Wenn die Erregungsblasen platzen …

Im Mikrokosmos Twitter wird zur Zeit über eine Karikatur in der F.A.Z. diskutiert. Dabei gibt es zwei Lager: Das eine Lager behauptet vehement, dass man diese Karikatur nur als rassistisch deuten könne. Das andere Lager sieht in der Karikatur einen tieferen Sinn: Sie soll durch krasse Überzeichnung Vorurteile zum Platzen bringen.

Hier soll es nur darum gehen, wie man den Vorwurf des Rassismus gegen die Zeitung und gegen die beiden Zeichner ganz einfach zum Platzen bringen kann.

Der Vorwurf lautet: Mit der Karikatur würden schwarze Mediziner als Ausübende primitiver Kulte herabgewürdigt – sie seien nicht Arzt, sondern bloß Medizinmann. Implizit wird den beiden Zeichnern also vorgeworfen, dass sie als weiße Rassisten allen Schwarzen die Eignung zum Arztberuf absprechen.

Das ist leicht zu widerlegen. Die F.A.Z. wird in Frankfurt herausgegeben, die beiden Zeichner stammen aus der engeren Umgebung Frankfurts. In kaum einer anderen Großstadt findet man so viele hochqualifizierte Ausländer jeder Hautfarbe: Rechtsanwälte, Banker, Wissenschaftler, Künstler – und auch Ärzte.

Hochqualifizierte Ausländer gehören also ganz selbstverständlich zur Lebenswirklichkeit der Redakteure und zur Lebenswirklichkeit der Mitarbeiterin aus der Online-Redaktion, die gestern von einigen Salonradikalen so übel angegriffen wurde. Es dürfte jedem unvoreingenommenen Beobachter klar sein, dass die Zeichnung des Medizinmanns nicht 1:1 als Herabwürdigung der Leistungen qualifizierter schwarzer Ärzte zu lesen ist.

Die Online-Mitarbeiterin der F.A.Z. hat gestern versucht, die Karikatur auf intelligente Weise zu deuten: Es ginge doch um die Überzeichnung von Vorurteilen und man müsse diese Vorurteile darstellen, um sie überwinden zu können. Das ist die naheliegende Deutung der Karikatur – wenn man einfach nur unvoreingenommen herangeht und sich nicht moralisch selbst überhöhen muss …


Ergänzung 1: Hier ist der Hauptstrang einer Twitter-Diskussion mit einigen sachlichen Anmerkungen von Kritikern, zum Teil aber auch sehr herablassenden Trollereien gegen Zeitung und Zeichner. Die Online-Mitarbeiterin der F.A.Z. bleibt angesichts der unsachlichen Anwürfe noch relativ gelassen …


Ergänzung 2: Es wird gerade von einem »Shitstorm« wegen der Karikatur gesprochen. Wie viele Menschen haben sich denn an diesem sogenannten »Shitstorm« wirklich beteiligt? Zwei Dutzend? Drei Dutzend? Sollte ich das mal zählen?

Die Karikatur kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden – nicht nur im Sinne der vernichtenden Urteile selbst ernannter »Aktivisten«, sondern auch als Zeichen gegen Alltagsrassismus und Vorurteile. Eine objektive Beurteilung ist nicht möglich. Die Zeichnung fällt unter die Meinungsfreiheit und unter die Kunstfreiheit – deshalb ist es mutig und richtig, sie nicht zurückzuziehen.


Ergänzung 3: Dieser Kommentar unter einem betont selbstgerechten Artikel zeigt sehr treffend auf, unter welchem Doppelstandard dieser Shitstorm angezettelt wurde.


10 Antworten zu Wenn die Erregungsblasen platzen …

  1. Paul sagt:

    Mir sagt die Karikatur, dass auf dem Lande in Zukunft die Gefahr besteht, dass nicht mehr genügend Ärzte die Gesundheitsversorgung sichern können. Uns droht der Rückfall auf den Status eines Entwicklungslandes.

    Übrigens hatten wir das in der DDR auch schon. Der Ärztemangel wurde durch Gemeindeschwestern kompensiert. Das wurde sogar als Erfolgsmodell ‚verkauft‘. In gewisser Weise war es das auch.

    In einem Fernsehbericht zum Thema Landarztmangel, wurde kürzlich der Hausbesuch eines Landarztes gezeigt. Er wechselte den Verband, stellte den Blutdruck fest und gab tröstenden Zuspruch. Muss das ein Arzt machen? Das kann eine Schwester genau so gut tun. Deshalb könnte man den Ärztemangel auch durch Schwestern ausgleichen, die einem Arzt zugeordnet sind. Also ein Arzt hat eine Praxis und leitet noch Schwestern an. Er macht dann nur noch Hausbesuche bei den Patienten, bei denen ärztliches Handeln erforderlich ist.

    Herzlich, Paul

    PS: Die Aufregung über die Karikatur kann ich nicht verstehen. Der Karikaturist hat bestimmt nicht die Diskriminierung von Ärzten mit dunkler Hautfarbe im Sinn gehabt. Das Thema seiner Karikatur ist der Mangel an Landärzten.

  2. Norbert sagt:

    Deine Argumentation solltest du dir nochmal ansehen.

    Rassismus beginnt nicht erst, wenn man implizit oder explizit behauptet *alle* Menschen einer Hautfarbe seien unqualifiziert. Rassismus kann sich genauso gegen Einzelne richten und oder (unbegründete) Korrelationen zwischen bestimmten Merkmalen herstellen.

    Auch verstehe ich nicht, inwiefern die Hautfarbe von Ärzten in Frankfurt widerlegen kann, dass die Redakteure/Zeichner rassistische Vorurteile beförderten oder tolerierten. Das mag zeigen, dass im Frankfurter Gesundheitswesen keine rassistische Diskriminierung stattfindet – aber selbst diesen Zustand vermag eine solche Karikatur wohl kaum befürdern.

    • stefanolix sagt:

      Mit dieser Karikatur wird kein erkennbarer einzelner Mensch diskriminiert. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Zeichner das getan oder beabsichtigt haben.

      Wie ich oben ausgeführt habe, werden die Ärzte mit schwarzer Hautfarbe auch nicht als Gruppe diskriminiert.

      Wenn hier überhaupt über jemanden gelacht wird, dann über spezielle Provinzler, die einem fremd aussehenden Arzt mit dummen Vorurteilen begegnen. Allerdings hat sich m. W. noch keiner darüber beschwert, vermutlich können sie auch darüber lachen.

      Aus der Grafik geht für mich eindeutig hervor, dass Greser & Lenz diese Vorurteile karikieren wollen – und offenbar ist es ihnen ganz gut gelungen.

      Die massiv vorgetragenen Rassismus-Vorwürfe gegen die beiden Zeichner und die F.A.Z. sind unangemessen und absurd.

      Die F.A.Z. gehört zu den ganz wenigen Zeitungen in Deutschland, die ein sehr großes Spektrum an Meinungen bringen: konservative, liberale, linke … das sieht man aber nur, wenn man sie wirklich liest – und nicht, wenn man sich an einer einzigen Zeichnung festkrallt.

      • Norbert sagt:

        Ob die Rassismus Vorwürfe angemessen sind mag diskutabel sein – absurd sind sie dagegen wohl kaum.

        Meinst du wirklich, dass Äußerungen einzelner Personen erst dann rassistisch sein können, wenn die Gesellschaft als Ganze rassistisch diskriminiert?
        Nur weil die Frankfurter Ärzteschaft scheinbar nicht diskriminiert, wäscht das doch längst nicht die FAZ Redakteure vom Vorwurf rein, dass ihnen dort ein rassistisch geprägtes Ressentiment herausrutschte.

      • stefanolix sagt:

        Wer auf rassistisch geprägte Ressentiments aufmerksam machen will, muss sie: Benennen. Darstellen. Kenntlich machen.

        Genau darin liegt der Sinn der Karikatur aus Frankfurt, die in einer weltoffenen und geistig offenen Zeitung erschienen ist.

        Ob man über dieses Problem einen Text schreibt oder dazu ein Bild zeichnet, ist zweitrangig.

        Wir haben Kunstfreiheit und Kunst kann missverstanden werden. Um allerdings diese Karikatur missverstehen zu können, braucht es schon eine sehr gefärbte Brille …

        Alles weitere steht in den ersten Absätzen dieses Blog-Eintrags …

      • Rayson sagt:

        Schluss mit der Verniedlichung! Die FAZ bzw. Greser & Lenz haben „Jehova“ gesagt. Und Weibsvolk wie stefanolix hat sich da rauszuhalten.

      • stefanolix sagt:

        Interessant war ja, mit welchen Methoden diese Berufsempörten die Online-Mitarbeiterin der F.A.Z. (übrigens eine kultivierte und kluge Bloggerin) behandelt haben, nur weil sie es wagte, ihre eigene Interpretation der Angelegenheit auf Twitter darzustellen.

        Mit etwas Distanz betrachtet war es allerdings nur ein Sturm im Wasserglas, verursacht durch ein oder zwei Dutzend unangenehm laute Personen. Es sind immer die selben Leute, die aus solchen Pseudo-Skandalen einen Bedeutungsgewinn ziehen wollen.

  3. Frank sagt:

    Dass in diese Karikatur Rassismus hineingedeutet wird, lässt sich für mich nur damit erklären, dass anscheinend zu große Teile der Menschheit übersensibel und humorlos geworden sind. Warum regen sich eigentlich alle über das Medium (FAZ) auf und nicht über die Urheber der Karikatur, Greser & Lenz? Die müssten doch logischerweise mindestens ebenso rassistisch sein wie die FAZ.

    Die notorischen Rassisten G&L arbeiten seit Jahrzehnten auch für die Titanic – und wäre die Karikatur dort erschienen, hätte – jede Wette – kein Hahn danach gekräht. Das zeigt eigentlich nur die mangelnde Medien- und Humorkompetenz der erregten Twitterer.

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