ein gläubiges Kind aufnimmt, der nimmt mich auf.

Genau danach kommen die auf dem Stein zitierten Worte. Es geht also um die möglichst drastisch und als Gleichnis formulierte Konsequenz für das Zerstören des Glaubens-Ideals. Das hat mit der Konsequenz für ein Sexualverbrechen an Kindern nichts zu tun.


Aber es besteht natürlich die Gefahr, dass man mit dem Spruch vom Mühlstein Beifall von der falschen Seite erhält. Die NPD hat sich explizit auf diesen Stein bezogen, um in Leipzig vor dem Hintergrund mehrerer Verbrechen an Kindern für sich zu werben. Die Stadt Leipzig hat es deshalb 2008 abgelehnt, den Stein auf ihrem Marktplatz zu zeigen.

Es ist schwer zu entscheiden: Im Sinne der Freiheit der Meinungsäußerung muss der Stein gezeigt werden können. Im Kontext der Forderungen nach Todesstrafe kann es geboten sein, ihn nicht öffentlich auf dem Dresdner Altmarkt auszustellen, sondern vielleicht eher auf dem Gelände einer Kirche.

Unabhängig davon scheint mir das Aufstellen des Steins ungeeignet für die Prävention zu sein. Es ist reine Symbolpolitik mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitat.

Wer sich auf das Bibelzitat einlässt und ohnehin ein integrer Christ ist, der tut keinem Kind etwas zu Leide. Auf der andere Seite: Wer Kinder missbraucht, wird den Mühlstein wohl weiträumig umgehen und lässt sich auch von dem Bibelzitat nicht abbringen.


Noch eine Anmerkung zur Quellenlage. Die exakte Textstelle findet man gar nicht so einfach. Abhängig von der Bibel-Übersetzung und vermutlich auch von den Intentionen der Bibel-Herausgeber steht in Matthäus 18, Vers 6 folgender Satz:

Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. [Luther-Bibel, 1912]

Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. [Luther-Bibel, 1984]

Wer aber irgend eines dieser Kleinen, die an mich glauben, ärgern wird, dem wäre nütze, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. [Elberfelder Bibel, 1905]

Nun kann man nicht drei Versionen desselben Bibelverses in einen Stein hauen. Das exakte Zitat auf dem Mühlstein ist auf der Website der Steinmetz-Werkstatt zu lesen, die ihn geschaffen hat.

WER ABER EINEM VON DIESEN KLEINEN, DIE AN MICH GLAUBEN, ÄRGERNIS GIBT, DEM WÄRE ES BESSER, WENN IHM EIN MÜHLSTEIN AN DEN HALS GEHÄNGT UND ER IN DIE TIEFE DES MEERES VERSENKT WÜRDE.

Diese Version ist sprachlich denkbar ungeeignet. Sie ist aber gleichzeitig so vage, dass sie alle Möglichkeiten offen lässt: von der Beeinträchtigung des Glaubens bis zum Sexualverbrechen.

Auf der Website der Steinmetz-Werkstatt ist auch ein Bild des Mühlsteins zu finden.


Die Links zu den Online-Bibeln:

Luther 1912 (Wechsel zu anderen Übersetzungen möglich).

Luther 1984 (dort Matthäus 18 aufschlagen).


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