Von der verantwortungsbewussten Anonymität

17. August 2015

In dem folgenden Artikel geht es um das Prinzip der verantwortungsbewussten Anonymität. Ich sehe Anonymität als ein Grundrecht, mit dem verantwortungsbewusst umzugehen ist. Es ist ein Text, den ich schon lange schreiben wollte. Ich bin dankbar für Hinweise und werde den Text sicher noch ergänzen.


1 Von der Technik lernen

In der Kommunikationstechnik gibt es das Robustheitsprinzip. Es lautet in Englisch: »Be conservative in what you send and liberal in what you accept from others.«

Dieses Prinzip liegt der verantwortungsbewussten Anonymität zugrunde. In meinen Worten: Kontrolliere, was du sendest und wie du es sendest. Sei so tolerant wie möglich, wenn du Informationen empfängst.


2 Etwas Spieltheorie

In der Spieltheorie gibt es das Prinzip »Tit for Tat«: Man beginnt einen Dialog immer kooperativ und reagiert in den nächsten Runden exakt so, wie das Gegenüber bei seinem letzten Zug agiert hat: entweder kooperativ oder unkooperativ.

Eine etwas nachsichtigere Variante ist das »Tit for two Tats«: Man toleriert unkooperatives Verhalten einmal mehr, weil es z. B. auf Wahrnehmungsfehlern oder Missverständnissen beruhen könnte. Danach muss man aber konsequent bleiben.

Wenn beide Seiten Gefahr laufen, in eine Endlosschleife zu geraten, muss man das Spiel natürlich abbrechen. Die Anzahl der Züge ist nur in den Experimenten der Spieltheorie begrenzt – auf Twitter leider nicht …

So viel zur Theorie. Nun zur Praxis.


3 Das Senden

Wer sich im Netz über Gesellschaft und Politik austauscht, trägt notwendigerweise Konflikte aus: Es geht nicht ohne Widerspruch, Kritik und Richtigstellung. Es gibt Missverständnisse und Pausen in der Kommunikation. Man kann also nicht wie im klassischen »tit for tat« immer »nett« eröffnen.

Trotzdem: Kontrolliere, was du sendest und wie du es sendest. Wer verantwortungsbewusst anonym sendet, darf kein Recht verletzen. Beispiele sind: die Persönlichkeitsrechte, das Datenschutzrecht und das Urheberrecht. Bleibe im Rahmen der Legalität.

Darüber hinaus muss ich abwägen, was legitim ist: Wie stark darf ich mich in Diskussionen verwickeln? Wie viel Kooperation, wie viel Konfrontation ist sinnvoll?


4 Das Empfangen

Wer sich Netz über Gesellschaft und Politik austauscht, wird notwendigerweise auch Widerspruch, Kritik und Richtigstellung empfangen. Darüber hinaus wird es Akteure geben, die sich nicht um Legalität und Legitimität scheren: Trolle, Ideologen, radikale Aktivisten.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Verantwortungsbewusste Anonymität beinhaltet aber trotz aller Meinungsfreiheit, dass man im Netz im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen Rechtsbruch, Hass und extremistische Ideologien jeder Art eintritt.


5 Die Begründung

Mit dem Robustheitsprinzip und mit »Tit for Tat« gibt es zwei einfache Regeln der anonymen Kommunikation. Man muss verantwortungsbewusste Anonymität nicht begründen. Man muss sie leben und weiterentwickeln.


6 Die Links

https://de.wikipedia.org/wiki/Robustheitsgrundsatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Tit_for_Tat



Der Tagesspiegel scheitert an der Frage: »Woher kommt der Hass im Netz?«

16. August 2015

Auf Twitter wurde heute über den Artikel des Tagesspiegel »Woher kommt der Hass im Netz?« diskutiert. Ein Journalist empfahl den Kauf der Zeitung mit den Worten

Schon für diese Doppelseite lohnt sich der Kauf des @tagesspiegel am Sonntag.

Ich befasse mich seit mehr als 10 Jahren mit diesem Thema. Ich habe den Artikel aufmerksam gelesen und ich habe einige Anmerkungen dazu zu machen …


Beim Lesen des ersten Teils wurde mir wieder einmal klar, wie klein der deutschsprachige Bereich der sozialen Medien ist. Deutschland ist nach dem Artikel des Tagesspiegel eines von an die hundert Ländern, das die Facebook-Moderatoren von Dublin aus »bearbeiten«. Es müsste dort also Fachleute für Hass und verbale Gewalt in dutzenden Sprachen geben.

Facebook gibt an, dass im zweiten Halbjahr 2014 insgesamt 60 rechtsextreme Inhalte »eingeschränkt« worden seien. Wir wissen aber nicht, wie viele Hinweise es insgesamt gegeben hat und wie sich die 60 »Inhalte« auf ihre Urheber verteilen. Darüber hinaus fehlt die Anzahl der Fälle islamistischer Propaganda, linksextremistischer Ideologie oder des Stalkings gegen Privatpersonen.

Die 2.100 Anfragen der deutschen Strafverfolger stehen im Artikel neben der Zahl 60, werden aber nicht damit in Verbindung gebracht. Das ist die erste große Schwäche des Artikels: Viele Zahlen und Fakten stehen beziehungslos nebeneinander.

Es ist ja zu begrüßen, dass Facebook um Stellungnahmen gebeten wurde und dass wir sie in dem Artikel lesen können. Guter Journalismus sollte aber die beschriebenen Phänomene in Zusammenhänge einordnen – genau dann ist er sein Geld wert.


Eine höhere Transparenz der sozialen Medien ist in der Tat dringend erforderlich. Gerade das Unternehmen Facebook kann und sollte unabhängigen Forschern die Möglichkeit geben, die unterschiedlichen Arten asozialen Verhaltens qualitativ und quantitativ zu untersuchen.

Im Zuge einer solchen Transparenz-Offensive sollten sich IT-Sicherheitsfachleute bei der Ermittlung der Quellen des Hasses möglicherweise auch mit dem Phänomen der False-Flag-Operationen auseinandersetzen. Ein Leitmotto der Untersuchung könnte sein: »Cui bono?« – »Wem ist es zum Vorteil?«.

Psychologen könnten in der oben angeregten Untersuchung wissenschaftlich erforschen, mit welchen Mechanismen sich der Hass im Netz verbreitet und wie stark die Maxime »Der Zweck heiligt die Mittel« wirkt.

Denn immer lauter wird von den sogenannten SJW (Social Justice Warriors) und ihren Alliierten ein Doppelstandard eingefordert: Die selbsternannten Aktivisten »dürfen« im Sinne der guten Sache beleidigen und Hass verbreiten. Alle anderen dürfen sich nicht dagegen wehren.


Das Thema Doppelstandard ist eine gute Überleitung zur Aktivistin Julia Schramm, die ironischerweise in Sachen »hate speech« für die Amadeo-Antonio-Stifung arbeitet, obwohl sie u. a. Anfang 2014 selbst mit hasserfüllten Tweets aufgefallen ist. Frau Schramms Aussagen und Meinungen dominieren den zweiten Teil des Artikels – und dieser ist noch einmal deutlich schwächer als der erste.

Sei es in #Bombergate oder in den internen Auseinandersetzungen der Piratenpartei: Ihre verbalen Ausfälle sind fast schon legendär. Andere Mitglieder der Piratenpartei haben die Ausfälle mit Screenshots dokumentiert und sie wurden auch in der Presse erwähnt: etwa im Berliner Kurier, in Telepolis und in der taz.

Kurze Rückblende: Bei #Bombergate ging es darum, dass Julia Schramm je nach Lesart die Dresdner Bombenopfer vom 13. Februar 1945 als »Kartoffelbrei« verhöhnt oder im traditionell antideutschen Kontext »Bomber-Harris! Do it again!« den Dresdnern ein neues Bombardement auf den Hals gewünscht hat. Frau Schramm schrieb damals u. a.: »Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei!« Auf welche Weise man den Satz auch interpretiert: Es ist Hassverbreitung.

Wer sich Frau Schramms Tweets aus der Zeit von Januar bis März 2014 genauer anschauen will, wird bei Tweetshots fündig. Wichtig für die Suche: Die damalige Berliner Piraten-Politikerin nannte sich auf Twitter in dieser Zeit noch »@laprintemps«.

Julia Schramms zynische Aussagen vom 13. Januar 2014 über das Töten von Babys im Mutterleib bis zum Tag der Geburt kann man als »hate speech« gegen die denkbar schwächsten Menschen interpretieren: Ein noch ungeborenes Kind am Tage der Geburt ist zweifellos ein Mensch und selbst wenn die Mutter das Kind nicht haben will, könnte sie es problemlos zur Adoption freigeben.


Zweifellos gibt es die Phänomene des Rechtsextremismus im Netz, die im ersten und zweiten Teil des Artikels angesprochen werden. Es gibt bei #Pegida unglaubliche Entgleisungen und man findet Beispiele für Menschenfeindlichkeit, die man nie für möglich gehalten hätte. Es gibt auch unglaubliche Beispiele des Stalkings gegen Einzelpersonen bis hin zu Morddrohungen und Gewaltphantasien.

Zweifellos ist eine Aufklärung über den Hass im Netz gerade in einer großen Tageszeitung notwendig. An dieser Aufgabe scheitern die Autorinnen aber doppelt. Die zweite große Schwäche des Artikels besteht darin, dass keine unabhängigen Expertinnen und Experten zu Wort kommen: Wissenschaftler, die sich mit den genannten Phänomenen wirklich auskennen und die neben der notwendigen Objektivität auch die notwendige persönliche Integrität mitbringen. Aktivismus kann eine objektive Betrachtung nicht ersetzen und er hat in einem seriösen Zeitungsartikel nichts zu suchen.

Die dritte – entscheidende – Schwäche des Artikels ist seine Unvollständigkeit: Es gibt neben der Nazi-Ideologie weitere gefährliche Ideologien, die in dem doch recht langen Text über »Hass im Netz« überhaupt nicht genannt werden. Stalinisten höhnen über Maueropfer, Religionshasser freuen sich an brennenden Kirchen, religiöse Extremisten wünschen allen Ungläubigen den Tod …

Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Ideologien hetzen genauso schlimm wie die Neonazis, sie hassen ihre »Gegner« ebenso stark, sie verzerren die Realität ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit, und sie sind wie die Rechtsextremen erbitterte Gegner des demokratischen Rechtsstaats.

Was diese anderen Hassverbreiter im Netz tun, welche Arten des Hasses sie verbreiten und wie sich der Hass rivalisierender Gruppen gegenseitig aufschaukelt – all das wird in dem Artikel verschwiegen. Mein abschließendes Urteil als passionierter Zeitungsleser: Für diesen Text würde ich mir die Zeitung ganz gewiss nicht kaufen …



Eine Kurzeinschätzung zu der aktuellen Studie des IWH

10. August 2015

Mein Ausgangspunkt: Die Griechenland-Krise kann und darf nicht isoliert von der gesamten Banken- und Eurokrise betrachtet werden. Es waren auch andere Länder in tiefen Schuldenkrisen und es gab einen massiven Vertrauensverlust in bestimmte Bereiche des Bankensektors.

Auch die Auswirkungen der Zentralbankpolitik der USA und der US-Bankenkrise bekamen wir in Europa in vielfacher Hinsicht zu spüren. Deutschland wurde mit seinen Staatsanleihen spätestens seit Ende 2008 oder Anfang 2009 zum »sicheren Hafen« für Investoren aus der ganzen Welt.


Die IWH-Forscher behaupten in ihrer Einleitung: Schlechte Nachrichten für Griechenland seien immer gute Nachrichten für Deutschland gewesen. Die Zinsen seien für Deutschland gesunken, wenn es Meldungen gegeben habe, die die Investoren an Griechenland zweifeln ließen. Daraus habe Deutschland einen großen Zinsvorteil erzielt.

In der Beziehung Griechenland – Deutschland ist aber zunächst nur eine Korrelation von sehr vielen dargestellt. Es gab in derselben Zeit eine Menge andere Meldungen und Statistiken, die Einfluss auf das Niveau der deutschen Zinsen hatten: die (welt)wirtschaftliche Entwicklung, die Entscheidungen der EZB über die Geldmenge und über Anleihenkäufe, die sehr intensiven Diskussionen über die Kreditwürdigkeit anderer Länder.

Mir erscheint die Idee vermessen, dass von all diesen Faktoren nur der Faktor »Griechenland« gewirkt haben soll. Die IWH-Forscher bauen aber darauf im Wesentlichen ihre Simulation auf:

In this naïve approach, any difference between observed and “normal” bond yields between 2010 and mid 2015 can therefore be attributed to the European debt crisis (which from 2010 onwards was mostly driven by events in Greece). That is, the Greek crisis created circumstances in which Germany was not only present as a safe haven, but actively sought as such by fleeing investors.

Dem hervorgehobenen Satzteil widerspreche ich vehement. Tatsache ist: Die europäische Finanzkrise wurde nicht nur durch das kleine Griechenland ausgelöst und dominiert. Spanien und Portugal, Irland, Italien und Frankreich sind ebenfalls am Entstehen der Krise beteiligt gewesen.

Erinnern wir uns: Zeitweise bangte die ganze Euro-Zone ob Italien stabil bleiben würde – und Italien ist eine ungleich größere Volkswirtschaft als Griechenland. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die Entscheidungen der Investoren und auf die Nachfrage nach deutschen Anleihen.


Wenn schon die Kernannahme der Studie aus Abschnitt 3.1 auf so zweifelhafter Basis steht, sind m. E. die Simulationen mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Am Ende der Studie fassen die IWH-Forscher aus meiner Sicht Äpfel und Birnen zusammen: Auf der einen Seite die unzweifelhaft vorhandenen Zinsvorteile Deutschlands beim Aufnehmen von Staatsschulden, die aber durch sehe viele Faktoren beeinflusst wurden. Auf der anderen Seite die Schulden Griechenlands gegenüber Deutschland.

Using this conservative approach, we find savings in the ballpark of 100 billion Euros, irrespective on how we specify the counterfactual. This should be viewed as a lower bound of the benefits accruing to the German government from the debt crisis. These gains are larger than the total Greek debt owed to Germany, (estimated by most accounts at 90 billion Euros, including exposure from a still to be negotiated program). That is, even in event that Greece defaulted on all its debt, the German central government alone would have benefited from the Greek crisis.

Um diesen Schluss zu bezweifeln, muss ich kein Wirtschaftswissenschaftler sein. Das kann rein ingenieurmäßig nicht zusammenpassen, weil es einfach zwei unterschiedliche Bezugssysteme sind. Zu den Simulationen als solchen möchte ich nichts sagen, da sie mir vor diesem Hintergrund wie Zahlenspiele im Elfenbeinturm erscheinen.


Links im Nachhinein:

Der SPIEGEL geht kritisch mit den Ergebnissen der Studie um und Egghat befasst sich mit den Auswirkungen für die gesamte Volkswirtschaft.

Ich möchte den letztgenannten Artikel v. a. deshalb empfehlen, weil er einen größeren Rahmen aufspannt als die meisten Medien, die die Studie kommentieren. Die EZB-Politik seit 2008, die natürlich den Rahmen für die Zinsen in der ganzen Euro-Zone setzt, kommt bei mir nur am Rande vor, ich hatte eher an den Markt für Anleger in Staatsanleihen gedacht. Die Rahmenbedingungen für die Realwirtschaft im »Norden« und »Süden« Europas hatte ich gar nicht bedacht.

Noch etwas weiter gedacht: Man sollte bei allen Investments in Staatsanleihen auch an die Lebensversicherung und alle anderen Versicherungen denken, die Rücklagen bilden müssen. Natürlich konnten diese Anleger ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in Griechenland investieren und wurden geradezu nach Deutschland, Österreich & Co. getrieben …



Zwei Karten und eine große Fehlinterpretation

10. August 2015

Bei Twitter ist gerade dieser Tweet mit zwei Kartenausschnitten in den Trends. Der Tweet soll zeigen, dass Deutschlands Rüstungsexporte 2014 zu den Flüchtlingsströmen 2015 geführt haben sollen.

Erster Kritikpunkt: Es gibt für beide Karten keine Quelle. Es ist ja wohl das Mindeste, dass man seine Angaben belegt. Zweiter Kritikpunkt: Es gibt keine Zahlen zur Dimension der Flüchtlingsströme und zur Dimension der Waffenexporte.


Viele Kriegsflüchtlinge kommen aus dem Irak und aus Syrien. Sie werden ganz sicher nicht mit deutschen Waffen vertrieben. Die Assad-Diktatur hat 2014 keine Rüstungsexporte aus Deutschland bekommen und der »Islamische Staat« auch nicht. Die Kurden wurden mit Verteidigungswaffen gestützt, als sie die Yesiden und die Stadt Kobane verteidigt haben. Der irakische Staat hat Rüstungsgüter bekommen, um den IS zu bekämpfen.

Im Fall Algerien wurde 2014 offiziell die Ausfuhr einer Radpanzerfabrik genehmigt [Quelle: Rüstungsexportbericht der Bundesregierung, Bericht: Merkur]. Aufgrund dieser Genehmigung war das Volumen des Rüstungsexports nach Algerien 2014 relativ hoch. Die Fabrik kann aber noch gar nicht fertig sein und sie kann noch keine Radpanzer produziert haben. Außerdem steht in der oberen Karte »algerische Route« und nicht »Flüchtlinge aus Algerien«.

Über einen legalen Waffenexport in den Sudan oder Südsudan konnte ich auch auf rüstungskritischen Seiten (wie hier bei Amnesty International) nichts finden. Illegal mögen Waffen auf nicht kontrollierbaren Wegen dorthin gelangt sein – das hat aber mit dem deutschem Rüstungsexport des Jahres 2014 nichts zu tun.

Ägypten bekam in der Vergangenheit (vor 2014) Waffen und Waffenteile, es wurden von deutschen Unternehmen auch Lizenzen zur Produktion von Waffen vergeben. Aufgrund der zeitweisen Instabilität des Landes gab es 2014 gar keine Rüstungsexporte, sondern nur Genehmigungen [Quelle: Interaktive Karte des SPIEGEL.]. Genehmigungen führen nicht zu Flucht und Vertreibung.

Zu Israel: Waffenexporte (vor allem von U-Booten) nach Israel sollen die Existenz des Landes und das Leben der israelischen Bürger sichern. Das gehört zu den Grundsätzen unserer Außenpolitik. Die U-Boote dienen der Abschreckung, sie wurden noch nie aktiv in einem Krieg eingesetzt.

Saudi-Arabien und der Jemen bekämpfen Terroristen. Der Kampf gegen den Terror führt auch zu Flucht und Vertreibung. Aber ob Saudi-Arabien deutsche Waffen für die Luftangriffe gegen die islamistischen Terroristen im Jemen einsetzt, ist nicht belegt. Bodentruppen sind nicht im Einsatz. Der Jemen bekam laut diesem SPIEGEL-Artikel nur 0.01 Millionen Euro Rüstungsgüter.


Fazit: Die beiden Karten taugen nicht als Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen den deutschen Rüstungsexporten des Jahres 2014 und den Fluchtbewegungen des Jahres 2015. Sie sind ein Beispiel für schlechten Journalismus.



Narrative und Statistiken

30. Juli 2015

In Lobbyarbeit und PR werden oft plakative Zahlen verwendet. Diese Zahlen werden mit Informationsgrafiken oder Diagrammen visualisiert. Obwohl die Zahlen oft nicht stimmen oder falsch interpretiert sind, erzielen die Grafiken doch ihre Wirkung.

Wie kann man sich als vernünftiger Mensch dagegen immunisieren?

  1. Nach den Interessen fragen.
  2. Nach den Quellen fragen.
  3. Der Aussage methodisch auf den Grund gehen.

Frauen re-investieren im Vergleich mit Männern mehr als doppelt so viel in ihre Familien. Diese Behauptung hört man immer wieder. Beispiel:

#Women reinvest 90% of their income back into their families, men only 30%-40%. Imagine what #equalpay could do.
[Quelle]


1. Das Interesse

Hinter dem Tweet steckt eine Organisation, die den Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern kritisiert. Sie will mit den Zahlen das Argument untermauern: Frauen gehen besser und nachhaltiger mit Geld um. Lässt sich nachweisen, ob das Argument stimmt?


2. Die Quelle

Das Problem: Es gibt für diese Behauptung keine Quelle. Welchen Anteil ihres Einkommens Frauen in Investitionen in die eigene Familie stecken (90% oder 80%), ließ sich zunächst bis zu diesem Artikel zurückverfolgen.

Es wird dort eine mündlich überlieferte Zahl genannt, die Jackie VanderBrug von der Organisation U.S.-Trust zugeschrieben wird. Es ließ sich aber keine Statistik oder Studie nachweisen, in der diese Zahl hergeleitet wurde.

Ich habe dann nach der Urheberin des Zitats gesucht. Sie hat ihre Behauptung in diesem Artikel mit einem Link zu belegen versucht.

Reinvestment: In emerging markets, women reinvest a staggering 90 cents of every additional dollar of income in “human resources” — their families’ education, health, nutrition (compared, by the way, to 30-40% for men. Think of women’s increased income and assets as a gender dividend driving family, community and country wellbeing.

Interessant: Hier geht es nur noch um zusätzlich verdiente Dollars. Im Original-Tweet ging es um das gesamte Einkommen. Außerdem geht es um »emerging markets«, also nicht um Frauen in den Industriestaaten wie Deutschland, Großbritannien oder USA.

Die verlinkte Seite der US-Regierung ist nicht mehr erreichbar. Nur unter archive.org konnte ich die Seite finden. Die US-Regierung verwies damals auf Dokumente der Weltbank:

The World Bank published a series of major studies, including “Engendering Development”, and “Gender Equality as Smart Economics”, highlighting gender equality as a critical foundation for development investment. Their reports note that investments in women and girls strengthen countries’ ability to grow, reduce poverty, and govern effectively. They show that women and girls reinvest an average of 90 percent of their income in their families, compared to a 30 to 40 percent reinvestment rate for men.

Anhand der Titel der Weltbank-Dokumente habe ich weiter recherchiert. Das erste Dokument ist 13 Jahre alt und hat fast 400 Seiten. Ich habe darin u. a. nach den Schlüsselwörtern »invest«, »family« und »families« gesucht, um nach den Quellen für die Zahlen zu suchen. Kein Ergebnis.

Das zweite Dokument ist neun Jahre alt, hat nur 29 Seiten und enthält überhaupt keine Informationen über Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim (Re)-Investieren. Weitere Quellen sind nicht auffindbar. Kennt jemand zitierfähige Studien zu diesem Thema?


3. Die Methodik

Die US-Regierung und die Equal-Pay-Bewegung behaupten, dass Frauen (in aufstrebenden Entwicklungsländern) 80 bis 90 % des eingenommenen Geldes in ihre Familien investieren, Männer dagegen nur 40 %. Diese beiden Kennzahlen sind erstens eine unzulässige Generalisierung und sie lassen sich zweitens mit sauberen Methoden der Statistik überhaupt nicht herleiten.

Eine unzulässige Generalisierung liegt vor, weil man die Entwicklungsländer nicht gleichsetzen kann. In den Entwicklungsländern gibt es so unterschiedliche Kulturen, Rechtssysteme und Wirtschaftssysteme, dass deren weibliche Gesamtbevölkerung keine sinnvoll abgegrenzte Grundgesamtheit bildet. Also sind auch zusammenfassende Aussagen wie »Frauen investieren 90 % ihrer Einkünfte in …« nicht zulässig.

Sinnvoll abgegrenzt wäre z. B. die Menge aller Frauen in Namibia oder die Menge aller Frauen in Bangladesh, aber nicht die Menge aller Frauen in diesen beiden und noch Dutzenden anderen Staaten. Um saubere statistische Methoden anwenden zu können, braucht man eine sinnvoll abgegrenzte Grundgesamtheit, man muss die Verteilung der Einkommen beachten und vieles andere mehr …


Fazit: Lobby-Organisationen, die sich für den »equal pay day« einsetzen, berücksichtigen bewusst nicht, dass es unterschiedliche Arbeitszeiten, Arbeitsrisiken, Qualifikationen und Leistungen gibt. Dem »equal pay day« fehlt somit jede sinnvolle statistische Grundlage. Weil das inzwischen vielen informierten Leserinnen und Lesern bekannt ist, versuchen sie es mit Hilfsargumenten, denen offenbar ebenfalls die Grundlage fehlt. Kurz gesagt: Was da verbreitet wird, ist ein Narrativ – aber keine Statistik.



Knittelverse für die gute Sache?

30. April 2015

Wenn sich kleine Kinder früher weh getan haben, dann haben die Eltern und Großeltern sie mit Versen getröstet:

Heile, heile Segen,
morgen gibt es Regen,
übermorgen Schnee,
dann tut auch nichts mehr weh.


Seit Beginn dieser Woche werden in Dresden ähnliche Verse an Erwachsene adressiert. Die Absender sagen:

Diese Kampagne richtet sich an die Dresdner. Wir wollen intelligent und humorvoll an Gemeinsames erinnern und den Menschen bewusst machen, was sie alles verbindet – sowohl untereinander als auch mit Hinzugezogenen.

Faustregel Nr. 1: Wenn jemand seine eigene Kampagne gleich im ersten Satz als »intelligent und humorvoll« deklariert, dann fehlt es ihr mit Sicherheit an zwei Dingen – nämlich an Intelligenz und Humor.


Nach außen zeigt die Kampagne: Dresden macht alles etwas anders: Wir bagatellisieren nicht – aber wir belehren auch nicht.

Faustregel Nr. 2: Wenn jemand über seine eigene Kampagne behaupten muss, dass sie nicht bagatellisieren und nicht belehren will, dann wird er etwas bagatellisieren und dann wird er dich von oben herab belehren.

Wenn jemand dann auch noch verschweigt, was er nicht bagatellisieren will, dann steht ein Elefant im Raum, über den alle hinwegsehen sollen.


Wir wollen, dass die Dresdner schmunzeln – und sich dabei der einmaligen Errungenschaften und der besonderen Atmosphäre im täglichen Leben dieser Stadt bewusst werden.

Faustregel Nr. 3: Schmunzeln geht nicht auf Kommando. Erwachsene Menschen wollen als Erwachsene angesprochen werden. Das funktioniert nicht mit Reimchen und Bildchen, die Schüler heute spätestens ab der vierten Klasse trivial finden.


Gegen die Botschaft »Die Welt bereichert Dresden« ist nicht das Geringste einzuwenden. Das ist gleichzeitig auch das größte Problem solcher Kampagnen: Für Selbstverständlichkeiten kann und muss nicht geworben werden.

Bisher wurden in der Kampagne unter anderem erwähnt: die Wissenschaftlerin und der Gemüsehändler, der Architekt Libeskind und der Maler Canaletto, viele Touristinnen und Touristen …

»Frau Xi, die war schon dreimal hier
Für Canaletto, Libeskind und Bier.
«

Es geht auch um Kochrezepte, interkulturelle Verliebtheit und gute Begegnungen zwischen Dresdnern und Auswärtigen. Da haben zum Beispiel zwei junge Männer zusammengefunden. Schlechter Reim für eine schöne Sache:

»Benno backt für Raul Tortilla.
Um seine Hand anhalten will er.
«


Das alles ist in einer Welt des freien Austauschs und des freien Handels selbstverständlich. Übrigens gilt auch die Umkehrung: Dresden bereichert die Welt.

Aber da war doch noch der Elefant?

Doch Dresden hat in letzter Zeit eine untypische Seite von sich gezeigt. Dresdner gehen aus diffusen Ängsten vor dem „Fremden“ auf die Straße. Das Fremde, was diese Stadt erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Hält man uns als erwachsene Dresdner wirklich für so naiv, dass wir auf solche billigen rhetorischen Tricks hereinfallen und alle Probleme auf einen Schlag vergessen? Dann hätte ich einen Vorschlag für das nächste Plakatmotiv:

Puste, puste, so ein Schreck,
schon ist alles weg.


Am Ende des Kampagnentextes kommt die sozialpädagogische Botschaft:

Wir wollen einen Reflektions- und Denkprozess in Gang setzen, der im besten Fall eine Aktivierung und Bewusstseinsbildung auslöst. Die Botschaft „Die Welt bereichert Dresden. Jeden Tag.“ soll anhand von alltäglichen Beispielen erlebbar und damit nachvollziehbar werden.

Danke für die Anregung. Ich habe reflektiert und nachgedacht. Ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen:

Diese Kampagne transportiert nicht nur furchtbar schlechte Reime und furchtbar naive Bilder. Sie transportiert vor allem die Botschaft: Wir halten Dich, den Dresdner, für so doof, dass du unsere Plakate erst mit deinem Geld bezahlen und dann auch noch anschauen und gefälligst gut finden sollst.


Mit dem Geld für diese Kampagne könnte man eine syrische Flüchtlingsfamilie in Dresden für mindestens ein Jahr versorgen. Und das macht mich so wütend: Dass all diese hoch bezahlten Politiker, Manager, Journalisten und PR-Leute nicht von der Wand bis zur Tapete denken konnten. Dass sie lieber Geld dafür ausgeben, die Dresdner zu verarschen, statt Notleidenden zu helfen …


Alle kursiv gesetzten Zitate aus der Selbstdarstellung der Initiative: »Die Welt bereichert Dresden. Jeden Tag.«



Ein offener Brief an Herrn Pantelouris

6. April 2015

Sehr geehrter Herr Pantelouris,

eben las ich Ihren aktuellen Beitrag. Gestatten Sie mir, einige Fakten zu Ursache und Wirkung in Erinnerung zu rufen:

1. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben Klientelpolitik auf Kosten Dritter betrieben. Sie haben das Land hoch verschuldet, um jeweils ihre Klientel zufriedenzustellen. Es wurde also viel mehr Geld ausgegeben als eingenommen.

2. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben es nicht im Ansatz geschafft, ein zeitgemäßes Steuersystem aufzubauen, in dem Transaktionen angemessen besteuert werden. Es fehlt also auch auf der Einnahmenseite.

3. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben massiv Statistiken gefälscht und verzerrt. Mit realistischen Zahlen wäre Griechenland niemals in die Euro-Zone aufgenommen worden.

4. Als die Probleme aus den Punkten 1 bis 3 in Griechenland fast zum Zusammenbruch führten, mussten die »Institutionen« einspringen – also in Wahrheit die Länder, die ihre Bürger besteuern und mit ihrem Geld besser haushalten.

5. Die Institutionen haben eine Umschuldung vorgenommen: Die Schulden Griechenlands bei privaten Geldgebern wurden weitgehend abgelöst. Für 80 % der griechischen Schulden stehen heute die Bürger der EU-Länder gerade, die ihre Bürger besteuern und mit ihrem Geld besser haushalten.

6. Ja, ich habe mich in 5. wiederholt! Weil wir als Bürger der Bundesrepublik, Frankreichs, Spaniens, der Niederlande und anderer Euro-Staaten für die jahrzehntelange Misswirtschaft und den jahrzehntelangen Betrug einstehen müssen.

7. Das hat mit Ihrem Kampfbegriff »neoliberal« überhaupt nichts zu tun. Auch wenn Sie von meinen Argumenten keines akzeptieren können, notieren Sie sich bitte wenigstens diesen Satz: Liberale sind immer gegen Korruption und Staatsverschuldung – weil in der Endkonsequenz die Menschen draufzahlen, die ehrlich gewirtschaftet und ihre Steuern bezahlt haben.

Mit freundlichen Grüßen
Ein Bürger der ehemaligen DDR,
die durch Misswirtschaft und Staatsverschuldung untergegangen ist.

.


Ergänzung: Bei Herrn Pantelouris kann über das Thema diskutiert werden.



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