Das falsche Wort für die schlechte Erklärung

15. März 2015

In der Zeit rund um den Internationalen Frauentag gab es eine interessante Meldung: In Australien sei »mansplaining« als »Wort des Jahres« ausgewählt worden (eigentlich wohl eher als Neologismus des Jahres). Das Wort beschreibt eine Situation, in der ein Mann einer Frau wortreich falsche oder unnütze Erklärungen gibt.

Sofort fühlten sich auch in Deutschland Publizistinnen und Publizisten berufen, ausschließlich Männern diese schlechte Angewohnheit nachzusagen. Darunter waren parteiliche Journalistinnen wie Julia Bähr mit einem ideen- und gedankenlosen Artikel in der F.A.Z., aber auch altbekannte Stimmen wie Antje Schrupp. Von manchen hat man den Eindruck, dass sie es sich zum Beruf gemacht haben, Männer schlechter und Frauen besser darzustellen.

Die folgende kurze Kritik an Frau Schrupps Artikel soll als Grundlage für einen Vorschlag zur Güte dienen.


Antje Schrupp erklärt uns das »Mansplaining« an einem Beispiel: Ein Mechaniker habe ihr eine lange und gleichzeitig falsche Erklärung für das Klappern ihres Motorrads gegeben. Später habe ein anderer Mechaniker herausgefunden, dass an dem Motor doch etwas repariert werden musste. In ihren Kreisen scheint es für »mansplaining« das Wort »herrklären« zu geben – ich habe es noch nie gehört.

Antje Schrupp beschreibt ihr Schlüsselerlebnis so:

Meine Lieblingssituation in dem Zusammenhang: der Mechaniker, der mein Motorrad repariert hatte, und mir auf meine Bemerkung, da würde aber noch etwas ganz schön heftig im Motor klappern, ausführlich erklärte, warum dieses Klappern vollkommen normal sei.


Was zeigt dieses Beispiel denn tatsächlich? Erstens: Es gibt Menschen, die in ihrem Beruf falsche Diagnosen stellen. Die Häufigkeit falscher Diagnosen dürfte allerdings unter Männern und Frauen gleichverteilt sein. Jeder Mensch macht Fehler.

Und zweitens: Menschen gehen oft den bequemen, opportunistischen Weg, um sich ihren Job zu erleichtern oder um von der Unwissenheit anderer zu profitieren:

Die Schwester des schlechten Mechanikers können Sie im Kaufhaus in der Abteilung für Herrenoberbekleidung finden, wo sie dicken, schwitzenden Männern wortreich unpassende Anzüge, Hemden und Krawatten aufschwatzt. Wer als Mann mit einer klugen, beobachtungsbegabten Gattin oder Freundin Kleidung einkaufen geht, kann davon ein Lied singen.


Alle Erklärungen können nach den Kriterien Sprache und Richtigkeit in eine Matrix mit vier Feldern eingeteilt werden:

Erklärungsarten …

Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Grenzen zwischen den Abschnitten in Wahrheit fließend sind und dass nicht alle Erklärungen objektiv auf Richtigkeit untersucht werden können. Die Grenze zwischen einer Erklärung und einer Meinungsäußerung ist ja auch fließend.

Tatsache ist aber, dass es Erklärungen in diesen vier Feldern gibt. Die Erklärungen in der Kategorie D sind sachlich falsch und weitschweifig – also ganz und gar schlecht.

Die Lebenserfahrung zeigt: Schlechte Erklärungen kommen immer von Individuen und niemals von Gruppen. Schlechte Erklärungen können also von Frauen oder Männern kommen. Deshalb sollten aufgeklärte Menschen nicht das sexistische und diskriminierende Wort »mansplaining« einsetzen, das ohnehin nur in der Parallelwelt der radikalfeministischen Filterblasen eine Bedeutung hat.

Wer neutral und aufgeklärt mit Sprache umgeht, sollte für jede schlechte Erklärung dasselbe Verb verwenden. Nachdem wir in der deutschen Sprache bereits das Wort »zerreden« kennen, schlage ich dafür das Wort »zerklären« vor. Und als erste Faustregel: Darauf zu achten, dass man kein Ding und keinen Menschen zerkläre.

Als zweite Faustregel: Es bringt uns alle nicht weiter, wenn wir schlechte Erklärungen krampfhaft einem Geschlecht oder einer Berufsgruppe zuordnen. Versehentlich oder bewusst etwas zu zerklären – das kann uns allen passieren. Niemand kann behaupten, er sei frei davon.


Weil es ein heikles Thema ist: Ich freue mich über jeden sachlichen Kommentar. Ich weise darauf hin, dass persönliche Angriffe gegen Menschen sowie sexistische Sprüche oder Beleidigungen aus den Kommentaren herausgelöscht werden.



Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?

27. Februar 2015

Das Magazin brand eins überraschte mich heute mit einem Artikel unter der Überschrift »Ist Deutschland schuld an der Krise in Europa?«

Wer auch nur eine Minute über diese Frage nachdenkt, wird wohl nicht JA oder NEIN sagen, sondern mit der rhetorischen Gegenfrage antworten: »Kann ein Land schuld an der Krise in Europa sein?«


Deutschland ist nicht schuld?

Der Artikel beginnt mit zwei Alibi-Absätzen, die ein NEIN nahelegen könnten. Er verweist auf ein BIP-Wachstum in Deutschland von 4.5 % in sieben Jahren. Das entspricht einem jährlichen Mittel von knapp 0.7 % und ist somit sehr bescheiden.

Wer will, sieht ein Wirtschaftswunder hierzulande. In der Eurozone befindet sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf noch immer unter dem Niveau von 2007 – nur in Deutschland liegt es inzwischen rund 4,5 Prozent darüber. Ähnlich erfolgreich präsentiert sich das Land bei der Arbeitslosenquote (deutlich niedriger als 2007) und den Exportüberschüssen (deutlich höher). Krise ist woanders.

Sicher: Einige südeuropäische Länder haben in diesem Zeitraum Rückschritte gemacht und somit sinkt der Mittelwert in der gesamten Eurozone. Aber das liegt an einem ungesunden Wirtschaftswachstum zwischen 2000 und 2007. Als die Immobilien- und Schuldenblasen geplatzt waren, kam es zu einem Rückschlag.

Wenn sich die eingangs gestellte Frage auf die gesamte EU bezieht, sollte auch an die Länder erinnert werden, die den Euro nicht eingeführt haben und deren Wirtschaft sich besser als in den Krisenstaaten entwickelt hat.


Deutschland ist schuld!

Kernaussage der vielen weiteren Absätze des Artikels ist ein lautes »JA!« – Deutschland ist schuld an der Krise in Europa. Die Preise in Deutschland hätten nämlich stärker steigen müssen als durchschnittlich um 0.9 %, damit es in ganz Europa zu einer einheitlichen Inflationsrate gekommen wäre.

Genau das aber taten sie nicht – schuld daran ist die deutsche Politik. Infolge der Agenda 2010 sanken die Löhne und damit die Inflationsrate hierzulande.
:
Davon profitierte die deutsche Wirtschaft. Zwischen 1998 und 2007 konnten sich hiesige Unternehmen einen Kostenvorteil sichern, gemessen an den nominalen Lohnstückkosten.

Ich weiß nicht, über welche Zahlen der brand-eins-Autor verfügt. Aber mir ist keine exportorientierte Branche bekannt, die sich durch gesunkene Löhne auf dem Weltmarkt einen Vorteil gesichert hätte. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter in unseren Export-Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau oder Chemie verdienen sehr gut und die Löhne haben dort überdurchschnittlich zugelegt.

In der Auto-Industrie haben die Lohnkosten einen Anteil von etwa 10 % an den Gesamtkosten; in der exportorientierten Chemie-Industrie dürfte es kaum anders aussehen.

Es gibt einen viel plausibleren Grund für die vergleichsweise guten Lohnstückkosten in den Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen: Ein hohes Maß an Automatisierung und Rationalisierung.


Deutschland ist doppelt schuld!

Aber wenn man Deutschland eine richtig große Schuld in die Schuhe schieben will, braucht man noch einen zweiten Schuhlöffel:

Noch verhängnisvoller aber war, dass die Bundesregierung nach dem Ausbruch der Krise darauf bestand, dass die Schuldnerländer ihre verlorene Wettbewerbsfähigkeit mit Strukturreformen – sprich: Lohnsenkungen – wiederherstellen sollten.

Das ist nun gleich auf mehreren Ebenen falsch. Erstens haben »die Institutionen« mit den Schuldnerländern verhandelt – in diesen Institutionen hat Deutschland sicher Einfluss, aber mehrere andere Länder haben selbstverständlich auch ihre Interessen eingebracht.

Zweitens sind Strukturreformen keinesfalls mit Lohnsenkungen gleichzusetzen – diese Lohnsenkungen könnte man auch von Deutschland aus gar nicht durchsetzen. Und drittens hat Deutschland sehr viel Geld investiert, um die krisengeschüttelten EU-Partner wieder kredit- und geschäftsfähig zu machen.


Reden wir über Geld!

Der Autor rechnet uns vor, dass die Reallöhne in der Zeit von 2001 bis 2007 gesunken seien (Hervorhebungen von mir):

Doch zuvor, von 2001 bis 2007, gingen die Reallöhne um 3,2 Prozent zurück. Die Binnennachfrage veränderte sich mit einem Plus von 2,7 Prozent kaum. Im selben Zeitraum nahmen die Löhne im übrigen EU-Raum um 3,6 Prozent und die dortige Binnennachfrage um 18 Prozent zu. Insgesamt hat diese Periode des extremen Sparens Deutschland zwar einen zusätzlichen Exportüberschuss von knapp 130 Milliarden Euro gebracht, aber rechnerische Verluste bei der Binnennachfrage von rund 350 Milliarden.

Warum ist denn die Binnennachfrage gleich geblieben, während die Reallöhne gesunken sind? Das Sinken der Reallöhne liegt vor allem an den steigenden Sozialabgaben der Arbeitnehmer. Diese Umverteilung hat kaum einen Einfluss auf die Binnennachfrage, weil vor allem die Krankenkassen und Pflegekassen das Geld vorwiegend im Inland wieder ausgeben.

Die zitierten »rechnerischen Verluste« sollen sich wohl auf ein fiktives Wachstum der Löhne oder der Binnennachfrage beziehen – das wäre dann allerdings eine Rechnung, für die sich jedes Milchmädchen schämen würde.


Insgesamt scheint mir, dass in dem Artikel um jeden Preis eine deutsche Alleinschuld an der »Krise in Europa« konstruiert werden soll. Dass diese These falsch sein muss, sagt aber schon der gesunde Menschenverstand: So komplexe Systeme wie die EU oder die Eurozone geraten niemals aus einem einzigen Grund in eine Krise. Und Schuld hat niemals ein einziges Land.



Penne Rotbarsch

22. Februar 2015

Nachdem ich Ende der letzten Woche einigen Leuten via Twitter Appetit auf Penne Rotbarsch gemacht habe, möchte ich mein Rezept so beschreiben, wie es heute bei uns auf den Tisch kam. Die Zutaten sind für zwei Personen bestimmt:


250 g Penne aus Hartweizen (Pasta di semola di grano duro)

200 ml Krustentier-Fond oder Fischfond
100 g Garnelen oder Krabben
2 kleine Rotbarschfilets

1 mittlere rote Peperoni-Schote
1 mittlere grüne Peperoni-Schote
2 bis 3 große frische Knoblauchzehen

2 bis 3 EL Creme fraiche
2 EL grobes Meersalz + etwas feines Meersalz


  1. Rotbarschfilets abspülen, trockentupfen und in mundgerechte Stücke schneiden.
  2. Peperoni und Knoblauch putzen. Peperoni in Streifen, Knoblauch ganz klein schneiden.
  3. In einem großen Topf zwei Liter Wasser und 2 EL grobes Meersalz zum Kochen ansetzen.
  4. Den Krustentier-Fond in einem kleinen Topf mit dickem Boden aufkochen lassen, die Garnelen zugeben. Hitze reduzieren und 10 bis 12 Minuten wallen lassen. Die Garnelen sind dann gar und bissfest. Vorerst noch etwas ziehen lassen.
  5. Jetzt die Nudeln in den Topf mit dem stark siedenden Wasser geben. Die Kochzeit der Nudeln (12 bis 14 min) sollte der restlichen Zeit für das Rezept entsprechen. Ich habe Penne aus Hartweizen gewählt, weil im Fisch und in den Garnelen schon reichlich Eiweiß enthalten ist.
  6. Rotbarschfilets ganz leicht mit Mehl bestäuben und ganz leicht salzen. In Butter vorsichtig braten (ein- oder zweimal wenden), bis die Stücke gar und appetitlich aussehen. In der warmen Pfanne belassen.
  7. Sud und Garnelen durch ein Sieb in eine Schüssel gießen, Garnelen wegstellen, Sud wieder in den Topf geben und mit Creme fraiche binden. Mit wenig Meersalz abschmecken.
  8. Währenddessen in einer kleinen Pfanne Peperoni und Knoblauch in ganz wenig Olivenöl relativ kurze Zeit bissfest anschwitzen. Die Peperoni bringen Schärfe und Farbe ins Spiel.
  9. Penne abgießen, in einer großen Schüssel mit der gebundenen Sauce und den Garnelen mischen, Peperoni und Knoblauch unterheben. Auf zwei Tellern (groß, flach, weiß) verteilen. Rotbarsch-Würfel darüber verteilen.
  10. Voila!

Ich habe die doppelte Menge Krustentierfond und Garnelen genommen. Die andere Hälfte der gegarten Garnelen habe ich für einen Salat verwendet (um ehrlich zu sein: damit habe ich gleichzeitig die Garzeit getestet).

Die Menge des Fonds hängt auch davon ab, wie stark er einkocht. Ein 400-ml-Glas Fond und 200 g Garnelen lassen Reserve für den Salat, ein 200- oder 250-ml-Glas Fond sollte auch reichen.

Vorbereitungszeit und Zubereitungszeit halten sich für ein Sonntagsessen in Grenzen. Als Nachtisch passten: Ein starker Kaffee und ein (vormittags vorbereitetes) Panna cotta mit dem letzten Rest Bitterorangen-Sirup.

Die Idee für das Rezept geht auf mehrere Besuche in der Gaststätte »Steuerbord« auf der Nordseeinsel Langeoog zurück. Leider war es in den letzten beiden Jahren nicht mehr auf der Speisekarte. Das Panna cotta gibt es auf der Insel übrigens mit Sanddornsirup.

Gutes Gelingen, gutes Variieren und guten Appetit!



Japanische Druckschablonen für Kimonos im Japanischen Palais

19. Februar 2015


Bilder aus der Ausstellung »Logical Rain« …
(vom 19.02.2015)


Undine und die Molenbrücke

18. Januar 2015


Bilder an der Molenbrücke
(ungeordnet, vom 18.01.2015)


Ein Rant über Grüne, die uns Dresden erklären wollen

14. Januar 2015

Es gibt manchmal Artikel, deren Einstiegssatz schon vom weiteren Lesen abschreckt – weil er auf so vielen Ebenen falsch ist, dass man den weiteren Text nicht mehr ertragen will. Hier ist ein solcher Einstiegssatz:

Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR, gerade im „Tal der Ahnungslosen“ um Dresden, nicht gewollt.

Über diesen einen Satz könnte ich mich seitenlang aufregen, weil er so abgehoben ist und weil er die beiden dümmsten denkbaren Stereotype in sich vereint. Aber keine Angst, ich mache es kurz. Man verzeihe mir, wenn ich den Text nicht erst Korrektur lese, es ist jetzt einfach ein Rant und es ist so und er muss raus. Punkt.


Ich bin hier in Dresden 1967 geboren, aufgewachsen, hatte 1986 Abitur und Berufsabschluss in der Tasche, bin seit dem 8. Oktober 1989 für Demokratie auf die Straße gegangen. Ich brauche ganz sicher von der »Heinrich-Böll-Stiftung« keine Belehrung darüber, wie die Dresdner Gesellschaft der DDR-Zeit ausgesehen hat.

Das Dresden der DDR-Zeit war eine Zivilgesellschaft aus vielen miteinander verbundenen Nischen. Diese Nischen waren aber keine Hobbit-Höhlen, in die sich Familien zurückzogen, sondern sie vereinten und vernetzten jeweils denkende, arbeitende, feiernde, oft von der Freiheit träumende Menschen.

Zu den Nischen zählten Kirchgemeinden und Kleingartensparten, Vereine und Freundeskreise, Kulturzirkel und Sportgruppen, Arbeitskollektive und Hausgemeinschaften – ich höre hier auf, denn die Dresdner wissen es, und wer sich wirklich informieren will, kann uns gern fragen.

Die SED hatte in fast allen aufgezählten Gruppen ab den 1980er Jahren keine Chance mehr. Schon montags in der Sauna vertraute man sich so weit, dass man beim Aufguss zumindest die milden politischen Witze austauschte; in kleinerer Runde nach kurzer Zeit auch die harten, und dann auch die Meinung über das Wettrüsten oder die Perestroika.


Im Rückblick auf 1989 darf man sagen: Von der Substanz Dresdens wäre ohne diese Zivilgesellschaft sehr viel weniger übriggeblieben. Man half sich auf fast allen Ebenen gegenseitig, ob es bei der Unterstützung für Ausreisende, in der beginnenden Umweltbewegung oder beim Erhalt von Kirchengebäuden war. In Jungen Gemeinden und Studentengemeinden machten verbotene Bücher die Runde, aber es wurden auch gemeinsam Bäume gepflanzt oder Dreckecken beseitigt. Das soll wieder beispielhaft für andere Aktivität stehen, ich will es nicht in die Länge ziehen.

Die Zivilgesellschaft in Dresden wurde von vielen Einzelnen getragen. Exemplarisch die Pfarrersfrau in Niedersedlitz, die den lauernden, frierenden Stasi-Spitzeln im Winter einen heißen Tee ans Auto brachte, oder der Pfarrer einer anderen Kirche, der selbst auf den Kirchturm stieg, um die Dachziegel wieder festzumachen.

Auch hier möchte ich nicht ins Detail gehen, weil jeder weiß, wie eng in der DDR der Zusammenhalt sein musste, damit man geistig überleben konnte. Und dann laufen Grün-Linke daher und belehren uns, dass es in Dresden keine Zivilgesellschaft gegeben habe. Ich könnte …


Der zweite Schwachpunkt dieses Satzes ist das Stereotyp vom »Tal der Ahnungslosen«. Dieses gequälte Bonmot ist nun gleich auf zwei Ebenen lächerlich. Dazu muss man zuerst wissen, woher es kommt: Das »Tal der Ahnungslosen« war ursprünglich eine Spottzeile der Ostberliner über den Südosten der DDR, weil dorthin die westlichen Fernsehsender nicht gereicht haben. Solche Witze hatten 1989 schon eine Bartaufwickelmaschine.

Dresden war nämlich nicht ahnungslos. Erstens gab es ab Mitte der 1980er Jahre auch im Bezirk Dresden SAT-Anlagen, die gemeinschaftlich aufgebaut wurden (übrigens wieder ein Beispiel für Zivilgesellschaft!) und man konnte damit Westsender schauen. Und zweitens reichte der Deutschlandfunk während der gesamten DDR-Zeit in jede Ecke des Elbtals.

Ich habe täglich die Informationssendung am Morgen und stundenlang Bundestagsdebatten mit den alten Kämpen der West-Demokratie gehört, ich habe als 14jähriger um RAF-Geiseln gebangt, und ich habe mir gewünscht, auch mal die rezensierten Bücher aus der Kultursendung zu lesen, die vorgestellten Platten zu besitzen, und die beschriebenen Reisen zu unternehmen.


Und jetzt kommen also West-Grün-Linke daher, die Tellkamps »Turm« vielleicht gelesen, aber sicher nicht mal zur Hälfte verstanden haben, und wollen mir erzählen, dass Dresden keine Zivilgesellschaft gewesen sei. Ich weiß nicht, ob ich hart lachen oder eine Runde weinen soll. Wenn man den »Turm« nämlich richtig liest, erkennt man durchaus Beispiele der Zivilgesellschaft – aber was rede ich zu Ahnungslosen …

Ich bin aber trotzdem dankbar für diesen Artikel. Ich weiß nämlich jetzt wieder, warum sich solche Autoren NICHT eignen, über Dresden und Pegida zu schreiben. Es ist auch klar, warum die Grünen auf dem flachen Land in Sachsen kaum eine Chance haben und bei den Wahlen kaum mehr als 5% bekommen:

Weil sie den Leuten nicht zuhören. Weil ihnen das Mindestmaß an Empathie für die Menschen fehlt. Weil sie uns als Dresdnerinnen und Dresdner nur von oben herab kennen. Weil sie in abgehobenen akademischen »Diskursen« hässliche Einschubsätze drechseln, die außerhalb ihrer Blase niemand versteht. Nochmal zum Mitschreiben:

Zivilgesellschaftliches Engagement war in der DDR, gerade im „Tal der Ahnungslosen“ um Dresden, nicht gewollt.


Danke fürs Ertragen dieses Rants. Ich habe jetzt so viele ähnliche Sätze von »sich links verortenden« Personen gelesen, dass es einfach raus musste. Wenn Sie sich quälen möchten: Das ist der Artikel, aus dem der Satz stammt.



Die verkaufte Braut

22. Dezember 2014

Ich übe hier und anderswo gern Kritik an Sprachgeboten und Denkverboten. Der folgende Artikel ist eine Kritik an Geschlechter-Metaphern von vorgestern, an nichtssagenden Floskeln und an der distanzlosen Bejubelung von Produkten.


Der F.A.S.-Motorjournalist Boris Schmidt muss wohl ein großer Fan der Marke Jaguar sein. Sein aktueller Artikel aus der F.A.S. von gestern ist noch nicht online verfügbar, aber dieses Beispiel zeigt vielleicht, wie er es mit der Beschreibung von Jaguar-Fahrzeugen hält. Ende August schrieb er:

Der Jaguar F-Type, der frischeste Wurf aus England, macht vor, wie es geht. Der Sportwagen, der seit vergangenem Jahr als Cabriolet und seit April zusätzlich als Coupé angeboten wird, macht Furore. Und das nicht nur wegen seiner betörenden Formen.

Das könnte man als Motor-PR zu den Akten legen. Es ist sprachlich wenig originell – und der ganze Absatz transportiert im Grunde fast keinen Inhalt. Wenn in einem Artikel solche Floskeln vorkommen, nur damit die Seite voll wird, lese ich nur sehr selten weiter …

Gestern ist aber vom selben Autor ein ganzseitiger Artikel über Jaguar erschienen, der auch in sprachlicher Hinsicht kritikwürdig ist. Der Autor verwendet als Metapher für diese beiden Jaguar-Fahrzeuge immer wieder die Schwester(n) oder die Braut – und da schaut man doch mal genauer hin.


Geschwisterliebe

Es beginnt schon mit der Überschrift. Der Autor möchte in dem Artikel über die Liebe eines Romeo zu den beiden Fahrzeugen schreiben. Geschwisterliebe ist aber bekanntlich etwas völlig anderes. Wer hat sich da vergriffen – der Überschriftenredakteur, der Autor oder die PR-Agentur?

Und zur literarischen Seite: Romeo musste sich nie zwischen zwei Schwestern entscheiden. Er ist zwar am Anfang des Stücks noch ein wenig in Rosalinde verliebt, aber er vergisst sie in dem Augenblick, in dem er Julia zum ersten Mal sieht.


Zwei ungleiche Schwestern

Zu Beginn des Artikels werden uns die beiden Fahrzeuge als Schwestern beschrieben. Das geschieht mit Attributen, die aus einem alten Kitschroman entlehnt sein könnten:

Die eine Schwester ist wild, offenherzig, ungestüm, bildhübsch. Die andere: verschlossen, vernünftig, schön und noch ungestümer. Oder auch »zugeknüpft« – ich möchte gar nicht wissen, was sich der Autor unter einer ungestümen, gleichzeitig aber auch vernünftigen, verschlossenen und zugeknüpften Frau vorstellt ;-)


Liebhaber

Wie im Kitschroman senden die beiden Autos nun »verwirrende Signale«, bis unser Romeo völlig »hin- und hergerissen« ist. Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch:

Gut, wenn die beiden Schwestern aus der Familie Jaguar kommen, ein großes V8-Herz mit fünf Litern Hubraum haben und nicht aufeinander eifersüchtig sind. Obwohl die verschlossene, gern wird sie auch Coupé genannt, ihrer Schwester Cabriolet an Kraft und Temperament ein wenig voraus ist. 550 PS kann sie in die Waagschale werfen und 685 Newtonmeter Drehmoment. 495 PS und 625 Nm stehen dem gegenüber.

Als die beiden Jaguar-Töchter diesen Absatz gelesen hatten, wurden ihre Augen tränenfeucht und ihre Herzen schwer. Sie fuhren gemeinsam in die sinkende Abendsonne und schworen sich, nie wieder mit einem Journalisten zu reden.


Vater der Braut

Zu den beiden Jaguar-Töchtern gehört natürlich auch ein strenger Vater (obwohl man hier eigentlich eher von einer Mutterfirma reden müsste). Genießen Sie diese denkwürdigen Sätze:

Warum sich für eine von beiden entscheiden, wenn man genauso gut beide haben kann? Vater Tata in Indien wird sich freuen, wenn er gleich beide für eine Mitgift von gut 200.000 Euro unter die Haube bringt.

Erstens widerspricht es dem Ideal der romantischen Liebe, zwei Frauen zu heiraten. Zweitens bedeutete Mitgift, dass der Vater seinen Töchtern Geld mit in die Ehe gab. Eine Mitgift wurde an das Brautpaar oder an die Familie der Braut übergeben. Was der Autor meint, ist ein Brautpreis –  der wurde in der Tat an den Vater der Braut gezahlt.

Spätestens an dieser Stelle war der Tank des Autors offenbar schon leer – aber das Benzin reichte noch, um die Metapher endgültig totzufahren: Es gibt nämlich noch andere Mädchen auf dem Automarkt und so erfahren wir, dass der Onkel Ferdinand eine »Carrera-Elfe« unter die Haube bringen möchte, aber diese hat leider nur »350 PS aus sechs Töpfen« …


Damit hat man als Leser die erste Spalte des Artikels überstanden. Man ist so erschöpft, als sei man meilenweit gelaufen, um etwas Benzin zu bekommen.

Der Rest des Artikels besteht aus einem so furchtbar großen Berg an Floskeln, dass ich ihn nicht zu Ende lesen konnte und nur noch an die Floskelwolke übergeben möchte.

Sobald diese Melange aus kitschiger PR und altväterlichen Halbweisheiten online ist, werde ich einen Link setzen – als Hinweis auf ein Beispiel, wie man es in unserer Zeit nie wieder machen sollte.

Eigentlich war ich gestern nicht ausgezogen, um das Fürchten zu lernen, sondern um eine gute Zeitung zu kaufen. Nach dem Lesen dieses Artikels kann ich aber nur seufzen: »Ach, wenn’s mir doch nicht so gruselte!«



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