Die glücklichen Dresdner und ihre glückliche Oberbürgermeisterin …

In der Diskussion über die Sperrung der historischen Augustusbrücke hat der Grünen-Stadtrat Thomas Löser von der Gefahr einer »Stadt ohne Visionen« gesprochen. Eine Stadt ohne Visionen sei eine traurige Stadt. Nun gibt es ja unterschiedliche Arten von Visionen, aber ganz unrecht hat er nicht.


Die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz stieg sofort nach dem Debattenbeitrag in freier, unvorbereiteter Rede auf die Aussage Lösers ein. Hier ist mein Transkript aus dem Video Nr. 3 etwa ab Minute 15:00.

Orosz: Herr Löser, eine Korrektur erlaube ich mir zu Ihrer Formulierung »eine Stadt ohne Visionen ist eine traurige Stadt«. Ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

Es gab eine aktuelle Umfrage in einer Zeitung hier in Dresden, vor kurzem, zum wiederholten Male, dass über zwei Drittel der Dresdner Bevölkerung glücklich sind in Dresden – ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

kurze Pause mit Zwischenrufen

Das müssen Sie einfach nur zur Kenntnis nehmen!

Zwischenrufe (offenbar Einwände zur Umfrage)

Ja, jetzt, jaaaa – die Journalisten haben das falsch gemacht, und überhaupt, und alles, aber irgendwann müssen Sie es doch mal zur Kenntnis nehmen.


Selbst wenn die Umfrage der »Sächsischen Zeitung« statistisch seriös wäre (was sie nicht ist), zeigt der Beitrag von Frau Orosz aus meiner Sicht, warum sich die CDU nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger umschauen sollte:

  1. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die ihre politischen Einsichten aus plakativ aufbereiteten Umfragen einer Lokalzeitung bezieht.
  2. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die nicht in der Lage ist, auf einen sachlichen Einwand eine sachliche Antwort zu geben.

Ich will im folgenden kurz erklären, warum jeder politische Bezug auf die Ergebnisse der Glücksumfrage der »Sächsischen Zeitung« äußerst fragwürdig ist.


Problem 1: Die Selbstauswahl

Diese Umfrage beruhte auf dem Prinzip der Selbstauswahl. Die Leserinnen und Leser hatten drei Möglichkeiten: Sie konnten an der Umfrage überhaupt nicht, einmal oder mehrfach teilnehmen.

Um sich für eine der drei Möglichkeiten zu entscheiden, mussten sie natürlich erst einmal wissen, dass die Umfrage stattfindet. Sie mussten auch in der Lage sein, im Web oder auf dem Papier an der Umfrage teilzunehmen. Allein anhand dieser Voraussetzungen wird schon eine Vorauswahl getroffen.

Dazu kommt: Das Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung entspricht nicht der Fläche des Freistaats. Es gibt zwei große Gebiete mit anderen flächendeckend verbreiteten Zeitungen. Die Umfrage kann also nicht »Glückliche Sachsen« heißen, sondern allenfalls »Glückliche Sachsen im Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung«.

Selbst wenn wir davon ausgingen, dass alle erwachsenen Bürger Sachsens von der Umfrage erfahren hätten: Eine Umfrage, bei der sich die Teilnehmer aus eigener Entscheidung einmal oder mehrfach einbringen können, ist aus Sicht der Politik und aus Sicht der Sozialwissenschaft wertlos. Eine Stichprobe, die durch völlig unkontrollierte Selbstauswahl (auch noch teilweise online) gebildet wird, kann nicht repräsentativ sein.

Problem 2: Die Auswertung der Ergebnisse

Selbst bei einer wissenschaftlich korrekten und für alle Sachsen repräsentativen Umfrage wäre es statistisch falsch, die Ergebnisse auch noch nach dem Wohnort der Befragten auszuwerten. Denn für die Wohnorte der Befragten ist so eine Umfrage eben nicht automatisch repräsentativ. Profis wissen das – und gehen bei der Auswertung entsprechend sorgfältig zu Werke.

Noch weniger Sinn hat also eine Aufteilung der Ergebnisse der Glücksumfrage auf die einzelnen Städte und Kreise des Verbreitungsgebiets der Zeitung. Der größte anzunehmende Unsinn ist eine Aufteilung auf einzelne Stadtteile und Ortschaften der Stadt Dresden. Selbst davor ist die Zeitung nicht zurückgeschreckt.

Die Berichterstattung über die Umfrage zog sich in der Sächsischen Zeitung über viele Ausgaben hin. Hier ist eine Auswahl der Überschriften:

  • Freunde und Geld machen Sachsen glücklich
  • Beim Liebesleben oft nur Durchschnitt
  • Familie ist das größte Glück der Riesaer
  • Den Bautzenern fehlt was zu ihrem Glück
  • Der Osten nimmt Abschied von der Ostalgie

Alle diese Überschriften kann man so, wie sie sind, in die Blaue Papiertonne werfen. Keine davon hat einen statistischen, politischen oder sozialwissenschaftlichen Wert.

Wir werden in den nächsten Jahren in der Stadt große Probleme zu bewältigen haben. Es tut mir leid für das bürgerliche Lager in Dresden, aber eine Oberbürgermeisterin, die sich von solchen Umfragen politisch beeinflussen und beeindrucken lässt, ist hier völlig fehl am Platze.


Quellen und weiterführende Links


7 Antworten zu Die glücklichen Dresdner und ihre glückliche Oberbürgermeisterin …

  1. Diese Frau war schon von Anfang an eine völlige Fehlbesetzung. Sie fällt fast ausschließlich durch Presseauftritte von Eröffnungen o.ä. auf, aber so gut wie nie durch vernünftige politische Entscheidungen, Taten oder Äußerungen.
    Auch Kritikfähigkeit ist nicht ansatzweise erkennbar. Sie handelt ausschließlich im Interesse der CDU, nicht im Interesse der Stadtbewohner.
    Meiner Meinung nach eine egozentrische Marionette mit abartigem Personenkult.

    • stefanolix sagt:

      Über die gesamten (dann 14) Jahre Amtszeit würde ich das nicht so absolut sehen. Welche Alternativen hatten wir denn in der Stadt bei OB-Wahlen? Wäre Klaus Sühl besser gewesen – der gar nicht aus Dresden kam und auch bald wieder verschwunden ist?

      Ob es ein Personenkult ist, mag ich nicht entscheiden, dazu habe ich sie zu selten persönlich erlebt. Bei freudigen Anlässen wie bei der Eröffnung eines neuen Gymnasiums soll sie sich schon Zeit für persönliche Gespräche mit den Beteiligten genommen haben. In Konflikten oder kritischen Situationen hat sie mich nicht überzeugt. Konzeptuell kam ganz wenig … wenn ich an die Blumenkübel aus Mitteln des Investitionsprogramms oder an die Vision der »sympathischen Bürokratie« denke.

      Vielleicht hat sie einige ihrer Eigenschaften schon aus ihrer Zeit als Ministerin mitgebracht? Dort ist es allerdings üblich, dass eine Ministerialbürokratie die Ministerin sehr gut auf öffentliche Auftritte in Debatten vorbereitet. Im Fall der Glücksstatistik war jedenfalls zu sehen, dass sie überhaupt keine Ahnung von Statistik hat.

  2. Ich bezog mich nur auf Ihre Arbeit als OB.
    Sicherlich hat mich eine Sache in Zusammenhang mit ihr negativ geprägt. Sie besuchte damals an ihrem Geburtstag (Sonntag) das Finale des Challenger Tuniers im Waldpark und gratulierte dem Sieger höchst pressewirksam und betonend, wie toll Dresden sei. Die Stadt hatte mit dem Tunier nichts am Hut und das war auch das letzte mal, dass das Tunier stattfand.
    Tut mir Leid, aber jemand, der sich an seinem Geburtstag lieber in der Öffentlichkeit darstellt, als privat mit Familie und Freunden zu feiern, kann gar nicht wissen, was Bürger bewegt.
    Auch einige ihrer Auftritte im Stadtrat, auf denen sie anderen über den Mund gefahren ist haben mir nicht gefallen.

    Mit Alternativen sah und sieht (?) es nicht besser aus, da hast du Recht. Wobei mir da doch ein Stück weit Einblick fehlt. Die Presse kann man zur vernünftigen Urteilsbildung vergessen, womit wir wieder beim Thema wären.
    Ich mochte damals Lutz Vogel, obwohl der nicht einmal aus Sachsen kam.

  3. ein anderer Stefan sagt:

    Ich bin nicht der Meinung, dass ein Bürgermeister aus der Stadt kommen muss, in der er das Amt ausübt. Manchmal ist es sogar besser, wenn es nicht so ist, dann ist die Person auch nicht so sehr in örtliche Netzwerke eingebunden und davon letztlich auch abhängig. Es geht darum, jemanden zu finden, der die Stadt voranbringt, und da ist ein Blick von außen manchmal sehr hilfreich.

  4. Frank sagt:

    Ein kleiner Einspruch:

    Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die ihre politischen Einsichten aus plakativ aufbereiteten Umfragen einer Lokalzeitung bezieht.

    Ich habe das Video ja auch angesehen und sehe das eher so, dass Frau Orosz hier nur mit einem spontan Einwurf auf Lösers üblich geistlose Rede reagierte. Warum hätte sie die Umfrage der SZ an der Stelle nicht zitieren sollen? Selbstverständlich sollte man jede Umfrage anzweifeln, vor allem wenn sie von einer Tageszeitung stammt, aber ist das die Aufgabe von Bürgermeistern? Löser konnte es ja auch nicht wirklich entkräften.

    Das klingt hier im Text so, als würde Orosz ihre Kenntnisse nur aus SZ-Umfragen beziehen. Das ist sicher nicht der Fall. Umgekehrt sollten Ober- und sonstige Bürgermeister durchaus lesen, was in den Medien ihrer Stadt bzw. in den wichtigeren Medien über ihre Stadt berichtet wird.

    Ich will hier nicht krampfhaft Frau Orosz verteidigen – Hilbert hätte sicher souveräner reagiert – aber ich sehe hier kein grundsätzliches Problem.

    • stefanolix sagt:

      Der Stadtrat Löser hatte an dieser Stelle kein Rederecht mehr. Seine zusammenfassende Antwort auf die Debatte war zu Ende.

      Die Umfrage hat über viele Tage das Bild der Sächsischen Zeitung geprägt. Ihre Datenbasis ist aber nicht repräsentativ, wie ich oben gezeigt habe, somit sind alle auf Dresden bezogenen Schlussfolgerungen Unfug.

      Am vergangenen Wochenende haben sie in der Sächsischen Zeitung sogar behauptet, zu wissen, wo die »glücklichsten Sachsen« wohnen – dabei haben sie nur max. 40% des Gebietes überhaupt untersucht. Die glücklichsten Sachsen könnten auch in Leipzig oder in Chemnitz oder in Zwickau wohnen – mit den Umfragemethoden der Sächsischen Zeitung werden wir es nie herausfinden ;-)

      Was die Sächsische Zeitung da bringt, ist keine Statistik, sondern eine Meinungsäußerung. Diese ist natürlich legitim. Aber solange es überhaupt keine belastbaren Daten über »das Glück der Dresdner« gibt, ist es politisch gesehen Unsinn, dieses Glück im Stadtrat als Argument anzuführen.

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