Getötete Fahrradfahrer

Jeder Verkehrstote ist ein Toter zu viel. Wer sich mit der Statistik der Verkehrstoten befasst, sollte deshalb besondere Vorsicht walten lassen und alle Quellen prüfen. Der folgende Beitrag handelt von groben Fehlern, die dabei im Journalismus auftreten.


Die Zeitung »Die Welt« schreibt in der Überschrift eines aktuellen Artikels:

Zahl getöteter Radfahrer steigt dramatisch

Erschreckende Studie: Seit 2005 ist die Zahl getöteter Radfahrer im Straßenverkehr um die Hälfte gestiegen.

Um es kurz zu machen und um den Fahrradfahrern unter uns den Schrecken zu nehmen: Die Angabe in der Überschrift und in der Zusammenfassung des Artikels ist völlig falsch. Im Jahr 2014 kamen deutlich weniger Fahrradfahrer ums Leben als im Jahr 2005.


Im Text der »WELT« wird dann auch gar nicht mehr über die Anzahl geschrieben, sondern es wird eine ganz andere statistische Kennzahl dargestellt:

»Unter den Toten im Straßenverkehr ist der Anteil der Fahrradfahrer in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen.«

Diese Angabe ist zwar richtig, aber ebenso irreführend. Denn während der letzten zehn Jahre (2005 bis 2014) ist sowohl die Anzahl der Verkehrstoten als auch die Anzahl der getöteten Radfahrer gesunken. Nur der Anteil der Radfahrer ist gestiegen. Es ist statistisch immer zweifelhaft, mit Anstiegen von Anteilen zu operieren, ohne die absoluten Zahlen zu betrachten.


Quelle der Zahlen ist eine Pressemitteilung über eine Studie des GDV (genauer gesagt: der Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft). In dieser Studie geht es nicht primär um die Gesamtheit der getöteten Radfahrer, sondern um den Anteil, der bei Unfällen mit Autos ums Leben kam. Der GDV schreibt:

Bei mehr als einem Drittel der getöteten Radfahrer und bei fast der Hälfte der schwerverletzten Radfahrer war der Unfallgegner ein Auto.

Die WELT hat die Zahlen also richtig aus der Pressemitteilung übernommen. Aber auch der GDV verschweigt die tatsächlichen absoluten Zahlen: Im Jahr 2005 wurden in Deutschland 575 Radfahrer getötet, im Jahr 2014 waren es 395. Diese Zahlen können Journalisten, Blogger und Leser beim Statistischen Bundesamt finden: Zweiradunfälle im Straßenverkehr (2014), S. 24.

In der Zusammenfassung der Studie sind interessante Ausführungen zu den Fahrradunfällen mit Autos zu finden. Ich will die Studie als solche in keiner Weise schlechtreden. Trotzdem muss man dem GDV den Vorwurf des Rosinenpickens machen: Wenn die Anteile statistisch nicht eingeordnet sind, führen sie die Leser in die Irre.


Die Zahlen des GDV sollen eine Forderung der Versicherungswirtschaft unterstützen: Autos sollen mit Sicherheitseinrichtungen ausgestattet werden, um Radfahrer besser erkennen zu können und sie zu schützen. Deren »Weiterentwicklung und Serieneinführung« sollen beschleunigt werden

Das kann aus Sicht der Versicherungswirtschaft eine berechtigte Forderung sein, denn sie muss die Verbesserungen nicht bezahlen, könnte aber davon einen Nutzen haben.

Es gibt aber auch andere Maßnahmen: bessere Verkehrsplanung, Senkung der Höchstgeschwindigkeit in der Stadt, mehr wirklich gute separate Radwege oder ein Verkehrssicherheitstraining für Radfahrer.


Ergänzung 1: Jede der genannten Maßnahmen muss auf der Grundlage der richtigen statistischen Kennzahlen geplant werden. Dafür hat die Presse eine Mitverantwortung – und wir als Leserinnen und Leser brauchen Kompetenz in Sachen Statistik.


Ergänzung 2: Die Dresdner Zeitung DNN bringt heute auf der letzten Seite einen recht guten Beitrag zum Thema. Sie haben direkt bei den Unfallforschern nachgefragt oder von dort detailliertere Ergebnisse erhalten. Technisch gesehen ist der Artikel in der DNN dem Artikel in der WELT um Längen voraus.

Aus Sicht der Statistik kann ich den Artikel in der DNN mit einer Note 2 bewerten. Es wird nicht ausgesagt, dass die Anzahl der getöteten Fahrradfahrer in den letzten 10 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Immerhin steht aber im Artikel, dass die Anzahl der Verkehrstoten insgesamt gesunken ist und dass sich die Anteile der Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger verschoben haben.


Ergänzung 3: Den nächsten Fehler leistet sich der WDR. Er postuliert in diesem Artikel:

Tendenz steigend: Die Zahl der getöteten Radfahrer hat in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Könnte dir Redaktion damit etwas verantwortungsbewusster umgehen? Wer dort arbeitet, muss sich viel weniger Sorgen als die Mitarbeiter in der freien Presse machen, denn das Gebührengeld fließt immer.


Ergänzung 4: Auch die Süddeutsche Zeitung hat eine falsche Überschrift, immerhin stimmt der Text im Link und der Rest des Artikels ist auch nicht zu beanstanden.


10 Antworten zu Getötete Fahrradfahrer

  1. dazu muss man wahrscheinlich auch noch annehmen dass der Anteil der Radfahrer im Straßenverkehr eher zunimmt.

    …womit man jetzt sowohl sinkende (man rechnet eher mit Radfahrern) als auch steigende Anzahl an Unfällen mit diesen erklären könnte.

    Die zugehörige Infrastruktur hat sich ebenfalls geändert (evtl. mehr Radwege?) und auch die Verwendung von Fahrradhelmen (und ähnlichen schadensabwehrenden Maßnahmen) wird nicht mehr die selbe sein.

    Komplexe Zusammenhänge sind halt komplex.

    • stefanolix sagt:

      Für eine Einschätzung müsste man die Anteile der zurückgelegten Wege für PKW, Rad, Motorrad, ÖPNV und Zu-Fuß-Gehen kennen. Da fehlt mir gerade die Zeit zum Suchen. Ich glaube mich aber auch zu erinnern, dass der Anteil der Wege steigt, die mit dem Fahrrad bewältigt werden.

      Zahlen zu den Unfallbeteiligten gibt es hier bei Destatis.

      Insgesamt ist es ein sehr komplexes Thema. Da gebe ich Dir recht. Immerhin hat die DNN heute versucht, einem Teil dieses Themas gerecht zu werden. Muss man auch mal loben.

      • Paul sagt:

        Bin mir nicht so sicher, dass der Anteil der zurückgelegten Wege ohne den Zeitfaktor aussagekräftig ist. Ad hoc würde ich eine Korrelation Weg/Zeit für relevanter halten. Aber damit kommt man dann in das Gefilde: Es ist überhaupt nicht darstellbar, weil ich nicht glaube, dass die Wegzeitstrecke ermittelt wird, ermittelbar ist.
        Damit komme ich dann zum Anfang der Überlegungen zurück. Es lassen sich wohl nur die absoluten Zahlen korrekt erfassen und die Versicherung kann ihre Propagandakampagne dorthin treten wo sie hin gehört: In die Tonne.

        Natürlich nutzt die Interessenvertretung der Radfahrer dies für eigen Interessen.

        Ich auch :-): Alle Radfahrer über vierzehn Jahre sollten ein Nummernschild bekommen!!

      • Ad hoc würde ich eine Korrelation Weg/Zeit für relevanter halten

        Zeitfaktor? Wenn ich 5km in 30min zurücklege, ist es doch nicht wahrscheinlicher dass ich einen Unfall baue als wenn ich das gleiche in 10sec tu.

        Bestenfalls ist da eine Relation, aber dann ist sie definitiv nicht linear sondern steigt in beide Richtungen an (viel regulärer Verkehr der „normal“ häufig Unfälle produziert, an den Enden der Wahrscheinlichkeit Raser und Leute die sich anderweitig auffällig verhalten)

        Nein, sry… finde ich nicht glaubwürdig.

        die Versicherung kann ihre Propagandakampagne dorthin treten wo sie hin gehört: In die Tonne.

        Natürlich nutzt die Interessenvertretung der Radfahrer dies für eigen Interessen.

        Blöd halt dass die gemessenen Zahlen hier von der Versicherung kommen und die unsinnige Zusammenfassung von „Die Welt“ zusammengestellt wurde.

      • Paul sagt:

        Lieber Dr. Azrael Tod,
        teilweise gebe ich ihnen recht.
        Natürlich macht es einen Unterschied wo sich der Verkehrsteilnehmer bewegt. Der Radfahrer auf einem separaten Radweg 5m neben der Landstraße ist weniger gefährdet als der Radfahrer im dichten Großstadtverkehr.
        Das auch noch statistisch zu berücksichtigen scheint mir völlig aussichtslos zu sein.

        Ansonsten ist die Gefährdung schon zeitabhängig. Die Teilnahme am Verkehr bezeichne ich mal als eine Gefahrensituation. Je länger ich mich in dieser Gefahrensituation aufhalte, desto länger bin ich gefährdet. Der Eintritt des Gefahrenfalls ist nach meinem Verständnis nicht nur von der zurückgelegten Wegstrecke abhängig, sondern auch von der Zeit.

        „Zeitfaktor? Wenn ich 5km in 30min zurücklege, ist es doch nicht wahrscheinlicher dass ich einen Unfall baue als wenn ich das gleiche in 10sec tu.“

        Bei 10sec mag das stimmen, weil natürlich das individuelle Verhalten ebenfalls eine bedeutende Ursache für die Wahrscheinlichkeit des Unfalleintritts ist. Bei 5km in 10sec, das sind 1800km/h (kann bei Beispielen schon mal passieren), ist der Unfalleintritt eigentlich sicher. :-)

        Nehmen wir ein realistischeres Beispiel:
        5km in 15min gegenüber 30min.

        Höhere Geschwindigkeit höhere Gefahr. Ist für mich logisch.
        Niedrigere Geschwindigkeit niedrigere Gefahr. Ist auch logisch?
        Längerer Aufenthalt in einer Situation erhöht die Unfallmöglichkeit. Ist doch auch logisch?

        Ob nun die niedrigere/höhere Geschwindigkeit und damit niedrigere Gefahr durch den Zeitfaktor kompensiert wird, weiß ich nicht.

        Aber einen wesentlicher Faktor für die Unfallwahrscheinlichkeit sind Geschwindigkeit und Zeit schon?

        Deshalb machen die Versicherungen nur polemische Propaganda zur Durchsetzung von Eigeninteressen.
        Ab in die Tonne.

        Herzlich, Paul

        PS:
        OT
        Wie machst Du das, dass die Zitate so deutlich gekennzeichnet werden. Bin PC-Unerfahren und bekomme das nicht hin. :-(

      • Bei 10sec mag das stimmen, weil natürlich das individuelle Verhalten ebenfalls eine bedeutende Ursache für die Wahrscheinlichkeit des Unfalleintritts ist. Bei 5km in 10sec, das sind 1800km/h (kann bei Beispielen schon mal passieren), ist der Unfalleintritt eigentlich sicher. :-)

        War beabsichtigt überspitzt, aber ich glaube wirklich dass dies auch für andere Geschwindigkeiten zutrifft.

        Längerer Aufenthalt in einer Situation erhöht die Unfallmöglichkeit. Ist doch auch logisch?

        Nehmen wir halt 30km/h und 70km/h. Ich sehe nicht warum bei 30 der Unfall wahrscheinlicher sein sollte. Ich habe mehr Zeit zu reagieren und Bremswege werden ebenfalls kürzer.

        Natürlich wird der Einfluss von fremdverschuldeten Unfällen mit der Verweildauer immer stärker gegenüber den Selbstverschuldeten. Aber das ist ja dann nur noch mehr Argument _gegen_ höhere Geschwindigkeit?

        Und natürlich wird das am Oberen/Unteren Ende der zu erwartenden Geschwindigkeiten ebenfalls ausbrechen. Jemand der den ganzen Tag in der Fußgängerzone steht wird natürlich größere Wahrscheinlichkeit auf Unfälle haben als jemand der 5min durch selbige läuft.

        Wie gesagt: ich glaube nicht an eine lineare Relation.

        PS:
        OT
        Wie machst Du das, dass die Zitate so deutlich gekennzeichnet werden. Bin PC-Unerfahren und bekomme das nicht hin. :-(

        WordPress-Kommentare erlauben üblicherweise das Einfügen bestimmter HTML-Tags, darunter blockquote (Zitat), a (anchor – Link), b (bold – Fettschrift), i (italic – Kursivschrift).

        <blockquote>Text</blockquote>
        wird also folgendermaßen dargestellt:

        Text

      • stefanolix sagt:

        Was Paul vergleichen möchte: Ich bewege mich von DD nach Köln/Bonn. Ich begebe mich dazu in die Gefahrensituation »Verkehr«. Mit dem Flugzeug dauert es z. B. zwei Stunden, mit dem ICE etwa sieben Stunden und mit dem Fahrrad vermutlich vier Tage. Das spielt bei der Berechnung von Risiken und beim Vergleich der Sicherheit von Verkehrsmitteln statistisch durchaus eine Rolle.

      • Was Paul vergleichen möchte: Ich bewege mich von DD nach Köln/Bonn. Ich begebe mich dazu in die Gefahrensituation »Verkehr«. Mit dem Flugzeug dauert es z. B. zwei Stunden, mit dem ICE etwa sieben Stunden und mit dem Fahrrad vermutlich vier Tage. Das spielt bei der Berechnung von Risiken und beim Vergleich der Sicherheit von Verkehrsmitteln statistisch durchaus eine Rolle.

        …und mit der Regionalbahn dauert es ebenfalls einen Tag, dadurch ist es doch noch lange nicht gefährlicher als per ICE.

        Klar sind PKW deutlich gefährlicher pro gereistem Kilometer als Flugzeuge, aber das bedeutet doch lange nicht dass das an der Geschwindigkeit liegt.

        Eine Ariane-Rakete oder ein Formel-1-Auto hat auch eine deutlich höhere Unfallwahrscheinlichkeit als ein Fußgänger. Ich glaube hier werden Faktoren verwechselt.

        Nein, ich bin nicht überzeugt.

      • Paul sagt:

        Hallo Stefan,
        danke für die Hilfe.

        Hallo Dr. Tod,
        danke für Tipp.

        Nein, ich bin nicht überzeugt.

        Es ist nicht so schlimm, dass ich Dich nicht überzeugen konnte. Wir lassen das mal so stehen.

        Herzlich, Paul

  2. Hat dies auf Critical Mass Hannover rebloggt und kommentierte:
    Lasst euch nicht einreden, dass das Radfahren immer gefährlicher wird! Der Anteil des Radverkehrs steigt, und das ist gut so. Für alle Verkehrsteilnehmer!

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