WDR: Eine Datenanalyse in eigener Sache dient dem Framing in eigener Sache

6. Januar 2020

Der WDR hat in seiner Sendung »Aktuelle Stunde« vom 04.01.2020 den Beitrag »Wie ein Shitstorm im Netz entsteht« gesendet. Darin sollen zwei Experten zeigen, wie es zur kontroversen Diskussion des #Omagate um die #Umweltsau kommen konnte.

[Videobeitrag des WDR, verfügbar bis 11.01.2020]

Dieser Beitrag ist unter zwei Aspekten zu betrachten: Wird er der Komplexität der Diskussion gerecht? Und: Anhand welcher Zahlen, Daten und Fakten wird dieser »Shitstorm« analysiert?


Der Ablauf des #Omagate wird in dem WDR-Beitrag so dargestellt, als ob es ausschließlich eine von Rechten oder Rechtsradikalen initiierte und geführte Diskussion gegeben hätte. Von »nicht-rechten« Beiträgen zur Diskussion ist im Beitrag vom 04.01.2020 (also wenige Tage nach #Omagate) keine Rede mehr. Hat es sie nie gegeben?

Der WDR hat sich dazu zwei Personen eingeladen: Einen Datenanalysten und einen Buchautor. Beide stellen die Twitter-Diskussion um #Omagate so dar, als ob sie ausschließlich von Personen aus der rechten/rechtsradikalen »Blase« initiiert worden sei.

Als Gegenbeweis könnten hier Tweets aus politisch anderen Lagern dienen: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, SPD-Politikerin Sawsan Chebli und viele andere Beteiligte an der Debatte sind mit Sicherheit keine rechtsradikalen oder rechten Personen.

Wer die Diskussion verfolgt hat, weiß um deren Komplexität: Die Trennlinie zwischen Kritik und Zustimmung verlief nicht entlang der Grenzen des Links-Rechts-Schemas. Sie war auch nicht statisch. Sie hat sich im Verlauf der Debatte verschoben, je mehr es in eine Grundsatzdiskussion um den öffentlich-rechtlichen Sender überging.

Als der Shitstorm auf Twitter mit sehr vielen Tweets pro Stunde Fahrt aufnahm, war das Video schon zurückgezogen. Der WDR kann also gar nicht vor einem rechten oder rechtsradikalen Twitter-Shitstorm eingeknickt sein.

Es stellt sich also als erstes die Frage: Ist es jetzt die offizielle Linie des WDR, sämtliche Kritik an seinem Beitrag in die rechte Ecke zu schieben? Wenn der WDR diese Linie nicht verfolgt, dann sollte er den Beitrag zumindest ergänzen.


Und es stellt sich eine zweite Frage: Wird diese Behauptung eines rechten Shitstorms vom WDR wenigstens mit Zahlen, Daten und Fakten belegt? Die WDR-Ansage zu Beginn des Beitrags lautet ja »Philip Kreißel hat alle Tweets heruntergeladen und diesen Shitstorm ehrenamtlich ausgewertet.«

Das lässt darauf hoffen, dass wir nun endlich die lange erwartete fundierte Datenanalyse zu #Omagate bekommen werden. Diese Hoffnung wird schon nach sehr kurzer Zeit enttäuscht. Es gibt in dem WDR-Beitrag keinerlei Informationen

  1. zum Untersuchungszeitraum,
  2. zur Anzahl der untersuchten Tweets,
  3. zu den Auswahlkriterien für »rechte« Accounts,
  4. zu den Auswahlkriterien für »rechte« Tweets und
  5. zum Anteil der »rechten« und der nicht »rechten« Tweets.

Der WDR gibt folgende Behauptung wieder: »Nur etwa 500 Accounts waren laut Kreißel für die Hälfte der Interaktionen beim Twitter-Shitstorm verantwortlich.« Das lässt sich in keiner Weise prüfen, weil alle o. g. Informationen nicht offengelegt werden: Um wie viele Accounts und Tweets ging es insgesamt? Nach welchen wissenschaftlichen Kriterien und mit welcher sachlichen Berechtigung wurden diese 500 Accounts als »rechts« oder »rechtsradikal« eingestuft?

Wie ist der »Twitter-Shitstorm« zahlen- und datenmäßig erfasst worden? Welche Tweets zählten dazu? Weder der WDR noch die beiden Experten waren bis zum Morgen des 06.01.2020 auf Anfrage bereit, sich dazu zu äußern. Die einzige (und völlig unbefriedigende) Antwort des Datenanalysten finden sie hier. Zitat:

Grundsätzlich mache ich folgende Aussagen:
– Es waren zu Beginn primär rechte Accounts. Das mache ich fest daran, welche Dinge diese Accounts noch retweeten, z.b. Sellner, Arcadi, AfD etc.
– Es waren hochaktive Accounts. Dazu lasse ich mein Programm halt nachzählen.

Damit lässt sich die Behauptung nicht stützen, dass der #Omagate-Shitstorm in einer rechten Blase entstanden und geführt worden sein soll. Und eine nach wissenschaftlichen Kriterien seriöse Analyse lässt sich mit diesem Ansatz sicher nicht erarbeiten.

Während SPON in seinem Artikel wenigstens Informationen veröffentlicht hat, die man kritisch hinterfragen konnte, hat der WDR bisher nichts Verwendbares veröffentlicht. Ein Faktencheck ist anhand der Angaben nicht möglich.

Der WDR wäre als verantwortlicher Sender in der Pflicht, das Konzept und die Methoden sowie die Zahlen, Daten und Fakten bereitzustellen. Das Argument DSGVO/Datenschutz greift hier nicht: Es geht ausdrücklich nicht um die personenbezogene Daten hinter den rechten Accounts. Jeder untersuchte Tweet muss öffentlich gewesen sein, jeder untersuchte Account wendet sich an die Öffentlichkeit.


Hinweis: Dieser Artikel steht unter einer CC-BY-Lizenz 3.0 (Namensnennung und Verweis per URL auf das Original) und kann in jeder Form in anderen Publikationen verwendet werden, auch in kommerzieller Art und Weise.



Die Datenanalyse des SPIEGEL zur Umweltsau-Affäre

1. Januar 2020

In den Medien setzt sich zur Zeit die Erzählung durch, dass das Video »Umweltsau« vom WDR nach einer koordinierten Aktion rechtsradikaler Accounts zurückgezogen worden sei. Als Grundlage dieser Bewertung wird meist auf einen SPON-Artikel verwiesen. Ich möchte in diesem kurzen Artikel zeigen, dass die Datenauswertung des SPIEGEL diesen Schluss nicht hergibt.

Kritik an der Methode der Kategorisierung

Die Argumentation bei SPON lautet: 210.000 Tweets mit den Hashtags #Umweltsau oder #Nazisau seien von 44.000 Accounts gesendet worden. 23 Prozent der Accounts seien einem »eher rechten Cluster« zuzuordnen, 46 Prozent einem »eher linken Cluster« und 31 Prozent der Accounts konnten keinem der beiden Cluster zugeordnet werden.

SPON hat keinerlei Kriterien veröffentlicht, nach denen die Zuordnung zu den Kategorien »eher rechts«, »eher links« oder »nicht zuzuordnen« vorgenommen wurde. SPON hat auch nicht erhoben, welche Tendenz diese Tweets inhaltlich hatten. Es geht also um eine rein quantitative Erhebung mit nicht nachvollziehbarer Kategorisierung.

Für die Leserin oder den Leser des SPON-Artikels ist nicht nachzuvollziehen, wie die Einstufung als »eher rechts« erfolgte. Erst recht wird nicht qualitativ nachgewiesen, wie viele Accounts in diesem Cluster tatsächlich rechtsradikal organisiert sind. Das wäre aber notwendig, um die These vom Einknicken infolge eines rechtsradikalen Shitstorms zu stützen. Es gibt bekanntlich keine Prüfstelle für die politische Einstufung von Social-Media-Accounts und das ist auch gut so.

Selbst wenn man die Zuordnung zu den Kategorien für einen Augenblick ernst nimmt, bleibt ein erstes Fazit: Es sind 77 % der Accounts gar nicht dem »eher rechten Lager« zugeordnet worden. Das ist das erste Argument gegen die These, dass der WDR von einer koordinierten rechtsradikalen Aktion zum Zurückziehen des Videos gebracht worden sei.


Kritik an der Schlussfolgerung einer Konzentration

Es gibt bei SPON noch eine zweite Auswertungsmöglichkeit: Mit welcher Intensität wurde denn in diesen Gruppen getwittert? SPON behauptet im Artikel (Zitat):

Auffällig dabei: 52 Prozent der Tweets kamen aus dem grünen Cluster, nur 38 Prozent aus dem pinken. Nur 10 Prozent konnten keinem der beiden Cluster zugeordnet werden. Das bedeutet: Im grünen Cluster gab es einige sehr aktive Accounts.

Das ist ein logischer Fehlschluss: Auch wenn die Hälfte der Tweets zu diesen beiden Hashtags von einem »eher rechten Cluster« ausgegangen sein sollte (was wir aufgrund fehlender veröffentlichter Kriterien und Methoden nicht wissen), sind das ungefähr 110.000 Tweets auf 10.000 Accounts. Der Betrachtungszeitraum beträgt drei Tage. Im Schnitt elf Tweets verteilt auf drei Tage: Das erscheint mir nicht besonders dramatisch.

Ob sich aus der Menge der 10.000 angeblich rechts orientierten Accounts einige besonders hervorgetan haben, kann man aus den veröffentlichten Zahlen bisher gar nicht feststellen. Die veröffentlichte Grafik mit den »Clustern« ist dafür völlig ungeeignet. Ob diese Aktiven besonders rechtsradikale Personen waren und ob ihre Äußerungen besonders negativ, hasserfüllt oder ÖRR-feindlich waren, kann man anhand der SPON-Daten erst recht nicht feststellen.


Kritik an der Schlussfolgerung einer Kausalität aus rechtsradikaler Aktivität und Einknicken des WDR

Dazu kommt: Aus der SPON-Datenauswertung geht gar nicht hervor, wann diese Tweets publiziert wurden. Eine weitere große Schwäche der SPON-Datenauswertung ist nämlich die Zusammenfassung der Erhebung über drei Tage. Dabei geht der zeitliche Verlauf völlig verloren. SPON stellt in einem Diagramm den Zeitraum vom frühen Morgen des 27.12.2019 bis zum frühen Morgen des 30.12.2019 dar. In dieser Zeit sollen die 210.000 Tweets geschrieben worden sein.

Das Video wurde aber bereits am Nachmittag des 28.12.2019 aus dem Netz genommen [siehe Ergänzung!]. Wie viele Tweets aus dem »eher rechten Cluster« wurden denn nun vor dem Zurückziehen des Videos abgesetzt? Das müsste man wissen, um einen Druck aus der rechten Szene auf den WDR und dessen Intendanten nachweisen zu können. Die SPON-Datenauswertung gibt uns aber keinerlei Antwort darauf.

Der WDR-Intendant bat in einer WDR-Hörfunksendung ab 18.00 Uhr um Entschuldigung. In dieser Zeit gab es übrigens die meisten Tweets zu diesem Thema: Da war das Video aber schon gar nicht mehr im Netz. Wenn man sich die Kurve bei SPON anschaut, sind weit mehr als die Hälfte aller ausgewerteten Tweets nach dem Zurückziehen des Videos entstanden.

[Ergänzung am 02.01.2019 nach mehreren Hinweisen: Der WDR hat das Video sogar noch zeitiger zurückgezogen. Ein Hinweis kam via Twitter von Pippilotta und der andere von Schillipaeppa [Blog] in den Kommentaren. Wenn also das Video noch wesentlich zeitiger zurückgezogen wurde, ist die Erzählung vom Einknicken vor dem »rechtsradikalen Shitstorm« natürlich noch absurder. Hier ist nach einem Hinweis von Lucas Schoppe nun der exakte Löschzeitpunkt in einem Facebook-Post des WDR.


Kritik an der Intransparenz der Korrektur

In der heute zugänglichen Version des Artikels steht am Ende ein Korrekturhinweis:

In einer früheren Version dieses Textes hatten wir zwei Twitter-Accounts aus dem rechten Spektrum explizit genannt, die an der Verbreitung der Empörung über das Video beteiligt gewesen sein sollten. Beide waren aber in der Anfangsphase nicht ausschlaggebend für die Verbreitung; taugten also nicht als Beispiele. Die Nennung beruhte auf einem anfänglichen Auswertungsfehler, den wir nachträglich korrigiert haben.

Was aber fehlt: Wurden die restlichen Daten auch nachträglich korrigiert? Wenn man zwei offensichtlich bekannten Accounts aus dem rechten Spektrum zunächst eine so hohe Bedeutung zugemessen hat, muss sich das Herausnehmen dieser beiden Personen ja auch in den Daten (Anzahl der Tweets, Anzahl der als »rechts« eingestuften Accounts) niedergeschlagen haben.


Ergänzung: Kritik an der Überschätzung des Einflusses von Twitter

Ich wurde weiterhin darauf aufmerksam gemacht, dass Twitter keineswegs der einzige Kommunikationskanal mit dem WDR ist. Zum einen gingen die ersten Proteste auf der WDR-Facebook-Seite direkt unter dem Video ein. Das müssen schon hunderte kritische Stimmen gewesen sein.

Zum anderen ist es sehr wahrscheinlich, dass sich WDR-Hörer, Interessenvertreter gesellschaftlicher Gruppen, Landes- und Bundespolitiker auch per Telefon, Mail etc. an den WDR gewandt haben. Öffentlich geäußert haben sich Personen aus SPD und CDU, darunter der NRW-Ministerpräsident. Diese Personen haben viel mehr Gewicht als ein (fiktiver) rechtsradikaler Shitstorm im Wasserglas Twitter.


Fazit: Mit den bisherigen Kenntnissen über die Daten aus dem SPON-Artikel lässt sich die These einer Kausalität zwischen dem angeblich koordinierten rechten Shitstorm und dem Zurückziehen des Videos durch den WDR nicht belegen.


Transparenter Nachtrag (01.01.2020 um 15.40 Uhr): Die URL des SPON-Artikels „Umweltsau“-Skandalisierung Die Empörungsmaschine läuft heiß.


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