Die verkaufte Braut

Ich übe hier und anderswo gern Kritik an Sprachgeboten und Denkverboten. Der folgende Artikel ist eine Kritik an Geschlechter-Metaphern von vorgestern, an nichtssagenden Floskeln und an der distanzlosen Bejubelung von Produkten.


Der F.A.S.-Motorjournalist Boris Schmidt muss wohl ein großer Fan der Marke Jaguar sein. Sein aktueller Artikel aus der F.A.S. von gestern ist noch nicht online verfügbar, aber dieses Beispiel zeigt vielleicht, wie er es mit der Beschreibung von Jaguar-Fahrzeugen hält. Ende August schrieb er:

Der Jaguar F-Type, der frischeste Wurf aus England, macht vor, wie es geht. Der Sportwagen, der seit vergangenem Jahr als Cabriolet und seit April zusätzlich als Coupé angeboten wird, macht Furore. Und das nicht nur wegen seiner betörenden Formen.

Das könnte man als Motor-PR zu den Akten legen. Es ist sprachlich wenig originell – und der ganze Absatz transportiert im Grunde fast keinen Inhalt. Wenn in einem Artikel solche Floskeln vorkommen, nur damit die Seite voll wird, lese ich nur sehr selten weiter …

Gestern ist aber vom selben Autor ein ganzseitiger Artikel über Jaguar erschienen, der auch in sprachlicher Hinsicht kritikwürdig ist. Der Autor verwendet als Metapher für diese beiden Jaguar-Fahrzeuge immer wieder die Schwester(n) oder die Braut – und da schaut man doch mal genauer hin.


Geschwisterliebe

Es beginnt schon mit der Überschrift. Der Autor möchte in dem Artikel über die Liebe eines Romeo zu den beiden Fahrzeugen schreiben. Geschwisterliebe ist aber bekanntlich etwas völlig anderes. Wer hat sich da vergriffen – der Überschriftenredakteur, der Autor oder die PR-Agentur?

Und zur literarischen Seite: Romeo musste sich nie zwischen zwei Schwestern entscheiden. Er ist zwar am Anfang des Stücks noch ein wenig in Rosalinde verliebt, aber er vergisst sie in dem Augenblick, in dem er Julia zum ersten Mal sieht.


Zwei ungleiche Schwestern

Zu Beginn des Artikels werden uns die beiden Fahrzeuge als Schwestern beschrieben. Das geschieht mit Attributen, die aus einem alten Kitschroman entlehnt sein könnten:

Die eine Schwester ist wild, offenherzig, ungestüm, bildhübsch. Die andere: verschlossen, vernünftig, schön und noch ungestümer. Oder auch »zugeknüpft« – ich möchte gar nicht wissen, was sich der Autor unter einer ungestümen, gleichzeitig aber auch vernünftigen, verschlossenen und zugeknüpften Frau vorstellt ;-)


Liebhaber

Wie im Kitschroman senden die beiden Autos nun »verwirrende Signale«, bis unser Romeo völlig »hin- und hergerissen« ist. Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch:

Gut, wenn die beiden Schwestern aus der Familie Jaguar kommen, ein großes V8-Herz mit fünf Litern Hubraum haben und nicht aufeinander eifersüchtig sind. Obwohl die verschlossene, gern wird sie auch Coupé genannt, ihrer Schwester Cabriolet an Kraft und Temperament ein wenig voraus ist. 550 PS kann sie in die Waagschale werfen und 685 Newtonmeter Drehmoment. 495 PS und 625 Nm stehen dem gegenüber.

Als die beiden Jaguar-Töchter diesen Absatz gelesen hatten, wurden ihre Augen tränenfeucht und ihre Herzen schwer. Sie fuhren gemeinsam in die sinkende Abendsonne und schworen sich, nie wieder mit einem Journalisten zu reden.


Vater der Braut

Zu den beiden Jaguar-Töchtern gehört natürlich auch ein strenger Vater (obwohl man hier eigentlich eher von einer Mutterfirma reden müsste). Genießen Sie diese denkwürdigen Sätze:

Warum sich für eine von beiden entscheiden, wenn man genauso gut beide haben kann? Vater Tata in Indien wird sich freuen, wenn er gleich beide für eine Mitgift von gut 200.000 Euro unter die Haube bringt.

Erstens widerspricht es dem Ideal der romantischen Liebe, zwei Frauen zu heiraten. Zweitens bedeutete Mitgift, dass der Vater seinen Töchtern Geld mit in die Ehe gab. Eine Mitgift wurde an das Brautpaar oder an die Familie der Braut übergeben. Was der Autor meint, ist ein Brautpreis –  der wurde in der Tat an den Vater der Braut gezahlt.

Spätestens an dieser Stelle war der Tank des Autors offenbar schon leer – aber das Benzin reichte noch, um die Metapher endgültig totzufahren: Es gibt nämlich noch andere Mädchen auf dem Automarkt und so erfahren wir, dass der Onkel Ferdinand eine »Carrera-Elfe« unter die Haube bringen möchte, aber diese hat leider nur »350 PS aus sechs Töpfen« …


Damit hat man als Leser die erste Spalte des Artikels überstanden. Man ist so erschöpft, als sei man meilenweit gelaufen, um etwas Benzin zu bekommen.

Der Rest des Artikels besteht aus einem so furchtbar großen Berg an Floskeln, dass ich ihn nicht zu Ende lesen konnte und nur noch an die Floskelwolke übergeben möchte.

Sobald diese Melange aus kitschiger PR und altväterlichen Halbweisheiten online ist, werde ich einen Link setzen – als Hinweis auf ein Beispiel, wie man es in unserer Zeit nie wieder machen sollte.

Eigentlich war ich gestern nicht ausgezogen, um das Fürchten zu lernen, sondern um eine gute Zeitung zu kaufen. Nach dem Lesen dieses Artikels kann ich aber nur seufzen: »Ach, wenn’s mir doch nicht so gruselte!«


4 Antworten zu Die verkaufte Braut

  1. Gerlinde sagt:

    ;-) :-D – thumbs up, auch wenn Du gerade selbst mogelst:

    a) EIN Wort zuviel im ‚historischen Satz‘ (auch wenn Deiner auch wahr )

    b) Die ‚Koenigstochter‘ Du schon laaange ‚einkassiert‘ hast

    Die ‚Ungestueme und DOCH Zugeknoepfte‘ war eindeutig eine Zwillingsgeborene! Da geht’s auch von Schwarz auf Weiss ohne mitunter jegliche andere Schattierungen dazwischen – glaube mir ^^!

    Ich wuensch‘ Dir was: This time of the year – seasonal greetings ect. ect. (= bei gemeinsamer Freundin den Rest holen, bitte ;-) )

    LG an Dich, Koenigstochter und sonst. Fam.,
    Gerlinde

  2. Gerlinde sagt:

    Das Maerchen dazu spricht doch von ’nem Kerlchen, welcher auszog um das Gruseln zu lernen und aeusserte wohl auch oefter den Satz „Ach wenn’s mir doch (endlich ?) gruselte“.
    In sofern ist dieser Satz doch fast historisch – da schon sooo alt ?
    Na gut, Deinetwegen ‚fine-tune‘ ich das gerne auf was immer Du gerne haettest. Hat aber damit (m)einen ‚modernen‘ Satz zur Folge: „Happy men are worth/worse a lot – no matter the spelling“
    O.k., o.k., bitte vergiss nicht sog. ‚Weihnachtsfrieden‘ und wirf mir erst spaeter eine Adilette zur Strafe hinterher, bitte. Nachdem DIEse bei mir seeeeltenst fehl am Platz sind, liegst Du mit egaaal welchem spaeteren Zeitpunkt sicher niiie falsch :-D !!!

    Hoffe Du hast Dir Hosentraeger und/oder einen Guertel zu Weihnachten gewunschen, damit Du auch im Neuen Jahr immer gut in ’shape‘ bleibst auch wenn ich Dich mit meinem Bloedsinn oefter zum Explodieren bringen sollte ;-)
    Count your blessings please: bessere Koenigstochter hast Du ja schliesslich schon im Haus – per Blog kannst Du mit ‚Drachen‘ kaempfen ;-) :-D

  3. KurtE sagt:

    Die Sprache der Motordschurnalisten ist seit langem eigen. Ich rate davon ab, Fahrberichte von Motorädern zu lesen. Die sind noch schlimmer. Dort wimmelt es nur so von Kurvenräubern (die um die Kurve räubern), Muskelprotzen, Stromern, Schöngeistern und so weiter.

    Man kann bei deinem Beispiel von Glück sagen, daß nicht die sonst bei JaguarCars üblichen Analogien ausgepackt wurden: „schnurrt wie ein Kätzchen“, „fährt die Krallen aus“, „geschmeidig wie eine Katze“, „Großkatze/Hauskatze“ etc.

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