Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (1): Sexismus in der Politik

Das Buch »Weil ein #Aufschrei nicht reicht« ist via Google-Books in Auszügen verfügbar. Ich werde mich mit einigen Aussagen dieses Buchs beschäftigen. Zu Beginn ein Faktencheck zum Thema Sexismus in der Politik. Frau Wizorek schreibt:

Insofern ist eine weibliche Bundeskanzlerin dann zwar eine Errungenschaft,  aber auch ein Problem, weil die noch bestehenden Probleme dahinter verschwinden (oder versteckt werden). Dabei sind ja auch eine Angela Merkel oder eine Ursula von der Leyen nicht vor Sexismus geschützt, wenn sie als »Mutti« oder »Truppenursel« bezeichnet werden. War Gerhard Schröder etwa unser »Papi«? Oder wurde Thomas de Maizière »Kasernen-Thommy« genannt?

[Das Zitat findet sich im Auszug von Google-Books am Ende des Abschnitts 3.]

Was uns die Autorin damit sagen will: Politikerinnen sind Sexismus ausgesetzt. Bei Politikern kann das aufgrund des »strukturellen Problems« Patriarchats nicht vorkommen.


Mir erscheint ja schon auf den ersten Blick nicht logisch, warum das Nennen des Vornamens in Verbindung mit einem politischen Amt oder einer Tätigkeit sexistisch sein soll.

Mir fällt zu Gerhard Schröder sofort der Spitzname »Gas-Gerd« ein, den er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundeskanzlers wegen seiner Verbindung mit dem russischen Gaskonzern angeheftet bekam. Ganz sicher wurden auch andere Politiker so kumpelhaft benannt …


Es gibt aber zwei Personen, an deren Beispiel man Frau Wizorek noch viel besser widerlegen kann.

Helmut Kohl

Helmut Kohl war (zu) viele Jahre Kanzler dieses Landes. Er wurde von vielen Linken und einem großen Teil der Journalisten als »Birne« bezeichnet. Karikaturen mit Kohl in Birnenform waren nicht nur in der »Titanic«, sondern in fast allen überregionalen und regionalen Tageszeitungen zu finden.

Nach den ethisch-moralischen Maßstäben der Autorin Anne Wizorek und ihrer RadFem-Kolleginnen ist das Blamieren eines Menschen aufgrund seiner Figur »Fat Shaming«. Ein ganzes Kapitel ihres Buches ist dem Thema Sexismus und Körperlichkeit gewidmet.

Gegenüber Frauen ist »Fat Shaming« natürlich absolut unzulässig. Wenn aber die Presse eines ganzen Landes über mehr als ein Jahrzehnt die birnenförmige Figur[1] des Kanzlers verspottet, kann Frau Wizorek das problemlos aus ihrer Realität und ihrem Buch ausblenden.


Angela Merkel

Auch wenn es einige Jüngere wundern mag: Angela Merkel war nicht immer Kanzlerin dieses Landes. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als sie Kanzlerkandidatin wurde. Es war die Zeit der ersten erbitterten Diskussionen in Blogs und Foren.

Die Anhänger der Rot-Grünen Koalition merkten damals, dass Angela Merkel ihrem Kanzler Gerhard Schröder gefährlich werden könnte. Plötzlich kam in Blogs und Diskussionforen wie aus dem Nichts die Bezeichnung »das Merkel« auf. Die Anhänger von Linken, Grünen und SPD haben Angela Merkel also als geschlechtsloses Neutrum bezeichnet, um sie so zu diskreditieren. Diese links-rot-grüne Zuschreibung war sexistisch.

Der Titel »Mutti« war dagegen nie sexistisch gemeint. Im Gegenteil: Frau Merkel hat sich diesen Titel erarbeitet, indem sie sich während ihres Aufstiegs mit Geschick durchgesetzt hat. Er war ursprünglich respektvoll gemeint und wird nun allmählich zu einer leeren Monstranz.


Fazit des kurzen Faktenchecks: Frau Wizoreks einseitige Aussagen über den Sexismus in der Politik halten einer Prüfung nicht stand. Sie konstruiert Sexismus, wo keiner ist (Vornamen in Verbindung mit Tätigkeiten). Sie weigert sich, den Sexismus gegenüber Männern zur Kenntnis zu nehmen. Sie ignoriert Sexismus, wenn er aus ihrem »linksprogressiven« Lager kommt.

An anderer Stelle in ihrem Buch behauptet die Autorin, dass nur das Handeln von Frauen mit Hormonen in Verbindung gebracht werde. Dabei ist das Netz voll mit Zitaten, in denen Männern durch Testosteron gesteuertes Verhalten unterstellt wird: Politikern, Führungskräften in der Wirtschaft, Prominenten …

Die Autorin unterliegt einem »selection bias«: Sie blendet alles aus, was ihr nicht ins Bild passt – und wenn schon die Analyse so schwach ist, können die Schlussfolgerungen des Buchs nicht besser sein.


In eigener Sache: Frau Wizorek hat den Autor dieses Artikels auf Twitter öffentlich als aktiven »Hater« diffamiert – ohne ihn zu kennen und ohne jeglichen Beleg. Dazu sind noch zwei kurze Sätze zu sagen: Ich habe nie »hate speech« verwendet und ich werde es nie tun. Das gilt für Tweets, für Artikel in Blogs und für jede andere Meinungsäußerung.


[1] Ich bekam den Hinweis, dass sich »Birne« weniger auf die Figur und mehr auf die Kopf/Hals-Form Helmut Kohls bezog. Am Thema »Fat Shaming« oder »Body Shaming« ändert das aber nichts. Das macht man weder mit Frau Merkel noch mit Herrn Kohl.


11 Antworten zu Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (1): Sexismus in der Politik

  1. Bei Amazon gibt’s einige exzellente Rezensionen. Arne Hoffmann hat sich das ganze Buch angetan und das ist dabei herausgekommen:

    http://www.amazon.de/review/R18V5M9YKGAAZ3/ref=cm_cr_rdp_perm?ie=UTF8&ASIN=B00K64PGLI

    Auch viele andere Rezensionen haben einen ähnlichen Tenor, sind sachlich und argumentieren sauber. Ich habe nur einzelne Kapitel angelesen und dann aufgegeben. Dieses Pamphlet ist unlesbar. Schlechter Stil, schlechtes Deutsch und viel zu viele Sätze, die mit „Ich“ anfangen. Letzteres lässt den Schluß zu, daß da eine Egozentrikerin mit einem Nazissmusproblem und sehr eingeschränkter Weltsicht schreibt.

    Die Autorin verwendet selbst eine sehr ausgrenzende Sprache, Hate-Speech, Diffamierung, Diskriminierung, Sexismus gegenüber Männern … also all das, was sie den Männern ankreidet. Aber sie ist ja eine moderne Feministin und deshalb darf sie das … oder so …

    Dazu kommt, daß Frau Wizorek Ideologie statt Fakten verbreitet. Wenn man sich mit dem Thema nämlich näher beschäftigt und ihre Behauptungen anhand von Zahlen, Daten und Fakten überprüft, dann merkt man schnell, daß die Dame nur heiße Luft verbreitet.

    • stefanolix sagt:

      Die Doppelstandards, die sich die Autorin anmaßt, sind empörend, und ich werde sie später noch in einem anderen Artikel aufgreifen.

      Lass mich aber bitte in einem Detail widersprechen: Narzissmus ist eine Diagnose, die man aus der Ferne nicht stellen kann. Ich bin da sehr vorsichtig, vielleicht sogar über-vorsichtig. Aber die beste Art der Entlarvung scheint mir immer der Faktencheck zu sein.

      Und dazu fallen mir noch einige Punkte ein ;-)

  2. Muyserin sagt:

    Lieber Stefanolix,

    Deine Kritik klingt überzeugend (ich habe und werde das Buch nicht lesen, aus verschiedenen Gründen).

    Einen Punkt möchte ich ergänzen: wenn ich mich richtig erinnere, zielten die Birne-Karikaturen nicht auf des (Alt-)kanzlers Leibesfülle ab, sondern auf seine Kopfform. Das macht es nicht netter, aber andererseits funktionieren Kariakturen nun mal, indem markante Züge wenig schmeichelhaft herausgearbeitet werden. Und ob man nun ausgerechnet vom Genre Karikatur political correctness verlangen soll, ist mindestens so sehr eine Frage der Kunstfreiheit und des Satirebegriffs wie des Body Shamings.

    Außerdem scheint mir auch Kohl deswegen kein gutes Beispiel, weil das Bewußtsein über solche ausgrenzenden und diffamierenden Praktiken in der BRD der 80er, 90er längst nicht so ausgeprägt war, wie heute.

    Und dazu trugen auch Aktionen wie der #Aufschrei bei. Das Buch mag schlecht sein, der Auslöser der Aktion mag fragwürdig gewesen sein, aber für mich entwertet beides nicht das Momentum der Massenbewegung.

    Dass Frau Wizorek gerade Dich als Hater einstuft, wird sicher vielen langjährigen Lesern und vor allem Leserinnen Deines Blogs absurd vorkommen. Insofern: Haters gonna hate!

    • Muyserin sagt:

      Oh, der Hinweis zur Birne am Ende Deines Artikels war im Feed nicht sichtbar, insofern bitte ich den Doppelhinweis zu entschuldigen.

    • stefanolix sagt:

      Die Autorin des #Aufschrei-Buchs schließt kategorisch aus, dass Männer zum Opfer sexistischer (lookistischer etc.) Angriffe werden können. Deshalb habe ich zwei Personen der Zeitgeschichte herausgegriffen und an den Maßstäben aus dem Buch gemessen, um die Ansicht der Autorin zu widerlegen.

      Es gehört zur Kunstfreiheit, die Darstellungen von Politikerinnen und Politikern in der Karikatur und auch in Texten zu überzeichnen. Das ist doch gar keine Frage. Wenn das so ist, soll es aber für alle gelten. Da kann es keine Schutzzone für Frauen und auch keine Kampfzone ausschließlich für Männer geben.

      Was inakzeptabel ist: entwürdigende Anspielungen auf die sexuelle Identität wie bei Westerwelle oder entwürdigende Darstellung als inkontinent (wie im Fall TITANIC-Titelbild mit Papst Benedikt). Das sind merkwürdigerweise beides Männer, Frau Wizorek!

      • Muyserin sagt:

        Wie kann sie das kategorisch ausschließen? Männer, die in bestimmten Kontexten Hegemonie genießen, sind in anderen Kontexten Dicke, Schwule, Väter, Arbeitslose, und damit Außenseiter gewisser symbolischer Ordnungen, und damit ebenso Freiwild für Diffamierungen. Ist das nicht soziologisches/feministisches Grundwissen?

      • stefanolix sagt:

        Ich weiß es nicht. Ich habe mir leider das Interview mit der FR nicht kopiert, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass man es einfach ohne jeden Kommentar wieder zurückzieht. Und im Google-Cache ist es anscheinend auch nicht.

  3. ein anderer Stefan sagt:

    Wieso überrascht es mich nicht, dass der Autor dieser Zeilen von der Buchautorin als Hater bezeichnet wird? Es sind in der Tat ideologische und totalitäre Muster erkennbar – andere Meinungen werden unterdrückt, Gegner ad hominem angegriffen und diffamiert, die eigene Überzeugung als die einzig mögliche (nicht nur eizig richtige) dargestellt. Da ist es in der Tat egal, ob die Gruppierung nun Feministen oder Zeugen Jehovas oder Scientology heißt, die Mechanismen sind die gleichen. Letztlich geht es wie immer um Macht und Unterdrückung.

    • stefanolix sagt:

      Um ehrlich zu sein: Sie kennt vermutlich keine Artikelzeile von mir. Sie hat mich vermutlich mit Leuten assoziiert, die sie nicht leiden kann – nach dem Muster »guilt by association«.

      Ich bin wirklich kein Hater. Ich habe mich spätestens in Sachen #bombergate sehr konsequent, aber immer sachlich, gegen diese spezielle Berliner Blase engagiert. Irgendwann wird ihr mein Nick aufgefallen sein.

  4. […] (2): Dieser Artikel hat zwei Vorgänger: Im ersten Artikel ging es um die einseitige Wahrnehmung von Sexismus in der Politik und im zweiten unter anderem um […]

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