Eine Kurzeinschätzung zu der aktuellen Studie des IWH

Mein Ausgangspunkt: Die Griechenland-Krise kann und darf nicht isoliert von der gesamten Banken- und Eurokrise betrachtet werden. Es waren auch andere Länder in tiefen Schuldenkrisen und es gab einen massiven Vertrauensverlust in bestimmte Bereiche des Bankensektors.

Auch die Auswirkungen der Zentralbankpolitik der USA und der US-Bankenkrise bekamen wir in Europa in vielfacher Hinsicht zu spüren. Deutschland wurde mit seinen Staatsanleihen spätestens seit Ende 2008 oder Anfang 2009 zum »sicheren Hafen« für Investoren aus der ganzen Welt.


Die IWH-Forscher behaupten in ihrer Einleitung: Schlechte Nachrichten für Griechenland seien immer gute Nachrichten für Deutschland gewesen. Die Zinsen seien für Deutschland gesunken, wenn es Meldungen gegeben habe, die die Investoren an Griechenland zweifeln ließen. Daraus habe Deutschland einen großen Zinsvorteil erzielt.

In der Beziehung Griechenland – Deutschland ist aber zunächst nur eine Korrelation von sehr vielen dargestellt. Es gab in derselben Zeit eine Menge andere Meldungen und Statistiken, die Einfluss auf das Niveau der deutschen Zinsen hatten: die (welt)wirtschaftliche Entwicklung, die Entscheidungen der EZB über die Geldmenge und über Anleihenkäufe, die sehr intensiven Diskussionen über die Kreditwürdigkeit anderer Länder.

Mir erscheint die Idee vermessen, dass von all diesen Faktoren nur der Faktor »Griechenland« gewirkt haben soll. Die IWH-Forscher bauen aber darauf im Wesentlichen ihre Simulation auf:

In this naïve approach, any difference between observed and “normal” bond yields between 2010 and mid 2015 can therefore be attributed to the European debt crisis (which from 2010 onwards was mostly driven by events in Greece). That is, the Greek crisis created circumstances in which Germany was not only present as a safe haven, but actively sought as such by fleeing investors.

Dem hervorgehobenen Satzteil widerspreche ich vehement. Tatsache ist: Die europäische Finanzkrise wurde nicht nur durch das kleine Griechenland ausgelöst und dominiert. Spanien und Portugal, Irland, Italien und Frankreich sind ebenfalls am Entstehen der Krise beteiligt gewesen.

Erinnern wir uns: Zeitweise bangte die ganze Euro-Zone ob Italien stabil bleiben würde – und Italien ist eine ungleich größere Volkswirtschaft als Griechenland. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die Entscheidungen der Investoren und auf die Nachfrage nach deutschen Anleihen.


Wenn schon die Kernannahme der Studie aus Abschnitt 3.1 auf so zweifelhafter Basis steht, sind m. E. die Simulationen mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Am Ende der Studie fassen die IWH-Forscher aus meiner Sicht Äpfel und Birnen zusammen: Auf der einen Seite die unzweifelhaft vorhandenen Zinsvorteile Deutschlands beim Aufnehmen von Staatsschulden, die aber durch sehe viele Faktoren beeinflusst wurden. Auf der anderen Seite die Schulden Griechenlands gegenüber Deutschland.

Using this conservative approach, we find savings in the ballpark of 100 billion Euros, irrespective on how we specify the counterfactual. This should be viewed as a lower bound of the benefits accruing to the German government from the debt crisis. These gains are larger than the total Greek debt owed to Germany, (estimated by most accounts at 90 billion Euros, including exposure from a still to be negotiated program). That is, even in event that Greece defaulted on all its debt, the German central government alone would have benefited from the Greek crisis.

Um diesen Schluss zu bezweifeln, muss ich kein Wirtschaftswissenschaftler sein. Das kann rein ingenieurmäßig nicht zusammenpassen, weil es einfach zwei unterschiedliche Bezugssysteme sind. Zu den Simulationen als solchen möchte ich nichts sagen, da sie mir vor diesem Hintergrund wie Zahlenspiele im Elfenbeinturm erscheinen.


Links im Nachhinein:

Der SPIEGEL geht kritisch mit den Ergebnissen der Studie um und Egghat befasst sich mit den Auswirkungen für die gesamte Volkswirtschaft.

Ich möchte den letztgenannten Artikel v. a. deshalb empfehlen, weil er einen größeren Rahmen aufspannt als die meisten Medien, die die Studie kommentieren. Die EZB-Politik seit 2008, die natürlich den Rahmen für die Zinsen in der ganzen Euro-Zone setzt, kommt bei mir nur am Rande vor, ich hatte eher an den Markt für Anleger in Staatsanleihen gedacht. Die Rahmenbedingungen für die Realwirtschaft im »Norden« und »Süden« Europas hatte ich gar nicht bedacht.

Noch etwas weiter gedacht: Man sollte bei allen Investments in Staatsanleihen auch an die Lebensversicherung und alle anderen Versicherungen denken, die Rücklagen bilden müssen. Natürlich konnten diese Anleger ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in Griechenland investieren und wurden geradezu nach Deutschland, Österreich & Co. getrieben …


Eine Antwort zu Eine Kurzeinschätzung zu der aktuellen Studie des IWH

  1. […] Die Kritik an der Studie kam allerdings prompt. Nicht Deutschland profitiere, sondern durch die Niedrigzinsen einzig der deutsche Bundesfinanzminister und das auf Kosten der deutschen Sparer (Philipp Plickert von der FAZ). Außerdem sei es wohl falsch, dass die niedrigen Zinsen einzig von der Griechenlandkrise herrührten, wie in der Studie unterstellt (Blogger Stefanolix). […]

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