Die Wahlbenachrichtigung in einfacher Sprache

Wenn Menschen alt werden und vielleicht schon einen leichten Schlaganfall hinter sich hatten, bewegen sie sich langsamer. Sie beschreiben das so: Ich befehle meinem Fuß, sich auf die nächste Treppenstufe zu stellen. Aber es dauert so lange, bis das Kommando angekommen ist. Und dann brauchen sie für sieben Stufen eben einige Minuten.

Dass die Bewegungen im Alter sehr langsam vonstatten gehen, kann man sich mit etwas Einfühlungsvermögen auch im jungen oder mittleren Alter vorstellen. Was man sich viel schwerer vorstellen kann: Manche Menschen lesen so, wie alte Menschen Treppen steigen. Sie müssen sich jeden Satz hart erarbeiten.


An solche Erwachsenen hat die Wahlbehörde in Schleswig-Holstein gedacht, als sie eine Wahlbenachrichtigung in einfacher Sprache entworfen hat. Diese Wahlbenachrichtigung ist in den letzten Tagen auf Twitter und auch in Blogs weidlich verspottet worden:

Dieses Land wird systematisch auf doof umgestellt. Da kommt man sich verarscht vor und sehnt sich sogar so richtig derbes altes Beamtendeutsch zurück.

Nun könnte man sagen, dass man das eben für Leute macht, die nicht gut lesen oder nicht gut deutsch können. Ich frage mich gerade, worauf jemand, der mit einem normalen Wahlschreiben überfordert wäre, überhaupt seine Wahlentscheidung stützen würde.


Einige meinten sinngemäß: Hält der Staat seine Bürger jetzt für so blöd, dass sie kein zusammengesetztes Substantiv mehr lesen können? Andere sahen einen Verstoß gegen die Regeln der Rechtschreibung. Und manche fragten sich, wie die Zielgruppe für »leichte Sprache« denn überhaupt wählen solle, wenn man ihnen schon den Wahlscheinantrag in einfache Sprache übersetzen muss.

Aber ist es wirklich so schlimm? Schleswig-Holsteins Hinweise für die Teilnahme an der Briefwahl [PDF] lesen sich so:

Legen Sie den Stimm-Zettel — und sonst nichts —
in den blauen Stimm-Zettel-Umschlag.
Lassen Sie keine andere Person zusehen.
Dann kleben Sie den blauen Stimm-Zettel-Umschlag zu.

Wir lesen und erfassen den gesamten Vorgang in ganz wenigen Sekunden. Es gibt aber Wahlberechtigte, die dafür buchstäblich Minuten brauchen: weil sie alt sind, weil sie eine Leseschwäche haben – oder (ganz banal): weil sie im täglichen Leben fast niemals etwas lesen.

Diese Bürger sind wahlberechtigt. Sie können ihre Stimme in einer freien und geheimen Wahl für jede beliebige Partei abgeben. Also muss man ihnen eine Chance auf Teilnahme geben:

Man muss ihnen verständlich machen, wie eine Briefwahl funktioniert und wie sie ihre Stimme direkt abgeben können. Analog dazu gibt es barrierefreie Zugänge für alte Menschen und Menschen im Rollstuhl zu (manchen) Wahllokalen.


PS: Die »Übersetzung« von Wahlunterlagen und Hinweisen aus der Amtssprache in leichte Sprache ist ein Teil der demokratisch beschlossenen Maßnahmen zur Erhöhung der Wahlbeteiligung. Die Landesregierung hatte bereits im Februar 2016 dem Landtag berichtet:

Es ist geplant, dass die in Leichte Sprache übertragenen Formulare im Zuge der Überarbeitung der Landeswahlordnung die bisherigen Anlagen ersetzen und daher ausschließlich und umfassend gelten.

Allerdings ist die Landesregierung bei der Umsetzung selbst inkonsequent, denn sie müsste alle Dokumente im IT-Sinne barrierefrei anbieten. Beim Herunterladen der PDF-Datei mit den Hinweisen zur Briefwahl in einfacher Sprache ist aber zu lesen:

Merkblatt für Briefwahl (Leichte Sprache)
Datum 29.03.2017
Merkblatt für Briefwahl (Leichte Sprache) (PDF 49KB, Datei ist nicht barrierefrei)

Dabei ist ein als barrierefrei eingestuftes PDF eigentlich schon seit ca. 10 Jahren kein großes Problem mehr und man kann es auch mit Open-Source-Software erstellen. Noch einfacher wären die Hinweise natürlich in XHTML barrierefrei zu gestalten.


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9 Antworten zu Die Wahlbenachrichtigung in einfacher Sprache

  1. Werwohlf sagt:

    Wir lesen und erfassen den gesamten Vorgang in ganz wenigen Sekunden. Es gibt aber Wahlberechtigte, die dafür buchstäblich Minuten brauchen: weil sie alt sind, weil sie eine Leseschwäche haben – oder (ganz banal): weil sie im täglichen Leben fast niemals etwas lesen.

    Diese Bürger sind wahlberechtigt. Sie können ihre Stimme in einer freien und geheimen Wahl für jede beliebige Partei abgeben. Also muss man ihnen eine Chance auf Teilnahme geben:

    Man muss ihnen verständlich machen, wie eine Briefwahl funktioniert und wie sie ihre Stimme direkt abgeben können. Analog dazu gibt es barrierefreie Zugänge für alte Menschen und Menschen im Rollstuhl zu (manchen) Wahllokalen.

    Mit Verlaub: Der Vergleich passt nicht ganz. Die meisten barrierefreien Zugänge existieren sowieso *neben* den „normalen“. Und ansonsten freut sich auch manch „Fußgänger“, wenn er keine Treppen steigen oder sonstige Hindernisse überwinden muss, während sich der normale Leser bei der „leichten Sprache“ im besten Fall veralbert fühlt.

    Und überhaupt: Eine körperliche Behinderung ist nichts, was man mit dem Wahlakt als solchen in Verbindung bringen könnte. Allerdings dürfte die Frage berechtigt sein, auf welchen Grundlagen denn der Wahlentscheid von Leuten basieren würde, die nicht mal in der Lage sind, eine Wahlbenachrichtigung in üblichen Deutsch zu lesen. Wie informieren die sich?

    Zwar kann man dem entgegen halten, dass es den Staat nichts anginge, wie denn jemand seine Wahl begründet. Das stimmt, aber dennoch bleibt die Frage, warum der Staat dann ausgerechnet seine Kommunikation auf diese Minderheit ausrichtet, bei der Zweifel am rationalen Gehalt der Entscheidung wohl durchaus angebracht sind.

    Und damit sind wir beim nächsten Punkt, und das ist der, der mich am meisten stört: Es gibt eine Tendenz, öffentliches Handeln immer mehr nach jeder nur vorstellbaren Minderheit auszurichten. Frauen müssen auch mit Männern auf ihrer Toilette rechnen, weil es ja welche geben könnte, die sich als Frau empfinden. Schüler haben auf diverse Speisen zu verzichten, weil Einzelne mit denen ein Problem haben könnten. Und so weiter… Diese „Herrschaft der Minderheit“ ist ein unheilvoller Komplize der Tendenz, immer mehr Handeln staatlichen Regeln zu unterwerfen. Die große Mehrheit fühlt sich auf Dauer damit nicht mehr angesprochen, und das ist eine gefährliche Entwicklung, die im günstigsten Fall mit einem Trump endet.

    • stefanolix sagt:

      Es ist kein Vergleich, sondern nur eine Analogie. Jede Analogie hat ihre Grenzen. Meine sollte nur bis zu dieser Grenze gehen:

      Es gibt körperliche und/oder kognitive Einschränkungen, denen der Mensch unterliegen kann. Wir versuchen, die Folgen dieser Einschränkungen begrenzen: einerseits durch die Rampen für Rollstuhlfahrer, andererseits etwa durch »Nachrichten in leichter Sprache«.

      Es ist mit bewusst, dass ein erfahrener hochintelligenter Rollstuhlfahrer wie W. Schäuble mit ganz anderer Urteilskraft wählt, als es ein gesunder und muskulöser Mensch ohne richtigen Schulabschluss tun kann. Aber: ein Mensch, eine Stimme.


      Die »Herrschaft der Minderheit« wird dort zum Problem, wo radikale laute Minderheiten wirklich Herrschaft anstreben. Da stimme ich Dir zu und das spieße ich ja gelegentlich auch hier auf.

      Aber die Zielgruppe der leichten Sprache ist nicht organisiert, laut oder aggressiv. Sie strebt auch keine Macht an. Hier geht es einfach nur darum, dass ein Teil dieser Leute überhaupt in den demokratischen Prozess einbezogen wird.


      Es ist zu hinterfragen, ob man (a) auf die leichte Sprache ganz verzichtet, ob man (b) jedes Dokument in zwei Versionen drucken sollte, ob man sich (c) an der einfachsten Version orientiert, oder ob man (d) einen Kompromiss zwischen bürokratischer Sprache und einfacher Sprache findet. Jede Variante hat Nachteile. Der Ansatz aus Schleswig-Holstein wurde aus meiner Sicht zu plump diskutiert und ich wollte zum Nachdenken darüber anregen.


      Wie informieren sich Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Aus Informationsquellen, die für sie bereitgestellt werden.

      Kritisch und sachlich kann man aus unserer liberalen Sicht auch an »Nachrichten in leichter Sprache« herangehen. Sie sind wahrlich nicht perfekt, aber ein Ansatz:

      http://www.nachrichtenleicht.de


  2. Paul sagt:

    Den Wahlschein habe ich mir gerade durchgelesen.
    Wenn ich vorher nicht die abfälligen Kommentare gelesen hätte, hätte ich nichts auffälliges entdeckt.

    Übersichtlich wird ein Vorgang erklärt. Was gibt es daran zu beanstanden?

    Gehöre ich jetzt auch zu den Dummen?
    Oder sind die Kritisierer nur überheblich und borniert?

    Herzlich, Paul

  3. Demonstrant sagt:

    Aber die Zielgruppe der leichten Sprache ist nicht organisiert, laut oder aggressiv. Sie strebt auch keine Macht an.

    Generell ist die Unterschicht von sich aus nicht organisiert. Diese Menschen werden organisiert, als Kanonenfutter verheizt und nach dem Erfolg fallengelassen.

    “Was man sich viel schwerer vorstellen kann: Manche Menschen lesen so, wie alte Menschen Treppen steigen. Sie müssen sich jeden Satz hart erarbeiten.“

    Fake-News ;-)

    In der ersten Klasse buchstabieren die Kinder. Danach lesen wir Hieroglyphen. Wir prägen uns das Aussehen der Terme ein. Deshalb können wir einen Text „überfliegen“.

    D1353 M1TT31LUNG Z31GT D1R, ZU
    W3LCH3N GRO554RT1G3N L315TUNG3N
    UN53R G3H1RN F43H1G 15T!
    4N\ 4NF4NG W4R 35 51CH3R NOCH
    5CHW3R, D45 ZU L353N, 483R M1TTL3W31L3
    K4NN5T DU D45 W4HR5CH31NL1|CH SCHON
    G4NZ GUT L353N, OHN3 D455 E5 D1CH
    W1RKL1CH 4N5TR3NGT.
    D45 L315T3T D31N G3H1RN M1T
    531N3R 3NORM3N L3RNF43HlGKE|T.
    8331NDRUCK3ND, OD3R?

    @Paul

    Sieh diese Wortschöpfungen … Verzeihung … Wort-Schöpfungen:

    Brief-Wahl
    Brief-Wahl-Unterlagen
    Familien-Name
    Geburts-Datum
    Gemeinde-Wahl-Behörde
    Haus-Nummer
    Post-Leit-Zahl
    Stimm-Zettel
    Voll-Macht
    Vor-Name
    Wahl-Brief
    Wahl-Schein
    Wahl-Schein-Antrag
    Wahl-Tag
    Wahl-Unterlagen

    Eine Vollmacht kenne ich.
    Was ist eine Voll-Macht?

    Den Landtag kennt jeder.
    Was ist ein Land-Tag?

    • stefanolix sagt:

      @Demonstrant: Was Du schreibst, trifft auf alle Menschen mit einer normalen Lesefähigkeit und Konzentrationsfähigkeit zu. Aber 10 % der Bevölkerung sind aus unterschiedlichen Gründen eben nicht lesefähig.

      • Demonstrant sagt:

        „Aber 10 % der Bevölkerung sind aus unterschiedlichen Gründen eben nicht lesefähig.“

        Denen erweist man mit Land-Tag und Voll-Macht einen Bärendienst.
        Diese Wortungeheuer machen den Text so kompliziert, dass ihn nicht mehr 10%, sondern nunmehr 20% nicht verstehen.
        Darauf wollte ich hinaus.

    • Paul sagt:

      Hallo Demonstrant,
      Deine Schriftprobe hat mich fasziniert. Zuerst sah ich nur Kauderwelsch. Als ich aber in meinem Gehirn einen „Schalter“ umgelegt hatte (dieses Gefühl hatte ich) ging es überraschend flüssig. Eben mit „überfliegen“.

      Zu den Wortschöpfungen muss ich gestehen, dass ich die beim ersten Lesen nicht bemerkt habe. Sicherlich auch das Ergebnis vom überfliegen. Habe den Text noch einmal gelesen. Mein ursprüngliches Urteil muss ich revidieren.
      Es ist idiotisch so zu schreiben. Vielleicht sogar verkehrt, weil es bestimmte Menschen zu einer völlig absurden Schreibsprache verführt.

      Danke für diesen Hinweis.

      Herzlich, Paul

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