Pathologisierung

7. Januar 2017

In diesem Artikel geht es um die Pathologisierung von Menschen als psychisch krank und um das totale Absprechen der Diskussionsfähigkeit. Pathologisierung kann auch andere Bedeutungen haben: etwa dass die sexuelle Orientierung als krankhaft eingestuft wird oder dass jemandem eine Krankheit eingeredet wird, die es so gar nicht gibt. Darum geht es hier nicht.

Ein Gastautor des Mediums »Tichys Einblick« hat unter der Überschrift

Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten

einen Beitrag verfasst, der mir sehr missfällt und dem ich entschieden widersprechen muss. Der Autor beginnt:

Normalerweise liegt es mir vollkommen fern, Menschen zu pathologisieren. Damit sollte man äußerst vorsichtig sein und wenn immer möglich davon absehen. In diesem speziellen Fall erscheint es mir aber notwendig, da ansonsten nicht verständlich wird, was in nahezu allen westlichen Gesellschaften seit einigen Jahrzehnten so gewaltig schief läuft.

Die rhetorische Figur »normalerweise tue ich das nicht, aber hier erscheint es mir notwendig« ändert nichts an der Tatsache, dass bereits die Überschrift für ein bürgerlich-konservatives Medium völlig inakzeptabel ist. Dazu komme ich gleich.

Der zweite Satz des zitierten Abschnitts soll vermutlich aussagen: Ohne die Pathologisierung der Gutmenschen kann man nicht erklären, was in westlichen Gesellschaften schief läuft.

Es wird nicht erläutert, was da »schief läuft«. Es wird auch nicht begründet, warum eine einfache Erklärung für komplexe gesellschaftliche Entwicklungen reichen soll. Ich bin zu höflich, um an dieser Stelle schon grob zu werden, aber es kocht in mir.


Die Geschichte der Pathologisierung ist lang. In allen totalitären Herrschaftssystemen haben die Machthaber gesunde Menschen in die Psychiatrie gesteckt, so z. B. in der UdSSR der Stalinzeit, in China unter Mao, in der DDR oder auch in der ČSSR. Es geschah, um sie zu brechen, um sie in Vergessenheit geraten zu lassen, oder um sie besonders heimtückisch zu bestrafen.

Am Anfang stand dabei immer: Die Machthaber erklären jemanden als »psychopathologisch gestört«. Diese Wendung hat demzufolge in einem Medium der konservativen Mitte und überhaupt im Werterahmen des Grundgesetzes nichts zu suchen.


Der Autor fährt fort:

Und da ich hier keine Einzelpersonen anspreche respektive diagnostiziere, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, möchte ich mir heute diese Freiheit nehmen, von meinem Grundsatz ausnahmsweise abzurücken.

Grün-linke Gutmenschen (eigentlich nur Gutmeiner, weil gute Menschen etwas anderes meint) erscheinen mir – und ich sage das nicht einfach so dahin – krank. Nicht körperlich, sondern geistig-psychisch.

Wir haben in Deutschland eine Partei »Die Grünen« und sie steht mir politisch normalerweise recht fern. Aber sie besteht, verdammt noch mal, aus knapp 60.000 erwachsenen Menschen. Und es ist kaum vermeidbar, dass sich die meisten davon als »grün-links« angesprochen fühlen.

Vermutlich ist das im rechtlichen Sinne keine Beleidigung. Aber es ist eine Ungeheuerlichkeit, allen Personen, die sich als Grün/Links definieren, pauschal die Diskussionsfähigkeit und die geistige Gesundheit abzusprechen. Um das zu erkennen, muss man nicht so viel studieren:

Jürgen Fritz studierte Philosophie (Schwerpunkte: Erkenntnistheorie und Ethik), Erziehungswissenschaft (inklusive Lern- und Entwicklungspsychologie), Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt).

Dafür braucht man nur den gesunden Menschenverstand und den absolut grundlegenden Anstand.


Wenn ein Autor aber so viele Fächer studiert hat, dann sollte er in der Lage sein, eine schlüssige Argumentation aufzubauen. Ich erkenne in dem Artikel keine Antwort auf die rhetorische Frage in der Überschrift

Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten

Da steht im Grund nur: Das ist so, weil das so ist. Der links-grüne Gutmensch ist psychopathologisch gestört, weil er sich psychopathologisch gestört von der realen Welt abgekoppelt hat – und mit psychopathologisch Gestörten kann man nicht reden.

Der Artikel lässt also auch jegliche Argumentationskette oder auch das Abwägen von Argument und Gegenargument vermissen. Und spätestens an dieser Stelle platzt jeder Kragen:

Sie können Differenzierungen und Bewertungen von Menschen, die immer auch mit Negationen einhergehen, auch solche rein sachlicher Art, innerlich nicht ertragen, weil sie rein gefühlsgesteuert agieren und ihnen die Vorstellung, dass Menschen unterschiedlich, auch für die Gesellschaft unterschiedlich wertvoll, ja, viele sogar schädlich sind, unangenehme Gefühle bereitet und dies für sie der höchste und im Grunde einzige Maßstab ist, wie sich etwas anfühlt. Ganz wie beim Tier oder beim Kleinkind.

Jetzt werden also die kognitiven Fähigkeiten von erwachsenen Anhängern der links-grünen politischen Richtung auf eine Stufe mit den kognitiven Fähigkeiten von Tieren und Kleinkindern gestellt. Ja, hackt es jetzt?

Allein die absurde Idee, erwachsene Menschen, Tiere und Kleinkinder auf diese Weise in einen Zusammenhang zu bringen, hätte in der Redaktion Alarm auslösen müssen. Ganz abgesehen von dem Versuch, bei Unbekannten (wörtlich) ein »tief gestörtes Verhältnis zum eigenen Ich« zu diagnostizieren. Oder von der Überweisung zum Facharzt:

Mit derart gestörten Personen sollte man nicht großartig diskutieren. Man muss sie behandeln. Aber das müssen spezialisierte Fachärzte machen.

Der Artikel hätte so nie veröffentlicht werden dürfen und auch die Diskussion ist überflüssig. Mit Verlaub, Herr Präsident, mit Verlaub, Herr Tichy: Wie kann ein Mann so viele wunderbare Fachgebiete (inklusive Philosophie und Ethik!) studieren und dann so eine Scheiße schreiben?


Weil die Anfrage von »Tichys Einblick« kam und weil auch andere angefragt haben: Alle meine Artikel können in jedem beliebigen Umfang sinnerhaltend zitiert oder »re-bloggt« werden. Als Quelle bitte einfach mein Blog verlinken. Weil es manchmal das Missverständnis gibt: »stefanolix« ist ein Pseudonym. Ich heiße nicht Stefan Olix und das Pseudonym ist auch nicht so gemeint.



Den Hunger auf der Welt mit Feminismus bekämpfen?

4. Januar 2017

Seit dem Advent 2016 schaue ich mir regelmäßig Beiträge aus anderen politischen »Lagern« an. Gestern Abend wurde ich auf einen Beitrag aus einem linksradikal-feministischen Blog aufmerksam gemacht, aus dem ich mir nur den letzten Absatz zum Kommentieren entnehme. Die Fortsetzung des Zitats finden Sie unten.

Jüngst las ich einen Zeitungsartikel. Demnach veröffentlichte die FAO, die Welternährungsorganisation, eine Studie (6), die zeigte, dass, wenn Frauen in ländlichen Regionen die gleichen Chancen hätten wie Männer, 150 Millionen Menschen weniger Hunger leiden würden weltweit. Warum? Weil Frauen das Geld besser einsetzen und erfolgreicher wirtschaften.

Verlinkt ist unter dem Artikel die Zusammenfassung einer politischen Studie des WFP (Welternährungsprogramm der UN). Darin werden einige plausible Thesen vertreten, es wird aber auch bedenkenlos Kausalität mit Korrelation verwechselt und es wird vor allem auf eine viel zu einfache Lösung gesetzt: »Frauen sind die Lösung für das Problem Hunger«. Ein Beispiel für einen klassischen Fehlschluss:

10. Bildung ist der Schlüssel. Eine Studie zeigt, dass die Frauen mit einem Schulabschluss gesündere Familien haben. Ihre Kinder sind meist besser genährt und sterben seltener an vermeidbaren Krankheiten. (Quelle: FAO, 2011)

Es ist aber genau anders herum: Gesellschaften auf einem höheren sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Niveau haben eine bessere Gesundheitsversorgung, nähren ihre Kinder besser – und geben ihren Mädchen und Frauen eine bessere Bildung.

Nur zu diesem Thema habe ich einen kurzen, sachlichen Kommentar geschrieben. Er wurde natürlich nicht veröffentlicht, sondern offenbar inzwischen von der Moderation gelöscht. Hier ist er dokumentiert:


Ich denke, dass man die Arbeit [ich sage bewusst nicht: den Kampf] gegen den Hunger und für bessere Ernährung unbedingt im Sinne der Arbeitsteilung sehen muss. Arbeitsteilung im Sinne der Herstellung notwendiger Voraussetzungen (Werkzeuge, Maschinen, Düngemittel), im Sinne der eigentlichen Feldarbeit, im Sinne der Logistik und schließlich auch im Sinne der Verteilung der Lebensmittel. In einigen Regionen kommt noch der Schutz der Arbeitenden gegen Überfälle hinzu.

Das kann man nicht auf den in Ihrem Link angesprochenen Unterschied Frau-Mann reduzieren. So romantisch es klingt: eine Farm, ein Bauernhof oder auch ein Weingut nur »in der Hand von Frauen« kann in der modernen Welt nicht funktionieren und es wird immer nur eine Scheinlösung bleiben. Im Falle des Weinguts ist »Wein aus Frauenhand« sicher eine clevere Masche in Marketing und PR, aber das Prinzip löst sicher nicht das Hungerproblem. Wir alle (Frauen und Männer) sind Teil einer arbeitsteiligen Gesellschaft und wir müssen fair zusammenarbeiten.

Es ist völlig richtig, bei der Lösung der Probleme in der Dritten Welt die Frauen zu unterstützen und einzubeziehen: Schulbildung, berufliche Ausbildung, Gesundheit, aufgeklärte Selbstbestimmung über die Geburten, AIDS-Prävention usw.

Aber es ist auf der anderen Seite falsch, sich von einer Landwirtschaft »von Frauen für Frauen« die Lösung des Hungerproblems zu erhoffen. Da müssen auf jeder Ebene der sozialen Vernetzung und in jedem Teil der landwirtschaftlichen Prozessketten Frauen UND Männer einbezogen werden.


Die feministische Autorin fährt fort:

Ich schnitt den Zeitungsartikel aus und trage ihn seither bei mir. Wenn ich sie treffe, die barttragenden linken Männer meiner Jugend, jetzt gealtert und ein bisschen wehleidig, und sie mich fragen, warum ich dieses ganze Feminismusding auf einmal so verbissen sehe und mich dann vorwurfsvoll fragen, warum ich auf keine Demos mehr gehe, jetzt, wo doch alles so schlimm sei, dann hole ich den Zeitungsartikel hervor und zeige ihn ihnen.

Natürlich ist es aus ihrer Sicht legitim, dass sie einen Zeitungsartikel und die Website einer Studie als Argument für ihre Meinung einsetzt. Aber verengte Weltbilder (wie den Linksradikalismus) wird man nicht los, indem man ein neues verengtes Weltbild (wie den Radikalfeminismus) annimmt.

Der Feminismus muss nicht links oder rechts werden, er muss nicht die Welt retten vor dem Rechtsruck, nur damit wir Frauen im nächsten Augenblick wieder die dressierten Sexobjekte der linken Weltverbesserer sein dürfen. Wer die Welt retten will, muss aufhören, links zu sein und damit beginnen, Feminist zu werden.

Das ist mehrfach falsch. Erstens hat noch niemals eine ausgrenzende Ideologie »die Welt gerettet«. Zweitens sind Männer in unserer modernen westlichen Gesellschaft schon lange keine homogene Gruppe aus Unterdrückern und Weltverbesserern mehr. Und drittens sollte man sein Weltbild niemals nur auf den Informationen aufbauen, die ins Bild passen. Das endet nämlich immer in Unfreiheit.

Der oben verlinkte Artikel hat ja viele Absätze und beschreibt einen ziemlich klar gescheiterten politischen Lebenslauf. Oft fragt man sich beim Lesen: Wie ist das möglich und warum lassen Frauen in linksradikalen/-autonomen Verhältnissen so etwas mit sich machen? Aber andererseits leben wir in einer pluralistischen und immer noch ziemlich freien Gesellschaft. Ein Ausstieg aus einengender Ideologie sollte in jedem Alter möglich sein.



Unbequemes

31. Dezember 2016

Im Sommer 2016 habe ich mir das Buch »Die neuen Deutschen. Das Land vor seiner Zukunft« von Marina und Herfried Münkler gekauft. Gestern habe ich einen Tag in der Sauna genutzt und einen großen Teil des Buchs in einem Zug gelesen. Warum erst gestern?

Ich habe das Buch im Sommer noch im eingeschweißten Zustand weggelegt, weil mich die Vermarktung irritiert hat: nach meiner Wahrnehmung wurde es als Begründung für die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung »verkauft«.

Ein zweites Mal habe ich das Buch ungeöffnet weggelegt, als Herfried Münkler mit dem Spruch »Große Teile des Volkes sind dumm« nicht gerade um Sympathiepunkte warb. Ich muss also zugeben, dass ich das Buch gestern mit einer gewissen Voreingenommenheit in die Hand genommen habe.

Er hat aber in dem Interview auch etwas gesagt, was ich richtig fand:

Nehmen wir mal das Beispiel Kompromissbildung. Je mehr einer Bevölkerung, einer Bürgerschaft an Politik partizipieren, desto mehr haben einen Sinn für Kompromisse, wissen das zu schätzen. Populismus ist unter anderem auch, das ist keine erschöpfende Definition, eine Verachtung gegenüber dem Kompromiss.

Somit stand es unentschieden und ich habe mit einem gewissen Grundoptimismus gesagt: Wenn man ein Buch ohnehin gekauft hat, dann kann man es auch lesen.


Das Autorenpaar ist inzwischen aus vielen Interviews bekannt: Prof. Dr. Marina Münkler ist Literaturwissenschaftlerin an der TU Dresden. Prof. Dr. Herfried Münkler ist Politikwissenschaftler an der HU Berlin.

Das Buch besteht aus vier großen Kapiteln und einem sehr umfangreichen Quellenverzeichnis. Etwas vereinfacht: Das erste Kapitel ist eine Einführung in das Thema, dann folgen zwei Kapitel zur Analyse der historischen und gegenwärtigen Migrationsbewegungen und schließlich folgt der Ausblick in die Zukunft.

Ich habe zuerst die beiden Analyse-Kapitel gelesen und fand viele Gedanken wieder, die ich mir als politisch denkender Bürger und politikwissenschaftlicher Laie auch gemacht habe – aber in einer hochkonzentrierten Form, mit Quellenangaben, mit (für mich) neuen Zusammenhängen und mit vielen Anreizen zum Weiterdenken. Das war wirklich ein Gewinn.

Marina und Herfried Münkler schreiben prägnant. Man spürt, dass an den Formulierungen gründlich gearbeitet wurde. Verglichen mit vielen anderen aktuellen Büchern aus dem Regal »Politik« ist dieses Buch sprachlich sehr gut.

Das Buch liest sich in weiten Teilen nicht wie ein gewöhnliches politisches Sachbuch, sondern wie eine gründliche geisteswissenschaftliche Arbeit. Es ist für die Zielgruppe der gebildeten Bürger verfasst. Man kann es nicht einfach nebenher lesen.


Das Buch dürfte den Befürwortern völlig offener Grenzen und den Befürwortern einer Abschottung Deutschlands zu gleichen Teilen weh tun. Man muss es unvoreingenommen und ohne Illusionen lesen. Die Probleme werden an vielen Stellen wie mit dem Seziermesser offengelegt – und das liest sich nicht immer angenehm. Der Zustand der EU wird etwa so schonungslos offengelegt, dass man sich fragt: Wie soll diese Staatengemeinschaft jemals wieder zu einer gemeinsamen Politik kommen?

Die Autoren betrachten die folgenschweren Entscheidungen zur Grenzöffnung 2015 und konfrontieren dabei sowohl die Kritiker als auch die Anhänger Angela Merkels mit unbequemen Wahrheiten.

In einer ziemlich harten, aber zum Teil auch gerechten Rezension wurde das Buch als »Katechismus der Einwanderungs-Befürwortung« bezeichnet: Das ist es nicht. Freilich muss man eine dicke Haut haben, wenn man es als Kritiker der aktuellen deutschen Flüchtlingspolitik zu Ende lesen will.

Genau entgegengesetzt argumentierte die taz: Sie sah das Autorenehepaar vom linken »Klassenstandpunkt« als Vertreter einer Elite, die es ja sehr leicht hätten, von anderen mehr Verantwortung zu fordern. Immerhin kommt Autor Jan Feddersen zu dem Ergebnis: »Die Streitschrift der Saison, optimistisch und ungemütlich zugleich.«


Für mich als wertorientierten Bürger in der Mitte der Gesellschaft ist das Buch zum einen eine Art Gradmesser, auf welche Weise man Probleme ansprechen »darf« und mit welchem Hintergrundwissen man aus der Mitte der Gesellschaft nach allen Seiten argumentieren kann. In dieser Hinsicht ist es ein Gewinn, der weit über den Aufwand des Lesens hinausgeht.

Zum anderen sind viele Stellen auch eine Herausforderung zum Widerspruch und zum Nachdenken über Fehlendes. Die Geschehnisse in Sachsen werden etwa recht einseitig und manchmal nur auf der Grundlage der ersten vorliegenden Informationen betrachtet. Hier hätte ich mir die Gründlichkeit gewünscht, die die Autoren in der wissenschaftlichen Hintergrundarbeit an den Tag gelegt haben.


Kritiker des Buchs haben bemängelt, dass die Lösungsvorschläge der Autoren falsch seien und dass sie eine zu optimistische Sicht auf die 2014 bis 2016 Zugewanderten hätten. Das mag sein. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Redaktionsschluss für das eigentliche Manuskript im März oder April 2016 gewesen sein dürfte, wenn man noch Zeit für Lektorat, Satz und Druck kalkuliert.


Zurück zur eingangs zitierten Bemerkung Herfried Münklers »Große Teile des Volkes sind dumm.« Wenn man sich die Leserbriefe in der Dresdner Lokalpresse nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt anschaut, könnte man im ersten Ansatz formulieren: Große Teile des Volk sind vorschnell in ihrem Urteil.

»Das Volk« sieht auf den Leserbriefseiten mehrheitlich Angela Merkel in direkter oder mindestens indirekter Verantwortung, was zum voreiligen Urteil führen könnte, dass da nur Populisten und deren Opfer am Werk seien.

Man muss die Leserbriefe aber zweimal lesen: zuerst mit dem Hintergrundwissen der Münklers und dann noch einmal aus der Sicht der Absenderinnen und Absender. Die Absenderinnen und Absender der Leserbriefe beschäftigen sich mit den Problemen auf ihrem jeweiligen Wissensstand und mit ihrem jeweiligen Hintergrund. Sie sind deshalb aber nicht »dumm«. Sie können (Bereitschaft vorausgesetzt) dazulernen. Das ist die Aufgabe politischer Bildung.

Ich wünsche mir für 2017, dass Marina und Herfried Münkler etwas mehr von dem verstehen, was »das Volk« bewegt. Ich wünsche mir für 2017, dass wir alle bereit sind, über Zusammenhänge länger nachzudenken und unser Grundlagenwissen zu stärken. Das gilt auch für die Absenderinnen und Absender der Merkel-kritischen Leserbriefe, die in diesen Wochen eine einzige Ursache für ein hochkomplexes Problem sehen.

Denn die einseitige Schuldzuweisung an die Merkels, an die EU, an die Eliten, an die »Lügenpresse« – aber auch an die Sachsen und an die »Populisten« – die wird auch 2017 falsch sein. Wir brauchen im Gegenteil ethische Grundsätze, Offenheit, Toleranz, Bereitschaft zum Dazulernen und eben auch unbequeme Bücher.



Kommunikation darf nicht im Desaster enden

28. Dezember 2016

In der letzten Nacht musste ich feststellen, dass kurz vor den Weihnachtsfeiertagen eine wichtige E-Mail in einem meiner Filter hängengeblieben war. Ich hatte die Antwort auf meine Kritik an einem Medienbeitrag der »Tagesthemen« verpasst. Unter dem Artikel steht jetzt eine Korrektur.

Als ich dieses Thema und einige andere Diskussionen auf Twitter noch einmal nachgeschlagen habe, bin ich erschrocken: selbst alltägliche Diskussionen werden zusehends zu einem verbissenen Kampf ohne Fairness und ohne Anstand.

Wenn uns Terrorismus und Schrecken im eigenen Land nahe sind, wenn wir die Folgen der Migrationskrise in unseren Städten und Gemeinden sehen, wenn wir über die Auswirkungen der Krisenpolitik entsetzt und über manche Medien enttäuscht sind: Wir dürfen nicht vergessen, dass da auf der anderen Seite auch Menschen sitzen.

Der »Tagesthemen«-Beitrag aus dem Sommer 2016 mit dem Vergleich zwischen dem Tod durch Ersticken und dem Tod durch Terror hat viele Reaktionen hervorgerufen. Ich nehme für mich in Anspruch, dass mein Artikel noch zu den sachlichen Reaktionen zählt. Ich habe sachlich und emotional gegen diesen aus meiner Sicht nicht angemessenen Vergleich argumentiert.


Es gibt leider auch unsachliche Beiträge und Beschimpfungen zu diesem Thema und zu anderen Themen. Soziale Medien sind sehr offene Plattformen. Sie geben uns viele Freiheiten. Der große Nachteil ist, dass sich buchstäblich jeder Account in jedes Gespräch und jedes Thema einmischen kann.

Es tut mir leid, dass es zu Beschimpfungen gekommen ist. Ich bin aber nicht dafür verantwortlich, auf welche Weise Dritte mit dem Thema umgegangen sind. Ich kann nicht kontrollieren, wer ein Thema von mir aufgreift. Ich will und kann niemanden zu einem besseren Benehmen erziehen.

Ich vergesse nicht, dass da als Absender Menschen sitzen: mit ihren Lebensläufen, mit unterschiedlicher Bildung, mit einem eigenen Horizont, mit sehr ausgeprägten Meinungen, mit persönlichen Sicherheiten und Unsicherheiten. Ich habe im Jahr 2016 sogar gelernt, dass Trollen eine eigene »Kunstform« sein kann – und wie jede neue Kunstform [miss]verstanden werden muss. [Kennt eigentlich heute noch jemand die Geschichten von Till Eulenspiegel?]

Aber letztlich darf der Bereich der Menschlichkeit nicht verlassen werden. Dieser Bereich wird dann verlassen, wenn die Gegenseite bedroht wird, wenn ihr Lügen in den Mund gelegt werden, wenn Falschmeldungen über Menschen ganz bewusst oder fahrlässig weitergegeben werden.


Die Zeiten sind vorbei, in denen die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ihre Meldungen und Meinungen auf uns werfen konnten, so wie früher die Götter vom Olymp mit Blitzen und Urteilen geworfen haben.

Die Zeiten, in denen der Leserbrief mit den Einwänden eine Woche später in die Ablage gelegt wurde, kommen auch nicht wieder. Wir sind als Zuschauer und Leser kritischer geworden. Wir hinterfragen in Echtzeit. Wir protestieren in Echtzeit.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass da auf der anderen Seite auch Menschen sitzen: in den Redaktionen wie auch in den Social-Media-Abteilungen. Deshalb mein Appell und meine Bitte für das kommende Jahr an alle, die mir auf Twitter zuhören und hier meine Artikel lesen:

Lasst uns die Grundregeln des Anstands wahren. Lasst uns Diskussionen führen, ohne Vernichtung anzustreben. Wir machen uns sonst selbst Stück für Stück die Kommunikationswege kaputt.

Wer einen zugespitzten Tweet oder Artikel von mir wirklich nur zum Anlass nimmt, auf die »Gegenseite« mit der verbalen Keule loszugehen, ist bei meinem Blog und meinem Twitter-Account an der falschen Adresse. Wir haben Meinungsfreiheit für eine sehr große Bandbreite der Meinungen und es ist sehr viel Raum im Netz. Aber die Diskussion darf nicht mit dem Ziel der verbalen Vernichtung geführt werden.

Im Jahr 2017 wird es wieder Krisen und Terroranschläge geben, es sind auch Landtagswahlen und Bundestagswahlen mit harten Wahlkämpfen zu erwarten. Ich will dann noch kommunizieren können, ohne im Müll zu ersticken. Wenn die Kommunikation in den sozialen Netzwerken zum Desaster wird, kann ich mein Blog und meinen Twitter-Account nur noch schließen.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit im Jahr 2016, für viele gute Diskussionen und viele Anregungen. Ich habe mich für Meinungen aus anderen Lagern geöffnet und konnte (vielleicht) einige Leute aus diesen Lagern erreichen. Ich kann nur für mich sprechen: Mir hat es genutzt und mir hat der Wettkampf der Meinungen manchmal sogar Spaß gemacht. Auch wenn das Jahr 2016 als solches nun wirklich weg kann.



Verhältniszahlen und Vergleiche

23. Dezember 2016

Nach dem Terroranschlag in Berlin wurde wieder einmal eine Erklärung der »Tagesthemen« zum Risiko des Todes durch Ersticken oder durch einen Terroranschlag verbreitet. Sie stammt von Ende Juli 2016. Das war kurz nach dem Terroranschlag von Nizza. Schauen Sie sich den Original-Tweet der »Tagesthemen« an:

Links im Bild sehen Sie die Journalistin Charlotte Gnändiger. Sie soll den Zuschauerinnen und Zuschauern erklären, ob die Terrorangst »zu recht« wächst. Die Kernaussage in Frau Gnändigers Erklärung ist (transkribiert aus dem Video):

»Zumindest in Deutschland ist es sogar deutlich wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken. Daran sind in den vergangenen Jahren jeweils mehrere hundert Menschen gestorben – mehr als bei Terroranschlägen in ganz Westeuropa zusammen.«

Hier soll also folgender Beweis geführt werden: Die Wahrscheinlichkeit für einen Tod aufgrund der Ursache A (Ersticken) ist größer als für einen Tod aufgrund der Ursache B (Terroranschlag). Folglich muss man vor B weniger Angst haben als vor A.


Der Vergleich zwischen den beiden Wahrscheinlichkeiten enthält aber einen logischen Fehler: Sie stammen aus unterschiedlichen Kategorien. Deshalb ist die Schlussfolgerung ungültig.

Die Ursache A (Ersticken beim Essen) kann der einzelne Mensch beeinflussen: etwa durch sorgfältiges Entgräten des Fischs, durch vorsichtigen Umgang mit Steinobst oder generell durch Mäßigung beim Essen und beim Trinken von Alkohol.

Die Ursache B (Tod durch Terroranschlag) kann der einzelne Mensch nicht beeinflussen. Um sein Risiko zu senken, etwa in Berlin oder Paris zum Terroropfer zu werden, müsste er sich aus dem gesellschaftlichen und beruflichen Leben weitgehend zurückziehen, was logischerweise keine Lösung sein kann. In Paris wurden Menschen ermordet, weil sie zufällig bei einem Konzert waren. In Berlin wurden Menschen ermordet, weil sie auf einem Weihnachtsmarkt verkauft oder eingekauft haben. Der polnische Fahrer wurde ermordet, weil er einem islamistisch motivierten Verbrecher im Weg war.

Dazu kommt noch ein zweiter Unterschied: Hinter dem Tod durch Ersticken beim Essen steckt keine Absicht. Es gibt keine bekannte Macht oder Einflussgröße, die bewusst darauf hinwirkt, dass mehr Menschen beim Essen ersticken.

Es gibt aber sehr wohl eine Einflussgröße, die mehr Menschen durch Terror sterben lassen will. Das ist der militante Islamismus. Es war Ende Juli 2016 bereits bekannt, dass die Zahl der Terroropfer durch islamistischen Terror 2015 gestiegen war und 2016 weiterhin steigt. Es war auch bekannt, dass die Anzahl der radikalisierten »Gefährder« steigt.

Kurz gesagt: Der Vergleich ist untauglich, weil darin Risiken in Beziehung gebracht werden, die aus viel zu unterschiedlichen Risikokategorien stammen.


Das dazugehörige Diagramm ist nicht besser als die Argumente. Es zeigt für die Jahre 2006 bis 2014 den Zeitverlauf für die Terror-Todesopfer in Westeuropa und die Toten aufgrund des Erstickens in Deutschland. Das Diagramm ist mindestens aus den folgenden Gründen manipulativ:

  1. Die Terroranschläge von Madrid (mit fast 200 Toten, 2004) und London (mit 56 Toten, 2005) bleiben außen vor.
  2. Obwohl zum Zeitpunkt der Ausstrahlung alle Terror-Todesopfer von 2015 bekannt waren, wird das Jahr 2015 ebenfalls ausgespart.
  3. Statistisch gesehen beziehen sich beide Zahlenreihen auf unterschiedliche Bezugsgrößen: einmal auf die deutsche Bevölkerung und zum anderen auf die Bevölkerung Westeuropas. Das ist unseriös.
  4. Die gescheiterten Terroranschläge werden nicht erwähnt. Bei den vollendeten Terroranschlägen und bei den Versuchen hätten immer deutlich mehr Menschen sterben können. Es lag ja in der Absicht der Attentäter, möglichst viele Menschen zu töten – man denke etwa an die versuchten Anschläge auf Stadien. Nur durch Zufälle oder mutiges Einschreiten kam es nicht soweit.
  5. Ergänzung: Auch die lebenslang durch die Nachwirkung schwerer Verletzungen betroffenen Menschen werden in dem Beitrag ignoriert.

Somit sollte auf der Hand liegen, dass das Diagramm für keine seriöse Argumentation etwas taugen kann. Und dabei haben wir über die Fehler in der grafischen Darstellung noch gar nicht geredet.


Ich habe heute (einige Tage nach dem Anschlag von Berlin) Charlotte Gnändiger mit ihrer Erklärung von damals konfrontiert und sie gefragt:

Würden Sie auch heute noch öffentlich den Vergleich mit »Ersticken beim Essen« anstellen?

Sie antwortete:

Aus Pietät persönlich aktuell: nein. Rein statistisch gilt der Vergleich aber noch. Wurde diese Woche auch wieder herangezogen.

Falls der Tweet von Frau Gnändiger gelöscht werden sollte, ist bei Twitter auch ein Screenshot als Beweis für den Dialog zu finden.


Grundsätzlich gilt der Vergleich nur dann, wenn man bereit ist, völlig unterschiedliche Kategorien der Gefährdung miteinander zu vergleichen. Das kann man natürlich machen (so wie man beliebige Zahlen ins Verhältnis setzen kann) – aber es hat dann nichts mehr mit Statistik zu tun. Es ist also gerade nicht »rein statistisch«.

Außerdem ist sehr erstaunlich, dass die »Tagesthemen« den Vergleich direkt nach dem furchtbaren Anschlag von Nizza gebracht haben, während Frau Gnändiger ihn heute »aus Pietät« nicht bringen würde. Gibt es also Opfer erster und zweiter Klasse? Ich habe Frau Gnändiger also via Twitter die folgenden drei Fragen gestellt:

1. Warum haben Sie den Vergleich dann nicht auch aus Pietät gegenüber den Opfern in Frankreich und Belgien unterlassen?

2. Warum endet Ihr (grafisch schlechtes) Diagramm im Jahr 2014, obwohl Sie es Ende Juli 2016 veröffentlicht haben?

Und letztlich 3.: Welchen Vergleich ziehen Sie heran, wenn Sie die Opfer des IS-Terrors weltweit zählen?


Frau Gnändiger hat es nicht für nötig gehalten, auch nur auf eine der drei Fragen zu antworten.

Korrektur [28.12.2016, 02.37 Uhr]: Eine E-Mail von Charlotte Gnändiger hat mich leider erst am 27.12.2016 erreicht. Sie wurde kurz nach dem Wortwechsel auf Twitter abgesendet. Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist.


An dieser Stelle auch noch eine Ergänzung zu dem Beitrag der »Tagesthemen«. Der Vergleich mit der Vergangenheit des Terrorismus ist ebenfalls nicht angemessen: Die RAF, die ETA, die IRA und andere westeuropäische Terror-Organisationen verfügten bei weitem nicht über die Schlagkraft und die Vernetzung der heutigen militanten Islamisten.

In Deutschland richtete sich der Terror der RAF damals gegen Vertreter des Staates, der Banken und der Industrie. Heute richtet sich der Terror gegen einfache Menschen im Regionalexpress, auf dem Weihnachtsmarkt, auf dem Brüsseler Flughafen, in der Metro, oder in einem Pariser Konzertsaal. Kurz: es kann jeden treffen und es soll aus Sicht der Terroristen jeden treffen. In mehreren Fällen (etwa im Fall des Rucksackbombers, der sich im Sommer 2016 in einem Konzertpublikum in die Luft sprengen wollte) war es ein Riesenglück, dass es nicht mehr Tote gab.

An alle Journalisten, die solche Vergleiche anstellen: Bitte versetzen Sie sich einmal in die Situation der verletzten Terroropfer, der Angehörigen von Terroropfern oder auch der direkten Zeugen solcher Mordanschläge hinein – wollen Sie diesen Menschen persönlich mit Ihrem Vergleich „Ersticken am Essen“ gegenübertreten? Wenn das für Berlin gilt, dann gilt es aber auch für den Terror in Paris, Nizza oder Brüssel.



Jeden Tag einem Account aus einem fremden politischen Lager folgen: Das Protokoll einer Adventsaktion

1. Dezember 2016

Am 01.12.2016 habe ich auf Twitter versprochen, dass ich bis Weihnachten an jedem Tag einem politisch »fremden« Account folgen würde. In diesem Artikel wird das Protokoll der Aktion zusammengefasst. Die ältesten Eintragungen sind dabei unten zu finden. Das war der Ausgangspunkt:

Ich werde neugierig sein und auf die Eindrücke reagieren, die ich an dem jeweiligen Tag von einer bisher unbekannten Person habe. Ich will möglichst nichts über die Geschichte der Personen wissen. Vielleicht werde ich Radikalen folgen. Vielleicht stoße ich auf Personen, die in ihrem früheren Leben großen Unsinn gesagt oder getan haben. Vielleicht stoße ich auf Philosophen, vielleicht aber auch auf Spinner.

Es ist ein Experiment und ich weiß nicht, was dabei herauskommt. Im Idealfall lerne ich neue Perspektiven kennen und werde klüger. Eventuell werden mich aber auch Personen blocken, denen ich folgen will – oder es werden sich einige bisherige Follower abwenden.



10.12.2016

Kurz vor dem dritten Adventssonntag möchte ich auf einen Beitrag hinweisen, in dem Juna auf die Unzulänglichkeiten der Twitter-Plattform hinweist. Mein heutiger Eintrag im Adventskalender mag der Versuch einer Antwort sein.

Wenn man das Verhältnis zwischen einer Plattform und einem Menschen wirklich als »Beziehung« interpretieren kann, dann fällt mir dazu nach einigem Nachdenken ein: In jeder Beziehung bist du das wert, was du dir selbst wert bist. Twitter als Plattform dürfte das relativ gelassen sehen, also geht es um uns.

Ich interessiere mich für sehr viele Accounts aus den unterschiedlichsten politischen Lagern und gesellschaftlichen Gruppen. Ich finde (wie Juna) viele Äußerungen unpassend, die mich via Twitter erreichen, ich bin über manche Information wütend, ich widerspreche auch mancher Meinung.

Mir ist auf der anderen Seite auch bewusst, dass ich mancher Leserin und manchem Leser einiges zumute: wenn ich etwa auf Freiheit, auf Eigenverantwortung, auf Vernunft oder auf Selbstbestimmung verweise. Wenn ich Religion auf der einen Seite kritisiere und auf der anderen Seite verteidige. Wenn ich für sexuelle Aufklärung, Respekt und Selbstbestimmung in der Schule plädiere, aber andererseits gegen den Einfluss radikaler LGBTI*-Lobbygruppen bin.

Aber ich gehe doch mit einem festen Selbstbewusstsein und mit bestimmten Werten auf Twitter. Ich filtere ohne Blase, ich gewichte mit einer gewissen Lebenserfahrung und ich lerne auch mit Ende 40 noch dazu. Selbstbewusstsein, Werte und Erfahrungen führen wiederum zu einer gewissen Gelassenheit. Und davon werden wir 2017 noch viel mehr brauchen.



08.12.2016 und 09.12.2016

Heute gibt es eine Doppelfolge über das Folgen und das Diskutieren über Lagergrenzen hinweg. Ich will zuerst kurz erklären, warum ich so spät bei Twitter eingestiegen bin. Es war das Wort »folgen«, das mir gar nicht gefallen hat. Es ist mir zu stark mit »Gefolgschaft« verknüpft.

Ich übersetze den Twitter-Begriff »folgen« heute eher mit »sich für jemanden interessieren«. Ich interessiere mich für Twitter-Accounts, die mir Informationen, Meinungen und Personen erschließen.

Ein langjähriger Bloggerkollege sprach früher (vor der Zeit der sozialen Netzwerke) gern von Avataren als »Pixelhaufen« – interessant waren für uns damals eher die Aussagen, weniger die Absender. Denn wir konnten ohnehin nicht prüfen, wer hinter den Namen stand.

Eines der ersten Memes des damals noch recht jungen öffentlichen Internets war: »im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist«. Die Zeitschrift c’t machte regelmäßig mit Karikaturen von sich lachen, in denen etwa das Treffen der »Schönheiten des Netzes« als Treffen bleicher und korpulenter Nerds illustriert war.

Gestern habe ich einen polarisierenden Tweet eines polarisierenden und umstrittenen Twitter-Accounts aufgegriffen. Der Klick aufs Datum zeigt die Antworten.

Wie konnte ich nur? Eine kurze Äußerung zur Sache:

Der Staat kann von Eltern und Schülern die Teilnahme am Schwimmunterricht verlangen. Das Ziel der Maßnahme ist aber nicht, dass alle Mädchen Bikini und alle Jungen Dreieckbadehosen tragen sollen. Das Ziel ist: den Kinder und Jugendlichen das Schwimmen beizubringen. Natürlich in einer Kleidung, die zum Schwimmen bestimmt ist (nicht in Jeans oder Rollkragenpullover) …

Wenn sich Jungen mit weiten Badehosen bis zum Knie besser fühlen und Mädchen mit etwas mehr Stoff (Burkini ist nicht gleich Burka!), dann soll es eben so sein – entscheidend ist doch, dass sie schwimmen können und nicht gleich ertrinken, wenn sie mal ins Wasser fallen.

Ich bin auf die implizite Aussage des Tweets »Burkini = Islamisierung« eingegangen und nicht auf die Person. Ich halte weder das Profil des Absenders Kolja Bonke noch den speziellen Tweet für »protofaschistisch«. Kolja Bonke steht vermutlich Donald Trump und der AfD ziemlich nahe – ich stehe sicher nicht in dieser Reihe.

Aber ich denke, es ist wichtig, bestimmten Aussagen Tatsachen und auch eigene Meinungen entgegenzusetzen. Deshalb schaue ich mir an, was die »Achse des Guten« und die Gruppe um Roland Tichy publizieren. Deshalb schaue ich mir aber auch an, was einige dezidiert linke Medien sagen (Beispiele siehe unten). Und wenn es sein muss, widerspreche ich … 



07.12.2016

Es ist oft eine interessante Aufgabe, Statistiken und offizielle Zahlen zu hinterfragen. Es sollte im besten Fall im Sinne der Wahrheitsfindung und des Erkenntnisgewinns geschehen.

Vielleicht haben Sie auf Twitter auch die Liste mit Zuwendungen für Flüchtlingshilfe (im sehr weiten Sinne) gesehen, die die AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag als Antwort auf eine Anfrage an die Staatsregierung erhalten hat. Diese Liste war allerdings nur die Liste der Anträge, wie »couragiert« am Nikolaustag twitterte.

Die richtige Liste mit den tatsächlich bewilligten und den inzwischen ausbezahlten Fördergeldern ist in diesem Artikel referenziert. Dort wird auch erzählt, wie es zu der unvollständigen Auskunft kommen konnte.

Die Liste der Anträge, die vorher von der AfD veöffentlicht wurde, ist aber trotzdem interessant: Sie zeigt, von welchen Interessengruppen und mit welchen Begründungen staatliches Geld beantragt wird.



06.12.2016

Gestern wurde die kontrovers diskutierte »Charta der digitalen Grundrechte« vorgestellt und offenbar mit dem umstrittenen Artikel 5 an das EU-Parlament übergeben.

Eine gut fundierte Kritik an der Vorgehensweise und einige Hintergründe habe ich beim Publizisten Wolfgang Michal gefunden.



05.12.2016

An diesem Montag soll die kontrovers diskutierte »Charta der digitalen Grundrechte« vorgestellt werden. Als Frontmann der Charta steht Sascha Lobo in der Öffentlichkeit. Sascha Lobo musste in der vergangenen Woche auch etlichen Spott über sich ergehen lassen, als ihm ein Gast in einer Talkshow ganz ungefiltert die Meinung sagte.

Aber: Als die Charta der digitalen Grundrechte in die Kritik geriet, hielt Sascha Lobo mutig dagegen – und das verdient erst einmal Respekt.

Immerhin ist so eine Diskussion entstanden, die nicht mehr ignoriert werden kann. Wenn die Charta so angenommen wird, kann sie zu erheblichen Einschränkungen der Freiheit der Meinungsäußerung im Netz führen. Das dürfen wir nicht hinnehmen.

Welche Rolle diese »Kommission« wirklich spielt, wer die Mitglieder nach welchen Kriterien auswählte und welche Interessen dahinter stecken könnten, bleibt im Unklaren. Warum hat eine Gruppe, die im Grunde willkürlich von einer privaten Stiftung ausgewählt wurde, so einfachen Zugang zu Institutionen der EU?



04.12.2016

Heute geht es in meinem Adventskalender um die Moderatorin Dunja Hayali. Sie ist vermutlich als Person noch umstrittener als die »taz« und der »freitag« zusammen, aber auch sie twittert Dinge, über die man nachdenken kann:

Wer „Lügenpresse“ schreit, will nicht AUCH seine Meinung in den Medien sehen, sondern AUSSCHLIEßLICH [Tweet]

Einerseits ist Dunja Hayalis Ausspruch eine unzulässige Pauschalisierung über die Demonstranten. Es ist keineswegs belegt oder auch nur plausibel, dass alle »Lügenpresse«-Rufer ausschließlich ihre eigene Meinung in den Medien sehen wollen. Diese Einschätzung scheitert schon daran, dass diese Personen keine homogene Gruppe bilden.

Andererseits: der Ruf »Lügenpresse« als Generalverdammnis aller etablierten Medien geht auch viel zu weit. Kritik an den Medien bleibt notwendig: an der oft herrschenden Einseitigkeit, an der Vermischung von Meinung und Information, auch an der Vermischung von Berichten mit der PR von Interessengruppen. Aber eine »Lügenpresse« haben wir in Deutschland nicht.



03.12.2016

Ich folge heute dem Wirt des Berliner Restaurants »Nobelhart und Schmutzig«, der gerade ein Lehrbeispiel für symbolisches »virtue signaling« gibt. Hier ist der Beitrag aus dem DLF [Audio, ca. 4 Minuten], der mich auf die Idee brachte.

In diesem kritischen Beitrag von David Berger sieht man auf der anderen Seite, wie sich »virtue signalling« gegenseitig aufschaukeln kann. Denn die Aktion des Berliner Nobelrestaurants wird dadurch natürlich nur aufgewertet, aber in keiner Weise realistisch eingeschätzt:

Dieser Aufkleber offenbart für mich eine erschreckende Verachtung der Demokratie und des dazu gehörigen Rechtsstaats. Hinter ihm schimmert ein faschistoides Denken hervor, das Demokraten und Verfechter einer offenen und liberalen Gesellschaft nicht dulden dürfen.



02.12.2016

Ab heute folge ich der Tageszeitung »Der Freitag«. Via Twitter-Account finde ich Artikel und Personen, die zum Widerspruch anregen, zum Beispiel einen Artikel mit Fettlogik und Verschwörungstheorie.

Bereits 1972 wurde gewarnt, dass #Zucker viel gefährlicher sei als Fett. Warum wurden die Befunde so lang ignoriert? [Tweet]

Außerdem war ich vor vielen, vielen Jahren kurzzeitig Blogger in der »freitag«-Community und habe es mit einem Zitat in die Printausgabe geschafft ;-)

Ausriss »Freitag«-Printausgabe aus dem Jahr 2009

Ausriss »Freitag«-Printausgabe aus dem Jahr 2009 oder 2010(?)



01.12.2016

Heute ist mir ein Beitrag der links-alternativen taz positiv aufgefallen und ich folge nun der Autorin Doris Akrap.


[Hinweis: Ich lege im Normalfall großen Wert darauf, Artikel entweder nicht mehr zu ändern oder die Änderungen zu kennzeichnen. Dieser Artikel wird sich natürlich recht oft ändern.]



Dresdner Umweltgespräch: Feuer

30. November 2016

Hier sind meine Notizen vom letzten Dresdner Umweltgespräch im Rathaus. Soviel vorab: Es waren zwei hochinteressante Stunden zum Thema Energiewende. Es wurde fast zu 100 % sachlich diskutiert und es gab einige Äußerungen, die ich so nicht erwartet hätte.


Beteiligte

  1. Dr. Christian Korndörfer, Chef des Dresdner Umweltamts, als Gastgeber
  2. Prof. Dr. Antonio Hurtado, TU Dresden, Institut Energietechnik
  3. Frank Wustmann, DREWAG, Unternehmensentwicklung & Umweltschutz
  4. Prof. Dr. Johannes Bröcker (em), Universität Kiel, Institut für Regionalforschung
  5. Jan Stoye, Energiegenossenschaft Neue Energien Ostsachsen EGNeos
  6. Bettina Klemm als Moderatorin
  7. Streichquartett »Serenata Saxonia«

Tagesordnung

  1. Der Gastgeber Dr. Korndörfer weist mit einigen einführenden Worte in den Ablauf des Abends ein.
  2. Die »Serenata Saxonia« spielt aus dem Klavierquartett Es-Dur KV 493 die Sätze 1 + 2. Das ist eben auch Dresden: Die Teilnehmer einer Diskussion zu einem hochkontroversen Thema werden mit einer (gar nicht mal einfach zu konsumierenden) klassischen Musik eingestimmt.
  3. Prof. Antonio Hurtado hält eine technisch-ökonomische Einführung über Pläne, Stand und Perspektiven der Energiewende
  4. Es findet eine Diskussion der Experten statt, in die auch Fragen aus dem Publikum einbezogen werden. Diese Fragen werden schriftlich auf Kärtchen geschrieben und bei der Moderatorin abgegeben.
  5. Abschließende Worte von Herrn Dr. Korndörfer, danach Bürgergespräch bei Wein, Brezeln und begleitender Musik. Die Gesprächsrunde an den Stehtischen habe ich aus familiären Gründen nicht mehr besucht.

Einführungsvortrag

Die Einführung war aus meiner Sicht vor der Veranstaltung als ein etwas provozierendes Impulsreferat angekündigt: In der Ankündigung war von »Energiewende in der Sackgasse?« die Rede.

Prof. Antonio Hurtado (Institut für Energietechnik der TU Dresden, Fakultät Maschinenwesen) gab als Ziele seines Vortrags und seiner Arbeit an: ideologiefrei, vorurteilsfrei, technisch kompetent und neutral zu agieren sowie Fragezeichen zu setzen. Das ist ihm auf ganzer Linie gelungen.

Am Anfang ging er auf den Ursprung der Energiewende ein und beschrieb die ursprüngliche Planung mit der Verfügbarkeit der AKW bis weit in die 2020er Jahre hinein. Er kündigte Ausführungen zum aktuellen Stand der Energiewende an und am Ende sollte die Frage stehen: Taugt die Energiewende als Blaupause für andere Staaten?

Vor der inhaltlichen Wiedergabe seiner Antworten sei gesagt: Prof. Hurtado kommt aus dem Bereich Kernenergie. Er hat den deutschen Ausstieg aber akzeptiert und er hat gleichzeitig sehr gut begründet, warum die TU Dresden immer noch Studenten in diesem Fach unterrichtet.


2011 gab es bekanntlich die Zäsur »Fukushima« mit dem beschleunigten Atomausstieg. Prof. Hurtado sagte dazu: 1986 wäre der Ausstieg sinnvoller gewesen als 2011. Die AKW fallen für die Grundlast ab 2022 weg. Das bedeutet eine gravierende Änderung der bisherigen Planungen.

Im ursprünglichen Energiekonzept stand, dass die Energieversorgung bis 2030 zu 85% auf erneuerbare Energien umgestellt werden sollte. Der Energiebedarf für Wohnungen und die Industrie sollte stark gesenkt werden.

Da der Bezugspunkt aller Planungen das Jahr 1990 war, hat bereits das Abschalten der Kohlekraftwerke in Ostdeutschland einen großen Anteil der Reduktionsziele erfüllt.

Etwas spöttisch ging Prof. Hurtado auf das Ziel der Bundesregierung ein, bis 2020 eine Million E-Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen. Sinngemäß:

Sicher haben die meisten von Ihnen schon ein oder zwei E-Autos zu Hause stehen. Bestellen Sie so viele E-Autos wie möglich, damit das Ziel erreicht wird.


Ein sehr ernster Hinweis war dagegen: Deutschland plant seine Energiewende mit einem Import von 20% Strom aus dem Ausland, wofür nach Prof. Hurtado fast nur Norwegen in Frage kommt, falls es sauberer Strom sein soll.

Das wusste ich in dieser Deutlichkeit bisher überhaupt nicht. 20 % sind ein sehr hoher Anteil, zumal der Stromverbrauch mit Millionen E-Fahrzeugen natürlich stark steigen muss und die Bezugsgröße für die 20 % also auch stark steigt.

Nebenbemerkung von mir: In der Rolle von Norwegen würde ich mir den Strom sehr teuer abkaufen lassen. Wasserkraft ist mit nicht unerheblichen Eingriffen in die Natur verbunden. Was tun wir eigentlich, wenn einige Norweger die Ausdehnung ihrer Energiewirtschaft für den Export so blockieren, wie es radikale Grüne und Umweltverbände in Deutschland mit unserer Wirtschaft tun?


Prof. Hurtado ging dann auf die Probleme der Verteilungsnetze ein. Aufgrund der Abschaltung der AKW (Grundlast) in 2022 müssen die Überschüsse aus dem Norden in den Südwesten geleitet werden. Das muss viel früher als geplant geschehen.

Es ist bekannt, dass der Ankündigung der Trassen viele Proteste und Initiativen gegen den Ausbau der Netze folgten. Die Erdverkabelung, so Prof. Hurtado, sei der Lösungsansatz des geringsten Widerstands. Dahinter steht aus seiner Sicht ein großes Fragezeichen: Die Technologie der Erdverkabelung ist 5 bis 12x teurer und für solche großen Trassen vermutlich noch nicht genügend ausgetestet.

Es folgte ein kurzer Abriss der Speichertechniken: eingeteilt nach der Speicherdauer in Langzeit- und Kurzzeitspeicher und nach dem Speicherprinzip in elektro-chemische Speicher und Batteriespeicher.

Es müssen Lösungen für Tage, aber auch für ein bis zwei Wochen bereitstehen. Das kann der Energiesektor Deutschlands nicht allein lösen, hier muss länderübergreifend und sektorenübergreifend gehandelt werden.


Die Kompensation des Abschaltens von zwei großen AKW-Blöcken kann schon 2017 zu mehr Kohlendioxid-Emissionen führen. Bis 2022 kann er nicht erkennen, wie die Emissionen gesenkt werden sollen, wenn man die AKW wie heute geplant abschaltet.

Daher sein Appell an die Politik: Die Dinge sollen beim Namen genannt werden. Es sei noch nie eine Schande gewesen, die Wahrheit zu sagen. Das Teilziel für 2020 sei unter den aktuellen Bedingungen der Energiewende nicht mehr erreichbar.

Eine Sektorenkopplung kommt langsam in Gang. Synergie-Effekte könnten intelligent den überschüssigen Strom nutzen und neben dem E-Energie-Sektor müssten Industrie, Haushalte, Dienstleistungsunternehmen und Landwirtschaft einbezogen werden.


Stichwort: Elektrofahrzeuge. Die Bundesregierung hatte sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 eine Million und bis 2030 fünf Millionen E-Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen.

Prof. Hurtado: Elektrofahrzeuge können für China (und auch für DE) nur ein Teil der Lösung sein. Synthetische Brennstoffe und Erdgas könnten in Bezug auf das Kohlendioxid auch Abhilfe schaffen. Die Technologie der Brennstoffzellen könnte in neuer Form weitergeführt werden.

Ein sehr ernster Hinweis auf den Lebenszyklus der E-Fahrzeuge: Man muss den gesamten Lebenszyklus betrachten. Woher kommen die Grundstoffe und zu welchen Bedingungen werden sie gewonnen? Frage:

Können wir damit wirklich besser schlafen?

In einem E-Fahrzeug stecken u. a.: Kupfer und Material aus der Familie der »seltenen Erden«. Ein besseres Recycling kann auch die Energiebilanz verbessern. Gefördert werden sollten nicht die einzelnen E-Fahrzeuge, sondern Energie-Management, Recycling-Management und Prozessoptimierung.


Ist die deutsche Energiewende eine Blaupause für andere Staaten? Hier wies Prof. Hurtado noch einmal auf den Import von 20 % Strom hin: »Wir tun so, als sei Strom keine Handelsware.«

Wollen wir die Ziele der Energiewende erreichen, brauchen wir bis 2050 einen dreifachen Kraftwerkspark. Das hat aus Sicht der BWL und VWL einschneidende Folgen. Hurtado nach meinen Notizen:

»Das ist zu kritisieren oder zumindest in Frage zu stellen. Würden unsere Studierenden so vorbereitet in die Seminare kommen, wie die Politik die Energiewende vorbereitet: wir müssten sie nach Hause schicken.«

Hurtado sagte eindringlich: Momentan leiste sich die Bundesrepublik 16 Energiewenden. Man müsse die Demarkationslinien über Bord werfen (EU, Bundesländer) und mindestens EU-übergreifend denken. Noch für mindestens zwei Dekaden seien konventionelle Energieträger notwendig.


Diskussionsverlauf

Bettina Klemm moderierte die Diskussion recht gut. Sie schien mir erkältet oder zumindest schien ihre Stimme angegriffen zu sein. Um so mehr ist zu respektieren, dass sie gestern Abend durchgehalten hat.

Die Moderatorin stellte die erste Frage an Herrn Stoye (Energiegenossenschaft, Partei »Die Grünen«). Vor 18 hätten die Grünen einen Benzinpreis von 5 DM pro Liter gefordert. Welchen Strompreis hielte Stoye heute für gerechtfertigt?

Herr Stoye vermied eine direkte Antwort. Er plädierte für verursachergerechte Preise
und meldete Nachbesserungsbedarf bei der Verteilung der Lasten der Energiewende an.

Nebenbemerkung: Wenn man die EEG-Abgabe anders auf Industrie und Verbraucher aufteilt, tragen trotzdem die Endverbraucher und Steuerzahler dieselben Lasten wie bisher. Sie sind dann nur in einer anderen Form ausgewiesen.


Die zweite Frage ging an Herrn Wustmann von der DREWAG: Gibt es denn eine Bevorzugung der Großverbraucher?

In seiner Antwort plädierte er gegen »Gleichmacherei« und wies auf den Standortfaktor Industriestrompreis hin. Aufgabe der Politik sei es, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden. Die Anreizsysteme müssen hinterfragt werden und er empfiehlt ein Nachsteuern.


Als dritter Experte wurde Prof. Bröcker befragt und er bekam deutlich mehr Redezeit als seine beiden Vorgänger. Fast wurde es ein zweites Referat.

Nebenbemerkung: Das schien mir zu diesem Zeitpunkt etwas ungerecht, aber es erwies sich, dass Prof. Bröcker eine gute Ergänzung (auch als Gegenpart) zu Prof. Hurtado war. Insofern war die ungleiche Verteilung der Redezeit für den Erkenntnisgewinn des Abends gut, auch wenn die Herren Wustmann und Stoye bedauerlicherweise deutlich weniger Redezeit als die beiden Professoren hatten.


Prof. Bröcker sprach über Energiequellen und Wertschöpfung. Seine Forderung: Man muss aus der Carbon-Ökonomie herausgehen. Er brachte die starke Vereinfachung »Mülleimer« ins Spiel: die Atmosphäre könne 1.000 Gigatonnen Kohlendioxid aufnehmen. Mit einer Reduzierung von 2 % pro Jahr sei man in 50 Jahren bei der verkraftbaren Emission angelangt.

Nebenbemerkung: Wenn ich richtig rechne, ist das eine exponentielle Reduzierung von 100 % auf etwa 36 %.

Im Gegensatz zu Prof. Hurtado spricht sich Prof. Bröcker gegen die Atomenergie aus. Er führt die Risiken an, die man nicht versichern könne. Später erwähnt er in der Diskussion, dass sein Bruder der Chef eines AKW gewesen sei, gegen das er (Prof. Bröcker) in jungen Jahren protestiert habe.

Prof. Bröcker ist der Meinung, dass man die Emissionen rein marktwirtschaftlich senken könne. Das könne über den Preis für Emissionszertifikate geschehen. Die Entwicklung der Zertifikatspreise sei aber aus unterschiedlichen Gründen anders verlaufen, als damals angenommen wurde.

Schließlich spricht er sich für Flexibilitätstechnologie aus, wobei die Argumente wiederholt werden: Waschmaschinen sollen bei Überangebot an Strom waschen, E-Autos sollen Energie ans Netz abgeben.

Anmerkung 1: Man kann das Waschen als berufstätiger Bürger nicht so planen, dass man die Maschine morgens füllt, mittags mit billigem Solarstrom laufen lässt und nach Feierabend ausräumt. Auch E-Autos sind m. E. primär zum Fahren da.

Anmerkung 2: Für seine Positionen zu den Emissionen und gegen die Atomenergie erntete Prof. Bröcker an zwei oder drei Stellen sehr demonstrativ wirkende Klatscher. Es wirkte für mich so, als ob Grüne oder Energiegenossenschaft dort Personen ins Publikum positioniert hätten. Dazu kommt am Ende noch eine Beobachtung.


Prof. Hurtado verweist scherzhaft auf seinen Migrationshintergrund (er dürfe sich deutlicher ausdrücken). Bei allen Meinungsunterschieden ist der Disput zwischen den beiden Professoren akademisch in der Form und zugleich sogar humorvoll.

In Stichpunkten: Deutschland ist in Bezug auf Energie ist kein abgeschlossener Bilanzraum. Es sind interdisziplinäre Ansätze zu verfolgen, alle Chancen und Risiken neuer Technologien sind abzuschätzen.

Es gibt aus seiner Sicht »Substitutionslücken« beim Ersatz für die Kohle und es gibt deshalb auf mittlere Sicht keine Alternative. Er weist auf die Zielkonflikte hin: »einen Tod müssen wir sterben«. Die Energiewende hätte nach 1986 beginnen müssen.


Im folgenden Teil der Diskussion wurde von Prof. Hurtado hinterfragt, ob es einen Konflikt zwischen Politik und Markt gibt. Auf der einen Seite gibt es ja den Emissionshandel als dezentrale Methode des Marktes: Die Marktteilnehmer suchen im Wettbewerb nach Lösungen, die Emissionsrechte sind beschränkt und werden teurer.

Auf der anderen Seite habe man dem Markt nicht getraut und die Subventionierung von Solar- und Windenergie oben drauf gesetzt. Das wurde auch später noch von anderen Beteiligten kritisiert. Prof. Hurtado sprach sich (mehrmals) gegen deutsche Autarkie und für Transparenz aus.


In Sachen Atomenergie wurde von Prof. Bröcker angemerkt, dass man 1986 überheblich auf die UdSSR (Tschernobyl) geblickt habe. Japan (2011) sei besser organisiert als Deutschland und es sei trotzdem zur Katastrophe von Fukushima gekommen. In Japan habe es ein menschliches (und technisches) Versagen gegeben.


Herr Stoye wurde dann nach seiner Energiegenossenschaft gefragt. Die Genossenschaft hat heute 180 Mitglieder, sie besitzt ein Windrad und eine Solaranlage. Sie will sich in Zukunft auch mit Projekten auf den Gebieten Wärme und Mobilität befassen.


Dann sprach Prof. Bröcker über die Akzeptanz für die Windenergie und überraschte doch einige: Die Subventionsmethoden lehnt er ab. Es sei eine reine Geldanlage mit Vorteilen v. a. für die Bürger und Kommunen im Norden Deutschlands.

Die Investoren und Gemeinden haben in der Boomphase der Windenergie Kredite mit sehr geringen Zinsen bekommen. Aufgrund der großzügigen Subventionierung konnte die Akzeptanz der »Bürgerwindparks« erhöht werden. Die Gemeinden hatten ein erhebliches Interesse, weil sie von den Investoren beteiligt wurden.

Dieser Anreiz werde in Zukunft so nicht mehr funktionieren: erstens habe sich das Verwaltungsrecht geändert und zweitens begrenzt der Staat bekanntlich den Zubau durch Ausschreibungen einer Gesamtmenge an Kapazität. Die Sympathie für die Windkraft werde also abnehmen, wenn die Bürger weniger Nutzen sehen. Die Förderung sei insgesamt ein »wirres Stückwerk«.


Aus dem Publikum wurde wohl eine schriftliche Frage zum Energiekonzept Dresdens eingereicht. Prof. Hurtado äußerte sich recht anerkennend über den Stand der Stadt Dresden. Die Nutzung der Kraft-Wärme-Koppelung sei beispielhaft, evtl. könne man den Wirkungsgrad noch verbessern. Die Energieeffizienz (Gebäude, Industrie) könne erhöht werden.

Im Verkehr empfahl er intelligente Maßnahmen zur Reduzierung des Individualverkehrs und gab sich als regelmäßiger Radfahrer zu erkennen. Er sagte den Dresdner Politikern:

»Vergessen Sie die Farbe ihrer Parteien, wenn es um Energiekonzepte geht.«

Schließlich wies Prof. Hurtado nochmals auf die Sektorenkoppelung hin. Dazu wurde nun Herrn Wustmann von der DREWAG noch einmal das Wort erteilt. Er sagte (zusammengefasst): Die Energiewende kostet Geld. Wir brauchen intelligentere Lösungen, mit denen der Kapitaleinsatz gesenkt werden kann.

Die Speicher für die Energie aus erneuerbaren Energiequellen werden in Dresden getestet. Der Verbrauch der Stadt wird aber auch steigen, somit bekommen die »80 % des Stroms aus regenerativen Quellen« eine andere Bezugsgröße.

Das Fernwärmenetz sieht er als einen großen Wärmespeicher (auch für Abwärme) und bezeichnet es als »Speichervolumen für die Energiewende«. Das System sei eine Art Batterie/Akku.

Eine Speicherung von Überschussstrom in Batterietechnik sieht er als »unökonomisch« an. Im Fernwärmenetz ist eine Langzeitspeicherung von Energie sinnvoller realisierbar.

Wustmann sieht ENSO und DREWAG im Wettbewerb mit 400 Stromanbieter. Die Energiegenossenschaft und die DREWAG seien durchaus auf derselben Seite der Medaille.

Der Anteil der eigenen »Erneuerbaren« beim Strom liege bei 2 % und bei der Wärme bei 5 %. Bezieht man Strom aus zugekauften »Erneuerbaren« ein, liegt der Anteil am normalen DREWAG-Strom wohl bei einem Drittel. Seine Sorge: Die Kraftwerke der Energieversorger wichen von der Nennleistung ab und seien manchmal nicht mehr wirtschaftlich.


Eine weitere Frage bezog sich auf das Sahara-Strom-Projekt »Desertec« in Nordafrika. Prof. Hurtado hat auch hier seine Ironie nicht verbergen können und Großprojekte mit leichtem Spott belegt (es habe wohl auch den Plan eines Staudamms mit Energiegewinnung zwischen Gibraltar und Nordafrika gegeben).

Grundsätzlich hält er es für sinnvoll, Energie in Nordafrika mit solarthermischen Kraftwerken zu gewinnen. Aufgrund der politischen Konflikte hätten sich aber die meisten Unternehmen abgewendet. Gewinn sieht er in den bilateralen Beziehungen und Kooperationen, auch in der Forschung.


Herr Stoye wurde gefragt: Warum gibt es nicht Fotovoltaik auf jedem Dach? Er sagte, die Potentiale seien größer und Dresden habe noch viel Platz: Schulen, Kindergärten
Wohnungsgenossenschaften könnten Solardächer bauen.

Herr Wustmann sieht die Genossenschaft beim Strom von Solardächern nicht als Konkurrenz, sondern als willkommenen Wettbewerber. Die DREWAG bietet das auch an. Als wichtiger stellte er die Ausdehnung der Fernwärme heraus: ein Fernwärmedüker soll in die Leipziger Vorstadt geführt werden. Die DREWAG habe ein Screening der »Wärmelastdichte« durchgeführt und nach den Ergebnissen könne man entscheiden, welche Gebiete wirtschaftlich mit Fernwärme versorgt werden könnten.

Das Pumpspeicherwerk in Niederwartha haben man aus Gründen der Wirtschaftlichkeit eben nicht gekauft: alte Technik und politische Rahmenbedingungen ließen es nicht wirtschaftlich erscheinen. Was ich in dieser Deutlichkeit nicht wusste: Die PSW-Speicher zählen steuerlich als Verbraucher und werden sogar mit der EEG-Abgabe belegt. Somit behindert sich hier die Energiewende selbst?

Prof. Bröcker merkte (nun inzwischen gegen Ende der Veranstaltung) an, man müsse die Kosten der Energiewende betrachten »wenn sie nicht zu schaffen ist und wenn sie zu schaffen ist«. Ohne höhere Kosten geht es nicht. Die Subventionen passten nicht zu einem »vernünftigen Marktsystem«, denn wir geben »Geld für Ineffizienzen« aus. Die Ineffizienzen bezeichnet er als inakzeptabel.


Prof. Hurtado sieht auf allen Gebieten der Energiewende Forschungsbedarf und blickt dabei weit über seinen Tellerrand. Er sagt: Technik, Ökonomie und Soziales müssten vereinbar sein.

Auch Dr. Korndörfer spricht sich in seinen abschließenden Worten für »Entideologisierung« aus. Er sieht Parallelen zur »DDR in den letzten 10 Jahren«, als mit Subventionen die Folgen falscher Subventionen bekämpft worden seien.


Eine Beobachtung am Schluss: Einer der demonstrativ Grünen ging mit rotem Kopf auf den Vertreter der Energiegenossenschaft zu und beschwerte sich bitterlich über den Auftritt des Professors Hurtado: Wie es denn sein könne, dass man »so jemanden« einlädt und überhaupt in Sachsen als Professor arbeiten ließe.

Anmerkung: Das fand ich bezeichnend. Prof. Hurtado hat in seiner nicht-ideologischen Herangehensweise sowie mit seiner Kompetenz und Unabhängigkeit den Abend erst interessant gemacht. Das kann den Grünen natürlich nicht gefallen haben: je mehr die Bürger über Energie wissen, desto mehr muss es zum Nachteil der Grünen sein.


Stand und Perspektive der deutschen Energiewende können aus sozialer, ökonomischer, ökologischer und technischer Sicht betrachtet werden. Gestern ging es meistenteils um Technik und Ökonomie, weniger um Ökologie und Soziales. Aber der Wirkungsgrad der zwei Stunden war sehr hoch. Ich bin froh, dort gewesen zu sein.


Ankündigung des Abends