Militärausgaben

Gerade macht eine dem Anschein nach plausible Gegenüberstellung von zwei Zahlen die Runde:

Die Russen sind gefährlich, sie geben 0,09 x so viel für Rüstung aus wie wir, also 88 Mrd., wir dagegen nur 945 Mrd.

schreibt zum Beispiel @jottes via Twitter. Er bezieht sich dabei auf das neue politische Fachmagazin „Die Anstalt“, das ja mit seiner Reichweite und Glaubwürdigkeit für so manchen Twitterer alle politischen Sendungen verdrängt hat.


Warum ist der Vergleich dieser beiden Zahlen populistischer Unsinn?

  1. Die Kaufkraft von 88 Milliarden Dollar ist in Russland viel höher als in der Bundesrepublik oder in den USA. Waffensysteme werden in Russland aufgrund der Einkommensstruktur erstens kostengünstiger entwickelt und produziert; zweitens aus anderen Quellen quersubventioniert.
  2. Beide Zahlen sind offizielle Haushaltszahlen. In Russland (und auch in China) gibt es aber Schattenhaushalte für die Rüstungsausgaben. Das ist in der Bundesrepublik gar nicht möglich, in anderen NATO-Staaten wohl auch eher unwahrscheinlich.
  3. In der russischen Armee zählt ein Soldatenleben bis heute nahezu nichts. Russische Rekruten leben in primitivsten Verhältnissen. Die Pro-Kopf-Aufwendungen der russischen Armee für Kasernen und Sozialleistungen dürften im Vergleich mit der Bundeswehr oder der US-Streitkräfte zu vernachlässigen sein. Gleiches gilt für die Pensions-Ausgaben.
  4. Westliche Armeen wie die Bundeswehr oder die US-Streitkräfte leisten sich eine ausgedehnte und teure Bürokratie. Die russische Armee hat sicher auch Bürokraten, aber sie kosten viel weniger als im Westen und sie können anders budgetiert werden.
  5. [Ergänzung mit Dank an @hellboyvienna]: Die Arbeitsbedingungen in der russischen Rüstungsindustrie sind nicht mit unseren Arbeitsbedingungen zu vergleichen, somit wird die Technik günstiger zu beschaffen sein.
  6. [Ergänzung mit Dank an Wehrwolf]: Russland hat eine Wehrpflichtarmee. Damit stehen zehntausende junge Männer quasi kostenlos für den Dienst an der Waffe bereit. Wikipedia weiß: Der Dienst als Wehrpflichtiger in den russischen Streitkräften gilt als schwer erträglich bis lebensgefährlich und wird deshalb nach Möglichkeit, auch mithilfe von Korruption, umgangen. Auch dieser Aspekt sollte zur Differenzierung anregen.

Faustregel: Wann immer Euch jemand in den [öffentlich-rechtlichen oder privaten] Medien eine oder zwei Zahlen vorgibt, um damit einen komplexen Zusammenhang zu erklären, dann jagt diesen Menschen vom Hof. Entweder macht er Propaganda, oder er will Euch über den Tisch ziehen, oder er weiß es nicht besser.

Über Zahlen, Daten und Fakten würde ich mit solchen Leuten allenfalls dann diskutieren, wenn ich das Gefühl hätte, dass sie lernfähig sind. Diesen Eindruck habe ich bei der sendungsbewussten Schauspielerin aus der „Anstalt“ allerdings nicht.


13 Antworten zu Militärausgaben

  1. Natürlich sind die Zahlen nicht direkt vergleichbar.

    Wer aber behauptet daran könne man nicht wenigstens ablesen dass da ein gewisses Ungleichgewicht bestünde, weil man einen Faktor >10 nicht einfach wegreden kann, der macht sich genauso lächerlich.
    Nein, ein russisches Flugzeug kostet eben nicht ein Zehntel eines amerkanischen, auch bei 1/3 wird es noch verdammt schwer auch nur annähernd vergleichbare Technologie zu bekommen.

    @Schattenhaushalte: ach die Russen haben sowas? Kannst du das belegen? Die Amerikaner nicht? Das kannst du dann auch belegen?

    • Frank sagt:

      So etwas in der Art wollte ich auch gerade schreiben. Und dass es auch in den USA eine Art Schattenhaushalte gibt, ist zumindest bei den amerikanischen Geheimdiensten recht gut belegt. Die CIA (okay, das ist nicht das Militär) hat sich aus allen möglichen illegalen Quellen, bis hin zum Drogenhandel Geld besorgt.

      • stefanolix sagt:

        An den Aktionen der CIA zur Geldbeschaffung besteht kein Zweifel. Aber Geheimdienst CIA ist eben in der Tat nicht gleich Pentagon.

        Der Militärhaushalt in den USA ist parlamentarisch immer sehr umkämpft und demzufolge stehen die Militärausgaben im Licht der Öffentlichkeit. Natürlich kann ich nicht belegen, was das Pentagon /nicht/ tut. Aber ein nennenswerter Schattenhaushalt wäre in einem Land mit so starker parlamentarischer Kontrolle unpausibel.

        In Russland ist das anders. Die Duma ist Putins Abnick-Veranstaltung …

  2. Werwohlf sagt:

    Mit „wir“ war offensichtlich die NATO gemeint. Davon geben die USA den Löwenanteil aus. Aber niemand bestreitet, dass die Amerikaner die führende Militärmacht der Welt sind. Allein schon für ihre logistischen Fähigkeiten müssen sie Unsummen ausgeben.

    Die Höhe der Ausgaben aber, da hast du selbstverständlich völlig Recht, sagt allein nichts über die „Gefährlichkeit“ eines Landes aus. Nordkorea z.B. hat nur ein in absoluten Zahlen gemessen vergleichsweise kleines Militärbudget (ca. 10 Mrd. USD), dürfte aber deutlich gefährlicher für den Weltfrieden sein als z.B. Italien, das mehr als dreimal so viel ausgibt. Über die Angriffslustigkeit eines Landes sagen die Anteile der Militärausgaben am BIP dann schon eher etwas aus – und da kommt Nordkorea dann auf sagenhafte ca. 25%, Italien aber auf lächerliche 1,7%. In dieser Relation gemessen bewegen sich die Ausgaben der USA und Russlands auf gleicher Höhe (ca. 4,5%), während alle übrigen NATO-Staaten einen deutlich geringeren Anteil für Verteidigung verwenden (in der Regel so um die 2% herum). Russland hat allerdings eine deutliche Erhöhung seiner Ausgaben angekündigt…

    Wie relativ solche Zahlen sind, sieht man auch daran, dass Deutschland trotz fast 50 Mrd. USD Verteidigungsetat inzwischen praktisch keine funktionsfähigen Luftstreitkräfte mehr hat.

    Aber noch viel entscheidender als das alles ist der Wille zum militärischen Konflikt. Da nutzen einem noch so viele Milliarden nichts – wenn eine Nation nicht zum Kampf bereit ist, wird sie einem Angreifer unterliegen. Und wenn ein Angreifer sich geschickt genug verhält und seinen potenziellen Gegner nur vor die Wahl stellt, entweder zu kämpfen oder einen zunächst kaum spürbaren Nachteil in Kauf zu nehmen, kann er damit durchkommen.

    Die Opfer solche Konstellationen wären dann Staaten wie Georgien, die Ukraine oder die baltischen Staaten, die allein viel zu schwach gegen die russische Armee sind – und genau deswegen ist Russland gefährlich. Krieg ist die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln – im Vorteil ist, wer dieses Mittel bereit ist anzuwenden.

  3. Werwohlf sagt:

    Ach ja, vergessen: Russland hat eine Wehrpflichtarmee, während die meisten westlichen Staaten inzwischen Berufsarmeen sind. Es hat selbstverständlich deutliche Folgen für die Ausgaben, wenn vorherige Frondienste marktgerecht entlohnt werden müssen.

  4. Gutartiges Geschwulst sagt:

    „Die Russen sind gefährlich, sie geben 0,09 x so viel für Rüstung aus wie wir, also 88 Mrd., wir dagegen nur 945 Mrd.“

    Es ist soweit! Ich bin dement, sonst würde ich folgende Sachverhalte begreifen:
    Die Russen sind also gefährlich, weil sie 88 Mrd. für ihre Rüstung ausgeben, wir dagegen nur 945 Mrd.
    Wieso ist nicht derjenige gefährlich, der die größere Summe in seine Rüstung steckt, und woher bezieht das Wort „nur“ seine Daseinsberechtigung, wenn es für 945 Mrd. steht, gegenüber 88 Mrd.?
    Egal, mein Pfleger wird´s mir schon erklären, spätestens wenn er weitere Mrd. in meinem Kopfkissen findet.

    • Werwohlf sagt:

      Ironie zu erkennen, ist ohne entsprechendes Zeichen nicht immer einfach. Wer die Typen aus „Der Anstalt“ kennt, wird sich sicher sein, dass dort nicht die Russen die Gefährlichen sind, sondern immer nur die Amis und vielleicht noch Israel.

  5. bertrandolf sagt:

    „Das ist in der Bundesrepublik gar nicht möglich, in anderen NATO-Staaten wohl auch eher unwahrscheinlich.“
    In der EU gibts Athena, welcher wohl ein Schattenhaushalt darstellt. Die militärisch-zivile Zusammenarbeit und die Liberalisiserung des militärischen Marktes. Welche dann durchaus wieder auf eine Verschleierung und quersubventionierung rauslaufen.

    „Über die Angriffslustigkeit eines Landes sagen die Anteile der Militärausgaben am BIP dann schon eher etwas aus – und da kommt Nordkorea dann auf sagenhafte ca. 25%, Italien aber auf lächerliche 1,7%. In dieser Relation gemessen bewegen sich die Ausgaben der USA und Russlands auf gleicher Höhe (ca. 4,5%), während alle übrigen NATO-Staaten einen deutlich geringeren Anteil für Verteidigung verwenden (in der Regel so um die 2% herum).“

    Sogar die Relationen sind in keiner Weise aussagekräftig, weil die BIPs nicht vergleichbar sind. Viele Länder haben keine so hohe Arbeitsteilung haben wie wir. Russland und Nordkorea haben zu einem großem Teil eine Subsistenzwirtschaft und die Güter werden auf Langlebigkeit produziert. Im Gegensatz haben wir die geplante Obsoleszenz und hohen Konsum, dadurch ein aufgeblähtes BIP.

    • Werwohlf sagt:

      Selbstverständlich sind die Anteile an den BIPs vergleichbar, denn sie geben recht zuverlässig an, wie groß der Anteil am Erwirtschafteten ist, der in die Rüstung fließt. Dass andere Länder nicht so sehr von den Vorteilen der Arbeitsteilung profitieren wollen oder können, mag einen Teil von deren Armut erklären, ändert aber nichts an dieser. „Geplante Obsoleszenz“ ist übrigens, wenn es sie denn überhaupt gibt, im volkswirtschaftlichen Maßstab irrelevant.

      • stefanolix sagt:

        Obsoleszenz gibt es schon, aber IMHO vorwiegend aufgrund der Nachfrage nach Billigprodukten. Wer z.B. einen Tintenstrahldrucker für 50 Euro haben will, muss damit rechnen, dass (1) einige extrem billige Teile enthalten sind und dass er (2) während der Nutzungszeit massiv draufzahlen wird. Mit einem Laserdrucker in der Größenordnung von 400 Euro hat man diese Probleme nicht. Der druckt klaglos zehntausende Seiten im Jahr für 2 Cent pro Blatt.

      • Werwohlf sagt:

        Obsoleszenz gibt es schon, aber IMHO vorwiegend aufgrund der Nachfrage nach Billigprodukten. Wer z.B. einen Tintenstrahldrucker für 50 Euro haben will, muss damit rechnen, dass (1) einige extrem billige Teile enthalten sind und dass er (2) während der Nutzungszeit massiv draufzahlen wird.

        Das ist aber nicht das, was mit dem Begriff gemeint ist. Und der Gedanke, dass in Russland im Gegensatz dazu z.B. bewusst langlebige Tintenstrahl- oder Laserdrucker hergestellt werden, wäre wirklich originell.

      • stefanolix sagt:

        Die Grünen und die Kritiker der Marktwirtschaft wie bertrandolf unterstellen aber genau aufgrund des o. g. Versagens der Geräte, dass die Industrie /absichtlich/ Obsoleszenz betreibe. – Ich wollte gar nicht soweit vom Thema abkommen. Vielen Dank noch mal für Deine Beiträge zur militärischen Seite. Es wird mir dadurch noch etwas klarer, wie unsinnig die 1:1-Übernahme des Vergleichs der »Anstalt« ist.

  6. Dr.Hasenbein sagt:

    Oh Mann/Frau ey … das is ne Satire Sendung und keine Doktorarbeit…

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