Verhältniszahlen und Vergleiche

Nach dem Terroranschlag in Berlin wurde wieder einmal eine Erklärung der »Tagesthemen« zum Risiko des Todes durch Ersticken oder durch einen Terroranschlag verbreitet. Sie stammt von Ende Juli 2016. Das war kurz nach dem Terroranschlag von Nizza. Schauen Sie sich den Original-Tweet der »Tagesthemen« an:

Links im Bild sehen Sie die Journalistin Charlotte Gnändiger. Sie soll den Zuschauerinnen und Zuschauern erklären, ob die Terrorangst »zu recht« wächst. Die Kernaussage in Frau Gnändigers Erklärung ist (transkribiert aus dem Video):

»Zumindest in Deutschland ist es sogar deutlich wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken. Daran sind in den vergangenen Jahren jeweils mehrere hundert Menschen gestorben – mehr als bei Terroranschlägen in ganz Westeuropa zusammen.«

Hier soll also folgender Beweis geführt werden: Die Wahrscheinlichkeit für einen Tod aufgrund der Ursache A (Ersticken) ist größer als für einen Tod aufgrund der Ursache B (Terroranschlag). Folglich muss man vor B weniger Angst haben als vor A.


Der Vergleich zwischen den beiden Wahrscheinlichkeiten enthält aber einen logischen Fehler: Sie stammen aus unterschiedlichen Kategorien. Deshalb ist die Schlussfolgerung ungültig.

Die Ursache A (Ersticken beim Essen) kann der einzelne Mensch beeinflussen: etwa durch sorgfältiges Entgräten des Fischs, durch vorsichtigen Umgang mit Steinobst oder generell durch Mäßigung beim Essen und beim Trinken von Alkohol.

Die Ursache B (Tod durch Terroranschlag) kann der einzelne Mensch nicht beeinflussen. Um sein Risiko zu senken, etwa in Berlin oder Paris zum Terroropfer zu werden, müsste er sich aus dem gesellschaftlichen und beruflichen Leben weitgehend zurückziehen, was logischerweise keine Lösung sein kann. In Paris wurden Menschen ermordet, weil sie zufällig bei einem Konzert waren. In Berlin wurden Menschen ermordet, weil sie auf einem Weihnachtsmarkt verkauft oder eingekauft haben. Der polnische Fahrer wurde ermordet, weil er einem islamistisch motivierten Verbrecher im Weg war.

Dazu kommt noch ein zweiter Unterschied: Hinter dem Tod durch Ersticken beim Essen steckt keine Absicht. Es gibt keine bekannte Macht oder Einflussgröße, die bewusst darauf hinwirkt, dass mehr Menschen beim Essen ersticken.

Es gibt aber sehr wohl eine Einflussgröße, die mehr Menschen durch Terror sterben lassen will. Das ist der militante Islamismus. Es war Ende Juli 2016 bereits bekannt, dass die Zahl der Terroropfer durch islamistischen Terror 2015 gestiegen war und 2016 weiterhin steigt. Es war auch bekannt, dass die Anzahl der radikalisierten »Gefährder« steigt.

Kurz gesagt: Der Vergleich ist untauglich, weil darin Risiken in Beziehung gebracht werden, die aus viel zu unterschiedlichen Risikokategorien stammen.


Das dazugehörige Diagramm ist nicht besser als die Argumente. Es zeigt für die Jahre 2006 bis 2014 den Zeitverlauf für die Terror-Todesopfer in Westeuropa und die Toten aufgrund des Erstickens in Deutschland. Das Diagramm ist mindestens aus den folgenden Gründen manipulativ:

  1. Die Terroranschläge von Madrid (mit fast 200 Toten, 2004) und London (mit 56 Toten, 2005) bleiben außen vor.
  2. Obwohl zum Zeitpunkt der Ausstrahlung alle Terror-Todesopfer von 2015 bekannt waren, wird das Jahr 2015 ebenfalls ausgespart.
  3. Statistisch gesehen beziehen sich beide Zahlenreihen auf unterschiedliche Bezugsgrößen: einmal auf die deutsche Bevölkerung und zum anderen auf die Bevölkerung Westeuropas. Das ist unseriös.
  4. Die gescheiterten Terroranschläge werden nicht erwähnt. Bei den vollendeten Terroranschlägen und bei den Versuchen hätten immer deutlich mehr Menschen sterben können. Es lag ja in der Absicht der Attentäter, möglichst viele Menschen zu töten – man denke etwa an die versuchten Anschläge auf Stadien. Nur durch Zufälle oder mutiges Einschreiten kam es nicht soweit.
  5. Ergänzung: Auch die lebenslang durch die Nachwirkung schwerer Verletzungen betroffenen Menschen werden in dem Beitrag ignoriert.

Somit sollte auf der Hand liegen, dass das Diagramm für keine seriöse Argumentation etwas taugen kann. Und dabei haben wir über die Fehler in der grafischen Darstellung noch gar nicht geredet.


Ich habe heute (einige Tage nach dem Anschlag von Berlin) Charlotte Gnändiger mit ihrer Erklärung von damals konfrontiert und sie gefragt:

Würden Sie auch heute noch öffentlich den Vergleich mit »Ersticken beim Essen« anstellen?

Sie antwortete:

Aus Pietät persönlich aktuell: nein. Rein statistisch gilt der Vergleich aber noch. Wurde diese Woche auch wieder herangezogen.

Falls der Tweet von Frau Gnändiger gelöscht werden sollte, ist bei Twitter auch ein Screenshot als Beweis für den Dialog zu finden.


Grundsätzlich gilt der Vergleich nur dann, wenn man bereit ist, völlig unterschiedliche Kategorien der Gefährdung miteinander zu vergleichen. Das kann man natürlich machen (so wie man beliebige Zahlen ins Verhältnis setzen kann) – aber es hat dann nichts mehr mit Statistik zu tun. Es ist also gerade nicht »rein statistisch«.

Außerdem ist sehr erstaunlich, dass die »Tagesthemen« den Vergleich direkt nach dem furchtbaren Anschlag von Nizza gebracht haben, während Frau Gnändiger ihn heute »aus Pietät« nicht bringen würde. Gibt es also Opfer erster und zweiter Klasse? Ich habe Frau Gnändiger also via Twitter die folgenden drei Fragen gestellt:

1. Warum haben Sie den Vergleich dann nicht auch aus Pietät gegenüber den Opfern in Frankreich und Belgien unterlassen?

2. Warum endet Ihr (grafisch schlechtes) Diagramm im Jahr 2014, obwohl Sie es Ende Juli 2016 veröffentlicht haben?

Und letztlich 3.: Welchen Vergleich ziehen Sie heran, wenn Sie die Opfer des IS-Terrors weltweit zählen?


Frau Gnändiger hat es nicht für nötig gehalten, auch nur auf eine der drei Fragen zu antworten.

Korrektur [28.12.2016, 02.37 Uhr]: Eine E-Mail von Charlotte Gnändiger hat mich leider erst am 27.12.2016 erreicht. Sie wurde kurz nach dem Wortwechsel auf Twitter abgesendet. Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.


An dieser Stelle auch noch eine Ergänzung zu dem Beitrag der »Tagesthemen«. Der Vergleich mit der Vergangenheit des Terrorismus ist ebenfalls nicht angemessen: Die RAF, die ETA, die IRA und andere westeuropäische Terror-Organisationen verfügten bei weitem nicht über die Schlagkraft und die Vernetzung der heutigen militanten Islamisten.

In Deutschland richtete sich der Terror der RAF damals gegen Vertreter des Staates, der Banken und der Industrie. Heute richtet sich der Terror gegen einfache Menschen im Regionalexpress, auf dem Weihnachtsmarkt, auf dem Brüsseler Flughafen, in der Metro, oder in einem Pariser Konzertsaal. Kurz: es kann jeden treffen und es soll aus Sicht der Terroristen jeden treffen. In mehreren Fällen (etwa im Fall des Rucksackbombers, der sich im Sommer 2016 in einem Konzertpublikum in die Luft sprengen wollte) war es ein Riesenglück, dass es nicht mehr Tote gab.

An alle Journalisten, die solche Vergleiche anstellen: Bitte versetzen Sie sich einmal in die Situation der verletzten Terroropfer, der Angehörigen von Terroropfern oder auch der direkten Zeugen solcher Mordanschläge hinein – wollen Sie diesen Menschen persönlich mit Ihrem Vergleich „Ersticken am Essen“ gegenübertreten? Wenn das für Berlin gilt, dann gilt es aber auch für den Terror in Paris, Nizza oder Brüssel.


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15 Responses to Verhältniszahlen und Vergleiche

  1. pancho lobo sagt:

    Moin, was erwartest Du von den Tagesthemen? Das ist doch nur Meinungsmache die auf falsche Tatsachen beruht…Äpfel und Birnen sind beides Obst…aber man kann sie nicht in einer Statistik
    gegeneinander anrechnen ohne diese zu verfälschen!
    saludos de pancho lobo

    • stefanolix sagt:

      Ich will ja gar nicht ausschließen, dass in dieser Reihe #kurzerklärt auch sinnvolle Erklärungen existieren. Aber das ist jedenfalls keine.

      Ich habe mich schon vor ca. 20 Jahren vom Fernseher getrennt und informiere mich grundsätzlich lieber durch Lesen (gedruckte oder digitale Medien). Es ist viel effizienter, einen Text zu lesen, als ein Video (wie im Beispiel) zu schauen. Der Inhalt dieses Videos passt in einen Text, den man in weit weniger als der Hälfte der Zeit erfasst hat.

  2. Werwohlf sagt:

    Der Vergleich ist noch aus einem weiteren Grund schief: Ganze Heerscharen von Polizisten und Geheimdienstlern sind damit beschäftigt, solche Terroranschläge zu verhindern (gerade heute wieder einmal). Würde man wie beim Nahrungsverzehr den Dingen freien Lauf lassen, welche Zahl von Toten hätten wir dann wohl zu beklagen?

  3. Bersarin sagt:

    Politisch liegen wir wohl eher weit auseinander. Aber wegen solcher Analysen lese ich gerne bei Dir. Danke dafür. Solche Formen des Abwiegelns wie sie Gnändiger betreibt, sind erschreckend und vor allem respektlos. Geschähe ein solcher Kommentar nach dem Brand in einer Asylunterkunft mit 12 Töten und jemand vergleiche in dieser Art, würde der Kommentar wahrscheinlich als Hatespeech verboten werden. Typische Doppelmoral halt.

    • stefanolix sagt:

      Danke für die Antwort – genau darum ging es mir. Entweder Frau Gnändiger weiß gar nicht, was sie tut. Oder sie weiß es und nimmt die Doppelstandards in Kauf. Beides ist erschreckend.

  4. Frank sagt:

    Klar kann man alles relativieren und damit schönreden. Das nutzt nur den Opfern von Terroranschlägen und ähnlichen Verbrechen gar nichts. Ehe ich hier viel schreibe: Zu dieser Relativierungsakrobatik hatte André Mielke hier alles gesagt:

    http://www.fr-online.de/kolumnen/terror-die-toten-der-relativierungsakrobaten,29976192,34571028.html

    • stefanolix sagt:

      Vielen Dank für den Hinweis, den Artikel kannte ich noch nicht. Ich hatte damals im Sommer nicht mitbekommen (oder eisern durch Wegfiltern verdrängt), dass solche Relativierungen offenbar häufiger vorgebracht wurden. Ich wurde erst nach dem Terroranschlag von Berlin darauf aufmerksam.

  5. […] muss schon zwei mal hinhören, bevor man es glauben kann, mit welch gemerkelter Kaltherzigkeit und dümmlicher Geschmacklosigkeit hier die Opfer verhöhnt […]

  6. Beobachter sagt:

    Der Vergleich zwischen den beiden Wahrscheinlichkeiten enthält aber einen logischen Fehler: Sie stammen aus unterschiedlichen Kategorien. Deshalb ist die Schlussfolgerung ungültig.

    Du hast Deine Ansicht ausführlich und nachvollziehbar begründet.
    Wenn ich erst mal was anderes sage, dann weniger als Widerspruch, sondern im Sinne einer Alternativvariante.

    Das Zahlengefühl ist bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Bei einigen geht es über einen großen Bereich, andere kommen schon mit kleinen Zahlen nicht klar. Deshalb ist es nicht verkehrt, Zahlen anschaulich darzustellen, zum Beispiel anhand von Sachverhalten, die man einigermaßen einschätzen kann. Wenn es nur darum ginge, würde ich Gnändigers Vergleich für gar nicht mal so verkehrt halten.

    Trotzdem ist das natürlich eine Unverschämtheit, was Gnändiger bringt.
    Dieses Kleinreden und Verharmlosen kommt von ihr und ihren GenossInnen nur, wenn es um die Verbrechen von ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geht. Oder um die der Courage-Kommandos.
    Wenn sie tatsächlich die Größen veranschaulichen wollte, müsste sie die Erstickungstodwahrscheinlichkeit (oder andere Maßstäbe) auch bringen, um die Gefahren zu visualisieren, die von denen ausgehen, gegen die Politik und Medien alltäglich in übelster Weise hetzen.

    Das würde nämlich einiges klären, wenn die ein Balkendiagramm brächte, in dem die Anzahl der Menschen dargestellt wird, die im letzten Jahr von
    – Pegida-Spaziergängern
    – AfD-Mitgliedern
    – Muslimen
    ermordet worden sind.

    Falls diese Kategorien nicht PC genug sind, dann eben die Zahl der Menschen die durch
    – Pegidistischen-Terror
    – AfDistischen-Terror
    – islamistischen Terror
    ihr Leben verloren haben.

    Tut sie aber nicht. Und der Rest unserer gleichgeschalteten Lügenmedien auch nicht.

  7. […] In der letzten Nacht musste ich feststellen, dass kurz vor den Weihnachtsfeiertagen eine wichtige E-Mail in einem meiner Filter hängengeblieben war. Ich hatte die Antwort auf meine Kritik an einem Medienbeitrag der »Tagesthemen« verpasst. Unter dem Artikel steht jetzt eine Korrektur. […]

  8. Bin ich eigentlich der einzige, der den Eindruck hat, dass die Medien hier ein ganz komisches Programm abziehen? Dass alle großen Medien inzwischen die gleiche politische Agenda verfolgen, und dass abweichende Meinungen nur noch im Internet vorkommen?

    Es ist doch irgendwie befremdlich wenn immer mehr Journalisten zwischen „rechten“ und „linken“ Medien hin und her wechseln. Stefan Aust war mal Chefredaktuer des Spiegel, heute ist er Herausgeber der Welt. Vom Spiegel zu Springer, ein solcher Wechsel wäre vor 30 Jahren nicht möglich gewesen. Oder der Journalist Deniz Yücel, von der T&AZ zur Welt. Das Abschiedinterview von Obama im deutschen Fernsehen gab er dem Spiegel und dem ZDF gleichzeitig; die Panama-Papers wurden von einem „Rechercheverbund“ von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung veröffentlicht.

    Woher kommt diese Entwicklung? Thomas Meyer schreibt in seinem Buch („Die Unbelangbaren“), dass die ökonomische Situation von Journalisten heute viel unsicherer ist als früher, dass sie sich nicht mehr auf eine feste politische Linie ihres Blattes verlassen können und daher generell flexibler sind, aber kann das alles erklären.

    Die Verwendung des Ausdrucks „Lügenpresse“ ist jedenfalls aus meiner Sicht nicht verwunderlich.

  9. Demonstrant sagt:

    Dass alle großen Medien inzwischen die gleiche politische Agenda verfolgen, …“

    In einer untergegangenen Epoche, in den 90ern, gab es das geflügelte Wort „von FAZ bis taz“.
    Damit wurde der damals noch seltene Fall beschrieben, dass alle Zeitungen zu einem Sachverhalt die gleichen Meinung vertreten.

    Heute hört man das nicht mehr (jedenfalls nicht in diesem Sinne). Allerdings weiß ich nicht, woran das liegt.

    Eine Erklärung wäre vielleicht, dass es in den letzten Jahren nicht einmal passiert ist, dass FAZ und taz die gleiche Meinung hatten.
    Alternativ käme als Grund in Frage, dass über den Normalzustand keiner redet, weil FAZ und taz seit 5 Jahren nicht mehr zu unterscheiden sind.

  10. Demonstrant sagt:

    Beim Charlottesville-Ding sind die Relativierer und Mörderversteher komplett abgetaucht. Ich dachte schon, die sind tot.

    Aber mit Barcelona waren die wieder an Ort und Stelle.
    Das übelste Ding kam im Tagesspiegel:
    Die Gewöhnung an den Terror ist unverzichtbar

    Das ist übrigens der gleiche Tagesspiegel, der sich einen eigenen Rechtsextremismusexperten hält. Dieser Frank Jansen hat sich vier Tage nach der Terrorgewöhnungsaufforderung an den Ausschreitungen in Rostock aufgegeilt, die 25 (fünfundzwanzig) Jahre zuvor geschehen sind.

    Und siehe
    Keine Vergleiche mit Verschlucken oder Verkehrstoten
    und keine Aufforderung zur unverzichtbaren Gewöhnung.

    El_Mocho hat Recht
    Die Verwendung des Ausdrucks „Lügenpresse“ ist jedenfalls aus meiner Sicht nicht verwunderlich.

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