Knittelverse für die gute Sache?

30. April 2015

Wenn sich kleine Kinder früher weh getan haben, dann haben die Eltern und Großeltern sie mit Versen getröstet:

Heile, heile Segen,
morgen gibt es Regen,
übermorgen Schnee,
dann tut auch nichts mehr weh.


Seit Beginn dieser Woche werden in Dresden ähnliche Verse an Erwachsene adressiert. Die Absender sagen:

Diese Kampagne richtet sich an die Dresdner. Wir wollen intelligent und humorvoll an Gemeinsames erinnern und den Menschen bewusst machen, was sie alles verbindet – sowohl untereinander als auch mit Hinzugezogenen.

Faustregel Nr. 1: Wenn jemand seine eigene Kampagne gleich im ersten Satz als »intelligent und humorvoll« deklariert, dann fehlt es ihr mit Sicherheit an zwei Dingen – nämlich an Intelligenz und Humor.


Nach außen zeigt die Kampagne: Dresden macht alles etwas anders: Wir bagatellisieren nicht – aber wir belehren auch nicht.

Faustregel Nr. 2: Wenn jemand über seine eigene Kampagne behaupten muss, dass sie nicht bagatellisieren und nicht belehren will, dann wird er etwas bagatellisieren und dann wird er dich von oben herab belehren.

Wenn jemand dann auch noch verschweigt, was er nicht bagatellisieren will, dann steht ein Elefant im Raum, über den alle hinwegsehen sollen.


Wir wollen, dass die Dresdner schmunzeln – und sich dabei der einmaligen Errungenschaften und der besonderen Atmosphäre im täglichen Leben dieser Stadt bewusst werden.

Faustregel Nr. 3: Schmunzeln geht nicht auf Kommando. Erwachsene Menschen wollen als Erwachsene angesprochen werden. Das funktioniert nicht mit Reimchen und Bildchen, die Schüler heute spätestens ab der vierten Klasse trivial finden.


Gegen die Botschaft »Die Welt bereichert Dresden« ist nicht das Geringste einzuwenden. Das ist gleichzeitig auch das größte Problem solcher Kampagnen: Für Selbstverständlichkeiten kann und muss nicht geworben werden.

Bisher wurden in der Kampagne unter anderem erwähnt: die Wissenschaftlerin und der Gemüsehändler, der Architekt Libeskind und der Maler Canaletto, viele Touristinnen und Touristen …

»Frau Xi, die war schon dreimal hier
Für Canaletto, Libeskind und Bier.
«

Es geht auch um Kochrezepte, interkulturelle Verliebtheit und gute Begegnungen zwischen Dresdnern und Auswärtigen. Da haben zum Beispiel zwei junge Männer zusammengefunden. Schlechter Reim für eine schöne Sache:

»Benno backt für Raul Tortilla.
Um seine Hand anhalten will er.
«


Das alles ist in einer Welt des freien Austauschs und des freien Handels selbstverständlich. Übrigens gilt auch die Umkehrung: Dresden bereichert die Welt.

Aber da war doch noch der Elefant?

Doch Dresden hat in letzter Zeit eine untypische Seite von sich gezeigt. Dresdner gehen aus diffusen Ängsten vor dem „Fremden“ auf die Straße. Das Fremde, was diese Stadt erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Hält man uns als erwachsene Dresdner wirklich für so naiv, dass wir auf solche billigen rhetorischen Tricks hereinfallen und alle Probleme auf einen Schlag vergessen? Dann hätte ich einen Vorschlag für das nächste Plakatmotiv:

Puste, puste, so ein Schreck,
schon ist alles weg.


Am Ende des Kampagnentextes kommt die sozialpädagogische Botschaft:

Wir wollen einen Reflektions- und Denkprozess in Gang setzen, der im besten Fall eine Aktivierung und Bewusstseinsbildung auslöst. Die Botschaft „Die Welt bereichert Dresden. Jeden Tag.“ soll anhand von alltäglichen Beispielen erlebbar und damit nachvollziehbar werden.

Danke für die Anregung. Ich habe reflektiert und nachgedacht. Ich bin zu folgendem Ergebnis gekommen:

Diese Kampagne transportiert nicht nur furchtbar schlechte Reime und furchtbar naive Bilder. Sie transportiert vor allem die Botschaft: Wir halten Dich, den Dresdner, für so doof, dass du unsere Plakate erst mit deinem Geld bezahlen und dann auch noch anschauen und gefälligst gut finden sollst.


Mit dem Geld für diese Kampagne könnte man eine syrische Flüchtlingsfamilie in Dresden für mindestens ein Jahr versorgen. Und das macht mich so wütend: Dass all diese hoch bezahlten Politiker, Manager, Journalisten und PR-Leute nicht von der Wand bis zur Tapete denken konnten. Dass sie lieber Geld dafür ausgeben, die Dresdner zu verarschen, statt Notleidenden zu helfen …


Alle kursiv gesetzten Zitate aus der Selbstdarstellung der Initiative: »Die Welt bereichert Dresden. Jeden Tag.«



Ein offener Brief an Herrn Pantelouris

6. April 2015

Sehr geehrter Herr Pantelouris,

eben las ich Ihren aktuellen Beitrag. Gestatten Sie mir, einige Fakten zu Ursache und Wirkung in Erinnerung zu rufen:

1. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben Klientelpolitik auf Kosten Dritter betrieben. Sie haben das Land hoch verschuldet, um jeweils ihre Klientel zufriedenzustellen. Es wurde also viel mehr Geld ausgegeben als eingenommen.

2. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben es nicht im Ansatz geschafft, ein zeitgemäßes Steuersystem aufzubauen, in dem Transaktionen angemessen besteuert werden. Es fehlt also auch auf der Einnahmenseite.

3. Die griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben massiv Statistiken gefälscht und verzerrt. Mit realistischen Zahlen wäre Griechenland niemals in die Euro-Zone aufgenommen worden.

4. Als die Probleme aus den Punkten 1 bis 3 in Griechenland fast zum Zusammenbruch führten, mussten die »Institutionen« einspringen – also in Wahrheit die Länder, die ihre Bürger besteuern und mit ihrem Geld besser haushalten.

5. Die Institutionen haben eine Umschuldung vorgenommen: Die Schulden Griechenlands bei privaten Geldgebern wurden weitgehend abgelöst. Für 80 % der griechischen Schulden stehen heute die Bürger der EU-Länder gerade, die ihre Bürger besteuern und mit ihrem Geld besser haushalten.

6. Ja, ich habe mich in 5. wiederholt! Weil wir als Bürger der Bundesrepublik, Frankreichs, Spaniens, der Niederlande und anderer Euro-Staaten für die jahrzehntelange Misswirtschaft und den jahrzehntelangen Betrug einstehen müssen.

7. Das hat mit Ihrem Kampfbegriff »neoliberal« überhaupt nichts zu tun. Auch wenn Sie von meinen Argumenten keines akzeptieren können, notieren Sie sich bitte wenigstens diesen Satz: Liberale sind immer gegen Korruption und Staatsverschuldung – weil in der Endkonsequenz die Menschen draufzahlen, die ehrlich gewirtschaftet und ihre Steuern bezahlt haben.

Mit freundlichen Grüßen
Ein Bürger der ehemaligen DDR,
die durch Misswirtschaft und Staatsverschuldung untergegangen ist.

.


Ergänzung: Bei Herrn Pantelouris kann über das Thema diskutiert werden.



Die schwarze Flasche und die Freiheit

4. April 2015

In den letzten Tagen habe ich in den sozialen Netzwerken manche Anmerkung über eine ominöse schwarze Flasche gelesen – und spontan gedacht: Was für ein Fall von gefühltem oder tatsächlichem Rassismus ist nun wieder ans Licht gekommen?

Es ging dann doch nicht um Rassismus, sondern um einen schlechten Witz über Zwischenmenschliches. Ein Hersteller von Fruchtsäften hatte auf eine spezielle Flasche einen blöden Spruch gedruckt. Ich muss zugeben, dass mir der Spruch auch nicht gefällt. Ich reiße nicht gern öffentlich Zoten und ich höre sie auch nicht so gern an. Das Privatleben gehört ins Schlafzimmer und Tun ist immer besser als Reden ;-)


Nun gibt es aber im Netz Kämpfer für soziale Gerechtigkeit (»Social Justice Warriors«), die aus jedem pubertären Witz eine schlimme Affäre und einen Boykottaufruf machen können. Natürlich geht es dabei nicht um den Witz, sondern um das Austesten von Definitionsmacht, um das Gewinnen von Aufmerksamkeit und um die wirksame Abgrenzung von uns nicht Erleuchteten.

In diesem speziellen Fall ist aber etwas anders: Die SJW von »indyvegan« lassen unter ihrem Artikel andere Meinungen zu, blocken Kritik nicht durch Löschen ab und antworten auf Kommentare. Das ist grundsätzlich zu respektieren. Deshalb möchte ich meine Argumente hier noch einmal zusammenfassen.

In dem Werbetext geht es offenbar um eine Frau, die ihre Freundin für weniger schön hält und ihr gönnerhaft eine Verabredung ermöglicht. Da zeigt sich ein hässlicher Charakterzug. Aber dieses Vergleichen und Abgrenzen gehört nun mal zu den sozialen Interaktionen unter (vor allem jungen) Menschen. Auch das Spielen mit Wendungen, die früher tabu waren – wie eben das »Blasen im Dunkeln« …

Kernpunkt der Kritik ist: Der Safthersteller habe nicht das Recht, das Wort »hässlich« zu verwenden und Frauen in einer sexuellen Rolle (Fellatio) darzustellen. Es könnten sich Frauen herabgesetzt fühlen und die dargestellte Rolle sei passiv. Deshalb müsse man für die Betroffenen und gegen den Safthersteller kämpfen.


In einem Rechtsstaat bestimmen nicht allein die Betroffenen oder Opfer, was Recht ist. Es gibt im Rechtsstaat Parlamente, es gibt Gesetze und es gibt Gerichte. Bisher gibt es in diesem Land kein Gesetz gegen pubertäre Witze. Ein solches Gesetz wäre wohl selbst der größte Witz ;-)

Montesquieu hat gesagt: »Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.« Man kann Schönheit und Hässlichkeit, Aktivität und Passivität oder auch gute und schlechte Witze nicht mithilfe von Rechtsnormen und auch nicht mit allgemeingültigen inoffiziellen Normen regulieren.

Der kleinste gemeinsame Nenner muss die Würde des Menschen sein. Diese Würde kann aber durch derart unbestimmte Witze überhaupt nicht verletzt werden. Wer soll denn allgemeingültig bestimmen, was »hässlich« oder »schön«, »geschmackvoll« oder »geschmacklos« ist?

Es gibt im Volksmund den Spruch »Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters«. Jeder (junge) Mensch, der gerade eine Partnerin oder einen Partner sucht, unterscheidet nach Aussehen, Humor, Intelligenz, Mode, Frisur und oft auch nach materiellen Gesichtspunkten.

Dabei gibt es Gegensatzpaare: Schönheit und Hässlichkeit, Humor und Humorlosigkeit
, moderne und unmoderne Kleidung, relativer Reichtum und relative Armut. Die meisten Frauen und Männer legen bei der Partnerwahl individuelle Maßstäbe an. Es gibt nirgends eine objektive Skala für Schönheit oder für Humor – und wenn wir ehrlich sind, auch nicht für Mode, Frisuren und materiellen Reichtum.

Wer Maßstäbe anlegt und unterscheidet … der diskriminiert. Eben dieses »unterscheiden« ist die ursprüngliche Wortbedeutung von »diskriminieren« und es gibt in der Fachsprache nicht wenige Beispiele für positive Diskriminierung.


Ich kann verstehen, dass sich Menschen von dieser Werbung getroffen fühlen. Manchen ist schon das Thema Sex peinlich, andere fühlen sich phasenweise unwohl in ihrem Körper. Das war zu allen Zeiten so. Das ist mir passiert, das passiert meinen Kindern, das wird irgendwann meinen Enkeln passieren.

Wenn heute eine Gruppe im ÖPNV oder ICE laut über Sex redet oder wenn zwei Reihen neben mir eine Frau laut und detailliert über ihre letzte Nacht telefoniert, schaue ich lieber in ein Buch und setze mir manchmal sogar Kopfhörer auf. Ich muss das nicht haben.

Aber mit solchen Geschmacksfragen mussten alle Generationen klarkommen. In den Städten Europas sind heute zwischen einer sehr puritanischen und einer sehr lockeren Einstellung tausende Abstufungen möglich. Wir leben in einer permissiven Gesellschaft, in der viele Verhaltensweisen akzeptiert werden und in der im Gegenzug auch vieles akzeptiert werden muss.

Die Lösung kann nicht so aussehen, dass wir uns selbst in einem Kokon verstecken und alle »Betroffenen« vor solchen Wahrnehmungen schützen. Die Lösung kann nur sein, dass wir Selbstbewusstsein und Abwehrkraft aufbauen – und gegebenenfalls anderen Menschen dabei helfen.


Mir ist es lieber, in einem Land mit etwas zu viel Freiheit und etwas zu viel dummen Witzen zu leben, als in einem Land, in dem jedes einzelne Wort zu einer Klage oder einem Boykottaufruf führen kann.

Menschen müssen mit Freiheit umgehen und sie müssen das täglich neu lernen. Menschen können an Dingen wachsen, über die sie sich geärgert haben. Sie können Widerstandskraft aufbauen und somit resilient werden. Unsere weitgehend liberale Gesellschaft ist der beste Raum zum Wachsen – mit allen Fehlern die eine freie Gesellschaft hat und mit allen Unsicherheiten, die aus der Freiheit erwachsen.


Link: Artikel und Kommentare auf »indyvegan«. Abschließend: Es muss ein glückliches Land ohne große Probleme und mit einer wunderbaren Zukunft sein, in dem man so intensiv über pubertäre Witze auf Saftflaschen diskutiert ;-)



Das falsche Wort für die schlechte Erklärung

15. März 2015

In der Zeit rund um den Internationalen Frauentag gab es eine interessante Meldung: In Australien sei »mansplaining« als »Wort des Jahres« ausgewählt worden (eigentlich wohl eher als Neologismus des Jahres). Das Wort beschreibt eine Situation, in der ein Mann einer Frau wortreich falsche oder unnütze Erklärungen gibt.

Sofort fühlten sich auch in Deutschland Publizistinnen und Publizisten berufen, ausschließlich Männern diese schlechte Angewohnheit nachzusagen. Darunter waren parteiliche Journalistinnen wie Julia Bähr mit einem ideen- und gedankenlosen Artikel in der F.A.Z., aber auch altbekannte Stimmen wie Antje Schrupp. Von manchen hat man den Eindruck, dass sie es sich zum Beruf gemacht haben, Männer schlechter und Frauen besser darzustellen.

Die folgende kurze Kritik an Frau Schrupps Artikel soll als Grundlage für einen Vorschlag zur Güte dienen.


Antje Schrupp erklärt uns das »Mansplaining« an einem Beispiel: Ein Mechaniker habe ihr eine lange und gleichzeitig falsche Erklärung für das Klappern ihres Motorrads gegeben. Später habe ein anderer Mechaniker herausgefunden, dass an dem Motor doch etwas repariert werden musste. In ihren Kreisen scheint es für »mansplaining« das Wort »herrklären« zu geben – ich habe es noch nie gehört.

Antje Schrupp beschreibt ihr Schlüsselerlebnis so:

Meine Lieblingssituation in dem Zusammenhang: der Mechaniker, der mein Motorrad repariert hatte, und mir auf meine Bemerkung, da würde aber noch etwas ganz schön heftig im Motor klappern, ausführlich erklärte, warum dieses Klappern vollkommen normal sei.


Was zeigt dieses Beispiel denn tatsächlich? Erstens: Es gibt Menschen, die in ihrem Beruf falsche Diagnosen stellen. Die Häufigkeit falscher Diagnosen dürfte allerdings unter Männern und Frauen gleichverteilt sein. Jeder Mensch macht Fehler.

Und zweitens: Menschen gehen oft den bequemen, opportunistischen Weg, um sich ihren Job zu erleichtern oder um von der Unwissenheit anderer zu profitieren:

Die Schwester des schlechten Mechanikers können Sie im Kaufhaus in der Abteilung für Herrenoberbekleidung finden, wo sie dicken, schwitzenden Männern wortreich unpassende Anzüge, Hemden und Krawatten aufschwatzt. Wer als Mann mit einer klugen, beobachtungsbegabten Gattin oder Freundin Kleidung einkaufen geht, kann davon ein Lied singen.


Alle Erklärungen können nach den Kriterien Sprache und Richtigkeit in eine Matrix mit vier Feldern eingeteilt werden:

Erklärungsarten …

Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Grenzen zwischen den Abschnitten in Wahrheit fließend sind und dass nicht alle Erklärungen objektiv auf Richtigkeit untersucht werden können. Die Grenze zwischen einer Erklärung und einer Meinungsäußerung ist ja auch fließend.

Tatsache ist aber, dass es Erklärungen in diesen vier Feldern gibt. Die Erklärungen in der Kategorie D sind sachlich falsch und weitschweifig – also ganz und gar schlecht.

Die Lebenserfahrung zeigt: Schlechte Erklärungen kommen immer von Individuen und niemals von Gruppen. Schlechte Erklärungen können also von Frauen oder Männern kommen. Deshalb sollten aufgeklärte Menschen nicht das sexistische und diskriminierende Wort »mansplaining« einsetzen, das ohnehin nur in der Parallelwelt der radikalfeministischen Filterblasen eine Bedeutung hat.

Wer neutral und aufgeklärt mit Sprache umgeht, sollte für jede schlechte Erklärung dasselbe Verb verwenden. Nachdem wir in der deutschen Sprache bereits das Wort »zerreden« kennen, schlage ich dafür das Wort »zerklären« vor. Und als erste Faustregel: Darauf zu achten, dass man kein Ding und keinen Menschen zerkläre.

Als zweite Faustregel: Es bringt uns alle nicht weiter, wenn wir schlechte Erklärungen krampfhaft einem Geschlecht oder einer Berufsgruppe zuordnen. Versehentlich oder bewusst etwas zu zerklären – das kann uns allen passieren. Niemand kann behaupten, er sei frei davon.


Weil es ein heikles Thema ist: Ich freue mich über jeden sachlichen Kommentar. Ich weise darauf hin, dass persönliche Angriffe gegen Menschen sowie sexistische Sprüche oder Beleidigungen aus den Kommentaren herausgelöscht werden.



Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?

27. Februar 2015

Das Magazin brand eins überraschte mich heute mit einem Artikel unter der Überschrift »Ist Deutschland schuld an der Krise in Europa?«

Wer auch nur eine Minute über diese Frage nachdenkt, wird wohl nicht JA oder NEIN sagen, sondern mit der rhetorischen Gegenfrage antworten: »Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?«


Deutschland ist nicht schuld?

Der Artikel beginnt mit zwei Alibi-Absätzen, die ein NEIN nahelegen könnten. Er verweist auf ein BIP-Wachstum in Deutschland von 4.5 % in sieben Jahren. Das entspricht einem jährlichen Mittel von knapp 0.7 % und ist somit sehr bescheiden.

Wer will, sieht ein Wirtschaftswunder hierzulande. In der Eurozone befindet sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf noch immer unter dem Niveau von 2007 – nur in Deutschland liegt es inzwischen rund 4,5 Prozent darüber. Ähnlich erfolgreich präsentiert sich das Land bei der Arbeitslosenquote (deutlich niedriger als 2007) und den Exportüberschüssen (deutlich höher). Krise ist woanders.

Sicher: Einige südeuropäische Länder haben in diesem Zeitraum Rückschritte gemacht und somit sinkt der Mittelwert in der gesamten Eurozone. Aber das liegt an einem ungesunden Wirtschaftswachstum zwischen 2000 und 2007. Als die Immobilien- und Schuldenblasen geplatzt waren, kam es zu einem Rückschlag.

Wenn sich die eingangs gestellte Frage auf die gesamte EU bezieht, sollte auch an die Länder erinnert werden, die den Euro nicht eingeführt haben und deren Wirtschaft sich besser als in den Krisenstaaten entwickelt hat.


Deutschland ist schuld!

Kernaussage der vielen weiteren Absätze des Artikels ist ein lautes »JA!« – Deutschland ist schuld an der Krise in Europa. Die Preise in Deutschland hätten nämlich stärker steigen müssen als durchschnittlich um 0.9 %, damit es in ganz Europa zu einer einheitlichen Inflationsrate gekommen wäre.

Genau das aber taten sie nicht – schuld daran ist die deutsche Politik. Infolge der Agenda 2010 sanken die Löhne und damit die Inflationsrate hierzulande.
:
Davon profitierte die deutsche Wirtschaft. Zwischen 1998 und 2007 konnten sich hiesige Unternehmen einen Kostenvorteil sichern, gemessen an den nominalen Lohnstückkosten.

Ich weiß nicht, über welche Zahlen der brand-eins-Autor verfügt. Aber mir ist keine exportorientierte Branche bekannt, die sich durch gesunkene Löhne auf dem Weltmarkt einen Vorteil gesichert hätte. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter in unseren Export-Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau oder Chemie verdienen sehr gut und die Löhne haben dort überdurchschnittlich zugelegt.

In der Auto-Industrie haben die Lohnkosten einen Anteil von etwa 10 % an den Gesamtkosten; in der exportorientierten Chemie-Industrie dürfte es kaum anders aussehen.

Es gibt einen viel plausibleren Grund für die vergleichsweise guten Lohnstückkosten in den Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen: Ein hohes Maß an Automatisierung und Rationalisierung.


Deutschland ist doppelt schuld!

Aber wenn man Deutschland eine richtig große Schuld in die Schuhe schieben will, braucht man noch einen zweiten Schuhlöffel:

Noch verhängnisvoller aber war, dass die Bundesregierung nach dem Ausbruch der Krise darauf bestand, dass die Schuldnerländer ihre verlorene Wettbewerbsfähigkeit mit Strukturreformen – sprich: Lohnsenkungen – wiederherstellen sollten.

Das ist nun gleich auf mehreren Ebenen falsch. Erstens haben »die Institutionen« mit den Schuldnerländern verhandelt – in diesen Institutionen hat Deutschland sicher Einfluss, aber mehrere andere Länder haben selbstverständlich auch ihre Interessen eingebracht.

Zweitens sind Strukturreformen keinesfalls mit Lohnsenkungen gleichzusetzen – diese Lohnsenkungen könnte man auch von Deutschland aus gar nicht durchsetzen. Und drittens hat Deutschland sehr viel Geld investiert, um die krisengeschüttelten EU-Partner wieder kredit- und geschäftsfähig zu machen.


Reden wir über Geld!

Der Autor rechnet uns vor, dass die Reallöhne in der Zeit von 2001 bis 2007 gesunken seien (Hervorhebungen von mir):

Doch zuvor, von 2001 bis 2007, gingen die Reallöhne um 3,2 Prozent zurück. Die Binnennachfrage veränderte sich mit einem Plus von 2,7 Prozent kaum. Im selben Zeitraum nahmen die Löhne im übrigen EU-Raum um 3,6 Prozent und die dortige Binnennachfrage um 18 Prozent zu. Insgesamt hat diese Periode des extremen Sparens Deutschland zwar einen zusätzlichen Exportüberschuss von knapp 130 Milliarden Euro gebracht, aber rechnerische Verluste bei der Binnennachfrage von rund 350 Milliarden.

Warum ist denn die Binnennachfrage gleich geblieben, während die Reallöhne gesunken sind? Das Sinken der Reallöhne liegt vor allem an den steigenden Sozialabgaben der Arbeitnehmer. Diese Umverteilung hat kaum einen Einfluss auf die Binnennachfrage, weil vor allem die Krankenkassen und Pflegekassen das Geld vorwiegend im Inland wieder ausgeben.

Die zitierten »rechnerischen Verluste« sollen sich wohl auf ein fiktives Wachstum der Löhne oder der Binnennachfrage beziehen – das wäre dann allerdings eine Rechnung, für die sich jedes Milchmädchen schämen würde.


Insgesamt scheint mir, dass in dem Artikel um jeden Preis eine deutsche Alleinschuld an der »Krise in Europa« konstruiert werden soll. Dass diese These falsch sein muss, sagt aber schon der gesunde Menschenverstand: So komplexe Systeme wie die EU oder die Eurozone geraten niemals aus einem einzigen Grund in eine Krise. Und Schuld hat niemals ein einziges Land.



Penne Rotbarsch

22. Februar 2015

Nachdem ich Ende der letzten Woche einigen Leuten via Twitter Appetit auf Penne Rotbarsch gemacht habe, möchte ich mein Rezept so beschreiben, wie es heute bei uns auf den Tisch kam. Die Zutaten sind für zwei Personen bestimmt:


250 g Penne aus Hartweizen (Pasta di semola di grano duro)

200 ml Krustentier-Fond oder Fischfond
100 g Garnelen oder Krabben
2 kleine Rotbarschfilets

1 mittlere rote Peperoni-Schote
1 mittlere grüne Peperoni-Schote
2 bis 3 große frische Knoblauchzehen

2 bis 3 EL Creme fraiche
2 EL grobes Meersalz + etwas feines Meersalz


  1. Rotbarschfilets abspülen, trockentupfen und in mundgerechte Stücke schneiden.
  2. Peperoni und Knoblauch putzen. Peperoni in Streifen, Knoblauch ganz klein schneiden.
  3. In einem großen Topf zwei Liter Wasser und 2 EL grobes Meersalz zum Kochen ansetzen.
  4. Den Krustentier-Fond in einem kleinen Topf mit dickem Boden aufkochen lassen, die Garnelen zugeben. Hitze reduzieren und 10 bis 12 Minuten wallen lassen. Die Garnelen sind dann gar und bissfest. Vorerst noch etwas ziehen lassen.
  5. Jetzt die Nudeln in den Topf mit dem stark siedenden Wasser geben. Die Kochzeit der Nudeln (12 bis 14 min) sollte der restlichen Zeit für das Rezept entsprechen. Ich habe Penne aus Hartweizen gewählt, weil im Fisch und in den Garnelen schon reichlich Eiweiß enthalten ist.
  6. Rotbarschfilets ganz leicht mit Mehl bestäuben und ganz leicht salzen. In Butter vorsichtig braten (ein- oder zweimal wenden), bis die Stücke gar und appetitlich aussehen. In der warmen Pfanne belassen.
  7. Sud und Garnelen durch ein Sieb in eine Schüssel gießen, Garnelen wegstellen, Sud wieder in den Topf geben und mit Creme fraiche binden. Mit wenig Meersalz abschmecken.
  8. Währenddessen in einer kleinen Pfanne Peperoni und Knoblauch in ganz wenig Olivenöl relativ kurze Zeit bissfest anschwitzen. Die Peperoni bringen Schärfe und Farbe ins Spiel.
  9. Penne abgießen, in einer großen Schüssel mit der gebundenen Sauce und den Garnelen mischen, Peperoni und Knoblauch unterheben. Auf zwei Tellern (groß, flach, weiß) verteilen. Rotbarsch-Würfel darüber verteilen.
  10. Voila!

Ich habe die doppelte Menge Krustentierfond und Garnelen genommen. Die andere Hälfte der gegarten Garnelen habe ich für einen Salat verwendet (um ehrlich zu sein: damit habe ich gleichzeitig die Garzeit getestet).

Die Menge des Fonds hängt auch davon ab, wie stark er einkocht. Ein 400-ml-Glas Fond und 200 g Garnelen lassen Reserve für den Salat, ein 200- oder 250-ml-Glas Fond sollte auch reichen.

Vorbereitungszeit und Zubereitungszeit halten sich für ein Sonntagsessen in Grenzen. Als Nachtisch passten: Ein starker Kaffee und ein (vormittags vorbereitetes) Panna cotta mit dem letzten Rest Bitterorangen-Sirup.

Die Idee für das Rezept geht auf mehrere Besuche in der Gaststätte »Steuerbord« auf der Nordseeinsel Langeoog zurück. Leider war es in den letzten beiden Jahren nicht mehr auf der Speisekarte. Das Panna cotta gibt es auf der Insel übrigens mit Sanddornsirup.

Gutes Gelingen, gutes Variieren und guten Appetit!



Undine und die Molenbrücke

18. Januar 2015


Bilder an der Molenbrücke
(ungeordnet, vom 18.01.2015)


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