#Interrail

In einer Umfrage haben sich 16 % der befragten jungen Leute aus Deutschland gegen ein kostenloses Interrail-Ticket als Geschenk zum 18. Geburtstag ausgesprochen. 84 % waren dafür. Obwohl es hart klingt: Ich stimme der Minderheit zu.

Zum einen muss jemand für die Kosten aufkommen. Das sind entweder die Steuerzahler oder die Bahnkunden. Die EU-Parlamentarier, die den Vorschlag eingebracht haben, sagen jedenfalls nicht, welche EU-Ausgabe stattdessen eingespart werden soll. Sie verteilen also das Geld fremder Leute um. Im Endeffekt müssen die Nettozahler mehr Geld nach Brüssel überweisen – wobei sich einer der größten Nettozahler gerade aus der EU verabschiedet hat.

Zum anderen zementiert das Ticket die soziale Spaltung. Der Vorschlag bedeutet de facto für die ärmeren europäischen Länder, dass viele Jugendliche gar nicht teilnehmen können. Dort ist die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch und die meisten Eltern können es sich auch nicht leisten, ihrem Nachwuchs das Reisegeld vorzuschießen.

In den reicheren europäischen Ländern wäre das Ticket für viele Jugendliche dagegen eine Subvention, die eigentlich gar nicht gebraucht wird. Die Jugendlichen können sich das Geld selbst verdienen oder sie bekommen es von den Eltern. Ein gewisser Anteil wird sich aber auch bei uns in Deutschland die Reisekosten für Übernachtung und Verpflegung im Ausland nicht leisten können.

In der Logik des Umverteilens wird nun folgendes passieren: Jedes »Förderprogramm« des Staates oder der EU zieht Forderungen nach mehr Geld oder nach einer Ausweitung des Empfängerkreises nach sich.

Um nicht unsozial zu erscheinen, müsste die EU streng genommen Reisezuschüsse nach Bedürftigkeit vergeben oder die Staaten müssten ihren bedürftigen Jugendlichen unter die Arme greifen. Was bei uns in Deutschland zu einem Wust an Bürokratie führen würde (siehe: Teilhabegesetz), während die ärmeren Staaten wiederum an Grenzen stoßen würden.

Mein Gegenvorschlag: Man sollte Geld in europäische Ausbildungsprogramme und in die Förderung von Fortbildungen stecken. Damit junge Erwachsene später auf der Basis des Einkommens aus ihrer eigenen Leistung ein Ticket kaufen können. Oder zwei. Oder drei.


29 Antworten zu #Interrail

  1. Dr. Caligari sagt:

    Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, bis auf eine einzige Sache:
    Eine Bedürftigkeitsprüfung ist de facto auch diskriminierend.
    Außerdem wäre die Prüfung auch zu aufwendig, weswegen sie absehbar mies umgesetzt würde.

    • stefanolix sagt:

      Die Erfahrung zeigt es doch. Es würde ein neuer Zweig der Bürokratie entstehen. Es würde dann viel Geld für Bürokratie aufgewendet, das eigentlich den Jugendlichen dienen sollte. Die Linken würden ständig Erhöhungen und Verbesserungen fordern. Es wäre eine Spirale der Umverteilung …

  2. Immer das selbe Argument „Wenn wir X bezahlen wollen, so fehlt das Geld dann für Y“.

    Das Argument klingt logisch, beendete schon viele Diskussionen erfolgreich und ist so eingängig wie fehlgeleitet.

    In den seltensten Fällen funktionieren öffentliche Träger nach diesem Schema. Nur weil Betrag X (nicht) ausgegeben wird, hat das halt keinen direkten Einfluss auf Betrag Y.

    Es geht eben nicht um „wir geben Geld der Bahn und kürzen dafür z.B. 1-2 Förderprogramme für neue Berufsschulen“, sondern um die Frage ob dieses Programm erwünscht ist und die EU mehr oder weniger Geld ausgeben soll.

    Auch ist Geld für Subventionen halt nicht verschwunden. Steuern sind eine real existierende Sache und z.B. in Deutschland befindet sich die Bahn immer noch größtenteils in staatlicher Hand und Einnahmen fließen auch teilweise zurück.
    Natürlich will „man“ generell möglichst wenig Subventionen verteilen, aber offensichtlich hält uns das bei anderen Fördermitteln auch nicht ab.

    Zu fordern „dann müsst ihr aber auch auflisten was ihr streichen wollt oder welche Steuern ihr erhöhen wollt“ mag ein sinnvoller Beitrag sein – aber wie gesagt nicht in der Form wie du das hier machst. Bei dir wird das nur zu plattem „Ich will keine Umverteilung, weil ich keine Umverteilung mag“.

    Das kann man machen, bewegt sich dann aber auf Liberallala-Niveau.

    • stefanolix sagt:

      Egal ob die Bahnen in privater oder staatlicher Hand sind: Es scheint auf den ersten Blick auch eine Zahlung der EU an die europäischen Bahngesellschaften zu sein. Das setzt aber voraus, dass mit dem #Interrail wirklich Geld verdient wird. Das ist m. E. bei den aktuellen Preisen und Leistungen noch zu hinterfragen. Es dürfte eher darum gehen, junge Kunden zu gewinnen. Die Erlöse der Bahngesellschaften steigen also durch mehr #Interrail, aber die Gewinne eher nicht.


      Die kritische Betrachtung meines Beitrags war sehr hilfreich und ich ziehe daraus drei Fazits:

      Fazit 1: Wenn demokratisch entschieden wird, dass #Interrail verschenkt wird, dann muss das Geld (a) von den Bürgern eingetrieben werden und (b) kann es anderweitig nicht ausgegeben werden. Es geht hier auch um die Frage, welcher Anteil unseres erarbeiteten Einkommens für uns noch frei verfügbar bleibt.

      Fazit 2: Investitionen in berufliche Bildung und berufliche Fortbildung kommen den Arbeitern und Angestellten zugute, die mit ihrer Arbeit eine der Grundlagen des EU-Wohlstands bilden. Das Interrail-Ticket ist dagegen eine Ausgabe für den Konsum. Hier geht es also auch um die Konkurrenz zwischen Investieren und Konsumieren.

      Fazit 3: Dass es viele fragwürdige Subventionen gegeben hat und noch gibt, sollte kein Argument für eine weitere milliardenschwere Subvention sein (siehe auch: »versunkene Kosten«). Dass man jeden Euro eines Haushalts nur einmal ausgeben kann und dass mit dem #Brexit ein bedeutender Nettozahler die EU verlässt, ist nicht »liberallala« – das ist kühles Benennen von Fakten.


    • Werwohlf sagt:

      In den seltensten Fällen funktionieren öffentliche Träger nach diesem Schema. Nur weil Betrag X (nicht) ausgegeben wird, hat das halt keinen direkten Einfluss auf Betrag Y.

      Nicht auf jedes beliebige Y, aber auf eins ganz bestimmt. Letztlich stecken ja Ressourcen dahinter, und die können immer nur einmal allokiert werden.

      Auch ist Geld für Subventionen halt nicht verschwunden. Natürlich nicht. Es gilt der alte Satz: „Ihr Geld ist nicht weg, es hat jetzt nur ein Anderer“. Die Frage ist vor allem: Sind die Mittel an dieser Stelle effizient eingesetzt?

      Bei dir wird das nur zu plattem „Ich will keine Umverteilung, weil ich keine Umverteilung mag“.Nein, das ist eine nicht durch Fakten gedeckte Behauptung. Zwar klopft stefanolix diese bestimmte Variante der Umverteilung auf ihre Sinnhaftigkeit hin ab und verwirft sie dann, doch im letzten Absatz schlägt er an ihrer Stelle eine andere vor.

      • stefanolix sagt:

        Wie ich finde, eine sinnvollere Umverteilung – weil sie eher den Charakter einer Investition hat. Man investiert in die Bildung, durch Bildung erhöht sich das Einkommen, dadurch verbessern sich die Möglichkeiten zum Reisen. Die jungen Leute kommen zwar etwas später nach Paris, dafür aber aus eigener Kraft.

        Wenn ich Menschen etwas für den Konsum schenke, wird das ihre Motivation eher senken. Denn sie wissen, dass sie das Geschenk nur einmal bekommen können. Erst konsumieren, dann ranklotzen – das funktioniert in den allerseltensten Fällen. Es ist also kein guter Anreiz, aber es ist sehr populär.

  3. G.satansbraten sagt:

    Na ja, zumindest ist das Abstimmungs/Befuerwortungsergebnis schon mal besser ausgefallen als in Australien eine Studie des RACV’s. Bei selbiger kam vermeintlich heraus, dass ein sehr hoher Prozentsatz an Jugendlichen sich das Geld fuer Fuehrerschein & Co. lieber sparen und dafuer in ein smart phone investieren will.
    Dies hat mich etwas verwundert, denn:
    – Computer werden an den Arbeitsplaetzen bereitgestellt
    – Oeffentl. Fahrmoeglichkeiten ZU Arbeitsplaetzen sind dort eher noch miserabel ^^

    • stefanolix sagt:

      Puh. Die Jugendlichen haben vermutlich allen in der Großstadt abgestimmt?

      Oder ist der ÖPNV (der öffentliche Nahverkehr) auch in den Großstädten noch nicht ausgebaut?

      • G.satansbraten sagt:

        In den Grosstaedten geht’s etwas besser aber leider auch nicht optimal. Was mich irritiert: sie koenn(t)en sich genau ausrechnen, dass sie aus Kostengruenden irgendwann aus der Stadt heraus muessen (so nicht ‚endlos Kindsein‘ geplant ist) und zeigen null/niente/ziro ‚bigger picture‘ Denkfaehigkeit; jedoch auf aaallen Gebieten!
        Sie kapieren ja auch nicht, dass ‚bei den Eltern leben‘ eine Kosten und Zeitspar-Chance ist, um selbst dann mal einen besseren Absprung in die Unabhaengigkeit sich zu schaffen.
        Z.B.: Jammerei bzgl. teurer, unerschwinglicher Hauspreise mit vermeintlich zuuu hoher Eigenkapitalanforderung (20 % – wie schon vor ueber 30 Jahren zu meiner Zeit; Prozent ist Prozent!) und darum die jammernde Feststellung „Puuuh, das ist eh niiie zu schaffen“ Stattdessen aber jeeedes WE ein mittleres Vermoegen wegen ‚SpassBERECHTIGUNG‘ zu versaufen ^^! (= konnte auch frueher fast niemand, wenn man ‚Haustraum‘ hatte).
        Ich kann aber leider auch den entsprechenden Eltern den Vorwurf von ‚mollycoddlen‘ (= verwoehnen; in ‚Watte‘ einpacken) nicht ersparen, denn lebensfaehig sollten Kinder schon sein, wenn sie auch legal ‚rechtsfaehig‘ (Erwachsenenalter) erreichen – mM.

  4. René sagt:

    Durch die Interrail-Idee sollen sozialschwache Menschen (bitte nicht mit einkommensschwach verwechseln) den Anreiz haben, auch über den Tellerrand hinauszublicken. Verfolgt man die Berichterstattung über Dresden, wird nahezu jedem Montag deutlich, wie nötig das ist. Von Dingen wie Brexit ganz zu schweigen. Die Zielstellung ist keine soziale Maßnahme (oder wie du es später nennst für den Konsum), sondern eine für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

    Aus diesem Grund sind Bedürfigkeitsprüfungen auch der völlig falsche Ansatz. Richtig ist aber dein Hinweis: eine Reise ist eben nicht nur die Zugfahrt. Wenn einkommensschwache Menschen die Reisen mangels Unterkunft nicht antreten können, ist auch nichts gewonnen (keine halben Sachen).

    Was die Finanzierung angeht: wenn nichts gegenteiliges behauptet wird, sollte es stets als öffentliche Aufgaben verstanden werden.

    In der jetzigen Phase, da stimme ich Azrael zu, steht doch nur die Frage im Raum: Ist das von der Sache her sinnvoll? Lohnt sich die weitere Debatte? Werden Menschen offener, wenn sie völlig andere Ecken Europas und deren Menschen einmal kennenlernen? Und wie müssten die Spielregeln des Projektes sein, damit die jungen Menschen dann auch wirklich Ländergrenzen überbrücken?

    Zu diesen Fragen lese ich wenig. Was und wie es dann konkret bezahlt wird, muss dann im nächsten Schritt geklärt werden.

    • stefanolix sagt:

      Wer legt bitte fest, was eine öffentliche Aufgabe ist? Ich würde es gern als öffentliche Aufgabe sehen, dass jede Familie einmal im Monat in ein gutes vegetarisches Restaurant gehen kann. Das öffnet nicht nur den kulinarischen Horizont, sondern es gibt auch Anregungen, wie man sich zu Hause gesünder und mit mehr Genuss ernähren kann.

      Merkst Du? Für jede weitere Ausgabe des Staates finden sich Begründungen. Der »gesellschaftliche Zusammenhalt« ist eine Sache, von der jeder Mensch unterschiedliche Vorstellungen hat. Ähnlich dehnbar ist »Gerechtigkeit«.

      Sinnvoll ist: erst schaffen, dann konsumieren. Ich war in der DDR mit 14 das erste Mal in den Ferien arbeiten und konnte mir dann meinen Reisewunsch nach Leningrad erfüllen. So stimmt die Reihenfolge: Wunsch/Motivation – Arbeit – Erfüllung des Wunsches.

      • René sagt:

        Nein, das merke ich nicht. Wenn du möchtest dass das eine öffentliche Aufgabe ist (und du keine Finanzierungsmodelle nennst), gehe ich von einem steuerbasierten Vorschlag aus. Dein Beispiel erweckt eher den Eindruck, als sei es keine öffentliche Aufgabe, sondern bestenfalls ein Wunsch oder Anregung.

        Und ja, den Begriff kann man unterschiedlich auslegen. Aber ich denke, man kann ihn sauber von einer Sozialmaßnahme unterscheiden.

        Und dein Gegenbeispiel „Wunsch-Arbeit-Erfüllung“ ist keine politische Fragestellung. Das kann ja jeder heute so schon tun.

      • stefanolix sagt:

        Könntest Du dann bitte einmal schlüssig begründen, warum aus Deiner Sicht das kostenlose Interrail-Ticket für jede 18jährige Person in der EU eine »öffentliche Aufgabe« ist? Die Kosten werden von den Befürwortern auf etwas mehr als 2,2 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

    • Beobachter sagt:

      „Durch die Interrail-Idee sollen sozialschwache Menschen (bitte nicht mit einkommensschwach verwechseln) den Anreiz haben, auch über den Tellerrand hinauszublicken. Verfolgt man die Berichterstattung über Dresden, wird nahezu jedem Montag deutlich, wie nötig das ist.“

      Das glaube ich nicht. Im Gegenteil, die Dresdner wissen sehr gut, wie es in Pakistan, Algerien, Neuölln und Marxloh aussieht. Ganz ohne Interrail.

      • stefanolix sagt:

        Mal ganz nüchtern gesagt: An Reisemöglichkeiten und dem Geld dafür mangelt es der großen Mehrheit der Dresdner Bürger im europäischen Vergleich definitiv nicht. Daran würde eine geschenkte Reise mit 18 auch nichts ändern.

      • René sagt:

        Ja, auch viele Dresdner wissen das. Eine kleine, aber laute Minderheit weiß das nicht und will es auch gar nicht. Und ich zweifel auch, ob diese damit erreicht werden.

        Nur damit ich nicht falsch verstehe: Auch ich habe noch eine gewisse Skepsis bei dem Vorschlag. Der #Interrail kann schnell zum #Intrarail werden, also wenn die Fahrten dann nur genutzt werden, um eben in Neukölln oder Kreuzberg abzufeiern!

      • stefanolix sagt:

        Wer heute zu #Pegida, zur FPÖ, zu Le Pen, zu den osteuropäischen Rechtspopulisten oder auch zu UKIP geht, hatte spätestens seit 1990 bzw. seit dem Erwachsenwerden Reisefreiheit. Reisefreiheit hilft also ganz offensichtlich nicht gegen Rechtspopulismus.

    • Dirk sagt:

      Durch die Interrail-Idee sollen sozialschwache Menschen (bitte nicht mit einkommensschwach verwechseln) den Anreiz haben, auch über den Tellerrand hinauszublicken. Verfolgt man die Berichterstattung über Dresden, wird nahezu jedem Montag deutlich, wie nötig das ist.

      Paris ist eine Reise wert. Das könnte Vorurteile abbauen helfen.

      https://www.achgut.com/artikel/in_paris_brennen_polizisten_das_leben_geht_weiter._wie_lange_noch

      Italien ist auch ganz schön.

      Nach Hamburg kann man schon fahren. Doch sollte man nicht den Fehler machen, sich abends an die Elbe zu setzen.
      http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hamburg-jugendlicher-unter-bruecke-erstochen-a-1117109.html

      Den Bautznern würde ich kein Ticket geben. Die wissen aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt, wenn die Rentenerarbeiter die Stadt zur No-Go-Area für Deutsche ummodeln.

      Wenn wir noch ein paar Jahre warten, sind die Tickets vollkommen überflüssig. Denn immer mehr erleben schon heute ganz hautnah die Vorzüge der Buntheit.

  5. Adrian sagt:

    Ich finde es etwas merkwürdig, dass Du überhaupt nicht auf die Motivation eingehst, dieses Ticket überhaupt zu bewerben. Diese Motivation finde ich persönlich nämlich recht obszön.

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