Kinder und Jugendliche aufklären (Teil 1)

Es kommt momentan wieder eine Diskussion um die Aufklärung und Sexualerziehung unserer Kinder und Jugendlichen auf. Hier ist eine Position aus dem Gebiet zwischen den Schützengräben.

Ich bin beeinflusst durch die Erfahrungen meiner eigenen Kindheit in der DDR: aufgewachsen in einer sehr kleinen und radikal-fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft – gleichzeitig aber umgeben von einer sexuell recht offenen Gesellschaft.

Im Herbst 1989 habe ich mich also aus doppelter Gefangenschaft befreit: geistig aus der Enge der Glaubensgemeinschaft und politisch aus der Enge der SED-Herrschaft. Der Herbst 1989 war der größte Glücksfall meines Lebens.

Ich bin jetzt 49 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Kinder im Altersabstand von 12 Jahren und somit über lange Zeit auch den Einfluss der Schulsysteme auf die Aufklärung verfolgt.


Meine Grundsätze

Kinder sollten möglichst zeitig wissen, wie sie selbst entstanden sind. Wir sind ihnen Antworten schuldig, die einerseits der Wahrheit und andererseits ihrem Niveau ihres Verständnisses entsprechen. Bereits weit vor der Schwelle zur Pubertät sollten Kinder grundsätzlich wissen,

  • dass sie in ihrer Entwicklung geschützt sind und gegen ihren Willen keinen Übergriff von Gleichaltrigen oder Älteren dulden müssen
  • dass es heterosexuelle, homosexuelle, suchende und wechselnde Menschen gibt; dass jeder dieser Menschen in seiner Ausrichtung als Mensch zu respektieren ist
  • dass dauerhaft angelegte Ehen und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften mit großer gegenseitiger Verantwortung verbunden sind und deshalb vom Staat besonders geschützt werden

Daraus leitet sich als Bestandteil jeder Schulordnung ab: sexuelle Nötigung, Diffamierung der sexuellen Orientierung oder sexuell aufgeladenes Mobbing sind inakzeptabel und müssen Konsequenzen haben.

Daraus leitet sich natürlich auch ab, dass über Schwangerschaftsverhütung aufgeklärt werden muss und dass alle Jugendlichen ein Recht auf entsprechende Beratung haben.


Kinder und Jugendliche haben auf der einen Seite ein Recht auf Aufklärung und Entwicklung. Sie haben aber auf der anderen Seite auch ein Recht auf Diskretion: Methoden der allzu aufdringlichen Aufklärung können zum Übergriff werden.

Was die Erwachsenen (hoffentlich) im enthusiastischen Konsens miteinander tun – das muss Kindern und Jugendlichen nicht in jedem Detail gezeigt werden. Don Alphonso schreibt in seinem aktuellen Beitrag in den FAZ-Blogs:

Die Entwicklung der Toleranz gegenüber sexuellen Optionen hat bei allen Problemen und dem Unrecht, für das sich der Staat zu entschuldigen hat, gesellschaftlich ganz gut funktioniert […]. Es hat funktioniert, weil die Mehrheit der Gesellschaft nicht den Eindruck hatte, überfordert zu sein, und die Gleichberechtigung und gelebte Toleranz demokratisch befürwortet.

Ich bezeichne das als Maß und Mitte einer emanzipierten Gesellschaft. Maß und Mitte sind aber ständig von drei Seiten bedroht: erstens durch die Gleichgültigkeit, zweitens durch die Grenzenlosigkeit und drittens durch die Repression.


Die Bedrohung durch die sexuelle Grenzenlosigkeit

Vor der Wiedervereinigung gab es bei den West-Grünen eine Strömung, die sich offen für die Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern eingesetzt hat. Es ist erwiesen, dass dabei in Berlin gerade Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen zum Opfer von Übergriffen wurden.

Die Idee hinter den Taten der sogenannten »Pädophilen« (tatsächlich: Sexualstraftäter) war: je jünger die Kinder sind, desto weniger Widerstand ist zu erwarten, desto formbarer sind sie, desto leichter sind sie zu prägen.

Interessanterweise hat der Einfluss der DDR-Vertreter von Bündnis’90 dazu geführt, dass sich die Grünen von diesen Positionen für die Folgezeit im Grundsatz distanziert haben – leider hat der Einfluss aber nicht so weit gereicht, dass der Einfluss dieser Strömung wirklich rückhaltlos aufgearbeitet wurde.

Ein Teil der Ideologie der Grenzenlosigkeit hat aber anderswo überlebt. In der Odenwaldschule und in anderen sogenannten reformpädagogischen Einrichtungen wurden Kinder sehr früh sexualisiert und genötigt.

Es gibt auch heute Interessengruppen, die Kindern und Jugendlichen möglichst zeitig möglichst viele Details der Sexualität plastisch und bildlich vermitteln wollen. Über die Motive dieser Interessengruppen (etwa in der GEW) will ich gar nicht spekulieren. Mir gehen einfach deren praktische Unterrichtsempfehlungen und Materialien viel zu weit. Darin können sich aus meiner Sicht Übergriffe auf junge Menschen verbergen.

Damit meine ich ausdrücklich nicht die symbolischen Materialien für Vielfalt, wie etwa den bunten Elefanten für den Kindergarten. Erziehung zur Toleranz ist in Ordnung.

Was ich kritisiere, ist einerseits die explizite Beschreibung aller Spielarten der Sexualität von Erwachsenen (auch mit expliziten Spielzeugen) und andererseits das Drängen der Schülerinnen und Schüler durch Erwachsene zu »Bekenntnissen« und »Einstellungen«.

Kinder sollen im Lauf ihrer Entwicklung zu Jugendlichen und Erwachsenen selbst ihre Erfahrungen machen – natürlich immer auf der Basis des Grundrespekts, den ich oben in den Grundsätzen formuliert habe.

Grundsätzlich sollten Interessengruppen überhaupt nicht an Kinder herangelassen werden und auch keinen Einfluss auf die Lehrpläne und Lehrmaterialien haben. Jede Aufklärung und Beratung sollte immer durch Lehrkräfte (neutral und wissenschaftlich fundiert) erfolgen. Das ist sicher ein Ideal, aber man kann und muss in einer aufgeklärten und emanzipierten Gesellschaft weiter daran arbeiten.

Ergänzung (04.12.2016): Hier ist der beklemmende Bericht über die Früh-Sexualisierung in den sogenannten alternativen Kreisen Berlins. Genau das droht, wenn man solche Interessengruppen direkt an die Kinder heran lässt.


Die Bedrohung durch die strenge Kontrolle der Sexualität

In einer Gesellschaft im Umbruch verstärken sich radikale Positionen gegenseitig. Es gibt auch Interessengruppen, die Sexualität sehr eng kontrollieren und beschränken wollen. Das beginnt beim Leitbild einer »klassischen« Ehe für alle, das setzt sich fort mit arrangierten Ehen und Zwangsehen und es endet noch lange nicht mit der Ausgrenzung von Homosexuellen.

Aus meiner Erfahrung als Kind und Jugendlicher in einer fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft kann ich sagen: Mit Zwang und zu engen Leitbildern wird großer Schaden bei allen Beteiligten angerichtet, aber am Ende funktioniert es nicht.

Die klassische Ehe ist für viele Menschen kein grundsätzliches Leitbild mehr und dieser Prozess ist nicht umkehrbar. Mir tut es in Teilen leid darum und ich freue mich an meiner eigenen Ehe, aber man kann auch niemanden hineinzwingen.

Man konnte homosexuelle Menschen mit dem §175 nicht zu heterosexuellen Menschen »umerziehen«. Auch schlimmere Strafen, Abschreckung oder Ächtung haben nie funktioniert. Es ist furchtbar, dass in Staaten mit islamischen Rechtssystemen und in Einflussgebieten des radikalen Islamismus immer noch Schwule vom Staat verfolgt, eingekerkert oder gar hingerichtet werden.

Mit der Migration kommen nun noch ganz andere Arten der Repression ins Land: Arrangierte oder gar erzwungene Ehen junger Mädchen mit älteren Männern können furchtbaren Schaden bei den Erwachsenen und später auch bei deren Kindern anrichten. Kinder aus Familien mit Gewalt und Repression können später zu Sexualstraftätern heranwachsen.

Die Kontrolle der Sexualität wird aber auch von Staaten als Vorwand für die Kontrolle der Gesellschaft instrumentalisiert. Beispiel: Statt direkt gegen die Anbieter der geächteten Arten der Pornographie vorzugehen, werden Netzsperren, Filter und andere Kontrollen angelegt oder angestrebt.


Soweit Teil 1. Im zweiten Teil wird sich die Frage stellen: Vor welchen Veränderungen stehen wir? Ich bin nicht so pessimistisch wie Don Alphonso, was den reaktionären Rückschlag betrifft. Ich sehe aber die Gefahr, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich durch Gleichgültigkeit, durch Repression und auch durch sexuelle Grenzenlosigkeit viel von ihrer Freiheit verlieren kann.


4 Antworten zu Kinder und Jugendliche aufklären (Teil 1)

  1. Björn sagt:

    Elmar (der bunte Elefant) ist übrigens einfach anders durch seine Farben und seine Aktionen. Sexualität spielt in der sehr beliebten Kinderbuchreihe keine Rolle.

    • stefanolix sagt:

      Ich habe überhaupt keine Einwände gegen das Vermitteln von Vielfalt. Dafür gab es ja auch schon Bücher, als meine Kinder (1989 und 2001 geboren) noch klein waren.

      • Björn sagt:

        Nein natürlich nicht, ich finde es nur etwas lustig daß Elmar jetzt für diese Art von Vielfalt stehen soll. So anders und interessant finde ich Nichtheterosexuelle davon abgesehen gar nicht. Den meisten merkt man ihre Andersartigkeit im Alltag gar nicht an. Da ist Elmar schon anders.

  2. […] Wenn ich Religion auf der einen Seite kritisiere und auf der anderen Seite verteidige. Wenn ich für sexuelle Aufklärung, Respekt und Selbstbestimmung in der Schule, aber andererseits gegen den Einfluss radikaler LGBTI*-Lobbygruppen […]

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