Die Wahrnehmung der Margot Käßmann

Margot Käßmann ist Herausgeberin des Magazins Chrismon und Botschafterin des Jubiläums der Reformation im Jahr 2017. Ihre Kolumne vom August 2014 erschien unter der Überschrift »Wenn Bildung Sünde ist«.

Zu Beginn bringt sie mehrere Beispiele für die Auswirkungen des religiösen Fundamentalismus. Das erste Beispiel ist: Islamisten rücken auf Bagdad vor. Das ist grob verharmlosend: Die ISIS-Terroristen rücken nicht nur vor oder zurück. Sie morden, vertreiben und foltern, sie versklaven Menschen, sie zerstören Kulturgut.

Margot Käßmanns Schlussfolgerung aus dem »Vorrücken« der ISIS und einigen anderen Beispielen für religiösen Fundamentalismus? Das seien

Schlagzeilen, die die Vermutung nahelegen: Religiöser Fundamentalismus greift um sich. Das ist beängstigend. Denn in ihrer fundamentalistischen Spielart befeuert Religion ethnische und politische Konflikte – oder wird zur Rechtfertigung autoritärer Macht missbraucht.


Diese Schlussfolgerung ist genauso verharmlosend wie die Wendung vom »Vorrücken auf Bagdad«. Es geht eben nicht um das Befeuern von Konflikten. Der religiöse Fundamentalismus ist die Ursache der Konflikte und autoritäre Machtausübung ist die Grundvoraussetzung für religiösen Fundamentalismus.


Dann erinnert sich Margot Käßmann an ihre Rolle als Reformationsbotschafterin und behauptet:

Schon die Reformatoren wollten Bildung für alle, damit Menschen selbst lesen, frei denken, eigenständig fragen können.

Auch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Natürlich war die Bibelübersetzung ein großer Fortschritt: Es konnten sich auch Menschen mit der Bibel befassen, die kein Latein und kein Griechisch beherrschten.

Aber an den Religionskriegen nach der Reformation waren beide Seiten beteiligt und es ist nicht zu erkennen, dass eine Seite aufklärerischer oder gebildeter gekämpft hat.

Der Reformator Martin Luther hat mit »Argumenten« gegen die Juden gehetzt, die mit Aufklärung oder Bildung nun wirklich nichts zu tun hatten. Von seiner Schrift gegen die Befreiungsbewegung der Bauern gar nicht zu reden.

Hexen wurden nach der Reformation auch in protestantischen Gebieten verbrannt – in einigen Gebieten sogar intensiver als unter katholischer Herrschaft. Im Zuge der Bilderstürmerei wurden wertvolle Kulturgüter für immer vernichtet.

Die Rolle der Reformatoren war also eine durchaus zwiespältige und der Beitrag der Reformation zu Bildung und Aufklärung ist äußerst differenziert zu betrachten.


Nicht nur die ISIS hat bei Margot Käßmann einen Anspruch auf Verharmlosung, auch die nigerianische Terrororganisation Boko Harum. Mit der Zwischenüberschrift

Bildung: auch für Mädchen der Ausweg aus Armut und Elend

sind die folgenden Überlegungen verbunden:

Die nigerianische Terrortruppe, die derzeit Angst und Schrecken verbreitet und es heldenhaft findet, junge Mädchen zu entführen, hat nicht umsonst den Namen »Boko Haram«, was so viel bedeuten soll ­wie »westliche Bildung ist Sünde«.

Diese Terrorgruppe verbreitet nicht nur Angst und Schrecken. Wenn sie in Schulen eindringt, ermordet sie die Schüler und entführt die Schülerinnen. Der Mord an den Jungen kommt bei Margot Käßmann gar nicht vor. Stattdessen reitet sie ihr Steckenpferd:

Wahrscheinlich meinen diese brutalen Schlächter vor allem: »Weibliche Bildung ist Sünde.« Bildung bedeutet Freiheit. Und Bildung bedeutet auch für Mädchen den Ausweg aus Armut und Elend.

Nein, das meinen die Terroristen eben nicht! Sie bestrafen die männlichen Schüler für ihre Anwesenheit in der Schule mit dem Tod, weil sie die Bildung von Jungen für gefährlicher halten. In dem Schema dieser Fundamentalisten ist ein Mädchen viel weniger wert als ein Junge.

Die entführten Mädchen haben vielleicht noch eine Chance auf Befreiung aus der Geiselhaft und Sklaverei. Die ermordeten Jungen haben nie wieder eine Chance.


Auch in ihrem Fazit bleibt Margot Käßmann im Irrtum:

Religion darf sich nicht missbrauchen ­lassen für Machtgelüste, Gewaltorgien oder bewaffnete Konflikte. Dafür gilt es, klar einzutreten. Religion darf sich nie und nimmer verführen lassen, Öl ins Feuer politischer und sozialer Konflikte zu gießen.

ISIS und Boko Harum sind kein Zeichen für den Missbrauch von Religion. Dort hat sich nicht die Religion »verführen lassen«. Von wem denn? Dort ist die Religion ins Extremistische gewachsen und hat Menschen in ihren Bann gezogen, die dann zu Verbrechen fähig wurden.

Deshalb hilft gegen Boko Harum in Nigeria auch keine Bildung allein. Zivilisation und Bildung müssen zuerst mit Waffengewalt abgesichert werden. Danach müssen sie eine wirtschaftliche Basis bekommen – und das kann nur die Marktwirtschaft im Rahmen eines demokratischen, wehrhaften Rechtsstaats sein.


Link: Kolumne von Margot Käßmann in der Zeitschrift Chrismon.


27 Antworten zu Die Wahrnehmung der Margot Käßmann

  1. Jim sagt:

    Im Moment gibt es diesen Beitrag auf faz.net.
    Die Schlußfolgerungen die der Autor nur andeutet werden dann in den Leserkommentaren gezogen: alle Religion sei von Übel und radikale Christen glichen in ihren Methoden radikalen Islamisten.
    Offensichtlich haben die Gutmenschen Angst, dass ihr Weltbild vom bösen Westen durch islamischen Terror Kratzer bekommt und wollen das gleich mal relativieren.

  2. Ähnlichen Stuß hat Frau Käßmann im Spiegel losgelassen. Wir sollten diese seltsamen Pazifisten alle mal in diese Krisengebiete schicken, um dort ihre seltsame Philosophie an der Realität zu messen.

    Beten mit den Taliban? Dann ab ins Kalifat und mit den Leuten von der IS beten. Mal sehen, was diese Leute dann mit ihr anstellen. http://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2014/08/16/margot-kasmann-beten-mit-den-taliban/

  3. torsten sagt:

    Mmm… für mich wirken dieser Artikel und Teile der Kommentare auf den ersten Blick fanatisch.* Angesichts so viel selbstbewussten Richtigwissens („Dort hat sich nicht die Religion »verführen lassen«. … Dort ist die Religion ins Extremistische gewachsen“ oder: „Beten mit den Taliban? Dann ab ins Kalifat und mit den Leuten von der IS beten.“ und „die Gutmenschen“) vermute ich, hier genauso gut diskutieren zu können, wie mit IS(IS).

    Aber vielleicht entsteht die Grenze zwischen „dem Eigenen“ und „dem Anderen“ immer nur dann, wenn weder Zeit noch Können für Zögern und einen Verständigungsprozess vorhanden sind?

    *) „Fanatismus im engeren Sinn ist durch das unbedingte Fürwahrhalten der betreffenden Vorstellung und meistens durch Intoleranz gegenüber jeder abweichenden Meinung gekennzeichnet. Der Fanatiker will häufig andere von seinen Ansichten überzeugen („missionarischer Eifer“), lässt jedoch seinerseits keinerlei Zweifel an der Richtigkeit und dem besonderen Wert seiner Überzeugungen zu.“

    • stefanolix sagt:

      Was genau ist an meinem Artikel fanatisch? Fanatisch bedeutet: Jemand lässt den Verstand fahren und handelt nur noch gemäß einer Ideologie oder Religion. Ich sehe bei mir allerdings keine Ideologie am Werke, keinen religiösen Fundamentalismus und erst recht keinen Mangel an Verstand ;-)

      Es sollte (hoffentlich) klar sein, dass nicht jedes Festhalten an Grundüberzeugungen Fanatismus bedeutet. Es kommt erstens auf die Art der Überzeugungen und zweitens auf die Art ihrer Durchsetzung an.

      Zwischen fanatischen Gruppen wie ISIS/IS und einem demokratischen Rechtsstaat kann es keinen Kompromiss und keinen Verständigungsprozess geben. IS/ISIS steht für schreckliche Verbrechen im Namen der ins Extrem getriebenen Religion. Entweder sie kommen zur Vernunft und kehren zu einer friedlichen Lebensweise zurück, was ihnen ja freisteht – oder sie müssen bekämpft und unschädlich gemacht werden.

      • torsten sagt:

        Ich hatte oben eine Wikipedia-Definition von Fanatismus, die ich für eine allgemeingültige hielt, aufgeführt. Im Rahmen dieser würden viele Ihrer obigen Aussagen als fanatisch gelten.

        Da Sie hier nun aber eine eigene Definition von Fanatismus aufstellen, bewahrheitet sich meine Vermutung, dass ich eine Diskussion hier genauso gut führen kann, wie mit der IS(IS).

        „Es sollte (hoffentlich) klar sein, dass nicht jedes Festhalten an Grundüberzeugungen Fanatismus bedeutet“. – Laut Wikipedia und laut meiner Vorstellung von Fanatismus wäre genau dieses ‚jedes Festhalten‘ an Grundüberzeugungen Fanatismus. Aber Wikipedia und ich, wir können irren, sogar sehr wahrscheinlich.

        „Entweder sie [IS/ISIS] kommen zur Vernunft und kehren zu einer friedlichen Lebensweise zurück, was ihnen ja freisteht – oder sie müssen bekämpft und unschädlich gemacht werden. – Wenn Sie alle Folgen, die das für Sie als Bekämpfer und Unschädlich-Macher und Ihre Umwelt hat, in Kauf nehmen, steht es Ihnen das Bekämpfen und Unschädlich-Machen natürlich frei.

      • Gutartiges Geschwulst sagt:

        @torsten:
        „Da Sie hier nun aber eine eigene Definition von Fanatismus aufstellen, bewahrheitet sich meine Vermutung, dass ich eine Diskussion hier genauso gut führen kann, wie mit der IS(IS).“

        Sind Sie sicher, dass die IS/ISIS mit Ihnen diskutieren würde?

      • stefanolix sagt:

        Zum Begriff des Fanatismus: In der Tat ist die Wikipedia-Definition in meinen Augen unbrauchbar, weil sie wie Gummi dehnbar ist.

        Aber die Beispiele sind sehr gut brauchbar. Könntest Du mal bitte hier klicken? Die Beispiele beschreiben mein Bild des Fanatismus ganz gut:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Fanatismus#Fanatismus_und_Bildung_von_Gruppierungen_bzw._Massenbewegungen


        Außerdem wird im Artikel auch Victor Klemperer erwähnt. Das Zitat im Zusammenhang wollte ich Dir gestern schon posten:

        Berühmt ist der Abschnitt, in dem er die Umwertung des ursprünglich im 18. Jahrhundert auf religiöse Eiferer bezogenen Wortes „fanatisch“ beschreibt: „Fanatique oder fanatisme sind Wörter, die von den französischen Aufklärern durchweg im äußersten Tadelsinn (…) angewandt werden.“ Doch bei den Nazis wird „fanatisch“ zu einem positiven Attribut. Während der gesamten Ära des Dritten Reiches, so Klemperer, sei es „superlativisch anerkennendes Beiwort“ gewesen: „Es bedeutet die Übersteigerung der Begriffe tapfer, hingebungsvoll, beharrlich, genauer: eine glorios verschmelzende Gesamtaussage all dieser Tugenden (…).“

        Quelle: http://www.fluter.de/de/sprachen/heft/9551/


        Für die ISIS/IS trifft genau die selbe Art des Fanatismus zu, wie sie Klemperer anhand der Nazis beschrieben hat. Sie kämpfen, morden, foltern, versklaven immer fanatisch. In dieser Hinsicht ähneln sie den Nazis.

        Gegen die Nazis kämpften im II. Weltkrieg die West-Alliierten aus einer vernünftigen und gerade nicht fanatischen Grundeinstellung heraus. Der Sinn war: Demokratie, Menschenrechte und Freiheit zu schützen. Und genauso muss es heute wieder geschehen. Sonst werden nicht nur im Irak und in Syrien Fanatiker herrschen, sondern sie werden auch Israel mit allen Juden vernichten und sämtliche Ansätze von Demokratie in der gesamten Region zerstören.


      • torsten sagt:

        Auch wenn es vielleicht nur ein Nebenschauplatz ist: Viktor Klemperer bezieht sich in seiner Arbeit auf die Verwendung des Wortes „fanatisch“ und den dabei von ihm beobachteten Bedeutungswandel dieses Wortes während der Zeit des Nationalsozialismus. Keineswegs interessiert ihn dabei eine tatsächlich oder vermeintlich objektiver Fanatismus. Ein Verweis auf ISIS wäre daher m.E. nur angebracht, wenn ISIS mit dem Begriff „fanatisch“ ähnliche semantische Manöver durchführten, wie die Nazis. – Nur weil ISIS Deiner Meinung nach fanatisch ist, hat das nichts mit Klemperers Beobachtung zu tun.

      • Gutartiges Geschwulst sagt:

        @torsten: „Mmm… für mich wirken dieser Artikel und Teile der Kommentare auf den ersten Blick fanatisch.“
        @torsten: „Nur weil ISIS Deiner Meinung nach fanatisch ist, …“

        Deiner Meinung nach? Ist ISIS nach Ihrer Meinung nicht fanatisch, während „Artikel und Teile der Kommentare“ auf Sie fanatisch wirken?
        Verzeihen Sie, @torsten, aber was immer mich von Ihnen unterscheidet, bin ich herzlich gern – sei es ein Fanatiker.

    • Da fühle ich mich nur bedingt angesprochen. Denn mit Fanatikern wie dem IS und seinen Anhängern kann man nicht diskutieren. Mit verblendeten Ideologen, die ihre Wahrheit für die einzig wahre halten und die harte Realität um sich ignorieren, ebenfalls nicht.

      Wir leben in einer Zeit, in der sehr häufig Ansichten und Standpunkte stur verteidigt werden, ohne, daß sachlichen Argumenten überhaupt Gehör geschenkt wird.

      Warum soll ich da tolerant sein? Soll dann der Klügere nachgeben … so lange, bis er der Dumme ist? Im Falle der IS kann man da schnell das Leben verlieren. Das beweisen diese irren Mörder jeden Tag. Wenn ich dann von Käßmann lese, daß sie mit genau solchen Leuten beten will oder auf argumentative Verständigung hofft, dann kann ich nur annehmen, daß Frau Käßmann ein etwas verdrehtes Bild von der Realität hat.

      Meine Meinung ist keine absolute Wahrheit. Aber sie ist begründet. Wenn mir jemand mit sauberen Argumenten kommt, dann bin ich gerne bereit meine Meinung zu ändern – oder aber die Meinung meines Gegenübers stehen zu lassen. Man muß nicht auf biegen und brechen eine Übereinkunft oder einen faulen Kompromiss finden.

      • torsten sagt:

        „Da fühle ich mich nur bedingt angesprochen. Denn mit Fanatikern wie dem IS und seinen Anhängern kann man nicht diskutieren. Mit verblendeten Ideologen, die ihre Wahrheit für die einzig wahre halten und die harte Realität um sich ignorieren, ebenfalls nicht.“

        Sie habe ich mit fanatisch auch nicht gemeint. Das wäre in Ihrem tatsächlich nicht der rechte Ausdruck.

        Vielleicht interessiert es Sie ja, dass das Wort „Gutmensch“ in den letzten 15 Jahren einen ähnlichen Bedeutungswandel vollführt hat, wie das Wort „fanatisch“ in den 12 Jahren des Nationalsozialismus. – Stefanolinux‘ Verweis auf Viktor Klemperer hat mich drauf gebracht – Während die Nazis das Wort „fanatisch“ nun aber entgegen seiner ursprünglich pejorativen Bedeutung affirmativ verwendeten, hat der Begriff „Gutmensch“ den gerade umgekehrten Bedeutungswandel ‚erlitten‘: Ursprünglich als besonders sensibel und besorgt um das Gemeinwohl anerkannt, wird der „Gutmensch“ nun zunehmend als realitätsferner Spinner verhöhnt.
        Quelle: http://www.gfds.de/index.php?id=112

        Das Duisburger Institut für Sprachforschung (zweifellos eine üble Gutmenschenbude) meint dazu: „Der Begriff „Gutmensch“ ist in der politischen Rede mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem politische Gegner und Andersdenkende diffamiert und abqualifiziert werden sollen. Allerdings findet diese Diffamierung in der Regel nur von Seiten konservativer bis hin zu extrem rechter Personen statt und richtet sich gegen diejenigen, die sich für ein friedlich-schiedliches Miteinander unterschiedlicher Personengruppen einsetzen.“

        http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/

      • stefanolix sagt:

        Das ist schon sehr interessant und der Gutmensch wäre eine tiefergehende Diskussion wert, aber es führt doch sehr schnell von unserem Thema weg.

        Ich würde wirklich gern Argumente hören, warum mein Artikel in irgend einem Sinn »fanatisch« sein soll. Ich habe oben Beispiele für realen Fanatismus aufgeführt: Nazis und ISIS. Ich habe die Beispiele aus dem Wikipedia-Artikel verlinkt. Und ich bin ganz sicher, dass ich mit denen nichts zu tun habe. Weder in meinen Ausführungen noch in den von mir vorgeschlagenen Konsequenzen. Die Kräfte des Widerstands gegen ISIS müssen gestärkt werden, sonst droht eine sehr große Gefahr (habe ich auch oben beschrieben).

      • torsten sagt:

        Ich könnte mich wiederholen und erneut argumentieren, dass der Grundtenor Ihres Artikels, der in der Aussage gipfelt „“Deshalb hilft gegen Boko Harum in Nigeria auch keine Bildung allein. Zivilisation und Bildung müssen zuerst mit Waffengewalt abgesichert werden. Danach müssen sie eine wirtschaftliche Basis bekommen – und das kann nur die Marktwirtschaft im Rahmen eines demokratischen, wehrhaften Rechtsstaats sein. ” laut deutsch- und englischsprachiger Wikipedia-Definition alle Merkmale von „Fanatismus“ aufweist. (Wenn ich diesem einen Namen geben müsste, würde ich ihn auf die Schnelle vielleicht als Markt-Fanatismus bezeichnen.)

        Meine Argumentation und die zu Grund liegende Definition haben Sie allerdings bereits als „unbrauchbar“ beiseite gewischt, und Ihre eigene, selbstimmunisierte These zum „Fanatismus“ als die hier gültige ins Spiel gebracht. (Was m.E. als weiteres Anzeichen für Fanatismus ausgelegt werden könnte.)
        Angesichts dessen könnte ich nun „einen Gang höher schalten“, philosophisch werden, Ihnen Voltaires Ausarbeitungen zum Begriff „Fanatismus“ vorlegen und Sie darauf hinweisen, wie gut dessen Vorstellungen von Fanatismus doch auf Ihre Sätze zutreffen.

        Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich mich wirklich wiederholen möchte. Und „einen Gang höher schalten“, mm…nee schein auch kein Schritt in die richtige Richtung.

        Sie haben also vermutlich Recht: Sie sind wahrscheinlich ein wohlwollender, um die Zukunft besorgter, vernunftgeleiteter Demokrat, für den die Freiheit – auch die Freiheit des Wortes – das (beinahe) höchste Gut auf der Welt ist. (Da Sie anonym sind, was ich gut finde, kenne ich Sie ja nicht und kann das alles nur vermuten.)
        IS(IS) dagegen sind ganz klar, übellaunige, rückwärts gewandte, fanatische Unter-Menschen, für die Allah das (beinahe) höchste Gut der Welt ist. (Da in den Medien so viel über IS(IS) steht, wissen wir uns ganz genau über die Bescheid.)

        Ist es daher also möglicherweise genau so, wie Sie es oben bereits vorgestern schrieben? Sie und IS(IS) – das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Es gibt keinerlei Gemeinsamkeiten.

        Dann wäre Ihre vernünftige Forderung auch völlig richtig, den fanatischen IS(IS)-Terror sofort mit Waffengewalt zu bekämpfen? Im Namen der Vernunft? Im Namen der Freiheit? Im Namen Allahs?

      • stefanolix sagt:

        Tatsache ist: Im Rahmen dieser sehr weit gehenden Sätze aus der Wikipedia kann man grundsätzlich viele fest vetretene Grundüberzeugungen als Fanatismus bezeichnen.

        Zum Fanatismus gehört aber untrennbar das Nichtgeltenlassen aller Überzeugungen, die nicht mit der des Fanatikers übereinstimmen. Wenn ich also für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft eintrete, kann ich kein Fanatiker sein.

        Die offene Gesellschaft lässt moderate Religionsausübung, Atheismus, Agnostizismus und viele andere Weltanschaungen gelten. Die ISIS vernichtet alle Menschen, die nicht mit ihrer extremistischen Vorstellung von Religion übereinstimmen. Es ist für mich klar, wer hier die Fanatiker sind.


        Ein Denkanstoß war interessant. Das Gegenteil von »selbstimmunisierend« scheint wohl zu sein, andere Menschen unbedingt als »infiziert« betrachten zu müssen ;-)

        Ich werde auf dem nächsten langen Trainingslauf darüber nachdenken. Ganz frei bin ich sicher von beidem nicht.


        Die ISIS muss im Rahmen des selben Wertesystems bekämpft werden, mit dem die Westalliierten damals gegen Hitler gekämpft haben. Das steht für mich außer Frage. Und natürlich wird das nur mit Waffengewalt möglich sein. Wie will man solche Verbrecher denn sonst stoppen?


  4. torsten sagt:

    @ Gutartiges Geschwulst:

    „Ist ISIS nach Ihrer Meinung nicht fanatisch, während “Artikel und Teile der Kommentare” auf Sie fanatisch wirken?“
    – Zum Verhältnis von IS(IS) und Fanatismus habe ich mich bisher nicht geäußert, ich halte das auch nicht für hilfreich.

    „Verzeihen Sie, @torsten, aber was immer mich von Ihnen unterscheidet, bin ich herzlich gern – sei es ein Fanatiker.“
    – Ich sagte es ja bereits, dieser Blog ist ein Tummelplatz für Fanatiker.

  5. Rayson sagt:

    laut deutsch- und englischsprachiger Wikipedia-Definition alle Merkmale von “Fanatismus” aufweist.

    Kann ich nicht nachvollziehen. Eine klare Meinung und eine klare Präferenz zu artikulieren, hat nichts mit Fanatismus zu tun – dazu braucht es noch emotionale Merkmale, die stefanolix allgemein und auch hier fremd sind.

    Unter-Menschen

    Stefanolix diese Begrifflichkeit zu unterstellen, ist allerdings nicht fanatisch. Das ist nur ganz, ganz mieser Stil.

    • stefanolix sagt:

      Es ist jetzt spekulativ, weil man nicht weiß, wie sich die Konflikte entwickeln werden. Aber natürlich haben gefangengenommene ISIS-Terroristen Grundrechte und natürlich müssen sie (wie auch eventuelle Aussteiger) die Chance auf Resozialisierung bekommen. Aber solange sie weitermorden, werden sie wohl nur mit Waffengewalt gestoppt werden können.

      Wir hatten vor vielen Jahren die Diskussionen über die Todesstrafe für Saddam Hussein. Ich habe auch Saddam Hussein nicht als Untermenschen angesehen und war selbst in seinem Fall gegen die Todesstrafe.

    • Gutartiges Geschwulst sagt:

      @Rayson sagt: „Stefanolix diese Begrifflichkeit zu unterstellen, ist allerdings nicht fanatisch. Das ist nur ganz, ganz mieser Stil.“

      Was haben Sie erwartet, Rayson?
      Wer sich mit einem solchen Satz einführt, interessiert sich nicht für ehrlichen Meinungsaustausch:
      „Mmm… für mich wirken dieser Artikel und Teile der Kommentare auf den ersten Blick fanatisch.“
      Thorstens Ansichten stehen für immer, wie die Wacht am Rhein – selbst für Diskussionen, die erst in zwanzig Jahren stattfinden.

  6. torsten sagt:

    „Zum Fanatismus gehört aber untrennbar das Nichtgeltenlassen aller Überzeugungen, die nicht mit der des Fanatikers übereinstimmen. Wenn ich also für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft eintrete, kann ich kein Fanatiker sein. „

    Ich verstehe den Gedanken (glaube ich jedenfalls). Auf die Gefahr hin, fanatisch zu wirken, würde ich sagen, dass Sie gerade Dank der Logik dieses Gedankens ein Fanatiker sein können/sind. Wenn Sie nämlich die Begriffe ‚offen‘, ‚pluralistisch‘ und ‚demokratisch‘ dazu nutzen, um andere, von Ihnen als ‚fanatisch‘, ‚terroristisch‘ oder ‚fundamentalistisch‘, kurz: als ‚unakzeptabel‘ wahrgenommene und gekennzeichnete Vorstellungen von Gesellschaft zu unterdrücken, sind sie (laut Ihrer eigenen Definition) jemand, der die Überzeugungen nicht gelten lässt, die mit Ihrer Überzeugung nicht übereinstimmt. Ich will hier keine Haarspalterei betreiben, Ihnen auch keine Worte im Mund herumdrehen. Ich ringe selber um Fassung.

    Für mich wirkt also Ihre Vorstellung vom Umgang mit den Überzeugungen der IS(IS) so, als würden Sie genau dann Überzeugungen nicht gelten lassen, wenn diese nicht mit Ihren Werten einer demokratischen, offenen, pluralistischen Gesellschaft d’accord sind. Sie gehen aber scheinbar noch weiter; Sie wollen IS(IS) nicht nur auf demokratische, offene und pluralistische Art und Weise nicht-geltenlassen, sondern rufen zu deren körperlicher Vernichtung auf. Indem Sie (und auch Andere) zur Waffengewalt auffordern, werfen Sie die nach demokratischen, offenen und pluralistischen Prinzipien wirkenden Herrschaftsformen bei Seite, und bedienen sich der Werkzeuge derer, gegen deren Werte zu sein Sie vorgeben. Spannend. Aber ich frage mich auch, ob Sie sich damit nicht auf das Niveau derjenigen hinabgegeben, die Sie dort mit ihrer Erfahrung schlagen werden. Und: für mich wirkt es auch ein bisschen so, als würde man auf den eigenen demokratischen, offenen, pluralistischen Werten herumtrampeln. Auch darin sehe ich eine Parallele zu IS(IS): Deren Mitglieder haben kein Vertrauen in die Macht Ihrer Werte und müssen diese Werte daher mit zu erkämpfen versuchen. Wir haben kein Vertrauen in die Macht unserer Werte und müssen daher zu den Waffen greifen.

    Vielleicht sind Worte wie „fanatisch“, „demokratisch“ und „offen“ aber auch einfach viel zu groß gewählt und wir verstehen uns miß-. Vielleicht liegt das daran, dass wir mit diesen Worten zu ungenau aneinander vorbeireden müssen. Diese Worte bedeuten m.E. eigentlich auch nicht viel. ‚Demokratie‘, mein Gott, wer hat sich und Andere nicht alles schon als ‚demokratisch‘ bezeichnet und wurde dafür von Anderen oder zu anderen Zeiten verlacht. Wer sagt mir, dass die jetzige Demokratie in 15 Jahren nicht als fehlerhaft, geheuchelt oder primitiv verhöhnt wird?

    BTW. Den Unter-Menschen wollte ich nicht Ihnen in den Mund legen. M.E. gibt das mein Kommentar auch nicht her. Falls doch, tut mir die missverständliche Formulierung leid. Der Unter-Mensch ist in meinem Mund gut genug aufgehoben.

    Nun will ich hier nicht länger die Stimmung versauen.

    • stefanolix sagt:

      @Torsten: Ich bin seit dem 08. Oktober 1989 in Dresden auf die Straße gegangen, um für Demokratie und Freiheit zu demonstrieren – bis das DDR-Regime gestürzt war. Mir hat der Herbst 1989 gezeigt, dass sich der Kampf für Freiheit und Menschenrechte lohnen kann. Wir waren aber damals keine Fanatiker und ich bin bis heute keiner.

      Vielleicht fehlt Ihnen diese Erfahrung. Soweit ich es in Erinnerung habe, konnten Sie frei Soziologie (oder Sozialarbeit ?) studieren und haben eine Master-Arbeit über die Volksküchen in der Dresdner Neustadt geschrieben. Vor der Wende wäre beides nicht möglich gewesen – weder das freie Studium noch die freie Wahl des Forschungsthemas.

      Jetzt nennen Sie mich meinetwegen fanatisch, wenn ich vehement dafür eintrete, dass es für meine und Ihre Kinder bei einer möglichst großen Freiheit bleibt.


      Im Vergleich mit dem Terror-Regime des IS war die DDR vergleichsweise harmlos. So viele Menschen, wie zwischen 1961 und 1989 an der innerdeutschen Grenze ermordet wurden, ermordet IS in einer Woche. Und damit meine ich nicht die Toten aus Kriegshandlungen, sondern die Wehrlosen. Die Gefangenen, die Kinder, die Frauen – die einfach nur das Pech haben, zur falschen Volksgruppe oder zur falschen Religion oder gar »nur« zum moderaten Islam zu gehören.

      Gibt Ihnen das nicht zu denken? Sie nennen *mich* einen Fanatiker, aber Sie möchten nicht mal darüber nachdenken, ob IS auch Fanatiker sind?


      Ich bin Ingenieur und ich schaue deshalb immer bevorzugt auf das Ergebnis eines Prozesses. Die freiheitliche Gesellschaft lässt (wie oben gesagt) einen fast unendlichen Raum für friedlich gelebte Weltanschauungen. Sie hat aber Feinde. Zu den schlimmsten Feinden gehören fanatische Links-, Rechts- und Religionsextremisten. Würde eine dieser drei Gruppen ihre politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen durchsetzen, lebten wir in einemso üblen totalitären Regime, das wir uns alle nicht vorstellen wollen.

      Deshalb ist gegenüber den Feinden der offenen und freien Gesellschaft keine Toleranz möglich. Wenn diese Aussage aus mir in Ihren Augen einen Fanatiker macht, dann trage ich es mit Würde ;-)

      • torsten sagt:

        „Gibt Ihnen das nicht zu denken? Sie nennen *mich* einen Fanatiker, aber Sie möchten nicht mal darüber nachdenken, ob IS auch Fanatiker sind?“

        Ob IS(IS) Fanatiker sind, da muss ich ja gar nicht mehr drüber nachdenken – ich bräuchte es nur Allen nach zu plappern; es steht doch schon überall geschrieben. Und das sieht für mich dann eher nach Widerkäuen als nach Denken aus. Aber vielleicht bin ich einfach zu anspruchsvoll mir selbst gegenüber.

        Wenn diese Aussage aus mir in Ihren Augen einen Fanatiker macht, dann trage ich es mit Würde ;-)
        – Von Ihnen könnte sich so mancher Fanatiker noch eine Scheibe abschneiden ;)

  7. Gutartiges Geschwulst sagt:

    @torsten: „Ob IS(IS) Fanatiker sind, da muss ich ja gar nicht mehr drüber nachdenken – ich bräuchte es nur Allen nach zu plappern; es steht doch schon überall geschrieben. Und das sieht für mich dann eher nach Widerkäuen als nach Denken aus.“

    Freies Denken orientiert sich ausschließlich am Sachverhalt, torsten. Wenn sich Ihre Meinung danach ausrichtet, ob diese oft oder selten nachgeplappert wird, sind Sie vom eigenständigen Denken weit entfernt.

    @torsten: „Aber vielleicht bin ich einfach zu anspruchsvoll mir selbst gegenüber.“

    Diese Sorge ist sicherlich unbegründet.

    • torsten sagt:

      @ Gutartiges Geschwulst:

      „Wenn sich Ihre Meinung danach ausrichtet, ob diese oft oder selten nachgeplappert wird, … “

      Da haben Sie nicht richtig gelesen. Ich schrieb, dass ich das Reproduzieren verbreiteter Gedanken nicht besonders reizvoll finde. Wie oft oder selten meine Meinung weitergetragen wird, ist mir da erstmal egal.

      Aber gut, dass sie sich mit Denken auskennen, wenn Sie es schon nicht so mit dem Lesen haben.

      • stefanolix sagt:

        Gerade berichtet der Deutschlandfunk über die Einschätzung der ISIS durch Amnesty International. Nur eine nicht-fanatische Empfehlung …

      • Gutartiges Geschwulst sagt:

        Gibt es zufällig einen Amnesty-Bericht über Sie, Stefanolix, damit wir einen neutralen Vergleich ziehen können?

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