Ein richtig guter Lehrer

wird von den Schülern seiner Berufsschule mit einem Treffen und einer Webseite geehrt. Das ist wohl schon sehr selten in Dresden. Was die Seite für mich so besonders macht: ich hatte bei diesem Lehrer drei Jahre Sport und zwei Jahre Englisch. Er heißt Ulrich »Uli« Friebe und die Webseite [Ergänzung: Leider funktioniert der Link nicht mehr, wie ich im November 2014 sehen muss.] heißt Yes, Uli, Yes!. »Uli« und »Du« durften die Schüler der Abiturklassen vom Tag der Abiturfeier an zu ihm sagen.

Der Titel soll wohl an sein Anfeuern im Sportunterricht oder im Training erinnern. Im Training war oft Klartext angesagt. Wenn Herr Friebe der Meinung war, dass der Schüler wie ein Stück Sülze im Barren hing, dann hat er das auch gesagt. Und es hat gewirkt. Denn er war ein Sportlehrer, der selbst sehr sportlich war und kaum eine Übung nicht vorgeführt hat …

Wann ist ein Lehrer ein richtig guter Sportlehrer? Wenn man sich mehr als zwanzig Jahre später beim Freizeitsport und beim Aufbautraining an ihn erinnert. Wenn sich zwei ehemalige Schüler beim Training treffen und spontan sagen: »die Geräte hier wären etwas für Uli Friebe gewesen«. Denn wir haben oft an Geräten der Marke Eigenbau trainiert und der Kraftraum im Dachgeschoss der Schule war ein Projekt, das die Sportlehrer mit Lehrlingen realisiert hatten.

Er war aber auch deshalb ein guter Sportlehrer, weil er sehr individuell bewertet hat. Ich kannte damals das Wort »Zielvereinbarung« nicht, aber bei ihm gab es so etwas: wer sich erfolgreich am Wettbewerb »Stärkster Lehrling« beteiligt hat und einmal in der Woche zum Training kam, der konnte in Sport mit einer sehr guten oder guten Note rechnen. Zur Erklärung: mit Spezialisierung Mittel- und Langstreckenlauf hätte ich z.B. nie eine Chance auf eine Note 2 im Kugelstoßen gehabt. Durch freiwilliges Training und die Teilnahme an Wettkämpfen konnte man solche Defizite ausgleichen. Die sportlichen Leistungen wurden natürlich durch das Training auch besser ;-)


9 Antworten zu Ein richtig guter Lehrer

  1. Micha W. sagt:

    Ne witzige Sache, doch mitunter wohl auch dem Fakt „geschuldet“, dass die anderen Lehrer offenbar weniger Ehrung verdient haben … oder man konnte deren Leistung für den persönlichen Lebensweg noch nicht so genau verorten.
    Obwohl Sportlehrer vielleicht auch immer einen bestimmten Nimbus haben … alles andere in der Schule ist irgendwie geistig, außer Kunst und Musik vielleicht, das ist bei Gelingen schöngeistig ;)
    Und naja, Schulgarten und Nadelarbeit … ääähhhmmm??? :)

    Doch Sport … Sport ist einfach körperlich. Sport kann zwar indirekt gut für Geist und Seele sein, doch die geistige Leistung zählte im Sportunterricht eher wenig, es sei denn man hat sich beim 1000-Meter-Lauf schon nach der ersten Runde so verausgabt, dass man dann nur Seitenstechen spürte ;)

    • stefanolix sagt:

      Da muss ich Dir nun doch noch widersprechen. Sport kann nicht nur indirekt gut für Geist und Seele sein.

      Im Gegenteil: man muss schon den Sport sehr verzerren und missbrauchen, damit Schaden an Körper, Geist und Seele entstehen kann! Beispiele: Wehrsport in einer Diktatur, Doping, unfaire und brutale Trainingsmethoden, übertrieben hohe Belastungen usw.

      Von solchen oder ähnlichen Pervertierungen abgesehen ist Sport immer ein Gewinn für die gesamte Persönlichkeit.

  2. Manfred Schaller sagt:

    Ein wirklicher Lehrer. Ich verdanke ihm viel. Und als er mir 1978 zur Abifeier das DU erteilte, fühlte ich mich geadelt. Er war so herrlich unangepasst. Als die Schulleitung 1976 ein Kostümverbot für den Faschingsdienstag verkündete, hielt sich die ganze Schule daran. Nur Uli nicht, der kam mit Badekappe, aus der er Löcher für seine Ohren ausgeschnitten hatte. Er war eben ein Vorbild.
    Ich bin dann Lehrer geworden. Entschuldigung! Aber ich habe versucht nie zu vergessen, was ich wirklich bei ihm gelernt habe. Manfred

    • stefanolix sagt:

      Bei uns war es schon kurz vor dem Abitur. Aber »geadelt« würde ich es nicht nennen. Ähnlich wie bei Luko war es für mich eher das Gefühl, dass man nun als fast fertiger Abiturient & Facharbeiter auf Augenhöhe ernst genommen wurde.

      In meinem Text habe ich ja den Englisch-Unterricht noch gar nicht beschrieben. Wir hatten zuerst für zwei(?) Jahre eine klassische Englisch-Lehrerin und dann für den Rest bis zum Abitur Uli Friebe. Auch in diesem Unterricht hat man unheimlich viel gelernt. Unvergessen ist das »Phrasenschwein«, in das man bei Flüchen, deutschen oder russischen Wörtern einen Obolus einwerfen musste.

      Kostümverbote gab es bei uns (1983 bis 1986) nicht mehr. Unter der Engstirnigkeit einiger Lehrer haben wir gelitten. Einige Maßnahmen haben wir nicht verstanden, bis wir nach der Wende erfuhren, dass es schlimmer hätte kommen können.

      • Christoph Emmrich sagt:

        Ich hatte zwei Jahre Englisch bei Herrn Friebe, von 1991 bis 1993.
        Es stimmt, so gut habe ich vorher und auch nachher nie wieder etwas gelernt. Herr Friebe war ein menschlicher, engagierter und dynamischer Lehrer zugleich, das kommt selten vor. Er hatte immer lustige Sprüche auf Lager, vor allem dem weiblichen Geschlecht gegenüber, das er oft auf den Arm genommen hat. In seine Büchse musste man immer Geld einwerfen, wenn man nicht auf Englisch antwortete. Meine Leistung hat sich in den zwei Jahren von 4 auf 1 in der Prüfung gesteigert. Ich bin Herrn Friebe dankbar, dass ich Ihn kennen lernen dürfte.

      • stefanolix sagt:

        Danke! Die Büchse war bei uns ein liebevoll gebasteltes »Schwein« aus Pappmaché (darunter war ein Luftballon). Beim Abi-Ball kamen über 60 Mark heraus.

        Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Bußgelder: deutsches Wort: 10 Pfennig, Fluch: 50 Pfennig und russisches Wort 1 Mark.

        In Englisch war ich auch vorher ganz ordentlich, aber ich »verdanke« ihm vor allem eine 1. In Sport hat er mich aber wirklich zu einer 1 motiviert – im Wettbewerb »Stärkster Lehrling« und im Training montags oder dienstags auf dem Dachboden der Schule. In Sport waren die Sprüche SEHR drastisch, aber sie haben gewirkt.

  3. Christoph Emmrich sagt:

    Ich muss noch erwähnen, dass natürlich nicht nur Uli Friebe ein toller Lehrer war sondern auch die anderen Lehrerinnen und Lehrer des Baugymnasiums. Ich verdanke dieser Schule viel, was mit meinem persönlichen Leben zu tun hat. Aber „Uli“ war einer der Triebkraefte für gute Bildung, die heute so wichtig ist.

  4. Christoph Emmrich sagt:

    Das beste war die Atmosphäre an der Schule nach der Wende. So gut war es auch auf der Universität nicht mehr. Russisch bei Frau Conrad, Mathematik bei Herrn Gottschalk ( bewegend, als er in Rente ging ), später dann bei Dr.Schulz, Philosophie mit Herrn Thiele, bei Ihm hatte ich auch Sport, Deutsch bei Herrn Krause, Geschichte mit Luke, und und und…, haben mich geprägt und eine bleibende Erinnerung hinterlassen.
    Ich glaube, die Mischung aus freiem Denken und den alten Erfahrungen und kritischem Zeitgeist, der an der Schule vorherrschte, sind heutzutage wieder gefragt. Langsam kommt auch die Erinnerung daran zurück, soetwas ist eben nicht totzukriegen.

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