Anmerkungen zur Arbeitsweise einer Medienredaktion

17. Juni 2016

Es ist den meisten Leserinnen und Lesern dieses Blogs sicher bekannt, dass die beiden sächsischen Zeitungen DNN und LVZ sehr viel gemeinsamen Inhalt enthalten. In der Wikipedia steht im Artikel über die DNN:

Mit dem Relaunch der Zeitungen „Leipziger Volkszeitung“, „Dresdner Neueste Nachrichten“ und „Hannoversche Allgemeine“ am 10. Mai 2014, die zur Mediengruppe Madsack gehören, hat sich die Optik der drei Titel vereinheitlicht. Damit werden nun noch mehr Inhalte der drei Zeitungen zentral in Hannover produziert.

Ich weiß also nicht, wer für die Medienseite in der DNN verantwortlich ist. Ich weiß nur, dass sie gestern einen absolut inakzeptablen Artikel gebracht hat. Überschrift:

Studie: Frauke Petry lügt am häufigsten
Journalismusschüler prüften Talkshow-Aussagen

Der erste Fehler liegt schon in der Überschrift: Es handelt sich nicht um eine Studie (also um eine wissenschaftlich betriebene Untersuchung), sondern um ein Projekt der Kölner Journalistenschule.


Auch der zweite Fehler ist noch in der Überschrift enthalten: Die Kölner Journalistenschule spricht ausdrücklich nicht von Lüge:

Schließlich sei noch erwähnt, dass wir keinem der Politiker mit unseren Bewertungen eine Lüge vorwerfen möchten. Eine Lüge, meinen wir, setzt Absicht beim Sprecher voraus. Das Klischee des Politikers, der alle Sorgfalt fahren lässt, um stets das letzte Wort zu haben – dafür ist unser Projekt kein Beleg.

In den Erläuterungen zum Projekt steht auch:

Zur Erklärung: „Überwiegend falsch“ ist eine Aussage immer dann, wenn sie einen wahren Kern hat, aber im Detail von den Fakten abweicht.

Die Wendung »Frauke Petry lügt am häufigsten« wurde also entweder von der Medienredaktion oder von der Autorin des Artikels geprägt – nicht von der Kölner Journalistenschule.


Der Artikel erschien am 16.06.2016. Selbst wenn man unterstellt, dass er bereits am 14.06.2016 verfasst worden wäre: an diesem Tag mussten sich die Journalistenschüler bereits korrigieren. Die Autorin schreibt in dem am 16.06.2016 erschienenen Artikel:

Spitzenreiterin bei der kreativen Neuinterpretation der Wahrheit ist die AfD-Spitzenfrau Frauke Petry. Nahezu ein Drittel (28,9 Prozent) ihrer Aussagen wurden von den Studenten beanstandet.

Dieser Prozentsatz stimmte bereits am frühen Abend des 14.06.2016 nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Faktenzoom-Autoren bereits den ersten Fehler korrigieren, den sie bei der Einstufung von Aussagen gemacht hatten.

Selbst wenn 28,9 % zugrunde lägen, kann man aber nicht von »nahezu ein Drittel« sprechen. Der Wert 28,9 % liegt ganz klar näher an 25 % (ein Viertel) als an 33,3 % (ein Drittel). Weiter im Text:

Auch der CSU-Pöbelkönig Markus Söder hat zu 21,9 Prozent die Unwahrheit gesagt.

Wir haben Pressefreiheit und es steht außer Frage, dass man einen Politiker im Rahmen eines Kommentars als »Pöbelkönig« bezeichnen darf. Aber im Rahmen eines Berichtes über ein Journalistenprojekt ist das ein absolutes Unding.


Fazit: Wer auch immer diese Medienseite zu verantworten hat: Hier ist einiges schief gelaufen. Eine Korrektur der Berichterstattung ist m. E. notwendig, weil sich die Zahlen inzwischen nicht mehr halten lassen und weil der Bericht die Arbeit des Kölner Projekts zum Teil falsch wiedergibt.


Die Links

Das Projekt »Faktenzoom«

»Faktenzoom«-Seite zu Frauke Petry

Artikel im Medienkritik-Dienst »Übermedien«

Artikel von Norbert Hähring



Kritik an der linken »Mitte-Studie« (Teil 1)

16. Juni 2016

In der Deutschlandfunk-Sendung »Das war der Tag« wurde heute die einzige substantielle Kritik an der »Mitte-Studie« der drei linken Stiftungen und eines Instituts der Uni Leipzig gesendet.

Alle anderen Medien haben in ihren Sendungen und in den sozialen Netzwerken nur Schaubilder mit herausgegriffenen Zahlen verbreitet. Im Artikel möchte ich darauf eingehen und einige eigene Anmerkungen zur Studie machen.


Vorbemerkung 1: Auftraggeber der Studie sind: die Otto-Brenner-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

An dieser Stelle ist ein Fehler zu korrigieren: Nur die beiden letzteren Stiftungen sind politische Stiftungen linker Parteien, die aus Steuereinnahmen üppig finanziert werden und ein Eigeninteresse an der Studie haben.

Beginn der Ergänzung

Informationen zum Haushalt der Otto-Brenner-Stiftung sowie zum Leitbild und zu den Kooperationspartnern der Otto-Brenner-Stiftung finden Sie unter den folgenden Links:
Leitbild
Kooperationspartner
Geschäftsbericht 2011 bis 2015

Zitat aus dem Geschäftsbericht:

Im Berichtszeitraum hatte die Otto Brenner Stiftung (ohne HSI) Einnahmen in Höhe von 5,25 Millionen Euro zu verzeichnen. Davon stammen 4,9 Millionen Euro aus Erträgen für Wertpapiere, 19.600 Euro sind Zinserträge, 219.500 Euro kamen von Spendern, 100.000 Euro waren sonstigen Erträgen zuzuordnen.

Ende der Ergänzung

Persönliche Ergänzung: Ich bedaure die ursprüngliche Darstellung, dass auch die Otto-Brenner-Stiftung aus Steuereinnahmen finanziert wird. An dieser Stelle ist mir ein Fehler unterlaufen, den ich mit der Richtigstellung nun korrigiert habe.


Vorbemerkung 2: Die Studienteilnehmer wurden laut Aussage der Ersteller der Studie repräsentativ ausgewählt. Aber die Studie kann statistisch nicht repräsentativ für die AfD-Wähler, die Linken-Wähler oder die Wähler einer anderen politischen Partei sein. Wer für diese Teilgruppen eine repräsentative Befragung durchführen will, müsste eine neue repräsentative Auswahl zusammenstellen. Je kleiner die Teilgruppe, desto weniger repräsentativ sind die Aussagen.


Prof Schröder beginnt seine Stellungnahme im Interview mit Kritik am Titel »Die enthemmte Mitte«: Dieser Titel überzeichne, er sei reißerisch und durch die Ergebnisse der Studie nicht gedeckt. Die Studie »mache die Mitte nieder, ohne fundierte Belege«.

Der Moderator der DLF-Sendung Dirk-Oliver Heckmann wendet ein: »Aber die Zahlen sind doch erschreckend«.

Daraufhin zeigt Prof. Schröder, dass es im Hauptteil der Studie eigentlich um rechtsextreme Einstellungen ginge. Die tatsächlichen Zustimmungsraten zum Rechtsextremismus seien sehr gering: Nur sehr wenige Menschen stimmten einer Verharmlosung der NS-Diktatur oder anderen harten rechtsextremen Einstellungen zu. Die Zustimmungswerte lägen fast alle im einstelligen Bereich.

Prof. Schröder übt außerdem Kritik an der Frage-Methodik: In der Studie würden suggestive Fragen gestellt. Ich habe die Beispiele, die er nannte, im Wortlaut aus der Studie herausgesucht.

Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.

Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland.

Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.


Persönliche Anmerkung: Würde man die Fragen bei gleichem Inhalt etwas weniger »geladen« formulieren, könnte sie vermutlich eine Mehrzahl der Franzosen, Polen oder US-Amerikaner mit Ja beantworten.

Würde man mich mit diesen Formulierungen befragen, dann würde ich spätestens an dieser Stelle abbrechen, weil die Formulierungen schlicht unverschämt sind.

Formuliert man diese Fragen in sachlicher Form, wird schnell klar: Jedes Land setzt seine Interessen durch und sehr viele Bürger der EU-Staaten um uns herum haben ein natürlich auch ein Nationalgefühl.

Entscheidend sind die Taten: Setzt ein Land seine Interessen mit Diplomatie und Entwicklungshilfe durch oder führt es Aggressionskriege? Leiten die Bürger aus ihrem Nationalstolz ein verantwortungsbewusstes Verhalten oder die Verachtung anderer Völker ab?


Zurück zum Interview. Typisch für die Suggestion ist laut Prof. Schröder die Frage:

Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.

Wenn Befragte derart pauschale, generalisierende Fragen vorgelegt bekämen, hätten sie keine Möglichkeit zum Differenzieren. Die meisten Menschen würden differenzierter antworten, wenn sie genauer befragt würden.

Prof. Schröder betont nochmals: Wir haben etwa 5% der Befragten, die als rechtsextrem eingestuft werden. Das sei der geringste Wert, der bei diesen Forschern jemals ermittelt wurde.  – Haben Sie davon in der »Tagesschau« etwas gehört? Oder in den Schlagzeilen zur Studie? Ich nicht.


Dann geht es im Interview um die Muslime. Unter dem Eindruck der Anschläge von Islamisten und auch der Zuwanderung sehr vieler Muslime seien die Vorbehalte sicher gewachsen und es gäbe in Teilen der Bevölkerung eine Überforderung.

Aber auch hier bringt Prof. Schröder einen interessanten Einwand: Die Studie differenziert gar nicht zwischen Muslimen und Islamisten. Hier sind die konkreten Fragen, die in der Studie gestellt wurden:

Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.

Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.

Die beiden Begriffe »islamistisch« und »Islamismus« sind in der Studie nicht zu finden – und genau diese beiden Begriffe braucht man zum Differenzieren zwischen einem friedlichen Ausüben des islamischen Glaubens und dem gewalttätigen Islamismus. Das zeigt: Differenzierung ist gar nicht gewollt.


In einem weiteren Teil des Interviews geht es um die Gewaltbereitschaft. Dort weist Prof. Schröder auf seine eigene Studien zum Linksextremismus hin. Dabei fällt auf: Jeder Bezug zum Linksextremismus oder zum Linksradikalismus fehlt in der Studie, obwohl man doch bei repräsentativer Auswahl auch auf solche Einstellungen hätte stoßen müssen …


Mein Bericht über das Interview ist nicht vollständig, weil ich mich in der Studie festgelesen habe. Dabei ist mir deutlich geworden, dass sie noch mehr problematische Inhalte hat und deutliche Voreingenommenheit zeigt. Dazu später mehr.

Ich habe die Sendung heute Nacht mitgeschnitten, um die wichtigsten Aussagen wiederzugeben und zu kommentieren. Sie ist aber auch beim DLF zum Nachhören verfügbar. Bleibt nur eine Frage: Warum wird ein solches Interview kurz vor Mitternacht gesendet? Warum hört man dieses Interview nicht in den Informationen am Morgen?


Link zur Studie [bei der Parteistiftung der Linken]

Update 1: Das Interview ist in schriftlicher Form abrufbar. Danke an den DLF!

Update 2: Es gibt jetzt zu diesem Thema auch einen Artikel von Don Alphonso in den FAZ-Blogs.




Wie das BKA einmal eine Statistik zur Kriminalität erstellte und wir sie nicht lesen sollten

9. Juni 2016

In der Bundespressekonferenz haben Journalisten nach der Entwicklung der Kriminalität gegen Ausländer und unter Ausländern gefragt. Die Bundesregierung erstellte dazu nach eigener Aussage »presseoffene Kernaussagen«. Herr Dr. Plate vom BMI sagt dazu in der Bundespressekonferenz:

Den [Bericht] kann ich leider als solchen als Vollfassung nicht zur Verfügung stellen, da der eingestuft ist, das hängt ein bisschen auch mit dem Prozedere zusammen, wie der erstellt wird unter Berücksichtigung der Daten aus den Ländern, weil überwiegend handelt es sich ja um Straftaten, die einen Charakter haben, dass sie nicht in Bundeszuständigkeit ermittelt werden sondern in Zuständigkeit der Länder, sodass man das (etwas umgangssprachlich gesagt) einsammeln muss. [Quelle: BPK-Video]


Diese »Kernaussagen« kann man in schöner großer Schrift und in zum Teil sehr einfachen Formulierungen beim BKA finden und als PDF-Datei lesen. Ein Beispiel:

Gemessen am Anteil an der Zuwanderungszahl traten Algerier, Marokkaner, Georgier, Serben und Tunesier deutlich überproportional als Tatverdächtige auf.

Syrer, Afghanen und Iraker weisen hohe absolute Fallzahlen auf. Jedoch war die Zahl der Tatverdächtigen dieser Nationalitäten – gemessen an ihrem Anteil an der Zuwanderungszahl – deutlich unterproportional.

Konkrete Zahlen? Fehlanzeige. Das BMI wirft den Journalisten einige stark vereinfachte Kernaussagen vor die Füße und die Journalisten müssen daraus einen Artikel fabrizieren. Das ist ein Job, um den ich niemanden beneide. Das Ergebnis sieht dann so wie dieser FAZ-Artikel aus, der den stark vereinfachten BKA-Bericht eben noch mal mit eigenen Worten zusammenfasst.

Da die Kernaussagen so völlig unkonkret sind, lässt sich auch jede Meinung damit begründen. Lesen Sie dazu diesen Kommentar aus der WELT, der sich auf Zahlen bezieht, die in dem Bericht gar nicht konkret benannt sind.

In beiden Zeitungen wird nicht erwähnt, dass der BKA-Bericht unter Verschluss ist und natürlich wird der BKA-Bericht dort auch nicht verlinkt. Die Leser werden in dem Glauben gelassen, dass die Journalisten die Zahlen kennen. Sie haben aber nur die »Kernaussagen«, die man leider zum großen Teil auch als »Nichtaussagen« bezeichnen könnte.


Im weiteren Verlauf wurde in der Bundespressekonferenz von Journalisten nach der Beteiligung der einzelnen Bundesländer gefragt. Herr Dr. Plate vom BMI kann dazu hier nachgehört werden:

Also es ist grundsätzlich richtig, ohne dass ich einzelne Länder jetzt gerade nennen kann, dass nicht alle Länder zu allen Berichten beigetragen haben und dass auch die Datenbasis nicht bei allen 16 Bundesländern einheitlich gewesen ist und dass das Bundeskriminalamt sozusagen prozesshaft versucht hat, das immer weiter anzugleichen, und mehr und mehr Länder ins Boot zu holen. Ob jetzt aber für die vierte Lageübersicht bereits alle 16 dabei sind mit gleicher Datenbasis, bin ich für den Moment überfragt.

Ein Journalist fragt nach: »Das heißt aber auch: Dann wäre die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Erhebungen nicht gegeben?«

Ja, na ja, gut … vergleichen … da sind wir schon wieder beim Thema Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist halt so die Frage, inwieweit das sozusagen Äpfel und Birnen sind. Es ist eine gewisse Vergleichbarkeit gegeben, weil es nie nur zwei Bundesländer waren, sondern ich glaube, zuletzt waren es irgendwie 12 oder 13 und das hat schon eine gewisse Repräsentativität, aber eine absolute sozusagen zahlenscharfe wissenschaftliche Vergleichbarkeit, haben Sie völlig recht, ist nicht gegeben, wenn der Kreis der Bundesländer sich, und sei es auch nur geringfügig, geändert hat, von einer zur anderen Übersicht.

Ich darf zusammenfassen: Der eigentliche Bericht ist unter Verschluss und die aufeinander folgenden Lagebilder sind nicht vergleichbar. Geben Sie mir bitte per E-Mail Bescheid, wenn Sie in Ihrer Tageszeitung etwas darüber gelesen oder im Radio etwas darüber gehört haben. Es interessiert mich wirklich, welches Medium sich traut, darüber offen zu berichten.


Ergänzung: Der Bundesrichter Fischer hat sich in der ZEIT ebenfalls mit solchen Statistiken befasst. Sein bitteres Fazit:

Erste Aufgabe und Voraussetzung einer kritischen Presse ist es, die Dinge zu verstehen. […] Wann ist in der deutschen Presse der letzte Bericht erschienen, der die Zahlen und Ergebnisse der PKS unter methodenkritischem, kriminologischem Blickwinkel infrage stellte? Was sind das für »kritische Medien«, die nur noch nach personalisierbaren »Skandalen« suchen, aber den Skandal im Gewöhnlichen nicht bemerken? [Quelle]



Der Hintergrund der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität

31. Mai 2016

Vor einigen Tagen kritisierte ich einen Beitrag zur Statistik der politisch motivierten Kriminalität (PMK) aus der ZEIT. Die Kritik an den Informationen zur PMK war notwendig und ich habe sehr viel Feedback dafür erhalten. Die ZEIT war nicht das einzige Medium, das die Zahlen falsch eingeordnet hat.

Deshalb habe ich Informationen gesammelt und Quellen befragt. Heute geht es um Informationen zur PMK, die man nicht in den Zeitungen finden konnte. Ich habe dazu mit Vertretern der Polizeigewerkschaft, Polizisten und Betroffenen politisch motivierter Gewalt Nachrichten ausgetauscht.


Die Beiträge zur PMK in den Medien sind meist nach dem folgenden Muster aufgebaut: Die Redaktion nimmt die Informationen aus der Pressemitteilung und aus der Pressekonferenz des BMI. Dann gewichtet man die Informationen gemäß seinen Vorstellungen. Dabei gilt fast immer: rechtsextrem wird in den Vordergrund, linksextrem in den Hintergrund gerückt. Das ist offenbar ungenügend und kann irreführend sein.

Mein eigener Artikel war aber auch unvollständig. Ich habe mich auf die kolportierte Anzahl rechtsextremer Straftaten konzentriert, die zur Hälfte lediglich Propagandadelikte sind. Ich habe gezeigt, dass auf die linksextremen Straftaten bewusst weniger als auf die rechtsextremen Straftaten eingegangen wird.

Es fehlten sowohl in den Medien als auch in meinem Artikel zwei wichtige Punkte: eine differenzierte Definition des Begriffs Gewalttat und eine Einordnung in das Gesamtbild der Kriminalität. Wer aber neutral und informativ über die PMK berichten will, darf die Grundlagen der Erfassung nicht weglassen.


Ich beginne mit einer qualitativen Einordnung. Folgende Arten von Gewalttaten werden im Rahmen der PMK erfasst:

  • schwerer Landfriedensbruch
  • Körperverletzung (bis hin zur versuchten Tötung)
  • schwerer Raub
  • Brandstiftung
  • Sprengstoffdelikte
  • gewalttätiger Widerstand gegen Polizisten
  • gefährlicher Eingriff in den Bahn- und Straßenverkehr

Diese Straftaten sind nur bedingt vergleichbar. In manchen Fällen kann man die Folgen relativ schnell beheben. In anderen Fällen bleiben lebenslange Verletzungen und Traumatisierungen. Was man nicht vergessen darf: Es gab von rechtsextremen wie von linksextremen Tatverdächtigen jeweils acht versuchte Tötungsdelikte.


Die Polizei Berlin antwortete mir auf die Frage nach der quantitativen Einordnung. Ich hatte gefragt, ob der Vandalismus in der Alten Jakobstraße in Berlin als eine Gewaltstraftat gewertet werde. Die Antwort:

Wenn mehrere Täter einen ganzen Straßenzug mit Feuer und Steinwürfen in Angst und Schrecken versetzen, dann zählt das also wie ein Anschlag eines Einzeltäters mit vergleichbar geringem Sachschaden. Anschläge der letzteren Art häufen sich in Sachsen. Sie richten sich etwa gleich oft gegen Büros der Linken und der AfD.

Besonders gravierende Folgen können Anschläge auf den Bahnverkehr haben, wie sie immer wieder von Linksextremen verübt werden. Es ist m. E. nur ein großes Glück, dass dadurch noch nie ein Zug verunglückt ist. Die volkswirtschaftlichen Schäden sind trotzdem enorm: Verspätungen, Reparaturen, Mehrkosten für Sicherheitsmaßnahmen.

Auf der anderen Seite richten auch die Brandstiftungen rechtsextremer Täter großen Schaden an: es wurden 2015 mehrmals unbewohnte Gebäude zerstört, weil sie eventuell Flüchtlinge aufnehmen sollten. Auch hier sollte klar sein: Jedes Feuer kann auf andere Gebäude übergreifen und Menschenleben gefährden.


Eine weitere Hintergrundinformation stand ebenfalls nicht in den Zeitungen: Es gibt zwei Arten von Kriminalstatistiken. Eine Ausgangsstatistik fasst die Straftaten zusammen, wenn die Ermittlungen beendet sind. Aus der Erklärung des BMI zur PKS:

Das bedeutet, dass in ihr nur die der Polizei bekannt gewordenen und durch sie endbearbeiteten Straftaten, einschließlich der mit Strafe bedrohten Versuche und der vom Zoll bearbeiteten Rauschgiftdelikte, abgebildet werden und eine statistische Erfassung erst bei Abgabe an die Staatsanwaltschaft erfolgt.


In einer Eingangsstatistik werden die Straftaten dagegen bereits am Beginn des Verfahrens zugeordnet. Aus der Erklärung des BMI:

Ausgehend von den Motiven zur Tatbegehung und den Tatumständen werden politisch motivierte Taten entsprechenden Themenfeldern und Unterthemen zugeordnet, sowie die erkennbaren ideologischen Hintergründe und Ursachen der Tatbegehung in einem staatsschutzrelevanten Phänomenbereich abgebildet.

Das bedeutet aber auch: Wenn sich im Laufe der Ermittlungen erst spät herausstellt, dass es sich um eine Operation unter falscher Flagge gehandelt hat oder dass gar kein extremistischer Zusammenhang besteht, könnte die Straftat in der PMK falsch eingeordnet worden sein. Die PMK wird grundsätzlich nicht rückwirkend korrigiert – auch dann nicht, wenn Verbrechen erst später bekannt werden.


Die Statistik PMK addiert also auch im Bereich Gewalt letztlich Straftaten, die im Grunde gar nicht vergleichbar sind. Diese Information fehlt in allen Artikeln über die PMK 2015, die ich bisher zu lesen bekam. Stattdessen werden reine Propagandadelikte mit Gewaltdelikten addiert, was grob irreführend ist.

An einem aktuellen Beispiel: Es ist inakzeptabel und es ist zu recht strafbar, dass in einem sächsischen Dorf auf einem Rot-Kreuz-Koffer aus dem II. Weltkrieg ein kleines Hakenkreuz zu sehen war.

Die Folgen von Steinwürfen auf Polizisten oder die Auswirkungen des Vandalismus in der Alten Jakobstraße in Berlin sind aber ungleich schlimmer. Ceterum censeo: Solche Gewalttaten mit Propagandadelikten zu addieren, wie es ZEIT und Tagesschau tun – das ist ganz klar eine Verharmlosung der Gewalttat und eine Aufwertung der Propaganda.

Rechtsextreme und linksextreme Gewalt sind gleichermaßen zu verurteilen. Um über beide besser aufklären zu können, brauchen wir aber Hintergrundwissen zu den Statistiken. Und wir brauchen gute Journalisten, die dieses Hintergrundwissen aufbereiten. Das darf nicht die Aufgabe von Bloggern sein.

Ich bleibe aber trotzdem mit einigen Quellen im Gespräch, um weitere Informationen zu bekommen. Auch ein Tweet der Polizei Berlin lässt hoffen, dass wir mehr erfahren:


Quellen

  1. Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage zur PMK mit Details zur Erfassung und zu den dabei verwendeten Datenbanken
  2. Pressemitteilung des BMI zur PKS und zur PMK 2015 mit vielen Links zu Einzelstatistiken

Mit Dank an @LouCyfar, @PolizeiBerlin, GdP_Dir4, @aMarienbad, @Annegret sowie Felix, Antifa, Jane, Gerlinde, Lawgunsandfreedom, Dirk, Michael, Demonstrant und viele andere Personen für Informationen und hartnäckiges Nachfragen. Nur so wird es besser!



Die Statistik der politisch motivierten Straftaten lesen

26. Mai 2016

Wenn Sie aufmerksam Zeitung lesen, wird Ihnen sicher die Berichterstattung über die Kriminalstatistik nicht entgangen sein. Interessant sind dabei vordergründig drei Dinge: Was gezeigt wird, was verglichen wird, und was weggelassen wird. Entscheidend ist allerdings: Was bleibt in den Köpfen der Bürger hängen?

Die meisten Menschen haben wenig Zeit. Sie lesen die Überschriften und die Anreißer der Artikel, sie lassen sich von Diagrammen und Bildern beeinflussen. Komplexe Artikel werden oft nicht zu Ende gelesen.

Schauen wir uns den Artikel aus der ZEIT zur aktuellen Kriminalstatistik an. Bereits die Überschrift soll die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser nach rechts richten:

Zahl rechter Straftaten so hoch wie nie

Das Bild unter der Überschrift soll diesen Eindruck verstärken. Es trägt den Titel: Polizisten nehmen im sächsischen Freital einen betrunkenen Rechtsextremen nahe einer Flüchtlingsunterkunft fest.

Wenn jemand wie auf diesem Bild von mehreren Einsatzkräften festgenommen werden muss, liegt wohl aus Sicht der meisten Leser mutmaßlich eine Gewaltstraftat oder massiver Widerstand gegen die Polizei vor.

Was bleibt also beim eiligen Leser im Gedächtnis? Die Zahl rechter Straftaten ist so hoch wie nie und die Polizei muss immer mehr gewalttätige rechte Straftäter festnehmen.


Diesen Eindruck unterstreicht die ZEIT mit einem Diagramm, in dem scheinbar rechte und linke politisch motivierte Kriminalität verglichen werden. Ähnliche Diagramme setzen die öffentlich-rechtlichen Sender ein. In Wahrheit handelt es sich bei 53 % der rechts motivierten Kriminalität um Propagandadelikte, die ein Linker gar nicht begehen kann:

So ist es nach unseren Gesetzen strafbar, den Holocaust zu leugnen. Es ist aber nicht strafbar, die Verbrechen des Stalinismus zu leugnen, der ebenfalls Millionen Menschen getötet hat. Ähnlich verhält es sich mit den Symbolen des NS-Regimes und den Symbolen der kommunistischen oder stalinistischen Diktaturen.

Es ist außerdem irreführend, Propagandadelikte und Gewaltstraftaten in einem Diagramm gemeinsam aufzuführen. Ein Hakenkreuz an der Wand ist unerträglich – aber man kann es meist schnell entfernen. Dagegen haben Gewaltstraftaten gravierende Folgen für das Opfer: Schmerz, bleibende Narben, Traumatisierung, Verdienstausfall.


Was ist also in der Statistik der politisch motivierten Verbrechen tatsächlich vergleichbar? Vergleichbar ist die Anwendung von Gewalt gegen Menschen. Dazu schreibt die ZEIT an prominenter Stelle des Artikels folgende Sätze:

Besorgniserregend ist vor allem der Anstieg rechter Gewalttaten, die einen traurigen Rekordwert erreichten. Die Zahl stieg um mehr als 44 Prozent auf 1.485 Fälle.

In der Tat finden Sie die Zahl 1.485 in der Statistik wieder. Darunter steht aber eine andere Zahl (Klick auf die Tabelle vergrößert):

pmk_links_rechts

Ausriss: PMK 2015, Seite 3, Quelle: BMI.


Es gibt also tatsächlich mehr links motivierte Fälle von Gewaltkriminalität und deren Anstieg ist auch nicht wirklich gering. Die ZEIT lässt diese Tatsache nicht weg. Sie positioniert die Fakten aber viel weiter unten im Artikel und sie zieht bewusst keinen Vergleich.

Aber auch die von linken Gruppen verübte Gewalt stieg auf einen neuen Höchstwert. Die Polizei registriert hier eine Zunahme um 35 Prozent auf insgesamt 2.246 Delikte. Vor allem Polizisten und Rechtsextremisten seien das Ziel der Angriffe gewesen. Allein sieben versuchte Tötungsdelikte linker Extremisten gegen Polizisten zählt die Statistik.

Diese Angaben zur links motivierten Gewalt sind zudem auch noch unter der Zwischenüberschrift:

Zahl der Hasskommentare im Netz steigt um 176 Prozent

eingeordnet. Dort würde ich beim Querlesen sicher nicht nach Informationen über linksextreme Gewalttaten suchen. Die Information wird nicht weggelassen, aber sie wird bewusst weit von der rechtsextremen Gewalt positioniert, damit der Leser nicht den direkten Vergleich hat.


Insgesamt nimmt »rechts« im Artikel nicht nur einen weitaus größeren Raum ein als »links«. Der Artikel ist vom Beginn bis zum Ende so angelegt, dass »rechts« als bedrohlicher dargestellt wird. Zum einen wird der Anstieg rechter Delikte an mehreren Stellen prominent betont, bei den linken Delikten nur an einer ziemlich versteckten Stelle. Insgesamt werden folgende Methoden angewandt:

  1. die Reihung der Informationen
  2. unterschiedlich viel Raum für Informationen
  3. die grafische Visualisierung
  4. die Positionierung der Fakten
  5. der Verzicht auf den direkten Vergleich

Überzeugen Sie sich selbst und lesen Sie den ZEIT-Artikel. Ich bin sicher, dass ein Großteil der Leser eine halbe Stunde nach dem Lesen die rechte Kriminalität für doppelt so bedrohlich hält wie die linke. Indiz:

Der Artikel wurde mir mehrfach als Beleg für die viel höhere Bedeutung der rechten politischen Kriminalität angeboten. Dieser statistisch falsche Eindruck liegt erstens am Aufbau des Artikels und zweitens am Zeitmangel der meisten Leserinnen und Leser.


Deshalb ist es wichtig, die Statistik der politisch motivierten Kriminalität direkt zu lesen. Sie kann beim BMI heruntergeladen werden. Journalisten haben kein Monopol darauf! Journalisten sollten nicht die »Gatekeeper« sein, die uns solche wichtigen Informationen filtern. Wir müssen uns selbst ein Bild machen.


Ergänzung (27.05.2016): Ich habe die Aufteilung des Artikels in Farbe visualisiert. Legende:

  • Grau: Neutral
  • Rot: Straftaten Links
  • Braun: Straftaten Rechts
  • Schachbrett: irreführendes Diagramm



Zwei Kandidaten im Deutschlandfunk

21. Mai 2016

Am frühen Morgen des 21.05.2016 hat der Deutschlandfunk zwei Porträts gesendet: Eines war Alexander van der Bellen gewidmet, das andere Norbert Hofer. Beide stehen sich morgen im entscheidenden Wahlgang gegenüber.


Wie steigt der DLF in die beiden Porträts ein? Der Einstieg in das van-der-Bellen-Porträt fasst in einem Absatz die wichtigsten Lebensdaten des Kandidaten zusammen. Das geschieht sehr sachlich und seriös:

Er ist bedächtig, sachlich, macht in seinen Sätzen auch mal ein paar Sekunden Pause zum Nachdenken. Und ist die Hoffnung all derer, die einen Präsidenten der FPÖ, Parteifarbe blau, verhindern wollen. Alexander van der Bellen, 72, früher Wirtschaftsprofessor, elf Jahre lang Parteichef der Grünen.

Der Einstieg ins Hofer-Portrait ist ein ganz anderer: Die Autorin beschreibt weder die politische Laufbahn noch die berufliche Position Hofers. Sie konzentriert sich auf den äußeren Eindruck und dann auf die Mitgliedschaft in irgend einer Burschenschaft:

Norbert Hofer wirkt wie der nette Blaue von nebenan, die sanfte Stimme der FPÖ. Doch er kann auch anders. Ganz anders. Der gebürtige Steirer wuchs im burgenländischen Pinkafeld auf. Sein Vater war ÖVP-Gemeinderat. Sohn Norbert wurde in Pinkafeld Ehrenmitglied der »Marko Germania«, einer schlagenden deutschnationalen Burschenschaft.

Den ersten Eindruck von einem Radiobeitrag kann man nicht wiederholen. Der Einstieg ist ein klarer Punkt für den Kandidaten van der Bellen. Er wird beruflich und politisch sehr ernst genommen. Beim Kandidaten Hofer zählt dagegen 1:20 min lang nur der Eindruck (inklusive der sehr langen Assoziation mit der »deutschnationalen« Burschenschaft).


Nächste Frage: Mit wem werden die beiden Kandidaten assoziiert? Auch hier zeigt sich ein gravierender Unterschied:

Norbert Hofer wird in erster Linie mit seiner Burschenschaft und mit dem Hobby Schießen in Verbindung gebracht. Beides wird in der öffentlichen Meinung kontrovers diskutiert, ist aber eher negativ besetzt.

Alexander van der Bellen wird dagegen rundum positiv assoziiert:

Vor der ersten Wahlrunde galt Van der Bellen lange als Favorit. Vor allem, weil er, ähnlich Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, als Grüner auch im bürgerlichen Lager viele Anhänger hat.

Und am Ende kommt die Aussage, die beim Zuhörer hängen bleiben soll:

Er hat ein Menge prominente Unterstützer aus Kultur und Politik, von André Heller bis zum neuen Kanzler Christian Kern. Die große Frage ist, ob das am Ende reicht.

Anderthalb Punkte für van der Bellen, ein halber Punkt für Hofer. Denn am Ende des Hofer-Porträts kommt wieder nur das bereits bekannte Ton-Argument:

Hofers Lebensphilosophie: Hart in der Sache, verbindlich im Ton.


Was erfahren wir über die Berufe der Kandidaten? Alexander van der Bellen war Wirtschaftsprofessor. Das wird schon in der Einleitung hervorgehoben. Norbert Hofers Beruf wird dagegen nach mehr als zwei Minuten ganz am Rande erwähnt:

Hofer ist Vater von vier Kindern aus zwei Ehen, schon mit Anfang 20 war der gelernte Bordingenieur FPÖ-Stadtparteiobmann in Eisenstadt.

In der Wikipedia sieht Hofers beruflicher Werdegang doch etwas umfangreicher aus.

Fazit: Der Kandidat van der Bellen wird korrekt mit seiner höchsten beruflichen Position vorgestellt. Zum Kandidaten Hofer wird nur gesagt, dass er irgendwann mal etwas gelernt hat. Wieder ein Punkt für Alexander van der Bellen, wieder allenfalls ein halber Punkt für Hofer.


Was wird zu den politischen Zielen der beiden Kandidaten gesagt? In beiden Porträts werden die Ziele korrekt und sachlich dargestellt: Unentschieden, jeweils ein Punkt.


Liebe Leserinnen und Leser: Machen Sie sich selbst ein Bild. Ich habe heute am frühen Morgen den Eindruck gehabt, dass Norbert Hofer in seiner Vorstellung deutlich schlechter wegkommt als sein Kontrahent Alexander van der Bellen. Ich sehe mindestens vier Punkte für van der Bellen und maximal zwei für Hofer.

Der Aufbau des Beitrags über Alexander van der Bellen ist stringent, es gibt keine Redundanz, die Sprache ist prägnant. Das Porträt Norbert Hofers nimmt mehr Sendezeit ein, sagt aber sachlich deutlich weniger aus. Das liegt daran, dass in Norbert Hofers Porträt viel mehr Nebensächlichkeiten enthalten sind als in Alexander van der Bellens.

Keiner der beiden Beiträge rechtfertigt die pauschale Beschimpfung »Lügenpresse«. Aber eine Tendenz für den Kandidaten van der Bellen ist m. E. deutlich zu erkennen. Sie können die beiden Beiträge nachhören: Norbert Hofer und Alexander van der Bellen.



Eine Studie zur »Entlohnung in Startups«

12. Mai 2016

Eine Studie über die Entlohnung der Mitarbeiter in Berliner Startups scheint zu beweisen, dass Frauen bei diesen Unternehmen sehr viel weniger Geld verdienen. Ich möchte zeigen, warum die Schlussfolgerungen in diesem SPON-Artikel statistisch nicht untermauert sind.

Die Autoren der Studie haben ihre Daten auf folgende Weise gewonnen: Zwischen April 2013 und Januar 2016 konnten sich Besucher der Seite »Jobspotting« an einer anonymen Umfrage beteiligen. Das sind fast drei Jahre (in denen sich Gehälter und Positionen verändern).

In dieser Zeit haben sich (nach Bereinigung der Daten) 3.388 Beschäftigte an der Befragung beteiligt [Quelle: Berlin Startup Salary Report, S. 10/11].

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Beteiligten registriert sein mussten oder dass ihre Angaben verifiziert wurden. 60 % der Nutzer gaben an, in Berlin zu wohnen [S. 6]. Auch diese Angabe wurde offenbar nicht verifiziert. Später wird angegeben, dass 2.026 Personen tatsächlich in Berlin arbeiten [S. 12].

Bereits hier sind sehr starke Zweifel an der Aussagekraft der Studie geboten: Die Art der Umfrage (anonym, nicht verifiziert) und die Art der Auswahl der Beteiligten (es war eine Selbstauswahl auf einer Job-Plattform, die gar nicht jeder aus der Branche besuchen muss).


Laut Aussage der Autoren waren 80 % der Beteiligten »non-german«, wobei unklar bleibt, ob sich das auf die Staatsangehörigkeit oder auf die Herkunft bezieht [S. 6/7]. In den Berliner Startups arbeiten aber nur 49 % »non-germans«. Selbst wenn wir die ersten beiden sehr starken Einwände fallen lassen würden, kann die Studie also die Beschäftigten der Berliner Startups nicht repräsentieren.

Nach einer Aussage der Studie arbeiten nur etwa 63 % der Befragten überhaupt in Startups, was die Aussagekraft noch weiter einschränkt [Diagramm S. 16 oben, die Bildunterschrift ist in der Reihenfolge verkehrt]. Von den Befragten aus Berlin arbeiten 75 % in einem Startup.


Die Geschlechterverteilung M/W in der Studie betrug 70/30 % und speziell für Berlin 66/34 %. Viele Beteiligte der Umfrage kamen aus dem Ausland nach Berlin. Das sind vorwiegend sehr gut ausgebildete Männer mit Hochschulabschluss. Eine (Arbeits)Migration von gleich gut ausgebildeten jungen Frauen gibt es nicht.

Mit dieser Verteilung der ohnehin schon nicht repräsentativen und nicht geprüften Daten ist die Schlussfolgerung auf eine Lücke zwischen den Geschlechtern von exakt 25 % (wie SPON das titelt) absolut nicht sinnvoll. Aus der Studie geht noch nicht einmal sicher hervor, wie viele Frauen aus Berliner Startups überhaupt teilgenommen haben.

Das Berechnen von Korrelationskoeffizienten zum Zusammenhang zwischen Geschlecht und Gehalt aus derart ungesicherten und nicht repräsentativen Daten ist ein Zahlenspiel – aber mehr auch nicht. Somit kann der Artikel in den Datenmüll entsorgt werden. Er hat statistisch keinen Wert.

Bonus: Je detaillierter die Auswertungen [ab S. 28] zum Verhältnis männlicher und weiblicher Gehälter im Anschluss sind (Altersgruppen, Positionen etc.), desto größer wird der Unsinn. Denn für diese Teilgruppen kann die Umfrage natürlich erst recht nicht repräsentativ sein.



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