Zum Krankenstand bei Frauen und Männern

5. Oktober 2015

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben ist ein hohes Gut. Eine zweifelhafte Auslegung von Statistiken kann aber kein Argument für mehr Berufstätigkeit von Frauen sein.


Am Ende der vergangenen Woche hat meine Lokalzeitung DNN eine Pressemitteilung der BARMER GEK verarbeitet. Die journalistische Leistung beschränkte sich dabei wie so oft auf das Kürzen und Umformulieren der Pressemitteilung – aber das soll nicht Gegenstand der Kritik sein.

Frauenpower für die Wirtschaft
Barmer GEK: Vollzeitbeschäftigung als Mittel gegen die Auswirkungen des demografischen Wandels


Meine Statistik-Sensoren reagierten auf folgenden Abschnitt:

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Ausriss: DNN, 01. Oktober 2015, Seite 4


Es schien sich um Rosinenpickerei zu handeln: Das Argument der höheren Lebenserwartung ist ganz sicher ein Null-Argument – weil die Lebenserwartung beider Geschlechter ohnehin weit jenseits des Rentenalters liegt. Entscheidend ist doch für die Beschäftigung: Wer geht real eher in Rente?

Und ausgerechnet die Anzahl der Tage pro Krankschreibung heranzuziehen – das schien mir dann doch sehr außergewöhnlich. Normalerweise sind andere statistische Kennzahlen wichtiger: Der Krankenstand für die Arbeitgeber und die Ausfälle bezogen auf die Versicherungsjahre für die Krankenkassen.


Nachdem ich die Daten im Gesundheitsreport der Barmer GEK überprüft hatte, stellte ich am Montagvormittag auf Twitter diese Frage:

Statistik-Übung: Was ist an den Aussagen zur Gesundheit und Berufstätigkeit von Frauen statistisch zweifelhaft? [Link zum Tweet]

Die Diskussion war kurz und interessant: Sehr schnell wurde klar, dass es letztlich nicht auf die Daten ankommt, die in der Pressemitteilung und im Artikel der DNN (gedruckte Ausgabe) hervorgehoben wurden.


Im Gesundheitsreport der Barmer GEK stehen die wirklich relevanten Daten, hier für 2014 und 2013:

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Ausriss: Gesundheitsreport der Barmer GEK, 2015, Seite 8


Diese Daten zeigen, dass sowohl in der Pressemitteilung als auch im Zeitungsartikel Rosinenpickerei betrieben wurde. In fast allen Kennzahlen (bis auf eine) sind die Männer »besser« als die Frauen.

Insgesamt sieht man aber in keiner der Kennzahlen einen wirklich relevanten »Vorsprung« eines Geschlechts. Und der einzelne Arbeitgeber stellt ohnehin keine Kennzahl ein, sondern einen Mann oder eine Frau.

Hinweis: Das Demaskieren dieses statistischen Tricks hat nichts damit zu tun, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben selbstverständlich ist.

Dieser Artikel richtet sich in keiner Weise gegen berufstätige Frauen, sondern nur gegen schlechte Interpretationen der Statistik und gegen schlechten Journalismus …



Drastische Fahrpreiserhöhungen in Dresden

8. Juni 2012

Die Dresdner Zeitungen berichten über Anpassungen der Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Zum Teil verharmlosen sie dabei das Ausmaß der Fahrpreiserhöhung. Das Muster der Argumentation wird vom Verkehrsverbund vorgegeben: Im Durchschnitt ist es doch gar nicht so schlimm. Aus der DNN:

VVO beschließt Preiserhöhung – Tickets werden durchschnittlich um 4,4 Prozent teurer

Der Zweckverband Verkehrsverbund Oberelbe hat am Donnerstag die angekündigte Preiserhöhung im VVO ab November beschlossen. Wie Sprecher Christian Schlemper am Nachmittag bekannt gab, sollen die Ticketpreise um durchschnittlich 4,4 Prozent steigen.

Aus jeder Statistik kann man eine ganz einfache Zahl ableiten. Diese Zahl ist fast immer wertlos.

Das bestätigt sich immer dann, wenn jemand Zahlen verharmlosen oder verschönern will. Dann wird mit allen Mitteln nach einer »günstigen« Zahl gesucht, die das ganze Zahlenwerk repräsentieren soll. Meist ist das leicht durchschaubar.


Der Pressesprecher will die Preiserhöhung als möglichst harmlos darstellen. Also veröffentlicht er in seiner Pressemitteilung an prominenter Stelle das arithmetische Mittel aus den geplanten Erhöhungen.

Aber ein Einzelfahrschein muss natürlich völlig anders gewichtet werden als eine Jahreskarte. Der Einzelfahrschein wird aus politischen Gründen nicht teurer. Die Jahreskarten für Schüler und Erwachsene werden um mehr als sechs Prozent teurer. Die unterschiedliche Bedeutung der vielen einzelnen Erhöhungen bei Tageskarten und Zeitkarten geht in den 4.4 Prozent völlig unter.


Man kann das Prinzip an einem ganz einfachen Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, dass es in Ihrem Unternehmen vier Gehaltsgruppen gibt: Facharbeiter, Meister, Verwaltung und Geschäftsführer. Innerhalb einer Gehaltsgruppe bekommen alle Mitarbeiter das gleiche Gehalt.

Wie berechnet man nun das durchschnittliche Gehalt aller Mitarbeiter? Ganz sicher nicht aus den vier festgelegten Grundgehältern. Entscheidend ist die Anzahl der Facharbeiter, Meister und Verwaltungsangestellten. Deshalb spricht man von einem gewichteten arithmetischen Mittel.


Es gehört zum Job eines Pressesprechers, seine Organisation möglichst gut aussehen zu lassen. Ihm kann man keinen Vorwurf machen.

Es gehört zum Job eines Journalisten, die Zahlen aus einer Pressemeldung nicht nur zu kopieren, sondern sie dabei zu werten. Wer mit einer wertlosen Zahl in der Überschrift aufmacht, entwertet damit seinen eigenen Artikel und seine eigene Zeitung.


Ergänzung: Inzwischen wurde die Pressemitteilung des VVO (PDF) veröffentlicht. Dort findet sich ein interessanter Satz, den ich so auch nicht in der Presse gefunden habe.

Mit der Anpassung sollen unter anderem die zum Teil deutlichen Kostensteigerungen der Verkehrsunternehmen teilweise aufgefangen werden. Insbesondere die Preise für Energie sind seit 2011 um 10,6 Prozent gestiegen.

Vielleicht machen sich jetzt mal die ersten Bürger (gern auch Journalisten!) Gedanken, ob man die Energiewende nicht doch etwas durchdachter gestalten sollte. Die Probleme mit den Netzen sind ja schon gravierend genug, aber wenn ein Großkunde plötzlich 10,6 Prozent mehr für die Energie bezahlen muss, lässt das doch tief blicken.



Was sagt der Leserbeirat der DNN zur PR auf der Titelseite und zum Qualitätsverlust der Zeitung?

27. Mai 2012

Die Dresdner Neuesten Nachrichten haben — nach einem Bericht des Flurfunks — einen Leserbeirat. Er soll die Interessen der Leserinnen und Leser vertreten. Aus einer Meldung des BDZV vom 22. Juli 2010:

20 Männer und Frauen werden der „DNN“-Chefredaktion künftig beratend zur Seite stehen. Sie sollen helfen, den Kontakt zwischen Lesern und Blatt zu intensivieren, den Leserservice zu verbessern und den Inhalt noch besser auf die Leserbedürfnisse abzustimmen (…)

Nun würde ich nach jahrzehntelangem Abonnement gern mit diesem Leserbeirat Kontakt aufnehmen, weil die Qualität der Zeitung inzwischen wirklich besorgniserregend ist (ich habe das am Freitag mit deutlichen Worten kritisiert).


Ich sehe in dem kritisierten Titelbild und in anderen Berichten eine Grenzüberschreitung zwischen Journalismus und PR.

Ich empfinde das als Qualitätsverlust. Ich würde es dem Leserbeirat gern mitteilen. Erstaunlicherweise finde ich aber im Impressum der Zeitung keine Kontaktadresse. Ich kann natürlich mit Google nach

Leserbeirat site:dnn-online.de

suchen. Dort findet man wunderschöne Eigenwerbung. Man erfährt: Der Leserbeirat darf an DNN-Empfängen und DNN-Festen teilnehmen. Der Leserbeirat hat das Hauptstadtbüro in Berlin besucht und war begeistert.

Man erfährt allerdings nicht, ob sich der Leserbeirat bisher jemals um die journalistische Qualität der Zeitung gekümmert hat. Und eine Adresse ist erst recht nicht zu finden.


Ich habe ein wenig recherchiert, was der Autor der wunderbaren Auto-PR noch so schreibt. Er betreibt nämlich auch eines der beiden Blogs der DNN.

Nun würde ich die Männer und Frauen in diesem Leserbeirat gern fragen, wie sie einen Artikel aus diesem Blog bewerten, der am 10./11. März 2012 auch in der gedruckten DNN-Ausgabe erschienen ist. Es geht dabei um ein Erotikmassage-Studio in Dresden.

Es gibt eine ganz einfache Methode, um zu erkennen, ob ein Artikel dem Journalismus oder der PR zuzuordnen ist.

Wenn der Inhalt komplett mit der Selbstdarstellung des Unternehmens übereinstimmt und auf Angaben des Unternehmens basiert, dann ist es PR. Wenn der Autor erkennbar an anderer Stelle recherchiert und nachgefragt hat, dann ist es Journalismus.


Der Artikel über das Massagestudio enthält (zusammengefasst) folgende Fakten:

  1. Die Chefin der Erotikmassage-Studiokette stellt sich selbst und ihr Unternehmen dar.
  2. Sie gibt uns Informationen über die Zielgruppe der Kunden und Kundinnen.
  3. Sie betreibt Eigenwerbung: »Bei uns werden sie voll als die Person akzeptiert, die sie sind, mit all ihren sinnlichen Bedürfnissen.«
  4. Sie stellt sich als erfolgreich dar: »Nachdem erst mal meine Internetseite online war, schoss die Nachfrage durch die Decke.«
  5. Wir erfahren, wie viele Frauen (in »Nebenbeschäftigung«) für die Erotikmassage-Studiokette arbeiten. Zitat der Chefin: »Nur des Geldes wegen macht das keine.«

Zu den unverzichtbaren professionellen Grundsätzen eines Journalisten muss gehören, dass er alle beteiligten Seiten oder zumindest mehrere Seiten berücksichtigt. Aber für den ganzen Artikel wurde keine Masseurin, kein Kunde, keine Partnerin eines Kunden, kein Anwohner und auch kein Experte oder eine Expertin befragt.


Mindestens eine prägnante Aussage der Unternehmerin hätte den Journalisten nachfragen lassen müssen: Wenn es keine Frau nur für’s Geld tut — wie ist dann das Verhältnis zwischen Leistung und Bezahlung? Ob es für eine solche »Nebenbeschäftigung« eine soziale Absicherung durch den Auftraggeber gibt, wäre auch zu hinterfragen.

Ich sehe in diesem Artikel einen logischen Widerspruch: Über die Eigentümerin wird berichtet, dass sie selbst unbedingt Geld brauchte und deshalb erotische Massagen durchgeführt hat. Zitat aus dem verlinkten Artikel:

Als sie mit dem Geld weder ein noch aus wusste, sah sie eine Zeitungsanzeige „Nette Frauen für Erotikmassagen gesucht“ – und ging hin. „Ich fand die Arbeit dort ziemlich würdelos – den Frauen wie den Männern gegenüber und alles so huschhusch“, erinnert sie sich. „Aber ich brauchte das Geld.“

Aber sie sagt über ihre eigenen Masseurinnen: »Nur des Geldes wegen macht das keine.« Ist sie in dieser Beziehung sicher oder ist das eine Vermutung?

Noch einmal ganz klar und deutlich zusammengefasst: Alle Informationen in dem Artikel beruhen auf der Selbstdarstellung des Unternehmens. Aber in der Zeitung wird der Artikel natürlich nicht als PR gekennzeichnet.


Der DNN-Autor hat die Erotikmassage später auch noch im Selbstversuch getestet. Er hat in einem weiteren Artikel darüber berichtet, der ebenfalls abgedruckt wurde. Man könnte es auch etwas kritischer sehen: er hat regelrecht für die Erotikmassage geworben. In seinem Bericht wird sogar die Frage beantwortet, ob man mit Karte zahlen kann oder ob man mit Bargeld zahlen muss.

Das Angebot der Erotikmassage ist in einer offenen Gesellschaft grundsätzlich völlig legitim, und dagegen richtet sich meine Kritik in diesem Artikel nicht. Allenfalls würde ich gern jeden männlichen Kunden fragen: Wäre es in Ordnung für Sie, wenn Ihre Frau oder Ihre Tochter diese »Nebentätigkeit« ausführen würde?


Aber darum geht es mir heute gar nicht. An diesen beiden Artikeln kann man gut zeigen, wie welcher Geschwindigkeit die journalistischen Grundsätze den Bach heruntergespült werden. Der bekannte deutsche Journalist Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gesagt:

Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Man kann sich wohl kaum noch mehr mit einer Sache gemein machen, als es der Autor des Artikels über das Erotikmassagestudio getan hat. In dem Artikel ist die professionelle Distanz nicht wirklich erkennbar. (Ergänzung): Sogar die Fotos hat das Erotikmassagestudio beigesteuert.


Der unvergessene Honoré de Balzac hat in seinem Roman »Das Chagrinleder« ein magisches Objekt erfunden, das sich bei jedem Wunsch etwas mehr zusammenzieht. Am Ende verschwindet das Leder und der Besitzer findet den Tod.

Mein Vertrauen in den Journalismus der DNN ist auch so ein Chagrinleder: Wenn diese Zeitung immer mehr von journalistischen Grundsätzen abweicht, dann wird das Vertrauen immer kleiner, bis mein Abo irgendwann stirbt.

Darüber hätte ich gern mit dem Leserbeirat gesprochen. Wenn ich eine Adresse gefunden hätte ;-)