Erregungsstatistik

Viele Nutzer der sozialen Netzwerke haben sich in dieser Woche über ein Diagramm erregt, mit dem bewiesen werden sollte, dass in Deutschland besonders viele »Dumme« in den sozialen Netzwerken unterwegs seien.

In Kurzform: Diese Schlussfolgerung ist Quatsch. Aus dem einzelnen Datenpunkt in diesem Diagramm kann man über Deutsche mit niedrigem Bildungsabschluss in den sozialen Netzwerken (fast) keine Schlüsse ziehen. Erst recht verbieten sich alle Schlussfolgerungen über das Verhalten der Mitglieder dieser Gruppe.


Was ist passiert? In einer OECD-Statistik (S. 146 und 147) wurde veröffentlicht, dass 51 % der Deutschen mit niedrigem Bildungsabschluss in den sozialen Netzwerken vertreten sei – aber nur 42 % der Deutschen mit hohem Bildungsabschluss.

Das sorgte für Erregung über die vielen »Trottel«, die im Netz unterwegs seien. In Wirklichkeit wurde in der zitierten Umfrage allerdings nur folgende Frage gestellt:

Fragestellung Internet

Mindestens einmal in den letzten drei Monaten ein soziales Netzwerk aufgerufen und irgend etwas darin getan zu haben – das ist im großen Fragenkatalog eine Frage unter vielen. Sie kann nur mit Ja oder Nein beantwortet werden und die Antwort ist dementsprechend recht wenig wert.


Ein Rückschluss auf die Gruppe der Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss ist also nur mit sehr großer Vorsicht zu ziehen. Sascha Lobo, der von vielen Medien als »Internetexperte« betrachtet wird, holt trotzdem gleich mal die ganz große Keule heraus:

Die OECD hat herausgefunden, dass in allen Ländern die Social-Media-Nutzer gebildeter sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Außer in Deutschland. Ausgerechnet hier ist es andersherum: je dümmer, desto Social Media.

Das ist kompletter Blödsinn. Aus den Zahlen der OECD kann man diese Schlussfolgerung nicht ziehen. Als ich gestern misstrauisch gegenüber den Daten und Schlussfolgerungen wurde, habe ich eine Menge gelernt. Das Wissen möchte ich jetzt mit Euch teilen – denn das schützt vor voreiligen Schlüssen. Zuerst ein ganz kurzer Ausflug in die Bildungsstatistik.


Was sind niedrige formale Bildungsabschlüsse?

Die Statistik der OECD-Staaten muss Bildungsabschlüsse international vergleichbar machen. Deshalb gibt es eine Klassifizierung, in die alle Bildungsabschlüsse eingetragen werden können. In der OECD-Umfrage zur Nutzung von Informationstechnik wurde der ISCED-97 verwendet. Darin werden alle Bildungsabschlüsse in die Klassen 0 bis 6 eingeteilt.

Die Klassen 5 und 6 zählen in diesem Schema als »hohe formale Bildung« und die Klassen 0 bis 2 als »keine oder niedrige formale Bildung«. Was man dazu wissen muss: In Deutschland gibt es nur 13 % Menschen ohne formale Bildung oder mit niedriger formaler Bildung:

Diagramm Abschlüsse

Wenn aus dem roten Segment (niedriger Bildungsabschluss) die Hälfte in sozialen Netzwerken aktiv war, dann sind das 6,6 % der Deutschen.

Wenn aus dem dunkelblauen Segment (hoher Bildungsabschluss) 42 % in sozialen Netzwerken aktiv waren, sind das 16 % der Deutschen.

Es sind also gegenüber den (formal) Ungebildeten weit mehr als doppelt so viele (formal) Hochgebildete in sozialen Netzwerken unterwegs. Schon damit ist Sascha Lobo widerlegt.


Jetzt soll noch erklärt werden, warum gerade die Angabe über die 13 % der Menschen mit geringem Bildungsabschluss mit großer Vorsicht zu betrachten ist:

Die OECD-Daten werden so erhoben, dass sie für Deutschland repräsentativ sind. Man sucht also gleich viele Frauen und Männer heraus und man versucht so gut wie möglich, die soziale Zusammensetzung der Deutschen abzubilden. Merksatz: Je kleiner eine Teilgruppe ist, desto weniger sind die Daten für diese Teilgruppe repräsentativ.

Bei der Befragung der 13 % mit niedrigem Bildungsabschluss nach ihrer Aktivität in sozialen Netzwerken kann also der Zufall eine große Rolle gespielt haben. Wir wissen tatsächlich nicht sicher, ob wirklich die Hälfte dieser Gruppe in sozialen Netzwerken aktiv ist (und wir wissen erst recht nicht, was diese Menschen dort tun).

Die Gruppe der (formal) hoch Gebildeten ist fast dreimal so groß wie die Gruppe der (formal) niedrig Gebildeten. Also hat der Anteil dieser Gruppe auch ein viel höheres Gewicht. Eine Aussage über die größere Gruppe von 38 % ist natürlich nicht dreimal so genau – aber sie ist doch genauer als über die 13 %.


Es haben sich in dieser Woche viele Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss über dieses Diagramm aufgeregt und dem Lobo-Artikel begeistert zugestimmt. Auf Twitter waren darunter auch Geisteswissenschaftler, Rechtsanwälte und professionelle Meinungsmacher.

Wer einen hohen Bildungsabschluss besitzt, hat damit aber m. E. auch eine Pflicht: Er sollte sich besonders genau überlegen, welchen Thesen er zustimmt und welchen Zahlen er Glauben schenkt. Wenn er kann, sollte er aufklären – und nicht auf scheinbar »Dumme« herabschauen.


Mit besonderem Dank für kritische Nachfragen und für einen wichtigen Quellenhinweis an Bert »Netzninja« @akjev [Folge-Empfehlung].


Im OECD-Vergleich hat Deutschland einen ziemlich geringen Anteil an Menschen ohne formale Bildung oder mit niedriger formaler Bildung. Der OECD-Durchschnitt erscheint mir mit 25 % ziemlich erschreckend, wenn man bedenkt, dass für jeden guten Arbeitsplatz mindestens ein Facharbeiterabschluss notwendig wäre.

Datenquelle für die oben genannten Anteile ist das Statistische Bundesamt: Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich. Nebenbemerkung: Der Anteil von formal »ungebildeten« Menschen ist in den Bundesländern Sachsen und Thüringen am geringsten. Hier beträgt er nur 4 %.

Destatis verwendet in seiner Publikation allerdings den ISCED-2011. Er differenziert bei den höheren Bildungsabschlüssen stärker als der ISCED-97. Deshalb habe ich im Diagramm die Angabe „>5“ verwendet.


6 Antworten zu Erregungsstatistik

  1. Frank sagt:

    Unabhängig von Deiner nachfolgenden Erklärung: Sascha Lobos Ausführungen werden allgemein ziemlich überschätzt. Ich ignoriere seine Texte schon lange.

  2. Frank sagt:

    Nachtrag, soeben (logischerweise in einem sozialen Netzwerk) gefunden: Sascha und die Dummheit der Anderen

  3. Gerlinde sagt:

    Faellt mM – wieder – unter das ‚asbach-uralte Gesetz‘ von: traue keiner Statistik, welche Du nicht selbst gefaelscht hast.
    Bzw. Gerlinde-Stil: sage mir bitte vorher, WAS Du hinter dem =/Ergebnis-Zeichen herausbekommen MOECHTEST und ich finde die passenden Zahlen fuer ‚vorne dran‘ !

    LG, Gerlinde
    Kann mich auch die genannte ‚Frage‘ einst erinnern: haette alle 3e zu ticken gehabt; kann mich leider nicht erinnern, ob eine ‚Executiv-Entscheidung‘ von Prioritaet nur moeglich war – welches ich dann ehrlicherweise nicht machen haette koennen (und auch nicht getan haette sondern abgebrochen!), da aaalles ziemlich gut gleichgeteilt im Einsatz.

  4. m sagt:

    Ich lese gerade „Intellectuals and Society“ von Thomas Sowell. Stefanolix, das wird Ihnen sicher gefallen, das ist zum Thema und beschreibt Lobo et al. ganz gut.

  5. Andreas K. sagt:

    Ist auch beim Freitag ein Thema:
    https://www.freitag.de/autoren/stefanhetzel/facebook-und-das-versagen-der-meinungselite#1453638144703122

    „Ein Korrelation zwischen anhaltender Social Media-Abstinenz von Akademikern und dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen eines Landes scheint also gegeben“
    Ja ne, is klar.

    Schauen wir mal in die Türkei:
    Laut Grafik 70% hohe Abschlüsse und20% niedrige.
    Allerdings haben 2013 51% der Türken noch NIE Internet genutzt:

    Ist ja auch kein Wunder, im anatolischen Hinterland sind die Glasfaseranschlüsse rar. Wo gibt es Internet`? In den großen Städten! Und wer lebt da? Die gebildete Mittel- und Oberschicht.

    Ich zweifle immer mehr an den „Statistiken“ der OECD.

    Grüße
    Andreas

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