Keine Rettung

Manchmal muss man Begebenheiten mit etwas mehr als 140 Zeichen erklären. Ich habe heute am frühen Abend folgendes getwittert:

»X. hat einen guten Draht zu Gott. Er hätte beinahe in dem ausgebrannten Bus gesessen.« »Und was sagt Ihr denen, die darin gesessen HABEN?«

Der oben zuerst zitierte Satz fiel auf einer Familienfeier und ich muss kurz erklären, wie es dazu kam.


In meiner Kindheit und Jugend bin ich unfreiwillig in einer religiösen Sondergemeinschaft aufgewachsen. Es tut hier nichts zur Sache, welche Sondergemeinschaft das war – ich will sie nur mit zwei Sätzen beschreiben.

Es war erstens eine exklusive Gemeinschaft (sogar die anderen christliche Gemeinschaften galten als Irrlehren). Und es war zweites eine Endzeitgemeinschaft: Man musste daran glauben, dass jeden Tag das Ende der Welt kommen kann, was »uns« das ewige Heil und allen anderen die ewige Verdammnis bringen würde.


Bekanntlich ist das Ende der Welt bis heute nicht gekommen. Ich konnte mich in der Zeit der friedlichen Revolution in der DDR als junger Erwachsener aus dieser Gemeinschaft befreien.

Aber die meisten Verwandten sind heute noch Mitglieder und ich bin auf Familienanlässen in dieser Hinsicht ein glücklicher Außenseiter.

An dieser Stelle kommt X. ins Spiel. X. hatte in der DDR-Zeit eine hohe Funktion in dieser religiösen Sondergemeinschaft. Er war ein autoritärer Fundamentalist und seine Führungstätigkeit zählte zu den Gründen meines Ausstiegs.


X. ist inzwischen hochbetagt. Er hatte einen Platz in dem Bus aus Sachsen gebucht, der neulich in Bayern auf ein anderes Fahrzeug auffuhr und ausbrannte. Bei diesem Unglück kamen 18 Menschen ums Leben. X. war kurzfristig verhindert und hatte die Reise nicht angetreten.

Die ebenfalls hochbetagte Verwandtschaft nahm die Begebenheit nun als neuerlichen Beweis für die Exklusivität der Gemeinschaft, an die sie sich bis heute gebunden fühlen: »WIR haben ja einen so guten Draht nach oben«.

Keine Pointe. Nur Entsetzen. Ich habe außer der oben zitierten Antwort nichts mehr dazu gesagt. Angesichts von 18 Toten widerspricht eine solche Aussage jeglichem Humanismus und jeglicher Ethik.


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19 Responses to Keine Rettung

  1. Read on sagt:

    Puh. Da muss man erst einmal schlucken, bevor man weiteratmen kann.

    • stefanolix sagt:

      Es gibt ja mehrere Stufen des Glaubens (auch mit Reflexion des eigenen Glaubens und mit der Anerkennung anderer Glaubensrichtungen). Vermutlich bleiben viele Menschen auf einer Stufe stehen.

      Wir sehen das also inzwischen pragmatisch: Ein Streit mit so hochbetagten und auf ihre Weise gläubigen Menschen ist nicht zielführend. Nur meine spontane Antwort konnte ich nicht zurückhalten.

      Kurze Ergänzung: Ich verwende den Begriff »Stufe des Glaubens« grob angelehnt an die Theorie von James William Fowler, der man nicht im Einzelnen zustimmen muss, die mir aber recht plausibel scheint.

  2. mein lieber Stefanolix,
    das ist weiter nichts als „real gelebter verblendeter zynismus“, ich habe als sehr junger Mensch, 11 Jahre, in Chile mit der „Kirche der
    heiligen der letzten Tage“ zu tuen gehabt…die waren zwar auch von ihrer Meinung nicht abzubringen, aber so eine Aussage hätten sie nicht gemacht, sie waren sehr einfühlsam und man kann sagen dass sie die Menscheit als ganzes nicht in die Verdammniss schicken wollten.
    Ich glaube dass deine Verwandten einfach nicht weiter gedacht haben, was sich nach deiner Ergänzug/Erwiederung hoffentlich
    auch verstanden haben
    Gruß F.-M..

    • stefanolix sagt:

      Die ältere Generation, die heute am Tisch saß, wird ihre Sichtweise auf den Glauben nicht mehr ändern. Im praktischen Leben gab und gibt es dort (wie unten schon gesagt) viel Hilfsbereitschaft und andere gute Eigenschaften.

      Zu Seligkeit und Verdammnis: Diese Glaubensgemeinschaft ist damals davon ausgegangen, dass sie »schlichtweg« erwählt sei und dass alle Erwählten bei konformem Verhalten eben ihre Seligkeit sicher hätten. Das erzeugt natürlich eine starke Bindung und eine große Abhängigkeit von der Führung.

      Dagegen ist mein Ansatz, dass es ähnlich wie bei den Urchristen möglichst gar keine Macht in der Hand von Einzelnen geben sollte.

  3. Ähnliche „Argumentationen“ habe ich im Bekanntenkreis (diverse Freikirchler und auch Endzeitler) auch schon mal gehört. Derart heftig war zwar keine davon, aber alleine die Denke die hinter solchen Aussagen steht …

    • stefanolix sagt:

      Ich muss dazu vielleicht doch noch sagen, dass viele Menschen aus dieser Umgebung sehr hilfsbereit sind, dass sie mit großem Engagement andere Menschen pflegen usw. Es ist nicht alles schlecht. Aber ich bin mit dieser geistigen Enge irgendwann nicht mehr zurechtgekommen.

      • Altruismus aus moralischen/religösen/ideologischen Gründen stehe ich sehr kritisch gegenüber. Nach außen hin eine feine Sache, weil unzweifelhaft „etwas Gutes getan wird“. Die Geisteshaltung dahinter ist aber doch fast immer auf Befriedigung des eigenen Egos, auf Selbstbetrug, ausgelegt. „Schau – ich bin besser als Du“. Viel zu oft verstecken sich dahinter Hochmut/Überheblichkeit und als Demut getarnte Arroganz. Da gibt es dann innerhalb der Peergroup richtige Wettbewerbe wer jetzt „besser“ ist um in Ansehen/Rang zu steigen und allgemeinen Zuspruch zu bekommen. Und zuguterletzt dient so etwas natürlich zur Abgrenzung gegen „die Anderen“.

        Robert A. Heinlein hat das mal gut in Worte gefasst: „Hüte dich vor Altruismus! Er basiert auf Selbstbetrug, der Wurzel allen Übels.“

  4. Werwohlf sagt:

    Naja. Wenn wir hier schon himmlische Kategorien ins Spiel bringen, dann aber auch konsequent: Die Verlängerung von Lebenszeit allein ist vor dem Hintergrund der Ewigkeit doch eher irrelevant. Der „gute Draht“ dürfte sich also erst nach dem Tod herausstellen, und da könnte gerade den Zuversichtlichsten eine unangenehme Überraschung bevorstehen. Zum Beispiel, wenn ihnen Schicksale ihrer Mitmenschen reichlich egal blieben…

    • stefanolix sagt:

      Stimmt. Aber dass Du es so sehen kannst, ist abhängig von Deiner Stufe des Glaubens. Ich denke, dass es diese Stufe zum einen abhängig von der Glaubensgemeinschaft und zum anderen aber auch abhängig von der gläubigen Person ist.

      Als ich Ende der Woche gerade alte Datenträger zum Entsorgen aufgearbeitet habe, fand ich meinen Austrittsbrief. Den hatte ich Anfang der 1990er Jahre abgetippt, um ihn an Aussteiger aus einer anderen Gegend zu senden. Ich hatte sie im Netz (wohl in einer Newsgroup) kennengelernt. Ich hätte ihn heute auf den Tisch legen sollen.

      • Werwohlf sagt:

        Das wäre der Harmonie aber wohl eher abträglich gewesen. Ist ja schon nicht selbstverständlich, dass du als Aussteiger in der Familie noch akzeptiert/geduldet bist.

      • stefanolix sagt:

        Der Brief war positiv formuliert. Ich habe kurz dargestellt, woran ich damals geglaubt habe und dann festgestellt, dass ich deshalb austreten muss. Es ist darin kein einziges negatives Wort gefallen ;-)

  5. Werlauer sagt:

    Ist das nicht die klassische Theodizee versus eine alttestamentarische Sicht auf das eigene Leben?

    Zunächst die Frage: Ist die Freude darüber, mit dem Leben davon gekommen zu sein angesichts des Todes von 18 Menschen zulässig? Und weiter: Bedeutet die Freude über den Erhalt des eigenen Lebens wirklich gleichzeitig die Freude über den (oder zumindest die Gleichgültigkeit gegenüber dem) Tod der anderen Menschen?

    Im alten Testament tauchen zwei Muster immer wieder auf: Zum einen die Erwartung (oder auch deren Bestätigung), dass der Rechtschaffende durch seine Gesetzestreue langfristig Erfolg hat und zum Anderen, die Freude darüber, dass dies so ist. Könnte X bzw. die Person, die oben genannte Aussage getroffen hat, einfach diese Perspektive auf das Leben von X haben?

    Für mich gibt es keine Antwort auf die Theodizee. Viele meiner Mitmenschen leiten aus diesem Problem ihre Ablehung der Vorstellung eines liebenden Gottes ab. Ich denke wenn Transzendenz konsequent gedacht wird, ist dieser Schluss nicht möglich, weil ein Erkennen auch in den schlechten Dingen nicht stattfinden kann. Ob hinter dem tragischen Tod der 18 ein Sinn steckt oder nicht, dass wissen wir nicht und wir können es auch nicht wissen. Er ist traurig. Aber auch ein Grund sich über das (noch vorhandene) eigene Leben zu freuen.

    • stefanolix sagt:

      Ich kann ausschließen, dass sich meine Verwandten über deren Tod gefreut haben. Vermutung: Man hat diese Toten schlichtweg gar nicht wahrgenommen. Ich glaube nicht, dass die 18 Toten in den Gedanken und Worten eine Rolle spielten.

      Es ist in dieser Glaubensgemeinschaft in der Tat so, dass auch Amtsträger im Ruhestand weiterhin verehrt werden. Ich habe zwar eine andere Sicht auf X., aber es ist natürlich legitim, dass ihn seine Gläubigen verehren. Nur: Was ist das denn für ein alttestamentarisches Gottesbild: Gott beschützt X. und zerschmettert die »Ungläubigen«?

      • Werlauer sagt:

        Was ist das denn für ein alttestamentarisches Gottesbild: Gott beschützt X. und zerschmettert die »Ungläubigen«?

        Ich bin jetzt nicht ganz sicher, was hier in Frage gestellt wird: Ob das alttestamentarische Gottesbild so ist oder ob Christen einem alttestamentarischen Gottesbild anhängen dürfen?

        Ob das alttestamentarische Gottesbild so ist: Meiner Meinung nach ja. Immer wieder taucht das Motiv des Gerechten auf, der durch seine Rechtschaffenheit langfristig Erfolg hat. Wurde nicht persönliches Unglück als Konsequenz von unrechtem Verhalten gedeutet?

        Ob Christen einem alttestamentarischen Gottesbild anhängen dürfen? Eigentlich ändert sich das Gottesbild im NT. Jesus heilt die Blinden und Aussätzigen (die nach althergebrachter Denkart ja nur die Konsequenz ihres unrechten Verhaltens oder des Verhaltens ihrer Vorfahren erfahren). Er sieht den zwingenden Zusammenhang von Verhalten und Lebensumständen also nicht. Darüber hinaus wird im NT auf das Jüngste Gericht abgestellt und eindringlich davor gewarnt, selbst zu richten. Das Gericht obliegt nur dem Chef persönlich. Ist es also christlich? Ich würde sagen „Nein, aber menschlich.“

  6. Werwohlf sagt:

    Ob hinter dem tragischen Tod der 18 ein Sinn steckt oder nicht, dass wissen wir nicht und wir können es auch nicht wissen. Er ist traurig. Aber auch ein Grund sich über das (noch vorhandene) eigene Leben zu freuen.

    Das stimmt. Aber die Freude daran wird einem auch niemand vergällen wollen. Nur, dass sie mit einer Selbsterhöhung verbunden wird, dürfte vielen, insbesondere Christen, weniger beispielhaft erscheinen.

  7. Dirk sagt:

    Kränkungen in Kindheit und Jugend wirken nach bis ans Lebensende. Nicht konstant, aber in Schüben. Das kriegt man nicht los.
    Darüber hinaus ist die emotionale Aufwallung manchmal proportional zur Bedeutung der Sache. In den meisten Fällen nicht. Wir sind so.
    So liegt es hier.

    Ich kann mir vorstellen, dass einen dieses implizite „Die Strafe Gottes hat schon die richtigen getroffen“ anwidert.
    Allerdings bin ich in den letzten Jahres außerordentlich skeptisch geworden gegenüber Kritik an den Gruppen, von deren Existenz man nichts spürt, wenn man sie nicht gezielt und vorsätzlich in ihrem Vereinsheim besucht.

    Es spielt schon eine Rolle, wie groß ist die Bedeutung bzw. der Wirkungsbereich dieser Glaubensgemeinschaft ist. Welche speziellen Maßnahmen man treffen oder Einschränkungen man planen muss, um nicht von ihrer Rache getroffen zu werden.

    Wie viele Menschen wurden im vorigen Jahr in Deutschland von Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft ermordet? Und wie viele von der Gemeinschaft, deren Name angeblich Frieden bedeutet?

    Wer hat gerade in Hamburg ganze Straßenzüge zerstört, diese Glaubensgemeinschaft oder die Couragepreisträger?

    Wie viele „Hausbesuche“ hat diese Glaubensgemeinschaft durchgeführt, und wie viele die Verbrecherbande, deren Bestrafung die Behörden auch im zwölften Jahr der Regierung der Merkel-CDU die Strafverfolgungsbehörden konsequent vereiteln?

    Just my two cents.

  8. Leser sagt:

    Dieser Zynismus ist typisch für fanatische Glaubensgemeinschaften.
    Man sehe nur die Freude bei den *unaussprechlichen*, wenn Menschen durch Einzelterror ums Leben gekommen sind.

    Genauso gut drauf ist die church of global warming. Als der Hurrikan Katrina New Orleans zerstört hat, haben die rausgehauen die Amis sind selbst schuld, diese Verschwender und Klimawandler.

  9. Gerlinde sagt:

    Ja, habe mir auch einmal arg ‚Den Mund verbrannt‘. Dies so, als ich zur Aussage einer Freundin von ca. „Gott ist so enorm fuersorglich zu mir indem er mir mein schoenes (= XXXL luxurioeses Leben durch ‚Promovation am Standesamt‘ lt. einst. oesterr. Musikgruppe) Leben schenkt“ mich dann standepede an ihren Mann wandte und diesen ziemlich unverbluemt ca. folgendes fragte „Naaa Du, wiiiie hoert sich der liebe Gott jetzt eigentlich an, denn immerhin MUSS er ja oefter mal mit DIR sich unterhalten um IHRE ‚Wuensche‘ durch DICH/mit DIR umzusetzen und zu ermoeglichen? Ist es jetzt eine Maenner oder Frauenstimme? “
    Heute war ich hierzulande in einem sog. ‚Interfaith Meeting‘ veranstaltet von Muslimen/Anhaengern des Islam (= eeeendlich !).
    Feststellung: Menschen in Ordnung; aber ‚eingedrilltes Selbstverstaendnis beider Seiten‘ noch seeeehr diskussionsbeduerftig ^^!
    Ich bin (leider!) noch immmmmer der Meinung, dass Religion zwar (= gemaess des Atheisten Alain d. B.) wirklich ‚evtl. guuut zum ca. vorgegebenen generellen Regulieren eines einfachen Menschenlebens ist‘, ABER: sehen wir mal GENAU hin, dann haben diese sogar mitunter nur ‚feineren‘ Unterschiede (1) bis jetzt leider MEHR Kriege als ‚friedliche Sortierungen‘ ergeben, oder (kopfkratz)?

    (1) Zerheulte mich fast bei einem begleitendem projeziertem Bild, welches ein junges Paar mit Kind in deren Mitte zeigte. Hierzu trugen alle entsprechende ‚Identifizierungs Schilder‘ welche wie folgt lauteten:
    1. erwachsene Person: „I’am a Sunni“
    2. erwachsene Person: „I’am a Shiia“
    3. Person und hoffentlich auch einmal erwachsen werdend, aber mit ’null mentalen religioes vorgegebenen Grenzen‘: “ I’am a Sushi“

    Bis dato (= kann sich aendern nach Ablauf eines Denkvorganges) mM: auch ‚DIE‘ haben ‚gewisse Probleme‘ von ‚Besser sein‘ bei nur ‚minimalen Unterschieden‘ untereinander = ‚oooordentliches Kopfkratz‘ wenn’s um groessere Unterschiede geht.
    Bzgl. ‚Sharia‘ diskutieren wir wohl noch eine Weile weiter, denn: ‚Teile‘ (= ueberwiegend tuerkisch) akzeptiert ‚weltliches Landesrecht‘ und scheint auch in gar vielen Details dem ‚altmod. roem. Katholischen Glaubem‘ sehr aehnlich zu sein. Jedoch stellten wir ein gewisses ‚Herumdrucksen‘ fest, als wir herausfinden wollten, WO(rin) sich ‚weltlich mit religioesem‘ Gesetz wohl DOCH ‚in die Haare‘ kriegen (= in wohl jeeedem zumindest nicht von ‚Haus aus‘ muslimischem Land ^^.
    Btw.: Hoffe, es geht Dir gut, Stefanolix ?! Bin dann wieder weg; seeya und viiiiel Glueck!!!

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