»Mansplaining Fallacy«

Im Jahr 1916 saß der Schuldirektor Knauer [bekannt aus der »Feuerzangenbowle«] vermutlich jeden Morgen mit seiner Gattin beim Frühstück und las ihr aus der Zeitung vor. Bei einem Einwand oder einer Ergänzung seiner Gattin hätte er bei sich gedacht:

»Meine Gattin ist eine wunderbare Frau und Mutter, aber von Politik hat sie keine Ahnung.«

Und sie hätte gedacht:

»Er hört mir nicht zu. Aber wenigstens redet er mir nicht in den Haushalt hinein.«


Das ist hundert Jahre her und die Gesellschaft hat sich in großen Schritten weiterentwickelt: Drei Jahre später durfte die Gattin des Schuldirektors zum ersten Mal wählen gehen. Ihre Tochter Eva, ihre Enkelinnen und ihre weiteren weiblichen Nachkommen hatten einen besseren Zugang zur Bildung, erkämpften sich gleiche Rechte und übernahmen gleiche Verantwortung.

Heute ist zum ersten Mal nach vielen Jahrzehnten der positiven Entwicklung ein Rückschritt zu erkennen: Feministische Aktivistinnen meinen, dass sie bereits der Status »Frau« dazu berechtigt, die Worte von Männern geringer zu werten als die Worte von Frauen. Sie sprechen dann verächtlich (und in der Regel meist unüberlegt und unberechtigt) von »Mansplaining«.

Sie wissen es nicht – aber sie ähneln darin dem Schuldirektor Knauer aus dem Jahr 1916, der bereits »wusste«, dass eine Frau sowieso nichts zu einem komplexen Thema beitragen könne. Und der Witz dabei ist: Für das vernichtende Urteil »Mansplaining« muss die Aktivistin heute noch nicht mal ein Studium abgeschlossen oder wenigstens eine gewisse Lebenserfahrung erworben haben. Dieser Fehlschluss hat eine eigene Kategorie verdient:

Ein Argument nicht akzeptieren oder gar nicht erst hören wollen, nur weil es von einem Mann kommt: »mansplaining fallacy«.


Der Schuldirektor Knauer war im Jahr 1916 im umgekehrten Fehlschluss befangen. Heute wissen wir: Eine Gesellschaft, die auf die Intelligenz der Frauen verzichtet und ihnen nicht zuhört, wird sich entweder nur sehr langsam entwickeln oder sie wird in ihrer Entwicklung stagnieren.

Man sieht das bis heute in allen Gesellschaften, die der Frau keine gleichen Rechte zubilligen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind fatal (ich muss sie hier nicht aufzählen).

Eine Gesellschaft, in der Mann und Frau gleichberechtigt sind und einander gleichberechtigt zuhören, wird dagegen einen höheren Wohlstand erreichen. Diesen sollten wir bewahren und nicht leichtfertig aufs Spiel setzen: Es gibt keinerlei vernünftigen Grund, im Jahr 2016 einen neuen Irrtum zu etablieren.

Ergänzung: Es gab in meinem Blog bereits einen Artikel zu diesem Thema.


24 Antworten zu »Mansplaining Fallacy«

  1. Die „mansplaining fallacy“ entstand allerdings als Reaktion auf eben dieses „mansplaining“, dass es nunmal tatsächlich gibt. Diskutiert man all das aus einem Standpunkt von Privilegien, merkt man, dass es all diese Fehlschlüsse auch in anderen Bereichen gibt, z.B. bei der Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung, etc. Da haben dann – je nach Weltanschauung – Weisse oder Schwarze mehr argumentatives Gewicht, Cis- vs. Transgender, Mütter vs. kinderlose Frauen, und so weiter. Man bekommt dann eine ganze Batterie logischer Fehlschlüsse heraus, mit der man sicher im Disput dem anderen logisch mangelhaftes Argumentieren nachweisen kann – mehr aber auch nicht.

    • stefanolix sagt:

      Es gibt nicht nur »mansplaining«, sondern auch »femsplaining«. Beispiel: Die »Netzfrauen« (deren Seite eine lange und peinliche Geschichte ist) begründen ihre Aussagen sinngemäß mit: Wir sind Frauen und Mütter.

      Natürlich können auf deren Seite auch richtige Informationen stehen, aber ein veritables Erdbeben entsteht nun mal nicht durch Probebohrungen für einen Autobahnbau, die fälschlicherweise für Fracking gehalten werden.

      Es ist also NIEMALS richtig, eine Aussage allein deshalb als wahr oder falsch zu bezeichnen, weil der Sender ein bestimmtes Geschlecht hat, eine bestimmte Hautfarbe, oder eine bestimmte Religion. Ich habe mir nur deshalb diesen Fehlschluss herausgegriffen, weil er gerade so oft auftritt.

  2. Heide Helga sagt:

    Für mich ist mansplaining zuvieles ungefragt zu erklären, was im Grunde genommen, die Sache nicht voranbringt.
    Nicht alles, was Männer von dich geben, ist per se Schwachsinn 😉

    • stefanolix sagt:

      Das ist so freundlich gesagt ;-)

    • Stephan sagt:

      Sehr geehrt Heide Helga, ich sehe zwei Probleme mit Ihrer Definition.
      1. Sie vergessen zu erwähnen, dass derjenige, der erklärt, ein Mann sein muss (sonst wäre es kein mansplaining – oder?).
      2. Es gibt, letzlich, kein objektives Kriterium dafür, wann eine Aussage eine Sache voranbringt, und wann nicht. Es gibt nur ihr subjektives Empfinden, dass eine Aussage die Sache für Sie nicht voranbringt. Was Sie über eine Aussage denken hat allderings nur etwas mit Ihnen zu tun, nicht mit dem, der die Aussage macht.

      Letzlich enthält der Begriff mansplaining eine Behauptung über die Intention dessen, der etwas erklärt. Deswegen ist er auch so problematisch- denn er macht das eingene Empfinden zum Maßstab für die Aussagen des anderen.

      • stefanolix sagt:

        Von mir ein typisches: »Ja. Aber.« ;-)

        Mansplaining als Kampfbegriff ist natürlich indiskutabel. Aber es gibt neben dem Sender und der Empfängerin auch die (subjektiv oder objektiv beobachtenden) Zuschauer und Zuhörer. Und aus eigenem Beobachten kann ich schon sagen, dass es Männer gibt, die ziemlichen Quatsch erzählen.

        Wieder ein Aber: Das gibt es auch von Frauen als Absenderin.

      • Stephan sagt:

        @stefanolix: Vielen Dank für Ihre Antwort!

        Prinzipiell glaube ich, dass für Zuhörer/Zuschauer genau das Gleiche gilt wie für Empfänger: Quatsch oder nicht Quatsch ist eine subjektive Bewertung: ein Ergebnis dessen, was Sie über das Gesagte und die Situation denken.

        Die Verantwortung für Ihre Gedanken über das, was andere sagen, liegt aber bei Ihnen, und bei niemandem sonst. Jede (moralische) Bewertung des Gesagten verlagert die Verantwortung für Ihre Gedanken und Gefühle auf den Sender, der diese aber gar nicht wahrnehmen kann (selbst wenn er das wollte). Der Versuch, einem Anderen die Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle aufzubürden, senkt allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass dieser andere Ihnen gegenüber Empathie zeigen kann, rapide, und damit auch die Wahrscheinlichkeit z.B. von einvernehmlichen Lösungen von Konflikten usw. Oder, um Marshall Rosenberg zu zitieren: „When we judge others we contribute to violence.“

  3. Herr Rau sagt:

    Ist das nicht selber ein straw man? Die mansplaining fallacy legt nahe, oder sogar fest, dass es hinreichend für mansplaining ist, wenn die Äußerung von einem Mann kommt – ist das tatsächlich die Definition, die allgemein verwendet wird? Das „nur weil es von einem Mann kommt“ wäre tatsächlich wenig sinnvoll.

    • stefanolix sagt:

      Über Geschmack und Gefühle lässt sich nicht streiten. Ob ein Diskussionsbeitrag von einer einzelnen Person als willkommen oder unwillkommen angesehen wird, ist immer subjektiv.

      Eine Definition solcher Begriffe wird in der Regel vermieden, um Doppelstandards besser anwenden zu können.

      Prominentes Beispiel ist »hate speech«: Alle sind dagegen, der Staat steckt hunderttausende Euro in die Bekämpfung des »hate speech« – aber keiner will es richtig definieren. Alle schriftlichen Begriffserklärungen werden geschickt so gedreht, dass nur die Hassreden von Rechtsradikalen erfasst sind, niemals aber von Linksradikalen, politischen Aktivisten oder radikal-fundamentalistischen Religiösen (welcher Ausprägung auch immer).

      Geprägt wurde der Begriff »Mansplaining« von radikalen Aktivistinnen und sie wenden ihn natürlich nur auf Männer an. Sie würden einen unwillkommenen Diskussionsbeitrag einer Frau nie als »Femsplaining« bezeichnen. Damit sind wir also beim Doppelstandard …

      • Herr Rau sagt:

        Vielleicht habe ich das noch nicht verstanden. Hate speech lasse ich mal weg und bleibe beim Thema: Mansplaining ist jetzt also nicht mehr das, was ein Mann sagt, sondern nur, wenn es unwillkommen ist? Wenn das stimmt, ist das albern, aber es sieht immer noch nach Strohmann aus. Notwendig ist das mit dem Mann sicher, und das Unwillkommene, aber dazu kommt wohl noch das Belehrende (wem läge es näher als mir, schon mal beruflich).
        — Zugegeben, ich kenne nur die Verwendung von Frau Rau, nicht von radikalen Aktivistinnen.

      • stefanolix sagt:

        Ob eine Äußerung als belehrend wahrgenommen wird, ist doch aber auch wieder abhängig von der Empfängerin oder dem Empfänger (wie unten im anderen Kommentar gesagt: von der sozialen, methodischen und fachlichen Kompetenz und zusätzlich sicher auch von der Tagesform).

        Was mir aber in der Tat Sorgen macht, ist die Tendenz bestimmter politischer Interessengruppen, die »alten weißen Männer« und deren Äußerungen pauschal zu verachten.

        Als ob nicht alle Menschen jeden Tag etwas älter würden und als ob wir unsere Hautfarbe ändern könnten. Als ob »alte weiße Frau« oder »junge weiße Frau« für eine höhere Qualität stünde. Und als ob Frauen nicht ebenso Unsinn reden könnten wie wir Männer.

        Ich bin (nach allem, was ich von ihr gelesen habe) sicher, dass Frau Rau mit dem Begriff sehr klug umgeht. Würden alle Menschen so damit umgehen, würde ich mir keine Sorgen machen.

  4. Werwohlf sagt:

    Ich habe unter „mansplaining“ immer verstanden, dass Männer auch dann behaupten, etwas zur Sache beitragen zu können, wenn sie keine Ahnung davon haben. Was von den „Netzfeministinnen“ gerne verwendet wird, um ihre Themen gegen männliche Diskussionsbeiträge abzuschotten.

    Ich bezweifle aber, dass dies wirklich nur auf Männer zutrifft. Meiner Erfahrung nach neigen alle Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein zu dieser Art Verhalten.

    Ich merke immer, wie verblüfft manchmal Gesprächspartner von mir sind, wenn ich einfach sage „Keine Ahnung“. Ist verwandt mit der Unfähigkeit, Fehler einzugestehen.

    • stefanolix sagt:

      Ob der Mann von einer Frau bzw. einer Gruppe Frauen als kompetent wahrgenommen wird, ist ja nicht objektiv zu bewerten. Es hängt von der sozialen, methodischen und fachlichen Kompetenz mehrerer Parteien ab: Sender, Empfängerin, peer group der Empfängerin.

  5. UweC sagt:

    Sind Klopfzeichen aus der Vergangenheit.

    Die Silvesternacht in mehreren westdeutschen Großstädten, am meisten in Köln, hat gezeigt, wohin die Reise geht.
    Die polit-mediale Begleitung der aktuellen Bautzner Ereignisse hat das noch mal bestätigt.

    Ist wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau.
    Papst reicht Ihnen nicht, jetzt wollen sie Gott sein.
    Dabei war es noch nie eine gute Idee, Gott zu lästern; egal ob man gläubig ist oder nicht, egal ob es Gott gibt oder nicht.

    Nur das Ende wird anders sein als im Märchen. Sie werden nicht in der gleichen Hütte sitzen wie am Anfang. Es wird schlimmer.

    Die angebliche Frauenunterdrückung ist eine urban legend, die mit der Realität nichts zu tun hat. In unserer Tradition hatten Frauen schon immer eine hohe Stellung.
    Die Lieder der Minnesänger hätten keinen Sinn, wenn Frauen Menschen zweiter Klasse wären.
    Wer kennt moslemische Gedichte/Lieder, wo der Bewerber die Dame anbetet?
    Wie soll man die Vorzüge einer eingesperrten Vollverschleierten preisen?

    Der Islam ist hier nicht mehr aufzuhalten. Die Seite Ehrenmordpunktde listet schon über 260 Fälle auf. Und in diesem Fall hat Merkel recht: keine Obergrenze.

    Der Berliner CDU-Chef Henkel wollte Punkte sammeln mit seiner Ablehnung des Ganzkörperkondoms.
    Ging nicht richtig los die Kampagne, sein Obergenosse de Maiziére hat ihn zurückgepfiffen.
    Die CDU steht für die Burka.
    SPD, LINKE und Grüne sowieso. Die FDP spricht sich dagegen aus, bei der Abstimmung ist sie dafür (alles andere wäre FDP-untypisch).
    Die AfD hat in Deutschland einen Anhang von ca. 15%. Viel zu wenig, um was zu bewegen oder aufzuhalten.

    In zehn Jahren reden wir nicht mehr über Mansplaining, Emanzipation, Frauen in Führungspositionen und ähnlichen Quark. Dann geht es ums nackte Überleben.

    • stefanolix sagt:

      Ich habe nicht geschrieben, dass der Direktor seine Frau im Jahr 1916 unterdrückt hat. Aber wählen gehen durfte sie tatsächlich noch nicht. Tatsächlich haben Frauen heute unendlich viel mehr Möglichkeiten als vor hundert Jahren.

      Die Geschichten aus tausendundeiner Nacht enthalten Erotik, Lob der Schönheit und Romantik. Ich gebe zu: Ich kenne mich jetzt nicht mit arabischer Liebeslyrik aus, aber es gibt mit Sicherheit viel mehr davon.

      Es gibt islamische Länder, in denen die Frau ein Kopftuch trägt und somit als Persönlichkeit mit Gesicht und Figur erkennbar ist. Das ist m. E. über alle muslimischen Frauen weltweit die Mehrheit, unter den Musliminnen in Deutschland sowieso. Die Vollverschleierung betrifft die Minderheit.

      Wenn Vollverschleierung auf deutschem Staatsgebiet in muslimischen Gemeinden oder Familienclans mit Zwang durchgesetzt werden sollte, muss unsere Gesellschaft Hilfsangebote machen. Die Gefahr, dass bald alle Frauen in Deutschland unter Vollverschleierung herumlaufen müssen, sehe ich wirklich nicht.

  6. G.satansbraten sagt:

    Hmmm, was immer diese Wortkreation genau heisst, mir stinkt einfach, dass heutzutage geplaerrt wird wie die Jochgeier bzgl. Gleichheit/Wert und dann aber wirklich mitunter der Ton im zweiten Satz hoechst degradierend wird gegen sein Ggue. !
    Dies heisst WAS?
    Es heisst: selbst nicht daran gehalten = schreien aufhoeren; zurueck in die ‚Schulklasse‘ und von vorne das Thema von Gleichheit/Wert lernen (mM !!!) !

  7. Herr Rau sagt:

    /Ich möchte den Bezug herstellen: Das war der Kommentar, auf den geantwortet wurde./

    >Prinzipiell glaube ich, dass für Zuhörer/Zuschauer genau das Gleiche gilt wie für Empfänger: Quatsch oder nicht Quatsch ist eine subjektive Bewertung: ein Ergebnis dessen, was Sie über das Gesagte und die Situation denken.
    >Die Verantwortung für Ihre Gedanken über das, was andere sagen, liegt aber bei Ihnen, und bei niemandem sonst.

    Diese Argumentation halte ich für grundfalsch, wenn ich sie denn richtig verstanden habe. Das Gesetz sieht das glücklicherweise auch so wie ich: Nach dieser Haltung kann ich über andere sagen, was ich will, und wenn der beleidigt ist, ist er selber schuld. Was kann ich dafür, dass der sich in seiner Ehre herabgewürdigt sieht?
    (Rein informationstheoretisch hast du sicher recht, dass sich jede kodierte Information zu jeder anderen Information dekodieren lässt.) Das gilt nicht nur für als beleidigende, sondern auch als belehrende oder als Quatsch empfundene Botschaften – oder als hilfreiche, kluge, usw. Die Grenzen der Bewertung sind fließend, aber es gibt sie – ich bewerte Kommunikation ja beruflich. Selbstverständlich hat das dann etwas mit „violence“ zu tun – doch ist „nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?“, will heißen: Erziehung?

    (Nicht dass ich dich erziehen oder aufklären wollte – wir erziehen und klären uns gegenseitig im Diskurs auf, so sähe Kant das jedenfalls.)

    • stefanolix sagt:

      Was Kommentator Stephan oben gesagt hat, will ich nicht voreilig interpretieren; ich verstehe es etwas anders. Ich weise ihn gleich noch auf diese Antwort hin.


      Ich bin inzwischen der Überzeugung: Das fachliche, soziale, kommunikative Urteil über eine Erläuterung ist so komplex, dass ein ideologisch aufgeladener Kampfbegriff wie »mansplaining« der Sache nicht gerecht werden kann.

      In ganz seltenen Fällen ist es eindeutig (ein Mann erklärt einer Frau Dinge aus einem Fachbuch, dass sie selbst verfasst hat).

      In vielen Fällen ist es unhöflich (Männer oder Frauen in Machtposition reden zu lange, zu laut und/oder redundant – Zuhörer können nicht ausweichen).

      Es kann zum Zusammenstoß von Kulturen kommen. Es kann Missverständnisse geben. Es gibt unangemessene und angemessene Selbstdarstellung …

      Ich würde sagen, ohne es statistisch nachweisen zu können: einer von zehntausend Fällen ist wirklich »mansplaining« ;-)


      Wir kommen mit dem Hinweis auf die Gesetze und die Beleidigungen jetzt von der Meta-Diskussion über »Mansplaining« zum allgegenwärtigen Thema Missbrauch/Gebrauch der Meinungsfreiheit, Hassrede und Beleidigung. Das ist nicht ganz unproblematisch, weil es ein extrem weites Feld ist. Wenn wir das eine ohne das andere diskutieren könnten, wäre ich sehr froh ;-)


      PS: Ich darf Erwachsene in anspruchsvollen Fortbildungen unterrichten und prüfen. Ich muss meine Arbeit reflektieren und meine Position hinterfragen.

      Ich bin der Überzeugung: Es ist nicht alles »violence«, was ein Lehrer oder Prüfer tut, aber es kann sehr schnell dorthin abgleiten. Die Bedingung für »gewaltfreie« Arbeit ist, dass man sich selbst einer angemessenen Ethik als Prüfer, Dozent, Lehrer etc. unterwirft.

      (Es ist auch auch nicht unbedingt »violence«, was ich als Vater meinem Sohn »antue«, wenn ich mit ihm Mathe-Aufgaben erarbeite oder ihn zum Gitarrenunterricht schicke. Es kann in Familien aber viel »violence« verübt werden.)

    • Stephan sagt:

      @Herr Rau: Danke für Ihren Beitrag! Er wirft viele unterschiedliche Aspekte auf, zu denen ich gerne etwas beitragen möchte.
      Sie schreiben: „Nach dieser Haltung kann ich über andere sagen, was ich will, und wenn der beleidigt ist, ist er selber schuld“
      Ich meine, niemand kann Sie daran hindern zu sagen, was Sie wollen. Das bedeutet nicht, dass Ihre Äußerungen keine Folgen haben und dass Sie für das, was Sie gesagt haben, keine Verantwortung tragen. Dieser Verantwortung werden Sie in meinen Augen gerecht, wenn Sie bereit sind, Ihrem Gesprächspartner gegenüber offen die Gefühle und Bedürfnisse darzulegen, die Ihrer Äußerung zu Grunde liegen, und ihm damit Gelegenheit geben, empathisch zu sein.

      Auf den rechtlichen Aspekt will ich nicht im Detail eingehen – ich kenne mich da nicht gut genug aus – aber ich bin mir sicher, dass Kontext und Intention einer Äußerung bei der rechtlichen Beurteilung, ob es sich um eine Beleidigung handelt, durchaus eine Rolle spielen. Sicher reichte die Tatsache allein, dass sich jemand durch eine Äußerung in seiner Ehre herabgewürdigt fühlt, nicht für eine Verurteilung aus.

      Ist Erziehung Gewalt? Ich würde alles, was jemand tut um jemand anderes dazu zu bewegen, etwas zu tun, was er nicht von selbst tun will, als gewaltvolle Handlung bezeichnen. Ich möchte ergänzen, dass ich Gewalt nicht aus moralischen Gründen ablehene.

      @stefanolix: Ich bin mit diesem Kommentar ziemlich weit vom ursprünlichen Thema Ihres Beitrags abgekommen, aber ich freue mich über die angeregte Diskussion und das Thema beschäftigt mich eben sehr.

      • Herr Rau sagt:

        >Ist Erziehung Gewalt? Ich würde alles, was jemand tut um jemand anderes dazu zu bewegen, etwas zu tun, was er nicht von selbst tun will, als gewaltvolle Handlung bezeichnen.

        Ich würde das auch so sagen. Und ich halte das ebensowenig wie Sie für verwerflich. (Natürlich gibt es einen engeren Gewaltbegriff, aber den verwenden wir hier beide nicht.)

        Vielleicht sind wir uns einig? Ich möchte jedenfalls die Verantwortung, wie eine Botschaft zu verstehen ist, nicht allein dem Empfängern aufbürden. Auch nicht dem Sender allein. Es gibt eben doch Konventionen, anhand derer quasi-neutral erntschieden werden kann (und von Lehrern und Richtern: entschieden werden muss), wie eine Nachricht zu verstehen ist. In einer perfekten (was nicht unbedingt heißen muss: erstrebenswerten) Gesellschaft wären sich alle Mitglieder über die Bewertung von Äußerungen einig. So eine Gesellschaft haben wir nicht, aber es reicht meist noch für: ziemlich einig.

        >Sicher reichte die Tatsache allein, dass sich jemand durch eine Äußerung in seiner Ehre herabgewürdigt fühlt, nicht für eine Verurteilung aus.

        Ja, vermutlich – auch ich bin kein Experte – muss eine Beleidigungsabsicht unterstellt werden. Aber das entscheidet auch eine äußere Instanz und nicht der Sprecher selber.

        – Komme ich hier irgendwie zurück zum Thema? Weiß nicht. Vor fünfzehn Jahren lachte ich sehr über ein T-Shirt mit der Aufschrift „Male Answer Syndrome“; das Konzept leuchtete mir sofort ein. Als Lehrer leide ich ja ohnehin daran, nicht zugegeben zu können, von etwas keine Ahnung zu haben.

      • Stephan sagt:

        @Herr Rau: Ich habe über die Sache mit dem Verstehen noch einmal nachgedacht. Ich finde auch, dass in einem Gespräch zwischen zwei Erwachsenen beide Beteiligten die Verantwortung dafür tragen, zum gegenseitigen Verständnis als Ergebnis des Gesprächs beizutragen. Ich würde das etwas allgemeiner so formulieren: Beide tragen zu gleichen Teilen Verantwortung für die Qualität der Interaktion. Und ich sehe nun, dass das Wort verstehen in diesem Zusammenhang problematisch ist, denn es kann sowohl das simple hören, als auch das interpretieren als auch das intellektuelle durchdringen einer Botschaft bedeuten. Insofern würde ich meine ursprüngliche Aussage wie folgt umformulieren: Der Sender der Nachricht trägt Verantwortung für das, was er sagt, der Empfänger für das, was er hört und über das Gehörte denkt, und beide tragen, dadurch wie sie miteinander umgehen, zu gleichen Teilen die Verantwortung dafür, wie gut sie am Ende den jeweils anderen verstehen (Qualität der Interaktion). Und darin würde ich einen Idealzustand des gegenseitigen Umgangs sehen: Nicht, dass jeder jeden anderen immer gleich auf Anhieb versteht, sondern dass alle ihre Verantwortung für die Qualität der Interaktion wahrnehmen.

        Und von hier aus würde ich den Bogen zum mansplaining wie folgt schlagen: Jemand, der etwas erklärt bekommt, was er nicht erklärt bekommen will, wird seiner Verantwortung für die Qualität der Interaktion dadurch gerecht, dass er äußert, wie es ihm in der Situation geht (z.B. „langweile mich gerade, weil ich Dinge höre, die ich bereits kenne“), sagt, was er in der Situation braucht (z.B. „eine Unterhaltung über Dinge, die mich interessieren“), und das verbindet mit einer konkreten, vom anderen umsetzbaren Bitte (z.B. Thema wechseln, einfach mal den Mund halten, ausreden lassen usw.).

        Denn darauf kann der andere reagieren, im Unterschied zu einem Vorwurf der Art: Was Du gerade machst ist mansplaining.

  8. Herr Rau sagt:

    >Wenn wir das eine ohne das andere diskutieren könnten, wäre ich sehr froh ;-)

    Sehr gerne. Ich habe bei Sätzen, die mit „Jede“ anfangen, einen Antwort-Reflex, weil diese Sätze meist nicht stimmen. (Ebenso: „Manche“. Am liebsten sind mir: „Diese“, weil konkret.)

    (Das mit der maximalen verschachtelungstiefe für Antworten macht es etwas schwierig, richtig zuzuordnen, ja.)

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