Den Hunger auf der Welt mit Feminismus bekämpfen?

Seit dem Advent 2016 schaue ich mir regelmäßig Beiträge aus anderen politischen »Lagern« an. Gestern Abend wurde ich auf einen Beitrag aus einem linksradikal-feministischen Blog aufmerksam gemacht, aus dem ich mir nur den letzten Absatz zum Kommentieren entnehme. Die Fortsetzung des Zitats finden Sie unten.

Jüngst las ich einen Zeitungsartikel. Demnach veröffentlichte die FAO, die Welternährungsorganisation, eine Studie (6), die zeigte, dass, wenn Frauen in ländlichen Regionen die gleichen Chancen hätten wie Männer, 150 Millionen Menschen weniger Hunger leiden würden weltweit. Warum? Weil Frauen das Geld besser einsetzen und erfolgreicher wirtschaften.

Verlinkt ist unter dem Artikel die Zusammenfassung einer politischen Studie des WFP (Welternährungsprogramm der UN). Darin werden einige plausible Thesen vertreten, es wird aber auch bedenkenlos Kausalität mit Korrelation verwechselt und es wird vor allem auf eine viel zu einfache Lösung gesetzt: »Frauen sind die Lösung für das Problem Hunger«. Ein Beispiel für einen klassischen Fehlschluss:

10. Bildung ist der Schlüssel. Eine Studie zeigt, dass die Frauen mit einem Schulabschluss gesündere Familien haben. Ihre Kinder sind meist besser genährt und sterben seltener an vermeidbaren Krankheiten. (Quelle: FAO, 2011)

Es ist aber genau anders herum: Gesellschaften auf einem höheren sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Niveau haben eine bessere Gesundheitsversorgung, nähren ihre Kinder besser – und geben ihren Mädchen und Frauen eine bessere Bildung.

Nur zu diesem Thema habe ich einen kurzen, sachlichen Kommentar geschrieben. Er wurde natürlich nicht veröffentlicht, sondern offenbar inzwischen von der Moderation gelöscht. Hier ist er dokumentiert:


Ich denke, dass man die Arbeit [ich sage bewusst nicht: den Kampf] gegen den Hunger und für bessere Ernährung unbedingt im Sinne der Arbeitsteilung sehen muss. Arbeitsteilung im Sinne der Herstellung notwendiger Voraussetzungen (Werkzeuge, Maschinen, Düngemittel), im Sinne der eigentlichen Feldarbeit, im Sinne der Logistik und schließlich auch im Sinne der Verteilung der Lebensmittel. In einigen Regionen kommt noch der Schutz der Arbeitenden gegen Überfälle hinzu.

Das kann man nicht auf den in Ihrem Link angesprochenen Unterschied Frau-Mann reduzieren. So romantisch es klingt: eine Farm, ein Bauernhof oder auch ein Weingut nur »in der Hand von Frauen« kann in der modernen Welt nicht funktionieren und es wird immer nur eine Scheinlösung bleiben. Im Falle des Weinguts ist »Wein aus Frauenhand« sicher eine clevere Masche in Marketing und PR, aber das Prinzip löst sicher nicht das Hungerproblem. Wir alle (Frauen und Männer) sind Teil einer arbeitsteiligen Gesellschaft und wir müssen fair zusammenarbeiten.

Es ist völlig richtig, bei der Lösung der Probleme in der Dritten Welt die Frauen zu unterstützen und einzubeziehen: Schulbildung, berufliche Ausbildung, Gesundheit, aufgeklärte Selbstbestimmung über die Geburten, AIDS-Prävention usw.

Aber es ist auf der anderen Seite falsch, sich von einer Landwirtschaft »von Frauen für Frauen« die Lösung des Hungerproblems zu erhoffen. Da müssen auf jeder Ebene der sozialen Vernetzung und in jedem Teil der landwirtschaftlichen Prozessketten Frauen UND Männer einbezogen werden.


Die feministische Autorin fährt fort:

Ich schnitt den Zeitungsartikel aus und trage ihn seither bei mir. Wenn ich sie treffe, die barttragenden linken Männer meiner Jugend, jetzt gealtert und ein bisschen wehleidig, und sie mich fragen, warum ich dieses ganze Feminismusding auf einmal so verbissen sehe und mich dann vorwurfsvoll fragen, warum ich auf keine Demos mehr gehe, jetzt, wo doch alles so schlimm sei, dann hole ich den Zeitungsartikel hervor und zeige ihn ihnen.

Natürlich ist es aus ihrer Sicht legitim, dass sie einen Zeitungsartikel und die Website einer Studie als Argument für ihre Meinung einsetzt. Aber verengte Weltbilder (wie den Linksradikalismus) wird man nicht los, indem man ein neues verengtes Weltbild (wie den Radikalfeminismus) annimmt.

Der Feminismus muss nicht links oder rechts werden, er muss nicht die Welt retten vor dem Rechtsruck, nur damit wir Frauen im nächsten Augenblick wieder die dressierten Sexobjekte der linken Weltverbesserer sein dürfen. Wer die Welt retten will, muss aufhören, links zu sein und damit beginnen, Feminist zu werden.

Das ist mehrfach falsch. Erstens hat noch niemals eine ausgrenzende Ideologie »die Welt gerettet«. Zweitens sind Männer in unserer modernen westlichen Gesellschaft schon lange keine homogene Gruppe aus Unterdrückern und Weltverbesserern mehr. Und drittens sollte man sein Weltbild niemals nur auf den Informationen aufbauen, die ins Bild passen. Das endet nämlich immer in Unfreiheit.

Der oben verlinkte Artikel hat ja viele Absätze und beschreibt einen ziemlich klar gescheiterten politischen Lebenslauf. Oft fragt man sich beim Lesen: Wie ist das möglich und warum lassen Frauen in linksradikalen/-autonomen Verhältnissen so etwas mit sich machen? Aber andererseits leben wir in einer pluralistischen und immer noch ziemlich freien Gesellschaft. Ein Ausstieg aus einengender Ideologie sollte in jedem Alter möglich sein.


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7 Responses to Den Hunger auf der Welt mit Feminismus bekämpfen?

  1. Gereon sagt:

    Der Feminismus wird die Welt nur auf eine Weise retten.
    Nämlich durch die Lehren, die sich aus seinen Folgen ergeben.
    Erst zerstört er Familien
    Dann die Bildung (vor allem die der Jungen)
    Dann den gesellschaftlichen Zusammenhalt
    Dann die materiellen Grundlagen der Zivilisation
    Die nachfolgenden Verteilungs und Bürgerkriege werden uns wieder ins Mittelalter katapultieren, und Männer werden (wieder) eine Zivilisation bausen, in der es Frauen zu gut geht.
    Alles Linke und Gehirnverdrehte aber wird auf Jahrtausende verfemt sein, sodaß diese nachkommende Zivilisation die Chance hat, weiter zukommen als heute, wo die grössten Nutzniesser derselben diese genüsslich dekonstruieren und sich dabei ‚gut‘ wähnen.

  2. Stephan sagt:

    Ich habe mir den verlinkten Artikel nocheinmal gründlich durchgelesen und finde ihn in vielerlei Hinsicht bemerkenswert:
    1. Er ist gut geschrieben und schlüssig und stringent formuliert und argumentiert.
    2. Die Autorin schreibt persönlich und ich empfinde das, was sie schreibt, als ehrliche Beschreibung ihrer Gedanken und Gefühle, die ich größtenteils gut nachvollziehen kann, z.B. in ihrem Ärger über die politische Instrumentalisierung sexueller Gewalt durch #ausnahmslos.
    3. Die Autorin zeigt anhand des „linken Sexismus“ geradezu exemplarisch wie eine monokausale, ideologische Weltsicht der Komplexität und Vieldeutigkeit der Welt nicht gerecht werden kann und daher alles, was nicht passt, ausblenden oder leugnen muss. Frei nach dem Motto, wenn alles was ich habe, ein Hammer ist, dann wird jedes Problem zu einem Nagel. Allerdings hat die Autorin aus dieser Erfahrung einen anderen Schluss gezogen: nämlich den einen Hammer durch einen anderen auszutauschen. Jetzt hat sie eine andere Sicht auf die Welt (Feminismus statt Marxismus), aber mindestens noch genausoviele blinde Flecken wie vorher.
    4. Die Autorin beschreibt schlüssig, wie sich ihre momentane, feministische Weltsicht aus ihrer Wut über nicht verarbeitete, schlechte Erfahrungen mit Männern entstanden ist. Ich habe das noch nirgends so ehrlich geschrieben gesehen und glaube es ist geradezu exemplarisch. Missgunst aber speist Hass und ist – in letzter Konsequenz – mörderisch. Wie groß dieses Problem wirklich ist, werden wir vermutlich erst in einigen Jahren wissen – aber die extreme Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die in den letzten Monaten offenbar geworden ist, gibt darauf ein Vorgeschmack, und die Geschichte ist voll von warnenden Beispielen.
    5. Ein wesentlicher Aspekt, aus dem sich die Missgunst der Autorin auf Männer speist, ist der Umgang unserer Gesellschaft („des Patriarchats“) mit Sexualität. Die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität im Zeitalter von Pille und Pornographie ist meiner Meinung nach komplett ungeklärt – und die Autorin beschreibt eindrucksvoll, wie die Probleme der uneingeschränkten sexuellen Verfügbarkeit von Frauen(körpern) in ihrer Jugend in ihrem Umfeld auf eine für sie schlechte Art und Weise gelöst wurden. Ich denke, hier hat sie ein Problem angesprochen, dessen Wichtigkeit kaum unterschätzt werden kann und das an vielen Stellen unter der Oberfläche unserer Gesellschaft brodelt („Nein heißt nein“, Sexualkundeunterricht, LGTBQ-Aktivismus, Prostitutionsgesetz, Feminismus im allgemeinen). Die Tatsache, dass wir uns für sexuell aufgeklärt halten und die sexuelle Befreiung inzwischen für einen alten Hut halten, macht die Sache nicht besser. Allerdings wird dieser Zusammenhang in der öffentlichen Diskussion von niemandem außer vielleicht der katholischen Kirche hergestellt – und die hat nach den Missbrauchsskandalen jede Glaubwürdigkeit auf diesem Gebiet verloren.

  3. Demonstrant sagt:

    Ich denke, dass man die Arbeit […] gegen den Hunger …“

    … gar nicht machen muss.
    Es ist so, wie das vor dreihundert Jahren William Petty gesagt hat. Ein Bäcker, der nur durch Profitgier motiviert viele Brote backt, tut mehr für die Bekämpfung des Hunger als alle Wohltätigkeitsorganisationen zusammen.

    Darin liegt´s.
    Deshalb muss der Staat sich gar nicht explizit mit dem Hunger beschäftigen. Es reicht, wenn er nur die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass sich Investitionen lohnen.
    Dieser Staat muss gar nicht demokratisch sein (obwohl es wünschenswert wäre). Eine Monarchie oder Diktatur kann das auch leisten.
    Aber ohne Schutz des Eigentums geht gar nichts.

    In der Antike war Ägypten die Kornkammer des Imperium Romanum. Heute ist das Land der größte Nahrungsmittelimporteur der Welt.
    Es lohnt sich für die Bauern nicht, in ihre Betriebe zu investieren, wenn der Stammesälteste dann alles wieder wegnimmt.

    Das klingt sehr einfach, gerade wenn unsere Oberen doch immer die rechtspopulistischen Rechtspopulisten für ihre einfachen Antworten (wie wunderbar komplex ist im Vergleich dazu das „alternativlos“) schelten.
    Doch manchmal ist die Welt viel einfacher als man denkt.

    Nebenbei darf man auch mal fragen, was die selbstlosen Entwicklungshelfer mit den hunderten Milliarden Entwicklungshilfe komplex erreicht haben, mal abgesehen von der Selbst- und Diktatorenbereicherung.

    +

    Bin oben eingestiegen mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Satz, deshalb war das Folgende dezent neben dem eigentlichen Thema. Aber mir war gerade danach.

    • E-Haller sagt:

      Naja, sooo einfach ist es eben doch nicht. Wenn es sich z.B. mehr lohnt, Agrargrundstoffe für die Herstellung von Bio-Ethanol anzubauen, als für Brot, dann ist das System schnell am Ende: dann kann der Bäcker nämlich keine erschwinglichen Brote backen…

      • stefanolix sagt:

        Diese Wahl zwischen Getreideanbau zum Essen oder zum »Verstromen« können wir uns hier in DE leisten (und m. E. haben wir uns falsch entschieden). Sie dürfte aber in den Hungergebieten Afrikas eher nicht das Problem sein.

      • Demonstrant sagt:

        Wenn es sich z.B. mehr lohnt, Agrargrundstoffe für die Herstellung von Bio-Ethanol anzubauen, als für Brot, dann ist das System schnell am Ende: dann kann der Bäcker nämlich keine erschwinglichen Brote backen…“

        Der Staat.
        Der Staat macht mit seiner Umverteilung, dass es sich mehr lohnt für den Tank als für den Teller zu produzieren.
        Wenn der Staat sich ganz einfach nur zurückzieht, wird sich das alles wieder einrenken.

  4. E-Haller sagt:

    Der Markt hat es entschieden, der Markt… ;)

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