Wie hätte eine mutige Rede zur Verleihung des Friedenspreises ausgesehen?

Carolin Emcke hat eine rhetorisch gute Rede zur Verleihung des Friedenspreises gehalten. Alles was sie sagte, war richtig. Der Beifall ihres handverlesenen Publikums war groß und angemessen.

Carolin Emcke hat gut und richtig geredet – aber es war keine gute und richtige Rede. Eine gute und richtige Rede wäre es gewesen, wenn sie ihrem Publikum Widersprüche offengelegt und Lösungsansätze vorgeschlagen hätte.

Carolin Emckes Rede wurde aber von vielen Medien als gute und richtige Rede interpretiert. Hat sie nicht das Banner der Menschenrechte hochgehalten? Hat sie nicht den Respekt vor jedem Menschen betont – unabhängig von der Hautfarbe, sexuellen Orientierung und Religion?

Das ist alles richtig. Aber: Mutig wäre die Rede gewesen, wenn sie die Zielkonflikte zwischen den idealen Menschenrechten benannt und vielleicht gar Ansätze zur Lösung gezeigt hätte.


Es gibt den Konflikt zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Respekt vor den Überzeugungen des einzelnen Bürgers. In einer Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung wird es immer Ansichten geben, die Einzelne oder ganze Gruppen verletzen. Um es deutlich zu sagen: Damit sind keine vorsätzlichen Beleidigungen gemeint, sondern öffentlich geäußerte legitime Überzeugungen etwa zur Weltanschauung und Religion.

Davon war in der Rede aber nichts zu hören. Für Carolin Emcke gibt es auf der einen Seite die Anschauungen der vielfältigen Guten und auf der anderen Seite die Anschauungen der einfältigen Bösen.


Es gibt den Konflikt zwischen dem Respekt vor der Religion und dem Respekt vor der sexuellen Orientierung eines Menschen: Wenn im Namen der Religion Homosexuelle diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt und gar hingerichtet werden, müssen wir abwägen, ob nun die Religionsfreiheit oder die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung wichtiger ist.

Davon war in der Rede aber nichts zu hören. Carolin Emcke hätte daran erinnern können, dass unsere Gesellschaft gegenüber allen Zuwanderern (auch aus unaufgeklärten Verhältnissen) den unbedingten Respekt vor der sexuellen Selbstbestimmung durchsetzen muss. Was wiederum den Schutz der Rechte der Kinder und Abhängigen einschließt. Noch so ein Konflikt, an den nicht jeder gern erinnert wird.


Es gibt den Konflikt zwischen den Grundrechten und ihrer Ausgestaltung im Rechtsstaat. Drastisch erkennbar ist er am Gegensatz zwischen dem Grundrecht auf Asyl bei politischer Verfolgung und dem hunderttausendfachen Missbrauch der Asyl-Verwaltungsverfahren.

Schon heute ist der Asylartikel im Grundgesetz eingeschränkt und der Widerspruch zwischen einem Grundrecht und dessen Ausgestaltung liegt schriftlich vor uns. Auch davon war in der Rede aber nichts zu hören.

Auch wenn Deutschland inzwischen sehr viel für Flüchtlinge überall auf der Welt tut, auch wenn Deutschland in Zukunft mehr für die Verbesserung der Lebensverhältnisse in armen Staaten tun muss: eine ungeregelte Zuwanderung nach Deutschland wäre das Ende der sozialen Marktwirtschaft, die wir in diesem Land aufgebaut haben.

Zuwanderung braucht Regeln, Regeln brauchen Durchsetzung – und schon sind die Menschenrechte nicht mehr so ideal und ungeteilt, wie sie in Carolin Emckes Rede scheinen sollten.


Es wäre eine mutige Rede gewesen, wenn die Rednerin die Widersprüche zwischen den Idealen und die Widersprüche zwischen Idealen und Wirklichkeit in den Mittelpunkt gestellt hätte.

Es wäre eine mutige Rede gewesen, wenn wir gehört hätten, was sich in unserem Land in Zukunft ändern soll – und was sich nicht ändern darf, wenn wir eine freie Gesellschaft bleiben wollen.

Es ist eben noch lange keine mutige Rede, wenn jemand einem handverlesenen Elite-Publikum zum tausendsten Mal die Ideale erläutert. Wir leben nicht in einer idealen und widerspruchsfreien Welt. Um das zu erkennen, muss man nur mit offenen Augen vom Ort der Rede bis zum Frankfurter Hauptbahnhof laufen.


Links (werden ergänzt):

Die Meinung eines ZEIT-Autors zu Carolin Emckes Credo und ihrem letztem Buch.

Thomas Fischer schreibt in der Einleitung zu seiner aktuellen Kolumne über die Preisträgerin.

Die SPON-Kolumnistin Margarete Stokowski ist dezidiert anderer Meinung und verteidigt die Rede.


24 Antworten zu Wie hätte eine mutige Rede zur Verleihung des Friedenspreises ausgesehen?

  1. Das Moral-Paradigma darf eben nicht in Frage gestellt werden. Wenn die Realität sich immer mehr von ihm entfernt, muss es um so stärker neu beschworen werden.

  2. geneigter leser sagt:

    „In einer Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung wird es immer Ansichten geben, die Einzelne oder ganze Gruppen verletzen.“ – Ja, natürlich und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Bei der Debatte um Hate Speech und mehr Sprachsensibilität geht es nicht darum, die Ansichten zu verbieten, sondern eine bestimmte Art, sie zu äußern. Selbstverständlich ist Kritik an islamischer Theologie möglich oder an bestimmten religiösen Praktiken. Problematisch ist aber, alle Muslime, weil sie Moslems sind, pauschal irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. Gleiches gilt für Asylbewerber; du darfst gerne behaupten, dass es hunderttausendfachen Asylmissbrauch gibt.

    [(Eingefügter Hinweis) Das tue ich nicht: Ich sage ausdrücklich »Missbrauch der Asyl-Verwaltungsverfahren«.]

    Sicher wird es Menschen geben, die dir widersprechen, die Fakten aufzählen und deine politische Agenda hinterfragen. Aber das gehört zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung. Wenn du aber schreibst, alle Asylbewerber sind Wirtschaftsflüchtlinge oder kriminell, dann ist es eben problematisch.

    Vielleicht kannst ja auch du zustimmen, dass Zuschreibungen von Eigenschaften an Einzelpersonen oder Gruppen, die man aus einer vermeintlich unabänderlichen kulturellen oder natürlichen Prägung dieser Gruppen herleitet, weder Diskussionen inhaltlich voranbringen noch besonders nett gegenüber den benannten Personen sind. Du magst es ja sicher auch nicht, wenn dir jemand sagt, dass du Sachse und deshalb ein Rechter oder noch etwas Schlimmeres bist. Ich finde es in Ordnung, wenn versucht wird, ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass solche Äußerungen das Potenzial haben, Menschen pauschal herabzuwürdigen, ihre Ehre oder ihre Menschenwürde zu verletzen. Und ich finde es auch in Ordnung, wenn Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich gegen solche Äußerungen zu wehren.

    Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, dass kluge und um Verständigung bemühte Personen, wie du es bist, immer das Ende der Meinungsfreiheit heraufbeschwören oder so tun, als habe es etwas mit Realitätsverweigerung zu tun, wenn man nicht im beschriebenen Modus kommuniziert. Differenzierung ist angebracht und ich wünsche mir und deinen anderen Lesern, dass du weiter so differenziert argumentierst wie bisher und dich nicht von der polarisierenden Netzdiskussionskultur anstecken lässt.

    • stefanolix sagt:

      Ich beschwöre nicht das Ende der Meinungsfreiheit herauf. Ich habe auf einen Konflikt hingewiesen: dass die einen sagen, was die anderen nicht hören möchten.

      Selbst die zurückhaltende und differenzierte Kritik an einer Religion wird immer Gläubige treffen. Es gibt hier nicht nur die Sichtweise des Senders, den Aspekt der Legalität und den Aspekt der Legitimität. Es gibt auch die Sichtweisen der (religiösen) Empfänger. Ein buchstabengetreuer Glaube an jahrhundertealte Schriften muss mit der Gegenwart kollidieren – ein flexibler und moderner Glaube eben nicht.

      • geneigter leser sagt:

        @stefanolix: Ich bin mit dir einfach nicht der Meinung, dass es sich um einen grundsätzlichen Widerspruch handelt. Dass manche Menschen kritisieren und andere sich davon verletzt fühlen, ist doch weder neu noch irgendwie grundsätzlich erwähnenswert. Und ich finde auch nicht, dass man gegenüber einzelnen Gruppen oder der ganzen Bevölkerung immer wieder betonen muss, dass die Gesetze gelten. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit und erfordert nun wirklich keinen Mut. Diejenigen, die sich nicht an Gesetze halten, muss man mit Strafe daran erinnern, dass man sich an Gesetze halten muss. Sonntagsreden sind dafür das falsche Medium.

        Ich bin ein bisschen an deinem Satz hängengeblieben, der ein bisschen symptomatisch ist:

        „Carolin Emcke hätte daran erinnern können, dass unsere Gesellschaft gegenüber allen Zuwanderern (auch aus unaufgeklärten Verhältnissen) den unbedingten Respekt vor der sexuellen Selbstbestimmung durchsetzen muss.“

        Ich kann das nur so verstehen, dass die Gesellschaft den Respekt vor sexueller Selbstbestimmung nun auch gegenüber Zuwanderern durchsetzen muss, denen sie ihre Respektlosigkeit bisher hat durchgehen lassen. Offen gesagt glaube ich das nicht. Wir uns doch einig, dass mangelnder Respekt gegenüber dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von jedem, ganz unabhängig von der Herkunft einer Person, eingefordert werden sollte. Das schließt Asylbewerber aus Syrien ebenso ein wie Discobesucher aus Heidenau oder Dresdner Blogger und ihre Kommentatoren.

        Es wäre daher von Carolin Emcke nicht mutig gewesen, daran zu erinnern, dass „unsere Gesellschaft gegenüber allen Zuwanderern (…) den unbedingten Respekt vor der sexuellen Selbstbestimmung durchsetzen muss“, sondern vielleicht einfach ein bisschen zu kurz gedacht.

        Um es konstruktiv zu wenden: Besser als alle Zuwanderer unter den Verdacht der Belehrungbedürftigkeit in Sachen sexueller Selbstbestimmung zu stellen, wäre es, das Frauenbild in bestimmten Strömungen des Islam zu kritisieren und ggf. eine andere islamisch Theologie zu fordern. Das wäre es doch, um das es dir gegangen wäre. Und da könnte ich dir dann problemlos zustimmen und wir könnten gemeinsam über Wege nachdenken, wie das zu bewerkstelligen wäre (Lehrstühle an Universitäten, ein moderner Islamunterricht an Schulen).

    • Stephan sagt:

      @geneigter Leser: Sehr geehrter geneigter leser, Sie schreiben: „Bei der Debatte um Hate Speech und mehr Sprachsensibilität geht es nicht darum, die Ansichten zu verbieten, sondern eine bestimmte Art, sie zu äußern.“

      Es würde mich wirklich sehr interessieren, welche Art, Ansichten zu äußern Ihrer Meinung nach verboten werden muss. Gibt es dazu einen Gesetzesentwurf, auf den Sie verweisen können?

      Danke und Gruß
      Stephan

      • geneigter leser sagt:

        @Stephan: Na, ich habe ja schon Beispiele gegeben. Es geht um Zuschreibungen von Eigenschaften an Einzelpersonen oder Gruppen, die man aus einer vermeintlich unabänderlichen kulturellen oder natürlichen Prägung dieser Gruppen herleitet. Solche Äußerungen kann man als diskriminierend und je nach Inhalt auch als rassistisch bezeichnen. Sie sind deshalb problematisch, wie ich schon oben schrieb, weil sie die Würde des Einzelnen oder einer Gruppe verletzen. Das bedeutet nicht, dass man das Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe nicht kritisieren dürfte. Aber nicht mittels pauschaler Urteile, die mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und deren vermeintlich unveränderlichen Eigenschaften begründet werden. Das sind doch weitgehend klare Kriterien, die auch Sie sicher anwenden können, um zu unterscheiden, ob es sich bei einer Äußerung um Kritik oder um Diskriminierung handelt. Mit letzterer ist niemandem gedient, am wenigstens unserer Demokratie.

        In der Schweiz gibt es längst eine Rassismusstrafnorm (https://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus-Strafnorm), die im Fall von Zuschreibungen aufgrund von Rasse, Ethnie und Religion anwendbar wird. In Deutschland haben wir den Straftatbestand der Volksverhetzung, auch Japan hat sich ein Anti-Hate-Speech-Gesetz gegeben. Gesetze bedürfen natürlich der Auslegung und ich denke, dass wir auch in Deutschland durch die Rechtsprechung eine Fortentwicklung der Normen durch Gerichte sehen werden.

        Mir geht es aber nicht darum, neue Gesetze zu fordern, sondern sonst vernünftige Menschen daran zu erinnern, dass wir nicht so tun sollten, als dürfe man gar nichts mehr sagen und dass man den eigentlich Feinden unserer Demokratie in die Hände spielt, wenn man so tut, als sei Kritik an Hassrede der Anfang vom Ende.

        Beste Grüße
        geneigter Leser

      • stefanolix sagt:

        Nicht die »Kritik an der Hassrede« ist der Anfang vom Ende, sondern die Gefahr, die sich aus solchen vorgeblich gut gemeinten Normen ergibt: dass sie sehr weit zugunsten bestimmter Interessengruppen ausgelegt werden.

        Dazu müssen wir in der Geschichte gar nicht so weit zurückgehen: In der DDR gab es auf dem Papier ganz ähnliche Regeln und sie wurden ja nun definitiv dazu missbraucht, um Meinungen zu unterdrücken:

        Es sind Menschen für politische Witze ins Gefängnis gewandert, haben ihre Jobs oder Studienplätze verloren, weil der Staat unterstellte, dass dadurch die öffentliche Ordnung des Sozialismus gefährdet sei.

        Und bevor jemand sagt, das sei ja bei uns im demokratischen Rechtsstaat nicht möglich: in der Zeit der McCarthy-Ausschüsse in den USA haben viele Hochschullehrer und Wissenschaftler ganz rechtsstaatlich ihre Posten verloren – nur wegen einer tatsächlichen oder auch nur zugeschriebenen Gesinnung. Heute gruselt es uns, wenn wir darüber lesen. Tatsächlich ist das im sprichwörtlichen Land der Freiheit über Jahre möglich gewesen.

        In der McCarty-Ära richtete sich die Denunziation gegen eher linke und liberale Personen. In unserer Zeit gibt es organisierte Denunzianten, die auf elektronischem Weg dem Arbeitgeber »anzeigen«, ihr Arbeitnehmer habe pro AfD getwittert.

        Beides ist abzulehnen. Beides gefährdet die Demokratie. Freie Rede mag schmerzen, aber ihre Unterdrückung schmerzt viel mehr.


        Wie sich die eigentlich gute Idee vom Schutz gegen Hassrede entwickelt hat, schrieb kürzlich die NZZ:
        https://t.co/h59RLiNLvE

        Und ich habe auch einige Artikel zum Thema veröffentlicht:
        https://stefanolix.wordpress.com/?s=Hassrede


      • E-Haller sagt:

        Man muss nicht in die USA schauen, sowas gab/ gibt es auch in der BRD, Stichwort Radikalenerlass.
        Das große Problem ist doch tatsächlich, WER WELCHE Strömung WIE einordnet. Ist z.B. die AfD nun Ausdruck von Demokratie und Meinungsfreiheit oder nicht?

      • Von einer „vermeintlich unabänderlichen kulturellen oder natürlichen Prägung“ gehen doch eher Leute wie Emcke aus, oder? Es wird dann die bedingungslose Akzeptanz dieser Prägungen gefrodert, natürlich nur jener von Zuwanderern, Einheimische können sich sowas nicht erlauben.

        Ich halte Fideismus und Homophibie der Muslime z.B. nicht für unabänderlich, die können das durchaus überwinden, aber dzu muss man ihnen schon ein wenig Druck machen.

      • Stephan sagt:

        @geneigter leser. Sehr geehrter geneigter leser, vielen Dank für Ihre Antwort. Wenn ich Sie richtig verstehe, wünschen Sie sich, dass im öffentlichen Diskurs Personen oder Gruppen nicht mittels pauschaler Urteile kritisiert werden, „die mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und deren vermeintlich unveränderlichen Eigenschaften begründet werden.“

        Ansonsten plädieren Sie in Bezug auf die Strafbarkeit von öffentlichen Äußerungen für die Anwendung des geltenden Rechts.

        Diesen beiden Aussagen kann ich mich vollumfänglich anschließen.

    • UweC sagt:

      „Hate Speech und mehr Sprachsensibilität geht es nicht darum, die Ansichten zu verbieten

      Das Gegenteil ist der Fall.
      Der einzige Sinn dieser Maßnahmen ist Zensur. Es geht ausschließlich darum, abweichende Meinungen zu verbieten.

  3. Stephan sagt:

    Ich fand die Rede ehrlichgesagt ziemlich wirr. Nur ein Beispiel: „Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.“

    Wirklich? Es ist die Zeit, die uns einteilt um Gewalt zu rechtfertigen? Nicht etwa Menschen, die handeln und für ihre Handlungen Gründe haben – wie alle Menschen für alle ihre Handlungen – und die wir uns zu verstehen bemühen müssen, wenn wir zum friedlichen Zusammenleben in unserer Gesellschaft beitragen wollen?

    • stefanolix sagt:

      Ich verstehe es so: Ursache für die danach benannten Phänomene sei die »Pathologie« der Gegenwart. Ich denke, dass das etwas mehr Sinn ergibt, auch wenn mich die Logik nicht überzeugt …

      • Stephan sagt:

        @stefanolix: Ihre Bemühungen in allen Ehren, aber kann eine Pathologie denn Ursache eines Phänomens sein? Und wenn ja, worin genau bestünde der kausale Zusammenhang?

        Ich vermute, was sie sagen wollte, ist: Mir gefällt nicht („Pathologie“), dass es Menschen gibt („unsere Zeit“), die andere Menschen nach bestimmten Kategorien aufteilen, weil ich der Meinung bin, dass die damit implizit verbundenen moralische Wertungen eine Grundlage für Ausgrenzung und Gewalt darstellen.

        Aber da steckt jetzt schon eine Menge an Interpretation von mir drin. Dass das nötig ist, um dem überhaupt etwas an Sinn abzugewinnen, ist kein gutes Zeichen für die Qualität des Textes.

      • Stephan sagt:

        Ich habe mir inzwischen von informierter Seite erklären lassen, dass der Satz einigermaßen Sinn ergibt, wenn man sich genug mit Diskurstherorie auskennt. Die beiden Worte „Identität“ und „Differenz“ spielen dabei eine Schlüsselrolle, die ich noch nicht völlig verstanden habe.

        Offenbar gehört zu jeder Zeit eine „Wahrheit“, die Vorbedingung für die Art und Weise ist, wie wir unser Sein einordnen und denken („Identität“). Diese Wahrheit verändert sich mit der Zeit und in ihr drücken sich die Machtstrukturen der Gesellschaft aus.

        Das ist natürlich alles sehr klug und richtig – aber das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass bei der Analyse von Strukturen eben der einzelne Mensch und die seinem Handeln zugrunde liegenden Bedürfnisse nicht vorkommen. Und damit wären wir ja wieder zurück bei Ihrem ursprünglichen Kritikpunkt, dem ich mich hiermit anschließen möchte.

    • Demonstrant sagt:

      Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

      Was soll sie sonst sagen?
      Heutzutage wird jeder Ansatz von vernünftigem Denken und Reden rabiat niedergewalzt.
      Es kann auch gar nicht anders sein.

      Jede sachliche Erörterung führt unweigerlich und sehr schnell zu dem Punkt, der die Unhaltbarkeit der katastrophale Folgen hervorbringenden Politik aufzeigt. Alternativlos.
      Das ist der Grund, warum man nur noch Gesülze hört und liest, je unverständliche umso preisgekrönter.

      Deshalb verharrt unsere Nomenklatura im Zustand der totalen Dialogverweigerung.
      Um dies irgendwie zu begründen, werden die Abweichler als Unmenschen vorgeführt in den Reportagen über die „neuen Rechten“, „Rechtspopulisten“ oder „Sachsen“, Reportagen, deren gemeinsames Merkmal der Ehrgeiz ist, dem Original so nah wie möglich zu kommen.
      Die Andersdenkenden werden als Abschaum vorgeführt, „mit dem man nicht reden kann.“

      Pathologisieren ist ja nicht neu. Erschreckend ist, dass diese Methode von jenen angewendet wird, die von sich behaupten, pluralistisch und antifaschistisch zu sein.

      Mehr dazu von Oliver Zimski auf der Achse des Guten.

  4. Stephan sagt:

    Ich habe mir die Rede noch einmal sehr genau angeschaut und möchte meine ursprüngliche Einschätzung korrigieren. Ich finde die Rede da stark, wo Emcke das Problem von Zugehörigkeit und Zuschreibung aus ihrer persönlichen Perspektive schildert. Z. B. wenn sie berichtet, wie die Tatsache, dass sie als Frau eine Frau liebt, zur Ablehnung durch Andere führt – obgleich ihre Liebe ja wirklich niemanden (außer sie selbst und die Frau, die sie liebt) etwas angeht. Und hier wird es doch eigentlich interessant: Woher kommt diese Ablehnung? Was genau bewegt einen Menschen, einen anderen abzulehnen aufgrund einer Tatsache, die mit ihm selbst nichts zu tun hat? Emckes Aussage dazu, das sei die soziale Pathologie unserer Zeit, enthält sicher viel Wahres (s. auch meinen anderen Kommentar), aber was folgt denn nun daraus? Was ist zu tun, um an diesem unschönen Zustand etwas zu ändern? Emckes zweite Aussage dazu: Populisten und Fanatiker der Reinheit vergiften den gesellschaftlichen Diskurs.

    Im letzen Teil der Rede – die ich auch stark finde – spricht sie darüber, was dagegen getan werden könnte: Diskussion, Kritik aushalten, inklusiv sein, andere Perspektiven einnehmen. Alles gut und richtig – wenn es denn auch die mit einschließen würde, die sie vorher als Populisten und Fanatiker der Reinheit bezeichnet hat. So, wie ich die Rede verstehe, tut sie das aber nicht, sondern sie grenzt die Ausgrenzer selbst aus. Und trägt damit mMn nicht zur Lösung, sondern zum Problem bei. Als Anhänger der Diskurstheorie könnte man vermutlich sagen: das geht auch nicht anders.

    Aber das ist mir zu pessimistisch. Es geht anders. Der erste Schritt dahin wäre aufzuhören, moralische Urteile zu fällen über andere Menschen und das was sie sagen und tun.

  5. Beobachter sagt:

    Was ist eigentlich das Gegenteil von Hate-Speech?
    Wahrscheinlich Love-Speech.

    Heute möchte ich dafür ein Beispiel bringen. Ich weiß gar nicht, ob Sie´s schon wussten, aber Sie eine eine Köterrasse. Jedenfalls wenn Sie ein Deutscher sind.

    [Habe den Youtube-Link in den Kommentar versetzt.]

    • stefanolix sagt:

      Im Rahmen der Meinungsfreiheit darf (leider) auch Idiotie verbreitet werden.

      • Stephan sagt:

        Nicht leider, sondern glücklicherweise. Denn des Einen Idiotie ist des Anderen Wahrheit. Und nur wenn es ausgesprochen ist, ist klar, was der oder die Betreffende denkt.

        Wie sonst sollen offene gesellschaftliche Diskurse möglich sein?

      • Stephan sagt:

        … und der Kommentar von „Beobachter“ zeigt doch exemplarisch, was an dem „Hate-Speech“ Konzept so problematisch ist: Wir diskutieren nicht mehr über den Inhalt einer Aussasge, sondern nur noch darüber, ob sie verboten gehört (ob sie „Hate-Speech“ ist).

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