Die freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« gehen wandern …

14. April 2014

Im Medienblog Flurfunk ist ein kenntnisreicher Beitrag über den heutigen Streik der freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« zu lesen. An dieser Stelle ein Dank an den Flurfunk für die immer wieder interessante Berichterstattung über DD+V.

Ich habe hier in Blog einzelne Beiträge der »Sächsischen Zeitung« hart kritisiert. Dabei konnte ich natürlich nicht in jedem Fall unterscheiden, ob der Beitrag von freien Mitarbeitern oder aus der fest angestellten Redaktion kam. Meine Kritik hat sich immer auf den Inhalt und nie auf die Person gerichtet.

Tatsache ist: Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Artikel. Tatsache ist auch: Die Klagen der freien Mitarbeiter über schlechte Bezahlung durch die »Sächsische Zeitung« bzw. durch das Unternehmen DD+V haben vielfältige Ursachen.

Die Hauptursache dürfte das auf kurzfristige Geschäftszahlen gerichtete Denken und Handeln der Anteilseigner und der Geschäftsführung sein. Daraus resultiert eine Abwärtsspirale aus Kosteneinsparung und Qualitätsverlust. Solange an dieser Abwärtsspirale gedreht wird, wird ein Streiktag mit Wanderung kaum helfen …


Aus dem langen Interview des Flurfunk-Chefs Peter Stawowy mit DD+V-Geschäftsführer Carsten Dietmann ist mir ein markanter Punkt im Gedächtnis geblieben: Dietmann beklagte dort, dass man mit der Beilage PluSZ einen sechsstelligen Verlust gemacht habe.

In der PluSZ waren unter anderem die inhaltlich besten Restaurantkritiken, aber auch Rezensionen von Ausstellungen und Ankündigungen von Veranstaltungen zu lesen.

Bekanntlich wurde diese recht gute Beilage dann in ein Werbeblättchen umgewandelt. Es ist zu vermuten, dass dieses neue »Produkt« nun keinen Verlust mehr schreibt, weil in seine Produktion inhaltlich offenbar kaum noch Geld gesteckt wird.

Eine Wochenbeilage zur Zeitung als eigenständiges »Produkt« zu bezeichnen, das aus eigener Kraft Gewinn bringen soll – das mag Controller-Logik sein, aber es hat nichts mehr mit Journalismus und im Grunde auch nichts mit Unternehmertum zu tun.

Mit der selben Logik könnte man den Kulturteil weglassen und die Sportseiten mit der Dynamo-Dresden-Berichterstattung auf ein gesamtes Buch der Tageszeitung ausdehnen: Letzteres dürfte deutlich profitabler sein und mit den Dynamo-Sponsoren könnte man sicher auch interessante Geschäfte machen.

Ein Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung: Die hochwertige Wochenbeilage PluSZ war ein Grund dafür, die Sächsische Zeitung zu kaufen oder zu abonnieren. Das Werbeblättchen ist kein Argument mehr. Das kann ich nur noch ungelesen in den Papierkorb fallen lassen.

Ein zweites Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung war im letzten Jahr die »Finanzberatung« zur Altersvorsorge, die übrigens von einem freien Mitarbeiter kam. Ich habe damals einen der Artikel dekonstruiert [1] und einige zugegebenermaßen sarkastische Ratschläge aufgeschrieben [2].


Der Sächsischen Zeitung (und deshalb auch ihren freien Mitarbeitern) geht es deshalb schlecht, weil die Qualität insgesamt gesunken ist. Die Qualität ist m. E. insgesamt deshalb gesunken, weil dort Anteilseigner, Controller und Kaufleute das Sagen haben, während Journalisten anscheinend immer mehr an den Rand gedrängt werden.

Das ist die Abwärtsspirale: Wenn ein Unternehmen immer mehr an der Qualität des Produktes spart, kann es noch eine Weile Gewinne durch Kostensenkung machen. Irgendwann wird das Produkt aber am Markt nicht mehr attraktiv sein.

Deshalb wünsche ich den besseren freien Mitarbeitern, die handwerklich gute Artikel abliefern, dass ihr Auftraggeber DD+V endlich einsieht: Qualität lässt sich nur mit langfristigem Denken und mit anständiger Bezahlung der Autoren sichern. Damit kann man mehr Zeitungen verkaufen oder wenigstens den Rückgang der Auflagen stoppen.



Presseschau. Heute: Dresdens antiquierteste Nachrichten

7. April 2014

Die Medienerzieherin Gertrude H. muss man sich als liebenswerte Mitsechzigerin vorstellen, die eigentlich schon den wohlverdienten Ruhestand genießen könnte.

Aber zu Hause wartet nur ihr cholerischer Mann Gernot H. auf sie. Gertrude mag nicht den ganzen Tag mit dem alten Zausel streiten. So verdient sich sich nachmittags in ihrem alten Beruf noch etwas dazu.

Sie besucht jeden Tag den Hort einer Dresdner Grundschule und zeigt den Zehnjährigen, was eine Zeitung ist. Die Kinder dürfen – wie das früher üblich war – Tante Gertrude zu ihr sagen.

Um die Kinder für das Thema Zeitung zu begeistern, wählt sie jeden Tag per Zufall einen Artikel aus den Dresdner Neuesten Nachrichten aus. An manchen Tagen bekommt sie dabei Bauchschmerzen – aber gewählt ist gewählt …

Heute ist Tante Gertrude im Hort der Blasewitzer Grundschule zu Gast. Das ist eine schöne alte Schule in einer bürgerlichen Wohngegend. Eigentlich eine dankbare Aufgabe – wenn da nicht dieser merkwürdige Artikel gewesen wäre …


Tante Gertrude begrüßte die Horterzieherin und die Kinder. Im Raum wurde es still. Sie griff zur Zeitung und las:

Sachsen ist das Land der Burgen und Schlösser – und um diese ranken sich viele Sagen. Heute: Burg Freudenstein in Freiberg.

Streng blickte Tante Gertrude über den Rand ihrer Brille. Im Raum herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Dann begann sie mit den ersten Sätzen des Artikels:

Dietmar Werner 
Markgraf Friedrich mit der gebissenen Wange liebte das blühende Freiberg mehr als alle anderen Städte der Markgrafschaft Meißen. In dieser Stadt ließ es sich aber auch gar so prächtig hofhalten […]


Im Raum wurde es unruhig. Die Horterzieherin fragte: »Jan-Torben?« – 

»Sag mal, Tante Gertrude, so redet doch heute niemand mehr. Solche Texte hat die Uroma uns manchmal vorgelesen – aber sie war schon sehr, sehr alt und wir haben uns furchtbar gelangweilt …«

»Warte einen Augenblick, Jan-Torben! Es kommt noch besser.«


Zu der im Schloss Freudenstein tafelnden Runde des Markgrafen gehörte dann immer auch der Kaplan von St. Marien – ein fröhlicher Unterhalter und munterer Feinschmecker, zugleich aber auch ein standfester Trinker.
 An einem Fastnachtsdienstag hatten die Herrschaften wieder bis nahe an die Mitternachtsstunde getafelt und gezecht.


»Tante Gertruuuude!« riefen die Kinder im Chor. »Du willst uns veralbern! So etwas schreibt doch heute niemand mehr!«

»Nein, Kinder. Ich will Euch nicht veralbern. Das steht heute wirklich in der Zeitung. Auf der Seite mit den neuesten Nachrichten aus dem Freistaat Sachsen.«

»Gib uns bitte mal Deine Zeitung. Das wollen wir selbst lesen!«


Und Jan-Torben las vor, wie es mit dem Kaplan weiterging:

»War er doch nicht einverstanden, im Hinblick auf die um Mitternacht beginnende Fastenzeit noch eine Fleischspeise zu sich nehmen zu wollen. Vielmehr war er der Meinung, dass dies eine unverzeihliche Sünde sei und keinesfalls durchgehen könne.«

»Aufhören!« riefen die anderen Kinder. »Was steht denn dort unter dem Foto?«

Schloss Freudenstein im sächsischen Freiberg hat eine wechselvolle Geschichte, die viele herrschaftliche Häupter schrieben.

Und das waren noch nicht die schlimmsten Stellen.


In der Ecke meldete sich Jan-Torbens Zwillingsschwester Annika. »Sag mal, Tante Gertrude, für wen wird so etwas gedruckt? Für uns als Kinder ist es viel zu langweilig. Unsere Eltern haben keine Zeit dafür. Liest Du so etwas?«

»Wisst Ihr, Kinder«, antwortete Gertrude langsam, »wenn ich mir das richtig überlege, hat meine Oma früher noch gern aus solchen alten Büchern vorgelesen. Meine Mama hat mir die Bücher dann irgendwann gegeben und ich habe sie zum Altstoffhändler geschafft.«

»Was ist ein Altstoffhändler?«

»Zu einem Altstoffhändler brachte man früher alte Bücher und Zeitungen. Man konnte damit sein Taschengeld aufbessern.«

»Bücher haben wir noch ganz viele zu Hause«, sagten Annika und Jan Torben. »Aber jetzt wissen wir, warum unsere Eltern keine Zeitung mehr lesen.«



Frühjahrsspaziergang in der Dresdner Heide

31. März 2014

Ich finde die Zeit schön, in der man das Frühjahr entstehen sieht. Nun zu den Bildern ;-)

Nadelbäume: Grün. Laubbäume: Noch kahl.

Sehr verdichteter Wald … Fast zu dicht?

Licht und frische Blätter: Überall ein schönes Bild.

Was der Herbst im Tal übrig ließ …

Äste wie Adernnetze am Himmel …

Besondere Bäume …

Eine besondere Verbindung …


Bürger machen den Haushalt

23. März 2014

Die Stadträtin Gerit Thomas gehört nach Pressemeldungen aus der vergangenen Woche zu den Mitgliedern des Stadtrats, die sehr viele Anfragen an die Stadtverwaltung gestellt haben. Heute berichtet sie in ihrem Blog[1] über eine Anfrage in Sachen Bürgerhaushalt. Dabei zitiert sie unter anderem aus einer Beschlusskontrolle:

Für den Doppelhaushalt 2013/2014 ist auf der Basis dieser Erfahrungen eine Projektgruppe aus je einem Vertreter der Stadtratsfraktionen, der Oberbürgermeisterin, dem Finanzbürgermeister und Vertretern der Kämmerei zu bilden. Dabei sind auf geeignete Weise Erfahrungen anderer Städte sowie externer Sachverstand einzubeziehen. Es wird angestrebt, in Vorbereitung des Doppelhaushaltes 2015/2016 eine entsprechende Projektgruppe zu bilden.

Mir fällt nicht nur in diesem Fall auf: Die Sprache, in der das Thema Bürgerbeteiligung zwischen Stadtrat und Stadtverwaltung verhandelt wird, ist schon lange keine Bürgersprache mehr. Diese Sprache setzt sich zu großen Teilen aus Management- und Politiksprache zusammen. Der Bürger ist zwar Gegenstand der Politik und der Diskussion – aber er bleibt draußen.


Viel Lärm um nichts. Viel Rauch ohne Feuer.

Die Bürger fühlen sich hier genauso veralbert wie die Mitarbeiter in den großen Unternehmen, deren Management eine Projektgruppe für Partizipation einrichtet, weil in den meisten Management-Lehrbüchern steht, dass Partizipation und kooperativer Führungsstil die Motivation »erhöhen«.

Ich kann mich gut an die fast schon legendäre Initiative der Oberbürgermeisterin für eine »sympathische Bürokratie« erinnern. Zum Leitbild für das Jahr 2015 wurden Bürgerversammlungen abgehalten und vermutlich viele Stapel mit Papier bedruckt. Davon ist im Alltag der Dresdner überhaupt nichts angekommen[2].


Cui bono?

Wir wählen in der repräsentativen Demokratie Stadträte, um die Verteilungskonflikte zwischen den Interessengruppen im Stadtrat lösen zu lassen – warum reicht das nicht?

Der Bürgerhaushalt kann unter den bestehenden Randbedingungen eigentlich nur ein verwelktes Feigenblatt sein: Die Kommune hat umfangreiche Pflichtaufgaben, schiebt einen riesigen Investitionsstau vor sich her – und ist ohnehin unterfinanziert.

Wenn es nach mir ginge, würde ich zuerst die grundsätzlichen Fragen zum Thema Bürgerhaushalt stellen: Wem nutzt es? Wem nutzt die Diskussion? Wem würde ein Bürgerhaushalt den größten Nutzen bringen?


Mehr Fragen als Antworten

Ist die Beteiligung der Bürger innerhalb des bestehenden Systems ein Wert an sich? Wird durch diese Beteiligung bessere Politik erreicht?

Wir konnten in den letzten fünf Jahren ein interessantes politisches Experiment erleben. Die Piratenpartei war angetreten, um mehr Transparenz in die Politik zu bringen – unter anderem mit einer permanenten Beteiligung aller Mitglieder an den Entscheidungsprozessen.

An der Entwicklung der Piraten kann man heute sehen, dass diese permanente Beteiligung der Mitglieder keine besseren Ergebnisse bringt. Der Prozess wird dominiert durch Personen mit einem hohen Sendungsbewusstsein, einer eher radikalen Einstellung und vor allem: mit viel Tagesfreizeit.

Die »normalen« Menschen stellen vermutlich immer noch eine Mehrheit der zahlenden Piratenmitglieder, aber sie haben gar nicht die Chance, alle Plattformen zu nutzen und permanent dort präsent zu sein.

So fürchte ich, dass es den Normalbürgern mit einem Bürgerhaushalt ähnlich gehen würde: Sie hätten kaum eine Chance gegen die gut organisierten pressure groups.


Es mangelt an Verständlichkeit

Ich hatte es oben angedeutet: Wer sich als Außenstehender mit parlamentarischen Anfragen und mit den Antworten der Exekutive befasst, verzweifelt oft an der Sprache.

Vielleicht müssen Anliegen wie der Bürgerhaushalt zwischen den Stadträten und der Stadtverwaltung in dieser Sprache verhandelt werden. Wenn man aber die Bürger erreichen will, dann muss man deren Sprache sprechen, oder man muss ihnen die Informationen »übersetzen«.

Die Dresdner Presse ist dabei keine große Hilfe. Sie präsentiert lieber Pseudo-Wettbewerbe um PR-gerechte Wirtschaftspreise, übersetzt PR-Mitteilungen von Unternehmen in redaktionelle Artikel, und kann oft gar nicht mehr zwischen Pressemitteilung und Realität unterscheiden …


Vor dem Bürgerhaushalt kommt die Aufklärung

Bevor man einen Bürgerhaushalt aufstellt, müsste es also zunächst eine umfassende Information der interessierten Bürger geben. Das müsste auf einer unabhängigen Plattform geschehen, die der Aufklärung und der Verständlichkeit verpflichtet ist.

Ausgehend von dieser Plattform müsste es dann Verfahren geben, in denen nicht gewinnt, wer am meisten präsent ist – sondern wer in Sachfragen am kompetentesten ist. Damit sind wir aber wieder bei der Delegation dieser Aufgabe und bei der repräsentativen Demokratie.

So sehr ich für Beteiligung bin und so sehnsüchtig ich manchmal in die Schweiz schaue – in unserem System halte ich einen Bürgerhaushalt momentan für keine gute Idee. Da wird das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt: Man wirft den Bürgern etwas Geld und eine Illusion vor die Füße …


Fußnoten und Links

  1. Der Blog-Artikel der Stadträtin Gerit Thomas zu ihrer Anfrage zum Bürgerhaushalt.
  2. Würde man die Themen austauschen, könnte diese Präsentation der Stadtverwaltung zum »Leitbild 2025« auch aus der Powerpoint-Hölle eines Großkonzerns stammen.


Kleine Drachen …

16. März 2014

nannte Frau Gerlinde die Eidechsen in einem Kommentar zu meinem letzten Foto-Beitrag. Ich hatte noch ein paar kleine Drachen auf dem Speicher-Chip ;-)

Eidechsen (irgendwann in der letzten Woche in einer Pause aufgenommen). Klick auf die Bilder vergrößert die Darstellung.


Instrumentalisierung

3. März 2014

Die Linken-Abgeordnete Katharina König liebt spontane Demonstrationen. Sie hatte auch am 13. Februar 2014 in Dresden wieder einen Auftritt und sie hat von dort diesen inzwischen oft zitierten Tweet gesendet:

Katharina König Vorhin an Frauenkirche: “Wo bekomme ich denn so eine Kerze für Opfer des Holocausts?” Alte Frau: “Wir sind hier nur für die Deutschen!” ‪#fb‬

Ja: Man kann an diesem Tag im Stadtzentrum auf sehr alte Menschen treffen, die immer noch traumatisiert sind, weil sie als Kind im Keller saßen und alle Anverwandten verloren haben. Diese Menschen sind jetzt 80 Jahre alt – oder noch älter.

Nein: Man bekommt von diesen alten Menschen an einem 13. Februar natürlich keine durchdachten, politisch verwertbaren Antworten. Sie weinen auch heute noch, wenn sie an den Angriff denken und am späten Abend die Glocken hören.

Deshalb ist nicht die Antwort der alten Frau bemerkenswert, sondern die Art, in der Frau König diese Antwort instrumentalisiert hat: Sie provoziert eine alte Frau zu einer Antwort und verwendet diese Antwort dann später für ihre politische Arbeit auf Twitter.


Die Instrumentalisierung ist die eine Seite der Medaille. Aber es gibt auch in diesem Fall noch eine zweite: Wenn man am 13. Februar die vielen Kerzen sieht, dann ist jede mit einem Gedanken angezündet worden: Trauer, christlicher Glaube, Andenken an bekannte oder unbekannte Opfer …

Beim Anzünden und Aufstellen der Kerzen vor der Frauenkirche wird ausdrücklich niemand ausgeschlossen. Und wer den Gedanken an die Holocaust-Opfer in sich trägt, kann seine Kerze(n) natürlich neben die anderen Kerzen stellen, die für Dresdner, Kriegsgefangene oder andere Bombenopfer dort brennen.

Das bedeutet: Man fragt nicht. Man zündet seine Kerze an, stellt sie auf und gibt ihr einen Sinn. So wie das seit Jahrhunderten getan wird …

kerze_truemmer

Kerze auf einem Trümmerteil der Frauenkirche vom 13. Februar 1945 …



Der Landesvorstand der Sächsischen Piraten und das #Bombergate

23. Februar 2014

Jedes Jahr im Februar skandieren radikale »Aktivisten« in Dresden den Namen des englischen Generals Arthur Harris. Sie erfreuen sich nachträglich am Flächenbombardement auf die Dresdner Bevölkerung oder sie wünschen sich eine Wiederholung dieses Ereignisses:

»Bomber-Harris – DO IT AGAIN!«.

Diesen Spruch und ähnliche Sprüche hören die Dresdner beim stillen Gedenken auf dem Friedhof und an der Frauenkirche schon seit Jahren. Was ist im Februar 2014 neu?


Die Twitter-Demo einer radikalen Minderheit

Eine radikale Minderheit aus der Piratenpartei hat die Bomber-Harris-Parolen als Twitter-Demo neu aufgelegt. Das war ziemlich dumm: Die Provokationen vor Ort sind nach kurzer Zeit vergessen, aber die Parolen via Twitter sind nachhaltig an vielen Stellen im Netz präsent.

Spitzenpiratin Julia Schramm hat es mit ihren Äußerungen bis zur Perfektion getrieben. Sie wünschte sich beispielsweise:

»Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei!«

Daneben gab es noch diese Pseudo-Femen-Aktion im Stadtzentrum: Der Dank an Bomber-Harris auf einem nackten Oberkörper. Sie ist eigentlich politisch unwichtig, aber aufgrund der zur Schau gestellten Nacktheit gern in den Medien erwähnt worden.


Letztlich wurden Twitter-Demo und Blankziehen zu einem Problem für die gesamte Piratenpartei. Beteiligt waren: Eine Beraterin des Parteivorstands, eine Kandidatin für die Wahl zum Europaparlament, ein linksradikaler Piraten-Politiker aus Berlin und diverse Twitter-Trolle.

Während die Harris-Parolen öffentlich diskutiert wurden, soll es zu Gewaltandrohungen gegen einzelne Beteiligte gekommen sein. Die Faktenlage ist hier allerdings sehr undurchsichtig: Von Anzeigen bei der Polizei oder von polizeilichen Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter war bisher nicht die Rede.


Die Stellungnahme der Piraten aus Dresden

Das dumme Gerede einiger Vertreter der Piratenpartei wäre mir keinen weiteren Kommentar wert, wenn der Landesvorstand der Piratenpartei des Freistaats Sachsen nicht mit einer fragwürdigen Stellungnahme reagiert hätten. Diese Stellungnahme beginnt so:

Der Landesverband Sachsen bekennt sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und wird jedem Menschen beistehen, der Opfer von Gewalt-, Vergewaltigungs-, oder Morddrohungen wird. Für uns Piraten ist die Meinungsfreiheit zentrales Element der Demokratie.

Der Beginn des ersten Satzes und der zweite Satz sind Selbstverständlichkeiten. Es bleibt völlig offen, aus welchem Grund sich der Landesvorstand zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und zur Meinungsfreiheit bekennt. Es bleibt unbestimmt, aus welchem Grund er seinen Beistand anbietet. Es bleibt auch offen, wie dieser Beistand überhaupt aussehen soll.

Eine Stellungnahme ohne Bezug auf die Ursachen des Gegenstands der Stellungnahme ist völlig nutzlos.


Gewalt in der Kommunikation

Tatsächlich werden in der anonymen Kommunikation im Netz immer öfter verbale Gewalt und Gegengewalt angewendet. Dazu gehören Sprüche in übler rassistischer und sexistischer Sprache, dazu gehört Gewaltverherrlichung, dazu gehören auch anonyme Drohungen.

Es ist zu einer furchtbaren Unsitte geworden, dass aus einem Dissens in der Sache heute oft zwei Dinge abgeleitet werden: Der Nazi-Vorwurf und das verbale Drohen mit Gewalt. Das ist immer und überall zu verurteilen.

Aber: Wer eine Diskussion schon mit Gewaltverherrlichung und Gewaltphantasien beginnt, setzt damit zwangsläufig eine Spirale in Gang, die letztlich nicht mehr kontrolliert werden kann.

Die Sprüche über »Bomber-Harris« und deutschen »Kartoffelbrei« sind in all ihren Variationen verbale Gewalt – und das war den »Aktivisten« auf Twitter natürlich bekannt. Diese Ursache-Wirkungs-Beziehung hat der Landesvorstand der Piratenpartei Sachsens offenbar verdrängt oder überhaupt nicht verstanden.


England und Deutschland – Coventry und Dresden

Die ehemals verfeindeten Völker der Engländer und Deutschen haben aus den Gewaltspiralen der Geschichte gelernt: Aus Erbfeindschaft wurde Freundschaft.

Über Dresden leuchtet heute als Symbol der Versöhnung das vergoldete Turmkreuz der Frauenkirche. Es wurde von Kunsthandwerkern in England geschaffen und aus englischen Spendenmitteln finanziert.

Die breite Mehrheit der Dresdner Bevölkerung kennt die Geschichte sehr gut. Der 8. Mai 1945 ist für uns der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das Gedenken an die Toten des Bombenangriffs am 13. Februar steht aber nicht im Widerspruch dazu. Das Gedenken ist ein elementarer Bestandteil der Zivilisation.

Die Vertreter unserer englischen Partnerstadt Coventry gedenken seit Jahrzehnten gemeinsam mit der Dresdner Bevölkerung an die Toten. Beiden Seiten ist bewusst, dass der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung kein legitimes Mittel der Kriegsführung sein kann.

Die Bomben fielen immer auf Gerechte und Ungerechte. Sie trafen auch Zivilisten, Kriegsgegner und völlig unschuldige Kinder. Der Landesvorstand der Piratenpartei Sachsens hat dazu allerdings eine ganz exklusive Meinung:

Die Piratenpartei Sachsen hat tiefen Respekt und bedauert die Opfer deutscher Luftangriffe und Kriege sei es in Guernica, Coventry, London oder anderen Orten der Welt.

Die Opfer des Angriffs auf Dresden sind den Dresdner Piraten-Vertretern offenbar keinen Respekt und kein Bedauern wert. So kann man sich mit einem Satz gleichzeitig in Dresden und in Coventry ins politische Abseits stellen …


Quelle: Hier ist die Stellungnahme der Sächsischen Piraten in voller Länge.


Ergänzung(1): Der Pirat und Anwalt Markus Kompa charakterisiert die Stellungnahme aus Sachsen am Ende des Artikels »Die Schlacht um Helms Klamauk«:

Schließlich trudelte auch aus Sachsen eine altklug belehrende Stellungnahme ein, die den Linksautonomen/Antideutschen/Ultrafemimimi-Wasweißich gefällig sein dürfte (…)


Ergänzung (2): Die taz schreibt über #Bombergate und dort ist auch erklärt, was hinter der rassistischen Wendung vom »Kartoffelbrei« steckt.



Jubiläum der Hochschule für Bildende Künste Dresden (3)

10. Februar 2014

Aus der Anatomischen Sammlung der Hochschule stammte nicht nur das Skelett, sondern auch Exponate mit Fleisch und Muskeln. Von Fritz Andreas Haumann und Fritz Otto Sauerstein ist ein »Lebensgroßer Muskelmann« ausgestellt und außerdem wird eine Arm-Anatomie aus Wachs (19. Jh) gezeigt:

Muskelmann …

Muskulöser Arm.

Ein schönes rechtes Bein (Abguss) …


Jubiläum der Hochschule für Bildende Künste Dresden (2)

9. Februar 2014

Die ersten beiden Bilder zeigen ein Bänderskelett aus der Anatomischen Sammlung der Hochschule. Dieses Skelett ist später in einigen Werken wieder aufgetaucht.

Bänderskelett von vorn …

… und von der Seite.

Richard Peter sen.: »Der Tod über Dresden


Edmund Kesting: »Dresdner Totentanz«

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Richard Müller »Zeichenklasse in der Akademie«

Totenschädel (auch ein Anatomiemodell).


Jubiläum der Hochschule für Bildende Künste Dresden (1)

9. Februar 2014

Zu Beginn einige Eindrücke mit Bildern ohne Titel: Der Blick auf das Tor an der schönen Eingangstreppe, einige Blicke nach oben (unter anderem auf die schwebende Plastik »Inaniel 20134 Mixed Media« von Manuel Frolik), drei weitere Plastiken – und eine Wand mit Fotos von Aktionen der HfBK …


Ausstellung geöffnet: Einige Eindrücke ohne Titel …


Der virtuelle Wutpetent

1. Februar 2014

Auch nach dem vorzeitigen Ende der Petition »Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!« ist das Interesse an dem Thema ungebrochen: Josef Joffe hat als Journalist der »alten Schule« in der ZEIT zum Rundumschlag ausgeholt, Stefan Niggemeier hat daraufhin in seinem Blog eine Antwort auf der eher persönlichen Ebene verfasst.

Im Kern geht es um die Legitimität von Vergleichen: Darf man die Petition als Mobbing bezeichnen? Darf man die Petition mit einem griechischen Scherbengericht vergleichen? Darf man gar eine Parallele zu den Kampagnen der Nazis gegen die Juden ziehen?

Es scheint mir in der Sache völlig unangemessen, die Nazi-Keule und die Antisemitismus-Keule gegen die Petenten zu schwingen: Wir leben in einem freien Land. Der Moderator Markus Lanz hat von der Petition nicht ansatzweise solche Greueltaten zu befürchten, wie die jüdischen Bürger in den 1930er Jahren.


Ein allgemeiner Vergleich mit den Methoden totalitärer Systeme kann angemessen sein, ein Bezug zum Mobbing drängt sich geradezu auf. Bevor man über die Zulässigkeit von Vergleichen nachdenkt, erscheint es aber sinnvoll, sich einige Gedanken über die Angemessenheit der Petition zu machen.

Eine Petition ist ja nicht einfach nur eine Bitte, eine kollektive Meinungsäußerung oder ein öffentlichen Votum. Eine Petition richtet sich immer an einen Souverän, der die Macht und die Zuständigkeit hat, über eine bestimmte Angelegenheit zu entscheiden. Solche Instanzen sind in Deutschland unter anderem der Bundespräsident, der Bundestag und die Ministerpräsidenten der Länder.

Gegenstand einer Petition an den Bundespräsidenten kann die Bitte um Begnadigung eines Strafgefangenen sein, der sehr lange im Gefängnis gesessen hat. In bekannten Petitionen an den Bundestag wandten sich die Petenten gegen die Vorratsdatenspeicherung oder sprachen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.


Bei der Petition an das ZDF ist nun erstens kein Souverän erkennbar: Der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat sind zwar demokratisch legitimiert und könnten somit Adressaten einer Petition sein. Beide haben aber nicht das Recht, den Vertrag mit einem Moderator zu kündigen.

Zweitens ist auch kein sinnvolles Anliegen erkennbar. In der Petition wird Unbehagen formuliert und es wird eine Forderung aufgestellt, die völlig sinnfrei erscheint: Man kann als Außenstehender keine Kündigung erzwingen. Das ZDF hat die redaktionelle Freiheit, mit Moderatoren zusammenzuarbeiten oder die Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden. Und das ist – unabhängig von persönlichen Sympathien oder Antipathien – auch gut so.

Drittens wäre es eine differenzierte Betrachtung wert, welche Moderatorin oder welcher Moderator einer Talkshow in den letzten Jahren fehlerfrei geblieben ist. Wenn ich mich an die Kritiken in der Presse richtig erinnere, kann man das von niemandem behaupten. Alle werden manchmal gelobt und manchmal verrissen (ich sehe selten solche Sendungen, aber man kann sich ja als Feuilleton-Leser diesen Themen kaum entziehen).

Viertens ist der tatsächliche Umfang der Zustimmung zur Petition völlig offen: Es gibt keine wirksame Kontrolle, wer wessen Namen und persönliche Angaben auf der Petitionsseite hinterlässt. Also kann ein ausdauernder Wutpetent Dutzende Einträge vornehmen, ohne damit ein Risiko einzugehen.

Dieser virtuelle Wutpetent scheint mir der jüngere Bruder des Wutbürgers zu sein. Der Wutpetent gibt sich nicht mit differenzierten Betrachtungen zum Medienrecht oder zum Petitionsrecht ab, sondern er klickt so oft, bis er seinen Willen bekommt oder bis der Zeigefinger angeschwollen ist. Im Grunde verhält er sich wie ein Rumpelstilzchen der Netzwelt.

Das scheint nun auch die Initiatorin der Petition gemerkt zu haben: Sie zieht ihre Petition nach zwei Wochen Laufzeit vorzeitig zurück. Es wird nicht ganz klar, warum sie sich dafür entschieden hat. Einerseits beharrt sie darauf, mit ihrem Anliegen recht behalten zu haben. Andererseits schiebt sie eine etwas merkwürdig klingende Entschuldigung hinterher:

Ich bedanke mich herzlich für die vielen Zuschriften und Sympathiebekundungen – aber auch für die geharnischte Kritik, die ich einstecken musste. Schließlich wurde ein Mensch Gegenstand einer Empörungswelle, welcher sich bis dato nur mit Beschwerdebriefen, beleidigten Superstars und Quotenproblemen auseinander setzen musste.

Entschuldigen möchte ich mich auch bei allen Menschen, deren Gefühle ich mit meiner Petition verletzt haben sollte. Ich bin nicht aus Böswilligkeit gegen die Person Lanz vorgegangen, sondern wollte lediglich eine längst überfällige Debatte anstoßen.

Überzeugend klingen diese Sätze noch nicht, aber es sind erste Ansätze einer Reflexion erkennbar. Vielleicht hätte sie sich diese Gedanken vor dem Einreichen der Petition und vor diesem Interview mit der »Huffington Post« machen sollen.


Das ZDF steht ja nicht zum ersten Mal mit einer Personalentscheidung im Brennpunkt. Eine stark umstrittene Entscheidung des ZDF-Verwaltungsrats fiel 2009 in der »Causa Brender«: Damals ging es um den Posten des Chefredakteurs, der vom Verwaltungsrat eingesetzt wird. Liberale, grüne und sozialdemokratische Politiker haben gemeinsam mit vielen Journalisten vehement gegen den Einfluss bestimmter CDU-Kreise auf das ZDF protestiert, aber in der entscheidenden Abstimmung gab es ein Patt und der Vertrag mit dem Chefredakteur Brender wurde nicht verlängert.

Der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat haben aber keinen Einfluss auf operative Entscheidungen der Chefredaktion des ZDF. An wen richtet sich also diese Petition? Der entscheidende Satz ist: »Ich fordere das ZDF daher auf, sich von Markus Lanz zu trennen.« Nachdem der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat keine Kompetenz für solche Entscheidungen besitzen, muss wohl die Chefredaktion gemeint sein.

Verfolgen wir die Idee der »Absetzung einer Sendung per Petition« einen kurzen Augenblick weiter: Vermutlich fühlen sich viele Zuschauer durch bestimmte Beiträge der heute-Show beleidigt, betroffen oder schlichtweg genervt. Möglicherweise kommt dabei auch eine sechsstellige Zahl von (ehemaligen) Zuschauern der Sendung zusammen. Trotzdem darf eine Petition zur Absetzung der heute-Show in einem demokratischen Land mit freien Medien nicht zum Erfolg führen. Die redaktionelle Freiheit ist wichtiger als ein ungetrübtes Fernseh-Erlebnis für jeden einzelnen Zuschauer.


Die Aufforderung, den Vertrag des Moderators mit dem ZDF zu kündigen, ist ein gravierender Eingriff in die redaktionelle Freiheit. Das ZDF kann und darf auf diese Aufforderung nicht reagieren: Gäbe es den Unterzeichnern der Petition recht, dann käme das einem »Selbstmord aus Angst vor dem Tod« gleich. Dann wäre ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich viele weitere Wutpetenten beziehen würden.

Auch wenn alle Bürger zwangsweise den Rundfunkbeitrag entrichten müssen, ist das ZDF ihnen keine Rechenschaft über die Verträge mit Moderatoren schuldig. Es gibt im Sinne des Petitionsrechts keinen demokratisch legitimierten Empfänger der Petition und es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf eine Bearbeitung des Anliegens beim ZDF. Das Werkzeug »Petition« wird drastisch entwertet, wenn man es ohne Beachtung der Formalitäten einsetzt.

Eine letzte Anmerkung: Der Rundfunkbeitrag ist eine von vielen Abgaben, die man als Bürger entrichten muss. Aber der Slogan »Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag« ist einfach nur albern: Es wird niemand gezwungen, sich diese oder jene Sendung anzuschauen. Man wird auch mit noch so vielen Petitionen kein fehlerfreies Fernsehen erreichen – und erst recht kein Fernsehen, das jeden Zuschauer zufriedenstellt.


Obst, Gemüse und eine Kugel Eis …

26. Januar 2014

Zu Beginn des letzten Artikels wollte ich eigentlich noch eine Grafik zur besseren Darstellung der [monatlichen] EEG-Kosten für eine vierköpfige Familie zeigen. Ich hatte sie heute schon getwittert:

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Schaubild zur Belastung einer Familie durch die EE-Umlage
(Klick auf das Bild zeigt die ganze Grafik vergrößert).

Ich gehe dabei von 4.000 kWh Jahresverbrauch aus. Dieser Jahresverbrauch wird durch die EEG-Umlage um etwa 250 Euro verteuert. Mithin fehlen der Familie also etwas mehr als 20 Euro pro Monat.

Da die Preise für Obst & Gemüse von der Saison und vom Anbieter abhängen, ist die Grafik bitte als grobe Schätzung zu verstehen.



Die Familie Mustergrün denkt über die Energiewende nach

26. Januar 2014

Die Grünen und die Linken behaupten ja gern, die EEG-Umlage für unsere Haushalte sei nur deshalb so hoch, weil so viele Unternehmen davon »befreit« seien. Sie bezeichnen diese Befreiung als »Subventionen«, »Rabatte« oder auch »Geschenke für Konzerne«.

Und die umweltbewusste vierköpfige Dresdner Familie Mustergrün glaubt daran. Die Mustergrüns wohnen in Dresden-Loschwitz und haben zwei Kinder auf dem Gymnasium Dresden-Bürgerwiese. Sie leben ohne Auto. Beide Eltern und beide Kinder haben eine Jahreskarte der Dresdner Verkehrsbetriebe. Diese Jahreskarten kosten insgesamt 1.894 Euro.


Schauen wir uns die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVBAG) etwas näher an. Sie zählen nämlich zu den »befreiten« oder »beschenkten« Unternehmen. Sie verbrauchen im Jahr rund 60.000.000 kWh Strom. Das entspricht etwa dem Verbrauch von 15.000 vierköpfigen Familien.

Würde dieser Strom mit der EEG-Umlage belastet, wie es die Grünen fordern, müsste die DVBAG 3.744.000 Euro zusätzlich für ihren Strom zahlen. Diese Summe kann die DVBAG entweder auf die Kunden umlegen oder als Verlust verbuchen. Die Verluste müssten allerdings von den Kunden der Stadtwerke oder von den Steuerzahlern ausgeglichen werden.


Wenn die DVBAG die Mehrbelastung von 3.744.000 Euro auf ihre Kunden umlegt, muss sie diesen Betrag zusätzlich erlösen. Der Erlös der DVBAG beträgt ohne die Mehrbelastung etwa 115.000.000 Euro pro Jahr. Müsste sie die Mehrbelastung auf die Fahrpreise umlegen, entspräche das einer Preiserhöhung von etwa 3,25 %.

Das bedeutet für unsere umweltbewusste Familie Mustergrün: Die Jahreskarten der Eltern wären 2014 um jeweils 17 Euro teurer gewesen, die Jahreskarten der beiden Kinder um jeweils 13 Euro. Summa summarum: Bei gleichmäßiger Belastung aller Fahrkarten etwas mehr als 60 Euro Mehrbelastung durch die EEG-Umlage.

Nun könnte man denken, dass die Familie Mustergrün jetzt furchtbar viel Geld spart, weil ja die DVBAG brav ihre EEG-Umlage zahlt. Das ist aber ein Trugschluss: Dieses Geld fließt in den riesigen EEG-Topf, in den alle Stromkunden in ganz Deutschland einzahlen müssen.

Alle in Deutschland bisher befreiten ÖPNV-Unternehmen sparen nach Angaben ihres Verbandes pro Jahr 250 Millionen Euro EEG-Umlage. Verteilt man diese »Ersparnis« auf (grob geschätzt) 25 Millionen private Haushalte, bleibt für jeden Haushalt eine Ersparnis von 10 Euro. Für unseren grünen Musterhaushalt ist das ein ganz schlechtes Geschäft.

Das bedeutet: Bisher wird die »Befreiung« der DVBAG und der anderen ÖPNV-Unternehmen von allen Stromkunden getragen. Nach dem Wegfall dieser Befreiung würde die EEG-Umlage direkt auf die ÖPNV-Nutzer umgelegt. Das würde für die umweltbewussten Mustergrüns richtig teuer.


Diesen Zusammenhang sehen sie aber nicht, wenn sie den Erklärungen der Grünen glauben. Die Grünen verschleiern systematisch die Zusammenhänge, sprechen von »Industrierabatten« – und verschweigen, dass letztlich alle Unternehmen ihre Mehrkosten auf die Kunden umlegen müssen. Manche Familie würde leicht entlastet, manch andere Familie würde höher belastet.

Aber am Ende zahlen bei einem möglichen Wegfall der EEG-Entlastungen immer die Endkunden, die Steuerzahler und die Beitragszahler. Also: Wir. Nur das Verhältnis zwischen direkter und indirekter Belastung würde sich ein wenig verschieben.


Nun könnten die Grünen und Linken der DVBAG das Erhöhen der Preise verbieten, weil das Preiserhöhen ja furchtbar unsozial ist. Also würden sich die Verluste der DVBAG erhöhen. Wenn sich die Verluste der DVBAG erhöhen, geht das allerdings primär zu Lasten der Dresdner Stadtwerke (DREWAG): Entweder sie können weniger investieren oder sie legen die Belastung auf uns als Bürger um.


PS: Warum haben sich die Grünen im Sommer 2013 auf diese peinlichen Veggie-Day-Diskussionen eingelassen? Heute kann ich mir das erklären: Weil ihre Argumente für das EEG so furchtbar dünn sind und weil sie Fragen zu diesem Thema vor der Wahl unbedingt vermeiden mussten.


Anmerkung 1: Leser @Jottes hat mich auf Twitter darauf hingewiesen, dass auch die »befreiten« Unternehmen 0,05 Cent EEG-Umlage pro kWh zahlen müssten. Der Unterschied von 0,8 % ist aber so gering, dass er die Berechnung nicht beeinflusst.



Keine Nazi-Satzung. Nirgends.

18. Januar 2014

Die Dresdner Neuesten Nachrichten haben gestern folgende denkwürdige Überschrift in die Welt gesetzt:

Nazi-Satzung gefährdet jüdischen Keller

Eine Parkplatzsatzung aus der Nazizeit könnte veranlassen, dass ein historischer Keller des Trierschen Hauses am Neumarkt (Quartier VII), in dem ab 1938 Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager zwangseinquartiert waren, abgerissen wird.

Bevor nun jemand befürchtet, dass die Nazi-Verordnungen in Dresden immer noch gelten, sei gesagt: An den Aussagen über die Nazi-Satzung und deren angebliche Folgen stimmt überhaupt nichts.


Was ist wirklich passiert?

Bei Ausgrabungen auf dem Gebiet des Dresdner Neumarkts haben Archäologen unter anderem den Keller eines alten Hauses freigelegt, in dem die Nazis jüdische Bürger festgehalten haben. Die Häuser sollen nun entsprechend den alten Grundrissen wieder aufgebaut werden.

Der Investor, der auf dieser Fläche bauen will, hatte in dem bewussten Keller Abstellräume für die zukünftigen Bewohner des Hauses geplant. Diese Abstellräume müssten auf ein benachbartes Grundstück verlegt werden, wenn der Keller als historischer Ort erhalten werden soll.

Im Keller des benachbarten Grundstück sollen aber Tiefgaragenstellplätze gebaut werden, weil der Investor gemäß der Stellplatzsatzung der Stadt Dresden dazu verpflichtet ist und weil die Nutzer des Gebäudes natürlich auch ihre Autos abstellen müssen.

Würde der Investor die Anzahl der Stellplätze reduzieren, müsste er eine Ablösesumme an die Stadt zahlen. Diese Ablösesumme fällt aber im Vergleich mit der Investitionssumme relativ gering aus und wird später ohnehin auf die Nutzer des Gebäudes umgelegt.


Nun hat die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V. (GHND) in ihrer Pressemitteilung die Stellplatzsatzung der Stadt Dresden mit einer Verordnung aus der Nazizeit in Verbindung gebracht:

Wie ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes jüngst bestätigte, ist ein Haupthinderungsgrund für den
Erhalt von Kellerteilen des Trierschen Hauses die sog. „Stellplatz und Garagensatzung (StGaS)“, die pikanterweise auf die sog. „Reichsgaragen-Verordnung“ von 1939 zurückzuführen ist. Mit dieser sollte in den Städten des Deutschen Reiches nach Einführung des Volkswagens (VW) ausreichend Parkraum zur Verfügung gestellt werden. Diese Verordnung aus der Nazi-Zeit (!) stellte damit einen ersten Schritt hin zur autogerechten Stadt der 1950er und 1960er Jahre dar.

Möglicherweise gehen die Ausssagen in der Pressemitteilung und in der Zeitung auf den Wikipedia-Artikel zum Thema Stellplatzverordnung zurück.

Es mag sein, dass der Mitarbeiter des Stadtplanungsamts die Stellplatz- und Garagensatzung mit dem Bau in Verbindung gebracht hat.

Der letzte Teil des ersten Satzes scheint mir allerdings nicht von dem Vertreter der Stadtverwaltung zu kommen. Denn die Verwaltung einer Stadt sollte die Rechtsgrundlagen der städtischen Satzungen eigentlich kennen (siehe unten).


In den »Dresdner Neuesten Nachrichten« macht man sich diese kühne Behauptung zu eigen. Sie ist dort nicht als Zitat aus der PR-Meldung der GHND gekennzeichnet. Zitat:

Die Stellplatz und Garagensatzung, die pikanterweise auf die sogenannte „Reichsgaragen-Verordnung“ von 1939 zurückgeht, schreibt vor, dass Investoren, wenn sie keine Stellflächen für Autos schaffen, pro Parkplatz 10 000 Euro Ablöse an die Stadt Dresden zahlen müssen.


Ein Blick in die Satzung der Landeshauptstadt zeigt: Der unterstellte Zusammenhang zwischen der Nazi-Satzung und der Dresdner Stellplatzsatzung existiert schlichtweg nicht.

Die Stellplatzsatzung wurde von einem demokratisch gewählten Stadtrat auf der Grundlage demokratisch geschaffener Gesetze erlassen. Sie hat mit der Reichsgaragen-Verordnung überhaupt nichts zu tun.

Gesetzliche Grundlage der städtischen Satzung ist die Sächsische Bauordnung (SächsBO) in Verbindung mit der Gemeindeordnung für den Freistaat Sachsen (SächsGemO).

Somit ist die Überschrift Nazi-Satzung gefährdet jüdischen Keller unsinnig. Aber auch die Stellplatzsatzung der Stadt Dresden gefährdet die Einrichtung einer Gedenkstätte oder Gedenktafel nicht. Wer am Neumarkt baut, dem muss klar sein, dass er auf die Geschichte der Stadt Rücksicht zu nehmen hat. Die Entscheidung über seinen Beitrag zum Gedenken an die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Dresden fällt der Investor in Eigenverantwortung.



Lichtenhainer Wasserfall und angeschlossenes Gasthaus

31. Oktober 2013

Zwei Bilder aus dem (abgeschlossenen) Kurzurlaub: Nach einer ruhigen Wanderung zum »Kuhstall« lockte uns das Gasthaus am »Lichtenhainer Wasserfall«. Man kann dort solide (bürgerlich) essen und kommt damit gut über den Flößersteig nach Bad Schandau zurück.

Lichtenhainer Wasserfall (30.10.2013).

Gasthaus am Lichtenhainer Wasserfall (30.10.2013).

Herr @stipriaan war dieser Tage in anderen Teilen des Elbsandsteingebirges unterwegs. Er hat das abgebildete Gasthaus auch schon besucht und ich freue mich schon auf seine Eindrücke als Gastronomie-Kritiker.



Ein kostenloser Ratgeber-Artikel für die »Sächsische Zeitung«

28. Oktober 2013

Liebe Redaktion der »Sächsischen Zeitung«,

Sie haben Ihren Lesern am vergangenen Freitag einen Ratschlag zur Altersvorsorge gegeben, der wahlweise Erheiterung, Fassungslosigkeit oder Zorn auslösen konnte.

Eines ist jedenfalls klar: Nutzbringend war Ihr Ratschlag nicht. Keine deutsche Bank oder Sparkasse kann ihren Kunden ein seriöses und sicheres Produkt zu diesen Konditionen anbieten. Damit so etwas nicht wieder vorkommt, möchte ich Ihnen zwei Tipps geben.


Der erste Tipp ist der einfachere: Werfen Sie alle schlechten Artikel weg. Wenn Sie nichts Gescheites anbieten können und die Seite partout voll werden muss, dann drucken Sie lieber ein Symbolbild. Denken Sie an Ernest Hemingway:

»The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it.«

Das sollte erst recht für Redakteurinnen und Redakteure gelten.


Woran erkennt man einen schlechten Anlage-Ratschlag?

  1. Der Autor rechnet über einen sehr langen Zeitraum mit einer unsinnig hohen Genauigkeit. Niemand kann über eine Zeitspanne von Jahrzehnten auch nur annähernd schätzen, wie sich die Geldanlage in einem Sparplan entwickeln wird. Es ist daher völlig sinnlos, das Ergebnis auf den Euro genau auszurechnen.
  2. Der Autor lässt offen, woher der Ertrag aus der Geldanlage kommen soll. Irgend jemand muss aber diesen Ertrag über 40 Jahre erarbeiten. Die Leser wollen wissen, wer das sein wird.
  3. Der Autor projiziert ökonomische Randbedingungen in die ferne Zukunft, die einzig in seiner Phantasie existieren. Der gesunde Menschenverstand sollte uns aber sagen, dass es völlig unmöglich ist, das Zinsniveau über vier Jahrzehnte und dann auch noch für den nachfolgenden Auszahlungszeitraum abzuschätzen.
  4. Der Autor projiziert die steuerlichen Rahmenbedingungen der Gegenwart in die ferne Zukunft. In Wahrheit ändern sich die Steuergesetze immer wieder. Niemand kann auf das Prozent genau angeben, auf welcher Grundlage unsere Einkommen und Vermögen in 40 Jahren besteuert werden.

Wenn ein Autor in seinem Artikel überhaupt keinen Gedanken an diese vier Punkte verschwendet hat, wenn er Ihnen das beschriebene Anlageprodukt nicht bei mindestens drei seriösen Instituten zeigen kann, und wenn in dem Artikel auch sonst keinerlei Realitätsbezug erkennbar ist:

Knüllen Sie das Blatt sorgfältig zu einer Kugel und werfen Sie die Papierkugel mit Schwung in den Papierkorb. Gehen Sie über Los zu Tipp 2.


Der zweite Tipp ist etwas komplizierter zu befolgen, aber mit etwas gutem Willen werden Sie das schaffen: Sichern Sie die Unabhängigkeit Ihrer Autoren. Ein Ratgeber-Artikel soll den Lesern dienen und niemandem sonst. Lassen Sie sich jeden Montag von Ihrem Terminplanungsprogramm daran erinnern:

  1. Die Leser bezahlen Ihre Arbeit in der Redaktion.
  2. Die Leser wollen aus Ihrer Ratgeberseite einen Nutzen ziehen.

Mögen sich »Verbraucherportale für private Finanzen« und deren Autoren auf dem Markt um ihre eigenen Interessen kümmern – das ist für die Leser irrelevant. Eine Redaktion hat immer den Interessen der Leser zu dienen und das erste Interesse der Leser ist: Sie wollen ordentliche Beiträge lesen. Seien Sie für Ihre Leser da – dann sind die Leser auch für Sie da. So einfach ist das.

Mit freundlichen Herbstgrüßen
Ihr Leser Stefanolix

.


PS: Ich habe dann doch noch einen dritten Tipp für Sie. Lesen Sie das Buch und das Blog »Deadline« des Schweizer Journalisten Constantin Seibt. Besser können Sie als Journalisten Ihre Zeit im Moment nicht anlegen.



Die »Sächsische Zeitung« gibt wertvolle Anlagetipps für die Altersvorsorge

27. Oktober 2013

Nachdem ich zuletzt die »DNN« kritisiert habe, ist nun wieder die »Sächsische Zeitung« an der Reihe. Sie gab ihrer Leserschaft in dieser Woche Hinweise für eine Geldanlage zur Altersvorsorge. Überschrift:

Der Trick mit dem Zinseszins

Um den Zinseszins zu erklären, verwendet die »Sächsische Zeitung« ein Rechenbeispiel mit 5% Verzinsung für die Dauer von 40 Jahren. Die Zeitung rechnet uns ganz qualitätsjournalistisch folgendes vor:

»Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Kraft dieses Langzeit-Hebels: Wer 40 Jahre lang jeden Monat 75 Euro in einen Sparplan einzahlt, der sich im Schnitt jedes Jahr mit fünf Prozent verzinst, der hat zum Rentenbeginn 36 000 Euro selbst zurücklegen müssen. Aber Zins und Zinseszins bringen ihm weitere 75 664 Euro. Diese stolze Summe können Sie nun nutzen …«

Das muss man wohl im Takt von »Stoiber On Drums« lesen, um es richtig würdigen zu können:

Wenn Sie,
in Dresden oder in Leipzig oder in Zwickau,
wenn Sie sich da mal die Sparpläne ansehen,
wenn Sie da bei Null starten
und jeeeden Monat 75 Euro zurücklegen […]

Weil das ja klar ist.


Nun ist ja das vordergründig Faszinierende am Zinseszins, dass bei konstant hoher Verzinsung tatsächlich ziemlich viel Geld auf die hohe Kante gehäuft wird. Aber die konstante Verzinsung einer sicheren Geldanlage mit 5% ist seit Jahren nicht mehr realistisch und wird auch in den nächsten Jahren ein Phantom bleiben.

Damit bricht aber das ganze Zinseszins-Beispiel zusammen und wird wertlos. Denn man kann den Rückstand nicht einfach durch höhere Zinsen in späteren Jahren wieder aufholen – die Zinssätze müssten dann schon exorbitant hoch sein.


Im weiteren Verlauf des Artikels wird aber felsenfest davon ausgegangen, dass nach 40 Jahren 111.664 Euro vorhanden seien. Und dass die »Sofortrente« aus diesem Kapital steuerfrei sei. Und dass man mit »bis zu 350 Euro« Auszahlung im Monat seinen Ruhestand »ungeschmälert genießen« könne. Man weiß gar nicht, an welcher Stelle man zuerst verzweifeln soll:

  • An einem Sparplan, den keine Bank anbietet?
  • An der unsinnigen Exaktheit der Endsumme?
  • An der Voraussage über die Verzinsung ab dem Jahr 2053?
  • Oder an der Voraussage zum Steuerrecht des Jahres 2053?

Der ganze Artikel ist so unsinnig, dass man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Ich habe mich beim ersten Lesen gefragt: Wie viele Jahre hatte die Redaktion diesen Artikel wohl im Stehsatz? Gab es jemals über 40 Jahre eine Verzinsung von 5% pro Jahr in einer zur Altersvorsorge tauglichen Anlage? Und: Ist diese Verzinsung jemals wieder zu erwarten? War die Schulden- und Bankenkrise der ganzen westlichen Welt nicht Warnung genug?


Machen wir einen Praxistest: Für 20.000 Euro Tagesgeld und drei Monate Laufzeit kann man momentan bei einigen privaten Banken etwa 1.5% Zinsen erzielen. Und für eine Laufzeit von zehn Jahren gibt es für die selbe Summe etwa 3% Zinsen. Einen sicheren Sparplan mit 75 Euro Einzahlung im Monat und 5% jährlichen Zinsen über 40 Jahre Laufzeit konnte ich leider nirgendwo finden – aber vielleicht kann die Qualitätsredaktion der »Sächsischen Zeitung« uns da weiterhelfen.


Die »Sächsische Zeitung« verweist unter dem Artikel auf ein »Verbraucherportal für private Finanzen« (natürlich wird das nicht als Werbung gekennzeichnet – wo kämen wir denn da hin?). Das Verbraucherportal heißt »biallo.de«.

Der Autor des namentlich gekennzeichneten Artikels in der »Sächsischen Zeitung« zählt wie durch Zufall zu den »Journalisten von Biallo & Team« – Eigenwerbung: »Über 50 Mitarbeiter und Autoren liefern täglich aktuelle journalistische Inhalte.«


Etwas Gutes hat der Artikel jedenfalls gehabt: Ich frage mich spätestens seit Freitag nicht mehr, ob ich in der »Sächsischen Zeitung« auf meine Finanzfragen eine kompetente Antwort bekommen werde.


Die Hervorhebungen in den Zitaten sind von mir.


Und noch ein PS: Die Sparkassen sind bekanntlich für viele Bürger die bevorzugten Institute für sichere Geldanlage. Hier ist ein aktueller Artikel über die Aussichten der deutschen Sparkassen. Wenn Sie den (deprimierenden) Artikel nicht vollständig lesen wollen: Nach 5% jährlicher Rendite auf die Sparpläne von Sparkassenkunden sieht es in absehbarer Zeit wirklich nicht aus.



Zeitungsredaktionen ohne Bullshit-Detektor – Teil 1: Die »DNN«

27. Oktober 2013

Früher, so sagt man, war alles besser: Die Journalisten recherchierten. Sie vergewisserten sich. Sie wiesen etwas nach. Und dann schrieben sie ihre Artikel.

Der Chefredakteur der »Dresdner Neuesten Nachrichten« ist kürzlich bei einer Veranstaltung des Presseclubs Dresden als überzeugter Vertreter dieses Prinzips aufgetreten. Darüber ist im Veranstaltungsbericht folgendes zu lesen:

Für Dirk Birgel, den DNN-Chefredakteur, sei eine gute Ausbildung wichtig, er gebe aber auch Quereinsteigern eine Chance, wenn sie einen Blick für eine Story und die Fähigkeit zu recherchieren hätten sowie pointiert formulieren könnten. Birgel hebe eine Geschichte nicht ins Blatt, wenn sie nicht rund sei, erklärt er auf dem Podium. Er gebe seinen Redakteuren, wenn sich eine große Story biete, auch Zeit für eine intensivere Recherche.

Nun kann man sich angesichts vieler Zeitungsartikel von der Wendung »Der Chefredakteur hebt eine Geschichte ins Blatt« schon etwas veralbert fühlen. Man kann aber auch dann und wann die Probe aufs Exempel machen.


Am 09.10.2013 hat die DNN über die Auszeichnung eines Schülers für eine ganz tolle Idee berichtet: Der Schüler wollte Energie »gewinnen«, indem er mehrere »tellergroße Luftturbinen« hinter dem Windschutz an der Autofront anbringt. Damit könne man doch die Geräte im Inneren des Fahrzeugs mit Strom versorgen. Das Bild in der Zeitung zeigte, wie man sich das vorzustellen hat.

Ich habe damals nicht darüber gebloggt, sondern mir nur leise an den Kopf gegriffen und getwittert:

Deutschlands Bildungssystem 2013: Von Erwachsenen preisgekrönte Idee eines Schülers – Windkraftrotoren an fahrenden PKW.

Natürlich ist diese Idee Unsinn. Man kann mit Rotoren am Fahrzeug oder im Fahrzeug nur um einen hohen Preis Energie »erzeugen«: Der Luftwiderstand steigt und es wird mehr Kraftstoff verbraucht. Da der Wirkungsgrad dieser »Energieerzeugung« natürlich ziemlich schlecht wäre, würde die Umwelt also nicht entlastet, sondern belastet. Aber das haben die Erwachsenen dem Jungen nicht gesagt. Im Gegenteil:

In Leipzig hat er dazu von der Jury schon einige Anregungen erhalten. Seine Erfindung sei doch geeignet, etwa Laptops unterwegs zu betreiben. »Theoretisch könnte man sogar auf mehr als vier Turbinen zurückgreifen, wenn man sie etwas versetzt einbaut«, meint Konstantin. »Dann könnte man die Stromproduktion noch steigern.«

Die Redaktion hat auch diesen Absatz »ins Blatt gehoben« – und der Erscheinungstag war wirklich nicht der erste April ;-)


Fazit: Eine im Grunde irrelevante Jury fand die Idee des Dreizehnjährigen so toll, dass sie einen ebenso irrelevanten Preis dafür verliehen hat. Preis und Jury wurden erst relevant, als eine Zeitung darüber berichtet hat.

Vielleicht hält der Chefredakteur der DNN diesen Bericht bis heute für eine gute Geschichte, die man »ins Blatt heben muss« – weil sie ganz flott geschrieben ist und weil sie wunderbar in die Lokalpresse passt: Kind, Familie, Schule und Umwelt ;-)

Möglicherweise ist die Erklärung auch einfacher: Die »Leipziger Volkszeitung«, die den Mantel der DNN liefert, hatte nämlich ein »Special« über die Messe veröffentlicht (»Special« scheint ein anderes Wort für »PR-Beilage« zu sein). Dort war unter anderem zu lesen, dass man einen Neunjährigen für eine noch tollere Idee ausgezeichnet hat:

»Es wäre großartig, wenn man Energie ohne Kabel übertragen könnte.« Wie das funktioniert? Der Strom wird in Laserlicht umgeformt und mittels Solaranlage wieder in Strom umgewandelt.

Man fragt sich unwillkürlich, warum es dort noch keinen Sonderpreis für ein klimaschutzgerechtes Perpetuum mobile gab. Die DNN hätte sicher genauso enthusiastisch darüber berichtet.


Tatsächlich hätte die Zeitung eine ganz andere Aufgabe gehabt: Zu hinterfragen, was in unserem System falsch läuft, wenn solche Auszeichnungen vergeben werden und niemandem der Haken an der Sache auffällt. Wäre diese Zeitung ihrer journalistischen Aufgabe gerecht geworden, hätte sie die Geschichte jedenfalls erst nach sehr gründlicher Prüfung »ins Blatt gehoben«.

Immerhin hat die Redaktion in der aktuellen Wochenendausgabe zwei kritische Leserbriefe zu dem Artikel abgedruckt. Leserbriefe sind aber immer nur eine Meinungsäußerung – und zur Physik kann es nun wirklich keine zwei Meinungen geben. Hier hätte der Chefredakteur eine Richtigstellung »ins Blatt heben« müssen …



Um 1991

10. September 2013

war das Dresdner Schloss noch eine (notdürftig gesicherte) Ruine. Die sichtbare Sicherung der Wände in Richtung Theaterplatz begann um 1985, als die Semperoper und das Hotel Bellevue eröffnet wurden. An diese Zeit erinnert ein Video, auf das ich via Twitter aufmerksam gemacht wurde. Das Youtube-Video zeigt Ausschnitte aus einer DVD von »Dresden Edition«: Dresdner Interregnum 1991.



Tag des offenen Denkmals

8. September 2013

Wir haben heute noch einen Abstecher auf den Dresdner Neumarkt gemacht. Dort werden gerade in einem weiteren Quartier die Keller der alten Häuser freigelegt, die dort bis 1945 gestanden haben. Hier sind einige Bilder:

Brunnen (ca. 17. Jahrhundert).

Kellerfußboden aus Flusskieseln.

Mauerreste der Kellergeschosse, zum Teil mit Bögen.

Diagonaler Blick über einen Teil der Ausgrabungen.

Im Hintergrund: Die Neumarktbebauung.

Kellerfußböden mit Sandsteinplatten.

Öffnung aus der Zeit der Nutzung als Luftschutzkeller.


Als Ergänzung der Verweis auf weitere interessante Blog-Artikel aus Dresden zum Tag des Offenen Denkmals: von Kathrin, Frank und Torsten. Der Dresdner Statistik-Blogger Wolf Riepl veröffentlicht auch einige Zahlen zur Denkmalpflege.

Eine interessante Diskussion mit Bildern der Ausgrabungen habe ich auf der Seite stadtbild-deutschland.org in diesem Forums-Thread gefunden.



Die Kunst der Umfrage

27. Juli 2013

Heute zum Thema: Wie vermeide ich die Frage nach dem Gegenteil von Vertrauen?

Die Zeitung »Dresdner Neueste Nachrichten«gibt in ihrer Ausgabe vom 27.07.2013 die Ergebnisse einer Umfrage zur Organspende wieder. Unter Vertrauen zum Spendensystem gibt es folgende Antwortmöglichkeiten:

  • Habe volles Vertrauen
  • Bin mir nicht sicher, ob alles mit rechten Dingen zugeht

Richtige Formulierungen für die negative Variante wären:

  • Ich habe kein Vertrauen
  • Ich habe kein volles Vertrauen

Für die positive Variante könnte man auch die folgende Antwort vorgeben »Ich bin sicher, dass alles mit rechten Dingen zugeht.« Aber die Kombination aus diesen beiden Anwortmöglichkeiten lässt Fragen offen …



Einblicke in die Jahresausstellung der HfbK 2013

18. Juli 2013

Jahresausstellung der HfbK in Dresden-Johannstadt (2013).


Manche Menschen glauben, dass Barcodes systematisch ihr Leben zerstören …

9. Juni 2013

Im Frühjahr 2013 habe ich zum ersten Mal von einem Phänomen gehört, das so gar nicht in unsere aufgeklärte Zeit passt: Manche Menschen glauben offenbar wirklich daran, dass ein Barcode auf der Produktverpackung

  • negative Energie sammelt,
  • die Produktqualität verschlechtert,
  • eine »energetisch toxische« Wirkung hat und somit
  • dem Menschen geistigen oder körperlichen Schaden zufügt.

Das ist kein Witz, kein Aprilscherz und keine Satire. Dieser Glaube wird so ernst genommen, dass Unternehmen ihre Barcodes inzwischen »entstören«, weil sie offenbar Angst haben, dass ihre Produkte sonst seltener gekauft werden. Auf einer speziellen FAQ-Seite findet man folgende Überzeugung:

So sind z.B. die Lichtzellen von Nahrungsmitteln von den Schwingungen des Codes durchsetzt. Selbst Produkte ohne eigenen Strichcode sind betroffen, wenn sie mit den gängigen Transportmitteln befördert und mit deren Verpackungs-Strichcodes in Kontakt kommen oder unmittelbar benachbart von Codes gelagert werden.


Manche Menschen »entstören« ihre Strichcodes gleich nach dem Kauf. Diese Entstörung soll mit speziellen Stiften möglich sein, die angeblich mit »positiver Energie« aufgeladen sind. Mit einem normalen Stift richtet man vermutlich mehr Schaden als Nutzen an.

Nun mag das eine Angelegenheit etwas seltsamer Kunden sein. Sollen sie doch auf dem Barcode herumkritzeln. Inzwischen ist aber eine Grenze überschritten: Manche Unternehmen aus den Branchen BIO und Esoterik »entstören« die Barcodes mit einer waagerechte Linie.

Man darf vermuten, dass sie dazu energetisch positiv geladene Druckmaschinen verwenden, sonst hätte es ja gar keine Wirkung. Inzwischen kann man Produkte mit solchen entstörten Barcodes wirklich im BIO-Laden finden.


Wenn ich also das Verhalten solcher Kunden und Unternehmen mit dem folgenden Barcode als esoterischen Unsinn bezeichne, kann ich die Barcode-Grafik mit einem Querstrich »entstören« und dann ist alles wieder gut:

barcode_400


Halten wir fest: Manche Kunden der BIO-Märkte glauben offenbar an derart groben Unfug. Sie sind mithin für Wissenschaft und rationales Denken nicht wirklich zugänglich. Man darf vermuten, dass sie auch Vollmondwasser kaufen, dass sie einen Halbedelstein zur Abwehr von »Telefonstrahlung« auf dem Schreibtisch stehen haben oder dass sie ihr Bett nach einer Wasserader ausrichten. In der F.A.Z. wurden im April Vertreter dieses seltsamen Kults zitiert.


Nun ist mir ja bewusst, dass es z. B. eine gewisse Sensibilität für Räume gibt. Bestimmte Räume rufen bei manchen Menschen Unbehagen hervor: Sie möchten nicht in eine Wohnung ziehen, in der jemand umgebracht wurde oder in der sich vor kurzer Zeit erst ein Paar getrennt hat. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Ich spüre auch eine gewisse Beklemmung, wenn ich in alten Burgen eine Folterkammer oder ein Verlies sehe.

Aber ein gedrucktes Strichmuster soll als »Antenne« für »negative Energie« wirken? Eines von so vielen anderen regelmäßigen oder unregelmäßigen Mustern in der Natur und in der Technik? Kann man mit diesem »Bewusstsein« im 21. Jahrhundert überhaupt durchs Leben gehen? Was sagt ein solches »Bewusstsein« über das Verständnis für Politik, Wirtschaft und Technik aus? Ist das nicht zutiefst unaufgeklärt und unmündig?

Ich frage mich wirklich besorgt: Was ist mit den Kindern, deren Mütter so einen Unsinn glauben? Wie sollen sie in der Schule ernsthaft Physik und Biologie lernen, wenn zu Hause solcher Aberglaube herrscht?

Das Frappierende ist doch auch: Obwohl diese Leute vermutlich ähnlich naiv auch an Politik, Wirtschaft und Technik herangehen, dürfen sie im September trotzdem zur Bundestagswahl gehen. Und das macht mir doch ein wenig Angst. Denn eigentlich brauchen sie auf dem Wahlzettel kein Wahlprogramm und keine Namen der Direktkandidaten, sondern nur das Bild einer energetisch positiv geladenen Sonnenblume auf grünem Grund …



Regulierung der Straßenmusik in Dresden

30. Mai 2013

Zu den Plänen der Stadtverwaltung zur Regulierung der Straßenkunst haben Frank und der Kollege vom Dresdner Rand schon einiges geschrieben.

Aus der künstlerisch wertvollen Pressemitteilung der Stadtverwaltung war unter anderem zu erfahren:

Das neue Verfahren ist eine sinnvolle, alle Interessen berücksichtigende Lösung, die den Verwaltungsaufwand in Grenzen hält und die Straßenmusiker/Straßenkünstler nicht unangemessen belastet. Dabei wird um Verständnis gebeten, dass nicht allen Interessen Einzelner entsprochen werden kann, da so eine allgemein verträgliche Lösung immer auch die Akzeptanz der Interessen des Anderen erfordert.

Diese neue Regelung muss wohl zum Konzept der sympathischen Bürokratie gehören, das sich die Stadt ins Leitbild geschrieben hat:

Dresden ist 2025 eine Stadt mit sympathischer Bürokratie, in der die Verwaltung nicht herrschen, sondern dienen will.

Die Verwaltung muss den Bürgern und Unternehmen dienen und aus deren Sicht mitdenken können. Sie muss zügig für sie arbeiten und ihnen ohne obrigkeitliche Attitüde auf Augenhöhe freundlich entgegenkommen.

Sie erinnern sich nicht? Bitte hier entlang ;-)


Künstler und Kulturschaffende weisen darauf hin, dass es auch bisher schon Regeln für Straßenkunst gegeben hat und dass keine Verschärfung notwendig ist.

Die letzten Dresdner Liberalen vertrauen auf Eigenverantwortung und einige Grundregeln in Form von Leitplanken.

Die radikalen Linken fordern eine neue Steuer für Besserverdienende. Mit den Einnahmen soll den Künstlern ein Mindestlohn von zehn Euro gezahlt werden.

Die Grünen fordern eine CO2-Abgabe auf alle Blasmusik-Instrumente und einen besseren Schutz der Hufeisennase.


Die Diskussion im Stadtrat ist noch nicht beendet. Doch schon geht das Gerücht um, dass die Stadtverwaltung Dresden ab 01.01.2014 die Stelle eines Geigerzählers ausschreibt …



In sechs Schritten zur Premiumwerbung

15. Mai 2013

1. In den gedruckten Zeitungen war und ist die Werbung eine Geldquelle: Auf begrenzter Fläche können nur wenige Anzeigen geschaltet werden. Damit sind bei stabiler Wirtschaftslage planbare Einnahmen zu erzielen. Die Devise lautet: Weniger ist mehr. Werbung stört nicht beim Lesen.

2. In den digitalen Ausgaben der Zeitungen ist Werbung für die Verlage keine Geldquelle: Die Preise für die aufdringliche und ungeliebte Digital-Werbung sind in den Keller gesunken. Die Devise lautet: Mehr ist weniger. Werbung stört die Nutzer erheblich beim Lesen.

3. Warum stört Werbung im Printprodukt nicht beim Lesen? Die Verlage fügen die Werbung im Print selbst in das Layout der Zeitung ein. Sie folgen dabei ihren eigenen Interessen und Qualitätsansprüchen. Gestaltung und Vermarktung sind getrennt.

4. Warum stört Werbung im Digitalprodukt erheblich beim Lesen? Im Web beziehen sie ihre Werbung von den Betreibern der Ad-Server. Diese folgen völlig anderen Interessen und Gesichtspunkten als die Verlage. Gestaltung und Vermarktung sind nicht getrennt, das Layout der digitalen Zeitung wird regelrecht zerstört.

5. Die Lösung ist: digitale Premiumwerbung. Sie wird von den Verlagen selbst verantwortet. Sie wird gestalterisch ins Layout eingepasst und sauber vom redaktionellen Teil abgegrenzt. Sie kommt ohne Animation, Audio, Scripte und Tracking. Sie lenkt nicht vom Lesen ab. Und das Beste: Man muss sie mit Ad-Blockern nicht herausfiltern. Weil sie die Nutzer nicht stört, nicht gefährdet und nicht ausspioniert.

6. Premiumwerbung kann und darf den Werbetreibenden niemals billig verkauft werden. Aber sie wird von den Leserinnen und Lesern eines hochwertigen Mediums auch nicht abgeblockt, sondern als notwendiger Bestandteil wahrgenommen. Damit entsteht ein Gewinn für alle Seiten: Der Verlag verkauft Anzeigen. Der Leser erhält ein ordentliches Produkt. Der Werbetreibende (und nur er!) kennt die Anzahl der abgerufenen Werbebotschaften.



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