Das Totengedenken für Terroristen

Der Deutschlandfunk hat am heutigen Sonntagmorgen einen sehr interessanten Kommentar zum Umgang der Imame mit dem islamistischen Terrorismus gesendet. Darin geht es zunächst um die Stellungnahme der 130 britischen Imame: Sie haben öffentlich erklärt, dass sie den Attentätern von London das Totengebet verweigern. Die FAZ schrieb dazu:

Der Generalsekretär des Dachverbands der Moscheegemeinden mit über 500 Organisationen, Wohlfahrtsgemeinschaften und Schulen, Harun Khan, schließt sich der britischen Premierministerin Theresa May an und sagt: „Genug ist genug, wir müssen etwas dagegen tun.“ Der Weg in den Extremismus führe oft an den Moscheen vorbei und bewege sich am Rand der Gesellschaft.

Beim Anhören des DLF-Kommentars stellt sich sofort die Frage: Wie viele Imame gibt es denn insgesamt in Großbritannien und wie repräsentativ sind die 130 Imame? Die zitierten Imame stehen für die Organisation MCB (Muslim Council of Britain). Dieser Rat repräsentiert laut FAZ etwa 500 muslimische Einrichtungen, aber nur 2 % aller britischen Muslime fühlen sich durch ihn vertreten. [Ergänzung: Der Verband repräsentiert etwa 100 von 1.750 registrierten Moscheen. (Quelle).]

Der MCB-Repräsentant Daud Abdullah unterstützte 2009 im Rahmen einer »Istanbuler Erklärung« die Terrororganisation Hamas und befürwortete Angriffe auf eine damals beabsichtigte Friedensmission. Mit den Hintergründen befasst sich dieser Mena-Watch-Artikel.

Jüdische Repräsentanten in Großbritannien kritisierten den MCB hart dafür, dass er sich offensiv dem Gedenken an den Holocaust verweigerte. Der MCB wandte sich in der Kontroversen um die islamkritischen Karikaturen gegen die demokratische Meinungsfreiheit und die Kunstfreiheit.

We should not allow our valued freedoms in Europe to be abused by those deliberately seeking to provoke hatred and division between communities.


Die Erklärung der 130 Imame kann einerseits nicht unabhängig von der Vorgeschichte betrachtet werden. Aber sie steht andererseits für sich selbst: Sie kann eine abschreckende Wirkung auf potentielle Terroristen haben und sie macht die beteiligten Imame zum möglichen Ziel islamistischer Extremisten.

Gegen die Erklärung spricht, dass diese Imame in Großbritannien nicht als Repräsentanten der dortigen Muslime anerkannt werden und dass der MCB mit sehr bedenklichen Positionen aufgefallen ist. Für die Erklärung spricht, dass sich Imame öffentlich mit dem islamistischen Terrorismus auseinandersetzen und eine sehr gravierende Maßnahme ankündigen. Christiane Florin sagt dazu im Deutschlandfunk:

Jede Religion kennt den Pilatus-Reflex. Aber die Imame meinen das Gegenteil: Diese 130 distanzieren sich von der Distanz-Routine, indem sie ihre besondere Macht nutzen, ihre geistliche Autorität. Strafe, Schande, Schuld – das hat viel mit Religion zu tun. Wer im Namen Allahs mordet, ist kein Held, wer Attentate begeht, lädt schwere Schuld auf sich und bringt Schande über seine Familie. Das ist die eine Botschaft.

[Ergänzung: Zur Bedeutung der Bestattung im Islam gab es im DLF ein Interview mit dem Islamischen Theologne und Imam Mahmoud Abdallah.]


Doch ist die Verweigerung des Totengebets die richtige Form der Auseinandersetzung? Für mich als christlich und humanistisch geprägten Menschen ist sie es nicht. Das Totengebet und die unmissverständliche Verurteilung des Terrorismus schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Das Totengebet (auch) für den Täter ist ein unbedingter Akt der Menschlichkeit. Schon vor fast 2.500 Jahren ist dieses Motiv in der »Antigone« zu finden.

Im Kommentar des Deutschlandfunks wird an die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin erinnert. Ensslin stammte aus einer Pfarrersfamilie und wurde später zu einer der furchtbarsten Figuren des Terrorismus. Aber selbst in der Zeit des RAF-Terrors fand sich ein Pfarrer, der Gudrun Ensslin christlich beerdigt hat. Christiane Florin dazu:

Als sie sich im Herbst 1977 in der Haft das Leben genommen hatte, sagte der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel: »Nach dem Tod muss die Feindschaft enden.« Rommel sorgte dem Volkszorn zum Trotz dafür, dass tote Täter ein Grab bekamen. Ein Pfarrer, ein Kollege von Ensslins Vater, hielt eine Trauerrede. Ein Grab, eine Trauerzeremonie – das war eine Zumutung für die Hinterbliebenen der Opfer. Aber es war auch ein starkes Zeichen, das mit Religion zu tun hatte.


Betrachtet man die Verweigerung der Totenzeremonie als »Zeichen«, dann ist es eine drohende Botschaft an mögliche Nachahmer: Wenn du einen Terroranschlag begehst, wirst du ohne den Segen deiner Religionsgemeinschaft begraben.

Im Gegensatz dazu ist die Totenzeremonie ein Symbol der Menschlichkeit: Wir verurteilen die Tat als furchtbaren Angriff auf Menschen, aber wir sehen auch den Täter als einen Menschen.

Wir müssen als Gesellschaft weit über diese Zeichen hinaus denken. Bei allen Unterschieden: In jeder Religion und in jeder gesellschaftlichen Gruppe muss den radikalen und extremistischen Ideologien entgegengewirkt werden. Wir müssen die Standards der Menschlichkeit setzen und immer wieder neu verteidigen. Gelingt uns das nicht, wird es in unseren freien, westlichen Gesellschaften auf mittlere Sicht einen Bürgerkrieg geben.


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14 Responses to Das Totengedenken für Terroristen

  1. Adrian sagt:

    „Wer im Namen Allahs mordet, ist kein Held, wer Attentate begeht, lädt schwere Schuld auf sich und bringt Schande über seine Familie. Das ist die eine Botschaft.“

    Dummerweise ist diese Botschaft weder durch denn Koran, noch durch die Hadithe gedeckt. Sie ist theologisch schlicht falsch.

    • michel neumann sagt:

      Es geht ja eben nicht um den Wortlaut einer Schrift, also nicht um Theologie, sondern um die Einordnung einer Tat. Du könntest Deine Aussage genausogut für die Bibel oder den Talmud machen – auch da steht nichts über das Morden im Namen Gottes drin. Und trotzdem wäre so eine Aussage von Seiten eines Priesters der jeweiligen Religion möglich und ganz sicher eine Botschaft, ob das Handeln im Einklang mit dem Geist der Schrift ist.

      • Adrian sagt:

        Soll ich Dir Stellen in Bibel und Talmud zeigen, die das Töten im Namen Gottes anweisen?

      • stefanolix sagt:

        Nicht im Neuen Testament.

      • Adrian sagt:

        Das Alte Testament gehört nun mal zur Bibel. Und soweit ich weiß, hat Jesus gesagt, dass die Alten Gesetze weiterbestehen.

      • Werwohlf sagt:

        Das Alte Testament gehört nun mal zur Bibel. Und soweit ich weiß, hat Jesus gesagt, dass die Alten Gesetze weiterbestehen.

        Wenn das so wäre, hätte es eines Jesus nicht bedurft. Mit diesen Gesetzen ist aber nicht jedes einzelne Bibelwort gemeint, sondern vor allem sind es die 10 Gebote (wird an einer Stelle von Jesus auch ziemlich deutlich so gesagt).

        Da Christen allerdings z.B. nicht koscher essen müssen, ist es offensichtlich, dass für sie die Vorschriften des Alten Testaments eben nicht 1:1 zu übernehmen sind.

        Mich würde aber wirklich interessieren, wo im AT konkrete Tötungsanweisungen „im Namen Gottes“ stehen, die sich nicht auf bestimmte, in der Vergangenheit liegende Gegebenheiten beziehen, sondern als zeitlich unbegrenzt gültig verstanden werden können.

      • Adrian sagt:

        „Wenn das so wäre, hätte es eines Jesus nicht bedurft.“

        Hat es ja auch nicht. Bis heute braucht man ihn nicht.

        „Mich würde aber wirklich interessieren, wo im AT konkrete Tötungsanweisungen „im Namen Gottes“ stehen, die sich nicht auf bestimmte, in der Vergangenheit liegende Gegebenheiten beziehen, sondern als zeitlich unbegrenzt gültig verstanden werden können.“

        Leviticus 20:13 zum Beispiel.
        Von einer zeitlichen Einschränkung ist übrigens bei keinem von den göttlichen Regeln die Rede.

      • Werwohlf sagt:

        Hat es ja auch nicht. Bis heute braucht man ihn nicht.

        Um deiner Argumentation gerecht zu werden, müsstest du hier die Sichtweise derer einnehmen, die sich auf ihn berufen.

        Leviticus 20:13 zum Beispiel.

        Und warum sollten Christen diese Regel befolgen, wenn sie praktisch alle anderen aus dem Buch „Leviticus“ ignorieren? Kleiner Spoiler: „Leviticus“ gilt auch bei Juden als rein auf die damalige Zeit bezogen, von Christen ganz zu schweigen. „Historisierung“ ist hier das Stichwort, und das ist bei Büchern einfacher, die von Menschen verfasst wurden, was bei AT und NT in der Lehre unbestritten der Fall ist. Die Muslime sehen das in Bezug auf den Koran etwas anders.

        Von einer zeitlichen Einschränkung ist übrigens bei keinem von den göttlichen Regeln die Rede.

        Muss es ja auch nicht, wenn es eindeutig einer bestimmten Situation zugeordnet werden kann. Also z.B. statt „Tötet alle Ungläubigen“ „Tötet alle Ungläubigen hier und jetzt an dieser Stelle“. Ist beides nicht so prickelnd, aber letzteres lässt sich schwerer als universal gültige Aufforderung lesen.

      • stefanolix sagt:

        Eine historisch-kritische Sichtweise ist nir möglich, wenn man die alten Schriften interpretieren und einordnen »darf«. Solange die islamischen Autoritäten das verweigern, wird sich letztlich die islamistische Gewalt immer weiter ausbreiten, je mehr gewissenlose Imame und naive Buchstabengläubige es gibt.

  2. Antifa sagt:

    Gelingt uns das nicht, wird es in unseren freien, westlichen Gesellschaften auf mittlere Sicht einen Bürgerkrieg geben.

    Woher kenne ich nur diesen Satz?

    Imho glaube ich auch kaum, dass das Vorhaben in irgendeiner Form jemanden von seinem Vorhaben abhalten wird, andere Menschen aus was für Gründen auch immer umzubringen (und damit meine ich nicht nur Terroristen).

  3. Demonstrant sagt:

    Zuerst müsste man prüfen, was die auf arabisch gesagt haben. Gerade in England passiert das immer wieder, dass die Imame sich englisch gegen den Terror äußern und in der Mosche arabisch dafür.

    Um nach Deutschland zu schwenken …
    Die machtvolle Demonstration (Köln) der Muslime gegen die muslimischen Terror wurde angekündigt mit zehntausend Teilnehmern. Gekommen sind ein paar Hundert.

    »Nach dem Tod muss die Feindschaft enden«

    Wie man es nimmt.
    Dei (Nicht)Beerdigung von Michael Kühnen zeigt, dass unsere Nomenklatura nicht nur gegen den toten Hilter, sondern ebenso couragiert gegen den toten Kühnen kämpft.

  4. UweC sagt:

    Gekommen sind ein paar Hundert.

    Davon ungefähr die Hälfte Deutsche, die sich mit den Muslimen solidarisieren.
    Wenn man dann noch die Schilder sieht, ist schon klar welche Klientel dort aufmarschiert ist.

  5. Michael_DD sagt:

    Stefanolix: Betrachtet man die Verweigerung der Totenzeremonie als »Zeichen«, dann ist es eine drohende Botschaft an mögliche Nachahmer: Wenn du einen Terroranschlag begehst, wirst du ohne den Segen deiner Religionsgemeinschaft begraben.

    Nun, zu Allem entschlossene Selbstmordattentäter, welche von solchen Predigern indoktriniert werden, lassen sich davon wohl kaum beeindrucken. Zumal sie beim ersten Tropfen Blut, welcher ihren Körper verläßt, im Paradies landen, sind sie auf ein Totengebet nicht angewiesen.
    Aber auch für anderweitig zu Tode gekommene weist die WebseiteIslamfatwa – Manchester/UK eine Lösung auf:

    Islamfatwa: Wenn der Herrscher, Richter, Präsident oder Bürgermeister nicht das Totengebet für ihn (einen Selbstmörder, d. Verf.:) verrichtet, um diese Handlung abzuwerten und um zu zeigen, dass es falsch ist, dann ist das gut. Aber einige der Muslime sollten das Totengebet dennoch für ihn verrichten.

    Was einem Selbstmörder Recht ist, sollte doch einem erschossenen Terroristen billig sein. I.Ü. sollte der Betende darauf achten, daß keine Frau, kein schwarzer Hund oder kein Esel vor ihm vorbei läuft, sonst ist sein Gebet ungültig. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel zum Thema Islam.
    Die schon erwähnte Christiane Florin wies auf eine (damals) bevorstehende Großdemonstration hin, stellt sich eine besorgte Frage,

    Christiane Florin: 130 Imame – und was ist mit den vielen anderen? In Köln soll am kommenden Samstag eine Großdemonstration stattfinden. Auch sie ist ein Distanzierungsangebot: „Nicht mit uns – Muslime und Freunde gegen Terror und Gewalt“, steht auf der Einladung. Und was ist mit denen, die nicht mitdemonstrieren? Schweigen sie, weil sie Anschläge für vereinbar halten mit dem Islam? Wohl kaum.

    und liefert die Antwort gleich mit:

    Christiane Florin: Schweigen sie, weil sie es leid sind, sich ständig von Islamisten distanzieren zu müssen? Schon eher. Es gibt nur vorsichtige Antworten, keine, die mit Statistiken und Studien zu belegen wären.

    Das ist nur eine Variation der üblichen Muslim-Floskel „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“, geliefert von einer Christin.
    Inzwischen wissen wir, daß an der Großdemo ca. 500 Personen teilnahmen, davon die Hälfte Nichtmuslime. Die Veranstalterin der Demo, Lamya Kaddor, meinte etwas hilflos, die Moslems wären das Demonstrieren nicht gewohnt. Hat die Islamwissenschaftlerin etwa folgende Ereignisse nicht mitbekommen
    – die weltweiten öffentlichen Freudenfeste der Muslime nach 9/11 in 2001 ?!
    – die weltweite öffentliche Empörung, z.T. mit Todesopfern, der Moslems nach den Mohammed-Karikaturen ?!
    – die Aufmärsche der Türken mit einem Meer Türkenfahnen auf deutschen Straßen, wenn Erdogan ruft ?!
    – die jährliche AlKhuds-Demo der Palästinenser in Berlin gegen Israel ?!

  6. Michael_DD sagt:

    Hier ist der Link zur Lösung des Selbstmörderproblems durch die Islamfatwa.

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