Lutz Bachmann und der Goebbels-Vergleich

Man muss sich Lutz Bachmann heute wohl als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat sich mit seinem Goebbels-Vergleich in eine lange Liste mehr oder weniger bekannter Personen des öffentlichen Lebens eingereiht – und er wird dafür noch lange Beachtung finden.

Goebbels-Vergleiche sind in der deutschen Innenpolitik immer wieder ein Mittel der (billigen) Provokation gewesen. Bachmann wusste sehr genau, dass er mit diesen Worten einen Reflex auslöst. Er wusste auch, dass sich die Medien und viele Politiker geschichtsvergessen darauf stürzen würden.

Wer heute wegen Bachmanns Provokation den Staatsanwalt einschalten will, sollte vorher einen Augenblick an die Geschichte denken: Der Goebbels-Vergleich ist für seine politischen Urheber immer ohne rechtliche Konsequenzen geblieben. Eine Auswahl aus dem Zettelkasten der Demagogie hat der SPIEGEL vor einigen Jahren veröffentlicht. Zitat von dort:

Zuspitzung gehörte zum Geschäft – auch schon bei Brandts und Kohls Vorgängern. Der Goebbels-Vergleich als letztes Mittel im politischen Schlagabtausch, als schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal – der Sozialdemokrat war nicht der erste, der sie einsetzte. Konrad Adenauer (CDU) hatte so schon gegen Kurt Schumacher (SPD) gewettert, Herbert Wehner (SPD) gegen Franz Josef Strauß (CSU), Strauß wiederum gegen linke Demonstranten.

Bachmann hat zwar keinerlei Programm und keinerlei Lösung für unsere aktuellen Probleme. Er weiß aber sehr gut, wie man Aufmerksamkeit provoziert. Bachmann ist es auch völlig egal, ob der Goebbels-Vergleich als schmutzig eingestuft wird – er kann sich ja auf eine lange Reihe anderer Personen berufen, die ihn bereits ungestraft eingesetzt haben.

Bachmanns Provokation sollte den Zeitungen allenfalls eine historisch klug eingeordnete Randnotiz wert sein. Wenn sich Medien und Politiker darüber aufregen, tanzen sie nach Bachmanns Pfeife und machen eine weitere Woche für #Pegida kostenlose Werbung. Die treffende Formulierung »schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal« trifft auch auf Bachmanns Goebbels-Vergleich zu. Dabei sollte man es belassen.

Wer schreibt, bloggt oder twittert, sollte gelegentlich reflektieren: Mit welchen rhetorischen Tricks werde ich konfrontiert? Welche rhetorischen »Waffen« setze ich gewollt oder ungewollt selbst ein – wenn ich zitiere, favorisiere oder weiterleite? Welche Fehlschlüsse unterlaufen mir dabei? Das ist allemal nutzbringender, als die Aufregung über den Herrn Bachmann zu ventilieren …


12 Antworten zu Lutz Bachmann und der Goebbels-Vergleich

  1. ich würde ihm nicht so viel Berechnung zugestehen, dafür halte ich ihn einfach nicht für intelligent genug. Das Göbbels-Sprech war imho eher einfacher Reflex, Floskeln halt die er am Stammtisch sonst auch immer verwendet.

    …ansonsten muss ich dir natürlich recht geben, jegliche Aufmerksamkeit auf sowas zu verschwenden ist albern. Umso schlimmer dass gefühlt alle ÖR-Sendungen noch immer jenen Vergleich hoch und runter dudeln.

    • stefanolix sagt:

      Und die Reaktion des Herrn Maas ist genauso ungeschickt wie die Reaktionen der Presse: Er hätte gar keine Chance, einen Prozess zu gewinnen – es gibt keinen Grund, auch nur darüber zu reden.

      All die anderen »Ziele« von Goebbels-Vergleichen mussten den irrsinnigen einfach als rhetorische Waffe hinnehmen, die letztlich moralisch auf die »Angreifer« zurückfiel.

      Ich halte die Aussage für sehr gut überlegt, denn etwas wie »X ist der größte Demagoge seit …« ist eine Meinungsäußerung, die man rechtlich eigentlich nicht angreifen kann.

  2. KurtE sagt:

    Vielleicht hat sich Bachmann auch nur von der ARD-Sendung „Monitor“ inspirieren lassen. Seit über einer Woche kursiert in den sozialen Medien deren Höcke-Goebbels-Vergleich. Und zwar als filmische Gegenüberstellung im Originalton.
    http://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/videohoeckesredengoebbelssound100.html

    • stefanolix sagt:

      (Achtung, der kommt flach): Es ist ja auch verlöckend – bei der Stimme und bei den Themen …

      Im Ernst: Es ist immer interessant und gleichzeitig deprimierend, wie Demagogen zu Werke gehen. Mir haben »Hitlers Volksstaat« von Götz Aly, die großen Hitler-Biographien und natürlich »LTI« von Victor Klemperer in vielen Dingen den Horizont erweitert. Aus diesen und anderen Werken kommt nur ein Schluss: Nie wieder Totalitarismus!

      • Alter weißer Mann sagt:

        „Nie wieder Totalitarismus!“

        Auch meine Meinung.
        Es muss allen aufrechten Demokraten ein Herzensanliegen sein, generell nur noch die richtigen Meinungen zu erlauben und alles abweichende zu unterdrücken.
        Ich sage nur: Wehret den Anfängen!

        Deshalb bin ich sehr froh, dass die Medien nur die richtigen Meinungen durchlassen. Auch die FAZ, bis vor kurzem von Pluratitätsduselei vernebelt noch abweichende Meinungen erlaubend, hat jetzt für alle heiklen Themen die Kommentarfunktion gesperrt.
        Genauso wie die DNN, deren Redaktionsführer zur gleichen Zeit Beschwerden über die gesprächsverweigernden Pegida-Leute ablässt.
        Klasse!

        Schön ist auch, dass aufrechte Demokraten den Pegida-Anhängern nicht nur die Autos anzünden, sondern auch die Fresse polieren.
        Im Zusammenhang mit solchen Ausbrüchen berechtigten Volkszrons gebührt dem dem Dezernat Staatsschutz besonderer Dank, wie die es im engen Zusammenwirken mit dem Operativen Abwehrzentrum (eine mit 125 Beamten bestückte Spezialeinheit Ermittlungen extremistisch motivierten Straftaten) immer wieder schaffen, in allen Fällen von Gewalttaten durch staatliche Verbrecher die Täter nicht zu ermitteln.
        Weiter so!

  3. Alles richtig. Aber wir lernen es nicht, solche Dinge so zu bewerten, weil wir es gar nicht abwarten können, Meldungen mit weniger als 140 Zeichen zu kommentieren und uns damit genauso wichtig zu machen wie ein Bachmann. Das ist jedenfalls eines der Probleme.

    • stefanolix sagt:

      Ah. Jetzt beginnt der Teil mit der Reflexion ;-)

      Ich denke schon, dass man auch in den berühmten 140 Zeichen die Demagogie eines Bachmann vermeiden kann – und die Ideologie eines Goebbels erst recht.

      Man kann #Pegida in Tweets kommentieren, ohne das eigene Wertesystem zu verraten.

      Dass wir alle schreiben, twittern oder bloggen, um beachtet zu werden, ist klar. Nur darf es nicht zur Sucht werden. Ich bin aber auch ganz froh, dass ich mit 48 nicht mehr jedem Reiz hinterherlaufen muss.

  4. Antifa sagt:

    In der letzten Konsequenz ist dann dieser Artikel genauso überflüssig.

  5. @Antifa, so kann man das sehen.

    @Stefanolix: Aber es geht vielleicht eher darum, dass wir uns wieder mehr um das sorgen, was trotz Internet, immer noch durch Worte „angerichtet“ werden kann. Ich habe den Eindruck, die gegenwärtige Konfrontation war noch nie so scharf wie heute. Das liegt auch daran, dass wir uns – in meinen Augen – überwiegend unüberlegt, unsere subjektiven Sichtweisen um die Ohren hauen. Die Kraft des Wortes ist, auch wenn es manchmal anders zu sein scheint, ungebrochen. Das Internet ist angeblich eine Kulturtechnik. Ich sehe in ihm die Grundlage für die Zerstörung der Gesellschaftsformen, die wir kennen. Aber wenn so vielen von uns unsere Demokratie nichts mehr wert ist, was soll dann an ihre Stelle treten? Darauf hat wahrscheinlich kaum einer von denen eine Antwort, die durch Dresden und Leipzig laufen und Lügenpresse und Volksverräter skandieren. Die Weimarer Republik hat sich mit ähnlichen Vorzeichen angekündigt. Heute braucht man dafür keinen Goebbels mehr. Den geben wir selbst – notfalls an der Tastatur.

  6. Ich wollte natürlich schreiben, das Ende der Weimarer Republik… Entschuldigung.

  7. Paul sagt:

    Habe das hier gefunden:
    Goebbels und Galgen – Zwei auf einen Streich.
    https://campogeno.wordpress.com/2015/11/03/die-goebbels-vergleiche-und-die-galgen-fuer-politiker/

    Herzlich, Paul

  8. „Wer schreibt, bloggt oder twittert, sollte gelegentlich reflektieren: Mit welchen rhetorischen Tricks werde ich konfrontiert? Welche rhetorischen »Waffen« setze ich gewollt oder ungewollt selbst ein – wenn ich zitiere, favorisiere oder weiterleite? Welche Fehlschlüsse unterlaufen mir dabei? Das ist allemal nutzbringender, als die Aufregung über den Herrn Bachmann zu ventilieren …“

    Wie wahr, lieber stefanolix. Sehr gelungener Beitrag, danke.

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