Drastische Fahrpreiserhöhungen in Dresden

8. Juni 2012

Die Dresdner Zeitungen berichten über Anpassungen der Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Zum Teil verharmlosen sie dabei das Ausmaß der Fahrpreiserhöhung. Das Muster der Argumentation wird vom Verkehrsverbund vorgegeben: Im Durchschnitt ist es doch gar nicht so schlimm. Aus der DNN:

VVO beschließt Preiserhöhung – Tickets werden durchschnittlich um 4,4 Prozent teurer

Der Zweckverband Verkehrsverbund Oberelbe hat am Donnerstag die angekündigte Preiserhöhung im VVO ab November beschlossen. Wie Sprecher Christian Schlemper am Nachmittag bekannt gab, sollen die Ticketpreise um durchschnittlich 4,4 Prozent steigen.

Aus jeder Statistik kann man eine ganz einfache Zahl ableiten. Diese Zahl ist fast immer wertlos.

Das bestätigt sich immer dann, wenn jemand Zahlen verharmlosen oder verschönern will. Dann wird mit allen Mitteln nach einer »günstigen« Zahl gesucht, die das ganze Zahlenwerk repräsentieren soll. Meist ist das leicht durchschaubar.


Der Pressesprecher will die Preiserhöhung als möglichst harmlos darstellen. Also veröffentlicht er in seiner Pressemitteilung an prominenter Stelle das arithmetische Mittel aus den geplanten Erhöhungen.

Aber ein Einzelfahrschein muss natürlich völlig anders gewichtet werden als eine Jahreskarte. Der Einzelfahrschein wird aus politischen Gründen nicht teurer. Die Jahreskarten für Schüler und Erwachsene werden um mehr als sechs Prozent teurer. Die unterschiedliche Bedeutung der vielen einzelnen Erhöhungen bei Tageskarten und Zeitkarten geht in den 4.4 Prozent völlig unter.


Man kann das Prinzip an einem ganz einfachen Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, dass es in Ihrem Unternehmen vier Gehaltsgruppen gibt: Facharbeiter, Meister, Verwaltung und Geschäftsführer. Innerhalb einer Gehaltsgruppe bekommen alle Mitarbeiter das gleiche Gehalt.

Wie berechnet man nun das durchschnittliche Gehalt aller Mitarbeiter? Ganz sicher nicht aus den vier festgelegten Grundgehältern. Entscheidend ist die Anzahl der Facharbeiter, Meister und Verwaltungsangestellten. Deshalb spricht man von einem gewichteten arithmetischen Mittel.


Es gehört zum Job eines Pressesprechers, seine Organisation möglichst gut aussehen zu lassen. Ihm kann man keinen Vorwurf machen.

Es gehört zum Job eines Journalisten, die Zahlen aus einer Pressemeldung nicht nur zu kopieren, sondern sie dabei zu werten. Wer mit einer wertlosen Zahl in der Überschrift aufmacht, entwertet damit seinen eigenen Artikel und seine eigene Zeitung.


Ergänzung: Inzwischen wurde die Pressemitteilung des VVO (PDF) veröffentlicht. Dort findet sich ein interessanter Satz, den ich so auch nicht in der Presse gefunden habe.

Mit der Anpassung sollen unter anderem die zum Teil deutlichen Kostensteigerungen der Verkehrsunternehmen teilweise aufgefangen werden. Insbesondere die Preise für Energie sind seit 2011 um 10,6 Prozent gestiegen.

Vielleicht machen sich jetzt mal die ersten Bürger (gern auch Journalisten!) Gedanken, ob man die Energiewende nicht doch etwas durchdachter gestalten sollte. Die Probleme mit den Netzen sind ja schon gravierend genug, aber wenn ein Großkunde plötzlich 10,6 Prozent mehr für die Energie bezahlen muss, lässt das doch tief blicken.