Die AfD ist im Osten stark, aber sie wäre auch ohne den Osten in den Bundestag gekommen

2. Oktober 2017

Die nackten Zahlen zum Abschneiden der AfD in Ostdeutschland und Westdeutschland zeigen: Die AfD hat im Osten doppelt so viel Zuspruch wie im Westen. Im Westen sind es ca. 11 Prozent, im Osten ca. 22 Prozent.

Tatsache ist aber auch, dass die AfD ohne eine einzige Ost-Stimme in den Bundestag gekommen wäre. Dafür hätten allein die im Westen erzielten Stimmen gereicht.

Um das zu zeigen, muss man nur die Anzahl der gültigen AfD-Stimmen im Westen ins Verhältnis zur Anzahl der gesamtdeutschen gültigen Stimmen setzten.

Die AfD hat deutschlandweit etwa 5,9 Millionen gültige Stimmen bekommen, davon etwa vier Millionen im Westen und etwa 1,9 Millionen im Osten. Insgesamt wurden 46,4 Millionen gültige Stimmen abgegeben.

Bezieht man nun die vier Millionen gültigen AfD-Stimmen im Westen auf die Gesamtzahl der gültigen Stimmen, erhält man einen Anteil von etwa 8,7 Prozent.

Damit ist bewiesen, dass die AfD auch ohne eine einzige Zweitstimme aus dem Osten in den Deutschen Bundestag eingezogen wäre. Und daraus ergibt sich, dass man in beiden Landesteilen nach Ursachen suchen sollte.


Ein Klick auf das Bild vergrößert die Ansicht:


Datenquelle zum Anklicken: Bundeswahlleiter/Bundestagswahl 2017


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Warum ich gern im Buchhaus Loschwitz einkaufe, obwohl ich die Ansichten der Eigentümerin nicht teile

1. Oktober 2017

Der MDR hat an diesem Wochenende einen Beitrag veröffentlicht, in dem die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen zu Wort kommt. Sie ist über die Stadtteile Loschwitz und Blasewitz hinaus eine bekannte Dresdner Persönlichkeit, weil sie gemeinsam mit ihrem Mann das mehrfach ausgezeichnete Buchhaus und Kulturhaus Loschwitz führt.

In dem MDR-Beitrag geht es unter anderem um Susanne Dagens Wahlentscheidung für die AfD. In einem früheren Interview zeigte sie Verständnis für die Pegida-Bewegung:

Susanne Dagen: Ich sympathisiere mit denen, die seit zwei Jahren auf die Straße gehen. Wenn die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen und das Ringen um Verständnis Pegida-nah ist, dann bin ich es. 2011 ist »Empört euch« von Stéphane Hessel erschienen, da haben alle gejubelt.

Die Zustimmung zur AfD und zu Pegida kann ich nicht teilen: Die AfD ist für mich nicht wählbar und die Reden der Pegida sind für mich erst recht nicht akzeptabel. Doch in einer freien, demokratischen Gesellschaft ist Frau Dagens Meinung so legitim, wie es jede andere Meinung auch ist. Die AfD ist eine zu Wahlen zugelassene demokratische Partei und die Pegida hat das Demonstrationsrecht.


In der zivilisierten Kommunikation stehen die Argumente einer jeden Person gegen die Argumente der Kontrahenten – Kontroversen müssen im fairen Wettkampf ausgetragen werden. Verpönt sind hier Angriffe gegen die Person: gegen die Hautfarbe, die Figur, das Geschlecht oder das Alter.

Diese Regeln sind nicht immer leicht einzuhalten: Kontrahenten werden zuweilen auch als Ideologen, Demagogen, Lobbyisten oder »alte weiße Männer« bezeichnet. Das geht dann an die Grenze zwischen der Argumentation in der Sache und der Argumentation gegen die Person.

Eine gravierende Grenzverletzung war in der Kommunikation bisher immer die Argumentation gegen die Existenz. Don Alphonso schreibt im Blog der FAZ:

Es wird gefährlich, wenn es nicht mehr um politische Argumente und Lösungen für das Land geht, sondern um die verbale Ausgrenzung der Feinde, die Verleumdung ihrer Geschichte, Herkunft und ihres sozialen Umfelds, das in Kollektivhaftung genommen wird.

Boykottaufrufe und Boykotte sind Äußerungen und Handlungen gegen die berufliche oder gesellschaftliche Existenz eines Menschen. Wenn wir allgemein akzeptieren, dass eine Diskussion nicht bis zum Angriff auf den Kernbereich des Menschen getrieben werden darf, dann ist auch der Boykottaufruf gegen eine Buchhandlung keine einfache Meinungsäußerung mehr.

Gegen den Boykottaufruf führe ich deshalb nicht das Argument an, dass die Buchhandlung ein unglaublich breites kulturelles, politisches und gesellschaftliches Sortiment anbietet. Gegen den Boykottaufruf spricht vielmehr schon das Prinzip, dass Reaktionen auf unliebsame Meinungsäußerungen nicht den Kernbereich der Existenz treffen dürfen.


Ergänzung 1 (Quelle: FAZ, Ende des Artikels):

Eine große Mehr­heit der Deut­schen von 73 Pro­zent ist dafür, die AfD im Bun­des­tag wie jede an­de­re Par­tei zu be­han­deln. Das zeigt eine Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Emnid für „Bild am Sonntag“. 25 Pro­zent der Be­frag­ten spra­chen sich da­ge­gen aus



Was die Medien aus der nicht repräsentativen U-18-Wahl machen

16. September 2017

[Hinweis: Der folgende Artikel bezieht sich zwar auf Sachsen. Die Aussagen über die fehlende Repräsentativität der Zahlen gelten aber auch für jedes andere Bundesland. Die Datenbasis ist in anderen Bundesländern sogar noch schlechter.]


Die Redaktion der »Sächsischen Zeitung« berichtet heute über die U-18-Wahlen in Sachsen und stellt dabei folgende Zahl in den Mittelpunkt:

»Die Alternative für Deutschland (AfD) hat unter den Wählern von morgen in Sachsen besonders viel Zustimmung. Bei der sogenannten U18-Bundestagswahl stimmten am Freitag 15,46 Prozent für diese Partei. […] Damit liege die AfD in Sachsen auch weit über dem Bundesdurchschnitt. Dort erreichte die Partei 6,74 Prozent.«

Beide Aussagen sind irrelevant. Zum einen ist die U-18-Wahl weder für Sachsen noch für den Bund repräsentativ. Wenn man aber zwei nicht repräsentative Zahlen miteinander vergleicht, kann dabei nichts Sinnvolles herauskommen. Zum anderen ist die Wahlbeteiligung sehr gering.

An den U-18-Wahlen in Sachsen haben 12.200 junge Menschen teilgenommen. In Sachsen gibt es aber etwa 450.000 Schülerinnen und Schüler [Quelle: Destatis, siehe unten]. Wir können also von einer »Wahlbeteiligung« unter vier drei Prozent ausgehen.

Schon diese Zahl zeigt, wie gering der Anteil der jungen Leute tatsächlich ist, die die AfD nachweislich unterstützen, indem sie sich aktiv zugunsten der AfD an der U-18-Wahl beteiligen: es sind knapp 2.000 von 450.000 Kindern und Jugendlichen.


Nun könnte man einwenden, dass die Stichproben bei repräsentativen Umfragen viel kleiner sind: Bei der »Sonntagsfrage« werden meist zwischen 1.000 und 2.000 erwachsene Deutsche befragt.

Das Ergebnis der #U18Wahl kann aber für die »Wähler von morgen in Sachsen« nicht repräsentativ sein. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Die jungen Leute wurden nicht nach den Regeln der Demoskopie ausgesucht und dann befragt, sondern sie konnten sich selbst entscheiden, ob sie an der Abstimmung teilnehmen möchten. Also nahmen politisch engagierte junge Leute mit höherer Wahrscheinlichkeit an der U-18-Wahl teil als nicht engagierte.

In den teilnehmenden Schulen und Jugendeinrichtungen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (vermutlich) durch Lehrkräfte und Betreuer zur Teilnahme motiviert. Das ist als Schulung in Demokratie unbedingt zu begrüßen – aber es ergibt natürlich kein für Sachsen repräsentatives Bild: Wo es weit und breit gar keine U-18-Wahlen gab, fehlte diese Motivation.

Die Wahllokale der U-18-Wahlen in Sachsen sind nämlich vor allem in den großen Städten Dresden, Leipzig und Chemnitz konzentriert. In der Sächsischen Schweiz gibt es kein einziges U-18-Wahllokal (die nächste Möglichkeit wäre in Pirna). In der ganzen Stadt Riesa gibt es kein U-18-Wahllokal – junge Leute müssten entweder nach Oschatz oder nach Großenhain fahren. Im Erzgebirge oder auch in Nordsachsen gibt es nur wenige Möglichkeiten zum Mitmachen.

Somit hat die »Sächsische Zeitung« ein weiteres Mal gezeigt, dass in der Redaktion in Sachen Statistik und Demoskopie noch viel Verbesserungsbedarf besteht …


Ergänzung 1: Deutschland hat knapp elf Millionen Schülerinnen und Schüler. An der U-18-Wahl haben sich 220.000 Schülerinnen und Schüler beteiligt. Das entspricht also zwei Prozent. Für die Repräsentativität gilt bundesweit dasselbe, was ich zu Sachsen geschrieben habe.


Ergänzung 2: Die ZEIT übernimmt zwar alle Fehlschlüsse von dpa, aber sie ergänzt wenigstens die Worte »nicht repräsentativ«. Obwohl dann natürlich die Ausdrucksweise des ganzen Artikels nicht mehr stimmt …



Ermächtigungsgesetz und Euthanasie

9. September 2017

In den sozialen Netzwerken und in der »Sächsischen Zeitung« wurde heute kontrovers über den Tagesordnungspunkt 9 der letzten Stadtratssitzung diskutiert: »Wir entfalten Demokratie. Lokales Handlungsprogramm für ein vielfältiges und weltoffenes Dresden«.

Dabei wurde eine unglückliche Formulierung des CDU-Stadtrats Böhme-Korn in den Mittelpunkt gestellt: Um zu zeigen, dass die Demokratie zu unerwünschten Ergebnissen führen kann, führte er das Ermächtigungsgesetz von 1933 an. Das war ein unglücklich gewähltes Beispiel:

Kurz vor der entscheidenden Reichstagssitzung war zwar noch einmal der Reichstag gewählt worden, aber die Wahl und die letzten Sitzungen dieses Reichstags standen schon unter dem Druck der Nazis. Von einer freien Parlamentssitzung kann also nicht mehr die Rede sein. Unumstritten ist jedoch, dass die Fehler und Schwächen der Demokratie in der Weimarer Republik zum Erstarken der NSDAP und letztlich zur Machtergreifung Hitlers führten.

Ergänzung: Bei ca. 3:28 h beginnt in der Aufzeichnung die etwa siebenminütige Rede von Herrn Böhme-Korn. Es lohnt sich, sie im Zusammenhang zu hören.


Leider hat die »Sächsische Zeitung« als führende Lokalzeitung tendenziös über die Sitzung berichtet, indem sie allen Ernstes aus einem gleichartigen Abstimmungsverhalten der Opposition im Stadtrat eine »Allianz« konstruierte. Man muss es leider so klar sagen: Das ist kein objektiver Bericht über die Sitzung. Zitat:

Denn der Rat diskutierte knapp zwei Stunden darüber. Es gab eine Allianz zwischen CDU, FDP, AfD und NPD dagegen, eine zum Teil unterirdische Debatte und die Bemühungen von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), den Ruf der Stadt aufzupolieren und die gespaltenen Dresdner zu einen, wurden ausgerechnet vom Rat torpediert.

Was es wirklich gab: differenzierte Argumente demokratisch gewählter Stadträte gegen das Handlungsprogramm. Was es ebenfalls gab: ein gleichartiges Abstimmungsverhalten gegen das Programm. Es gab aber keinerlei argumentative oder organisierte »Allianz«. Zur Erinnerung: Eine Allianz ist ein vertraglich geregeltes Verhältnis zwischen gleichberechtigten Partnern.

In einer demokratischem Abstimmung kann es nur die Möglichkeiten JA, NEIN und Enthaltung geben. Ein »Nein, aber nicht so wie die AfD und die NPD« ist in der Satzung des Stadtrats nicht vorgesehen.


Eine Abgeordnete der Linken konstruierte daraufhin eine Zusammenarbeit demokratischer Parteien mit Neonazis:

Krass. #Dresden. #AfD, #CDU, #NPD & #FDP vereint gegen ein Stadtprogramm gegen rechts.

Das ist einfach nur verzerrend und bösartig. Aus einem gleichen Abstimmungsverhalten ein »vereint« konstruieren ist schon deshalb Unsinn, weil die NPD in sozialen Fragen durchaus auch mit der Linken stimmt.

Und warum sollte man das skandalisieren? Was wäre z. B. daran falsch, wenn auch Rechte für ein Sozialticket im ÖPNV stimmen würden, weil aus ihrer Sicht die Vorlage richtig ist? Wird der Beschluss dadurch entwertet?


Im weiteren Verlauf der sehr müden Debatte hat der Grünen-Stadtrat Schmelich folgendes gesagt [etwa bei 4:05:30 beginnt sein Beitrag in der Aufzeichnung]:

Ich soll die CDU jetzt nicht provozieren, wurde mir gerade mit auf den Weg gegeben. Das ist schwer. Das ist eine echte Herausforderung zu später Stunde. […]

[Einige Sätze später spricht Schmelich die CDU an:]

Und was ich von Ihnen höre, ist das Plädoyer für die Euthanasie der Demokratie, für das Einschläfern der Demokratie.

[Zwischenrufe, Glocke]

Das heißt nichts anderes als Einschläfern.

Ohne die beiden unglücklich gewählten Worte aufrechnen zu wollen: Warum wird über diese völlig überflüssige Bemerkung eigentlich nicht diskutiert? Schmelich wirft der CDU nichts anderes vor, als die Demokratie zu töten.

Alle Bedeutungen von Euthanasie laufen auf den Tod hinaus: »einschläfern« im Sinne von »euthanasieren« ist nichts anderes als ein euphemistischer Begriff für das Töten eines Tieres.

Die Hauptbedeutung von »Euthanasie« ist (bezogen auf ein totalitäres System) das systematische Töten von Menschen, die das System als nicht lebenswert einstuft.

Vor der NS-Zeit gab es das Wort »Euthanasie« noch im Zusammenhang mit »Sterbehilfe«. Aber auch das passt natürlich überhaupt nicht: Die CDU ermordet die Demokratie nicht und sie leistet auch keine Sterbehilfe.



Wie die ZEIT ihre Leser in Sachen Parteiprogramme verwirrt

1. September 2017

In einem aktuellen Artikel der ZEIT werden Wahlprogramme mit statistischen Methoden untersucht. Es wird mehrmals betont, dass diese Untersuchung »computergestützt« erfolgte. Der dazugehörige Artikel ist so fehlerhaft, dass er mich zum Widerspruch herausfordert.


Auf die Länge kommt es nicht an

Der Autor des Artikels hat mit Skripten in der Statistik-Programmiersprache R nach dem längsten Wort, dem längsten Satz und dem längsten Parteiprogramm gesucht. Er hat über die Wortlänge herausgefunden:

Das längste Wort der sechs Programme ist übrigens die Mindestlohndokumentationspflichtenverordnung, welche die FDP abschaffen will.

Dieses Wort stammt allerdings gar nicht von der FDP, sondern es bezeichnet eine tatsächlich vom Gesetzgeber erlassene Verordnung. Wer diese Verordnung abschaffen will, muss sie natürlich auch benennen dürfen. Hätte die Partei die gängige Abkürzung MiLoDokV verwendet, dann hätte niemand etwas damit anfangen können.

Zweifelhaft ist auch der rein quantitative Vergleich der Satzlängen: Einen gut geschriebenen langen Satz kann man »abwickeln« wie eine Schriftrolle – er kommt dem Leser entgegen und wird unmittelbar verstanden. Bei einem schlecht geschriebenen langen Satz muss man immer wieder nach dem Anfang oder nach dem letzten Orientierungspunkt suchen. Es leuchtet unmittelbar ein, dass es auch hierbei nicht auf die Länge ankommt. Somit hat es aber auch keinen Sinn, den längsten Satz jedes Parteiprogramms zu identifizieren.

Der Vergleich der Längen literarischer Werke oder politischer Programme ist letztlich genauso irrelevant: Man kann ein langes, spannendes, gut geschriebenes Werk bis zum Ende lesen und man kann ein kurzes, langweiliges, schlechtes Werk gähnend weglegen.

Fazit 1: Die Wortzahl ist nicht das entscheidende Kriterium für die Bewertung von Parteiprogrammen. Die Länge des längsten Satzes ist für das Verständnis irrelevant – es kommt auf dessen Qualität an. Die häufige Verwendung sehr langer Wörter gilt zwar als Kennzeichen schwer verständlicher Texte, aber dazu wurde offenbar keine Untersuchung vorgenommen.


Lesbarkeit und Verständlichkeit der Wahlprogramme

In dem ZEIT-Artikel ist eine Grafik enthalten, in der folgender Sachverhalt dargestellt werden soll:

Der hier verwendete Index gibt an, wie viele Bildungsjahre ungefähr nötig sind, um einen Text verstehen zu können. Zum Vergleich die durchschnittliche Werte für Texte des Sozialwissenschaftlers Niklas Luhmann und einem Dossierartikel aus DIE ZEIT.

Abgesehen davon, dass das »Bildungsjahr« nirgendwo im Artikel definiert ist: In der Grafik werden mit der »Illusion der Präzision« (Walter Krämer) Werte auf zwei Kommastellen genau dargestellt.

Auf zwei Kommastellen genau! Ein Zehntel eines Jahres sind ca. 36 Tage, ein Hundertstel sind ca. dreieinhalb Tage. Man kann sich die zugehörigen Daten herunterladen [unterhalb der Grafik steht Quelle: WZB und »Daten«] und stößt dabei auf folgende Angaben:

AfD,11.5948037684511
CDU/CSU,10.3210168503582
FDP,11.1246488076462
Grüne,10.5654073529334
Linke,11.0994424518685
Luhmann,12.8551158189592
SPD,11.209526051119
ZEIT Dossier,8.2088166524783

An dem Balkendiagramm und an den Angaben im Artikel ist bereits erkennbar, dass die Berechnung keine sinnvolle Grundlage haben kann. Muss man sich wirklich 88 Tage länger bilden, um nach dem CDU-Programm (10,32 Bildungsjahre) auch das Programm der Grünen (10,56 Bildungsjahre) zu verstehen? Aber ganz abgesehen von der Illusion der Präzision und von den lächerlichen Unterschieden zwischen den »Bildungsjahren«, die man für Parteiprogramme benötigen soll, gibt es folgende sachliche Einwände:

Menschen haben eine unterschiedliche Auffassungsgabe. Jeder Mensch lernt anders. Jeder Mensch baut anderes Wissen auf und braucht anderes Wissen. Jeder Mensch macht andere Erfahrungen. Vor zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren lernte man anders als heute.

Dazu kommt: Deutschland ist ein föderaler Staat mit sehr unterschiedlichen Bildungssystemen und sehr unterschiedlicher Bildungsqualität. Ein Bildungsjahr in Bremen und ein Bildungsjahr in Bayern sind so schwer zu vergleichen wie das Bremer Abitur und das Abitur in Bayern.

Verzeihen Sie mir bitte den harten Ausdruck: Es ist völliger Blödsinn, die Bildungswege von Millionen wahlberechtigten Deutschen unterschiedlichster Intelligenz zwischen 18 und über 90 Jahren auf »Bildungsjahre« herunterzubrechen. Selbst wenn der Intelligenzquotient irgendwie in die Definition des Bildungsjahres einbezogen sein sollte, wären die Bildungsjahre immer noch nicht vergleichbar.

Dass man Texte nicht allein anhand quantitativer Analysen der Wortlänge und der Satzlänge einschätzen kann, wurde oben schon gezeigt. Auch der Vergleich der Komplexität eines Textes von Prof. Luhmann mit der Komplexität des Parteiprogramms der AfD ist von eher geringer Aussagekraft. Das alles hindert die ZEIT nicht an der vollmundigen Behauptung:

Das belegen Lesbarkeitsindices, denen einen Analyse der durchschnittlichen Wort- und Satzlängen zugrunde liegt. Der hier verwendete Index gibt ungefähr an, wie viele Bildungsjahre nötig sind, um einen Text verstehen zu können. Zwar sind die Programme deutlich einfacher zu verstehen als ein Text von Niklas Luhmann, aber auch deutlich schwieriger als beispielsweise das Dossier der ZEIT. [Hervorhebung von mir]

Fazit 2: Weder mit der quantitativen Analyse der Wahlprogramme noch mit dem zweifelhaften Ansatz eines wie auch immer gearteten »Bildungsjahres« kann man belegen (was für ein großes Wort!), welches Parteiprogramm schwerer oder leichter verständlich ist. Fast genauso sinnvoll wäre eine Untersuchung des Kaffeesatzes aus den Büros der Parteivorsitzenden.


Zur Stimmung der Parteiprogramme

Schließlich geht der ZEIT-Artikel auf die Stimmung der Programme ein: sind sie eher positiv oder negativ »aufgeladen«? Diese Berechnung hat etwas mehr Hand und Fuß, wird aber von der ZEIT falsch dargestellt:

Das CDU-Programm 2017 ist das bisher optimistischste
Das Verhältnis von positiven zu negativen Wörtern in den Wahlprogrammen. Werte über 0 zeigen eine positive Stimmung, Werte unter 0 eine negative.

Wenn man sich die Zahlen dazu anschaut, wird deutlich, dass das nicht stimmen kann. Das Verhältnis zwischen positiven und negativen Wörtern in den Wahlprogrammen kann nicht gemeint sein. Würden in einem Programm z. B. hundert positive und zweihundert negative Wörter stehen, ist das Ergebnis eine Verhältniszahl von 0,5.

Was vermutlich wirklich untersucht wurde: Das Verhältnis zwischen den positiven Wörtern und der Gesamtzahl der Wörter eines Parteiprogramms. Und parallel das Verhältnis zwischen den negativ besetzten Wörtern und der Gesamtzahl der Wörter. Das lassen zumindest die Grafiken auf der zugehörigen Github-Seite unter »Sentiment« vermuten.

Fazit 3: Den einzigen halbwegs sinnvollen qualitativen Ansatz, nämlich die Suche nach positiv oder negativ besetzten Wörtern, vermasselt die ZEIT mit einer falschen Darstellung. Dazu hätte ich gern mehr erfahren.



Wahltag

31. August 2017

Herr, es ist Zeit. Der Wahlkampf war nicht groß.
Leg Deine Hand nun an die Wahllokale,
und in den Urnen lass bald Stimmen sein.

Befiehl den Briefwahlkästen voll zu sein;
gib Wählern noch zwei nachdenkliche Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzten Stimmen ins Kuvert hinein.

Wer jetzt nicht wählt, der kann es lang nicht mehr.
Wer jetzt nicht abstimmt, wird sehr ratlos bleiben,
wird fernsehn, lesen, in sein Blog was schreiben
und wird doch in den Straßen hin und her,
unruhig wandern, wenn ihn Skrupel treiben.


Ich bitte vorsorglich Rainer Maria Rilke und alle »Herbsttag«-Fans um Entschuldigung.

PS: Ich werde keine weiteren Gedichtparodien mehr veröffentlichen. Der Wahlkampf 2017 ist in weiten Teilen eine Farce – eigentlich hat es kein Gedicht verdient, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden.



Wie Medien über Barmbek und Israel berichten

30. Juli 2017

Stellen wir uns einen Augenblick vor, deutsche Medien hätten über den Terroranschlag von Barmbek in einem ähnlichen Stil wie über die Ereignisse auf dem Tempelberg berichtet:

Im Hamburger Stadtteil Barmbek haben vier Anwohner mit Stühlen, Tischen und Stangen einen palästinensischen Flüchtling angegriffen und verletzt. Dieser war vorher aus einem Supermarkt gekommen. Dort hatte er nach seinem Einkauf mehrere Menschen mit einem Messer angegriffen. Vier Menschen wurden verletzt und einer getötet.

Eine Meldung in diesen Stil scheint absurd und würde einen Sturm der Entrüstung auslösen. Es stimmen zwar alle Fakten, aber sie sind in einer völlig falschen Weise dargestellt.


Dieser Stil findet sich aber fast täglich in Meldungen über den Tempelberg, über den Gaza-Streifen oder über die Angriffe an Grenzübergängen. Viele Leser, Zuhörer und Zuschauer ärgern sich darüber. Zu kritisieren sind folgende Punkte:

Erstens werden Ursache und Wirkung vertauscht: Die Ursache einer Aktion darf in der Nachricht niemals am Ende stehen.

Zweitens werden gleiche Worte für unterschiedliche Kategorien verwendet. Es ist aber ein Unterschied, ob jemand bei einem Angriff oder bei der Abwehr einer Gefahr verletzt wird.

Drittens bekommen Angreifer und Attentäter oft mehr Beachtung als die Verteidiger und Sicherheitskräfte. In den Mittelpunkt einer Meldung gehören aber nicht die Probleme oder Beweggründe des Terroristen, sondern seine Tat und seine Opfer.

Und viertens hören wir viel zu oft die Passiv-Wendungen »es wurden … getötet« oder »es wurden … verletzt«. Es ist aber ein Unterschied, ob ein Angreifer friedliche Menschen tötet oder ob die Polizei den Angreifer tötet. Die Passivkonstruktion verschleiert die Realität.


Nicht alle Merkmale treffen auf jede Nachricht zu, aber es gibt Beispiele erschreckender Gedankenlosigkeit (oder muss man Absicht unterstellen?):

Die Tagesschau: Aus Protest gegen die verschärften Sicherheitsvorkehrungen am Tempelberg in Jerusalem haben heute Tausende Muslime auf der Straße gebetet. Danach kam es zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften – drei Menschen wurden getötet. [Quelle]

Die ZEIT: Israel baut die Metalldetektoren ab, die Krawalle und blutige Angriffe ausgelöst hatten. Sehr spät versucht die Regierung, die Situation zu entspannen. [Quelle]

Die Tagesschau: Ein älterer palästinensischer Mann steht vor seinem Haus und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Sein Sohn hat am Vorabend drei Israelis getötet. Manche israelische Medien schreiben, er habe die Familienmitglieder förmlich abgeschlachtet. „Der Junge hat gesehen, was die Israelis gerade an der Al-Aksa-Moschee machen“, sagt er. „Sie töten, schlagen, verwunden die Menschen. Es gibt keine Gebete in unserer Heiligen Stätte mehr.“ Wenn es diesen Ort nicht mehr gebe, sagt der Vater, dann verschwinde auch die Ehre der Muslime. [Quelle]


Im Fall Barmbek erscheint es jedem völlig absurd, in dieser Reihenfolge über Ursache und Wirkung zu berichten. Die Nachrichten über Israel wurden aber jahrelang so präsentiert, bis sich endlich Protest bemerkbar machte. Schauen wir den Medien auf die Finger! Zur Übung:

Die Tagesschau: In den vergangenen Tagen war es in Jerusalem und dem Westjordanland immer wieder zu Unruhen gekommen. Auslöser waren zwischenzeitliche neue Sicherheitskontrollen für muslimische Gläubige am Tempelberg. Zwar baute Israel alle Kontrollvorrichtungen an den Zugängen ab. Dennoch war auch gestern die Gewalt eskaliert. Nach Angaben des Roten Kreuzes wurden 96 Palästinenser bei Zusammenstößen mit israelischen Polizisten verletzt. Es flogen Steine, Tränengas und Gummigeschosse. [Quelle]

Bekanntlich war der eigentliche Auslöser ein ganz anderer: Palästinensische Attentäter ermordeten zwei israelischen Polizisten. Man muss aber diesen Zusammenhang gar nicht kennen, um den Absatz zu kritisieren:

  1. Es ist nicht einfach »zu Unruhen gekommen« und die Sicherheitskontrollen waren auch nicht der »Auslöser«.
  2. Die Gewalt ist nicht einfach »eskaliert«, sondern die Palästinenser haben angegriffen.
  3. Es waren keine »Zusammenstöße«, sondern Angreifer trafen auf Verteidiger.
  4. Die Steine flogen nicht einfach so durch die Luft, sondern die Angreifer haben mit Steinen geworfen.
  5. Die Sicherheitskräfte haben auf die Angriffe mit Gummigeschossen und Tränengas geantwortet.
  6. (Zusatz): Es wurden sicher auch israelische Polizisten und Soldaten verletzt, aber davon findet sich gar nichts in der Meldung.

Ein größeres sprachliches und inhaltliches Versagen als in diesem Absatz scheint kaum noch möglich. Ich will nicht warten, bis Nachrichten über Ereignisse wie in Barmbek ebenso klingen.