Ein Schlagertext, der »Islamische Staat« und jede Menge Unverständnis

Die Theologin und Feministin Antje Schrupp möchte mit ihrem gestrigen Artikel begründen, warum »Frauen auch nicht von Natur aus Feministinnen« seien. Als Einleitung wählt sie eine Zeile aus einem Schlagertext:

»Du machst mich zu einem besseren Mann«

Seit Otto Waalkes‘ genialer Wort-zum-Sonntag-Parodie »Theo, wir fahrn nach Lodz« wissen wir, dass diese unselige Kombination aus Schlager und Glaubensbekenntnis nur scheitern kann. Otto begann sein »Wort zum Sonntag« mit diesen Zeilen:

Wir alle haben unsere Sorgen und Nöte und lassen uns nicht mit billigem Trost über die Last des Alltags hinwegtäuschen. Aber als ich neulich in meiner Musikbox blätterte, da stieß ich auf folgende kleine Zeile: »Theo, wir fahr’n nach Lodz«. …


Bei Antje Schrupp sieht die Einleitung nicht viel anders aus:

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: »Du machst mich zu einem besseren Mann«.

Otto Waalkes und Antje Schrupp haben nun eine interessante Gemeinsamkeit: Das kalkulierte Missverständnis der Schlagerzeile. Antje Schrupp gruselt es aus zwei Gründen:

Erstens werde hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die »Qualität des Mannes« sicherzustellen.

Zweitens sei es gruselig, dass vielen Frauen diese Zeile gefalle, weil sie sich gerne in dieser Rolle sähen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das sei ein Teil der »patriarchalen romantischen Liebeserzählung«.


Ach wenn’s mich doch gruselte!

Was Antje Schrupp nicht verstehen kann oder nicht verstehen will: Eine auf Dauer angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Frauen oder zwei Männern ist immer auch eine gemeinsame Entwicklung.

Die banale Schlagerzeile ist in Wahrheit Teil eines Dialogs: Du bringst mich voran und ich bringe Dich voran. Wäre das nicht so, könnten wir ja alle allein leben.

Natürlich wird dieses »Geschlechterarrangement« künstlerisch verwertet, seit der Mensch Zeit und Gelegenheit hatte, so etwas wie Kultur zu entwickeln. Im Theater der alten Griechen, in den Satiren der Römer, im Decamerone, in den großen Opern und kleinen Operetten – und irgendwann eben auch im Schlager.


Eine Schlagerzeile reicht Antje Schrupp natürlich nicht, um ihre These zu stützen. Sie greift zum ultimativen Beweis, indem sie sich der Rolle von Frauen im »Islamischen Staat« zuwendet:

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Hier unterliegt die Autorin einem Trugschluss. Die Herrschaft des IS ist nicht in erster Linie ein Patriarchat. Es handelt sich um eine Herrschaft des Terrors unter dem Vorwand einer besonders radikalen und extremen Art der islamischen Religion.

Es ist durchaus möglich, dass Frauen dabei im Sinne der Führung des IS agieren, aber dafür gibt es zwei wesentlich plausiblere Gründe als die Identifikation mit dem Patriarchat.

Ein Teil der Frauen dürfte es schlicht aus Angst um ihr eigenes Leben tun. Wenn diese Frauen Morde und Folter miterleben mussten, werden sie schon aus dem Überlebenswillen heraus jede Regel akzeptieren und wohl auch durchsetzen.

Aber es ist natürlich auch denkbar, dass sich Frauen mit den Machtzielen des IS so stark identifizieren, dass sie also freiwillig bei der Machtausübung mitmachen.

Dass sich Frauen im Herrschaftsgebiet des IS besonders tiefgreifende Gedanken über die Wirkmechanismen des Patriarchats machen, halte ich allerdings für eher für unwahrscheinlich.


Aus der Schlagerzeile und aus ihrer Interpretation der Herrschaft des IS über Frauen leitet Antje Schrupp in der Folge nur noch Banalitäten ab.

Sie unterstellt beispielsweise, dass viele Frauen »einen solchen Kampf [gegen das »Patriarchat«] gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden«.

Das könnte allerdings auch daran liegen, dass es in modernen Beziehungen gar kein frauenverachtendes und unterdrückendes »Patriarchat« mehr gibt, das zu bekämpfen wäre: Beide Teile sind relativ selbständig und grundsätzlich im Fall einer Trennung auch für das Alter abgesichert.

Das »Bestehende« ist eben hierzulande für die meisten Frauen und Männer nicht der Horror, den Antje Schrupp imaginiert. Das liegt schlicht daran, dass der Zwang und die materielle Abhängigkeit in heutigen Ehen oder Partnerschaften weitgehend weggefallen sind. Wer den Artikel von Antje Schrupp zu Ende liest, kann nur mit Otto Waalkes konstatieren:

»Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Haaren. Und sollte nicht auch einer von uns, oder morgen, oder heute, oder vielleicht nicht. Wer weiß. Schönen guten Abend. «


9 Antworten zu Ein Schlagertext, der »Islamische Staat« und jede Menge Unverständnis

  1. der eine Andreas sagt:

    Viel schlimmer als das unselige Bewerten eines Schlagertextes ist der letzte Absatz:
    „Eine Feministin erkennt man nicht … sondern daran, [dass] sie ihre eigenen Gesetze aufstellt und ihnen entsprechend lebt, oder ob sie die Gesetze der Männer exekutiert, speziell anderen Frauen gegenüber.“

    Also ist Gesetzestreue nicht so das Ding von „echten“ Feministinnen.
    Hier kommt dann das 1. feministische Gesetz zum Tragen: „Der Mann ist immer schuld“.

    Siehe aktuelle Debatte in den USA zu Sexualdelikten an Universitäten und der Abkehr von vorzulegenden Beweisen.

  2. claudia1berlin sagt:

    Es ist m.E. nicht illegitim oder besonders weit hergeholt, die Schlagerzeile in dem Sinn zu interpretieren, den Antje im weiteren bespricht. Das Klischee von der „erzieherischen“ Frau ist durchaus verbreitet – findet sich auf unzähligen Quellen im Web und wird aus männlicher Sicht SO beklagt:

    „Frauen wünschen sich einen Mann wie einen schwarzen, starken und heißen Kaffee.
    Und was machen sie dann?
    Sie kippen Milch hinein, damit er nicht mehr so schwarz ist, sie tun Zucker rein, damit er nicht mehr so stark ist und zum Schluss pusten sie noch, damit er nicht mehr so heiß ist und dann wundern sie sich über die lauwarme Brühe… “

    Dass man sich in Beziehungen weiter entwickelt, verstehe ich nicht als Prozess, sich gegenseitig zum „besseren Mann“, bzw. zur „besseren Frau“ zu machen. Denn das hieße ja, einander an ein eigenes, spezifisches „Bild vom anderen Geschlecht“ anzupassen,

    Meinem Bild von einer gelingenden Beziehung entspricht so ein gegenseitiges „Erziehen-Wollen“ nicht.

    Das alles mag im Schlagertext nicht gemeint sein – als Aufhänger für einen Blogpost reicht es aber allemal.

  3. primamuslima sagt:

    Ich habe dich als eine von 5 meiner liebsten Blogger nominiert.

    http://mervykay.wordpress.com/2014/10/20/blognews/

  4. Gerlinde sagt:

    ;-) wenn wir mit DIEsem Thema und seinen Folgen den Rest des Jahres ‚verbraten‘ duerfen, mache ich bei der Diskussion mit. Ansonsten rufe ich mir einfach geistig ‚Die Dresche‘ welche ich zu aehnlichen Themen woanders bekommen habe einfach wieder ins Gedaechtnis und halte meinen Mund (fast) ;-) !

    a) Gute (fast) gleiche Altersabsicherung beider Geschlechter: Deutschland vielleicht; es gibt noch ‚restliche Laender‘

    b) IS toleriert/hat an seiner Seite in den ‚K(r)ampfloechern angeblich wirklich – ebenso wie sie selbst – ‚wildgewordene‘ Frauen mit kaempfen; ich kenne hier in Australien trauernde Familien.
    ABER: auch DAS war meines Wisssens in der Geschichte schon einmal da; weil schon einmal ‚opportune‘ !

    c) Eine Zweierbeziehung? Schwere und schwierige wie auch beste Sache der Welt. Fragt mich bitte NICHT wie’s funktioniert, obwohl ich selbst – lt. Aussagen Anderer – eine bereits 30-jaehrige ‚Dinosaurier-
    Beziehung‘ habe ^^

    d) Matriarchat mitunter schlimmer als Patriarchat – schwer zu sagen. Vielleicht hat der liebe Gott nur vergessen uns die ‚Wechsel-Option‘ derselben aus der Tierwelt zu genehmigen?
    Ansonsten: Indien! Wo die FRAU/Mutter den Sohn ‚rettet‘, wenn dieser beschliesst eine neue Frau haben zu wollen; d.h.: die Muetter dieser Soehne haben dann meist die Ex ‚erledigt‘. Wuerde dies aber keiner Religion zuweisen sondern eher ‚bloed-eingewachsene-alte-Angewohnheit-schwer-abzuschaffen‘ bezeichnen. In generell gilt zumindest fuer mich (noch immer!): es hat mir noch KEIN Mann auf dieser Welt jeee so weh getan, wie dies Frauen stattdessen taten ^^! Dies auch noch VOLL wissentlich/absichtlich – sorry!
    Ansonsten: Matri- oder Patri-archat; so archaisch es klingt, es ist leider irgendeine Vorbild-, Lenk- und Leit-Funktion noetig (auch wenn DIESE mitunter auch ‚kontrolliert‘ gehoert und nicht einfach blind aufgrund ‚hoeheren Alters‘ einem zusteht !!!). Dies war vor ein paar Jahren bitter festzustellen sogar im Tierreich. Passiert folgendes: Ausdezimieren von ueberschuessigen, maennlichen (? wundert mich; da E. Matriarchat haben; wohl die ‚Jahre danach‘ gemeint ) Alt-Elefanten in Afrika. Dies natuerlich aufgrund von menschlichem Gutduenken/Richtig-Vermutung, denn man konnte kein ‚elefantisch‘ als Sprache und darum nicht feststellen, wie die Charaktere dieser zur Toetung geplanten Elefanten waeren. Man hat dann bald festgestellt, dass die nachwachsende ‚Jugend‘ angeblich DERart ‚bloed‘ und zuegellos wurde, dass sie fast die ganze ‚eigene Zunft‘ in Gefahr brachten. Auch viele gute ‚Fuehrungskraefte‘ fielen leider dem Ausdezimieren zum Opfer.
    ;-) Ich mag jetzt boshafterweise das ‚aehnliche Prinzip‘ gaaaar nicht weiter auf manche Menschen-Staemme umlegen – yet; it made me think already ages ago ;-) :-D !

    PS: Da ich meinen eigenen ‚echten‘ Kaffe sehr gerne ’schwarz wie meine Seele‘ trinke, weiss ich, dass es auch DA Unterschiede im ‚Basis-Produkt‘ schon vom Beginn an gibt – sorry ;-). D.h.: bei MANCHEN Tassen Kaffe waere sogar ich geneigt ‚kuenstliche Verbesserungen‘ vorzunehmen ;-) !
    Ansonsten, die menschlichen ‚Kaffee-Varianten betreffend:
    Was nicht freiWILLIG und als selbst f. gut geheissen in einen Menschen hineinkommt – bleibt auch nicht drinnen, sondern wartet nur – mehr oder weniger ‚explosiv‘ – auf die Chance es wieder ‚abzuschuetteln‘ = meine persoenliche Meinung!

  5. Paul sagt:

    Lieber Stefan,
    da fällt mir meine Oma ein: „Junge, merke dir: Männer und Frauen passen nicht zusammen.“
    Das hat Loriot von meiner Oma. :-)

    Das beweist es: http://www.kalimera-geschenkemeer.de/images/product_images/original_images/l-014.jpg (Das bin ich.)

    Oder passen sie doch zusammen? http://ecx.images-amazon.com/images/I/51e%2BwnmiW8L._SY300_.jpg (Das sind wir beide.)

    Nach 54 Ehejahren sag ich. „Passt schon.“
    Was meine Frau sagt ist nicht wichtig. :-)
    Die steht gerade hinter mir und sagt: „Wat?“, und gibt mir einen Katzenkopf.
    So spielt das Leben.

    Herzlich, Paul

    • Gerlinde sagt:

      @ Paul
      Sprachkurs noetig f. mich – sorry.

      ‚Katzenkopf‘ = Sort of ‚Mini-Rueffel‘ durch Klapps oder Haare-Raufen?
      Dann sei Dir versichert: DAS ist DIE Liebeserklaerung nach 54 Jahren (faengt aber schon viiiiel frueher an ;-) !!!) !
      Du weisst doch, man heiratet mit dem Satz: „hoppala Herzele stolpere nicht“ und macht kurz danach gemuetlich weiter mit „Hey, Trampel, kannst nicht aufpassen?“ ;-)
      Hi 5, mate; geht den Meisten – zumindest in mehr oder weniger ‚hohen Wellen von auf und ab‘ so; ist aber – mM – auch ‚eeetwas‘ noetig zur eigenen Nerven-Entspannung. MIR waer‘ der ‚ewige Verliebtheitskaese‘ naemlich schon etwas zu stressig. Es ist schon viiiel geschafft, wenn man das Wort ‚Trampel‘ aus der Fortfuehrung des gemeinsamen Lebens heraushalten kann – muss ja auch nicht immer ‚Herzele‘ sein, oder?
      Auf englisch haben sie hier ja:
      Fuer die Maenner: Happy wife – happy life!
      Mein Selbstgeschnitzter dazu: Happy men are worth a lot – no matter the spelling of the w-word.

      ;-)

      • Paul sagt:

        Liebe Gerlinde,
        das mit dem Katzenkopf hast Du richtig verstanden. Ist eher eine Liebkosung als ein Rüffel. Na ja, unter Ehepartnern, wie meine Frau und ich.
        Meine Kinder haben schon richtige Katzenköpfe bekommen. Das war noch die gute alte Zeit vor mehr als 60 Jahren. :-)

        Den Spruch kenne ich auch, aber auf Berlinisch.
        „Kleine heb‘ die Beine, es kommen Steine.“
        „Olle heb‘ die Botten, komm’n Klamotten.“

        Aber noch einer:
        „Er hat Sie geliebt und im Herzen getragen,
        jetzt ist Sie gerutscht und liegt Im vor’m Magen.“ ;-)

        Liebe Gerlinde,
        Du hast vollkommen Recht, unter 110% machen wir es nicht.

        Ach so, nicht vergessen:
        Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen.

        Sagte doch kürzlich der Trittin allen Ernstes, dass bei der erneuerbaren Energie (welch ein Unwort!) die Welt nur das nachmachen müsse, was wir, die Deutschen, ihr vormachen. Dann würde schon alles in Ordnung kommen.

        KARAMBA, MIR KOCHT DER BLUT!

        Herzlich,
        Paul

  6. Gerlinde sagt:

    Ansonsten: Tja, ich fuerchte, wir Deutschen sind – wieder einmal – ‚etwas 110 %ig‘ ;-); wie GsD UND leider auf viiielen Gebieten, oder?

  7. Gerlinde sagt:

    @ Paul

    Danke f. Aufklaerung :-D

    Ansonsten: Wir Menschen muessten wohl ‚Demokratie-Verstaendnis‘ uns neu verinnerlichen, oder ?
    Ist das nicht DAS Ding, wo die Mehrheit dann beschlossener Weise zwar Sieger ist; nicht unbedingt deswegen RECHT hat und deswegen aber die andere Seite und/oder sonst Minoritaeten nicht eliminieren sollte/darf? ;-)

    Wenn nicht – bitte ich auch hier um Aufklaerung; von egal WEM; bitte/danke vorweg!

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