Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (4): Hat jemand einen Hinweis auf konstruktiven Dialog?

10. Oktober 2014

Ich hätte zu der Diskussion ja noch eine ganz einfache Frage: Ist denn irgendwo eine Debatte dokumentiert, in der die #Aufschrei-Initiatorinnen (speziell Frau Wizorek) überhaupt auf sachliche Gegenargumente eingegangen sind?

Dass es diese sachlichen Gegenargumente gibt, sollte unumstritten sein. Sie kommen sowohl von Männern als auch von Frauen. Speziell auf Twitter haben sich auch Frauen deutlich und sachlich kritisch gegenüber dem Radikalfeminismus geäußert. Mir ist aber kein Fall bekannt, in dem sich daraus eine sachliche Diskussion ergeben hätte.

Übersehe ich etwas? Ich bin dankbar für Hinweise!


Ein anderes Beispiel: Ich habe jetzt über ein halbes Jahr den Twitter-Account von Christina H. Sommers verfolgt und bin stichprobenartig einigen Dutzend Verweisen gefolgt.

Frau Prof. Sommers setzt sich unter anderem kritisch mit Statistiken und Studien des radikalen Feminismus auseinander – und man kann ihr nun wirklich kein »hate speech« und keine Misogynie nachweisen. Die einzige mir bekannt gewordene Auseinandersetzung der Genderfeministinnen mit Sommers’ Argumenten ist eine Buchverbrennung im Kamin.


Zweifellos werden die Diskussionen im Netz durch Beleidigungen, Mobbing und »hate speech« gestört. Man diskutiert gerade in dieser Woche, ob man die Täter (gibt es auch weibliche?) nun als Trolle, Orks oder Hater bezeichnen soll. Mir fehlt da übrigens eine Kategorie: Der nützliche Provokateur (»agent provocateur«).

Mir scheinen Artikel wie dieses Lexikon der Hater auch ein Teil der Selbst-Immunisierung gegen Kritik zu sein. Denn die Fehler der eigenen Seite werden dabei konsequent ausgeblendet und es gibt auch dort keine Hinweise, unter welchen Umständen die Autorin denn einen Dialog führen würde.

Aber eigentlich will ich wissen: Wo bleiben die Diskussionen auf einer vernünftigen Ebene? Polarisiert das Thema so stark, dass wir dazu nicht mehr in der Lage sind? Die Presse hat in Bezug auf das #Aufschrei-Buch leider absolut nichts zu bieten – gibt es denn doch eine Chance für eine bessere Diskussion im Netz?



Anmerkungen zum #Aufschrei-Buch (2): Wie geht man miteinander um?

7. Oktober 2014

Als ich mich mit dem Ausschnitt über die männlichen Verbündeten des Radikalfeminismus befasst habe, ist mir eine verblüffende Parallele aufgefallen.

Es ist interessant, wie religiöse Fundamentalisten mit Frauen und auch radikale Feministinnen mit Männern umgehen. Folgendes Muster passt frappierend auf beide:

  1. Halt den Mund. Hör mir zu. Und zwar richtig.
  2. Du trägst Schuld. Du trägst große Schuld.
  3. Setze dich mit deiner Schuld auseinander.
  4. Ändere dein Verhalten. So wie ich es dir sage.
  5. Du kannst einen kleinen Teil deiner Schuld abtragen.
  6. Ich werde dir zeigen, was du dabei falsch gemacht hast.
  7. Gehe zurück zu Punkt 1.

In Frau Wizoreks Buch liest sich das laut einer Rezension in der taz so:

„Was es heißt, ein guter Verbündeter zu sein“, nennt sie ein Kapitel und dekretiert: „Hör zu. Und zwar richtig.“ – „Setz Dich mit Deiner eigenen Schuld auseinander.“ – „Ändere Dein Verhalten.“

Vergessen hat die Rezensentin noch die bemerkenswerte Zeile: »Du wirst verkacken und du wirst daraus lernen.« – Arne Hoffmann schreibt in seiner Rezension über das #Aufschrei-Buch treffend:

Als gleichberechtigtes Gegenüber bei Diskussionen auf Augenhöhe sind Männer in Wizoreks Welt nicht vorgesehen.


Gemeinsam ist den religiösen Fundamentalisten und den radikalfeministischen Aktivistinnen: Sie wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit. Sie setzen auf das Prinzip der Sünde und Schuld. Sie maßen sich die Definitionshoheit über die Fehler und die Befehlshoheit über das Verhalten anderer Menschen an.

Gemeinsam ist ihnen aber auch: Mit diesen Methoden können sie die Motivation ihrer Anhängerschaft nicht erhalten und sie werden kaum Anhänger gewinnen.

So motiviert man niemanden. So schreckt man nur ab. Das Ergebnis: Auf Twitter melden sich viele emanzipierte, kluge, qualifizierte Frauen zu Wort – und distanzieren sich hart von den Thesen der radikalfeministischen Blase um Frau Wizorek.


Die fundamentalistische Diskussionsweise radikaler »Genderist*Innen« hat vor einigen Tagen sogar die Chefredakteurin einer feministischen Zeitschrift auf die Palme gebracht. Sie schreibt in einem anderen Zusammenhang über diese Diskussions(un)kultur:

Das ist sehr viel schwieriger für mich geworden, seit sich in unseren aktivistischen Zirkeln eine “call out culture” etabliert hat, die sehr schnell zu sehr hohen Wellen von Entrüstung und persönlichen Angriffen gegen diejenigen führt, die aus Ignoranz oder Achtlosigkeit Regeln missachtet, einen falschen Ausdruck verwendet, oder sich anderer “Vergehen schuldig” machen.

Diese Dynamik verbreitet Angst innerhalb unserer eigenen Community, weil jede fürchten muss, für irgendeine unbeabsichtigte Ignoranz als nächste im Auge des Sturms zu landen und sozial geächtet zu werden. Zu unreflektiert, zu wenig radikal, keine “gute” Feministin.

[Nachtrag: Bei »Alles Evolution« wird über diesen Artikel diskutiert.]


Das bestätigt meine Beobachtung: Ausgrenzung, Anfeindungen und Fundamentalismus bringen uns nicht weiter. Zuletzt also ein Plädoyer für den Ausgleich:

[…] dann kann ein Feminismus von heute … oder vielleicht von morgen? … nur der sogenannte Equity-Feminismus sein, der die Anliegen beider Geschlechter ernst nimmt und sich keine Definitionshoheit anmaßt, welche Sorgen und Probleme zählen (die der Frauen) und welche nicht (die der Männer).
[Arne Hoffmann am Ende seiner Rezension bei Amazon.]