Kommunikation darf nicht im Desaster enden

In der letzten Nacht musste ich feststellen, dass kurz vor den Weihnachtsfeiertagen eine wichtige E-Mail in einem meiner Filter hängengeblieben war. Ich hatte die Antwort auf meine Kritik an einem Medienbeitrag der »Tagesthemen« verpasst. Unter dem Artikel steht jetzt eine Korrektur.

Als ich dieses Thema und einige andere Diskussionen auf Twitter noch einmal nachgeschlagen habe, bin ich erschrocken: selbst alltägliche Diskussionen werden zusehends zu einem verbissenen Kampf ohne Fairness und ohne Anstand.

Wenn uns Terrorismus und Schrecken im eigenen Land nahe sind, wenn wir die Folgen der Migrationskrise in unseren Städten und Gemeinden sehen, wenn wir über die Auswirkungen der Krisenpolitik entsetzt und über manche Medien enttäuscht sind: Wir dürfen nicht vergessen, dass da auf der anderen Seite auch Menschen sitzen.

Der »Tagesthemen«-Beitrag aus dem Sommer 2016 mit dem Vergleich zwischen dem Tod durch Ersticken und dem Tod durch Terror hat viele Reaktionen hervorgerufen. Ich nehme für mich in Anspruch, dass mein Artikel noch zu den sachlichen Reaktionen zählt. Ich habe sachlich und emotional gegen diesen aus meiner Sicht nicht angemessenen Vergleich argumentiert.


Es gibt leider auch unsachliche Beiträge und Beschimpfungen zu diesem Thema und zu anderen Themen. Soziale Medien sind sehr offene Plattformen. Sie geben uns viele Freiheiten. Der große Nachteil ist, dass sich buchstäblich jeder Account in jedes Gespräch und jedes Thema einmischen kann.

Es tut mir leid, dass es zu Beschimpfungen gekommen ist. Ich bin aber nicht dafür verantwortlich, auf welche Weise Dritte mit dem Thema umgegangen sind. Ich kann nicht kontrollieren, wer ein Thema von mir aufgreift. Ich will und kann niemanden zu einem besseren Benehmen erziehen.

Ich vergesse nicht, dass da als Absender Menschen sitzen: mit ihren Lebensläufen, mit unterschiedlicher Bildung, mit einem eigenen Horizont, mit sehr ausgeprägten Meinungen, mit persönlichen Sicherheiten und Unsicherheiten. Ich habe im Jahr 2016 sogar gelernt, dass Trollen eine eigene »Kunstform« sein kann – und wie jede neue Kunstform [miss]verstanden werden muss. [Kennt eigentlich heute noch jemand die Geschichten von Till Eulenspiegel?]

Aber letztlich darf der Bereich der Menschlichkeit nicht verlassen werden. Dieser Bereich wird dann verlassen, wenn die Gegenseite bedroht wird, wenn ihr Lügen in den Mund gelegt werden, wenn Falschmeldungen über Menschen ganz bewusst oder fahrlässig weitergegeben werden.


Die Zeiten sind vorbei, in denen die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ihre Meldungen und Meinungen auf uns werfen konnten, so wie früher die Götter vom Olymp mit Blitzen und Urteilen geworfen haben.

Die Zeiten, in denen der Leserbrief mit den Einwänden eine Woche später in die Ablage gelegt wurde, kommen auch nicht wieder. Wir sind als Zuschauer und Leser kritischer geworden. Wir hinterfragen in Echtzeit. Wir protestieren in Echtzeit.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass da auf der anderen Seite auch Menschen sitzen: in den Redaktionen wie auch in den Social-Media-Abteilungen. Deshalb mein Appell und meine Bitte für das kommende Jahr an alle, die mir auf Twitter zuhören und hier meine Artikel lesen:

Lasst uns die Grundregeln des Anstands wahren. Lasst uns Diskussionen führen, ohne Vernichtung anzustreben. Wir machen uns sonst selbst Stück für Stück die Kommunikationswege kaputt.

Wer einen zugespitzten Tweet oder Artikel von mir wirklich nur zum Anlass nimmt, auf die »Gegenseite« mit der verbalen Keule loszugehen, ist bei meinem Blog und meinem Twitter-Account an der falschen Adresse. Wir haben Meinungsfreiheit für eine sehr große Bandbreite der Meinungen und es ist sehr viel Raum im Netz. Aber die Diskussion darf nicht mit dem Ziel der verbalen Vernichtung geführt werden.

Im Jahr 2017 wird es wieder Krisen und Terroranschläge geben, es sind auch Landtagswahlen und Bundestagswahlen mit harten Wahlkämpfen zu erwarten. Ich will dann noch kommunizieren können, ohne im Müll zu ersticken. Wenn die Kommunikation in den sozialen Netzwerken zum Desaster wird, kann ich mein Blog und meinen Twitter-Account nur noch schließen.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit im Jahr 2016, für viele gute Diskussionen und viele Anregungen. Ich habe mich für Meinungen aus anderen Lagern geöffnet und konnte (vielleicht) einige Leute aus diesen Lagern erreichen. Ich kann nur für mich sprechen: Mir hat es genutzt und mir hat der Wettkampf der Meinungen manchmal sogar Spaß gemacht. Auch wenn das Jahr 2016 als solches nun wirklich weg kann.


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19 Responses to Kommunikation darf nicht im Desaster enden

  1. Bin über einen twitter-link hier gelandet. Ich stimme dem Wunsch nach offener Kommunikation in gegenseitiger Anerkenntnis auch bei unterschiedlichen Standpunkten absolut zu. Wenn uns das nicht gelingt, werden die kommenden Jahre furchtbar. Tragen wir unseren Teil dazu bei, dass das nicht passiert.
    ghu

  2. mitm sagt:

    Völlige Zustimmung zu allen Punkten. Ich habe auch schon mal vor einer Weile einen spezialisierten Der Knigge für angehende Maskus geschrieben, da steht tendenziell das gleiche, stark verbunden mit der Frage, welche Diskussionen man als Selbstschutz schlicht vermeidet.

    Leider lesen die Leute, die es am nötigsten hätten, solche Knigges eben nicht (oder verstehen ihn nicht).

    Ein mMn sehr tiefsitzender Grund für die Leichtigkeit, mit der Manieren vergessen werden, ist die fehlende innere Bereitschaft, sich selber infrage zustellen, dann wird nämlich jede Sachkritik zu einer Kritik an der Person. Diskussionen haben genaugenommen nur dann Sinn, wenn man selber prinzipiell bereit ist, ggf. dazuzulernen und seine bisherigen Überlegungen ggf. zu überdenken, also für gute Argumente offen zu sein. Unterbewußt hat da jeder harte Widerstände zu überwinden. Diesen Widerstand kann man am ehesten überwinden, indem man sich diesen inneren Widerstand bewußt macht und es als den Normalfall positioniert, nicht alles zu wissen, und daß man trotzdem valide Argumente hat.

    • stefanolix sagt:

      Danke für die beiden Hinweise auf den Selbstschutz und auf die Selbstkritik.

      Diskussionen sind wie Märkte. Und Märkte sind bekanntlich der Raum für Entdeckungsverfahren. Wenn die Mehrzahl der Marktteilnehmer entdeckt hat, dass XYZ nur pöbelt, wird man ihm schlichtweg nichts mehr abnehmen …

  3. Dr. Caligari sagt:

    Ich würde die Polemik als Mittel der Diskussion nicht völlig delegitimieren. Man muss nicht wie Sherlock Holmes oder Mr. Spock rein logisch argumentieren, das wäre weder menschlich, noch ist es einer Diskussion immer förderlich.

    So, nachdem ich jetzt eine Lanze gebrochen habe, was mir sicherlich viele Feinde einbringen wird, muss ich noch etwas anmerken:
    Das, was unser heutigen Zeit fehlt, ist nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung vor allen Dingen die Toleranz.
    Toleranz ist hier im Sinne Mills gemeint. Also die unangenehme Meinung aushalten können und trotzdem sachlich bleiben. Vielleicht sogar menschliche Qualitäten anerkennen.

    • stefanolix sagt:

      Ich bin selbst oft polemisch und ich denke, dass eine /gepflegte/ Polemik auch zu den Mitteln der Auseinandersetzung gehört. Gebunden an die Toleranz, von der Du nachher sprichst.


      Ein Beispiel: Die Wählerinnen und Wähler in Deutschland haben zur Zeit viele Gründe, die aktuelle Kanzlerin zu kritisieren – auch polemisch und auch sehr laut.

      Aber NICHT in der Form, dass man ihr die Mistgabel, das Teeren und Federn oder noch Schlimmeres auf den Hals wünscht. Und auch NICHT in der Form, dass man üble Falschmeldungen und Gerüchte verbreitet. Auch was die Bilder und Memes betrifft: Es gibt einige legitime Stufen der Satire, aber das alles darf NICHT in puren Hass abgleiten.


    • pboeblog sagt:

      Ich darf an dieser Stelle vielleicht meine eigene Definition von Toleranz anbieten?
      „Tolarenz beginnt wo Zustimmung endet.“

  4. xyz sagt:

    bitte mal im spam nachsehen….

  5. pboeblog sagt:

    „Lasst uns die Grundregeln des Anstands wahren. Lasst uns Diskussionen führen, ohne Vernichtung anzustreben. Wir machen uns sonst selbst Stück für Stück die Kommunikationswege kaputt.“

    SEHR schön gesagt, übersieht vielleicht aber eine Kleinigkeit:
    Ich habe diese Kleinigkeit eher ausführlich in meinem eigenen Blogpost: https://pboeblog.wordpress.com/2016/12/06/divide-et-impera/ betrachtet – Kurz gesagt: Wir machen uns durch diese Entgleisungen, dieses „auf einander los dreschen“, nicht nur die Kommunikationswege kaputt, wir spielen auch jenen die unsere eigentlichen „Feinde“ sind, direkt in die Hände.

    Das was vermutlich wirklich an oberster Stelle stehen sollte um Einzug in unser Verständnis der Welt zu fördern in welcher wir leben, ist das Prinzip von „Divide et Impera“ / „Teile und Herrsche“.
    DAS geht nämlich gegen JEDEN von uns, ganz gleich welche Position er im Einzelfall vertritt.

  6. E-Haller sagt:

    Voll Zustimmung der sehr emotionalen Aufforderung.

    Inhaltlich aber eine Frage: Woran machst Du
    „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ihre Meldungen und Meinungen auf uns werfen konnten(…). Die Zeiten, in denen der Leserbrief mit den Einwänden eine Woche später in die Ablage gelegt wurde, kommen auch nicht wieder.“ fest?

    Nur weil ein sehr kleiner Teil der Konsumenten z.B. per Twitter oder auf Blogs kritisch und direkt hinterfragt, so führt dies meiner Wahrnehmung nach noch lange nicht zu einem Paradigmenwechsel bei den Journalisten. Im Gegenteil: einigeln + weitermachen scheint mir doch eher das Motto!?

    Wieviele Programmbeschwerden haben Klinkhammer und Bräutigam inzwischen zu unausgewogenen/ unterdrückten Nachrichten im ÖR schon geschrieben? Wieviele Artikel können auf den großen Medienseiten noch kommentiert werden? Wieviele Kommentatoren-Accounts wurden einfach mal so gelöscht, wenn sie zu kritisch (nicht beleidigend oder sonstwie nicht-regelkonform) geworden sind?

    Dazu als aktuelles Bsp.: https://media.ccc.de/v/33c3-7912-spiegelmining_reverse_engineering_von_spiegel-online#video&t=1156

    Diese ganzen Diskussionen im Hintergrund bekommt doch der normale Nutzer garnicht mit…

    • stefanolix sagt:

      Zum einen stimmt es: Der Widerspruch in den sozialen Medien ist am größten. Und die dort aktiven Kritiker verteilen sich sehr stark: nach Bildung, Weltanschauung, Sozialstatus etc. Und es ist zahlenmäßig eine Minderheit.

      Aber: Auch Menschen, die nicht in den sozialen Medien aktiv sind, überraschen mich in letzter Zeit mit ihrem kritischen und durchaus auch informierten Umgang mit der Informationsflut.

      Den o. g. CCC-Beitrag habe ich mir schon dezentral gesichert (wegen schlechter Anbindung werde ich ihn offline schauen). Dann mehr.

      • E-Haller sagt:

        Was die Feststellung zu den „Nicht-Aktiven“ angeht, so kann ich dies nur bestätigen: man bekommt zumeist mindestens ein „Ich sehe nicht mehr durch und glaube auch nicht mehr alles“.

        ABER: genau dies bekommen Journalisten i.d.R. eben nicht mit. Für sie ist es einfach, einen dumben Lügenpresse-Rufer vor das Mikro zu holen, der sich im Idealfall noch selbst demontiert.

        Erkenntnisgewinnend wäre doch mal ein Duell Klinkhammer/ Bräutigam vs. Gniffke. Und, von wem werden sie eingeladen? KENFM. Damit sind sie ja aber „Neurechte“, mit denen man nicht reden darf – wetten, so kommts?

      • stefanolix sagt:

        Danke für den Hinweis. Diese beiden Medienkritiker kannte ich bisher fast nicht. Ich schaue mir mal ein paar Artikel von ihnen und über sie an. Aber ob Medienkritik wirklich ausgerechnet zu KenFM gehen muss – dahinter setze ich erst mal ein dickes Fragezeichen.

    • E-Haller sagt:

      Tja, da sind wir am Punkt. Das ÖR hat einen klaren Auftrag, bei dem sie u.a. die „Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.“ haben. Dafür bekommen sie aus jedem Haushalt 200€/a.
      Es gibt jedoch faktisch keine Kontrollinstanz, welche die Einhaltung dieser Vorgaben überprüft. Schaut man sich dann an, wie viele hochrangige Journalisten des ÖR z.B. in der Antlantikbrücke Mitglied sind, dann bekommt man eine Ahnung, wie „Unparteilich“ sie sind.
      Ich lege Wert auf einen ÖR, der seinem Auftrag gerecht wird – und der in irgendeiner Form daran gemessen werden kann, wie gut es ihm gelingt.
      Gelingt es ihm im Moment? Wohl eher nicht. Kann man etwas dagegen tun? Die verantwortlichen Autoren antwittern vielleicht? Diese Leute, die mal voller Ideale gestartet sind und jetzt zusehen müssen, dass sie mit den „richtigen“ Berichten landen und so Geld nach Hause bringen?

      • stefanolix sagt:

        Eigentlich soll es ja keine Kontrollinstanzen geben, weil man davon ausging, dass die Redaktionen freien Rundfunk und freies Fernsehen machen. Es gibt wohl Beiräte oder Fernsehräte, bei denen man Beschwerden einreichen kann. Das dauert sehr lange und ändert nichts.

        Journalisten antwittern? Ich versuche es manchmal. In ganz seltenen Fällen erreicht man etwas. Aber sie sitzen am längeren Hebel. Was gesendet wurde, hat seine Wirkung schon erzielt.

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