Von der verantwortungsbewussten Anonymität

In dem folgenden Artikel geht es um das Prinzip der verantwortungsbewussten Anonymität. Ich sehe Anonymität als ein Grundrecht, mit dem verantwortungsbewusst umzugehen ist. Es ist ein Text, den ich schon lange schreiben wollte. Ich bin dankbar für Hinweise und werde den Text sicher noch ergänzen.


1 Von der Technik lernen

In der Kommunikationstechnik gibt es das Robustheitsprinzip. Es lautet in Englisch: »Be conservative in what you send and liberal in what you accept from others.«

Dieses Prinzip liegt der verantwortungsbewussten Anonymität zugrunde. In meinen Worten: Kontrolliere, was du sendest und wie du es sendest. Sei so tolerant wie möglich, wenn du Informationen empfängst.


2 Etwas Spieltheorie

In der Spieltheorie gibt es das Prinzip »Tit for Tat«: Man beginnt einen Dialog immer kooperativ und reagiert in den nächsten Runden exakt so, wie das Gegenüber bei seinem letzten Zug agiert hat: entweder kooperativ oder unkooperativ.

Eine etwas nachsichtigere Variante ist das »Tit for two Tats«: Man toleriert unkooperatives Verhalten einmal mehr, weil es z. B. auf Wahrnehmungsfehlern oder Missverständnissen beruhen könnte. Danach muss man aber konsequent bleiben.

Wenn beide Seiten Gefahr laufen, in eine Endlosschleife zu geraten, muss man das Spiel natürlich abbrechen. Die Anzahl der Züge ist nur in den Experimenten der Spieltheorie begrenzt – auf Twitter leider nicht …

So viel zur Theorie. Nun zur Praxis.


3 Das Senden

Wer sich im Netz über Gesellschaft und Politik austauscht, trägt notwendigerweise Konflikte aus: Es geht nicht ohne Widerspruch, Kritik und Richtigstellung. Es gibt Missverständnisse und Pausen in der Kommunikation. Man kann also nicht wie im klassischen »tit for tat« immer »nett« eröffnen.

Trotzdem: Kontrolliere, was du sendest und wie du es sendest. Wer verantwortungsbewusst anonym sendet, darf kein Recht verletzen. Beispiele sind: die Persönlichkeitsrechte, das Datenschutzrecht und das Urheberrecht. Bleibe im Rahmen der Legalität.

Darüber hinaus muss ich abwägen, was legitim ist: Wie stark darf ich mich in Diskussionen verwickeln? Wie viel Kooperation, wie viel Konfrontation ist sinnvoll?


4 Das Empfangen

Wer sich im Netz über Gesellschaft und Politik austauscht, wird notwendigerweise auch Widerspruch, Kritik und Richtigstellung empfangen. Darüber hinaus wird es Akteure geben, die sich nicht um Legalität und Legitimität scheren: Trolle, Ideologen, radikale Aktivisten.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Verantwortungsbewusste Anonymität beinhaltet aber trotz aller Meinungsfreiheit, dass man im Netz im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen Rechtsbruch, Hass und extremistische Ideologien jeder Art eintritt.


5 Die Begründung

Mit dem Robustheitsprinzip und mit »Tit for Tat« gibt es zwei einfache Regeln der anonymen Kommunikation. Man muss verantwortungsbewusste Anonymität nicht begründen. Man muss sie leben und weiterentwickeln.


6 Die Links

https://de.wikipedia.org/wiki/Robustheitsgrundsatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Tit_for_Tat


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6 Antworten zu Von der verantwortungsbewussten Anonymität

  1. Werwohlf sagt:

    Gefällt mir sehr gut und sollte auch von manchem Klarnamen-Poster beherzigt werden.

    Ich habe es mir etwas einfacher gemacht: Ich versuche, als Anonymus immer so zu kommunizieren, wie ich es im privaten Umfeld auch tun würde. Die Betonung liegt auf „privat“, da ja gerade der Umstand, dass ich öffentlich aus reinem Erwerbsinteresse extrem vorsichtig bis hin zur Selbstzensur sein müsste (wenn nicht schon die Tatsache, dass ich mich überhaupt in politischen Online-Diskussionen zu Wort melde, mir zum Nachteil gereichte), einer der Gründe für die gewählte (Schein-)Anonymität ist.

    • stefanolix sagt:

      Du ahnst ja sowieso, aus welchen Erfahrungen heraus ich das geschrieben habe.

      Ich habe mich bewusst /gegen/ Begründungen entschieden, obwohl mir einige eingefallen sind, die auf uns und andere Leute zutreffen [Neutralität, Unabhängigkeit, Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, Erwerbsarbeit, Ehrenamt etc.]. Das hätte aber den Artikel angreifbar gemacht, weil dann jede Begründung zerpflückt würde.

      Wer sich als anonyme oder scheinbar anonyme Person konsequent verantwortungsbewusst verhält, muss gar nichts begründen.

      • Werwohlf sagt:

        Da stimme ich zu. Die Begründung ist letztlich irrelevant, nur das Verhalten zählt. Ich habe sie nur erwähnt, weil mein persönlicher Maßstab eben kein umfassender, sondern ein selektiver ist.

  2. Matthias Doellert sagt:

    Ja, klasse! Das sollten alle mal lesen und verinnerlichen. Würde zur gewaltfreien Kommunikation beitragen.

    • stefanolix sagt:

      Ich wäre ja schon froh, wenn es zu einer sachlichen Kommunikation beitragen könnte. Konflikte müssen schon ausgetragen werden, es ist nur die Frage, auf welche Art und Weise man das tut.

      Ich glaube nicht, dass es im engeren Sinne dem Fachbegriff »gewaltfreie Kommunikation« gerecht werden würde, aber das war vermutlich auch nicht Sinn der Anmerkung?

      https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation

      • Matthias Doellert sagt:

        Konflikte sollten auf Augenhöhe ausgetragen werden. Sachlich und unter Akzeptanz der Meinungsfreiheit auf beiden Seiten. Das ist aber oft nicht die Realität. Es wird auf niedrigstem Niveau auf beiden Seiten auf einander eingedroschen. Dies nachhaltig zu ändern, führt zu gewaltfreier Kommunikation.

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