Getötete Fahrradfahrer

30. September 2015

Jeder Verkehrstote ist ein Toter zu viel. Wer sich mit der Statistik der Verkehrstoten befasst, sollte deshalb besondere Vorsicht walten lassen und alle Quellen prüfen. Der folgende Beitrag handelt von groben Fehlern, die dabei im Journalismus auftreten.


Die Zeitung »Die Welt« schreibt in der Überschrift eines aktuellen Artikels:

Zahl getöteter Radfahrer steigt dramatisch

Erschreckende Studie: Seit 2005 ist die Zahl getöteter Radfahrer im Straßenverkehr um die Hälfte gestiegen.

Um es kurz zu machen und um den Fahrradfahrern unter uns den Schrecken zu nehmen: Die Angabe in der Überschrift und in der Zusammenfassung des Artikels ist völlig falsch. Im Jahr 2014 kamen deutlich weniger Fahrradfahrer ums Leben als im Jahr 2005.


Im Text der »WELT« wird dann auch gar nicht mehr über die Anzahl geschrieben, sondern es wird eine ganz andere statistische Kennzahl dargestellt:

»Unter den Toten im Straßenverkehr ist der Anteil der Fahrradfahrer in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen.«

Diese Angabe ist zwar richtig, aber ebenso irreführend. Denn während der letzten zehn Jahre (2005 bis 2014) ist sowohl die Anzahl der Verkehrstoten als auch die Anzahl der getöteten Radfahrer gesunken. Nur der Anteil der Radfahrer ist gestiegen. Es ist statistisch immer zweifelhaft, mit Anstiegen von Anteilen zu operieren, ohne die absoluten Zahlen zu betrachten.


Quelle der Zahlen ist eine Pressemitteilung über eine Studie des GDV (genauer gesagt: der Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft). In dieser Studie geht es nicht primär um die Gesamtheit der getöteten Radfahrer, sondern um den Anteil, der bei Unfällen mit Autos ums Leben kam. Der GDV schreibt:

Bei mehr als einem Drittel der getöteten Radfahrer und bei fast der Hälfte der schwerverletzten Radfahrer war der Unfallgegner ein Auto.

Die WELT hat die Zahlen also richtig aus der Pressemitteilung übernommen. Aber auch der GDV verschweigt die tatsächlichen absoluten Zahlen: Im Jahr 2005 wurden in Deutschland 575 Radfahrer getötet, im Jahr 2014 waren es 395. Diese Zahlen können Journalisten, Blogger und Leser beim Statistischen Bundesamt finden: Zweiradunfälle im Straßenverkehr (2014), S. 24.

In der Zusammenfassung der Studie sind interessante Ausführungen zu den Fahrradunfällen mit Autos zu finden. Ich will die Studie als solche in keiner Weise schlechtreden. Trotzdem muss man dem GDV den Vorwurf des Rosinenpickens machen: Wenn die Anteile statistisch nicht eingeordnet sind, führen sie die Leser in die Irre.


Die Zahlen des GDV sollen eine Forderung der Versicherungswirtschaft unterstützen: Autos sollen mit Sicherheitseinrichtungen ausgestattet werden, um Radfahrer besser erkennen zu können und sie zu schützen. Deren »Weiterentwicklung und Serieneinführung« sollen beschleunigt werden

Das kann aus Sicht der Versicherungswirtschaft eine berechtigte Forderung sein, denn sie muss die Verbesserungen nicht bezahlen, könnte aber davon einen Nutzen haben.

Es gibt aber auch andere Maßnahmen: bessere Verkehrsplanung, Senkung der Höchstgeschwindigkeit in der Stadt, mehr wirklich gute separate Radwege oder ein Verkehrssicherheitstraining für Radfahrer.


Ergänzung 1: Jede der genannten Maßnahmen muss auf der Grundlage der richtigen statistischen Kennzahlen geplant werden. Dafür hat die Presse eine Mitverantwortung – und wir als Leserinnen und Leser brauchen Kompetenz in Sachen Statistik.


Ergänzung 2: Die Dresdner Zeitung DNN bringt heute auf der letzten Seite einen recht guten Beitrag zum Thema. Sie haben direkt bei den Unfallforschern nachgefragt oder von dort detailliertere Ergebnisse erhalten. Technisch gesehen ist der Artikel in der DNN dem Artikel in der WELT um Längen voraus.

Aus Sicht der Statistik kann ich den Artikel in der DNN mit einer Note 2 bewerten. Es wird nicht ausgesagt, dass die Anzahl der getöteten Fahrradfahrer in den letzten 10 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Immerhin steht aber im Artikel, dass die Anzahl der Verkehrstoten insgesamt gesunken ist und dass sich die Anteile der Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger verschoben haben.


Ergänzung 3: Den nächsten Fehler leistet sich der WDR. Er postuliert in diesem Artikel:

Tendenz steigend: Die Zahl der getöteten Radfahrer hat in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Könnte dir Redaktion damit etwas verantwortungsbewusster umgehen? Wer dort arbeitet, muss sich viel weniger Sorgen als die Mitarbeiter in der freien Presse machen, denn das Gebührengeld fließt immer.


Ergänzung 4: Auch die Süddeutsche Zeitung hat eine falsche Überschrift, immerhin stimmt der Text im Link und der Rest des Artikels ist auch nicht zu beanstanden.


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