Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (2): Wie geht man miteinander um?

Als ich mich mit dem Ausschnitt über die männlichen Verbündeten des Radikalfeminismus befasst habe, ist mir eine verblüffende Parallele aufgefallen.

Es ist interessant, wie religiöse Fundamentalisten mit Frauen und auch radikale Feministinnen mit Männern umgehen. Folgendes Muster passt frappierend auf beide:

  1. Halt den Mund. Hör mir zu. Und zwar richtig.
  2. Du trägst Schuld. Du trägst große Schuld.
  3. Setze dich mit deiner Schuld auseinander.
  4. Ändere dein Verhalten. So wie ich es dir sage.
  5. Du kannst einen kleinen Teil deiner Schuld abtragen.
  6. Ich werde dir zeigen, was du dabei falsch gemacht hast.
  7. Gehe zurück zu Punkt 1.

In Frau Wizoreks Buch liest sich das laut einer Rezension in der taz so:

„Was es heißt, ein guter Verbündeter zu sein“, nennt sie ein Kapitel und dekretiert: „Hör zu. Und zwar richtig.“ – „Setz Dich mit Deiner eigenen Schuld auseinander.“ – „Ändere Dein Verhalten.“

Vergessen hat die Rezensentin noch die bemerkenswerte Zeile: »Du wirst verkacken und du wirst daraus lernen.« – Arne Hoffmann schreibt in seiner Rezension über das #Aufschrei-Buch treffend:

Als gleichberechtigtes Gegenüber bei Diskussionen auf Augenhöhe sind Männer in Wizoreks Welt nicht vorgesehen.


Gemeinsam ist den religiösen Fundamentalisten und den radikalfeministischen Aktivistinnen: Sie wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit. Sie setzen auf das Prinzip der Sünde und Schuld. Sie maßen sich die Definitionshoheit über die Fehler und die Befehlshoheit über das Verhalten anderer Menschen an.

Gemeinsam ist ihnen aber auch: Mit diesen Methoden können sie die Motivation ihrer Anhängerschaft nicht erhalten und sie werden kaum Anhänger gewinnen.

So motiviert man niemanden. So schreckt man nur ab. Das Ergebnis: Auf Twitter melden sich viele emanzipierte, kluge, qualifizierte Frauen zu Wort – und distanzieren sich hart von den Thesen der radikalfeministischen Blase um Frau Wizorek.


Die fundamentalistische Diskussionsweise radikaler »Genderist*Innen« hat vor einigen Tagen sogar die Chefredakteurin einer feministischen Zeitschrift auf die Palme gebracht. Sie schreibt in einem anderen Zusammenhang über diese Diskussions(un)kultur:

Das ist sehr viel schwieriger für mich geworden, seit sich in unseren aktivistischen Zirkeln eine “call out culture” etabliert hat, die sehr schnell zu sehr hohen Wellen von Entrüstung und persönlichen Angriffen gegen diejenigen führt, die aus Ignoranz oder Achtlosigkeit Regeln missachtet, einen falschen Ausdruck verwendet, oder sich anderer “Vergehen schuldig” machen.

Diese Dynamik verbreitet Angst innerhalb unserer eigenen Community, weil jede fürchten muss, für irgendeine unbeabsichtigte Ignoranz als nächste im Auge des Sturms zu landen und sozial geächtet zu werden. Zu unreflektiert, zu wenig radikal, keine “gute” Feministin.

[Nachtrag: Bei »Alles Evolution« wird über diesen Artikel diskutiert.]


Das bestätigt meine Beobachtung: Ausgrenzung, Anfeindungen und Fundamentalismus bringen uns nicht weiter. Zuletzt also ein Plädoyer für den Ausgleich:

[…] dann kann ein Feminismus von heute … oder vielleicht von morgen? … nur der sogenannte Equity-Feminismus sein, der die Anliegen beider Geschlechter ernst nimmt und sich keine Definitionshoheit anmaßt, welche Sorgen und Probleme zählen (die der Frauen) und welche nicht (die der Männer).
[Arne Hoffmann am Ende seiner Rezension bei Amazon.]


14 Antworten zu Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (2): Wie geht man miteinander um?

  1. Muyserin sagt:

    Ich bin verwirrt. Der Feminismus, wie ihn mir meine Mutter, Vater, Lehrerinnen und Lehrern, Dozenten und Dozentinnen und Freunde und Freundinnen vermittelten, zielte auf nichts Anderes als das ab, was man jetzt also wohl Equity Feminismus nennt. Aha. Warum wird jetzt so getan, als hätte es noch nie einen Feminismus gegeben, die sich für die Rechte beider Geschlechter einsetzen? Das ist einfach ahistorisch.

    • Muyserin sagt:

      Bitte oben nach „verwirrt“ noch einen „.“ reinschmuggeln.

    • stefanolix sagt:

      Weil die #Aufschrei-Blase den Titel Feminismus für sich vereinnahmt hat? Weil man damit eine Menge Geld machen kann?

      Die Equity-Bewegung in den USA spricht ausdrücklich beide Seiten an. Sie will definitiv keinen Rückschritt für die Frauen, aber sie will auch die Nachteile z. B. für Jungen in den Bildungssystemen endlich angehen.

    • mitm sagt:

      @Muyserin: „Warum wird jetzt so getan, als hätte es noch nie einen Feminismus gegeben, die sich für die Rechte beider Geschlechter einsetzen?“

      Kann man so pauschal nicht behaupten. Wer sich einigermaßen gründlich mit dem Feminismus beschäftigt hat, ist mit Sicherheit auf den Equity Feminismus und ähnliche Feminismus-Varianten aufmerksam geworden und wird das nicht behaupten. Man wäre ja heilfroh, wenn es nur den Equity Feminismus o.ä. gäbe, dann bräuchten wir keinen Maskulismus.

      Leider sind diese Feminismus-Varianten politisch macht- und bedeutungslos. Das erkennt man am besten am völlig einseitigen Gender Mainstreaming und der feministischen Infrastruktur.

      Also wenn Sie Werbung für den Equity Feminismus machen, müssen Sie mit viel Support aus der Masku-Szene rechnen ;-)

      • Muyserin sagt:

        Ich kenne mich mit Maskulismus nicht aus und habe mich damit auch nicht beschäftigt. Das Wenige, was ich davon weiß, kommt durch die Begegnung mit Menschen zustande, die ich als sehr unangenehm empfand, und die sich Maskulisten nannten.

        Man kann sich Feministin nennen und sich unmöglich benehmen. Man kann sich Maskulist nennen und sich unmöglich benehmen.

        Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Begriff, der keine Seite favorisiert und dies auch im Namen anklingen lässt. Im Jiddischen nennt man anständige Menschen „Mentsh“. Time to be a mentsh, perhaps?

        Ich stehe Ismen generell kritisch gegenüber. Für einen Mentshismus könnte ich mich engagieren, wenn es bedeutet, dass ich meinen Mitmenschen gerecht begegne. Aber das versuchten auch schon die Christen, Buddhisten und Kommunisten, mit unterschiedlichem Erfolg in der Umsetzung. #It’scomplicated

    • Maesi sagt:

      Vielleicht, weil der sogenannte Equity Feminismus politisch und gesellschaftlich immer irrelevant war – so er denn überhaupt jemals existierte?

      Wenn ich die politischen Diskurse anschaue, finde ich dort keine Gleichheitsfeministen vor. Allerdings achte ich dabei weniger darauf, was die dominanten Feministinnen in wohlklingenden Sonntagspredigten von Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtergleichheit daherschwafeln, sondern eher darauf, was sie politisch wirklich fordern (z.B. Frauenquoten, Frauenförderungen, Frauenschutzmassnahmen etc.) bzw. tun. Sogar die Gleichstellungsbeauftragten dürfen seit jeher nur Frauen sein und nur von Frauen gewählt werden. Den behaupteten Gleichheitsfeminismus habe ich denen noch nie abgekauft. Die gesamte Gesellschaft wird von Feministinnen auf den Mann-Frau-Gegensatz eingedampft – so funktioniert der real existierende Feminismus, der wahrscheinlich mit einem (hypothetischen?) Equity Feminismus tatsächlich nichts zu tun hat.

      Warum sollte ich mich also für einen irrelevanten Equity Feminismus interessieren?

      Für die Regierenden ist der politisch dominante Feminismus ein Instrument, um die Untertanen bis in die privatesten Bereiche hinein zu gängeln – dient also der Transformation der Gesellschaft zu einem totalitären System hin. Für die Adepten und Günstlinge des dominanten Feminismus ist er ein Instrument, um an der sich ausweitenden politischen Macht über die Untertanen teilzuhaben und staatliche Gelder ohne adäquate Wertschöpfung für sich selbst zu beanspruchen (rent seeking).

      Das ist der Feminismus, wie er seit über 40 Jahren als relevante politische Bewegung existiert. Vorher war der Feminismus politisch schlichtweg irrelevant. Die Menschen ausserhalb feministisch-elitärer Intellektuellenkreise hatten ganz andere, existentiellere Sorgen, was sich auch in der Politik manifestierte.

      • stefanolix sagt:

        Die Lehre von einem Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist nicht irrelevant. Sie wird ja millionenfach privat gelebt. Sie hat nur keinen Namen und kein Etikett und kein Logo …

        In einem wirklich gleichgewichtsorientierten Feminismus oder Maskulismus wäre das rent seeking minimiert. Richtig schlimm wird es, wenn zwei oder mehrere Gruppen exzessives rent seeking betreiben.

      • Maesi sagt:

        @Stefanolix
        Ich habe ja nicht das Gleichgewicht in den einzelnen Beziehungen zwischen Männern und Frauen als irrelevant bezeichnet sondern den Equity Feminismus in der Politik, womit ich wiederum lediglich eine leicht feststellbare Tatsache benannt und nicht ein moralisches Urteil über den Equity Feminismus gefällt habe.

        Equity Feminismus hat mit den privaten Mann-Frau-Beziehungen nichts zu tun und entwickelt meines Wissens auch keinen Ehrgeiz, den Männern und Frauen in ihre Privatangelegenheiten dreinzureden; allein schon dadurch nimmt er eine Aussenseiterrolle ein. Bei anderen Feminismen hingegen sieht es völlig anders aus, denn bei denen ist das Private politisch. Der dominante Staatsfeminismus ist ein Cocktail aus Teilen diverser Feminismen, zu denen der Equity Feminismus halt nicht gehört.

        Das rent seeking ist eine direkte Folge des aufgeblähten Umverteilungsstaates; der derzeit politisch relevante Feminismus ist daran zweifellos mitschuldig, aber eben nur ein Rent-seeking-Akteur unter vielen. Sofern Equity Feminismus wider Erwarten politisch dominant werden würde, wäre im Bereich der Geschlechterpolitik das rent seeking sicher stark reduziert (wenn auch keineswegs minimiert).

        Minimiert würde das rent seeking nur durch eine drastische Reduktion der staatlichen Aufgaben und Kompetenzen im liberalen Sinne durch Errichtung des verpönten Nachtwächterstaates. In einem solchen Staatswesen gäbe es gar keine Geschlechterpolitik – auch keine equity-feministische Geschlechterpolitik. Feminismus und auch Maskulismus in allen Strömungen wären das reine Privatvergnügen von deren jeweiligen ideologischen Anhängern; sie müssten sich logischerweise auch selbst finanzieren und könnten nicht auf staatlich erzwungene Transferzahlungen hoffen.

        Da aber die überwältigende demokratische Mehrheit offensichtlich einen weiteren Ausbau oder zumindest die Beibehaltung des heutigen Zwangsumverteilungsstaates wünscht, wird auch das rent seeking bestehen bleiben.

  2. karl sagt:

    Die Parallelen zu Religion sind mir ebenfalls aufgefallen. Es ist eine Art Erbsünde, ein angeborenes Übel — das Böse schlechthin — welches der Feminismus den Männern anhängen will.

    „Created sick and commanded to be well again.“

    • stefanolix sagt:

      Ich wollte eigentlich einen Artikel darüber schreiben, warum dieser Befehlston nicht motivieren kann. Dann standen die Punkte so untereinander und ich dachte: Moment mal! Genauso »argumentieren« ja die Taliban & Co. auch.

  3. […] Nachtrag: Der Blog “Mein Senf” kommentierte diesen ‘Buchkrieg’ ebenfalls, Lucas Schoppe (man-tau) hat Anmerkungen zur Ich-darf-alles-Haltung. Auch der Blogger “Männerstreik” hat seine Meinung zu dem Thema. Ebenso “Stefanolix” mit seinen Anmerkungen zum Aufschrei-Buch. […]

  4. Gerlinde sagt:

    Hach, eeendlich jemand, der richtig erkannt hat: in erster Linie waeren wir alle Menschen (Mentshen).
    Ausserdem weiss ich noch (immer) nicht, WO evtl. eine gesellschaftliche Um-Operation noetig waere. Frueher dachte ich: weg mit den Gender-Merkmalen; aber es scheint viiiel eher ‚was‘ im Gehirn falsch zu sein.
    Ca.: I don’t have a superior complex – I AM superior !
    Waer‘ ja richtig – aber eben beide gleichstark bitte; d.h.: gemeinsam waere man staerker anstatt sich gegenseitig zu zerfleischen.
    Da hilft mM nur eines: stoisch als Einzelner immer beide Seiten ‚auf Mitte-Pfad‘ weisen und notfalls Partisanen-Kampf, wenn die Beisserei aus den eigenen Reihen zu viel wird.
    Geschichte wiederholt sich – nur die Kostuemierung aendert sich – mM!

    • stefanolix sagt:

      Natürlich – und angesichts Ebola, Krieg, Islamismus-Terror, Wirtschaftskrisen usw. ist es eigentlich blanker Wahnsinn, sich mit diesen postbubertären Ergüssen zu befassen. Frauen und Männern bleibt gar nichts anderes übrig, als ihre Stärken zu bündeln und zu kooperieren.

      Es gibt die Extremen auf beiden Seiten: Sie gieren nach Aufmerksamkeit, Einfluss und Macht. Ihnen sind die wirklichen Probleme dieser Gesellschaft und des Rests der Welt völlig egal. Das ist natürlich extrem kurzsichtig – und man sieht ja an dem #Aufschrei-Theater, was dabei herauskommt.

  5. […] Vorgänger: Im ersten Artikel ging es um die einseitige Wahrnehmung von Sexismus in der Politik und im zweiten unter anderem um die Umgangsformen der radikalen Gender-Aktivist*Innen mit anderen […]

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