Mathematische und statistische Modelle für menschliches Verhalten

Anlässe dieses Artikels sind: ein lauter Stoßseufzer von Wolf Lotter auf Twitter, eine heiße Vollmondnacht, sowie Schlaflosigkeit nach einem wunderbaren Abendmenü, in dem gegrillter Fisch und mediterranes Gemüse eine wichtige Rolle spielten. Es ist lange nach drei Uhr nachts …


Wolf Lotters Tweet-Stoßseufzer:

Kann bitte, bitte, bitte jemand deutschen Sozialwissenschaftlern erkläre, was ein Homo Oeconomicus ist – und vor allem: Was nicht. 1001 Dank!

Und etwas später:

… und dann gibt es Leute, die glauben, der HO ist alt, weiss, männlich, habgierig und ein Carnivore.


Dann kamen einige interessante Fragen auf, die in diesem Thread nachzulesen sind. Zusammengefasst:

  1. Kann man mit dem »Homo oeconomicus« auch Handlungen erklären, die vorwiegend intrinsisch motiviert sind?
  2. Wie müsste dann die Nutzenfunktion aussehen?
  3. Kann man das Vermeiden von Schäden erklären? Meist geht es doch nur um den Nutzen?

Im Grunde geht es eigentlich darum: Kann man mit mathematischen und statistischen Modellen soziales Verhalten beschreiben? Wo liegen die Grenzen der Anwendung solcher Modelle? Ist es berechtigt, wenn sich Sozialwissenschaftler darüber echauffieren?


Wenn ich an solche Modelle denke, fällt mir nicht zuerst der Homo oeconomicus ein, zu dem Felix @Bruck in der Diskussion schon einige kluge Sätze schrieb. Seine drei Tweets zusammengefasst:

Der Homo oeconomicus ist zunächst einmal eine abstrakte Modellkonstruktion, er hat nicht den Anspruch, menschliches Verhalten in der ganzen Komplexität zu erklären. Und noch weniger ist er ein Verhaltensmaßstab, an dem sich alle zu orientieren haben. Leider gibt es Ökonomen, die das glauben.


Ich denke bei solchen Modellen zuerst an die Einordnung von Menschen nach soziodemographischen Eigenschaften und Kaufkraft in die Sinus-Milieus. Damit ist nämlich auch eine Frage von @dieterjosef zumindest halb beantwortet: Ja, man kann intrinisische Motivation in solche Modelle einbeziehen.

Da das Sinus-Modell urheberrechtlich geschützt ist, verweise ich auf die Seite des Sinus-Instituts [Einteilung für Deutschland] und die Wikipedia-Seite zu den Sinus-Milieus.

Es ist klar, dass diese Milieus eine Vereinfachung darstellen. Menschen sind sehr komplexe Wesen und ihre langfristigen Entscheidungen (etwa: für ein Auto, einen Motorroller, ein Fahrrad oder eine Jahreskarte des ÖPNV zur Fortbewegung in der Großstadt) sind eben nicht aus ihrer Zugehörigkeit zu einem der Milieus endgültig erklärbar.

Selbstverständlich könnten sich nun Sozialwissenschaftler darüber echauffieren, mit welch simplen und banalen Methoden die Marktforschung arbeitet. Aber das wäre wahlweise nur schlechtes Theater oder Ignoranz, denn die Modelle sind einfach nicht für eine qualitative Sozialforschung gemacht, etwa zur umfassenden Erklärung der Motivation menschlicher Entscheidungen.

Das Sinus-Modell enthält z.B. nicht das Geschlecht und die sexuelle Orientierung eines Menschen. Es gibt aber Entscheidungen, die dadurch beeinflusst werden und wahrscheinlich »verlassen« dann einige Akteure auch ihr Milieu. Trotzdem sind die Schöpfer des Modells überzeugt:

Mit den Sinus-Milieus versteht man, was die Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können. Denn die Sinus-Milieus nehmen die Menschen ganzheitlich wahr, im Bezugssystem all dessen, was für ihr Leben Bedeutung hat.

Das stimmt in dieser Schärfe nicht. Modelle sind immer Vereinfachungen – aber sie können trotzdem zum Verständnis beitragen. So ist es mit den Sinus-Milieus, mit dem Homo oeconomicus und den Kostenfunktionen. So ist es mit vielen anderen mathematischen Funktionen oder statistischen Modellen.


Man muss als Befürworter und als Kritiker einfach die Grenzen und die Anwendbarkeit der Modelle kennen. Man muss anderen Wissenschaftszweigen und anderen Wissenschaftlern die Fairness entgegenbringen, die man für sich selbst erwartet.

Nein, der Homo oeconomicus ist kein Modell, mit dem man den Menschen vollständig beschreiben könnte. Er ist aber auch keine Strohpuppe, in deren Gestalt man die gesamte Theorie zum Modellieren ökonomischer Entscheidungen verbrennen kann.

Als Strohpuppe wird der Homo oeconomicus so beschrieben: Er ist ein eiskalter Egoist, der aus allen Situationen für sich den maximalen [finanziellen] Nutzen herausholt. [Verschwiegen wird beim Strohpuppenbasteln auch, dass der Homo oeconomicus spenden kann.]

Man kann man das Modell aber erweitern: Mehrere Akteure können eine Balance zwischen Konkurrenz und Kooperation finden. Unkooperatives Verhalten wird dann bestraft, weil es allen schadet [was die Strohpuppenbastler natürlich negieren].

Außerdem kann in einer Marktwirtschaft jeder Akteur sowohl Anbieter, als auch Nachfrager sein. Auch auf diese Weise wird rein egoistisches Verhalten relativ wirksam verhindert. Nicht zu vergessen: Menschen geben sich Regeln und Rahmen vor. Also lassen wir die Kirche im Dorf – und der Homo stefanolix geht jetzt doch mal schlafen ;-)


Hinweis: Ergänzungen in eckigen Klammern wurden am Morgen danach u. a. aufgrund einiger Hinweise via Twitter eingefügt.


5 Antworten zu Mathematische und statistische Modelle für menschliches Verhalten

  1. Wolf sagt:

    Wie heißt es so schön: Alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich. Man kann die Nutzenkonzeption ökonomisch eng fassen (daran macht sich oft Kritik fest) oder auch (sozialwissenschaftlich) sehr weit ausdehnen …

  2. Ich habe kein Problem mit nutzenorientierten Modellen. Ganz im Gegenteil, ich kann mit noch an den Moment im Politikwissenschaftsstudium erinnern, als ich auf das Thema Rational Choice stieß, genau wie beim Lesen des Economist, der bei der Analyse von Sachverhalten oft einfach fragte, wem nützt es, oder wie wirkt es sich auf das Einkommen aus. Das war befreiend im Gegensatz zu eher moralgeleiteten Orientierungen, die ich von früher kannte.
    Ich finde nur, dass der HO zu simpel ist, um hilfreich zu sein, und die gedanklichen Verrenkungen zu groß sind, wenn ich mit nur einem Parameter auskommen will. Denn beim Markt habe ich es auch mit zwei Parametern zu tun: Angebot und Nachfrage. Der Schnittpunkt ist das interessante. Hat sich hier schon jemand über zu große Komplexität beschwert? Ich meine, dass die Schadensverhinderung und die Nutzenmaximierung unterschiedliche Steigungen und Kurvenverläufe haben.
    Eine gedankliche Verrenkung ist z.B. die Analyse von Drogensucht mit der Nutzenmaximierungsfunktion. Das passt vielleicht zum hedonistischen Aktienhändler, der sich mit Koks den Zusatzkick verpasst, aber nicht zum verlelendeten Junkie, der eigentlich vom Stoff loskommen möchte, aber es nicht schafft. Im Homo Oeconomicus gibt es keinen Platz für einen inneren Zwiespalt.
    Außerdem verleitet das Modell vom HO dazu zu denken, dass es für das richtige Verhalten nur des richtigen Anreizes bedarf, damit gewünschtes Verhalten erzeugt wird. Eine konkrete Anwendung dieser Sichtweise scheint mir die Sanktionierungsweise mancher Arbeitsagenturen zu sein, die Menschen mit in meinen Augen vollkommen unsinnigen Zwangsmaßnahmen in Arbeit bringen will.
    Mit einem anderen Menschenbild dahinter taucht der Anreiz als Wundermittel nämlich bei der Linken oft auf: Man muss Menschen nur respektvoll behandeln, dann benehmen sie sich auch nicht mehr schlecht. Klappt auch nicht immer.
    Wenn man Schadensverhinderung und Nutzenmaximierung getrennt voneinander betrachtet, hat man immer noch ein seelenloses mathematisches Modell, wäre in meinen Augen aber wesentlich näher am menschlichen Verhalten als beim HO-Modell. Deswegen mein Einwand.

  3. [Text war identisch mit dem oben stehenden Kommentar von Dieter.]

  4. D. sagt:

    [Text war identisch mit dem oben stehenden Kommentar von Dieter.]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: