Von Frauenquoten und Statistik …

Kristin Rose-Möhring ist Gleichstellungsbeauftragte des Ministeriums im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Sie wurde dadurch bekannt, dass sie gegen ihre eigenen Ministerinnen Kristina Schröder und Manuela Schwesig klagte: Ministerin Schröder hatte es doch trotz einer Frauenquote bei Führungskräften von über 50% nicht etwa gewagt, einen Mann als Pressesprecher zu wählen.

All das wäre keinen Beitrag wert, wenn Frau Rose-Möhring nicht eine einflussreiche Frau innerhalb der Lobby der Gleichstellungsbürokratie wäre. Aus dem Ministerium von Frau Schwesig kommen politische Entwürfe, wonach die Anzahl der bürokratischen Posten (exklusiv für Frauen) als Gleichstellungsbeauftragte drastisch erhöht werden soll. Aus einem Artikel des SPIEGEL (31/2014):

Für Ärger sorgt auch die Forderung nach mehr Gleichstellungsbeauftragten. Das Verteidigungsministerium hat ausgerechnet, dass es dafür die Stellen von 100 auf 200 verdoppeln müsste. Der Staatsbetrieb Deutsche Bahn kalkuliert für die Tochterfirmen mit mindestens 960 neuen Stellen.

Noch werden diese Entwürfe in der #Groko entschärft. Aber auch in der entschärften Form kosten sie immer noch sehr viel Geld und bringen eher Schaden als Nutzen.


Kristin Rose-Möhring bloggt zur Zeit sehr offenherzig über Statistik für Gleichstellungsbeauftragte. Wenn ich mir diese Blogbeiträge nur mit dem gesunden Menschenverstand anschaue, muss ich mich sehr zurückhalten, um nicht sarkastisch zu werden. Hier passt das Zitat: »Hätte sie geschwiegen, wäre sie Philosophin geblieben …«.

Bereits in der ersten Folge ihrer Serie zur Statistik stellt Frau Rose-Möhring eine Behauptung auf, die sehr tief blicken lässt. Sie postuliert:

Zahlenwerke und Statistiken werden der Gleichstellungsbeauftragten vor allem dann entgegengehalten, wenn es gilt, Fortschritte und Gleichstellungserfolge in der Dienststelle zu untermauern oder ihre Forderungen abzuschmettern. Das soll überzeugend, wissenschaftlich und unangreifbar wirken und die Gleichstellungsbeauftragte mundtot oder zumindest leiser machen.

Frau Rose-Möhring begreift Statistik also nicht etwa als wissenschaftliches Instrument, sondern in erster Linie als eine Art Werkzeug der Gegnerinnen und Gegner ihrer Gleichstellungsbürokratie. Sie hält aber tapfer dagegen:

Mit ein bisschen gesundem Frauenverstand können wir schnell lernen, grundsätzliche Fehler in der Erstellung dieser Zahlenwerke und die Fragwürdigkeit von deren Interpretation zu erkennen.


Frau Rose-Möhrings Artikelserie scheint zwei Ziele zu haben: Sie möchte andere Gleichstellungsbürokratinnen über Statistik aufklären und sie möchte ihre Aufklärung mit Rechenbeispielen untermauern. In beidem scheitert sie grandios.

Einerseits bemüht sie sich, die Statistik als eine Art Orakel darzustellen, dem man jede beliebige Antwort entlocken kann. Andererseits bringt sie Rechenbeispiele, die schon die Schüler einer 7. oder 8. Klasse als falsch erkennen sollten. Charakteristisch ist diese Aussage aus Teil 3:

Soll also manipuliert werden, muss „man“ die Stellschräubchen an den zu berücksichtigenden Zahlen und anzuwendenden Methoden einfach ein bisschen drehen, bis das Ergebnis dem Mensch am Computer passt. Das dürfte auch für einen Statistikbanausen nicht allzu schwer sein. Hat er noch ein paar Fachkenntnisse, vereinfacht das die Sache noch.

Im Klartext: Wenn ohnehin alles »gedreht« werden kann, können auch alle Ergebnisse von Statistiken als Manipulation denunziert werden.


Im Teil 3 ihrer Serie schreibt Frau Rose-Möhring, dass sie als Studentin mit einem Kommilitonen ins Gespräch gekommen sei, der ihr von »23 anderen Arten angeblich gängiger Verteilungskurven« erzählt habe. Und weiter:

Und es sollte noch viele weitere Arten geben, einen Mittel- oder Durchschnittswert zu bestimmen (für mich und sicher auch viele andere Lai/inn/en ist das dasselbe). Die Ergebnisse, so wurde ich belehrt, seien so unterschiedlich, dass sie nur von der angewandten Methode abhingen. Für mich jedenfalls war es das – ich klinkte mich geistig aus.

Wenn Frau Rose-Möhring anderen Frauen die Statistik erklären möchte, dann sollte sie sich nicht schon bei den Mittelwerten geistig ausklinken. Das wirkt dann doch etwas unglaubwürdig.


Ich war natürlich auch gespannt auf die Methoden, mit denen Frau Rose-Möhring uns den »gesunden Frauenverstand« rechnerisch beibringen möchte. In mehreren Beiträgen ihrer Serie wird klar, dass Frau Rose-Möhring schon an der Prozentrechnung scheitert. Beispiel aus Beitrag 1:

Auch hier macht ein Beispiel deutlich, um was es geht: In einer Dienststelle mit ursprünglich 1.000 Beschäftigten und einem Frauenanteil von 10%, also 900 Männern und 100 Frauen können 5% mehr weibliche Mitarbeiter verschiedenes bedeuten:

  • jetzt insgesamt 15% Frauen, also 150 Frauen und 850 Männer;
  • oder der Anteil der 100 Frauen hat sich um 5% erhöht, also jetzt 105 Frauen und 895 Männer;
  • oder – da über Männer eigentlich nichts gesagt wird – der Anteil der Frauen hat sich um 5% auf 105 und der Anteil der Männer sagen wir um 10% auf 990 bei jetzt 1095 Beschäftigten erhöht […];

Es gibt hier keine zwei Möglichkeiten. Die Aussage »5% mehr weibliche Mitarbeiter« muss sich auf einen festen Grundwert beziehen. Wenn es vorher 100 Mitarbeiterinnen gab, dann sind es nach einer Steigerung um 5% natürlich 105 Mitarbeiterinnen. Ob sich dabei auch der Frauenanteil in der Belegschaft erhöht hat, hängt von der neuen Gesamtzahl der Beschäftigten ab.

In Frau Rose-Möhrings erstem Anstrich müsste es heißen: »Der Anteil der Frauen an der Belegschaft hat sich um fünf Prozentpunkte von 10% auf 15% erhöht.« Den Unterschied zwischen »Prozent« und »Prozentpunkt« sollte man kennen, bevor man sich anschickt, über Statistik zu schreiben.

Im dritten Anstrich bringt sie »Anteil« und »Anzahl« so schlimm durcheinander, dass es beim Lesen fast schon physische Schmerzen erzeugt.


Ein didaktisch ähnlich schwaches Beispiel bringt Frau Rose-Möhring im zweiten Teil ihrer Serie:

Wenn Sie hören, dass es einem Personalchef gelungen sei, in 4 von 5 Abteilungen den Frauenanteil im letzten Jahr um 20% zu steigern, kann das auch bedeuten, dass vorher in jeder Abteilung nur 5 Frauen beschäftigt waren und er vor der Erhebung aus einer Abteilung 4 Frauen auf die anderen Abteilungen umgesetzt hat, wo die Erhöhung von 5 auf 6 jetzt 20% Steigerung ausmacht.

Der Personalchef steigert hier nicht den Frauenanteil, sondern die Anzahl der Frauen (von 5 auf 6). Über den Anteil kann gar keine Aussage getroffen werden, da man die Gesamtzahl der Beschäftigten im ersten und zweiten Jahr nicht kennt. Im dritten Teil konterkariert Frau Rose-Möhring ihr eigenes Beispiel:

50 Neueinstellungen mit 5 Frauen gegenüber 40 Neueinstellungen mit 4 Frauen im letzten Jahr zeigt gleichstellungspolitische Stagnation auf Steinzeitniveau. Aufbereitet zu einer Steigerung der Neueinstellung von Frauen um 20% (von 4 auf 5) ist es dann aber schon fast ein Durchbruch, soweit dies nicht weiter hinterfragt wird.

Eine Steigerung von 4 auf 5 Neueinstellungen ergibt nicht 20% Steigerung, sondern 25%. Zumindest nach meinem Männerverstand …


Zum Schluss noch eine Perle aus dem Rose-Möhringschen Lehrblog der »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte«:

Computer sind im Grunde ehrliche und wahrheitsliebende Kerle. Sie rechnen im Rahmen der Programmierung unermüdlich alles und das richtig. Sie kümmern sich nicht darum, ob die Daten richtig erhoben wurden, ob die verglichenen Zeiträume stimmig sind, ob Äpfel mit Birnen verglichen werden oder ein Zahlenverhältnis überhaupt etwas Vernünftiges aussagt.

Das könnte man nach der Lektüre der ersten drei Artikel über die Autorin auch vermuten.


Der Teil 4 ist offenbar für den kommenden Montag vorbereitet, aber ich habe ihn durch Zufall in der Suche schon gefunden. Im ersten Absatz heißt es:

Der Zeitpunkt ist gekommen, sich um den interpretatorischen Teil der Statistik zu kümmern. Die Systematikerinnen unter Ihnen werden vielleicht einwenden, dies sei auch schon in den anderen Teilen enthalten gewesen […]

Der gesunde Menschenverstand sagt mir: Nein. War er nicht. Es war ja noch nicht mal fehlerfreie Prozentrechnung enthalten. Es bleibt nur zu hoffen, dass es Frauen mit Kenntnissen der Statistik gibt, die den Mut haben, Frau Rose-Möhring zu erklären, was sie da für eine Leistung abgeliefert hat …


Quellen: »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte« von Kristin Rose-Möhring.

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

(Abgerufen am 20. November 2014.)


11 Antworten zu Von Frauenquoten und Statistik …

  1. Klaus W. sagt:

    Na, Sie haben Zeit und Nerven…

    • stefanolix sagt:

      So viel Zeit brauchte das nicht. Und die Nerven: eher für die Vorstellung, dass jemand in dieser einflussreichen bürokratischen Lobby-Position derart groben Unfug in die Welt setzt.

  2. ein anderer Stefan sagt:

    Zeit und Nerven hat wohl die Autorin, so einen Unsinn zu schreiben und posten zu lassen.

  3. Manni sagt:

    „…dass es beim Lesen fast schon physische Schmerzen erzeugt“ – kann ich gut nachvollziehen!

    • stefanolix sagt:

      Solche Leute beeinflussen an wichtiger Stelle die Politik. Sie können dagegen klagen, wenn eine Ministerin sich den Vertrauten (Pressesprecher sind sehr wichtig) ohne Einbeziehung einer »Gleichstellungsbürokratin« auswählt. Das schmerzt noch mehr als die Kenntnislosigkeit, die in den Artikeln aufscheint.

  4. Sathiya sagt:

    Ach herrje.
    Dein Artikel ist gut, wie immer. Aber Du wirst gegen das, was sich selbst „ein wenig gesunder Frauenverstand“ bezeichnet, nicht ankommen… mit keinen sachlichen, logischen oder sonstwie zutreffenden Argumenten. ;-) Hast Du schon mal daran gedacht, Dich in Don Quichotte umzubenennen? Windmühlen bekämpfst Du da, Windmühlen…!
    Trotzdem – gut, daß es Blogs wie den Deinen gibt, der den Finger auf die Wunde legt.

    Zur Entspannung: Suite für Cello Nr. 5 c-moll von J.S.Bach – herrlich!

    [Danke! Ich habe nur den Link so angepasst, dass das Video nicht eingebettet ist. – Stefan]

    • stefanolix sagt:

      Ich habe heute Morgen via Twitter als Kommentar zu einer politischen Rede ein neues Wort kennengelernt: »Bathos«. Ursprünglich bezeichnet das Wort etwas Tiefes, Niederes – als Stilfigur ist es der abrupte Wechsel z. B. zwischen etwas sehr Wichtigem und etwas Banalem, Unwichtigem …

      Den Artikel habe ich noch geschrieben, ohne das Wort zu kennen. Aber es passt so sehr zu dem Thema!

      Auf der einen Seite die vielen Frauen, die täglich im Beruf oder im Privaten Leistung bringen und natürlich auch rechnen können – auf der anderen Seite eine offenbar völlig kenntnislose Vertreterin dieser hohlen Bürokratie, die kein Mensch braucht und die sich nur selbst aufbläht.

      Und die maßt sich an, im Namen von Frauen mit »Frauenverstand« zu argumentieren? Was diese Dame in ihren Artikeln ausbreitet, ist nicht von Verstand, sondern nur von hohlem Pathos getragen. Und ich weiß, wovon ich rede – ich habe am Ende der DDR noch genug hohles Pathos miterlebt …

      Aber genug von Bathos und Pathos ;-)


      Für diese Bürokratie müssen wir alle einen Teil unserer Zeit arbeiten und Steuern zahlen – Frauen wie Männer. Und sie bringen ja nicht nur keinen Nutzen – sie schaden eher …

      So denke ich, dass der gute Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte, die keine wirkliche Bedrohung waren. Aber diese Bürokratie legt sich bald schlimmer über das Land, als damals in der DDR.

      • Sathiya sagt:

        Danke für die Link-Entbettung! (was für ein Hurz: ich wollte nur die Adresse angeben – keinen aktiven Link und schon gar kein Video einbetten.)
        Bathos – schlägt die Brücke zu Pathos – zu pathetic. Ist gleich erbärmlich. :-)
        Dein letzter Satz trifft den Nerv. Wir leben (bald wieder) in der Deutschen Bürokratischen Bürokratik. Prost! :-)

  5. Gerlinde sagt:

    „…. Windmuehlen kaempfte, die keine wirkliche Bedrohung waren. Aber diese Buerokratie legt sich bald schlimmer ueber das Land, als damals in der DDR “

    Hab‘ das zwar jetzt erst voll lesen koennen, aber versehentlich heute frueh woanders schon mal in ca. kommentiert ‚ wer wohl DIEjenigen sind, welche Vergleichsmoeglichkeiten haben, da frueher ein/etwas krasses ‚Anderes‘ gehabt ?‘ = viiiele ’sehen‘ DAS (darum = mangelnde Vergleichsmoeglichkeit) gar nicht .

    Zwar wuerde ich ueblicherweise sagen „eine Schwalbe (ob Mann oder Frau ;-) ) macht noch keinen Sommer“, aber DAS muss ich Euch ueberlassen = Euer Land.
    (Meine Sit. ist hierzu eine ziemlich zwickmuehlige: duerfte zwar waehlen – brauche es aber nicht ‚auszuhalten‘ ^^. Kriege als ‚deutsche Staatsgefangene‘ aber auch nich gut doppelte Staatsbuergerschaft – wie andere Laender das gut und leicht tun ….
    ach ja: andere Geschichte -nicht hierher passend AUSSER: auch ‚Buerokratiiiie‘ ;-) :-D !)

  6. mitm sagt:

    Man ist wirklich fassungslos. O-Ton aus Teil 4:

    „… der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung. Die tatsächliche, nicht die statistische Gleichstellung. Statistik allein sagt über das Erreichte noch gar nichts. Denken wir dran!“

    OMG!!
    „statistische Gleichstellung“ – was mag die gute Frau darunter nur verstehen? gleiche Regressionskoeffizienten und Absolutwerte bei der Oaxaca-Blinder Zerlegung? Wäre doch gar nicht so übel ;-)

    Besser kann man die Wissenschaftsfeindlichkeit des Feminismus nicht illustrieren. Wir fallen zurück in die Zeit vor der Aufklärung, wo Aberglaube herrschte und der Adel bestimmte, was wahr und falsch ist. Weibliche Intuition und der Glaube an Verschörungstheorien ersetzt beim feministischen Adel die Mathematik.

    Das Tolle dabei ist ja, daß die gleichen Damen, sobald sie von Gehaltsdifferenzen zuungunsten von Frauen hören, sofort alle Zahlen auf drei Stellen genau für bare Münze nehmen. Auf einmal gilt Mathematik doch wieder was.

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