Die freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« gehen wandern …

14. April 2014

Im Medienblog Flurfunk ist ein kenntnisreicher Beitrag über den heutigen Streik der freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« zu lesen. An dieser Stelle ein Dank an den Flurfunk für die immer wieder interessante Berichterstattung über DD+V.

Ich habe hier in Blog einzelne Beiträge der »Sächsischen Zeitung« hart kritisiert. Dabei konnte ich natürlich nicht in jedem Fall unterscheiden, ob der Beitrag von freien Mitarbeitern oder aus der fest angestellten Redaktion kam. Meine Kritik hat sich immer auf den Inhalt und nie auf die Person gerichtet.

Tatsache ist: Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Artikel. Tatsache ist auch: Die Klagen der freien Mitarbeiter über schlechte Bezahlung durch die »Sächsische Zeitung« bzw. durch das Unternehmen DD+V haben vielfältige Ursachen.

Die Hauptursache dürfte das auf kurzfristige Geschäftszahlen gerichtete Denken und Handeln der Anteilseigner und der Geschäftsführung sein. Daraus resultiert eine Abwärtsspirale aus Kosteneinsparung und Qualitätsverlust. Solange an dieser Abwärtsspirale gedreht wird, wird ein Streiktag mit Wanderung kaum helfen …


Aus dem langen Interview des Flurfunk-Chefs Peter Stawowy mit DD+V-Geschäftsführer Carsten Dietmann ist mir ein markanter Punkt im Gedächtnis geblieben: Dietmann beklagte dort, dass man mit der Beilage PluSZ einen sechsstelligen Verlust gemacht habe.

In der PluSZ waren unter anderem die inhaltlich besten Restaurantkritiken, aber auch Rezensionen von Ausstellungen und Ankündigungen von Veranstaltungen zu lesen.

Bekanntlich wurde diese recht gute Beilage dann in ein Werbeblättchen umgewandelt. Es ist zu vermuten, dass dieses neue »Produkt« nun keinen Verlust mehr schreibt, weil in seine Produktion inhaltlich offenbar kaum noch Geld gesteckt wird.

Eine Wochenbeilage zur Zeitung als eigenständiges »Produkt« zu bezeichnen, das aus eigener Kraft Gewinn bringen soll – das mag Controller-Logik sein, aber es hat nichts mehr mit Journalismus und im Grunde auch nichts mit Unternehmertum zu tun.

Mit der selben Logik könnte man den Kulturteil weglassen und die Sportseiten mit der Dynamo-Dresden-Berichterstattung auf ein gesamtes Buch der Tageszeitung ausdehnen: Letzteres dürfte deutlich profitabler sein und mit den Dynamo-Sponsoren könnte man sicher auch interessante Geschäfte machen.

Ein Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung: Die hochwertige Wochenbeilage PluSZ war ein Grund dafür, die Sächsische Zeitung zu kaufen oder zu abonnieren. Das Werbeblättchen ist kein Argument mehr. Das kann ich nur noch ungelesen in den Papierkorb fallen lassen.

Ein zweites Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung war im letzten Jahr die »Finanzberatung« zur Altersvorsorge, die übrigens von einem freien Mitarbeiter kam. Ich habe damals einen der Artikel dekonstruiert [1] und einige zugegebenermaßen sarkastische Ratschläge aufgeschrieben [2].


Der Sächsischen Zeitung (und deshalb auch ihren freien Mitarbeitern) geht es deshalb schlecht, weil die Qualität insgesamt gesunken ist. Die Qualität ist m. E. insgesamt deshalb gesunken, weil dort Anteilseigner, Controller und Kaufleute das Sagen haben, während Journalisten anscheinend immer mehr an den Rand gedrängt werden.

Das ist die Abwärtsspirale: Wenn ein Unternehmen immer mehr an der Qualität des Produktes spart, kann es noch eine Weile Gewinne durch Kostensenkung machen. Irgendwann wird das Produkt aber am Markt nicht mehr attraktiv sein.

Deshalb wünsche ich den besseren freien Mitarbeitern, die handwerklich gute Artikel abliefern, dass ihr Auftraggeber DD+V endlich einsieht: Qualität lässt sich nur mit langfristigem Denken und mit anständiger Bezahlung der Autoren sichern. Damit kann man mehr Zeitungen verkaufen oder wenigstens den Rückgang der Auflagen stoppen.



Presseschau. Heute: Dresdens antiquierteste Nachrichten

7. April 2014

Die Medienerzieherin Gertrude H. muss man sich als liebenswerte Mitsechzigerin vorstellen, die eigentlich schon den wohlverdienten Ruhestand genießen könnte.

Aber zu Hause wartet nur ihr cholerischer Mann Gernot H. auf sie. Gertrude mag nicht den ganzen Tag mit dem alten Zausel streiten. So verdient sich sich nachmittags in ihrem alten Beruf noch etwas dazu.

Sie besucht jeden Tag den Hort einer Dresdner Grundschule und zeigt den Zehnjährigen, was eine Zeitung ist. Die Kinder dürfen – wie das früher üblich war – Tante Gertrude zu ihr sagen.

Um die Kinder für das Thema Zeitung zu begeistern, wählt sie jeden Tag per Zufall einen Artikel aus den Dresdner Neuesten Nachrichten aus. An manchen Tagen bekommt sie dabei Bauchschmerzen – aber gewählt ist gewählt …

Heute ist Tante Gertrude im Hort der Blasewitzer Grundschule zu Gast. Das ist eine schöne alte Schule in einer bürgerlichen Wohngegend. Eigentlich eine dankbare Aufgabe – wenn da nicht dieser merkwürdige Artikel gewesen wäre …


Tante Gertrude begrüßte die Horterzieherin und die Kinder. Im Raum wurde es still. Sie griff zur Zeitung und las:

Sachsen ist das Land der Burgen und Schlösser – und um diese ranken sich viele Sagen. Heute: Burg Freudenstein in Freiberg.

Streng blickte Tante Gertrude über den Rand ihrer Brille. Im Raum herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Dann begann sie mit den ersten Sätzen des Artikels:

Dietmar Werner 
Markgraf Friedrich mit der gebissenen Wange liebte das blühende Freiberg mehr als alle anderen Städte der Markgrafschaft Meißen. In dieser Stadt ließ es sich aber auch gar so prächtig hofhalten […]


Im Raum wurde es unruhig. Die Horterzieherin fragte: »Jan-Torben?« – 

»Sag mal, Tante Gertrude, so redet doch heute niemand mehr. Solche Texte hat die Uroma uns manchmal vorgelesen – aber sie war schon sehr, sehr alt und wir haben uns furchtbar gelangweilt …«

»Warte einen Augenblick, Jan-Torben! Es kommt noch besser.«


Zu der im Schloss Freudenstein tafelnden Runde des Markgrafen gehörte dann immer auch der Kaplan von St. Marien – ein fröhlicher Unterhalter und munterer Feinschmecker, zugleich aber auch ein standfester Trinker.
 An einem Fastnachtsdienstag hatten die Herrschaften wieder bis nahe an die Mitternachtsstunde getafelt und gezecht.


»Tante Gertruuuude!« riefen die Kinder im Chor. »Du willst uns veralbern! So etwas schreibt doch heute niemand mehr!«

»Nein, Kinder. Ich will Euch nicht veralbern. Das steht heute wirklich in der Zeitung. Auf der Seite mit den neuesten Nachrichten aus dem Freistaat Sachsen.«

»Gib uns bitte mal Deine Zeitung. Das wollen wir selbst lesen!«


Und Jan-Torben las vor, wie es mit dem Kaplan weiterging:

»War er doch nicht einverstanden, im Hinblick auf die um Mitternacht beginnende Fastenzeit noch eine Fleischspeise zu sich nehmen zu wollen. Vielmehr war er der Meinung, dass dies eine unverzeihliche Sünde sei und keinesfalls durchgehen könne.«

»Aufhören!« riefen die anderen Kinder. »Was steht denn dort unter dem Foto?«

Schloss Freudenstein im sächsischen Freiberg hat eine wechselvolle Geschichte, die viele herrschaftliche Häupter schrieben.

Und das waren noch nicht die schlimmsten Stellen.


In der Ecke meldete sich Jan-Torbens Zwillingsschwester Annika. »Sag mal, Tante Gertrude, für wen wird so etwas gedruckt? Für uns als Kinder ist es viel zu langweilig. Unsere Eltern haben keine Zeit dafür. Liest Du so etwas?«

»Wisst Ihr, Kinder«, antwortete Gertrude langsam, »wenn ich mir das richtig überlege, hat meine Oma früher noch gern aus solchen alten Büchern vorgelesen. Meine Mama hat mir die Bücher dann irgendwann gegeben und ich habe sie zum Altstoffhändler geschafft.«

»Was ist ein Altstoffhändler?«

»Zu einem Altstoffhändler brachte man früher alte Bücher und Zeitungen. Man konnte damit sein Taschengeld aufbessern.«

»Bücher haben wir noch ganz viele zu Hause«, sagten Annika und Jan Torben. »Aber jetzt wissen wir, warum unsere Eltern keine Zeitung mehr lesen.«



Das Recht auf eine eigene Realität?

3. April 2014

Grundsätzlich halte ich es für eine große Bereicherung dieser Zeitung: Das Feuilleton der F.A.Z. enthält viele Beiträge, die zum Nachdenken über soziale und gesellschaftliche Probleme anregen. Grundsätzlich halte ich es aber auch mit dem Satz

Everyone is entitled to his own opinion, but not his own facts. [Daniel Patrick Moynihan]

Was heute vom F.A.Z.-Autor Frank Lübberding als Frühkritik zur gestrigen Sendung der Talkshow »Anne Will« angeboten wird, ist unter diesem Gesichtspunkt kritisch zu prüfen …


Schon die Überschrift des Artikels soll den Eindruck eines sozialen Notstands erwecken – als ob Rentner in Deutschland unterernährt und schlecht versorgt seien:

Die Groko schmiert Unterernährten ein bisschen Butter auf’s Brot

In der Einleitung des Artikels heißt es:

Die Große Koalition macht ein bisschen Sozialpolitik. In diesem Land ist man das gar nicht mehr gewöhnt.

Und die Kernthese des Autors lautet:

Was jetzt geradezu sensationell an der Politik der Großen Koalition erschient: Sie plant erstmals seit dem Jahr 1989 in der Rentenpolitik Leistungsausweitungen.


Daran ist so viel falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Deshalb drei wichtige Fakten zur Entwicklung des Sozialstaats in den 25 Jahren seit 1989:

  1. Deutschland hat 1995 eine Pflegeversicherung eingeführt. Der Beitragssatz liegt bei 2.05 Prozent.
  2. Der Krankenversicherungsbeitrag ist seit 1989 um drei Prozentpunkte gestiegen.
  3. Die Bemessungsgrundlagen der Sozialversicherungen wurden deutlich vergrößert, um deren Einnahmen und Ausgaben zu erhöhen.

Diese (unvollständige) Aufzählung zeigt: Der Sozialstaat wurde nicht »unterernährt«, sondern ausgeweitet. Das nutzt vor allem den Leistungsempfängern aus den älteren Generationen: Sie profitieren von der Pflege, von den Leistungen des Gesundheitswesens und von stabilen Renten.

Das sind die unkommentierten Tatsachen. Und auf dieser Basis kann man sich dann eine Meinung bilden.


Es ist schon sehr gewagt, angesichts dieser Tatsachen einen Mangel oder gar eine Unterernährung im deutschen Sozialsystem zu konstruieren. Auch der gebetsmühlenartig vorgetragene Hinweis auf das Einkommen des VW-Chefs Winterkorn geht fehl: Sein Gehalt hat mit den Renten und mit dem Sozialstaat überhaupt nichts zu tun.

Heute zieht man über den Winterkorn her, früher ging es gegen den Ackermann, immer geht es gegen die Banken – das alles ist schlicht und billig. Man kann damit Stimmung machen und Zeilen schinden, aber es bringt für den Leser überhaupt keinen Mehrwert.

Solange die Kunden einen Nutzen in Fahrzeugen von VW und in Leistungen der Deutschen Bank sehen, werden die Vorstände dieser Unternehmen sehr gut verdienen. Würde man ihre Gehälter schlagartig um 80% senken, ginge es keinem einzigen Rentner in Deutschland besser …


Noch einmal: Es ist eine Bereicherung, dass auch in der F.A.Z. sozialkritische Beiträge erscheinen. Aber das Feuilleton gewinnt durch diese Beiträge nur dann an Nutzen, wenn ich als Leser wenigstens einen Bezug zur Realität erkennen kann …



Der virtuelle Wutpetent

1. Februar 2014

Auch nach dem vorzeitigen Ende der Petition »Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!« ist das Interesse an dem Thema ungebrochen: Josef Joffe hat als Journalist der »alten Schule« in der ZEIT zum Rundumschlag ausgeholt, Stefan Niggemeier hat daraufhin in seinem Blog eine Antwort auf der eher persönlichen Ebene verfasst.

Im Kern geht es um die Legitimität von Vergleichen: Darf man die Petition als Mobbing bezeichnen? Darf man die Petition mit einem griechischen Scherbengericht vergleichen? Darf man gar eine Parallele zu den Kampagnen der Nazis gegen die Juden ziehen?

Es scheint mir in der Sache völlig unangemessen, die Nazi-Keule und die Antisemitismus-Keule gegen die Petenten zu schwingen: Wir leben in einem freien Land. Der Moderator Markus Lanz hat von der Petition nicht ansatzweise solche Greueltaten zu befürchten, wie die jüdischen Bürger in den 1930er Jahren.


Ein allgemeiner Vergleich mit den Methoden totalitärer Systeme kann angemessen sein, ein Bezug zum Mobbing drängt sich geradezu auf. Bevor man über die Zulässigkeit von Vergleichen nachdenkt, erscheint es aber sinnvoll, sich einige Gedanken über die Angemessenheit der Petition zu machen.

Eine Petition ist ja nicht einfach nur eine Bitte, eine kollektive Meinungsäußerung oder ein öffentlichen Votum. Eine Petition richtet sich immer an einen Souverän, der die Macht und die Zuständigkeit hat, über eine bestimmte Angelegenheit zu entscheiden. Solche Instanzen sind in Deutschland unter anderem der Bundespräsident, der Bundestag und die Ministerpräsidenten der Länder.

Gegenstand einer Petition an den Bundespräsidenten kann die Bitte um Begnadigung eines Strafgefangenen sein, der sehr lange im Gefängnis gesessen hat. In bekannten Petitionen an den Bundestag wandten sich die Petenten gegen die Vorratsdatenspeicherung oder sprachen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.


Bei der Petition an das ZDF ist nun erstens kein Souverän erkennbar: Der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat sind zwar demokratisch legitimiert und könnten somit Adressaten einer Petition sein. Beide haben aber nicht das Recht, den Vertrag mit einem Moderator zu kündigen.

Zweitens ist auch kein sinnvolles Anliegen erkennbar. In der Petition wird Unbehagen formuliert und es wird eine Forderung aufgestellt, die völlig sinnfrei erscheint: Man kann als Außenstehender keine Kündigung erzwingen. Das ZDF hat die redaktionelle Freiheit, mit Moderatoren zusammenzuarbeiten oder die Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden. Und das ist – unabhängig von persönlichen Sympathien oder Antipathien – auch gut so.

Drittens wäre es eine differenzierte Betrachtung wert, welche Moderatorin oder welcher Moderator einer Talkshow in den letzten Jahren fehlerfrei geblieben ist. Wenn ich mich an die Kritiken in der Presse richtig erinnere, kann man das von niemandem behaupten. Alle werden manchmal gelobt und manchmal verrissen (ich sehe selten solche Sendungen, aber man kann sich ja als Feuilleton-Leser diesen Themen kaum entziehen).

Viertens ist der tatsächliche Umfang der Zustimmung zur Petition völlig offen: Es gibt keine wirksame Kontrolle, wer wessen Namen und persönliche Angaben auf der Petitionsseite hinterlässt. Also kann ein ausdauernder Wutpetent Dutzende Einträge vornehmen, ohne damit ein Risiko einzugehen.

Dieser virtuelle Wutpetent scheint mir der jüngere Bruder des Wutbürgers zu sein. Der Wutpetent gibt sich nicht mit differenzierten Betrachtungen zum Medienrecht oder zum Petitionsrecht ab, sondern er klickt so oft, bis er seinen Willen bekommt oder bis der Zeigefinger angeschwollen ist. Im Grunde verhält er sich wie ein Rumpelstilzchen der Netzwelt.

Das scheint nun auch die Initiatorin der Petition gemerkt zu haben: Sie zieht ihre Petition nach zwei Wochen Laufzeit vorzeitig zurück. Es wird nicht ganz klar, warum sie sich dafür entschieden hat. Einerseits beharrt sie darauf, mit ihrem Anliegen recht behalten zu haben. Andererseits schiebt sie eine etwas merkwürdig klingende Entschuldigung hinterher:

Ich bedanke mich herzlich für die vielen Zuschriften und Sympathiebekundungen – aber auch für die geharnischte Kritik, die ich einstecken musste. Schließlich wurde ein Mensch Gegenstand einer Empörungswelle, welcher sich bis dato nur mit Beschwerdebriefen, beleidigten Superstars und Quotenproblemen auseinander setzen musste.

Entschuldigen möchte ich mich auch bei allen Menschen, deren Gefühle ich mit meiner Petition verletzt haben sollte. Ich bin nicht aus Böswilligkeit gegen die Person Lanz vorgegangen, sondern wollte lediglich eine längst überfällige Debatte anstoßen.

Überzeugend klingen diese Sätze noch nicht, aber es sind erste Ansätze einer Reflexion erkennbar. Vielleicht hätte sie sich diese Gedanken vor dem Einreichen der Petition und vor diesem Interview mit der »Huffington Post« machen sollen.


Das ZDF steht ja nicht zum ersten Mal mit einer Personalentscheidung im Brennpunkt. Eine stark umstrittene Entscheidung des ZDF-Verwaltungsrats fiel 2009 in der »Causa Brender«: Damals ging es um den Posten des Chefredakteurs, der vom Verwaltungsrat eingesetzt wird. Liberale, grüne und sozialdemokratische Politiker haben gemeinsam mit vielen Journalisten vehement gegen den Einfluss bestimmter CDU-Kreise auf das ZDF protestiert, aber in der entscheidenden Abstimmung gab es ein Patt und der Vertrag mit dem Chefredakteur Brender wurde nicht verlängert.

Der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat haben aber keinen Einfluss auf operative Entscheidungen der Chefredaktion des ZDF. An wen richtet sich also diese Petition? Der entscheidende Satz ist: »Ich fordere das ZDF daher auf, sich von Markus Lanz zu trennen.« Nachdem der ZDF-Fernsehrat und der ZDF-Verwaltungsrat keine Kompetenz für solche Entscheidungen besitzen, muss wohl die Chefredaktion gemeint sein.

Verfolgen wir die Idee der »Absetzung einer Sendung per Petition« einen kurzen Augenblick weiter: Vermutlich fühlen sich viele Zuschauer durch bestimmte Beiträge der heute-Show beleidigt, betroffen oder schlichtweg genervt. Möglicherweise kommt dabei auch eine sechsstellige Zahl von (ehemaligen) Zuschauern der Sendung zusammen. Trotzdem darf eine Petition zur Absetzung der heute-Show in einem demokratischen Land mit freien Medien nicht zum Erfolg führen. Die redaktionelle Freiheit ist wichtiger als ein ungetrübtes Fernseh-Erlebnis für jeden einzelnen Zuschauer.


Die Aufforderung, den Vertrag des Moderators mit dem ZDF zu kündigen, ist ein gravierender Eingriff in die redaktionelle Freiheit. Das ZDF kann und darf auf diese Aufforderung nicht reagieren: Gäbe es den Unterzeichnern der Petition recht, dann käme das einem »Selbstmord aus Angst vor dem Tod« gleich. Dann wäre ein Präzedenzfall geschaffen, auf den sich viele weitere Wutpetenten beziehen würden.

Auch wenn alle Bürger zwangsweise den Rundfunkbeitrag entrichten müssen, ist das ZDF ihnen keine Rechenschaft über die Verträge mit Moderatoren schuldig. Es gibt im Sinne des Petitionsrechts keinen demokratisch legitimierten Empfänger der Petition und es gibt auch keinen Rechtsanspruch auf eine Bearbeitung des Anliegens beim ZDF. Das Werkzeug »Petition« wird drastisch entwertet, wenn man es ohne Beachtung der Formalitäten einsetzt.

Eine letzte Anmerkung: Der Rundfunkbeitrag ist eine von vielen Abgaben, die man als Bürger entrichten muss. Aber der Slogan »Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag« ist einfach nur albern: Es wird niemand gezwungen, sich diese oder jene Sendung anzuschauen. Man wird auch mit noch so vielen Petitionen kein fehlerfreies Fernsehen erreichen – und erst recht kein Fernsehen, das jeden Zuschauer zufriedenstellt.


Links? Rechts? Frei?

23. Januar 2014

Seit kurzer Zeit geistert die bahnbrechende These durch das Netz, dass Edward Snowden, Julian Assange und Glenn Greenwald politisch ja gar nicht links stünden. Diese These wird unter anderem in einem Debattenbeitrag in der WELT vertreten:

Mit anderen Worten: Snowden, Greenwald und Assange denken überhaupt nicht links. Sie verkörpern vielmehr das, was der Historiker Richard Hofstadter einst als den “paranoiden Stil in der amerikanischen Politik” analysiert und beschrieben hat. Es geht ihnen nicht darum, Auswüchse zu bekämpfen, sondern das System selbst; sie verwechseln die NSA und die CIA mit der (demokratisch gewählten) amerikanischen Regierung. Auf die bahnbrechenden Enthüllungen, die Snowden, Greenwald und Assange angekündigt hatten, wartet das Publikum freilich immer noch.

Abgesehen von der offensichtlich falschen Einschätzung des Umfangs der Enthüllungen: In dem Artikel sind einige grobe Fehler enthalten. Zunächst erkennt man an mehreren Stellen die altbekannte association fallacy. In diesen Fällen lautet das Muster:

  1. Person X hat einmal der Person Y zugestimmt.
  2. Person Y hat vor langer Zeit etwas Falsches gesagt.
  3. Also ist Y immerwährend böse und X ein Anhänger des Bösen.

Wer etwas Erfahrung mit Medien und Politik hat, kennt das Schema. Es wird auch in dem WELT-Artikel angewendet:

  1. Jemand hat vor wenigen Jahren dem libertären amerikanischen Politiker Ron Paul zugestimmt.
  2. In Ron Pauls Namen wurden vor weit mehr als 20 Jahren rassistische Aussagen verbreitet (und er hat sich erst in der Gegenwart davon distanziert).
  3. Ron Paul ist also immer noch ein rechter und schlechter Mensch. Wer Ron Paul in irgendeiner Position zustimmt, kann nicht links und gut sein.

Leider richten sich amerikanische Bürger und Politiker nicht nach der deutschen Gesäßgeographie. In den deutschen Medien bekommt jede Person ihren Stuhl links oder rechts zugewiesen – und es gilt als absolute Ausnahme, dass eine Person jemals auf einem Stuhl der jeweils anderen Seite Platz nimmt.

Das entspricht aber auch in Deutschland schon lange nicht mehr der politischen Realität. Wir haben zur Zeit eine große Koalition, in der unter anderem folgende politische Ziele verfolgt werden:

  • Milliardenteure Ausweitung des Sozialsystems zu Lasten künftiger Generationen als Dank für die Stimmen der Rentner bei der Bundestagswahl.
  • Erhöhung der Abgabenlast unter anderem durch kalte Progression, Verteuerung der Energie für Unternehmen und immer stärkere Überwachung aller Geldströme.
  • Wiedereinführung der verfassungswidrigen Vorratsdatenspeicherung und Planung ähnlich gelagerter Maßnahmen zur möglichst lückenlosen Überwachung der Bevölkerung.

Was ist davon links? Was ist rechts? Was ist konservativ? Was ist progressiv? Ich kann es nicht beantworten. Ich weiß nur: All diese Maßnahmen schränken die Freiheit des Einzelnen ein.

Das ist die Einsicht eines gemäßigten Liberalen. Steigerungsformen des Liberalen sind die Radikalliberalen, die Libertären und die Radikallibertären.


Als ich mich intensiv mit OpenSource-Software befasste, wollte ich auch mehr über die fachlich respektierten Persönlichkeiten dieser Szene erfahren. Damals stieß ich zum ersten Mal auf schockierende radikal-libertäre Ansichten.

Auf seiner Website posierte einer der Experten vor seiner Waffensammlung und vertrat Positionen, die mich schockierten: Das Recht auf Waffenbesitz und das Recht auf bewaffneten Widerstand gegen Eindringlinge. Gleichzeitig teilte er sehr wertvolle Erfahrungen und Programme mit der OpenSource-Community.

Nach dem alten Links-Rechts-Schema waren in ihm radikal linke Positionen (bedingungsloses Teilen mit der Gemeinschaft) und radikal rechte Positionen (Recht des Stärkeren) vereint. Fazit: Diese Person passte einfach in kein Schema.


Libertäre oder radikallibertäre Aussagen sind wohl auch Assange, Greenwald und Snowden zuzuschreiben. Das mag all diejenigen enttäuschen, die ihre eigenen Ansichten und Wünsche auf diese Personen projiziert haben. Aber an dieser Enttäuschung sind nicht Assange, Greenwald und Snowden schuld.

Der Autor des WELT-Artikels blendet die Hintergrundinformationen aus, die man über libertäre Ansichten aus den USA und Australien kennen muss. Mit diesen Hintergrundinformationen sieht die Einordnung von Assange, Greenwald und Snowden ganz anders aus.

Link zum WELT-Artikel: Von wegen Drachentöter – der Titel scheint jedenfalls sehr gewagt: Assange, Greenwald und Snowden haben den Drachen allenfalls fotografiert. Bändigen muss ihn die Demokratie.



Keine Nazi-Satzung. Nirgends.

18. Januar 2014

Die Dresdner Neuesten Nachrichten haben gestern folgende denkwürdige Überschrift in die Welt gesetzt:

Nazi-Satzung gefährdet jüdischen Keller

Eine Parkplatzsatzung aus der Nazizeit könnte veranlassen, dass ein historischer Keller des Trierschen Hauses am Neumarkt (Quartier VII), in dem ab 1938 Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager zwangseinquartiert waren, abgerissen wird.

Bevor nun jemand befürchtet, dass die Nazi-Verordnungen in Dresden immer noch gelten, sei gesagt: An den Aussagen über die Nazi-Satzung und deren angebliche Folgen stimmt überhaupt nichts.


Was ist wirklich passiert?

Bei Ausgrabungen auf dem Gebiet des Dresdner Neumarkts haben Archäologen unter anderem den Keller eines alten Hauses freigelegt, in dem die Nazis jüdische Bürger festgehalten haben. Die Häuser sollen nun entsprechend den alten Grundrissen wieder aufgebaut werden.

Der Investor, der auf dieser Fläche bauen will, hatte in dem bewussten Keller Abstellräume für die zukünftigen Bewohner des Hauses geplant. Diese Abstellräume müssten auf ein benachbartes Grundstück verlegt werden, wenn der Keller als historischer Ort erhalten werden soll.

Im Keller des benachbarten Grundstück sollen aber Tiefgaragenstellplätze gebaut werden, weil der Investor gemäß der Stellplatzsatzung der Stadt Dresden dazu verpflichtet ist und weil die Nutzer des Gebäudes natürlich auch ihre Autos abstellen müssen.

Würde der Investor die Anzahl der Stellplätze reduzieren, müsste er eine Ablösesumme an die Stadt zahlen. Diese Ablösesumme fällt aber im Vergleich mit der Investitionssumme relativ gering aus und wird später ohnehin auf die Nutzer des Gebäudes umgelegt.


Nun hat die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V. (GHND) in ihrer Pressemitteilung die Stellplatzsatzung der Stadt Dresden mit einer Verordnung aus der Nazizeit in Verbindung gebracht:

Wie ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes jüngst bestätigte, ist ein Haupthinderungsgrund für den
Erhalt von Kellerteilen des Trierschen Hauses die sog. „Stellplatz und Garagensatzung (StGaS)“, die pikanterweise auf die sog. „Reichsgaragen-Verordnung“ von 1939 zurückzuführen ist. Mit dieser sollte in den Städten des Deutschen Reiches nach Einführung des Volkswagens (VW) ausreichend Parkraum zur Verfügung gestellt werden. Diese Verordnung aus der Nazi-Zeit (!) stellte damit einen ersten Schritt hin zur autogerechten Stadt der 1950er und 1960er Jahre dar.

Möglicherweise gehen die Ausssagen in der Pressemitteilung und in der Zeitung auf den Wikipedia-Artikel zum Thema Stellplatzverordnung zurück.

Es mag sein, dass der Mitarbeiter des Stadtplanungsamts die Stellplatz- und Garagensatzung mit dem Bau in Verbindung gebracht hat.

Der letzte Teil des ersten Satzes scheint mir allerdings nicht von dem Vertreter der Stadtverwaltung zu kommen. Denn die Verwaltung einer Stadt sollte die Rechtsgrundlagen der städtischen Satzungen eigentlich kennen (siehe unten).


In den »Dresdner Neuesten Nachrichten« macht man sich diese kühne Behauptung zu eigen. Sie ist dort nicht als Zitat aus der PR-Meldung der GHND gekennzeichnet. Zitat:

Die Stellplatz und Garagensatzung, die pikanterweise auf die sogenannte „Reichsgaragen-Verordnung“ von 1939 zurückgeht, schreibt vor, dass Investoren, wenn sie keine Stellflächen für Autos schaffen, pro Parkplatz 10 000 Euro Ablöse an die Stadt Dresden zahlen müssen.


Ein Blick in die Satzung der Landeshauptstadt zeigt: Der unterstellte Zusammenhang zwischen der Nazi-Satzung und der Dresdner Stellplatzsatzung existiert schlichtweg nicht.

Die Stellplatzsatzung wurde von einem demokratisch gewählten Stadtrat auf der Grundlage demokratisch geschaffener Gesetze erlassen. Sie hat mit der Reichsgaragen-Verordnung überhaupt nichts zu tun.

Gesetzliche Grundlage der städtischen Satzung ist die Sächsische Bauordnung (SächsBO) in Verbindung mit der Gemeindeordnung für den Freistaat Sachsen (SächsGemO).

Somit ist die Überschrift Nazi-Satzung gefährdet jüdischen Keller unsinnig. Aber auch die Stellplatzsatzung der Stadt Dresden gefährdet die Einrichtung einer Gedenkstätte oder Gedenktafel nicht. Wer am Neumarkt baut, dem muss klar sein, dass er auf die Geschichte der Stadt Rücksicht zu nehmen hat. Die Entscheidung über seinen Beitrag zum Gedenken an die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Dresden fällt der Investor in Eigenverantwortung.



Ein kostenloser Ratgeber-Artikel für die »Sächsische Zeitung«

28. Oktober 2013

Liebe Redaktion der »Sächsischen Zeitung«,

Sie haben Ihren Lesern am vergangenen Freitag einen Ratschlag zur Altersvorsorge gegeben, der wahlweise Erheiterung, Fassungslosigkeit oder Zorn auslösen konnte.

Eines ist jedenfalls klar: Nutzbringend war Ihr Ratschlag nicht. Keine deutsche Bank oder Sparkasse kann ihren Kunden ein seriöses und sicheres Produkt zu diesen Konditionen anbieten. Damit so etwas nicht wieder vorkommt, möchte ich Ihnen zwei Tipps geben.


Der erste Tipp ist der einfachere: Werfen Sie alle schlechten Artikel weg. Wenn Sie nichts Gescheites anbieten können und die Seite partout voll werden muss, dann drucken Sie lieber ein Symbolbild. Denken Sie an Ernest Hemingway:

»The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it.«

Das sollte erst recht für Redakteurinnen und Redakteure gelten.


Woran erkennt man einen schlechten Anlage-Ratschlag?

  1. Der Autor rechnet über einen sehr langen Zeitraum mit einer unsinnig hohen Genauigkeit. Niemand kann über eine Zeitspanne von Jahrzehnten auch nur annähernd schätzen, wie sich die Geldanlage in einem Sparplan entwickeln wird. Es ist daher völlig sinnlos, das Ergebnis auf den Euro genau auszurechnen.
  2. Der Autor lässt offen, woher der Ertrag aus der Geldanlage kommen soll. Irgend jemand muss aber diesen Ertrag über 40 Jahre erarbeiten. Die Leser wollen wissen, wer das sein wird.
  3. Der Autor projiziert ökonomische Randbedingungen in die ferne Zukunft, die einzig in seiner Phantasie existieren. Der gesunde Menschenverstand sollte uns aber sagen, dass es völlig unmöglich ist, das Zinsniveau über vier Jahrzehnte und dann auch noch für den nachfolgenden Auszahlungszeitraum abzuschätzen.
  4. Der Autor projiziert die steuerlichen Rahmenbedingungen der Gegenwart in die ferne Zukunft. In Wahrheit ändern sich die Steuergesetze immer wieder. Niemand kann auf das Prozent genau angeben, auf welcher Grundlage unsere Einkommen und Vermögen in 40 Jahren besteuert werden.

Wenn ein Autor in seinem Artikel überhaupt keinen Gedanken an diese vier Punkte verschwendet hat, wenn er Ihnen das beschriebene Anlageprodukt nicht bei mindestens drei seriösen Instituten zeigen kann, und wenn in dem Artikel auch sonst keinerlei Realitätsbezug erkennbar ist:

Knüllen Sie das Blatt sorgfältig zu einer Kugel und werfen Sie die Papierkugel mit Schwung in den Papierkorb. Gehen Sie über Los zu Tipp 2.


Der zweite Tipp ist etwas komplizierter zu befolgen, aber mit etwas gutem Willen werden Sie das schaffen: Sichern Sie die Unabhängigkeit Ihrer Autoren. Ein Ratgeber-Artikel soll den Lesern dienen und niemandem sonst. Lassen Sie sich jeden Montag von Ihrem Terminplanungsprogramm daran erinnern:

  1. Die Leser bezahlen Ihre Arbeit in der Redaktion.
  2. Die Leser wollen aus Ihrer Ratgeberseite einen Nutzen ziehen.

Mögen sich »Verbraucherportale für private Finanzen« und deren Autoren auf dem Markt um ihre eigenen Interessen kümmern – das ist für die Leser irrelevant. Eine Redaktion hat immer den Interessen der Leser zu dienen und das erste Interesse der Leser ist: Sie wollen ordentliche Beiträge lesen. Seien Sie für Ihre Leser da – dann sind die Leser auch für Sie da. So einfach ist das.

Mit freundlichen Herbstgrüßen
Ihr Leser Stefanolix

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PS: Ich habe dann doch noch einen dritten Tipp für Sie. Lesen Sie das Buch und das Blog »Deadline« des Schweizer Journalisten Constantin Seibt. Besser können Sie als Journalisten Ihre Zeit im Moment nicht anlegen.



Die »Sächsische Zeitung« gibt wertvolle Anlagetipps für die Altersvorsorge

27. Oktober 2013

Nachdem ich zuletzt die »DNN« kritisiert habe, ist nun wieder die »Sächsische Zeitung« an der Reihe. Sie gab ihrer Leserschaft in dieser Woche Hinweise für eine Geldanlage zur Altersvorsorge. Überschrift:

Der Trick mit dem Zinseszins

Um den Zinseszins zu erklären, verwendet die »Sächsische Zeitung« ein Rechenbeispiel mit 5% Verzinsung für die Dauer von 40 Jahren. Die Zeitung rechnet uns ganz qualitätsjournalistisch folgendes vor:

»Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Kraft dieses Langzeit-Hebels: Wer 40 Jahre lang jeden Monat 75 Euro in einen Sparplan einzahlt, der sich im Schnitt jedes Jahr mit fünf Prozent verzinst, der hat zum Rentenbeginn 36 000 Euro selbst zurücklegen müssen. Aber Zins und Zinseszins bringen ihm weitere 75 664 Euro. Diese stolze Summe können Sie nun nutzen …«

Das muss man wohl im Takt von »Stoiber On Drums« lesen, um es richtig würdigen zu können:

Wenn Sie,
in Dresden oder in Leipzig oder in Zwickau,
wenn Sie sich da mal die Sparpläne ansehen,
wenn Sie da bei Null starten
und jeeeden Monat 75 Euro zurücklegen […]

Weil das ja klar ist.


Nun ist ja das vordergründig Faszinierende am Zinseszins, dass bei konstant hoher Verzinsung tatsächlich ziemlich viel Geld auf die hohe Kante gehäuft wird. Aber die konstante Verzinsung einer sicheren Geldanlage mit 5% ist seit Jahren nicht mehr realistisch und wird auch in den nächsten Jahren ein Phantom bleiben.

Damit bricht aber das ganze Zinseszins-Beispiel zusammen und wird wertlos. Denn man kann den Rückstand nicht einfach durch höhere Zinsen in späteren Jahren wieder aufholen – die Zinssätze müssten dann schon exorbitant hoch sein.


Im weiteren Verlauf des Artikels wird aber felsenfest davon ausgegangen, dass nach 40 Jahren 111.664 Euro vorhanden seien. Und dass die »Sofortrente« aus diesem Kapital steuerfrei sei. Und dass man mit »bis zu 350 Euro« Auszahlung im Monat seinen Ruhestand »ungeschmälert genießen« könne. Man weiß gar nicht, an welcher Stelle man zuerst verzweifeln soll:

  • An einem Sparplan, den keine Bank anbietet?
  • An der unsinnigen Exaktheit der Endsumme?
  • An der Voraussage über die Verzinsung ab dem Jahr 2053?
  • Oder an der Voraussage zum Steuerrecht des Jahres 2053?

Der ganze Artikel ist so unsinnig, dass man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Ich habe mich beim ersten Lesen gefragt: Wie viele Jahre hatte die Redaktion diesen Artikel wohl im Stehsatz? Gab es jemals über 40 Jahre eine Verzinsung von 5% pro Jahr in einer zur Altersvorsorge tauglichen Anlage? Und: Ist diese Verzinsung jemals wieder zu erwarten? War die Schulden- und Bankenkrise der ganzen westlichen Welt nicht Warnung genug?


Machen wir einen Praxistest: Für 20.000 Euro Tagesgeld und drei Monate Laufzeit kann man momentan bei einigen privaten Banken etwa 1.5% Zinsen erzielen. Und für eine Laufzeit von zehn Jahren gibt es für die selbe Summe etwa 3% Zinsen. Einen sicheren Sparplan mit 75 Euro Einzahlung im Monat und 5% jährlichen Zinsen über 40 Jahre Laufzeit konnte ich leider nirgendwo finden – aber vielleicht kann die Qualitätsredaktion der »Sächsischen Zeitung« uns da weiterhelfen.


Die »Sächsische Zeitung« verweist unter dem Artikel auf ein »Verbraucherportal für private Finanzen« (natürlich wird das nicht als Werbung gekennzeichnet – wo kämen wir denn da hin?). Das Verbraucherportal heißt »biallo.de«.

Der Autor des namentlich gekennzeichneten Artikels in der »Sächsischen Zeitung« zählt wie durch Zufall zu den »Journalisten von Biallo & Team« – Eigenwerbung: »Über 50 Mitarbeiter und Autoren liefern täglich aktuelle journalistische Inhalte.«


Etwas Gutes hat der Artikel jedenfalls gehabt: Ich frage mich spätestens seit Freitag nicht mehr, ob ich in der »Sächsischen Zeitung« auf meine Finanzfragen eine kompetente Antwort bekommen werde.


Die Hervorhebungen in den Zitaten sind von mir.


Und noch ein PS: Die Sparkassen sind bekanntlich für viele Bürger die bevorzugten Institute für sichere Geldanlage. Hier ist ein aktueller Artikel über die Aussichten der deutschen Sparkassen. Wenn Sie den (deprimierenden) Artikel nicht vollständig lesen wollen: Nach 5% jährlicher Rendite auf die Sparpläne von Sparkassenkunden sieht es in absehbarer Zeit wirklich nicht aus.



Zeitungsredaktionen ohne Bullshit-Detektor – Teil 1: Die »DNN«

27. Oktober 2013

Früher, so sagt man, war alles besser: Die Journalisten recherchierten. Sie vergewisserten sich. Sie wiesen etwas nach. Und dann schrieben sie ihre Artikel.

Der Chefredakteur der »Dresdner Neuesten Nachrichten« ist kürzlich bei einer Veranstaltung des Presseclubs Dresden als überzeugter Vertreter dieses Prinzips aufgetreten. Darüber ist im Veranstaltungsbericht folgendes zu lesen:

Für Dirk Birgel, den DNN-Chefredakteur, sei eine gute Ausbildung wichtig, er gebe aber auch Quereinsteigern eine Chance, wenn sie einen Blick für eine Story und die Fähigkeit zu recherchieren hätten sowie pointiert formulieren könnten. Birgel hebe eine Geschichte nicht ins Blatt, wenn sie nicht rund sei, erklärt er auf dem Podium. Er gebe seinen Redakteuren, wenn sich eine große Story biete, auch Zeit für eine intensivere Recherche.

Nun kann man sich angesichts vieler Zeitungsartikel von der Wendung »Der Chefredakteur hebt eine Geschichte ins Blatt« schon etwas veralbert fühlen. Man kann aber auch dann und wann die Probe aufs Exempel machen.


Am 09.10.2013 hat die DNN über die Auszeichnung eines Schülers für eine ganz tolle Idee berichtet: Der Schüler wollte Energie »gewinnen«, indem er mehrere »tellergroße Luftturbinen« hinter dem Windschutz an der Autofront anbringt. Damit könne man doch die Geräte im Inneren des Fahrzeugs mit Strom versorgen. Das Bild in der Zeitung zeigte, wie man sich das vorzustellen hat.

Ich habe damals nicht darüber gebloggt, sondern mir nur leise an den Kopf gegriffen und getwittert:

Deutschlands Bildungssystem 2013: Von Erwachsenen preisgekrönte Idee eines Schülers – Windkraftrotoren an fahrenden PKW.

Natürlich ist diese Idee Unsinn. Man kann mit Rotoren am Fahrzeug oder im Fahrzeug nur um einen hohen Preis Energie »erzeugen«: Der Luftwiderstand steigt und es wird mehr Kraftstoff verbraucht. Da der Wirkungsgrad dieser »Energieerzeugung« natürlich ziemlich schlecht wäre, würde die Umwelt also nicht entlastet, sondern belastet. Aber das haben die Erwachsenen dem Jungen nicht gesagt. Im Gegenteil:

In Leipzig hat er dazu von der Jury schon einige Anregungen erhalten. Seine Erfindung sei doch geeignet, etwa Laptops unterwegs zu betreiben. »Theoretisch könnte man sogar auf mehr als vier Turbinen zurückgreifen, wenn man sie etwas versetzt einbaut«, meint Konstantin. »Dann könnte man die Stromproduktion noch steigern.«

Die Redaktion hat auch diesen Absatz »ins Blatt gehoben« – und der Erscheinungstag war wirklich nicht der erste April ;-)


Fazit: Eine im Grunde irrelevante Jury fand die Idee des Dreizehnjährigen so toll, dass sie einen ebenso irrelevanten Preis dafür verliehen hat. Preis und Jury wurden erst relevant, als eine Zeitung darüber berichtet hat.

Vielleicht hält der Chefredakteur der DNN diesen Bericht bis heute für eine gute Geschichte, die man »ins Blatt heben muss« – weil sie ganz flott geschrieben ist und weil sie wunderbar in die Lokalpresse passt: Kind, Familie, Schule und Umwelt ;-)

Möglicherweise ist die Erklärung auch einfacher: Die »Leipziger Volkszeitung«, die den Mantel der DNN liefert, hatte nämlich ein »Special« über die Messe veröffentlicht (»Special« scheint ein anderes Wort für »PR-Beilage« zu sein). Dort war unter anderem zu lesen, dass man einen Neunjährigen für eine noch tollere Idee ausgezeichnet hat:

»Es wäre großartig, wenn man Energie ohne Kabel übertragen könnte.« Wie das funktioniert? Der Strom wird in Laserlicht umgeformt und mittels Solaranlage wieder in Strom umgewandelt.

Man fragt sich unwillkürlich, warum es dort noch keinen Sonderpreis für ein klimaschutzgerechtes Perpetuum mobile gab. Die DNN hätte sicher genauso enthusiastisch darüber berichtet.


Tatsächlich hätte die Zeitung eine ganz andere Aufgabe gehabt: Zu hinterfragen, was in unserem System falsch läuft, wenn solche Auszeichnungen vergeben werden und niemandem der Haken an der Sache auffällt. Wäre diese Zeitung ihrer journalistischen Aufgabe gerecht geworden, hätte sie die Geschichte jedenfalls erst nach sehr gründlicher Prüfung »ins Blatt gehoben«.

Immerhin hat die Redaktion in der aktuellen Wochenendausgabe zwei kritische Leserbriefe zu dem Artikel abgedruckt. Leserbriefe sind aber immer nur eine Meinungsäußerung – und zur Physik kann es nun wirklich keine zwei Meinungen geben. Hier hätte der Chefredakteur eine Richtigstellung »ins Blatt heben« müssen …



Ein neues Qualitätsmedium? – Die »Huffington Post« für Deutschland

11. Oktober 2013

Wie beginnt man einen Artikel über den Start des deutschen Ablegers einer weltbekannten Medienplattform? Meine beiden ersten Versuche:

  1. Gestern wurde mit viel PR die Seite »huffingtonpost.de« gestartet.
  2. Gestern wurde die Seite »huffingtonpost.de« mit viel PR gestartet.

Beide Ansätze stimmen: Natürlich wurde im Vorfeld viel PR für die »Huffington Post« verbreitet. Aber offenbar ist die »Huffington Post« schon am ersten Tag ein PR-Portal geworden, wie es seinesgleichen sucht.

In den ersten Stunden war ein Beitrag des Telekom-Chefs unter den Aufmachern. Zitat:

Die Telekom wandelt sich, aber sie bleibt ein Kommunikationsunternehmen. Wir bauen die besten Netze für die kommende Gigabit-Gesellschaft.


Weitere Beispiele vom ersten Tag:

  1. PR für Erdgas von GAZPROM
  2. PR für Boris Beckers neues Buch
  3. PR für diverse PR-Experten
  4. PR für Wellness-Kosmetik-Produkte

Die »Huffington Post« hat schon am ersten Tag bewiesen, dass kostenlose Gastbeiträge nicht im Interesse der Leser, sondern im Interesse von Unternehmen, PR-Agenturen, Lobbyisten oder meinungsstarken Einzelpersonen geschrieben werden.


Aber kann man denn wenigstens den »redaktionellen Teil« lesen? – Man würde das ja gern testen, wenn man ihn hinter den vielen PR-getriebenen Beiträgen finden könnte. Eine erkennbare Abgrenzung zwischen PR und Journalismus gibt es nicht. Allerdings sind manche Beiträge als Kommentare gekennzeichnet – und da kann es schon mal unfreiwillig komisch werden.

Die »Huffington Post« will nämlich auch ein Meinungsmedium sein und ihre internationalen Ausgaben vernetzen. Sie publizierte dazu gestern die Übersetzung eines Artikels aus der englischen Schwesterausgabe. Legen Sie das Original neben die Übersetzung und Sie kommen entweder aus dem Weinen oder aus dem Lachen nicht mehr heraus:

Die Aufgabe einer kühnen und konstruktiven deutschen Außenpolitik ist eine führende Rolle in der EU und in dem Zwischeneuropa von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zu spielen, aber auch Einfluss auf Friedensbestrebungen in dem „Wilden Osten” zu haben.

It is the task of a bold and constructive German foreign policy to play a leading role in the EU and in that Zwischeneuropa, the “Europe in-between”, from the Baltic to the Black Sea; but also to influence the peace efforts in what has become the “Wild East” – the Orient.


Ich wage die Behauptung: Die Investoren werden einen langen Atem haben müssen, bis diese Plattform ein Qualitätsmedium wird. Mit einem Discount-Modell wird sich die »Huffington Post« sicher nicht durchsetzen können. Auf die Dauer müssen Leserinnen und Leser davon überzeugt werden, für guten Journalismus auch gutes Geld auszugeben und z. B. eine »Huffington App« zu abonnieren. Was natürlich voraussetzt, dass gute Journalisten bezahlt werden. Kostenlos verteilte PR bekommt man überall …

 



Dresdner Verhältnisse (1)

15. September 2013

Beim Bau der Brücke A hat der Widerstand der grünen und roten Verhinderer viele Millionen Euro Mehrkosten verursacht. Dieses Geld ist für immer versenkt.

Bei der Sanierung der Brücke B werden Fehlentscheidungen der schwarzen und gelben Verhinderer vermutlich viele Millionen Euro Mehrkosten verursachen. Noch ist ein Umdenken möglich.

Das geht zu Lasten der Menschen, die diese Bauleistungen mit ihren Steuern und Abgaben bezahlen müssen. Und es geht zu Lasten fast aller Menschen, die täglich in Dresden im Verkehr unterwegs sind.


Ein anderes Beispiel: Vor dem Bau der Fundamentplatte einer Kindertagesstätte wurde auf der Fläche Asbest-Müll verscharrt. Jemand hat diesen Müll vor dem Betonieren der Platte fotografiert. Als die Kindertagesstätte fast fertig war, wurden die Fotos durch Lokalpolitiker der Grünen an die Öffentlichkeit gebracht. Jetzt rätseln viele Leute: Wer hat die Verzögerung zu verantworten?


Es stellt sich doch die Frage: Wem nutzt dieser permanente unfaire und unproduktive Streit in Dresden? Und: Warum werden solche Fragen in den Dresdner Medien weder gestellt noch beantwortet?


Wir können momentan kaum eine Straße entlang laufen, ohne an die Wahl erinnert zu werden. Vermutlich werden sich wieder etwa 75 % der Erwachsenen aufraffen und ihre Stimme abgeben. Doch die Demokratie muss vor allem an der Basis funktionieren. Durch sinnlose Streitereien in der Kommune scheint sie mir gefährdet zu sein …

Manchmal denke ich, dass es den Dresdner Lokalpolitikern und der Dresdner Stadtverwaltung einfach zu gut geht. Dresden hat nur wenig Schulden, Dresden ist attraktiv für junge Familien und Dresden ist eine der wenigen Großstädte mit relativ hoher Geburtenrate.

Aber man geht in der Lokalpolitik miteinander um, als ob es kein Morgen gäbe.



Ein neutraler Klimaschutzexperte?

14. September 2013

Die Linksfraktion im Sächsischen Landtag hat ein Gutachten gegen den Braunkohlenabbau in Auftrag gegeben. In einem Artikel der »Sächsischen Zeitung« kann man – dem ersten Anschein nach völlig wertneutral – lesen:

Darin kommt der von der sächsischen Landtagsfraktion beauftragte Klimaschutzexperte Hans-Jürgen Schlegel zu dem Schluss, dass es keinen Bedarf für eine weitere Braunkohleförderung gebe.

Es fehlt allerdings ein kleines Detail: Der »Klimaschutzexperte« hat ein vitales Interesse daran, Gutachten gegen den Abbau der Braunkohle zu schreiben. Hans-Jürgen Schlegel ist aktiv im VEE Sachsen e. V. und setzt sich in seinen Publikationen unter anderem für die Genehmigung wesentlich höherer Windkraftanlagen ein.

Im Präsidium dieses e. V. sitzen vor allem Vertreter der EE-Branche (Wind, Solar). Das Ziel dieses Vereins ist laut Eigenwerbung:

Das zentrale Ziel der Arbeit der VEE ist, die Förderung der Nutzung Erneuerbarer Energien durch aktives fachübergreifendes Handeln mit Kompetenz und Objektivität zu unterstützen und voranzutreiben. (…) Der Zweck der VEE ist die Förderung von Bildung und Erziehung sowie von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Nutzung Erneuerbarer Energien, insbesondere aus Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Erdwärme und die Förderung des Umweltschutzes durch ihre Anwendung.

Es überrascht nicht, dass der VEE gegen den Abbau der Braunkohle ist. Es überrascht aber, dass die führende Dresdner Tageszeitung entweder nicht willens oder nicht in der Lage ist, den Hintergrund des Klimaschutzexperten zu hinterfragen und den Lesern darüber Auskunft zu geben.


Ergänzung: Frank denkt über die Forderungen einer Demonstration der Linkspartei gegen den Braunkohleabbau nach.



Das forcierte Missverständnis

5. September 2013

Was bisher passierte: Der Aktivist Anatol Stefanowitsch hat einen Artikel über den »Ferrero-Skandal« im Zusammenhang mit diesem Werbespot verfasst. Er hat darin zu Beginn zustimmend auf Asta-Aktivisten der Universität Duisburg-Essen verwiesen, die kraft ihres Amtes verkünden:

»Deutschland wählt weiß« – das wäre sicherlich ein guter Slogan für eine biologistisch-rassistische Neonazipartei.

Der Rest des Artikels enthält viel Agitation und wenige Argumente. Mit dem Spot hat er im Grunde gar nichts zu tun. Es ist eine willkürliche, einseitige Deutung: Alle aus Sicht der Asta-Aktivisten belastenden Aspekte werden auf absurde Weise dramatisiert. Ein entlastender Aspekt wird überhaupt nicht in Betracht gezogen.

Der Artikel erinnert fatal an den plumpen Versuch der »Mädchenmannschaft«, einen Spot mit Travestiekunst um jeden Preis als sexistisch zu diffamieren. Die Gemeinsamkeit: Eine Minderheit will ihre Moralvorstellungen anderen Menschen aufzwingen und ihre Vertreter maßen sich die Definitionsmacht über den Gegenstand der Betrachtung an. Dann ist es einfach:

Man kann den Werbespot als diskriminierend denunzieren. Man kann damit Aufmerksamkeit erregen. Man kann das Thema für eine Machtprobe nutzen.


Anatol Stefanowitsch nimmt die Stellungnahme des Unternehmens Ferrero zum Anlass, über das Phänomen der Nicht-Entschuldigung zu sinnieren. Das Unternehmen hatte ja zwischenzeitlich versucht, seine Position in einer Stellungnahme zu erläutern.

Natürlich gleicht eine solche Stellungnahme einem Eiertanz: Wofür und auf welche Weise soll man sich entschuldigen, wenn man gar nichts Böses getan hat? Anatol Stefanowitsch will Ferreros Argumente natürlich auch nach dem Lesen der Stellungnahme nicht verstehen und kommt zu dem Fazit:

Ich weiß nicht, ob man bei Ferrero wirklich ausschließlich gedankenlose Ignoranten beschäftigt, denen ernsthaft nicht rechtzeitig aufgefallen ist, was an dem Werbespruch »Deutschland wählt Weiß« problematisch ist. Aber spätestens als man die Firma darauf hingewiesen hat, hätte irgendjemand erkennen müssen, was man da angerichtet hat.

Nein. Das hätte »irgendjemand« eben nicht erkennen müssen. Wenden wir eine bewährte Methode an, um uns der Lösung des Problems zu nähern:

Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist immer die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen: Eine Theorie mit wenigen Variablen und Hypothesen, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen. (Ockham’s Razor)


Betrachten wir die Wahrscheinlichkeit der beiden Varianten:

(1) Dass ein Süßwarenhersteller bewusst mittels rassistischer Werbung alle Menschen mit einer anderen als der weißen Hautfarbe als Kunden verlieren will.

(2) Dass der Süßwarenhersteller ohne Hintergedanken ein Sprachspiel mit der Farbe Weiß (wie in »weiße Weihnacht«, »weißer Sandstrand« oder »Hochzeit in Weiß«) eingesetzt hat, um eine weiße Schokolade besser verkaufen zu können.


Ich würde mich mit dem gesunden Menschenverstand immer für die zweite Variante entscheiden. Tatsache ist doch: Nicht jede Wortkombination mit »weiß« ist rassistisch. Nicht jede Wortkombination mit »schwarz« ist rassistisch. Es kommt immer auf den Kontext an.

Im Kontext der Werbung für eine weiße Schokolade, die möglichst viele Kundinnen und Kunden kaufen sollen, ist vorsätzlicher Rassismus sehr unwahrscheinlich. Eine künstliche Aufregung über den Werbeclip nutzt allenfalls denen, die sich damit selbst überhöhen wollen. Es gibt unerträglichen Rassismus auf der Welt – aber dieser Spot ist wirklich kein Rassismus.


Der Publizist Wolfgang Michal bezeichnet Anatol Stefanowitschs Reaktion in einem Kommentar zu einem ähnlichen Artikel sehr treffend als Tremolo-Vorwurf und zitiert auch gleich ein weiteres typisches Stefanowitsch-Tremolo:

Wie selbstgerecht und wie unreflektiert in den Denkstrukturen der Mehrheitsgesellschaft verhaftet muss man sein …?

Natürlich kann man in jeder Kommunikation ein künstliches Missverständnis forcieren und sich dann mit Tremolo in der Stimme über das aufregen, was man verstanden zu haben glaubt – aber irgendwann wird das einfach nur noch lächerlich sein.



Zur Steigerung der Rundfunkgebühren für die Stadt Dresden: Kalkül oder Fahrlässigkeit?

29. August 2013

Seit das Gebührenmodell von ARD und ZDF umgestellt wurde, müssen alle Dresdner Haushalte eine Rundfunkgebühr in Form der Haushaltsabgabe zahlen. Um so interessanter ist eine Meldung der Dresdner Neuesten Nachrichten:

Rundfunk-Gebühren für Dresden

Ausriss aus einem DNN-Artikel vom 28.08.2013.

Was ist an diesem Artikel interessant? Zunächst das Detail, dass die Zeitung bei der Stadtverwaltung anfragen musste. Solche Zahlen von sich aus zu veröffentlichen ist eine Bringschuld der Stadtverwaltung, denn hier geht es um mehr als 100.000 Euro Geld im Jahr aus Steuern und Abgaben.


Die drastische Steigerung der Rundfunkgebühren für Kommunen ist seit Anfang 2013 im Gespräch. Für diese Steigerungen kann es im Grunde nur zwei Ursachen geben:

Entweder wurde von vornherein einkalkuliert, die Kommunen und damit die Bürger stärker zu belasten. Oder die Medienpolitiker haben die Folgen ihres Handelns nicht vorausgesehen. Beides beunruhigt mich.


Die Stadt Köln sollte ähnlich stark belastet werden. Sie hat im Januar eine Vereinbarung mit dem WDR getroffen und zahlt seitdem die »alte Gebühr« weiter (Quelle).

Die Sächsische Medienpolitik und der MDR sind sehr eng miteinander verbunden. Warum schaffen es die Medienpolitiker in Sachsen nicht, für die sächsischen Kommunen eine ähnliche Vereinbarung mit dem MDR zu ermöglichen?



Die Berufsbetroffenheitsgesetzgebung

16. Juli 2013

Frau Erzaehlmirnix berichtet exklusiv über flächendeckende Arbeitsniederlegungen der Berufsbetroffenen. Sie fordern unter anderem eine einheitliche Urlaubsregelung und betroffenheitsfreie Tage. Der Streik hat bereits gravierende Auswirkungen:

Und in der Tat, nicht nur bei Dieter Z. blieb der Shitstorm aus, auch bei allen anderen Werbetreibenden und Medienleuten regte sich kein laues Lüftchen mehr seit diesem Tag. Twitter und Facebook, ja sogar die Blogs sind wie ausgestorben.

Die Forderungen der Berufsbetroffenenverbände nach Urlaubs- und Teilzeitregelungen sind aber erst der Anfang. Mittelfristig will man ein flächendeckendes Mindesthonorar für Netz-Aktivist*Innen und die 35-Tweet-pro-Tag-Woche durchsetzen.

Das Arbeitsrecht werde den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr gerecht und müsse umgehend ergänzt werden – so der Aufschrei einer furios auftretenden Sprecherin des Berufsbetroff*Innenverbandes »Kein Spaß für Niemand e. V.« ins Mikrofon des Morgenmagazin-Reporters.


Am Abend des zweiten Streiktages stellte sich heraus: Die Bundesregierung hatte schnell auf die Shitstorm-Niederlegungen reagiert. Die Arbeitsministerin legte in einer eilends einberufenen Kabinettssitzung die notwendigen Gesetzentwürfe vor.


In der »Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Betroffenheitsarbeit an Bildschirmgeräten« wird die ergonomische und gendergerechte Gestaltung der Hard- und Software für die Betroffenheitsarbeit beschrieben. Im Punkt 12 heißt es:

Der Vorlagenhalter muss stabil und verstellbar sein sowie so angeordnet werden können, dass unbequeme Kopf- und Augenbewegungen soweit wie möglich eingeschränkt werden.

In Ziffer 14 wird festgelegt:

Am Bildschirmarbeitsplatz muss ausreichender Raum für wechselnde Betroffenheitshaltungen und -bewegungen vorhanden sein.

Ziffer 18 besagt:

Die Betroffenheitsarbeit darf nicht zu einer erhöhten Wärmebelastung am Bildschirmarbeitsplatz führen, die unzuträglich ist. Es ist für eine ausreichende Luftfeuchtigkeit zu sorgen.

[Die Zitate stammen wörtlich oder sinngemäß aus der Bildschirmarbeitsverordnung von 1996.]


Unter dem scharfen Protest der Berufsbetroffenenverbände legte die Arbeitsministerin auch den Entwurf für ein Allgemeines Berufsbetroffenheitsgleichstellungsgesetz vor:

Ziel des Gesetzes ist, Privilegierungen von Berufsbetroffenen aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, der Weltanschauung oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Besonders umstritten sind unter den Berufsbetroffenen die §§ 8–10:

  • Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen beruflicher Anforderungen
  • Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen der Religion oder Weltanschauung
  • Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen des Alters

Eine bekannte Stiftung wies in einer Auftragsstudie für den Berufsbetroff*Innenverband umgehend nach, dass dieser Gesetzentwurf fundamentalen Positionen des queer-feministischen Weltbilds und der queer-feministischen Rechtswissenschaft widerspräche.

[Die Gesetzeszitate stammen wörtlich oder sinngemäß aus dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz von 2006.]


Unter dem Hashtag #Betroffenheit wehte in den folgenden Tagen ein laues Lüftchen durch das Netz. In den Berliner Medien wurde es zum Orkan gemacht. Die Socia-Media-Beauftragten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender suchten verzweifelt nach originellen Berufsbetroffenen, doch die meisten Tweets kamen von Personen, die schon mindestens zweimal in jeder Talkshow gesessen hatten.


Peer Steinbrück sah seine letzte Chance: Er berief umgehend eine Berufsbetroffenheitsbeauftragte in sein Kompetenzteam. Doch unterdessen gründete sich schon die »Alternative für Betroffenheit« (AfB). Peer Steinbrück sah seine Honorare davonschwimmen und trat als Kanzlerkandidat zurück.

Die neue Partei überholte in den Umfragen zuerst die Piraten, dann die FDP und schließlich die SPD. Die Grünen fielen unter die Fünf-Prozent-Hürde, weil sie sich zu lange auf die berufsbetroffene Wirkung ihrer Parteivorsitzenden verlassen hatten.

Angela Merkel saß in ihrem Sessel im Kanzleramt und wusste, dass sie wieder einmal gewonnen hatte: Die Arbeitsministerin würde sich gemeinsam mit ihrem gescheiterten Entwurf aus der Politik verabschieden. Der Weg in eine Koalition mit der AfB stand offen …



Wer hat’s erfunden?

15. Juli 2013

Die »Süddeutsche Zeitung« verbreitet zur Zeit in einem Artikel über Netzpolitik folgende Information über Peer Steinbrücks Internet-Expertin:

Gesche Joost hat einen Handschuh erfunden, der die Sprache Taubblinder in Mails übersetzt.

Ich habe versucht, mehr über den persönlichen Anteil der Frau aus Peer Steinbrücks Kompetenzteam an dieser Erfindung herauszufinden. Die Süddeutsche Zeitung scheint diese Information zum ersten Mal im Mai 2013 in einem (nach PR ausschauenden) Artikel der Autorin Constanze von Bullion veröffentlicht zu haben.

Wie so oft wurde die Information danach von vielen anderen Medien übernommen – es gibt zumindest viele Treffer bei einer entsprechenden Google-Suche.

Eine andere (ursprüngliche) Quelle, in der Frau Prof. Dr. Joost diese Erfindung persönlich zugeordnet wird, konnte ich nicht finden. Stattdessen habe ich Informationen über andere Personen gefunden, die den Datenhandschuh entwickelt haben.


In einer Sendung des Deutschlandfunks vom 24.05.2013 werden die Designforscherin Ulrike Gollner und der Designforscher Tom Bieling als Entwickler genannt. Von Frau Prof. Dr. Joost ist auf der Webseite zur Sendung überhaupt nicht die Rede. Zitat:

Ein spezieller Handschuh soll diese Kommunikationshürden überwinden. Den hat Tom Bieling mit seiner Kollegin Ulrike Gollner entwickelt.


Auf der Website des Design Research Lab zum Datenhandschuh steht:

Research by: Tom Bieling
Assistance: Ulrike Gollner
Supervision: Prof. Dr. Gesche Joost

Auch das Wort »Supervision« klingt für mich eher nicht nach »Erfinderin«.


In diesem Interview von Flux FM kann man sich anhören, was der Erfinder Tom Bieling zu dem Datenhandschuh sagt. Ein faszinierendes Thema. Aber auch dort habe ich nichts von einer »Erfinderin« Prof. Dr. Gesche Joost gehört.


Bleibt die Frage: Macht die »Süddeutsche Zeitung« bewusst Wahlkampf für Peer Steinbrücks Sympathieträgerin? Ich habe der »Süddeutschen Zeitung« eine entsprechende Information gegeben, aber sie hat bisher nicht reagiert.



Der ZDF-Werbespot zur Frauenfußball-EM zeigt das Spiel einer Frau mit dem Ball – und deshalb passt er zu dieser Sportart.

10. Juli 2013

Das ZDF gerät gerade wegen eines Werbespots für die Frauenfußball-EM in einen Shitstorm: Man hat es in Mainz gewagt, eine Frau mit einer Waschmaschine in Verbindung zu bringen!

Auch die Illustrierte »Brigitte«, die Gruner-und-Jahr-Werbestrecke für Mode, Diät und Kosmetik, stimmt in den Chor der Aufschreierinnen ein und fragt: »ZDF-Spot zur Frauen-EM: Noch ganz sauber?«

Man sollte nach dem ersten Blick und der ersten Erregung immer einen zweiten Blick riskieren. Auf den zweiten Blick ist es ein Spiel mit Bildern und Symbolen: Selbst wer zu Hause keinen Fernseher hat, kennt die ZDF-Torwand und weiß, wie viele Sportler daran schon gescheitert sind. Diese Fußballerin bringt den Ball locker ins Ziel

Nach den beiden Blicken kann man noch etwas nachdenken. Das Klischee lautete früher: Die Hausfrau wäscht die Sachen ihres Mannes und ihrer Kinder. Aber das tut die Fußballerin im Werbespot nicht. Ihr geht es um den Ball – weil er ihr Arbeitsgerät ist – und sie hat an ihrer Waschmaschine sogar ein Leder-Programm. Der Spot zeigt also Selbstbestimmung der Frau – und keine Fremdbestimmung. Was man nach drei Minuten Nachdenken auch mühelos kapieren kann …



Fastfood: Die Seite 3 der heutigen »Sächsischen Zeitung«

2. Juli 2013

Als ich heute morgen im Zeitungsladen die Titelseite der »Sächsischen Zeitung« sah, wusste ich: Es ist wieder mal Zeit für einen kritischen Artikel.

Auf der Seite 1 prangt nicht nur ein Bild der McDonalds-Filiale im Elbepark, sondern auch ein Hinweis: Auf Seite 3 soll es um die bekannteste McDonalds-Filiale Sachsens gehen.


Meine Erwartungen an die Qualität einer solchen Seite sind sehr gering, aber ich schlage die Seite 3 trotzdem auf. Diese Seite ist nicht als Verlagsbeilage und auch nicht als Werbung gekennzeichnet.

Doch immer wieder sind McDonalds-Logo, McDonalds-Schriftzug, McDonalds-Verpackungen und McDonalds-Fastfood auf den Bildern (Seite 1 und Seite 3) zu sehen. Eine kritische Aussage der Textautorin zum Fastfood oder zu den Arbeitsbedingungen ist auf der ganzen Seite 3 nicht zu finden.

Die folgenden – mehr oder weniger werbenden – Aussagen kann ich den Bildern und Texten entnehmen:

  1. Die McDonalds-Filiale sei nicht das schönste, aber eines der schnellsten Restaurants der Stadt.
  2. Zwei Pflasterer lassen sich vor dem McDonalds-Logo fotografieren. Der begleitende Text trägt die Überschrift »Das täglich Brot«. Tatsächlich erfährt der Leser, dass die beiden »so gut wie nie« etwas dort essen.
  3. »Romantik beim Bic Mäc« lautet die Überschrift über dem nächsten Foto. Im Text erfahre ich, dass sich ein junges Paar dort trifft – eine Sportlerin und ein Sportler. Zitat: »Aber ein Burger zur Motivation muss auch mal sein.«
  4. Auch eine Familie lässt sich in der McDonalds-Filiale fotografieren. Das Kind beschäftigt sich an einem Spielgerät, die Eltern sagen, dass sie »immer mal« zum Abendessen bei McDonalds sind.
  5. Natürlich darf die Schichtführerin nicht fehlen. Sie wird vor dem Gebäude fotografiert, damit der Schriftzug »McDonalds« auch noch ins Bild kommt. Frau W. arbeitet »viel und gern mit jungen Leuten« in ihrer Filiale.
  6. Der Teamgeist darf auf einer qualitätsjournalistisch wertvollen Zeitungsseite natürlich nicht zu kurz kommen. Eine vergnügte Damenrunde speist in ihrem »Treffpunkt McDonalds«.
  7. Schließlich darf am Ende der Blickkurve der Wohlfühlfaktor nicht fehlen: Die Überschrift über einem Bild mit zwei Frauen lautet in diesem Fall »Erst shoppen, dann schlemmen«.

Man verzeihe mir den harten Ausdruck – das ist sonst nicht meine Art. Aber mit einem Mindestanspruch an das Handwerk des Journalismus komme ich zu einem anderen Fazit: Erst lesen, dann brechen. Es ist praktisch, dass man sich dazu aus der Seite 3 eine Tüte falten kann.



Tagesschaum (2) ist wie BILD-Blog und taz vor der Kamera

12. Juni 2013

Ich habe mir heute in aller Herrgottsfrühe die zweite Tagesschaum-Folge angeschaut. Sie hat mich sehr an das BILD-Blog erinnert, aber auch an die Beiträge und Interviews von Friedrich Küppersbusch in der taz. Im Grunde würde man viel Zeit sparen, wenn man #tagesschaum einfach lesen könnte ;-)



In sechs Schritten zur Premiumwerbung

15. Mai 2013

1. In den gedruckten Zeitungen war und ist die Werbung eine Geldquelle: Auf begrenzter Fläche können nur wenige Anzeigen geschaltet werden. Damit sind bei stabiler Wirtschaftslage planbare Einnahmen zu erzielen. Die Devise lautet: Weniger ist mehr. Werbung stört nicht beim Lesen.

2. In den digitalen Ausgaben der Zeitungen ist Werbung für die Verlage keine Geldquelle: Die Preise für die aufdringliche und ungeliebte Digital-Werbung sind in den Keller gesunken. Die Devise lautet: Mehr ist weniger. Werbung stört die Nutzer erheblich beim Lesen.

3. Warum stört Werbung im Printprodukt nicht beim Lesen? Die Verlage fügen die Werbung im Print selbst in das Layout der Zeitung ein. Sie folgen dabei ihren eigenen Interessen und Qualitätsansprüchen. Gestaltung und Vermarktung sind getrennt.

4. Warum stört Werbung im Digitalprodukt erheblich beim Lesen? Im Web beziehen sie ihre Werbung von den Betreibern der Ad-Server. Diese folgen völlig anderen Interessen und Gesichtspunkten als die Verlage. Gestaltung und Vermarktung sind nicht getrennt, das Layout der digitalen Zeitung wird regelrecht zerstört.

5. Die Lösung ist: digitale Premiumwerbung. Sie wird von den Verlagen selbst verantwortet. Sie wird gestalterisch ins Layout eingepasst und sauber vom redaktionellen Teil abgegrenzt. Sie kommt ohne Animation, Audio, Scripte und Tracking. Sie lenkt nicht vom Lesen ab. Und das Beste: Man muss sie mit Ad-Blockern nicht herausfiltern. Weil sie die Nutzer nicht stört, nicht gefährdet und nicht ausspioniert.

6. Premiumwerbung kann und darf den Werbetreibenden niemals billig verkauft werden. Aber sie wird von den Leserinnen und Lesern eines hochwertigen Mediums auch nicht abgeblockt, sondern als notwendiger Bestandteil wahrgenommen. Damit entsteht ein Gewinn für alle Seiten: Der Verlag verkauft Anzeigen. Der Leser erhält ein ordentliches Produkt. Der Werbetreibende (und nur er!) kennt die Anzahl der abgerufenen Werbebotschaften.



Kollegiale Wertschätzung

7. Mai 2013

Gestern wurde ich via twitter auf einen Artikel bei Stefan Niggemeier aufmerksam. Jemand hatte ihm eine Notiz aus den »Dresdner Neuesten Nachrichten« zugespielt. Mit kunstvoll eingearbeitetem Schreibfehler lautete sie:

Stefan Niggemeier, der sehr überschätzter Web-Blogger, verlässt nach dem Wechsel in der Chefredaktion den Spiegel.

Was für eine Unsitte: Meinung und Meldung werden hier sogar in einem Satz vermischt. Die Meinung des Verfassers oder der Verfasserin hat aber in den Kurzmeldungen auf einer Kulturseite überhaupt nichts zu suchen. Diese Meldungen sollen informieren und nicht polarisieren.


Der Flurfunk twitterte:

Ulrich van Stipriaan ‏kommentierte:

Ein shit-störmchen weht auf!


Man muss daraus keinen Shitstorm machen. Wer solche Meldungen in die Welt setzt, liest vermutlich keine Zeitung. Stefan Niggemeier hat jahrelang für die F.A.S. geschrieben und schreibt als bekannter Medienjournalist auch für andere Printmedien.

Wer Stefan Niggemeier auf die Rolle eines »überschätzten Web-Bloggers« reduziert, könnte den Chefredakteur der »Dresdner Neuesten Nachrichten« im gleichen Atemzug als Gelegenheits-Twitterer einstufen. Beides wird den Leistungen der Genannten überhaupt nicht gerecht.

Die Chefredaktion der DNN könnte allerdings die Gelegenheit nutzen, ihre Position via Twitter oder Facebook zu erläutern. Die »überschätzten Web-Blogger« sind gespannt ;-)



NSU-Prozess: Informationen und Kommentare aus der Schweiz

7. Mai 2013

Auch die Schweizer Medien berichten über den NSU-Prozess. Eine Schweizer Zeitung ist beim Prozess dabei und nimmt ihren Auftrag offenbar sehr ernst: Die Neue Zürcher Zeitung. In einem Kommentar erinnert uns das Blatt an den Sinn und Zweck dieses Prozesses:

Zschäpe und ihre vier Komplizen müssen die volle Wucht des Gesetzes zu spüren bekommen. Anderseits steht ihnen aber auch der volle Schutz zu, den der Rechtsstaat Deutschland jedem Angeklagten garantiert, auch dem niederträchtigsten, auch dem, der diesen Staat beseitigen will. Das bedeutet, dass den Verteidigern, die behaupten, es sei in der Öffentlichkeit bereits zu krasser Vorverurteilung gekommen, Gehör zu schenken ist.

Es bedeutet weiter, dass das Publikum zu verstehen hat, dass ein Gericht kein Untersuchungsausschuss ist. Das Gericht muss nicht Missstände aufdecken und anprangern, sondern feststellen, ob die Angeklagten im Sinne der Anklage schuldig sind. Und es bedeutet, dass Zschäpe das Recht hat zu schweigen.

Auch die Berichte über den Prozess sind wohltuend ruhig und abgeklärt. Ich habe mir die Adresse der NZZ gespeichert.



»Sächsische Zeitung«: Wie sich die Berichte doch unterscheiden …

6. Mai 2013

Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« sachlich über die Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Berlin berichtet. Der Bericht war an der Sache orientiert. Die Leser haben die wichtigsten Fakten erfahren, der Kommentar war vom Bericht getrennt – nach journalistischen Gesichtspunkten war die Berichterstattung in Ordnung.


Aber so viel journalistische Fairness wird nicht allen Parteien zuteil. Heute findet man in der »Sächsischen Zeitung« einen Artikel über den gestern zu Ende gegangenen FDP-Parteitag. Dieser Artikel ist eine Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Er steht unter dem Titel

Liberale Wut-Bürger gegen Rot-Grün

Wenn man in der Zeitung einen solchen Titel liest, kann man den Rest des Artikels eigentlich schon in die Tonne treten. Man darf vermuten: Redaktion und Autoren wollen nicht berichten, sondern Stimmung machen. Eine Kostprobe (der erste Absatz des Artikels):

Minutenlang hält Rainer Brüderle sportlich beide Daumen hoch. Der Rest der FDP-Führungsriege springt auf, umringt den bald 68-Jährigen. Sie klopfen ihrem Spitzenmann, der gerade seine Evergreens zum Besten gegeben hat, auf die Schulter. Brüderle aber kann gar keine Hände schütteln, weil ja die Daumen oben bleiben müssen. Schließlich wird er mit dieser Plakat-Pose bundesweit an die Litfaßsäulen geschlagen. So soll wohl auch der Letzte die Botschaft des Nürnberger Parteitags verstehen: Es geht aufwärts mit der FDP.

Gemessen an den Anforderungen an den Politikteil einer Zeitung ist das so mieser Journalismus, dass man schon auf Seite 2 bereut, die »Sächsische Zeitung« doch wieder gekauft zu haben. Solche Absätze könnte man nahtlos in die BILD einfügen.


Im Vergleich mit der sachlichen Berichterstattung von der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« ein Stück respektablen Journalismus abgedruckt. Heute hat sie das leider nicht geschafft.

Dieses Stück Stimmungsmache kommt allerdings offenbar gar nicht von der »Sächsischen Zeitung«, sondern sie wurde von der Redaktion nur aus einer Agenturmeldung kopiert.

Als ich wissen wollte, wie andere Zeitungen über den Parteitag berichten, bin ich auf den zitierten Absatz auch im Kölner Stadtanzeiger gestoßen. Auch dort ist als Quelle die dpa angegeben. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie den ganzen KSta-Artikel mit dem Artikel in der »Sächsischen Zeitung« vergleichen.

Der FDP-Parteitag fand in seriösen Zeitungen breite Beachtung. Die ZEIT hat am Wochenende sehr informativ getwittert und berichtet. Man konnte alle wichtigen Reden im Stream oder im Fernsehen verfolgen.

Und was fällt der »Sächsischen Zeitung« ein? Sie setzt keinen Journalisten vor den Fernseher oder vor den Monitor, um einen eigenständigen Bericht zu erstellen und – davon abgegrenzt – einen Kommentar zu schreiben. Sie übernimmt eine Agenturmeldung mit einer Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Aber das hatten wir ja schon.


Am Ende dieses Artikels muss ich quasi als Nachtrag noch die BILD um Entschuldigung bitten: Die BILD-Berichterstattung ist in Teilen sogar informativer als die Berichterstattung in der »Sächsischen Zeitung«.



Der Richter als Hooligan?

5. Mai 2013

In der heutigen Ausgabe der F.A.S. ist ein Text erschienen, der mich als langjährigen Leser sehr befremdet.

Der Text ist mit einer Zeichnung illustriert, die den vorsitzenden Richter im NSU-Prozess offenbar im Stil eines Hooligans darstellen soll. Die Figur auf dem Bild hält den Richterhammer in der Art eines Baseballschlägers und scheint dem Betrachter damit zu drohen.

Im Text werden unter anderem Begebenheiten aus früheren Prozessen aus dem Zusammenhang gerissen und Nebensächlichkeiten in den Mittelpunkt gestellt, um den Richter und das Gericht zu desauvoieren. Der Autor macht sich darüber hinaus über einige Medien lustig, die bei der Verlosung der Plätze gewonnen haben.

Das alles wird dem Prozess um die Verbrechen der rechtsextremen Terrorgruppe nicht gerecht. Ein Text über die Hintergründe der Verbrechen, über die V-Leute in rechtsradikalen Organisationen oder über die bisher bekanntgewordenen Ermittlungsergebnisse hätte der F.A.S. zur Ehre gereicht. Was man stattdessen abgedruckt hat, ist kein Ruhmesblatt für die Zeitung – um es sehr zurückhaltend zu formulieren.


[Ergänzung:] Der F.A.S.-Autor bekommt es jetzt auch noch mit dem Chefredakteur der »Thüringer Allgemeinen« zu tun: Ein Rant, der sich gewaschen hat.



Der Manipulationsapparat für Steuererhöhungen läuft gerade auf Hochtouren

5. Mai 2013

Der Titel dieses Artikels ist die Umkehrung des Titels über einem Artikel der links-populistischen Nachdenkseiten. Die Überschrift lautet dort:

Der Manipulationsapparat gegen Steuererhöhungen läuft mal wieder auf Hochtouren

Offensichtlich gibt es in dieser Sache zwei Wahrnehmungen: Der Autor der Nachdenkseiten sieht finstere neoliberale Kräfte am Werk, die alles unternehmen, um das Volk gegen grüne und linke Steuererhöhungspläne einzustimmen.

Der Autor dieses kleinen Blogs nimmt gleichzeitig ganz andere Meinungsmacher wahr: Sie verharmlosen und verschleiern erstens den Umfang der Mehrbelastungen und zweitens den Kreis der Betroffenen.

In solche Fällen hilft ein Faktencheck.


Das entscheidende Argument der Grünen und Linken lautet: Unter Helmut Kohl lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent. Also kann es ja wohl nicht falsch sein, wenn wir die Steuern erhöhen wollen und sogar noch unter den Steuersätzen von damals bleiben. Und die geplanten Vermögensabgaben sind ja nun wirklich keine Einkommenssteuer.

Dabei wird aber geschickt ausgeblendet, dass die Bürger eben nicht nur Einkommenssteuer zahlen.

Seit der Regierungszeit Helmut Kohls wurden neue Steuern und Abgaben geschaffen. Die Mehrwertsteuer und die Steuern auf den Energieverbrauch belasten die Bürger heute deutlich stärker als damals. Die Beiträge zur Krankenversicherung sowie die Bemessungsgrenzen der Sozialversicherungen sind ebenfalls (teils deutlich) gestiegen.

Wenn die Grünen und Linken also mit Verweis auf die Regierungszeit Helmut Kohls eine deutliche Erhöhung der Steuersätze fordern, dann unterschlagen sie eine deutliche Mehrbelastung der Bürger durch Steuererhöhungen, Abgaben, Zwangsumlagen und Sozialbeiträge.

Die Beschäftigten können insgesamt über immer weniger Geld frei verfügen. Sie müssen – explizit oder implizit – immer mehr Geld an den Staat abführen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer diese Mehrbelastungen unterschlägt, betreibt Manipulation. Ich sage: Man sollte doch wenigstens die Gesamtbelastung der Bürger transparent darstellen, bevor man für eine Erhöhung von Abgaben und Steuern eintritt. Die Steuersenkung nach der Regierungszeit Helmut Kohls ist durch die seither wirksamen Mehrbelastungen längst mehr als kompensiert.

Dieser Artikel hat kein Fazit. Er ist eine wirkliche »Nachdenkseite« – also eine Aufforderung zum Nachdenken: Ist es nach den Mehrbelastungen der letzten 15 Jahre angemessen, die Steuern und Abgaben der Mittelschicht zu erhöhen? Womit ist dem Land mehr gedient – mit kurzfristig höheren Einnahmen oder mit langfristig motivierten Leistungsträgern?



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