Ein Rant über Grüne, die uns Dresden erklären wollen

Es gibt manchmal Artikel, deren Einstiegssatz schon vom weiteren Lesen abschreckt – weil er auf so vielen Ebenen falsch ist, dass man den weiteren Text nicht mehr ertragen will. Hier ist ein solcher Einstiegssatz:

Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR, gerade im „Tal der Ahnungslosen“ um Dresden, nicht gewollt.

Über diesen einen Satz könnte ich mich seitenlang aufregen, weil er so abgehoben ist und weil er die beiden dümmsten denkbaren Stereotype in sich vereint. Aber keine Angst, ich mache es kurz. Man verzeihe mir, wenn ich den Text nicht erst Korrektur lese, es ist jetzt einfach ein Rant und es ist so und er muss raus. Punkt.


Ich bin hier in Dresden 1967 geboren, aufgewachsen, hatte 1986 Abitur und Berufsabschluss in der Tasche, bin seit dem 8. Oktober 1989 für Demokratie auf die Straße gegangen. Ich brauche ganz sicher von der »Heinrich-Böll-Stiftung« keine Belehrung darüber, wie die Dresdner Gesellschaft der DDR-Zeit ausgesehen hat.

Das Dresden der DDR-Zeit war eine Zivilgesellschaft aus vielen miteinander verbundenen Nischen. Diese Nischen waren aber keine Hobbit-Höhlen, in die sich Familien zurückzogen, sondern sie vereinten und vernetzten jeweils denkende, arbeitende, feiernde, oft von der Freiheit träumende Menschen.

Zu den Nischen zählten Kirchgemeinden und Kleingartensparten, Vereine und Freundeskreise, Kulturzirkel und Sportgruppen, Arbeitskollektive und Hausgemeinschaften – ich höre hier auf, denn die Dresdner wissen es, und wer sich wirklich informieren will, kann uns gern fragen.

Die SED hatte in fast allen aufgezählten Gruppen ab den 1980er Jahren keine Chance mehr. Schon montags in der Sauna vertraute man sich so weit, dass man beim Aufguss zumindest die milden politischen Witze austauschte; in kleinerer Runde nach kurzer Zeit auch die harten, und dann auch die Meinung über das Wettrüsten oder die Perestroika.


Im Rückblick auf 1989 darf man sagen: Von der Substanz Dresdens wäre ohne diese Zivilgesellschaft sehr viel weniger übriggeblieben. Man half sich auf fast allen Ebenen gegenseitig, ob es bei der Unterstützung für Ausreisende, in der beginnenden Umweltbewegung oder beim Erhalt von Kirchengebäuden war. In Jungen Gemeinden und Studentengemeinden machten verbotene Bücher die Runde, aber es wurden auch gemeinsam Bäume gepflanzt oder Dreckecken beseitigt. Das soll wieder beispielhaft für andere Aktivität stehen, ich will es nicht in die Länge ziehen.

Die Zivilgesellschaft in Dresden wurde von vielen Einzelnen getragen. Exemplarisch die Pfarrersfrau in Niedersedlitz, die den lauernden, frierenden Stasi-Spitzeln im Winter einen heißen Tee ans Auto brachte, oder der Pfarrer einer anderen Kirche, der selbst auf den Kirchturm stieg, um die Dachziegel wieder festzumachen.

Auch hier möchte ich nicht ins Detail gehen, weil jeder weiß, wie eng in der DDR der Zusammenhalt sein musste, damit man geistig überleben konnte. Und dann laufen Grün-Linke daher und belehren uns, dass es in Dresden keine Zivilgesellschaft gegeben habe. Ich könnte …


Der zweite Schwachpunkt dieses Satzes ist das Stereotyp vom »Tal der Ahnungslosen«. Dieses gequälte Bonmot ist nun gleich auf zwei Ebenen lächerlich. Dazu muss man zuerst wissen, woher es kommt: Das »Tal der Ahnungslosen« war ursprünglich eine Spottzeile der Ostberliner über den Südosten der DDR, weil dorthin die westlichen Fernsehsender nicht gereicht haben. Solche Witze hatten 1989 schon eine Bartaufwickelmaschine.

Dresden war nämlich nicht ahnungslos. Erstens gab es ab Mitte der 1980er Jahre auch im Bezirk Dresden SAT-Anlagen, die gemeinschaftlich aufgebaut wurden (übrigens wieder ein Beispiel für Zivilgesellschaft!) und man konnte damit Westsender schauen. Und zweitens reichte der Deutschlandfunk während der gesamten DDR-Zeit in jede Ecke des Elbtals.

Ich habe täglich die Informationssendung am Morgen und stundenlang Bundestagsdebatten mit den alten Kämpen der West-Demokratie gehört, ich habe als 14jähriger um RAF-Geiseln gebangt, und ich habe mir gewünscht, auch mal die rezensierten Bücher aus der Kultursendung zu lesen, die vorgestellten Platten zu besitzen, und die beschriebenen Reisen zu unternehmen.


Und jetzt kommen also West-Grün-Linke daher, die Tellkamps »Turm« vielleicht gelesen, aber sicher nicht mal zur Hälfte verstanden haben, und wollen mir erzählen, dass Dresden keine Zivilgesellschaft gewesen sei. Ich weiß nicht, ob ich hart lachen oder eine Runde weinen soll. Wenn man den »Turm« nämlich richtig liest, erkennt man durchaus Beispiele der Zivilgesellschaft – aber was rede ich zu Ahnungslosen …

Ich bin aber trotzdem dankbar für diesen Artikel. Ich weiß nämlich jetzt wieder, warum sich solche Autoren NICHT eignen, über Dresden und Pegida zu schreiben. Es ist auch klar, warum die Grünen auf dem flachen Land in Sachsen kaum eine Chance haben und bei den Wahlen kaum mehr als 5% bekommen:

Weil sie den Leuten nicht zuhören. Weil ihnen das Mindestmaß an Empathie für die Menschen fehlt. Weil sie uns als Dresdnerinnen und Dresdner nur von oben herab kennen. Weil sie in abgehobenen akademischen »Diskursen« hässliche Einschubsätze drechseln, die außerhalb ihrer Blase niemand versteht. Nochmal zum Mitschreiben:

Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR, gerade im „Tal der Ahnungslosen“ um Dresden, nicht gewollt.


Danke fürs Ertragen dieses Rants. Ich habe jetzt so viele ähnliche Sätze von »sich links verortenden« Personen gelesen, dass es einfach raus musste. Wenn Sie sich quälen möchten: Das ist der Artikel, aus dem der Satz stammt.


32 Antworten zu Ein Rant über Grüne, die uns Dresden erklären wollen

  1. ein anderer Stefan sagt:

    Tja, da frage ich mich, ob die anderen Parteien so viel besser zuhören, wenn man die Stimmenanteile als Gradmesser nimmt…
    Aber die Grünen verkommen ja sowieso zur umlackierten FDP, insofern sind 5% schon ok.

    • stefanolix sagt:

      Das will ich so pauschal nicht beurteilen. Der Realo-Flügel kann durchaus auch vernünftig agieren, man sieht es ja in einigen Kommunen im Südwesten und in Bayern.

      Die Grünen in Sachsen haben ihre einzige politikfähige Reala aus der Fraktion gedrängt. Ich habe mich sicher in der Vergangenheit über die eine oder andere rhetorische Spitze von Frau Hermenau geärgert, aber am Montag hat sie in der MDR-Sendung »Fakt ist …« wirklich fast schon so etwas wie politische Weisheit gezeigt.

  2. KurtE sagt:

    Selber schuld, wenn du dich in solchen Schmuddelecken des Internets herumtreibst. :-) Da brauchst du dich nicht wundern, daß du ein Kollateralopfer der Anti-Pegidasten geworden bist.
    Bei den krampfhaften Versuchen, die Montagsspaziergänger niederzuschreiben und wegzuerklären, werden keine Gefangenen gemacht. Schließlich scheint es um alles zu gehen. Um die Sache. Du verstehst, Genosse.
    Für das distinguiertere Publikum (z.B. BoBos in Freiburg/Br.) gibt es eben dies Erklärstück. Geschrieben von „Besserwessis in Nadelstreifen“. Wahrscheinlich ist irgendeine Studie nicht rechtzeitig fertig geworden, so daß die Leserschaft mit diesem Text erstmal provisorisch ideologisch eingenordet wird.

    Es ist für mich ohnehin der interessantere Teil des Pegida-Phänomens, zu beobachten, wie das Estäblischment plötzlich schäumt und tobt. Aus allen Rohren wird gefeuert. Solch einen Aufwand gab es nicht bei der AfD. Ja, nicht mal gegen die NPD, als die hier groß war,wurde so vom Leder gezogen. Das läßt tief blicken. Sehr interessant und sehr verstörend. Wo soll das hinführen? Wo wollte man uns hinführen? Welchen Nerv haben die Pegidasten getroffen?

    • ein anderer Stefan sagt:

      Ich denke, das liegt u.a. daran, dass die NPD in der öffentlichen Wahrnehmung mehr oder weniger unter den Tisch fiel. Die Medien, vor allem überregionale, haben die NPD nach Möglichkeit totgeschwiegen. Wenn aber Woche für Woche immer mehr Menschen auf die Straße gehen, ist das in der öffentlichen und medialen Wirkung eindringlicher, das kann man nicht wegignorieren.
      Die NPD konnte man ohne weiteres in die „Schmuddelecke“ stellen, das geht weder bei der AfD noch bei Pegida so ohne weiteres. Auch wenn nach dem, was ich so gesehen habe, genug rechte bei Pegida mitlaufen.

  3. Nun was den Bürgersinn in der DDR anbetrifft, so habe ich andere Erfahrungen als Stefanolix. Ich habe es nie anders empfunden als eine Knastgemeinschaft, oder noch drasticher, als Proletarierkultur. Freilich gab es darin auch Gruppen die dieser Kultur widersprachen, doch das waren Minderheiten.
    http://glitzerwasser.blogspot.de/2013/01/was-passierte-mit-dem-burgertum-in-der.html

    Vielleicht war das in Dresden ein wenig anders als in der Gegend um Zwickau, wo ich aufgewachsen bin, und vielleicht hat das auch tatsächlich mit dem »Tal der Ahnungslosen« zu tun. Wir waren ja, was Informationen anbelangt, in einer ähnlich guten Lage wie Berlin, weil wir noch den RIAS zur Verfügung hatten. Ich erinnere mich, als Jugendlicher und junger Erwachsener auf Baustellen oder über all dort wo ein Radio lief, herauszubekommen, ob die Leute Bayern-3 oder RIAS hörten. Die ersteren waren meist die typischen Opportunisten, über die ich und meine Kumpels immer gelästert haben.

    Möglicherweise hat es diesen Bürgersinn in Dresden tatsächlich gegeben, und ich glaube diesbezüglich auch Stefanolix, der zieht sich so eine Behauptung nicht einfach an den Haaren herbei. Mich wundert nur, dass meine Eindrücke diesbezüglich so verschieden sind. Ist auf jeden Fall interessant der Frage nachzugehen.

    Was die Diffamierungen des Schreiberlings anbelangt, der mit diesem alten Witz von den Ahnungslosen meint Stimmung machen zu können, so hat das lediglich damit zu tun, dass es eine beliebte Argumentationstechnik der Linken ist, erst mal ad hominem Angriffe zu starten. Bevor Argumente gebracht werden, wird der politische Gegner mit persönlichen Angriffen und Behauptungen, Zuordnung usw., unmöglich gemacht. Danach sind auch die Argumente des Gegners nichts mehr wert. Ist ne ganz üble Masche, und bei den Linken sehr üblich. Aber leider nicht nur dort.

    • stefanolix sagt:

      Das ist interessant. Als ich mit 19 zur Armee kam, um in Frankenberg meine 18 Monate abzuleisten, traf ich auf viele Wehrpflichtige aus dem ehemaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Wir (sehr jungen) Dresdner waren eher eine Minderheit und das Zusammenleben war nicht immer leicht. Der DDR-Staat hatte perfiderweise nämlich die anderen Soldaten sehr spät »gezogen«, so dass sie schon Familie hatten und natürlich sehr frustriert über die Trennung waren.

      Es ist also richtig und wichtig anzufügen: Die DDR war in dieser Beziehung heterogen. Die Berliner Gesellschaft war noch mal anders, die Leipziger waren wegen der Messe vielleicht etwas weltoffener als die Dresdner und Chemnitzer. Weimar war noch mal eine andere Welt, da kam ich dann 1988 zum Studieren hin.

      • Vielleicht haben diese Unterschiede auch viel weniger mit dem Bild vom Westen, oder mit der Situation in der DDR zu tun, sondern es sind möglicherweise viel ältere kulturelle Prägungen vorhanden, und wir deuten dies alles ganz falsch, indem wir alles was passiert auf DDR und Ost-West-Auseinandersetzung reduzieren.

        Auf dem Portal L.I.S.A. wurde ein Projekt »Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa« vorgestellt, in dem dargelegt wurde, wie sich teilweise sehr alte Überlieferungen und frühere Zuordnungen heute noch auswirken.
        http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/phantomgrenzen_in_ostmitteleuropa?nav_id=4837

        Ich will das nicht überbewerten, aber wir sollten es als Möglichkeit im Auge behalten.

      • stefanolix sagt:

        Das muss ich mir mal in Ruhe ansehen. Von diesen unsichtbaren Grenzen habe ich auch schon gehört. Das ist auch durchaus plausibel – man denke hier in der Nähe an die »Grenze« zwischen Freiberg (Silber, Bergbau) und Dresden …

  4. Ein Artikel von der Böll-Stiftung …. das war ja eigentlich abzusehen … interessanter rant. :-)

    • stefanolix sagt:

      Ich wollte eben im neuen Jahr auch mal grüne Gedanken an mich heranlassen. Perspektivwechsel könnten ja sinnvoll sein – wenn Autoren wirklich etwas zu bieten hätten.

  5. Muyserin sagt:

    Vielen Dank für den Rant – für mich als Zugezogene sehr interessant. Ob aber die Unart, undifferenziert zu argumentieren, eine spezifisch grüne ist? Diesen FAZ-Rant fand ich ähnlich merkwürdig pauschalisierend: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/dresden-und-pegida-macht-doch-eiern-dreck-alleene-13366327-p3

    • stefanolix sagt:

      Es wird vermutlich viel voneinander abgeschrieben. Man kann die alten Tellkamp-Rezensionen wiederverwerten und man kann seine Steckenpferde reiten (vulgo: Vorurteile füttern). Natürlich haben wir Meinungsfreiheit für jeden Blödsinn, nur kauft das den Journalisten und Politikern dann eben irgendwann niemand mehr ab.

  6. Frank sagt:

    Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR übrigens zumindest in bestimmten Bereichen durchaus gewollt.Als damals aktiver AG-Leiter kann ich schon bestätigen, dass nicht alles vom Staat bestimmt wurde, sondern dass durchaus auch persönliche Initiativen unterstützt wurden. Ja, logischerweise betraf das nur Bereiche, die sich nicht hauptsächlich gegen den Staat richteten, aber manchmal ließ sich da auch nicht alles vermeiden. Ich habe das zumindest im Naturschutz-Bereich so erlebt.

    • stefanolix sagt:

      Stimmt, das hatte ich in meiner Rage gestern ganz vergessen. In Erinnerung sind auch die freiwilligen Feuerwehren und viele andere heute als Ehrenamt bezeichnete Tätigkeiten. Natürlich war das Aktivität im Rahmen der Gesellschaft, aber weder konkret dafür noch konkret dagegen. Wer sagt denn überhaupt, dass sich Zivilgesellschaft »gegen den Staat« richten muss? Es bedeutet erst mal nichts anderes als »Bürgergesellschaft« mit gemeinnützigem Sinn.

      Es gibt vieles heute unter neuem Namen. Kommunen vergeben Goldene Hausnummern – früher gab es einen ähnlichen Wettbewerb um den schönsten Vorgarten. Und mal ehrlich: Der Slogan »Unser Dorf soll schöner werden!« passt nahtlos in beide Systeme.

      Die Grünen denken heute bei »Zivilgesellschaft« nur noch an eine vom Staat oder von grünen Sponsoren subventionierte Aktivität, die zu ihrem Konzept passt …

  7. ich hab‘ eigentlich schon bei „Tal der Ahnungslosen“ aufgehört zu lesen…
    Der Titel wird so oft zitiert und immer geht es um andere Dinge als Rundfunk, dass man damit prima vor-filtern kann ob jemand überhaupt minimalste Ahnung von dem hat wovon er redet.

    • stefanolix sagt:

      Danke, Du fasst es kürzer als mein ganzer Rant. Wer so etwas schreibt und dabei sogar als Zugezogener in Dresden wohnt, sollte sich mal in die Realität der Menschen begeben …

  8. Klaus W. sagt:

    Also mich das Wort „Bräsigkeit“ von dem Zugereisten besonders amüsiert, ich hatte es fast schon vergessen (und mein Sohn mußte dafür sogar googeln). Aber es ist doch schön, wenn uns Fremde erklären, wie wir im Sachsen zu denken und zu sprechen haben.

  9. Paul sagt:

    Lieber Stefan, „gut gebrüllt Löwe“.
    Als ehemaliger DDRler kann ich nur bestätigen, dass es so war, wie Du es beschrieben hast.
    Ich bin zwar in Berlin aufgewachsen, aber mein Bruder wohnt seit 1970 in Dresden. Der Wohnort war wohl weniger entscheidend für die unterschiedlichen Erfahrungen. Das soziale Umfeld hatte, glaube ich, eine größere Bedeutung. Dadurch hatte jeder unterschiedliche Erfahrungen.
    Ich hatte meine Nische in der Kirchengemeinde.
    Tagsüber war ich staatenlos und abends saß ich in der „Ersten Reihe“. :-) Da konnten mir alle „an der Hose riechen“.
    „Tal der Ahnungslosen“ war für mich ein Spottbegriff, vergleichbar mit „Kaffeesachse“, also ohne jeden substanziellen Inhalt.

    Herzlich, Paul

    PS:
    Gebe zu, nach rant musste ich erst googlen. :-(

  10. Danke für die Einschätzung, Stefan.
    Hmm, haste auch was sinnvolles an dem Artikel gefunden? ;)
    Übrigens … „ich habe als 14jähriger um RAF-Geiseln gebangt“ … da warste sicher noch jünger, bei Baujahr 1967.

  11. KurtE sagt:

    Ein interessanter Aspekt sollte noch erwähnt werden. Immer, wenn Einschüchterungen, Apelle an den richtigen Klassenstandpunkt und Nazikeulen nicht mehr nützen, werden die ethischen Standarts des Spießertums ausgepackt.
    Dann sollen wir Dresdner uns schämen.
    Dann sollen wir Dresdner darauf achten, wie die Nachbarn über uns reden.
    Dann soll es uns peinlich sein, daß wir ausgelacht werden. (von wem auch immer)

    Das ist kein Diskurs auf Augenhöhe. So reden Vormünde mit ihren Mündeln. Typisch patriacharlisch eben.

  12. „Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR nicht gewollt.“
    Wenn jetzt noch klar ist von wem nicht gewollt, also vom SED-Regime, dann stimmt der Satz m.E. Das heißt ja nicht, dass es dieses Engagement nicht darf. Im Gegenteil, genau das setzt dieser Satz ja voraus. Was nicht ist, kann nicht nicht gewollt sein.
    Warum die Grünen jetzt über Dresden meinen herziehen zu müssen, ist den 25.000 Pegida-Demonstranten geschuldet. Das ist der ganz normale Umgang der Grünen mit Andersdenkenden.
    Sie diffamieren sie.
    So wie es die „Lügenpresse, Lügenstaat, Volksverräter“-Chöre der Pegida übrigens auch tun.
    Die Diskussionskultur in Deutschland ist einfach nicht auf dem Niveau einer liberal-freiheitlichen Gesellschaft.
    Aber das wird noch.
    Würde allerdings schon mal damit beginnen, dass man eine Demonstration nicht dafür organisiert um eine andere zu verhindern.

    • funkloch sagt:

      Doch natürlich muss man eine Demonstration gegen andere Demonstrationen richten. Wie soll denn bitte die gesellschaftliche Auseinandersetzung stattfinden? Durch beglaubigte Experten, neutrale Richter, milde Väter?

      Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Das heisst nicht, dass Meinungen nur seriell artikuliert werden dürfen, noch, dass es ein Recht auf bestimmte Manifestationsarten gibt (Niemand würde ernsthaft bei Waldbrandgefahr einen Fackelzug im Wald genehmigen).

      Meinungsfreiheit heisst eben auch, die anderen Meinungen ernst zu nehmen und eben die eigene Position dagegen zu halten. Auch eine Gegendemonstration, oder eine Blockade sind Demonstrationen zur Artikulation von Meinungen. Sicher muss es klare Grenzen bei Anwendung körperlicher Gewalt geben, was durchzusetzen auch der Job der Polizei ist. Aber einen Aufzug durchzusetzen halte ich für grundfalsch, unabhängig davon, wessen Aufzug nun von wem mit welcher Begründung blockiert wird (Maidemonstration?).

      Demokratie, die nicht nur die Organisation der Konkurrenz von Wahlvereinen meint, sondern sich in den politischen Attitüden der Bürger abstützt, muss den öffentlichen Austrag von Konflikten ermöglichen, organisieren und – ich meine auch – feiern. Da hat Dresden einigen Nachholbedarf, weil hier, so meine Beobachtung, Demokratie immer nur schön ist, wenn alle sich lieb haben.

      • stefanolix sagt:

        Ich habe mit zwei parallelen Demonstrationen kein Problem, solange es ein friedlicher Wettbewerb bleibt. Das »öffentliche Austragen von Konflikten« muss auf friedliche Weise geschehen.

        Allerdings kann das ja auch so eine Sache zum Fremdschämen sein. Ich habe 2011 erlebt, wie sich Rechte und Linke im Hauptbahnhof gegenseitig angebrüllt haben. Man konnte am Ton und an der Art der Parolen nicht unterscheiden, welche Gruppe zu welche Ideologie gehörte. Wenn ich mich richtig erinnere, wollte die eine Seite der anderen die Schädel einhauen, während die andere Seite ihre Gegner in der Elbe ertränken wollte. Wurde da ein politischer Konflikt ausgetragen? Nie und nimmer! Es war einfach nur bizarr.

        Aber die linken und linksextremen Gegner der Pegida wollen natürlich kein Brüll-Duell. Man sieht es in Leipzig oder auch in Duisburg: Die Gewalt gegen die Polizei geht eindeutig von den jeweiligen X-Gida-Gegnern aus und sie fangen auch immer wieder damit an. Die brauchen Pegida nur als Vorwand …

        Es ist im Übrigen nicht »Job der Polizei«, sich von Linksextremen mit Steinen bewerfen zu lassen. Sie KANN und SOLL auch keine Friedhofsruhe durchsetzen. Die Gewaltverbrechen der Linksextremisten gegen die Polizei haben mit Demonstrieren und Meinungsäußerung überhaupt nichts zu tun.

        Für die nahe Zukunft fürchte ich das Aufeinanderprallen von rechten Hooligans und gewalttätigen Linksextremisten mitten in meiner Heimatstadt  – da könnte es schlimmer kommen als im Februar 2011.

      • Paul sagt:

        Ich denke mal, lieber Stefan, dass man dies am Montag durch die Missachtung des GG geschafft hat.

        Ca. 50 Busse, mit von mir geschätzten ca. 2500 Gegendemonstranten waren für Montag angekündigt.
        Das hätte ein Hauen und Stechen gegeben. Da nehme ich jede Wette an.

        Da kam die Terrordrohung gerade recht. Die politisch unerfahrenen Pegida-Organisatoren wurden ausgetrixt und haben die Demo abgesagt. Weshalb wurde die Gegendemo durch Allgemeinverfügung* verboten? Für die Gegendemo gab es keine Terrordrohung.
        Das Pikante, die Verfügung, die nur die Gegendemo betraf, Pegida hatte ja schon abgesagt, wird nur mit Pegida begründet.

        Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

        Eine Gegendemonstration wird verboten, obwohl keine Terrordrohung gegen Sie vorliegt und die eigentliche Demonstration schon abgesagt war.

        Das habe ich jetzt bewusst doppelt geschrieben, weil mir das so gut gefällt.

        Herzlich, Paul

        *Bitte den Text der Allgemeinverfügung unbedingt lesen.(Ist nicht lang.)
        http://www.polizei.sachsen.de/de/dokumente/PDD/20150118XAllgemeinverfXgung.pdf

      • Peter Macheli sagt:

        Schlimm schlimm: Es fliehen schon erste Wissenschaftler vor dem linksextremen Terror in Dresden:

        http://tu-dresden.de/aktuelles/news/senat

      • Die Gegendemos dienen explizit dazu eine andere Demo zu „verhindern“ und zu „stoppen“. Damit wird der aktive und oft gewaltbereite Versuch unternommen, die Meinungsfreiheit des politischen Gegners einzuschränken und sein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit außer Kraft zu setzen.
        Wer so etwas organisiert oder aktiv betreibt hat m.E. ein Problem mit der Meinungsfreiheit und dem GG. Jedenfalls solange es nicht ihn selbst betrifft.
        Gegen eine zweite Demonstration die die andere nicht behindert, habe ich nichts sagen wollen, mir geht es lediglich um die Akzeptanz des gleichen Rechts für alle.

        Ansonsten möchte ich noch hinzufügen, dass meine Sicht bitte nicht als Sympathie für Pegida, Legida oder Dügida missverstanden werden soll. Denn die gibt es nicht.

      • @Erling Plaethe

        Die Gegendemos dienen explizit dazu eine andere Demo zu “verhindern” und zu “stoppen”. Damit wird der aktive und oft gewaltbereite Versuch unternommen, die Meinungsfreiheit des politischen Gegners einzuschränken und sein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit außer Kraft zu setzen.

        …oder einfach dazu zu zeigen dass es verdammt viele gibt die halt anderer Meinung sind.
        nur so.

      • Also, ich finde Gegendemos nicht sonderlich sinnvoll … zur eigentlichen PEGIDA-Demo gehen, sich so anziehen, dass man definitiv als Nicht-PEGIDA-Typ auffällt und dann einfach lachen, ggf. das Gespräch suchen oder oder …
        Dieses „Wir hier, ihr dort“, „Wir gut, ihr böse“ … für mich Kindergarten – Meinungsfreiheit mal hin oder her …

      • Werwohlf sagt:

        …oder einfach dazu zu zeigen dass es verdammt viele gibt die halt anderer Meinung sind.
        nur so.

        Ach, und das berechtigt dann dazu, den Wenigen (oder nur den weniger Gewaltbereiten) das Recht auf Meinungsäußerung zu versagen? Interessante Vorstellung einer demokratischen Gesellschaft.

      • Werwohlf sagt:

        Auch eine Gegendemonstration, oder eine Blockade sind Demonstrationen zur Artikulation von Meinungen.

        Eine Blockade ist so wenig eine Artikulation einer Meinung wie ein Faustschlag auf deine Nase. Meinungsäußerungen sind nichtrivalisierende Güter.

  13. funkloch sagt:

    Ich freu mich immer wieder kugelig über solche Kommentarschlaufen.
    Liebe Diskuttanten: Ich habe mich altersbedingt lange vor 89 „zivilgesellschaftlich engagiert“ in der DDR und das ging soweit, dass mir als Kriegsdienstverweigerer die Empirie fehlt, wie man beim Militär geärgert wurde. Und ich kann, auch wenn ich den Aritkel von Dietrich Herrmann nicht so den Hammer finde, bestätigen, dass zivilgesellschaftliches Engagement nicht gewollt war. Sonst hätte ich schlicht einiges mehr an Zeit außerhalb von Polizeistationen etc. verbringen können.
    Obs nun daran liegt, mit den seltsamen Demos jeden Montag? Bin ich im Zweifel. Aber hübsch ist, dass hier über einem „grünen Realo“ erzählt wird, Linke argumentierten halt gern ad hominem – und das als ,“Zugereister“ (hüstel).
    Und es gibt schon einen diversen Unterschied etwa in den Demos in Dresden und denen anderer Städte, etwa, wenn Melanie Dittmer (jüngst in Ungnade bei LB gefallen) auf Dügida rumhetzt, oder wenn man sich die klare nationale und mindestens kulturalistische Kante des Organisators in Leipzig anhört. Dagegen kann man in Dresden ein beredt schweigendes Volk erleben, was greint, weil „die“ Politik es nicht so einrichtet, wie man es selbst gern hätte und meckert, man würde nicht ernst genommen, so als wäre Ernst nehmen und Zustimmung das selbe. Diese Naivität erinnert halt eben doch ein wenig an die DDR, an den Eifer, mit dem Bitten und Forderungen 89 an die „Volksvertreter“ artikuliert wurden und nicht zuletzt an den Jubel für Kohl 89 und später für Biedenkopf.
    Das Denken in dieser Stadt ist eben doch ein bissel obrigkeitsorientiert und quengelig. Und das sag ich als hier Geborener, der trotz allem auch irgendwie gern hier bleibt.

    • funkloch sagt:

      PS: Weil hier wieder mal Herr Tellkamp als Generalzeuge benannt wurde: Mir scheint, er und ich haben in völlig unterschiedlichen Dresden gelebt. Vielleicht bin ich ja aber auch zu doof zu verstehen, was an dem Buch wichtig ist.

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