Lutz Bachmann und der Goebbels-Vergleich

3. November 2015

Man muss sich Lutz Bachmann heute wohl als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat sich mit seinem Goebbels-Vergleich in eine lange Liste mehr oder weniger bekannter Personen des öffentlichen Lebens eingereiht – und er wird dafür noch lange Beachtung finden.

Goebbels-Vergleiche sind in der deutschen Innenpolitik immer wieder ein Mittel der (billigen) Provokation gewesen. Bachmann wusste sehr genau, dass er mit diesen Worten einen Reflex auslöst. Er wusste auch, dass sich die Medien und viele Politiker geschichtsvergessen darauf stürzen würden.

Wer heute wegen Bachmanns Provokation den Staatsanwalt einschalten will, sollte vorher einen Augenblick an die Geschichte denken: Der Goebbels-Vergleich ist für seine politischen Urheber immer ohne rechtliche Konsequenzen geblieben. Eine Auswahl aus dem Zettelkasten der Demagogie hat der SPIEGEL vor einigen Jahren veröffentlicht. Zitat von dort:

Zuspitzung gehörte zum Geschäft – auch schon bei Brandts und Kohls Vorgängern. Der Goebbels-Vergleich als letztes Mittel im politischen Schlagabtausch, als schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal – der Sozialdemokrat war nicht der erste, der sie einsetzte. Konrad Adenauer (CDU) hatte so schon gegen Kurt Schumacher (SPD) gewettert, Herbert Wehner (SPD) gegen Franz Josef Strauß (CSU), Strauß wiederum gegen linke Demonstranten.

Bachmann hat zwar keinerlei Programm und keinerlei Lösung für unsere aktuellen Probleme. Er weiß aber sehr gut, wie man Aufmerksamkeit provoziert. Bachmann ist es auch völlig egal, ob der Goebbels-Vergleich als schmutzig eingestuft wird – er kann sich ja auf eine lange Reihe anderer Personen berufen, die ihn bereits ungestraft eingesetzt haben.

Bachmanns Provokation sollte den Zeitungen allenfalls eine historisch klug eingeordnete Randnotiz wert sein. Wenn sich Medien und Politiker darüber aufregen, tanzen sie nach Bachmanns Pfeife und machen eine weitere Woche für #Pegida kostenlose Werbung. Die treffende Formulierung »schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal« trifft auch auf Bachmanns Goebbels-Vergleich zu. Dabei sollte man es belassen.

Wer schreibt, bloggt oder twittert, sollte gelegentlich reflektieren: Mit welchen rhetorischen Tricks werde ich konfrontiert? Welche rhetorischen »Waffen« setze ich gewollt oder ungewollt selbst ein – wenn ich zitiere, favorisiere oder weiterleite? Welche Fehlschlüsse unterlaufen mir dabei? Das ist allemal nutzbringender, als die Aufregung über den Herrn Bachmann zu ventilieren …



Warum man Studien über Anleger nicht blind vertrauen sollte

7. Oktober 2015

Wenn Sie heute oder morgen Ihre Lokalzeitung aufschlagen, werden Sie vielleicht folgende Überschrift lesen:

Dresdner Männer sind bundesweit die schlechtesten Privatanleger

Diese Idee für eine Überschrift halten Sie im Moment vielleicht noch für pure Phantasie eines Bloggers – bis Sie das Original aus einer aktuellen Pressemitteilung der ING DiBa lesen:

Privatanlegerstudie: Hamburger Seniorinnen sind die erfolgreichsten Privatanleger in Deutschland


Vielleicht erinnern Sie sich an diesen Artikel aus der »Sächsischen Zeitung«, in dem es 2013 hieß:

Dresdner legen ihr Geld am cleversten an

Der Analyse einer Direktbank zufolge erzielen sie bundesweit die höchste Rendite – und gehen dafür höhere Risiken ein.

Nur zwei Jahre später sind die Dresdner das weit abgeschlagene Schlusslicht derselben Studie und die Sachsen sind Vorletzter. Man darf also gespannt sein, welches Ergebnis die Dresdner im Jahr 2017 erzielen: Erster, Letzter oder Mittelfeld? Und man darf sich fragen: Waren die Dresdner 2013 besonders clever oder sind sie 2015 besonders dumm?


Die ING DiBa hat für die Presse in dieser PDF-Datei einige Zahlen zusammengefasst. Diese Zahlen sind für eine seriöse Bewertung des Anlageerfolgs der Dresdner oder der Hamburgerinnen, der Bayern oder der Hessen, der Jungen oder der Alten weitgehend wertlos.

Die Bank hat nach eigener Aussage etwa 584.000 Wertpapierdepots ausgewertet und man darf davon ausgehen, dass sie Geschlecht, Wohnort und Anlageerfolg richtig zusammengefasst hat. Das Problem sind nicht die Zahlen. Das Problem sind die Schlussfolgerungen, die aus den Zahlen gezogen werden.

Warum ist bei der Veröffentlichung von Schlussfolgerungen aus der Studie größte Vorsicht angebracht? Die ING DiBa veröffentlicht eine Zusammenfassung, ohne die zugrunde liegenden Daten zu veröffentlichen. Daraus ergeben sich die folgenden statistischen Einwände:

  1. Die Größe der Stichprobe lässt keinen Rückschluss auf ihre Repräsentativität zu.
  2. Die Zusammensetzung der Stichprobe nach den Merkmalen Wohnort, Alter und Geschlecht ist der Öffentlichkeit unbekannt.

Allein aus diesen beiden Gründen sind Rückschlüsse auf Dresden oder Hamburg nicht seriös: Wir wissen nicht, wie sich die Depots nach Geschlecht, Wohnort oder Alter verteilen. Und die Teilnehmer der Studie wurden nicht regulär repräsentativ ausgewählt, sondern per Selbstauswahl zusammengestellt.


Schon der Rückschluss auf die Anlageerfolge der Frauen und der Männer (wie in diesem Artikel) erscheint mir sehr gewagt – erst recht das Ableiten eines Trends aus den Studien 2013 und 2015. Absolut spekulativ sind aber Schlussfolgerungen auf Kombinationen aus mehreren statistischen Merkmalen:

In der Schlagzeile »Hamburger Seniorinnen sind die erfolgreichsten Privatanleger in Deutschland« stecken drei Merkmale, deren Verteilung wir nicht kennen: Wohnort, Geschlecht, Alter. Es ist völlig spekulativ, daraus eine Spitzenleistung bei der Geldanlage abzuleiten – obwohl es natürlich für Hamburg eine schöne Schlagzeile gibt.


Liebe Journalistinnen und Journalisten in Hamburg: Verkneift Euch Jubelmeldungen über den Anlageerfolg Eurer Einwohner. Liebe Dresdner Männer: Lasst Euch nicht die Laune verderben. Es ist ein Zahlenspiel ohne jede gesellschaftliche Relevanz.

Und liebe Verschwörungstheoretiker: Mit der #Pegida, den Chemtrails, der Klimaerwärmung, den Russen oder der deutschen Teilung haben die Ergebnisse auch nichts zu tun.

Es ist reine PR – denn mit den Berichten über die Studie kommt der Name der Bank in die Zeitung. Mehr steckt nicht dahinter …


Ergänzung: Wenn zu einer Studie keine Rohdaten veröffentlicht werden, ist sowieso immer Misstrauen angebracht. Die Zusammenfassung in Form bunter Folien und Diagramme ist schön und einfach – aber ohne zugrunde liegende Daten kann man weder die Diagramme noch die Rangfolgen beurteilen.



Zum Krankenstand bei Frauen und Männern

5. Oktober 2015

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben ist ein hohes Gut. Eine zweifelhafte Auslegung von Statistiken kann aber kein Argument für mehr Berufstätigkeit von Frauen sein.


Am Ende der vergangenen Woche hat meine Lokalzeitung DNN eine Pressemitteilung der BARMER GEK verarbeitet. Die journalistische Leistung beschränkte sich dabei wie so oft auf das Kürzen und Umformulieren der Pressemitteilung – aber das soll nicht Gegenstand der Kritik sein.

Frauenpower für die Wirtschaft
Barmer GEK: Vollzeitbeschäftigung als Mittel gegen die Auswirkungen des demografischen Wandels


Meine Statistik-Sensoren reagierten auf folgenden Abschnitt:

Sachsen_AU_Detail

Ausriss: DNN, 01. Oktober 2015, Seite 4


Es schien sich um Rosinenpickerei zu handeln: Das Argument der höheren Lebenserwartung ist ganz sicher ein Null-Argument – weil die Lebenserwartung beider Geschlechter ohnehin weit jenseits des Rentenalters liegt. Entscheidend ist doch für die Beschäftigung: Wer geht real eher in Rente?

Und ausgerechnet die Anzahl der Tage pro Krankschreibung heranzuziehen – das schien mir dann doch sehr außergewöhnlich. Normalerweise sind andere statistische Kennzahlen wichtiger: Der Krankenstand für die Arbeitgeber und die Ausfälle bezogen auf die Versicherungsjahre für die Krankenkassen.


Nachdem ich die Daten im Gesundheitsreport der Barmer GEK überprüft hatte, stellte ich am Montagvormittag auf Twitter diese Frage:

Statistik-Übung: Was ist an den Aussagen zur Gesundheit und Berufstätigkeit von Frauen statistisch zweifelhaft? [Link zum Tweet]

Die Diskussion war kurz und interessant: Sehr schnell wurde klar, dass es letztlich nicht auf die Daten ankommt, die in der Pressemitteilung und im Artikel der DNN (gedruckte Ausgabe) hervorgehoben wurden.


Im Gesundheitsreport der Barmer GEK stehen die wirklich relevanten Daten, hier für 2014 und 2013:

Sachsen_AU_breit

Ausriss: Gesundheitsreport der Barmer GEK, 2015, Seite 8


Diese Daten zeigen, dass sowohl in der Pressemitteilung als auch im Zeitungsartikel Rosinenpickerei betrieben wurde. In fast allen Kennzahlen (bis auf eine) sind die Männer »besser« als die Frauen.

Insgesamt sieht man aber in keiner der Kennzahlen einen wirklich relevanten »Vorsprung« eines Geschlechts. Und der einzelne Arbeitgeber stellt ohnehin keine Kennzahl ein, sondern einen Mann oder eine Frau.

Hinweis: Das Demaskieren dieses statistischen Tricks hat nichts damit zu tun, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben selbstverständlich ist.

Dieser Artikel richtet sich in keiner Weise gegen berufstätige Frauen, sondern nur gegen schlechte Interpretationen der Statistik und gegen schlechten Journalismus …



Getötete Fahrradfahrer

30. September 2015

Jeder Verkehrstote ist ein Toter zu viel. Wer sich mit der Statistik der Verkehrstoten befasst, sollte deshalb besondere Vorsicht walten lassen und alle Quellen prüfen. Der folgende Beitrag handelt von groben Fehlern, die dabei im Journalismus auftreten.


Die Zeitung »Die Welt« schreibt in der Überschrift eines aktuellen Artikels:

Zahl getöteter Radfahrer steigt dramatisch

Erschreckende Studie: Seit 2005 ist die Zahl getöteter Radfahrer im Straßenverkehr um die Hälfte gestiegen.

Um es kurz zu machen und um den Fahrradfahrern unter uns den Schrecken zu nehmen: Die Angabe in der Überschrift und in der Zusammenfassung des Artikels ist völlig falsch. Im Jahr 2014 kamen deutlich weniger Fahrradfahrer ums Leben als im Jahr 2005.


Im Text der »WELT« wird dann auch gar nicht mehr über die Anzahl geschrieben, sondern es wird eine ganz andere statistische Kennzahl dargestellt:

»Unter den Toten im Straßenverkehr ist der Anteil der Fahrradfahrer in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen.«

Diese Angabe ist zwar richtig, aber ebenso irreführend. Denn während der letzten zehn Jahre (2005 bis 2014) ist sowohl die Anzahl der Verkehrstoten als auch die Anzahl der getöteten Radfahrer gesunken. Nur der Anteil der Radfahrer ist gestiegen. Es ist statistisch immer zweifelhaft, mit Anstiegen von Anteilen zu operieren, ohne die absoluten Zahlen zu betrachten.


Quelle der Zahlen ist eine Pressemitteilung über eine Studie des GDV (genauer gesagt: der Unfallforschung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft). In dieser Studie geht es nicht primär um die Gesamtheit der getöteten Radfahrer, sondern um den Anteil, der bei Unfällen mit Autos ums Leben kam. Der GDV schreibt:

Bei mehr als einem Drittel der getöteten Radfahrer und bei fast der Hälfte der schwerverletzten Radfahrer war der Unfallgegner ein Auto.

Die WELT hat die Zahlen also richtig aus der Pressemitteilung übernommen. Aber auch der GDV verschweigt die tatsächlichen absoluten Zahlen: Im Jahr 2005 wurden in Deutschland 575 Radfahrer getötet, im Jahr 2014 waren es 395. Diese Zahlen können Journalisten, Blogger und Leser beim Statistischen Bundesamt finden: Zweiradunfälle im Straßenverkehr (2014), S. 24.

In der Zusammenfassung der Studie sind interessante Ausführungen zu den Fahrradunfällen mit Autos zu finden. Ich will die Studie als solche in keiner Weise schlechtreden. Trotzdem muss man dem GDV den Vorwurf des Rosinenpickens machen: Wenn die Anteile statistisch nicht eingeordnet sind, führen sie die Leser in die Irre.


Die Zahlen des GDV sollen eine Forderung der Versicherungswirtschaft unterstützen: Autos sollen mit Sicherheitseinrichtungen ausgestattet werden, um Radfahrer besser erkennen zu können und sie zu schützen. Deren »Weiterentwicklung und Serieneinführung« sollen beschleunigt werden

Das kann aus Sicht der Versicherungswirtschaft eine berechtigte Forderung sein, denn sie muss die Verbesserungen nicht bezahlen, könnte aber davon einen Nutzen haben.

Es gibt aber auch andere Maßnahmen: bessere Verkehrsplanung, Senkung der Höchstgeschwindigkeit in der Stadt, mehr wirklich gute separate Radwege oder ein Verkehrssicherheitstraining für Radfahrer.


Ergänzung 1: Jede der genannten Maßnahmen muss auf der Grundlage der richtigen statistischen Kennzahlen geplant werden. Dafür hat die Presse eine Mitverantwortung – und wir als Leserinnen und Leser brauchen Kompetenz in Sachen Statistik.


Ergänzung 2: Die Dresdner Zeitung DNN bringt heute auf der letzten Seite einen recht guten Beitrag zum Thema. Sie haben direkt bei den Unfallforschern nachgefragt oder von dort detailliertere Ergebnisse erhalten. Technisch gesehen ist der Artikel in der DNN dem Artikel in der WELT um Längen voraus.

Aus Sicht der Statistik kann ich den Artikel in der DNN mit einer Note 2 bewerten. Es wird nicht ausgesagt, dass die Anzahl der getöteten Fahrradfahrer in den letzten 10 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Immerhin steht aber im Artikel, dass die Anzahl der Verkehrstoten insgesamt gesunken ist und dass sich die Anteile der Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger verschoben haben.


Ergänzung 3: Den nächsten Fehler leistet sich der WDR. Er postuliert in diesem Artikel:

Tendenz steigend: Die Zahl der getöteten Radfahrer hat in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Könnte dir Redaktion damit etwas verantwortungsbewusster umgehen? Wer dort arbeitet, muss sich viel weniger Sorgen als die Mitarbeiter in der freien Presse machen, denn das Gebührengeld fließt immer.


Ergänzung 4: Auch die Süddeutsche Zeitung hat eine falsche Überschrift, immerhin stimmt der Text im Link und der Rest des Artikels ist auch nicht zu beanstanden.



Der Tagesspiegel scheitert an der Frage: »Woher kommt der Hass im Netz?«

16. August 2015

Auf Twitter wurde heute über den Artikel des Tagesspiegel »Woher kommt der Hass im Netz?« diskutiert. Ein Journalist empfahl den Kauf der Zeitung mit den Worten

Schon für diese Doppelseite lohnt sich der Kauf des @tagesspiegel am Sonntag.

Ich befasse mich seit mehr als 10 Jahren mit diesem Thema. Ich habe den Artikel aufmerksam gelesen und ich habe einige Anmerkungen dazu zu machen …


Beim Lesen des ersten Teils wurde mir wieder einmal klar, wie klein der deutschsprachige Bereich der sozialen Medien ist. Deutschland ist nach dem Artikel des Tagesspiegel eines von an die hundert Ländern, das die Facebook-Moderatoren von Dublin aus »bearbeiten«. Es müsste dort also Fachleute für Hass und verbale Gewalt in dutzenden Sprachen geben.

Facebook gibt an, dass im zweiten Halbjahr 2014 insgesamt 60 rechtsextreme Inhalte »eingeschränkt« worden seien. Wir wissen aber nicht, wie viele Hinweise es insgesamt gegeben hat und wie sich die 60 »Inhalte« auf ihre Urheber verteilen. Darüber hinaus fehlt die Anzahl der Fälle islamistischer Propaganda, linksextremistischer Ideologie oder des Stalkings gegen Privatpersonen.

Die 2.100 Anfragen der deutschen Strafverfolger stehen im Artikel neben der Zahl 60, werden aber nicht damit in Verbindung gebracht. Das ist die erste große Schwäche des Artikels: Viele Zahlen und Fakten stehen beziehungslos nebeneinander.

Es ist ja zu begrüßen, dass Facebook um Stellungnahmen gebeten wurde und dass wir sie in dem Artikel lesen können. Guter Journalismus sollte aber die beschriebenen Phänomene in Zusammenhänge einordnen – genau dann ist er sein Geld wert.


Eine höhere Transparenz der sozialen Medien ist in der Tat dringend erforderlich. Gerade das Unternehmen Facebook kann und sollte unabhängigen Forschern die Möglichkeit geben, die unterschiedlichen Arten asozialen Verhaltens qualitativ und quantitativ zu untersuchen.

Im Zuge einer solchen Transparenz-Offensive sollten sich IT-Sicherheitsfachleute bei der Ermittlung der Quellen des Hasses möglicherweise auch mit dem Phänomen der False-Flag-Operationen auseinandersetzen. Ein Leitmotto der Untersuchung könnte sein: »Cui bono?« – »Wem ist es zum Vorteil?«.

Psychologen könnten in der oben angeregten Untersuchung wissenschaftlich erforschen, mit welchen Mechanismen sich der Hass im Netz verbreitet und wie stark die Maxime »Der Zweck heiligt die Mittel« wirkt.

Denn immer lauter wird von den sogenannten SJW (Social Justice Warriors) und ihren Alliierten ein Doppelstandard eingefordert: Die selbsternannten Aktivisten »dürfen« im Sinne der guten Sache beleidigen und Hass verbreiten. Alle anderen dürfen sich nicht dagegen wehren.


Das Thema Doppelstandard ist eine gute Überleitung zur Aktivistin Julia Schramm, die ironischerweise in Sachen »hate speech« für die Amadeo-Antonio-Stifung arbeitet, obwohl sie u. a. Anfang 2014 selbst mit hasserfüllten Tweets aufgefallen ist. Frau Schramms Aussagen und Meinungen dominieren den zweiten Teil des Artikels – und dieser ist noch einmal deutlich schwächer als der erste.

Sei es in #Bombergate oder in den internen Auseinandersetzungen der Piratenpartei: Ihre verbalen Ausfälle sind fast schon legendär. Andere Mitglieder der Piratenpartei haben die Ausfälle mit Screenshots dokumentiert und sie wurden auch in der Presse erwähnt: etwa im Berliner Kurier, in Telepolis und in der taz.

Kurze Rückblende: Bei #Bombergate ging es darum, dass Julia Schramm je nach Lesart die Dresdner Bombenopfer vom 13. Februar 1945 als »Kartoffelbrei« verhöhnt oder im traditionell antideutschen Kontext »Bomber-Harris! Do it again!« den Dresdnern ein neues Bombardement auf den Hals gewünscht hat. Frau Schramm schrieb damals u. a.: »Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei!« Auf welche Weise man den Satz auch interpretiert: Es ist Hassverbreitung.

Wer sich Frau Schramms Tweets aus der Zeit von Januar bis März 2014 genauer anschauen will, wird bei Tweetshots fündig. Wichtig für die Suche: Die damalige Berliner Piraten-Politikerin nannte sich auf Twitter in dieser Zeit noch »@laprintemps«.

Julia Schramms zynische Aussagen vom 13. Januar 2014 über das Töten von Babys im Mutterleib bis zum Tag der Geburt kann man als »hate speech« gegen die denkbar schwächsten Menschen interpretieren: Ein noch ungeborenes Kind am Tage der Geburt ist zweifellos ein Mensch und selbst wenn die Mutter das Kind nicht haben will, könnte sie es problemlos zur Adoption freigeben.


Zweifellos gibt es die Phänomene des Rechtsextremismus im Netz, die im ersten und zweiten Teil des Artikels angesprochen werden. Es gibt bei #Pegida unglaubliche Entgleisungen und man findet Beispiele für Menschenfeindlichkeit, die man nie für möglich gehalten hätte. Es gibt auch unglaubliche Beispiele des Stalkings gegen Einzelpersonen bis hin zu Morddrohungen und Gewaltphantasien.

Zweifellos ist eine Aufklärung über den Hass im Netz gerade in einer großen Tageszeitung notwendig. An dieser Aufgabe scheitern die Autorinnen aber doppelt. Die zweite große Schwäche des Artikels besteht darin, dass keine unabhängigen Expertinnen und Experten zu Wort kommen: Wissenschaftler, die sich mit den genannten Phänomenen wirklich auskennen und die neben der notwendigen Objektivität auch die notwendige persönliche Integrität mitbringen. Aktivismus kann eine objektive Betrachtung nicht ersetzen und er hat in einem seriösen Zeitungsartikel nichts zu suchen.

Die dritte – entscheidende – Schwäche des Artikels ist seine Unvollständigkeit: Es gibt neben der Nazi-Ideologie weitere gefährliche Ideologien, die in dem doch recht langen Text über »Hass im Netz« überhaupt nicht genannt werden. Stalinisten höhnen über Maueropfer, Religionshasser freuen sich an brennenden Kirchen, religiöse Extremisten wünschen allen Ungläubigen den Tod …

Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Ideologien hetzen genauso schlimm wie die Neonazis, sie hassen ihre »Gegner« ebenso stark, sie verzerren die Realität ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit, und sie sind wie die Rechtsextremen erbitterte Gegner des demokratischen Rechtsstaats.

Was diese anderen Hassverbreiter im Netz tun, welche Arten des Hasses sie verbreiten und wie sich der Hass rivalisierender Gruppen gegenseitig aufschaukelt – all das wird in dem Artikel verschwiegen. Mein abschließendes Urteil als passionierter Zeitungsleser: Für diesen Text würde ich mir die Zeitung ganz gewiss nicht kaufen …



Zwei Karten und eine große Fehlinterpretation

10. August 2015

Bei Twitter ist gerade dieser Tweet mit zwei Kartenausschnitten in den Trends. Der Tweet soll zeigen, dass Deutschlands Rüstungsexporte 2014 zu den Flüchtlingsströmen 2015 geführt haben sollen.

Erster Kritikpunkt: Es gibt für beide Karten keine Quelle. Es ist ja wohl das Mindeste, dass man seine Angaben belegt. Zweiter Kritikpunkt: Es gibt keine Zahlen zur Dimension der Flüchtlingsströme und zur Dimension der Waffenexporte.


Viele Kriegsflüchtlinge kommen aus dem Irak und aus Syrien. Sie werden ganz sicher nicht mit deutschen Waffen vertrieben. Die Assad-Diktatur hat 2014 keine Rüstungsexporte aus Deutschland bekommen und der »Islamische Staat« auch nicht. Die Kurden wurden mit Verteidigungswaffen gestützt, als sie die Yesiden und die Stadt Kobane verteidigt haben. Der irakische Staat hat Rüstungsgüter bekommen, um den IS zu bekämpfen.

Im Fall Algerien wurde 2014 offiziell die Ausfuhr einer Radpanzerfabrik genehmigt [Quelle: Rüstungsexportbericht der Bundesregierung, Bericht: Merkur]. Aufgrund dieser Genehmigung war das Volumen des Rüstungsexports nach Algerien 2014 relativ hoch. Die Fabrik kann aber noch gar nicht fertig sein und sie kann noch keine Radpanzer produziert haben. Außerdem steht in der oberen Karte »algerische Route« und nicht »Flüchtlinge aus Algerien«.

Über einen legalen Waffenexport in den Sudan oder Südsudan konnte ich auch auf rüstungskritischen Seiten (wie hier bei Amnesty International) nichts finden. Illegal mögen Waffen auf nicht kontrollierbaren Wegen dorthin gelangt sein – das hat aber mit dem deutschem Rüstungsexport des Jahres 2014 nichts zu tun.

Ägypten bekam in der Vergangenheit (vor 2014) Waffen und Waffenteile, es wurden von deutschen Unternehmen auch Lizenzen zur Produktion von Waffen vergeben. Aufgrund der zeitweisen Instabilität des Landes gab es 2014 gar keine Rüstungsexporte, sondern nur Genehmigungen [Quelle: Interaktive Karte des SPIEGEL.]. Genehmigungen führen nicht zu Flucht und Vertreibung.

Zu Israel: Waffenexporte (vor allem von U-Booten) nach Israel sollen die Existenz des Landes und das Leben der israelischen Bürger sichern. Das gehört zu den Grundsätzen unserer Außenpolitik. Die U-Boote dienen der Abschreckung, sie wurden noch nie aktiv in einem Krieg eingesetzt.

Saudi-Arabien und der Jemen bekämpfen Terroristen. Der Kampf gegen den Terror führt auch zu Flucht und Vertreibung. Aber ob Saudi-Arabien deutsche Waffen für die Luftangriffe gegen die islamistischen Terroristen im Jemen einsetzt, ist nicht belegt. Bodentruppen sind nicht im Einsatz. Der Jemen bekam laut diesem SPIEGEL-Artikel nur 0.01 Millionen Euro Rüstungsgüter.


Fazit: Die beiden Karten taugen nicht als Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen den deutschen Rüstungsexporten des Jahres 2014 und den Fluchtbewegungen des Jahres 2015. Sie sind ein Beispiel für schlechten Journalismus.



Narrative und Statistiken

30. Juli 2015

In Lobbyarbeit und PR werden oft plakative Zahlen verwendet. Diese Zahlen werden mit Informationsgrafiken oder Diagrammen visualisiert. Obwohl die Zahlen oft nicht stimmen oder falsch interpretiert sind, erzielen die Grafiken doch ihre Wirkung.

Wie kann man sich als vernünftiger Mensch dagegen immunisieren?

  1. Nach den Interessen fragen.
  2. Nach den Quellen fragen.
  3. Der Aussage methodisch auf den Grund gehen.

Frauen re-investieren im Vergleich mit Männern mehr als doppelt so viel in ihre Familien. Diese Behauptung hört man immer wieder. Beispiel:

#Women reinvest 90% of their income back into their families, men only 30%-40%. Imagine what #equalpay could do.
[Quelle]


1. Das Interesse

Hinter dem Tweet steckt eine Organisation, die den Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern kritisiert. Sie will mit den Zahlen das Argument untermauern: Frauen gehen besser und nachhaltiger mit Geld um. Lässt sich nachweisen, ob das Argument stimmt?


2. Die Quelle

Das Problem: Es gibt für diese Behauptung keine Quelle. Welchen Anteil ihres Einkommens Frauen in Investitionen in die eigene Familie stecken (90% oder 80%), ließ sich zunächst bis zu diesem Artikel zurückverfolgen.

Es wird dort eine mündlich überlieferte Zahl genannt, die Jackie VanderBrug von der Organisation U.S.-Trust zugeschrieben wird. Es ließ sich aber keine Statistik oder Studie nachweisen, in der diese Zahl hergeleitet wurde.

Ich habe dann nach der Urheberin des Zitats gesucht. Sie hat ihre Behauptung in diesem Artikel mit einem Link zu belegen versucht.

Reinvestment: In emerging markets, women reinvest a staggering 90 cents of every additional dollar of income in “human resources” — their families’ education, health, nutrition (compared, by the way, to 30-40% for men. Think of women’s increased income and assets as a gender dividend driving family, community and country wellbeing.

Interessant: Hier geht es nur noch um zusätzlich verdiente Dollars. Im Original-Tweet ging es um das gesamte Einkommen. Außerdem geht es um »emerging markets«, also nicht um Frauen in den Industriestaaten wie Deutschland, Großbritannien oder USA.

Die verlinkte Seite der US-Regierung ist nicht mehr erreichbar. Nur unter archive.org konnte ich die Seite finden. Die US-Regierung verwies damals auf Dokumente der Weltbank:

The World Bank published a series of major studies, including “Engendering Development”, and “Gender Equality as Smart Economics”, highlighting gender equality as a critical foundation for development investment. Their reports note that investments in women and girls strengthen countries’ ability to grow, reduce poverty, and govern effectively. They show that women and girls reinvest an average of 90 percent of their income in their families, compared to a 30 to 40 percent reinvestment rate for men.

Anhand der Titel der Weltbank-Dokumente habe ich weiter recherchiert. Das erste Dokument ist 13 Jahre alt und hat fast 400 Seiten. Ich habe darin u. a. nach den Schlüsselwörtern »invest«, »family« und »families« gesucht, um nach den Quellen für die Zahlen zu suchen. Kein Ergebnis.

Das zweite Dokument ist neun Jahre alt, hat nur 29 Seiten und enthält überhaupt keine Informationen über Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim (Re)-Investieren. Weitere Quellen sind nicht auffindbar. Kennt jemand zitierfähige Studien zu diesem Thema?


3. Die Methodik

Die US-Regierung und die Equal-Pay-Bewegung behaupten, dass Frauen (in aufstrebenden Entwicklungsländern) 80 bis 90 % des eingenommenen Geldes in ihre Familien investieren, Männer dagegen nur 40 %. Diese beiden Kennzahlen sind erstens eine unzulässige Generalisierung und sie lassen sich zweitens mit sauberen Methoden der Statistik überhaupt nicht herleiten.

Eine unzulässige Generalisierung liegt vor, weil man die Entwicklungsländer nicht gleichsetzen kann. In den Entwicklungsländern gibt es so unterschiedliche Kulturen, Rechtssysteme und Wirtschaftssysteme, dass deren weibliche Gesamtbevölkerung keine sinnvoll abgegrenzte Grundgesamtheit bildet. Also sind auch zusammenfassende Aussagen wie »Frauen investieren 90 % ihrer Einkünfte in …« nicht zulässig.

Sinnvoll abgegrenzt wäre z. B. die Menge aller Frauen in Namibia oder die Menge aller Frauen in Bangladesh, aber nicht die Menge aller Frauen in diesen beiden und noch Dutzenden anderen Staaten. Um saubere statistische Methoden anwenden zu können, braucht man eine sinnvoll abgegrenzte Grundgesamtheit, man muss die Verteilung der Einkommen beachten und vieles andere mehr …


Fazit: Lobby-Organisationen, die sich für den »equal pay day« einsetzen, berücksichtigen bewusst nicht, dass es unterschiedliche Arbeitszeiten, Arbeitsrisiken, Qualifikationen und Leistungen gibt. Dem »equal pay day« fehlt somit jede sinnvolle statistische Grundlage. Weil das inzwischen vielen informierten Leserinnen und Lesern bekannt ist, versuchen sie es mit Hilfsargumenten, denen offenbar ebenfalls die Grundlage fehlt. Kurz gesagt: Was da verbreitet wird, ist ein Narrativ – aber keine Statistik.



Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 107 Followern an