Ratschläge für einen schlechten Leitartikel

Kurt Tucholskys unvergessene »Ratschläge für einen schlechten Redner« standen in der DDR im Lesebuch des sechsten Schuljahres. Wer diese Ratschläge wirklich noch nicht kennt, dem seien sie in aller Form empfohlen. Ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau war Anlass für die folgende Adaption.


Fange nie mit einem eigenen Argument an, sondern stelle eine Behauptung in den Raum, die alles sein kann: wahr, falsch oder vielleicht.

In Deutschland ist die Meinungsfreiheit in Gefahr.

Dann schreibe dich in Hochform! Male mit den düstersten Worten aus, was du für den Zustand der Welt hältst: Das abgrundtief Böse überschwemmt »das Internet und die sozialen Netzwerke«. Gehe darüber hinweg, dass die sozialen Netzwerke ein Teil des Internets sind.

Schreib, wie du sprichst: Schreib in langen, langen, langen, verschachtelten Sätzen – der Leser darf sich am Ende eines Satzes auf keinen Fall mehr an den Anfang erinnern. Schreib schnell und vergiss es wieder. Das schont den Magen.


Im ersten Absatz sollte ein Satz mit fast hundert Worten stehen: Wer diesen Satz übersteht, der wird den Artikel auch zu Ende lesen. Der Rest hat deine Weisheit nicht verdient. Jeder Teil dieses Satzes muss quälend zu lesen sein:

… seit also immer mehr Rassisten, AfD- und Pegida-Anhänger, Rechtsradikale und Rechtsextremisten das Netz in eine Fäkaliengrube verwandeln …

Damit hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: einen düsteren Einstieg, eine Steigerung des düsteren Einstiegs, einen Schuss legitime Fäkalsprache, das Internet und die sozialen Netzwerke. So gewinnst du die Herzen deiner Leser.


Erwähne nie ein Gegenargument – das macht einen so unsicheren Eindruck. Male das Böse in Schwarz und das Gute in Weiß. Das ist sicher und zuverlässig. Irritiere den Leser nicht mit Differenzierung.

Denn das hat der Leser gern: dass er das Gute und das Böse klar getrennt vorfindet, dass er nicht mit fremden Gedanken belästigt wird, dass er im Takt mit seiner eigenen Meinung nicken darf.

Nimm dir ein Beispiel an allen PR-Leuten und an den meisten Politikern: Hast du von denen je eine Differenzierung vernommen? Eben. Die Leute haben doch die Zeitung nicht gekauft, um ihr Weltbild zu gefährden.

Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht. Wer kann das denn aushalten, wenn Argument und Gegenargument nebeneinander stehen und daraus vielleicht sogar eine Schlussfolgerung entsteht?

Damit das Blatt voll wird, denke dir für die Bösen lustige Bezeichnungen aus: Wer einmal von dir »Chefverschwörungstheorienverbreiter« genannt wurde, ist für alle Zeiten erledigt. Wenn das nicht reicht: werde grundsätzlich. Das hast du doch im Stehsatz:

Ohne die Strafbarkeit der Beleidigung, der üblen Nachrede, der Verleumdung oder der Volksverhetzung würde jedes Gemeinwesen unweigerlich in dem Pfuhl der Niedertracht versinken, dessen Schutz die „Zensur“-Schreier wutbebend verlangen.

Das ist so schön einfach: Es könnte fast schon im Alten Testament gestanden haben. 


Am Ende des Artikels muss die Forderung stehen, dem Bösen etwas entgegenzusetzen. Verrate aber auf keinen Fall, was dem Bösen entgegengesetzt werden soll:

Es geht nicht darum, Meinungsäußerungen zu unterdrücken, aber Ziel muss es sein, der Welle von Hass, Hetze, Niedertracht und Einschüchterung, in der die freie Meinungsäußerung zu versinken droht, etwas entgegenzusetzen. Es ist höchste Zeit.

An dieser Stelle würde ein guter Leitartikel nicht enden, sondern beginnen.


PS: Dein heutiger Agitprop Leitartikel war schlecht genug. Für die nächste Ausgabe gingen hier einige weitere Tipps via Twitter ein:

Sei diffus, vermeide Argumente zugunsten von Ressentiments, sei schlecht informiert. Vor allem: Sei diffus. [‏@Hirschelmann]

Unterstelle dem Gegner Einschätzungen und Forderungen, die er gar nicht äußerte, um ihn in den Augen des Uninformierten lächerlich zu machen. [Barbara M. Kohler]


9 Antworten zu Ratschläge für einen schlechten Leitartikel

  1. onyx sagt:

    Der hier hat es noch besser beherzigt
    https://www.contra-magazin.com/2016/07/hate-speech-allzweckwaffe-zur-unterdrueckung-der-meinungsfreiheit/

    der hat die üblichen wilden Verschwörungstheorien eingebaut.
    Unterdrückte Meinungsfreiheit, keiner darf mehr sagen was er will, alle lügen, Sprech- und Denkverbot, jeder wird als Nazi beschimpft, political correctness (das ultimate evil schlechthin). Alles ganz furchtbar. Wir sind am Arsch. Lauft, solange Merkel, Maas, … [beliebig mißliebigen Machtträger der Wahl einsetzen] uns noch nicht persönlich Hirn und Eier rausgeschnitten hat! Wohooo!

    • stefanolix sagt:

      Sprachlich nehmen sie sich beide nichts. Gegenargumente sind hier wie dort nicht erwünscht. Es hagelt Übertreibungen, bis es schmerzt.

      Aber in dem Beispiel, das Du verlinkt hast, sehe ich wenigstens noch Spuren von Reflexion: dass nämlich mit den Äußerungen aus dem eigenen »Lager« auch nicht alles stimmt. Freilich ohne Ansatz, wie man etwas verbessern kann.

    • Demonstrant sagt:

      Onyx, bei allem Reschpekt vor Deinem obrigkeitsstaatlichem Furor, willst Du etwa abstreiten, dass Maas eine Zensurinfrastruktur aufgebaut hat?
      Willst Du abstreiten, dass Andersdenkende in Deutschland verfolgt werden?
      Willst Du abstreiten, dass Andersdenkenden in Deutschland der Zugang zu den Massenmedien verwehrt ist?

      • onyx sagt:

        „Onyx, bei allem Reschpekt vor Deinem obrigkeitsstaatlichem Furor,“

        Bitte wovor?

        Und ja ich bestreite das.

  2. onyx sagt:

    Dein erster Satz im 2. Absatz ist übrigens falsch. Dass die Meinungsfreiheit in Gefahr wäre, ist keine Behauptung von Maas oder der FR, sondern von genau jenen, die sie damit anspricht. Und das wiederum ist keine leere Behauptung, sondern Tatsache, wie man unschwer täglich sieht.

    • stefanolix sagt:

      Nach meiner Meinung ist die Meinungsfreiheit nicht gefährdet. So.

      Mir ist klar, dass der erste Satz den Kritikern zugeschrieben wird. Aber er gibt die Meinung der Kritiker bei weitem nicht vollständig wieder.

      Manche Kritiker sehen nicht unbedingt die Meinungsfreiheit als akut gefährdet an, sondern sie fürchten den Aufbau einer Überwachungsstruktur.

      Ein anderes Argument gegen das Vorgehen des Ministers Maas und der Ministerin Schwesig: dass die AA-Stiftung der falsche Partner sei, weil dort die falschen Leute beschäftigt seien.

      • onyx sagt:

        Das geht aus deinem Text so aber nicht hervor. So wie du es darstellst, sieht es so aus, als wolltest du diesen Satz der FR, Maas oder wem auch immer unterschieben. Aus dem FR Text wird aber spätestens beim 3. Absatz klar dass dieser Satz aus einer Passage stammt, der die Kritikstimmen lediglich persifliert. Du magst es eine „schmerzende Übertreibung“ nennen. Aber haben wir nicht gelernt, dass Zuspitzung und Übertreibungen legitime journalistische Stilmittel sind? Oder gilt das nicht mehr, oder nur bei bestimmten Gruppen, oder nur wenn bestimmte Reizworte fallen?

      • stefanolix sagt:

        Später. Familienpflichten.

  3. […] Ratschläge für einen schlechten Leitartikel […]

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