Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?

27. Februar 2015

Das Magazin brand eins überraschte mich heute mit einem Artikel unter der Überschrift »Ist Deutschland schuld an der Krise in Europa?«

Wer auch nur eine Minute über diese Frage nachdenkt, wird wohl nicht JA oder NEIN sagen, sondern mit der rhetorischen Gegenfrage antworten: »Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?«


Deutschland ist nicht schuld?

Der Artikel beginnt mit zwei Alibi-Absätzen, die ein NEIN nahelegen könnten. Er verweist auf ein BIP-Wachstum in Deutschland von 4.5 % in sieben Jahren. Das entspricht einem jährlichen Mittel von knapp 0.7 % und ist somit sehr bescheiden.

Wer will, sieht ein Wirtschaftswunder hierzulande. In der Eurozone befindet sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf noch immer unter dem Niveau von 2007 – nur in Deutschland liegt es inzwischen rund 4,5 Prozent darüber. Ähnlich erfolgreich präsentiert sich das Land bei der Arbeitslosenquote (deutlich niedriger als 2007) und den Exportüberschüssen (deutlich höher). Krise ist woanders.

Sicher: Einige südeuropäische Länder haben in diesem Zeitraum Rückschritte gemacht und somit sinkt der Mittelwert in der gesamten Eurozone. Aber das liegt an einem ungesunden Wirtschaftswachstum zwischen 2000 und 2007. Als die Immobilien- und Schuldenblasen geplatzt waren, kam es zu einem Rückschlag.

Wenn sich die eingangs gestellte Frage auf die gesamte EU bezieht, sollte auch an die Länder erinnert werden, die den Euro nicht eingeführt haben und deren Wirtschaft sich besser als in den Krisenstaaten entwickelt hat.


Deutschland ist schuld!

Kernaussage der vielen weiteren Absätze des Artikels ist ein lautes »JA!« – Deutschland ist schuld an der Krise in Europa. Die Preise in Deutschland hätten nämlich stärker steigen müssen als durchschnittlich um 0.9 %, damit es in ganz Europa zu einer einheitlichen Inflationsrate gekommen wäre.

Genau das aber taten sie nicht – schuld daran ist die deutsche Politik. Infolge der Agenda 2010 sanken die Löhne und damit die Inflationsrate hierzulande.
:
Davon profitierte die deutsche Wirtschaft. Zwischen 1998 und 2007 konnten sich hiesige Unternehmen einen Kostenvorteil sichern, gemessen an den nominalen Lohnstückkosten.

Ich weiß nicht, über welche Zahlen der brand-eins-Autor verfügt. Aber mir ist keine exportorientierte Branche bekannt, die sich durch gesunkene Löhne auf dem Weltmarkt einen Vorteil gesichert hätte. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter in unseren Export-Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau oder Chemie verdienen sehr gut und die Löhne haben dort überdurchschnittlich zugelegt.

In der Auto-Industrie haben die Lohnkosten einen Anteil von etwa 10 % an den Gesamtkosten; in der exportorientierten Chemie-Industrie dürfte es kaum anders aussehen.

Es gibt einen viel plausibleren Grund für die vergleichsweise guten Lohnstückkosten in den Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen: Ein hohes Maß an Automatisierung und Rationalisierung.


Deutschland ist doppelt schuld!

Aber wenn man Deutschland eine richtig große Schuld in die Schuhe schieben will, braucht man noch einen zweiten Schuhlöffel:

Noch verhängnisvoller aber war, dass die Bundesregierung nach dem Ausbruch der Krise darauf bestand, dass die Schuldnerländer ihre verlorene Wettbewerbsfähigkeit mit Strukturreformen – sprich: Lohnsenkungen – wiederherstellen sollten.

Das ist nun gleich auf mehreren Ebenen falsch. Erstens haben »die Institutionen« mit den Schuldnerländern verhandelt – in diesen Institutionen hat Deutschland sicher Einfluss, aber mehrere andere Länder haben selbstverständlich auch ihre Interessen eingebracht.

Zweitens sind Strukturreformen keinesfalls mit Lohnsenkungen gleichzusetzen – diese Lohnsenkungen könnte man auch von Deutschland aus gar nicht durchsetzen. Und drittens hat Deutschland sehr viel Geld investiert, um die krisengeschüttelten EU-Partner wieder kredit- und geschäftsfähig zu machen.


Reden wir über Geld!

Der Autor rechnet uns vor, dass die Reallöhne in der Zeit von 2001 bis 2007 gesunken seien (Hervorhebungen von mir):

Doch zuvor, von 2001 bis 2007, gingen die Reallöhne um 3,2 Prozent zurück. Die Binnennachfrage veränderte sich mit einem Plus von 2,7 Prozent kaum. Im selben Zeitraum nahmen die Löhne im übrigen EU-Raum um 3,6 Prozent und die dortige Binnennachfrage um 18 Prozent zu. Insgesamt hat diese Periode des extremen Sparens Deutschland zwar einen zusätzlichen Exportüberschuss von knapp 130 Milliarden Euro gebracht, aber rechnerische Verluste bei der Binnennachfrage von rund 350 Milliarden.

Warum ist denn die Binnennachfrage gleich geblieben, während die Reallöhne gesunken sind? Das Sinken der Reallöhne liegt vor allem an den steigenden Sozialabgaben der Arbeitnehmer. Diese Umverteilung hat kaum einen Einfluss auf die Binnennachfrage, weil vor allem die Krankenkassen und Pflegekassen das Geld vorwiegend im Inland wieder ausgeben.

Die zitierten »rechnerischen Verluste« sollen sich wohl auf ein fiktives Wachstum der Löhne oder der Binnennachfrage beziehen – das wäre dann allerdings eine Rechnung, für die sich jedes Milchmädchen schämen würde.


Insgesamt scheint mir, dass in dem Artikel um jeden Preis eine deutsche Alleinschuld an der »Krise in Europa« konstruiert werden soll. Dass diese These falsch sein muss, sagt aber schon der gesunde Menschenverstand: So komplexe Systeme wie die EU oder die Eurozone geraten niemals aus einem einzigen Grund in eine Krise. Und Schuld hat niemals ein einziges Land.



Penne Rotbarsch

22. Februar 2015

Nachdem ich Ende der letzten Woche einigen Leuten via Twitter Appetit auf Penne Rotbarsch gemacht habe, möchte ich mein Rezept so beschreiben, wie es heute bei uns auf den Tisch kam. Die Zutaten sind für zwei Personen bestimmt:


250 g Penne aus Hartweizen (Pasta di semola di grano duro)

200 ml Krustentier-Fond oder Fischfond
100 g Garnelen oder Krabben
2 kleine Rotbarschfilets

1 mittlere rote Peperoni-Schote
1 mittlere grüne Peperoni-Schote
2 bis 3 große frische Knoblauchzehen

2 bis 3 EL Creme fraiche
2 EL grobes Meersalz + etwas feines Meersalz


  1. Rotbarschfilets abspülen, trockentupfen und in mundgerechte Stücke schneiden.
  2. Peperoni und Knoblauch putzen. Peperoni in Streifen, Knoblauch ganz klein schneiden.
  3. In einem großen Topf zwei Liter Wasser und 2 EL grobes Meersalz zum Kochen ansetzen.
  4. Den Krustentier-Fond in einem kleinen Topf mit dickem Boden aufkochen lassen, die Garnelen zugeben. Hitze reduzieren und 10 bis 12 Minuten wallen lassen. Die Garnelen sind dann gar und bissfest. Vorerst noch etwas ziehen lassen.
  5. Jetzt die Nudeln in den Topf mit dem stark siedenden Wasser geben. Die Kochzeit der Nudeln (12 bis 14 min) sollte der restlichen Zeit für das Rezept entsprechen. Ich habe Penne aus Hartweizen gewählt, weil im Fisch und in den Garnelen schon reichlich Eiweiß enthalten ist.
  6. Rotbarschfilets ganz leicht mit Mehl bestäuben und ganz leicht salzen. In Butter vorsichtig braten (ein- oder zweimal wenden), bis die Stücke gar und appetitlich aussehen. In der warmen Pfanne belassen.
  7. Sud und Garnelen durch ein Sieb in eine Schüssel gießen, Garnelen wegstellen, Sud wieder in den Topf geben und mit Creme fraiche binden. Mit wenig Meersalz abschmecken.
  8. Währenddessen in einer kleinen Pfanne Peperoni und Knoblauch in ganz wenig Olivenöl relativ kurze Zeit bissfest anschwitzen. Die Peperoni bringen Schärfe und Farbe ins Spiel.
  9. Penne abgießen, in einer großen Schüssel mit der gebundenen Sauce und den Garnelen mischen, Peperoni und Knoblauch unterheben. Auf zwei Tellern (groß, flach, weiß) verteilen. Rotbarsch-Würfel darüber verteilen.
  10. Voila!

Ich habe die doppelte Menge Krustentierfond und Garnelen genommen. Die andere Hälfte der gegarten Garnelen habe ich für einen Salat verwendet (um ehrlich zu sein: damit habe ich gleichzeitig die Garzeit getestet).

Die Menge des Fonds hängt auch davon ab, wie stark er einkocht. Ein 400-ml-Glas Fond und 200 g Garnelen lassen Reserve für den Salat, ein 200- oder 250-ml-Glas Fond sollte auch reichen.

Vorbereitungszeit und Zubereitungszeit halten sich für ein Sonntagsessen in Grenzen. Als Nachtisch passten: Ein starker Kaffee und ein (vormittags vorbereitetes) Panna cotta mit dem letzten Rest Bitterorangen-Sirup.

Die Idee für das Rezept geht auf mehrere Besuche in der Gaststätte »Steuerbord« auf der Nordseeinsel Langeoog zurück. Leider war es in den letzten beiden Jahren nicht mehr auf der Speisekarte. Das Panna cotta gibt es auf der Insel übrigens mit Sanddornsirup.

Gutes Gelingen, gutes Variieren und guten Appetit!



Undine und die Molenbrücke

18. Januar 2015


Bilder an der Molenbrücke
(ungeordnet, vom 18.01.2015)


Die verkaufte Braut

22. Dezember 2014

Ich übe hier und anderswo gern Kritik an Sprachgeboten und Denkverboten. Der folgende Artikel ist eine Kritik an Geschlechter-Metaphern von vorgestern, an nichtssagenden Floskeln und an der distanzlosen Bejubelung von Produkten.


Der F.A.S.-Motorjournalist Boris Schmidt muss wohl ein großer Fan der Marke Jaguar sein. Sein aktueller Artikel aus der F.A.S. von gestern ist noch nicht online verfügbar, aber dieses Beispiel zeigt vielleicht, wie er es mit der Beschreibung von Jaguar-Fahrzeugen hält. Ende August schrieb er:

Der Jaguar F-Type, der frischeste Wurf aus England, macht vor, wie es geht. Der Sportwagen, der seit vergangenem Jahr als Cabriolet und seit April zusätzlich als Coupé angeboten wird, macht Furore. Und das nicht nur wegen seiner betörenden Formen.

Das könnte man als Motor-PR zu den Akten legen. Es ist sprachlich wenig originell – und der ganze Absatz transportiert im Grunde fast keinen Inhalt. Wenn in einem Artikel solche Floskeln vorkommen, nur damit die Seite voll wird, lese ich nur sehr selten weiter …

Gestern ist aber vom selben Autor ein ganzseitiger Artikel über Jaguar erschienen, der auch in sprachlicher Hinsicht kritikwürdig ist. Der Autor verwendet als Metapher für diese beiden Jaguar-Fahrzeuge immer wieder die Schwester(n) oder die Braut – und da schaut man doch mal genauer hin.


Geschwisterliebe

Es beginnt schon mit der Überschrift. Der Autor möchte in dem Artikel über die Liebe eines Romeo zu den beiden Fahrzeugen schreiben. Geschwisterliebe ist aber bekanntlich etwas völlig anderes. Wer hat sich da vergriffen – der Überschriftenredakteur, der Autor oder die PR-Agentur?

Und zur literarischen Seite: Romeo musste sich nie zwischen zwei Schwestern entscheiden. Er ist zwar am Anfang des Stücks noch ein wenig in Rosalinde verliebt, aber er vergisst sie in dem Augenblick, in dem er Julia zum ersten Mal sieht.


Zwei ungleiche Schwestern

Zu Beginn des Artikels werden uns die beiden Fahrzeuge als Schwestern beschrieben. Das geschieht mit Attributen, die aus einem alten Kitschroman entlehnt sein könnten:

Die eine Schwester ist wild, offenherzig, ungestüm, bildhübsch. Die andere: verschlossen, vernünftig, schön und noch ungestümer. Oder auch »zugeknüpft« – ich möchte gar nicht wissen, was sich der Autor unter einer ungestümen, gleichzeitig aber auch vernünftigen, verschlossenen und zugeknüpften Frau vorstellt ;-)


Liebhaber

Wie im Kitschroman senden die beiden Autos nun »verwirrende Signale«, bis unser Romeo völlig »hin- und hergerissen« ist. Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch:

Gut, wenn die beiden Schwestern aus der Familie Jaguar kommen, ein großes V8-Herz mit fünf Litern Hubraum haben und nicht aufeinander eifersüchtig sind. Obwohl die verschlossene, gern wird sie auch Coupé genannt, ihrer Schwester Cabriolet an Kraft und Temperament ein wenig voraus ist. 550 PS kann sie in die Waagschale werfen und 685 Newtonmeter Drehmoment. 495 PS und 625 Nm stehen dem gegenüber.

Als die beiden Jaguar-Töchter diesen Absatz gelesen hatten, wurden ihre Augen tränenfeucht und ihre Herzen schwer. Sie fuhren gemeinsam in die sinkende Abendsonne und schworen sich, nie wieder mit einem Journalisten zu reden.


Vater der Braut

Zu den beiden Jaguar-Töchtern gehört natürlich auch ein strenger Vater (obwohl man hier eigentlich eher von einer Mutterfirma reden müsste). Genießen Sie diese denkwürdigen Sätze:

Warum sich für eine von beiden entscheiden, wenn man genauso gut beide haben kann? Vater Tata in Indien wird sich freuen, wenn er gleich beide für eine Mitgift von gut 200.000 Euro unter die Haube bringt.

Erstens widerspricht es dem Ideal der romantischen Liebe, zwei Frauen zu heiraten. Zweitens bedeutete Mitgift, dass der Vater seinen Töchtern Geld mit in die Ehe gab. Eine Mitgift wurde an das Brautpaar oder an die Familie der Braut übergeben. Was der Autor meint, ist ein Brautpreis –  der wurde in der Tat an den Vater der Braut gezahlt.

Spätestens an dieser Stelle war der Tank des Autors offenbar schon leer – aber das Benzin reichte noch, um die Metapher endgültig totzufahren: Es gibt nämlich noch andere Mädchen auf dem Automarkt und so erfahren wir, dass der Onkel Ferdinand eine »Carrera-Elfe« unter die Haube bringen möchte, aber diese hat leider nur »350 PS aus sechs Töpfen« …


Damit hat man als Leser die erste Spalte des Artikels überstanden. Man ist so erschöpft, als sei man meilenweit gelaufen, um etwas Benzin zu bekommen.

Der Rest des Artikels besteht aus einem so furchtbar großen Berg an Floskeln, dass ich ihn nicht zu Ende lesen konnte und nur noch an die Floskelwolke übergeben möchte.

Sobald diese Melange aus kitschiger PR und altväterlichen Halbweisheiten online ist, werde ich einen Link setzen – als Hinweis auf ein Beispiel, wie man es in unserer Zeit nie wieder machen sollte.

Eigentlich war ich gestern nicht ausgezogen, um das Fürchten zu lernen, sondern um eine gute Zeitung zu kaufen. Nach dem Lesen dieses Artikels kann ich aber nur seufzen: »Ach, wenn’s mir doch nicht so gruselte!«



Von Frauenquoten und Statistik …

20. November 2014

Kristin Rose-Möhring ist Gleichstellungsbeauftragte des Ministeriums im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Sie wurde dadurch bekannt, dass sie gegen ihre eigenen Ministerinnen Kristina Schröder und Manuela Schwesig klagte: Ministerin Schröder hatte es doch trotz einer Frauenquote bei Führungskräften von über 50% nicht etwa gewagt, einen Mann als Pressesprecher zu wählen.

All das wäre keinen Beitrag wert, wenn Frau Rose-Möhring nicht eine einflussreiche Frau innerhalb der Lobby der Gleichstellungsbürokratie wäre. Aus dem Ministerium von Frau Schwesig kommen politische Entwürfe, wonach die Anzahl der bürokratischen Posten (exklusiv für Frauen) als Gleichstellungsbeauftragte drastisch erhöht werden soll. Aus einem Artikel des SPIEGEL (31/2014):

Für Ärger sorgt auch die Forderung nach mehr Gleichstellungsbeauftragten. Das Verteidigungsministerium hat ausgerechnet, dass es dafür die Stellen von 100 auf 200 verdoppeln müsste. Der Staatsbetrieb Deutsche Bahn kalkuliert für die Tochterfirmen mit mindestens 960 neuen Stellen.

Noch werden diese Entwürfe in der #Groko entschärft. Aber auch in der entschärften Form kosten sie immer noch sehr viel Geld und bringen eher Schaden als Nutzen.


Kristin Rose-Möhring bloggt zur Zeit sehr offenherzig über Statistik für Gleichstellungsbeauftragte. Wenn ich mir diese Blogbeiträge nur mit dem gesunden Menschenverstand anschaue, muss ich mich sehr zurückhalten, um nicht sarkastisch zu werden. Hier passt das Zitat: »Hätte sie geschwiegen, wäre sie Philosophin geblieben …«.

Bereits in der ersten Folge ihrer Serie zur Statistik stellt Frau Rose-Möhring eine Behauptung auf, die sehr tief blicken lässt. Sie postuliert:

Zahlenwerke und Statistiken werden der Gleichstellungsbeauftragten vor allem dann entgegengehalten, wenn es gilt, Fortschritte und Gleichstellungserfolge in der Dienststelle zu untermauern oder ihre Forderungen abzuschmettern. Das soll überzeugend, wissenschaftlich und unangreifbar wirken und die Gleichstellungsbeauftragte mundtot oder zumindest leiser machen.

Frau Rose-Möhring begreift Statistik also nicht etwa als wissenschaftliches Instrument, sondern in erster Linie als eine Art Werkzeug der Gegnerinnen und Gegner ihrer Gleichstellungsbürokratie. Sie hält aber tapfer dagegen:

Mit ein bisschen gesundem Frauenverstand können wir schnell lernen, grundsätzliche Fehler in der Erstellung dieser Zahlenwerke und die Fragwürdigkeit von deren Interpretation zu erkennen.


Frau Rose-Möhrings Artikelserie scheint zwei Ziele zu haben: Sie möchte andere Gleichstellungsbürokratinnen über Statistik aufklären und sie möchte ihre Aufklärung mit Rechenbeispielen untermauern. In beidem scheitert sie grandios.

Einerseits bemüht sie sich, die Statistik als eine Art Orakel darzustellen, dem man jede beliebige Antwort entlocken kann. Andererseits bringt sie Rechenbeispiele, die schon die Schüler einer 7. oder 8. Klasse als falsch erkennen sollten. Charakteristisch ist diese Aussage aus Teil 3:

Soll also manipuliert werden, muss „man“ die Stellschräubchen an den zu berücksichtigenden Zahlen und anzuwendenden Methoden einfach ein bisschen drehen, bis das Ergebnis dem Mensch am Computer passt. Das dürfte auch für einen Statistikbanausen nicht allzu schwer sein. Hat er noch ein paar Fachkenntnisse, vereinfacht das die Sache noch.

Im Klartext: Wenn ohnehin alles »gedreht« werden kann, können auch alle Ergebnisse von Statistiken als Manipulation denunziert werden.


Im Teil 3 ihrer Serie schreibt Frau Rose-Möhring, dass sie als Studentin mit einem Kommilitonen ins Gespräch gekommen sei, der ihr von »23 anderen Arten angeblich gängiger Verteilungskurven« erzählt habe. Und weiter:

Und es sollte noch viele weitere Arten geben, einen Mittel- oder Durchschnittswert zu bestimmen (für mich und sicher auch viele andere Lai/inn/en ist das dasselbe). Die Ergebnisse, so wurde ich belehrt, seien so unterschiedlich, dass sie nur von der angewandten Methode abhingen. Für mich jedenfalls war es das – ich klinkte mich geistig aus.

Wenn Frau Rose-Möhring anderen Frauen die Statistik erklären möchte, dann sollte sie sich nicht schon bei den Mittelwerten geistig ausklinken. Das wirkt dann doch etwas unglaubwürdig.


Ich war natürlich auch gespannt auf die Methoden, mit denen Frau Rose-Möhring uns den »gesunden Frauenverstand« rechnerisch beibringen möchte. In mehreren Beiträgen ihrer Serie wird klar, dass Frau Rose-Möhring schon an der Prozentrechnung scheitert. Beispiel aus Beitrag 1:

Auch hier macht ein Beispiel deutlich, um was es geht: In einer Dienststelle mit ursprünglich 1.000 Beschäftigten und einem Frauenanteil von 10%, also 900 Männern und 100 Frauen können 5% mehr weibliche Mitarbeiter verschiedenes bedeuten:

  • jetzt insgesamt 15% Frauen, also 150 Frauen und 850 Männer;
  • oder der Anteil der 100 Frauen hat sich um 5% erhöht, also jetzt 105 Frauen und 895 Männer;
  • oder – da über Männer eigentlich nichts gesagt wird – der Anteil der Frauen hat sich um 5% auf 105 und der Anteil der Männer sagen wir um 10% auf 990 bei jetzt 1095 Beschäftigten erhöht […];

Es gibt hier keine zwei Möglichkeiten. Die Aussage »5% mehr weibliche Mitarbeiter« muss sich auf einen festen Grundwert beziehen. Wenn es vorher 100 Mitarbeiterinnen gab, dann sind es nach einer Steigerung um 5% natürlich 105 Mitarbeiterinnen. Ob sich dabei auch der Frauenanteil in der Belegschaft erhöht hat, hängt von der neuen Gesamtzahl der Beschäftigten ab.

In Frau Rose-Möhrings erstem Anstrich müsste es heißen: »Der Anteil der Frauen an der Belegschaft hat sich um fünf Prozentpunkte von 10% auf 15% erhöht.« Den Unterschied zwischen »Prozent« und »Prozentpunkt« sollte man kennen, bevor man sich anschickt, über Statistik zu schreiben.

Im dritten Anstrich bringt sie »Anteil« und »Anzahl« so schlimm durcheinander, dass es beim Lesen fast schon physische Schmerzen erzeugt.


Ein didaktisch ähnlich schwaches Beispiel bringt Frau Rose-Möhring im zweiten Teil ihrer Serie:

Wenn Sie hören, dass es einem Personalchef gelungen sei, in 4 von 5 Abteilungen den Frauenanteil im letzten Jahr um 20% zu steigern, kann das auch bedeuten, dass vorher in jeder Abteilung nur 5 Frauen beschäftigt waren und er vor der Erhebung aus einer Abteilung 4 Frauen auf die anderen Abteilungen umgesetzt hat, wo die Erhöhung von 5 auf 6 jetzt 20% Steigerung ausmacht.

Der Personalchef steigert hier nicht den Frauenanteil, sondern die Anzahl der Frauen (von 5 auf 6). Über den Anteil kann gar keine Aussage getroffen werden, da man die Gesamtzahl der Beschäftigten im ersten und zweiten Jahr nicht kennt. Im dritten Teil konterkariert Frau Rose-Möhring ihr eigenes Beispiel:

50 Neueinstellungen mit 5 Frauen gegenüber 40 Neueinstellungen mit 4 Frauen im letzten Jahr zeigt gleichstellungspolitische Stagnation auf Steinzeitniveau. Aufbereitet zu einer Steigerung der Neueinstellung von Frauen um 20% (von 4 auf 5) ist es dann aber schon fast ein Durchbruch, soweit dies nicht weiter hinterfragt wird.

Eine Steigerung von 4 auf 5 Neueinstellungen ergibt nicht 20% Steigerung, sondern 25%. Zumindest nach meinem Männerverstand …


Zum Schluss noch eine Perle aus dem Rose-Möhringschen Lehrblog der »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte«:

Computer sind im Grunde ehrliche und wahrheitsliebende Kerle. Sie rechnen im Rahmen der Programmierung unermüdlich alles und das richtig. Sie kümmern sich nicht darum, ob die Daten richtig erhoben wurden, ob die verglichenen Zeiträume stimmig sind, ob Äpfel mit Birnen verglichen werden oder ein Zahlenverhältnis überhaupt etwas Vernünftiges aussagt.

Das könnte man nach der Lektüre der ersten drei Artikel über die Autorin auch vermuten.


Der Teil 4 ist offenbar für den kommenden Montag vorbereitet, aber ich habe ihn durch Zufall in der Suche schon gefunden. Im ersten Absatz heißt es:

Der Zeitpunkt ist gekommen, sich um den interpretatorischen Teil der Statistik zu kümmern. Die Systematikerinnen unter Ihnen werden vielleicht einwenden, dies sei auch schon in den anderen Teilen enthalten gewesen […]

Der gesunde Menschenverstand sagt mir: Nein. War er nicht. Es war ja noch nicht mal fehlerfreie Prozentrechnung enthalten. Es bleibt nur zu hoffen, dass es Frauen mit Kenntnissen der Statistik gibt, die den Mut haben, Frau Rose-Möhring zu erklären, was sie da für eine Leistung abgeliefert hat …


Quellen: »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte« von Kristin Rose-Möhring.

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

(Abgerufen am 20. November 2014.)



Mein Kürbis-Risotto 2014

17. November 2014

Die Zutaten für zwei Personen:

  • 250g Carnaroli-Reis
  • 1 kleine Tasse Olivenöl
  • 2 große frische Knoblauchzehen
  • 1 kleine, scharfe, frische Paprikaschote
  • 2 große Tassen heißer, milder Gemüsefond
  • Meersalz
  • 250g festes Kürbisfleisch (Hokkaido) grob geraspelt

Die Zubereitung:

  1. Knoblauch und Paprika werden geputzt und in ganz kleine Stücken geschnitten.
  2. Der Boden eines dickbödigen Topfs wird gut mit Olivenöl bedeckt.
  3. Knoblauch und Paprika werden bei mittlerer Hitze ganz kurz leicht angedünstet.
  4. Der Reis kommt hinzu. Jetzt wird alles vorsichtig gerührt, damit der Reis von allen Seiten mit Öl umhüllt ist. Es beginnt nach Öl, Knoblauch und Paprika zu duften.
  5. Das geraspelte Kürbisfleisch wird untergehoben und eventuell noch etwas Öl zugegeben. Dabei wird weiter gründlich gerührt.
  6. Nach etwa 3 bis 4 Minuten wird schrittweise mit einer kleinen Kelle etwas heißer Gemüsefond zugegeben. Und gerührt!
  7. Das Risotto im Auge behalten. Wenn die Flüssigkeit aufgebraucht ist: Eine Kelle zugeben und Rühren nicht vergessen!
  8. Das Kürbis-Risotto ist nach etwa 10 bis 12 Minuten cremig. Wenn zum letzten Mal Flüssigkeit zugegeben wird, kann man es nach dem Rühren mit etwas Meersalz abschmecken.


Von Büchern, Hüten und ProfessoriXen: Eine Antwort auf Antonia Baum

17. November 2014

Als ich zur Zeit der Wende an der Technischen Universität Dresden studierte, hatten wir einen Professor[1], der in der DDR seit den 1970er Jahren als Autor eines wichtigen Fachbuchs bekannt war. In der Wendezeit stand er kurz vor der Emeritierung.

Wer mein Fach studieren wollte, kam an dem Fachbuch des Professors nicht vorbei: Erstens war es recht gut und zweitens gab es in der DDR-Fachliteratur wegen der Ressourcenknappheit keine große Auswahl.

Wenn wir uns als Dresdner Studenten mit Studenten von außerhalb austauschten, kam oft die Rede auf Professor X: Was es denn für ein Gefühl sei, an seiner Fakultät zu studieren und an seinem Institut studentische Hilfskraft zu sein?

Es waren durchaus gemischte Gefühle: Professor X hatte in den Jahrzehnten seit dem Erscheinen seines berühmten Fachbuchs kaum noch etwas veröffentlicht. In seinen Vorlesungen und in seinem Umgang mit den Doktoranden wurde er von Jahr zu Jahr unleidlicher, beim akademischen Mittelbau war er gefürchtet, und das Personal der Universität machte meist einen weiten Bogen um ihn. Legendär war die lange Liste der Bücher, die er aus der Bibliothek ausgeliehen und nie zurückgegeben hatte.

Wenn wir als Studenten ins Erzählen kamen, fiel meist auch der Spitzname des Professors: Hinter seinem Rücken wurde er Professor Gessler genannt, weil rund um sein Büro eine ganze Batterie aus unsichtbaren Gesslerhüten gegrüßt werden musste. Man hatte auch am Ende der DDR und in der Wendezeit das Machtgefälle zwischen den Professoren und dem »Rest« zu respektieren.

Die Zeit des Professors X an unserer Universität endete an einem traurigen Novembertag Anfang der 1990er Jahre. Als er sein Büro endgültig verlassen hatte, begann das große Aufräumen. Zwei Dutzend Fachbücher aus der Bibliothek fanden wir verstaubt unter dem Sofa, auf dem er so gern Mittagsschlaf gehalten hatte …


25 Jahre später hat sich Antonia Baum gestern in der F.A.S. mit den Diskussionen rund um die Professorin Antje Lann Hornscheidt befasst, die sich nicht mehr als Professorin, sondern als Profx bezeichnen lassen will.

In ihrem Artikel zeigt Antonia Baum einige Absurditäten und Unverschämtheiten, mit denen die Diskussion vergiftet wurde. Antonia Baum nimmt die Perspektive der Berliner Professorin ein, und das ist nicht nur legitim, sondern notwendig – aber sie vergisst dabei einen ganz wesentlichen Punkt: das Machtgefälle zwischen Professoren und Studierenden.

Ich kann keinen Artikel über den Fall Hornscheidt lesen, ohne an unseren Professor X zu denken. Es gibt nämlich nicht nur sprachlich einen Unterschied zwischen den Wendungen »Achten Sie darauf, mich als Profx anzusprechen!« und »Ich wünsche mir, als Profx angesprochen zu werden.«

Wer früher als Student oder Doktorand zu Professor X ging, war sich des Machtgefälles spätestens beim Warten im Vorzimmer bewusst. Wer heute auf der offiziellen Webseite der Professorin Hornscheidt liest

Wollen Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen? Achten Sie bitte darauf, Anreden wie “Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt” zu verwenden.

und dort zu einer obligatorischen Prüfung antreten muss, wird sich wohl sehr gründlich überlegen, ob er seine Sprache verbiegt oder seine Prüfungsnote in Gefahr bringt.

Dieser »Wunsch«, wie es Antonia Baum interpretiert, ist allenfalls unter Gleichgestellten ein Wunsch. Unter Berücksichtigung des akademischen Machtgefälles ist es kein Wunsch mehr. Man stelle sich einen Augenblick vor, ein Professor mit Adelstitel würde auf seiner offiziellen Webseite betonen

Wenn Sie mit Professor von und zu X Kontakt aufnehmen möchten, achten Sie bitte darauf, die Anrede »Seine Freiherrliche Hoheit« zu verwenden.

Auch in diesem Fall würde eine Anrede konstruiert, die es gar nicht gibt. Die »Freiherrliche Hoheit von und zu …« erscheint in der aufgeklärten Gesellschaft des Jahres 2014 genauso absurd wie die »Profx Hornscheidt«. In erster Linie sind diese Wendungen aber anmaßend, denn in beiden Fällen wird von Studierenden und Mitarbeitern eine Unterwerfungsgeste verlangt.

Es gibt rein rechtlich die beiden Anreden »Sehr geehrte Frau Professor …« und »Sehr geehrter Herr Professor …«. Die sexuelle und soziale Selbsteinstufung der Lehrpersonen ist Privatsache und hat in offiziellen Beziehungen an der Universität nichts zu suchen. Der alte Gesslerhut sollte in der Mottenkiste bleiben. Er wird nicht dadurch akzeptabel, dass man ihn heute als Gesslix-Hut aufstellt.


Ergänzungen:

1. Ich bitte alle Leserinnen und Leser, Frau Prof. Hornscheidt als Mensch zu respektieren und demgemäß nicht auf der persönlichen Ebene anzugreifen.

2. Es geht mir in meinem Artikel ausschließlich um das offizielle Handeln von Frau Prof. Hornscheidt in ihrem Amt an der Uni. Jede Person kann sich privat nennen lassen, wie sie möchte – in einer öffentlich-rechtlichen Machtposition geht das aber nicht.

3. Frau Prof. Hornscheidt ist an der Humboldt-Uni in ein Amt berufen worden. Möglicherweise muss man dort nach der Berufung kaum noch Leistungsnachweise bringen. Es ist trotzdem vermessen, eine Amtsenthebung zu fordern, nur weil uns ihre Publikationen suspekt vorkommen. Rechtlich gesehen ist das nicht möglich.

4. Es ist in Ordnung, wenn Antonia Baum in der F.A.S. auch die Perspektive von Frau Prof. Hornscheidt darstellt. Das gehört zum Pluralismus. Ich finde es aber problematisch, dass sie die eine Seite positiv und die andere negativ verzerrt.


[1] In der fiktiven Figur »Professor X« sind Erinnerungen an die Eigenheiten mehrerer Personen aus meiner Zeit an der TU zusammengefasst.



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