Schafe zählen

25. Januar 2016

Stellen Sie sich eine Schafherde mit 1.000 Schafen vor. Wir wissen: In der Schafherde sind 90 % weiße und 10 % schwarze, 50% weibliche und 50 % männliche, 50 % junge und 50 % ältere Schafe. Um Anfragen vorzubeugen: Die Schafe sind natürlich BIO, werden artgerecht gehalten, und nur mit zartesten Händen geschoren.

Jedes Schaf trägt einen mit WLAN versehenen Transponder, auf dem seine Eigenschaften Identifikationsnummer, Farbe, Geschlecht und Geburtsdatum gespeichert sind. Aus dem Geburtsdatum kann einfach die Altersklasse berechnet werden.

Der Schäfer hat auf seiner Weide ein WLAN und ein Notebook. Eine Stichprobe aus dieser Schafherde kann mithilfe einer Abfrage der Transponder im Statistikprogramm ausgewählt werden. Die Transponder der ausgewählten Schafe leuchten auf, und man kann sie für die Untersuchung aus der Herde entnehmen.

Wenn der Schäfer eine wirklich repräsentative Stichprobe seiner Schafe auswählen will [1], dann muss die Stichprobe entsprechend den oben genannten Anteilen weiße und schwarze, männliche und weibliche, junge und alte Schafe enthalten. In einer Stichprobe von 50 Schafen wären dann z. B. 25 Schafe weiblich, 25 aus der jüngeren Generation, 45 weiß und 5 schwarz.

Welche Möglichkeiten einer Auswahl der Schafe für die Stichprobe scheiden also aus? Der Schäfer kann nicht einfach die ersten oder die letzten 50 Schafe aus der Herde auswählen. Er kann die Auswahl auch nicht den Schafen selbst überlassen.

Der Schäfer muss die Schafe so auswählen, dass die Stichprobe mit einer Kombination aus Vorüberlegung und Zufall gebildet wird. Mit einem Zufallsgenerator und einer systematischen Zusammensetzung der Stichprobe ist das kein Problem. Die Daten liegen ja auf den Transpondern vor.

Es gibt nun einen weit verbreiteten Irrtum über Stichproben: Wenn der Anzahl der untersuchten Schafe nur groß genug sei, dann müssten doch die Ergebnisse desto genauer werden. Ein Anteil der ersten 30 % oder der letzten 40 % an der ziehenden Herde müsse doch immer den Rest repräsentieren.

Warum stimmt das nicht? Unter den ersten 30 % der Herde könnten sich sehr viele junge Schafe befinden, weil sie schneller laufen. Es könnten dort auch überproportional viele weibliche Schafe laufen, weil sie vielleicht zuerst in den Ställen sein wollen. Unter den letzten 40 % der Herde könnten sich wiederum alle schwarzen (oder nur weiße) Schafe befinden – was die Stichprobe zweifellos auch verfälschen würde.

Eine Stichprobe muss also immer nach den Maßgaben der Statistik ausgewählt werden. Es gibt zwar eine Mindestgröße, aber ohne die Beachtung der Herdenstruktur und ohne das Zufallsprinzip wird die Stichprobe nicht belastbar sein. Eine relativ große Stichprobe, die nicht systematisch zusammengestellt wurde, ist für die Statistik wertlos.


(Ergänzung): Es gibt noch einen weit verbreiteten Irrtum über Stichproben: Man könne aus Teilmengen der Stichprobe etwas über die Teilmengen der Gesamtheit erfahren. Warum ist das ein Irrtum?

1. Die Stichprobe dient immer einem bestimmten Zweck. Ein Schäfer will vielleicht den Zustand der Wolle oder das Gewicht der Schafe testen. Dafür wählt er die Schafe repräsentativ aus.

2. Die Anzahl der stichprobenartig ausgewählten Schafe aus den Teilmengen »weiblich«, »jünger« oder »schwarz« ist in der Regel zu gering, um sie als repräsentativ für ihre Teilmenge ansehen zu können. Je kleiner die Teilmenge, desto größer ist der Einfluss des Zufalls.

Deshalb ist es eine gute Faustregel, bei allen Annahmen über Teilgruppen sehr vorsichtig zu sein. Wenn es interessante Vermutungen über die Teilgruppe gibt, sollte eine Stichprobe nur aus der Teilgruppe untersucht werden.


[<- Anmerkung 1]
Dabei setze ich stillschweigend voraus, dass die Eigenschaften der Schafe (Alter, Geschlecht, Farbe) für das Forschungsziel der Stichprobe relevant sind. So ist es ja analog bei Stichproben in der Wahlforschung auch: Ältere und Jüngere, Frauen und Männer (…) sollen gleichermaßen repräsentiert sein.


Wer das Wesen von Stichproben verstanden hat, der weiß nun auch, warum dieses Beispiel nichts taugt: Die ersten 442.000 von 1.100.000 Flüchtlingen können nicht repräsentativ für alle sein.




Erregungsstatistik

22. Januar 2016

Viele Nutzer der sozialen Netzwerke haben sich in dieser Woche über ein Diagramm erregt, mit dem bewiesen werden sollte, dass in Deutschland besonders viele »Dumme« in den sozialen Netzwerken unterwegs seien.

In Kurzform: Diese Schlussfolgerung ist Quatsch. Aus dem einzelnen Datenpunkt in diesem Diagramm kann man über Deutsche mit niedrigem Bildungsabschluss in den sozialen Netzwerken (fast) keine Schlüsse ziehen. Erst recht verbieten sich alle Schlussfolgerungen über das Verhalten der Mitglieder dieser Gruppe.


Was ist passiert? In einer OECD-Statistik (S. 146 und 147) wurde veröffentlicht, dass 51 % der Deutschen mit niedrigem Bildungsabschluss in den sozialen Netzwerken vertreten sei – aber nur 42 % der Deutschen mit hohem Bildungsabschluss.

Das sorgte für Erregung über die vielen »Trottel«, die im Netz unterwegs seien. In Wirklichkeit wurde in der zitierten Umfrage allerdings nur folgende Frage gestellt:

Fragestellung Internet

Mindestens einmal in den letzten drei Monaten ein soziales Netzwerk aufgerufen und irgend etwas darin getan zu haben – das ist im großen Fragenkatalog eine Frage unter vielen. Sie kann nur mit Ja oder Nein beantwortet werden und die Antwort ist dementsprechend recht wenig wert.


Ein Rückschluss auf die Gruppe der Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss ist also nur mit sehr großer Vorsicht zu ziehen. Sascha Lobo, der von vielen Medien als »Internetexperte« betrachtet wird, holt trotzdem gleich mal die ganz große Keule heraus:

Die OECD hat herausgefunden, dass in allen Ländern die Social-Media-Nutzer gebildeter sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Außer in Deutschland. Ausgerechnet hier ist es andersherum: je dümmer, desto Social Media.

Das ist kompletter Blödsinn. Aus den Zahlen der OECD kann man diese Schlussfolgerung nicht ziehen. Als ich gestern misstrauisch gegenüber den Daten und Schlussfolgerungen wurde, habe ich eine Menge gelernt. Das Wissen möchte ich jetzt mit Euch teilen – denn das schützt vor voreiligen Schlüssen. Zuerst ein ganz kurzer Ausflug in die Bildungsstatistik.


Was sind niedrige formale Bildungsabschlüsse?

Die Statistik der OECD-Staaten muss Bildungsabschlüsse international vergleichbar machen. Deshalb gibt es eine Klassifizierung, in die alle Bildungsabschlüsse eingetragen werden können. In der OECD-Umfrage zur Nutzung von Informationstechnik wurde der ISCED-97 verwendet. Darin werden alle Bildungsabschlüsse in die Klassen 0 bis 6 eingeteilt.

Die Klassen 5 und 6 zählen in diesem Schema als »hohe formale Bildung« und die Klassen 0 bis 2 als »keine oder niedrige formale Bildung«. Was man dazu wissen muss: In Deutschland gibt es nur 13 % Menschen ohne formale Bildung oder mit niedriger formaler Bildung:

Diagramm Abschlüsse

Wenn aus dem roten Segment (niedriger Bildungsabschluss) die Hälfte in sozialen Netzwerken aktiv war, dann sind das 6,6 % der Deutschen.

Wenn aus dem dunkelblauen Segment (hoher Bildungsabschluss) 42 % in sozialen Netzwerken aktiv waren, sind das 16 % der Deutschen.

Es sind also gegenüber den (formal) Ungebildeten weit mehr als doppelt so viele (formal) Hochgebildete in sozialen Netzwerken unterwegs. Schon damit ist Sascha Lobo widerlegt.


Jetzt soll noch erklärt werden, warum gerade die Angabe über die 13 % der Menschen mit geringem Bildungsabschluss mit großer Vorsicht zu betrachten ist:

Die OECD-Daten werden so erhoben, dass sie für Deutschland repräsentativ sind. Man sucht also gleich viele Frauen und Männer heraus und man versucht so gut wie möglich, die soziale Zusammensetzung der Deutschen abzubilden. Merksatz: Je kleiner eine Teilgruppe ist, desto weniger sind die Daten für diese Teilgruppe repräsentativ.

Bei der Befragung der 13 % mit niedrigem Bildungsabschluss nach ihrer Aktivität in sozialen Netzwerken kann also der Zufall eine große Rolle gespielt haben. Wir wissen tatsächlich nicht sicher, ob wirklich die Hälfte dieser Gruppe in sozialen Netzwerken aktiv ist (und wir wissen erst recht nicht, was diese Menschen dort tun).

Die Gruppe der (formal) hoch Gebildeten ist fast dreimal so groß wie die Gruppe der (formal) niedrig Gebildeten. Also hat der Anteil dieser Gruppe auch ein viel höheres Gewicht. Eine Aussage über die größere Gruppe von 38 % ist natürlich nicht dreimal so genau – aber sie ist doch genauer als über die 13 %.


Es haben sich in dieser Woche viele Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss über dieses Diagramm aufgeregt und dem Lobo-Artikel begeistert zugestimmt. Auf Twitter waren darunter auch Geisteswissenschaftler, Rechtsanwälte und professionelle Meinungsmacher.

Wer einen hohen Bildungsabschluss besitzt, hat damit aber m. E. auch eine Pflicht: Er sollte sich besonders genau überlegen, welchen Thesen er zustimmt und welchen Zahlen er Glauben schenkt. Wenn er kann, sollte er aufklären – und nicht auf scheinbar »Dumme« herabschauen.


Mit besonderem Dank für kritische Nachfragen und für einen wichtigen Quellenhinweis an Bert »Netzninja« @akjev [Folge-Empfehlung].


Im OECD-Vergleich hat Deutschland einen ziemlich geringen Anteil an Menschen ohne formale Bildung oder mit niedriger formaler Bildung. Der OECD-Durchschnitt erscheint mir mit 25 % ziemlich erschreckend, wenn man bedenkt, dass für jeden guten Arbeitsplatz mindestens ein Facharbeiterabschluss notwendig wäre.

Datenquelle für die oben genannten Anteile ist das Statistische Bundesamt: Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich. Nebenbemerkung: Der Anteil von formal »ungebildeten« Menschen ist in den Bundesländern Sachsen und Thüringen am geringsten. Hier beträgt er nur 4 %.

Destatis verwendet in seiner Publikation allerdings den ISCED-2011. Er differenziert bei den höheren Bildungsabschlüssen stärker als der ISCED-97. Deshalb habe ich im Diagramm die Angabe “>5” verwendet.



Exhibitionismus ist #unerwünscht

17. Januar 2016

Sehen wir an diesem kalten Tag den nackten Tatsachen ins Auge: Unter hundert heterosexuellen Männern gibt es vier Männer mit einer Neigung zum Exhibitionismus. Einige davon entblößen sich in der Öffentlichkeit vor Frauen und Mädchen. Etwa ein Viertel der Täter wird aggressiv und tätlich. Im Augenblick der Tat sind Exhibitionisten von einem Drang besessen und können sich nicht selbst steuern.

Exhibitionismus wird von Medizinern als Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung betrachtet und kann eine »schwere seelische Abartigkeit« sein. Forensische Psychiater müssen Straftäter und Straftaten beurteilen. Sie haben zum Phänomen Exhibitionismus folgende Erkenntnisse gewonnen [siehe Quelle 1]:

  • die meisten Exhibitionisten sind (außer dieser Veranlagung) »psychopathologisch weitgehend unauffällig« und sozial integriert
  • die Exhibition der Geschlechtsteile dient oft der Kompensation eigener Ohnmacht und Angst
  • Exhibitionisten mit aggressiver Tendenz wollen bei Mädchen oder Frauen Schrecken und Angst auslösen
  • die Tat kann bei Männern mit einem niedrigen Grad an (sozialer) Intelligenz (»Minderbegabten«) als  »unbeholfenes Kontaktangebot« interpretiert werden

Forensische Psychiater unterscheiden in [1] die folgenden drei Gruppen von Exhibitionisten:

  1. der Exhibitionist im mittleren Alter, der aufgrund von Kränkungen, Angst und Frustration ein gestörtes Selbstwertgefühl hat
  2. der unsichere und unbeholfene jugendliche Exhibitionist, der »scheu, einzelgängerisch und kontaktarm« ist
  3. der »instabile, sozial randständige Exhibitionist« mit häufig aggressiven Zügen

[Quelle 1] Jürgen Leo Müller, Norbert Nedopil: Forensische Psychiatrie: Klinik, Begutachtung und Behandlung zwischen Psychiatrie und Recht; Georg Thieme Verlag; 2012


Exhibitionismus kann nach deutschem Recht strafbar sein. Er ist laut § 183 StGB nur bei Männern unter folgenden Voraussetzungen strafbar: Es ist jemand durch die exhibitionistische Handlung belästigt worden und die Tat muss angezeigt werden.

Exhibitionismus wird nur auf Antrag verfolgt. Die Strafverfolgungsbehörde kann aber wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten halten, wenn etwa ein Täter wiederholt in der Fußgängerzone auftritt.

Exhibitionistische Handlungen können allerdings als öffentlich sexuelle Handlungen interpretiert werden. Sie können dann nach § 183a StGB auch als »Erregung öffentlichen Ärgernisses« verfolgt werden. Das gilt dann für Männer und Frauen gleichermaßen. Die Größenordnung für beide Paragraphen zusammen lag in Deutschland zwischen 1995 und 2014 insgesamt zwischen etwa 7.000 und 10.000 Fällen im Jahr [Quelle].

Was ich bisher nicht wusste: In § 183 (3) StGB wird explizit eine mögliche Therapie erwähnt. Zitat: »Das Gericht kann die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe auch dann zur Bewährung aussetzen, wenn zu erwarten ist, dass der Täter erst nach einer längeren Heilbehandlung keine exhibitionistischen Handlungen mehr vornehmen wird.«


Wenn ich diese Erkenntnisse aus Psychologie und Recht für mich zusammenfasse, komme ich zu folgenden Erkenntnissen:

  1. Exhibitionismus ist therapierbar. Wenn ein Mann diese Neigung an sich bemerkt und zur Reflexion in der Lage ist, kann er sich einer Psychologin oder einem Psychologen anvertrauen. Menschen aus sozial besseren Schichten haben eine höhere Chance auf Therapie.
  2. Die Tat wird von Männern begangen, die tendenziell eher am Rande der Gesellschaft stehen. Sie wissen nichts von den Therapiemöglichkeiten. Sie haben keine Bezugspersonen, denen sie sich öffnen können. Sie sind oft selbst verunsichert und fühlen sich ausgegrenzt.
  3. Statistische Schlussfolgerung: Eine sehr kleine Anzahl an Tätern kann bereits sehr viele Frauen und Mädchen erschrecken, belästigen oder in Angst versetzen. Das kann durch häufige Wiederholung oder durch Exhibition vor einer Gruppe geschehen.

Aktivistinnen haben nun die Aktion #unerwünscht gestartet. Diese Aktion soll auf Belästigungen durch Exhibitionismus hinweisen und Fälle sammeln. Angesichts des Anteils der Exhibitionisten an der Gesamtzahl der Männer und angesichts der oben beschriebenen Profile der »Täter« muss man sich die Frage stellen: Wem nutzt das?

Die Aktion kann ganz offensichtlich nicht der Prävention dienen: Man beeinflusst keinen der drei oben beschriebenen Täter-Typen mit Kurzmeldungen auf Twitter. Eher besteht die Gefahr, dass sie sich noch mehr Aufmerksamkeit für ihren Exhibitionismus (und vielleicht die Erwähnung im nächsten storify) erhoffen.

Diese Aktion wurde von Anfang an so aufgezogen, dass es nicht um Exhibitionisten, sondern um Männer geht. Die Aktivistin Anke Domscheidt-Berg twitterte explizit:

frage an männer: war Euch das ausmaß bekannt, in dem männer in der öffentlichkeit ihre schwänze auspacken?

Exhibitionisten können zweifellos bedrohlich und belästigend wirken. Ich habe mich im privaten Kreis umgehört und von solchen Fällen (aber auch von Gerüchten) gehört. Es sind aber immer bedauerliche Einzelfälle. Es darf dabei nicht pauschal um alle Männer gehen.

Was ich zu dem Thema in kurzer Recherche herausgefunden habe, sollte auch einer Gender-Aktivistin bewusst sein: Kein Mann, der bei klarem Verstand und psychisch gesund ist, entblößt im ÖPNV, in der Fußgängerzone oder im Kaufhaus seine Geschlechtsorgane.

Exhibitionismus ist kein bewusst eingesetztes Mittel zur Unterdrückung von Frauen, sondern es ist eine krankhafte Aktion von (möglicherweise) Unterdrückten und an den Rand Gedrängten, die psychische Probleme haben. Das wird bei #unerwuenscht bewusst ausgeblendet.


Warum wurde also diese Aktion ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt initiiert? Die WELT schrieb in einem viel beachteten Kommentar:

In teilweise atemberaubender Empathielosigkeit gegenüber den weiblichen Opfern von Köln, Hamburg, Bielefeld, Stuttgart, Frankfurt und anderswo verteidigen viele von denen, die sich sonst tagtäglich für “Gender-Mainstreaming” einsetzen und die “Festung Europa” attackieren, ihre eigene Festung im Kopf.
(…)
Im Übrigen gelte es nun, Rechtspopulisten, Nazis und Rassisten, die politischen Profiteure der Ereignisse, noch stärker zu bekämpfen.

In diesem Artikel ist explizit das Umfeld der radikalen Genderaktivisten und Netzfeministinnen gemeint. Die Aktion #unerwünscht kann auch nur im Rahmen dieser Ideologie des radikalen (Netz)-Feminismus einen Sinn ergeben. Er hat momentan das Ziel, von den Ereignissen in Köln abzulenken. Er hat darüber hinaus das permanente Ziel, Männer als Unterdrücker und Aggressoren hinzustellen.

Jeder der in #unerwuenscht veröffentlichten Tweets kann objektiv wahre Ereignisse, subjektive Wahrnehmungen, Gerüchte oder sogar rein fiktive Erzählungen enthalten. Aus Einzelfällen und mutmaßlichen Einzelfällen soll wieder einmal eine Bedrohung der Frauen durch (vornehmlich weiße, heterosexuelle) Männer konstruiert werden.

Es gibt aber in Wahrheit keine pauschale Bedrohung durch Männer, sondern es gibt eine Bedrohung durch eine ganz winzige Minderheit: Gehen wir von 4 % exhibitionistisch veranlagten Männern aus, dann wird sicher ein bestimmter Anteil davon therapiert und bekommt diese Veranlagung unter Kontrolle.

Von den übrig gebliebenen tatsächlichen »Tätern« werden 25 % aggressiv. Somit sind wir bei einem winzigen Bruchteil aller Männer angekommen. Diese sind (a) als Exhibitionisten veranlagt, (b) noch nicht therapiert, und werden (c) Frauen wirklich gefährlich. Der oben zitierte Tweet müsste also lauten:

War Euch das Ausmaß bekannt, in dem einige wenige therapiebedürftige Exhibitionisten in der Öffentlichkeit ihren Penis auspacken?

Wenn die Aktion #unerwünscht von Anfang an thematisiert hätte, dass es sich um therapiebedürftige Einzeltäter handelt, hätte ich keinerlei Einwand dagegen gehabt. Aber mit Sachlichkeit kann man nun mal keine neue Kampagne gegen Männer aufziehen, keine Klicks generieren und sich nicht in das Licht der Öffentlichkeit drängen.


PS: Ich bitte alle meine Leserinnen und Leser hier in den Kommentaren und auch in den Tweets zu diesem Thema um anständige Umgangsformen. In der Sache kann man hart diskutieren – aber Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen vergiften das Klima für uns alle.



Lutz Bachmann und der Goebbels-Vergleich

3. November 2015

Man muss sich Lutz Bachmann heute wohl als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat sich mit seinem Goebbels-Vergleich in eine lange Liste mehr oder weniger bekannter Personen des öffentlichen Lebens eingereiht – und er wird dafür noch lange Beachtung finden.

Goebbels-Vergleiche sind in der deutschen Innenpolitik immer wieder ein Mittel der (billigen) Provokation gewesen. Bachmann wusste sehr genau, dass er mit diesen Worten einen Reflex auslöst. Er wusste auch, dass sich die Medien und viele Politiker geschichtsvergessen darauf stürzen würden.

Wer heute wegen Bachmanns Provokation den Staatsanwalt einschalten will, sollte vorher einen Augenblick an die Geschichte denken: Der Goebbels-Vergleich ist für seine politischen Urheber immer ohne rechtliche Konsequenzen geblieben. Eine Auswahl aus dem Zettelkasten der Demagogie hat der SPIEGEL vor einigen Jahren veröffentlicht. Zitat von dort:

Zuspitzung gehörte zum Geschäft – auch schon bei Brandts und Kohls Vorgängern. Der Goebbels-Vergleich als letztes Mittel im politischen Schlagabtausch, als schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal – der Sozialdemokrat war nicht der erste, der sie einsetzte. Konrad Adenauer (CDU) hatte so schon gegen Kurt Schumacher (SPD) gewettert, Herbert Wehner (SPD) gegen Franz Josef Strauß (CSU), Strauß wiederum gegen linke Demonstranten.

Bachmann hat zwar keinerlei Programm und keinerlei Lösung für unsere aktuellen Probleme. Er weiß aber sehr gut, wie man Aufmerksamkeit provoziert. Bachmann ist es auch völlig egal, ob der Goebbels-Vergleich als schmutzig eingestuft wird – er kann sich ja auf eine lange Reihe anderer Personen berufen, die ihn bereits ungestraft eingesetzt haben.

Bachmanns Provokation sollte den Zeitungen allenfalls eine historisch klug eingeordnete Randnotiz wert sein. Wenn sich Medien und Politiker darüber aufregen, tanzen sie nach Bachmanns Pfeife und machen eine weitere Woche für #Pegida kostenlose Werbung. Die treffende Formulierung »schmutzige Bombe im rhetorischen Waffenarsenal« trifft auch auf Bachmanns Goebbels-Vergleich zu. Dabei sollte man es belassen.

Wer schreibt, bloggt oder twittert, sollte gelegentlich reflektieren: Mit welchen rhetorischen Tricks werde ich konfrontiert? Welche rhetorischen »Waffen« setze ich gewollt oder ungewollt selbst ein – wenn ich zitiere, favorisiere oder weiterleite? Welche Fehlschlüsse unterlaufen mir dabei? Das ist allemal nutzbringender, als die Aufregung über den Herrn Bachmann zu ventilieren …



Tania Kambouri »Deutschland im Blaulicht«

12. Oktober 2015

Wenn ein Buch schon wenige Tage nach seinem Erscheinen polarisiert, kann das mehrere Ursachen haben. Es kann sich um ein hochbrisantes Thema handeln, für das die Zeit reif war. Das Buch kann von radikalen Interessengruppen vereinnahmt oder bekämpft werden. Nicht zuletzt kann der Konflikt auch in der Person des Autors oder der Autorin angelegt sein.

Tania Kambouris »Deutschland im Blaulicht« polarisiert zweifellos – und dabei spielen alle genannten Ursachen eine Rolle. Gerade deshalb sollte das Buch gelesen und diskutiert werden: Es ist sachlich geschrieben, es hat mehr Stärken als Schwächen, es bietet mehr richtige als falsche Lösungen an.


Glaubwürdigkeit


Wenn »Whistleblower« aus dem Inneren einer Organisation berichten, müssen wir ihnen bis zu einem gewissen Grad vertrauen. Wir vertrauen z B. Edward Snowdens Aussagen und Daten. Wir vertrauen den Inhalten der brisanten Dokumente, die bei Wikileaks zum Download angeboten werden. In beiden Fällen müssen wir uns darauf verlassen, dass keine gefälschten Daten hinzugefügt und dass die Informationen nicht verzerrt wurden.

Auch den Erfahrungsberichten in Tania Kambouris Buch müssen wir als Leser bis zu einem gewissen Grad vertrauen. Mein Eindruck: Im Buch, in der Talkshow und in den Interviews tritt sie sehr ruhig und sachlich auf. Sie verwendet keine polarisierenden Worte oder Parolen. Sie setzt auf Differenzierung und Deeskalation.

Tania Kambouri steht mit beiden Beinen auf dem Boden des demokratischen Rechtsstaats. Sie plädiert mehreren Stellen des Buches für einen ungeteilten Rechtsstaat und gegen eine separate Rechtsprechung in Parallelgesellschaften. Sie argumentiert mit den Werten unseres Grundgesetzes. Sie stellt sich gegen Doppelmoral und Diskriminierung. Deshalb halte ich sie für glaubwürdig, obwohl ich nicht alle Argumente und auch nicht alle Lösungsvorschläge unterschreiben würde.


Die Realität des Streifendienstes in Bochum


Stark ist das Buch überall dort, wo Tania Kambouri in sachlichen Sätzen und anhand vieler Beispielen beschreibt, was sie im Polizeidienst erlebt hat: Sie wird in Bochum aus bestimmten Migrantengruppen heraus offen verachtet und diskriminiert, weil Mitglieder dieser Gruppen eine Frau im Polizeidienst nicht akzeptieren.

Die Missachtung kann in der Verweigerung der Kooperation, in üblen Schimpfworten, im übergriffigen Anfassen, durch Anspucken oder in Form körperlicher Gewalt zum Ausdruck kommen. Tania Kambouri beschreibt menschenverachtende Verhaltensweisen, die sich in bestimmten Migrantengruppen gehäuft und wiederholt gezeigt haben.

Die Beschreibungen sind ausdrücklich nur ein Ausschnitt aus dem gesamte Polizeialltag in Deutschland. In anderen Bundesländern und in anderen Großstädten können die Schwerpunkte anders aussehen. Die Autorin konzentriert sich auf die Gebiete, die ihr vertraut sind.

Das Buch ist gerade in den persönlichen Erfahrungsberichten mutig: Es ist sehr schwer, offen darüber zu reden, wenn man als Mensch so missachtet und angegriffen wird. Damit ist ja seitens der Angreifer eine Erniedrigung beabsichtigt.

Es ist auch nicht einfach, zu beschreiben, wie man als Mensch wahrgenommen wird. Die Autorin könnte nach ihrem Aussehen aus Südeuropa, aus der Türkei oder auch vom Balkan stammen. Sie schreibt an einer Stelle über die Wahrnehmung von Migranten: »Dann gehen die Schubladen in unseren Köpfen schneller auf, als wir uns dagegen wehren können …«.


Eingrenzung der problematischen Gruppen


Problematische Gruppen in einer Gesellschaft müssen ohne pauschale Vorverurteilung beschrieben werden. Tania Kambouri betont an mehreren Stellen des Buches, dass sie gegen niemanden einen Generalverdacht in die Welt setzen will. Vor allem Selbst- und Paralleljustiz können aber aus ihrer Sicht in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert werden.

Sie grenzt die problematischen Gruppen so gut wie möglich ein – es sind vor allem stark patriarchalisch und traditionell geprägte Zuwanderer muslimischer Prägung. Probleme gibt es in ihrem Arbeitsbereich auch mit einer Minderheit der Zuwanderer vom Balkan und aus Osteuropa. Die Autorin schreibt im Vorwort [Hervorhebung von mir]:

Das soll keine Pauschalverurteilung sein und schon gar keine rassistische Vorverurteilung aufgrund der Herkunft oder des Glaubens, aber es ist schlichtweg eine Tatsache, dass manche Bevölkerungsgruppen bei bestimmten Verhaltensmerkmalen und Straftaten überrepräsentiert sind. […] Die erste Frage lautet jedoch immer, warum es zu einer Straftat kam und wie man sie in Zukunft verhindern kann. Und wenn der Migrationshintergrund bei der Beantwortung dieser Fragen von Bedeutung ist, wird er erwähnt.

Dieses Versprechen löst die Autorin in der Tat ein, wenn sie im Buch das Verhalten der problematischen Gruppen bewertet. Sie sucht nach Ursachen und findet sie in (zum Teil) archaischen Vorstellungen von Ehre, Männlichkeit, Patriarchat und Familie. Sie konstatiert eine »Verachtung des Staates« und weist darauf hin, dass diese Verachtung auch bei »Neonazis und anderen Extremisten« zu finden sei.

Die Autorin geht sehr ausführlich auf das Problem der Paralleljustiz ein. Sie beschreibt, wie sogenannte Friedensrichter auch Fälle des Strafrechts beeinflussen: durch eigenmächtige Urteile, Beeinflussung von Zeugen oder Schweigedruck.

Die Erlebnisse aus dem Polizeialltag werden ergänzt durch Berichte aus dem täglichen Leben in Bochum – mit traditionell-muslimisch geprägten und zum Teil archaisch denkenden Menschen. An mehreren Stellen des Buches kommen bizarre und inakzeptable »Normen« des Zusammenlebens in traditionell-muslimisch geprägten Gemeinschaften an den Tag: Jungen dürfen ihre Schwestern schlagen, Lehrerinnen haben Jungen nichts zu sagen, eine Mutter musste sich sogar vom eigenen Sohn (der noch ein Kind war) maßregeln lassen. Zitat:

Ganz abgesehen davon, dass es schwer ist, mit solchen Kindern Unterricht für eine ganze Klasse zu gestalten: Was soll aus diesen Kindern werden, wenn sie mit solchen Ansichten ganz selbstverständlich aufwachsen?

Wichtig ist mir der Hinweis: Es geht aus dem Buch zwar hervor, dass es moderne, gebildete, aufgeklärte Muslime gibt. Es wird aber zu wenig darauf eingegangen, wie man sie vielleicht als Verbündete gegen die Rückständigkeit gewinnen kann.


Abgrenzungen


Tania Kambouri grenzt sich namentlich gegenüber der AfD, gegenüber Pegida und gegenüber Thilo Sarrazin ab. Die Abgrenzung gegenüber Sarrazin glückt nicht ganz überzeugend:

Ich bin wahrlich kein Befürworter von Sarrazins Thesen, die zum Teil richtig bizarr sind, wenn sie mit ihren Intelligenz-Vererbungstheorien mehr oder weniger stark an Eugenik oder Rassenlehre erinnern – dennoch spricht er negative Entwicklungen an, die schlicht und ergreifend wahr sind.

Die Frage der Vererbung von Intelligenz wird wissenschaftlich untersucht und es spricht einiges dafür, dass Begabungen und Fähigkeiten vererbt werden. Diese Frage hat aber nichts damit zu tun, dass Sarrazin bestimmten ethnischen Gruppen pauschal eine höhere Intelligenz oder einen größeren Fleiß zuschreibt.

Direkt nach dieser Abgrenzung schreibt sie, dass ihr der ehemalige Berliner Lokalpolitiker Heinz Buschkowsky »wesentlich näher« stünde und dass sie ihm am liebsten antworten würde: »Bochum ist überall«. Das ist allerdings zu hinterfragen: Neukölln und Bochum »sind« z. B. nicht Dresden oder Leipzig. In den beiden sächsischen Großstädten gibt es schwerpunktmäßig ganz andere Probleme – auf der einen Seite die gewalttätigen Teile der Pegida und auf der anderen Seite die gewalttätigen Linksautonomen.


Tania Kambouris Bewertungen und Schlussfolgerungen


Viele der Tatverdächtigen und Täter sind noch sehr jung – ob es nun um Bochum, Berlin, Dresden oder Leipzig geht. In Sachen Jugendstrafrecht steht Tania Kambouri am ehesten der ehemaligen Jugendrichterin Kirsten Heisig nahe. Sie plädiert für ein zeitiges Einbeziehen der Eltern und der Schulen und gegen langes Abwarten.

An einigen Stellen des Buches werden Statistiken zitiert, aber es fehlen leider die Quellenangaben. Wenn »die Zahl gefährlicher und schwererer Körperverletzungsdelikte von 2003 bis 2012 um 24 % zugenommen hat«, »die Hälfte der Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt ist« und »Männer türkisch-arabischer Herkunft dominieren« – dann hätte ich als Leser gern eine nachprüfbare Quelle.

Wenn Tania Kambouri eine Stärkung des gesamten Rechtsstaats, mehr Zivilcourage, eine neue Integrationspolitik, eine bessere personelle und materielle Ausstattung der Polizei und eine bessere Bildung fordert, kann man ihr nur zustimmen. Sie begründet diese Forderungen sachlich mit den Ergebnissen ihrer eigenen Beobachtung. Sie grenzt sehr gut ab, wo Toleranz notwendig und wo Null-Toleranz angebracht ist.

Wenn sie allerdings für die Vorratsdatenspeicherung plädiert, wird nicht deutlich, wie man damit auch nur eines der angesprochenen Probleme lösen soll. Die folgende Argumentation ist leider eine der Schwächen des Buches:

Auch beim Thema Vorratsdatenspeicherung sollten wir nicht auf eine Katastrophe warten. Wenn im Verdachtsfall auf Telefonverbindungen und andere Informationen (etwa der Migrationshintergrund) zurückgegriffen werden könnte, wäre das für die Ermittlungsarbeit sowie das Vermeiden weiterer Straftaten oft von großer Hilfe. […] Für einen günstigeren Handytarif geben jedoch viele Bürger freiwillig mehr Daten preis, als für eine bessere Präventionsarbeit und Strafverfolgung nötig wäre.


Tania Kambouris Auftritt in der Sendung »Maischberger«


Bis Anfang Oktober 2016 wird die Sendung »Maischberger« mit Tania Kambouri noch in der ARD-Mediathek verfügbar sein. Die Autorin wird nach 31:15 min als Gast in die Sendung eingeführt. Auch wenn Jakob Augstein ihr und anderen Beteiligten auf sehr unangenehme Weise ins Wort fällt: Es lohnt sich, Tania Kambouris ersten Auftritt anzuschauen.

In einem Bericht aus »Der Westen« wird Tania Kambouri zu ihrem Auftritt und zu Jakob Augsteins Dazwischenreden mit dieser kühlen Antwort zitiert:

Dass der linke „Spiegel“-Kolumnist Jakob Augstein sie da anging, hat sie indes weggesteckt. „Er kennt die Straße nicht. Deswegen kann ich ihn in dieser Sache nicht ernstnehmen“, entgegnet sie trocken. Sie selbst sei couragiert. „Ich kann mich durchsetzen auf der Straße“, versichert sie mit einer Überzeugung in der Stimme, die etwaige Zweifel sofort erstickt.


Die Reaktion der Bochumer LINKEN


Die LINKE in Bochum lehnt das Buch mit Hilfe billiger Strohmann-Argumente ab. In ihrer Mitteilung wird der Inhalt des Buchs stark verzerrt und simplifiziert. Man wirft Tania Kambouri offenen Rassismus vor. Zitat aus der Mitteilung der Bochumer LINKEN:

Ihre Aussagen, nach denen es besonders Muslime seien, denen es an Respekt vor der Polizei fehle, ist eine pauschale Verunglimpfung der etwa 30.000 Bochumer Muslime, darunter AkademikerInnen, ArbeiterInnen, SchülerInnen und Selbstständige.

Ich habe das Buch ja nun sehr gründlich gelesen – eine Pauschalverurteilung der 30.000 Bochumer Muslime oder der Bochumer Migranten insgesamt kommt definitiv nicht vor. Im Gegenteil:

Die meisten hier lebenden Migranten sind hart arbeitende Menschen. Sie haben sich vorbildlich integriert, respektieren das Land und die Gesetze, Regeln und Normen, ohne dabei ihre Herkunft und Identität zu verleugnen. So soll es auch sein. [Zitat vom Beginn des ersten Kapitels.]

Für die LINKE hat der Einsatz der »Rassismuskeule« den Vorteil, dass man über das Buch nicht mehr reden muss. Das können wir uns als Gesellschaft aber nicht leisten. Wenn wir den demokratischen Rechtsstaat aufrechterhalten wollen, darf es keine Parallelgesellschaften geben, in denen unser Recht gar nicht mehr oder nur noch teilweise akzeptiert wird.


Tania Kambouri und der feministische Buchversand


Zum Schluss noch eine Ironie der Geschichte. Das Buch »Deutschland im Blaulicht« ist ja das Werk einer engagiert berufstätigen Frau, die selbstbestimmt und selbstbewusst auftritt. Eigentlich müsste doch nun eine große Solidarität aus dem feministischen Lager spürbar sein – geradezu ein #Aufschrei gegen die Diskriminierung Tania Kambouris als Frau und Migrantin.

Bei der Recherche für diesen Beitrag am Morgen des 11. Oktober fand Google das Buch noch auf der Seite eines feministischen Buchversands. Eingeordnet war es beim feministischen Buchversand laut Googles Cache noch am 09. Oktober unter:

  • Arbeit & Beruf
  • Frauenleben weltweit
  • Feminismus & Emanzipation
  • weitere Themen: Sexismus

Wenn Sie den folgenden von Google gefundenen Link anklicken oder bei dem Buchversand nach dem Namen der Autorin suchen, werden Sie sehen, dass es dort nicht mehr verfügbar ist. Der Buchversand lehnt nach eigener Aussage im Bestellgeschäft ausschließlich »sexistische, rassistische oder Gewalt verherrlichende Publikationen« ab. Das offensichtliche Auslisten des Buchs ist dann wohl die Anwendung des Prinzips »feministische Filterblase« …


Ein sehr persönliches Fazit


Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung und ich wünsche mir, dass es die richtigen Leute lesen. Ich wünsche mir, dass die Autorin (vielleicht mit einem berufsbegleitendem Studium) aufsteigt – damit sie mehr Überblick und mehr Einfluss bekommt. Sie kann sich sicher auch im höheren Dienst oder in der Politik durchsetzen, wenn sie es will – und das kann ein Gewinn für unsere Gesellschaft sein.


Fortlaufend ergänzt: einige weitere Stimmen zum Buch.

  1. Bericht in der »WELT«
  2. Bericht über Buch und Talkshow in »Der Westen«
  3. Vorstellung der Autorin im WDR
  4. Ein Interview im DLF als MP3-Podacst
  5. Ein aktuelles SAT1-Interview zu Flüchtlingen via Youtube


Was geschah bei der Pegida-Demonstration am 21.09. vor dem Dresdner Schauspielhaus?

7. Oktober 2015

Die »Sächsische Zeitung« aus Dresden hat heute einen Artikel zu dem Vorfall veröffentlicht, der vor etwa zwei Wochen bundesweit Schlagzeilen machte: Damals hieß es, dass vor dem Dresdner Schauspielhaus aus einer #Pegida-Demonstration heraus junge Leute angegriffen und beschimpft worden seien.

Die damals veröffentlichten Artikel waren fast alle so einseitig wie dieser Artikel bei SPON: Alle Schuld an dem Vorfall wurde #Pegida zugewiesen. Dieses einseitige Bild lässt sich nicht aufrechterhalten.


Um den Vorfall beurteilen zu können, muss man wissen, wie das Dresdner Schauspielhaus aufgebaut ist: Es gibt vor den Ein- und Ausgängen Arkaden, die (aus dem Gedächtnis geschätzt) 30 bis 40 Meter lang sind. Auf der Website des Staatsschauspiels kann man sich ein Bild davon machen.

Wenn man als Teil des Publikums aus dem Theater kommt, kann man nicht den ganzen Bereich überblicken. Es ist also durchaus möglich, dass die Beteiligten am hinteren Ende der Arkaden etwas anderes wahrgenommen haben als die Beteiligten am vorderen Ende der Arkaden. Das gilt für #Pegida, Polizei, Schüler und Pädagogen.


Zu dem Vorfall kursierten in Dresden schon lange gegensätzliche Darstellungen und sie wurden (wie ich jetzt erst sehe) auch veröffentlicht. Wenn Sie den zweiten Teil dieses Berichts von »Radio Dresden« lesen, finden Sie etwa die Informationen, die heute in der »Sächsischen Zeitung« veröffentlicht wurden.

Es gab offenbar Provokationen von beiden Seiten. Auch erwachsene Beteiligte des Theaterprojekts sollen gegen #Pegida protestiert haben. Auf der anderen Seite wirkte die Reaktion der Demonstranten bedrohlich auf die Schüler. In der »Sächsischen Zeitung« ist nun zu lesen, dass selbst #Pegida-Demonstranten die Reaktion auf die Schüler im Nachhinein als zu hart empfanden. Um den Bericht von »Radio Dresden« zu zitieren:

Wie ein Polizeisprecher abschließend am Abend auf Nachfrage unserem Sender sagte, gebe es von keiner Seite eine Anzeige. Es gab verbale Auseinandersetzungen, es gab aber keine Bedrohung im Sinne des Strafgesetzbuches. Die Situation sei für die Kinder aber durchaus verstörend und bedrohlich gewesen.


Um den Vorfall in ein Gesamtbild einzuordnen: Die #Pegida-Demonstranten haben seitdem wiederholt Pressevertreter bedroht und schon seit Monaten ihre Verachtung gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat gezeigt. Aber es muss trotzdem objektiv darüber berichtet werden, dass es Provokation und Gegenprovokation gegeben hat. Die Beteiligten des Theaterprojektes haben ihren Teil zu der verbalen Eskalation beigetragen.



Warum man Studien über Anleger nicht blind vertrauen sollte

7. Oktober 2015

Wenn Sie heute oder morgen Ihre Lokalzeitung aufschlagen, werden Sie vielleicht folgende Überschrift lesen:

Dresdner Männer sind bundesweit die schlechtesten Privatanleger

Diese Idee für eine Überschrift halten Sie im Moment vielleicht noch für pure Phantasie eines Bloggers – bis Sie das Original aus einer aktuellen Pressemitteilung der ING DiBa lesen:

Privatanlegerstudie: Hamburger Seniorinnen sind die erfolgreichsten Privatanleger in Deutschland


Vielleicht erinnern Sie sich an diesen Artikel aus der »Sächsischen Zeitung«, in dem es 2013 hieß:

Dresdner legen ihr Geld am cleversten an

Der Analyse einer Direktbank zufolge erzielen sie bundesweit die höchste Rendite – und gehen dafür höhere Risiken ein.

Nur zwei Jahre später sind die Dresdner das weit abgeschlagene Schlusslicht derselben Studie und die Sachsen sind Vorletzter. Man darf also gespannt sein, welches Ergebnis die Dresdner im Jahr 2017 erzielen: Erster, Letzter oder Mittelfeld? Und man darf sich fragen: Waren die Dresdner 2013 besonders clever oder sind sie 2015 besonders dumm?


Die ING DiBa hat für die Presse in dieser PDF-Datei einige Zahlen zusammengefasst. Diese Zahlen sind für eine seriöse Bewertung des Anlageerfolgs der Dresdner oder der Hamburgerinnen, der Bayern oder der Hessen, der Jungen oder der Alten weitgehend wertlos.

Die Bank hat nach eigener Aussage etwa 584.000 Wertpapierdepots ausgewertet und man darf davon ausgehen, dass sie Geschlecht, Wohnort und Anlageerfolg richtig zusammengefasst hat. Das Problem sind nicht die Zahlen. Das Problem sind die Schlussfolgerungen, die aus den Zahlen gezogen werden.

Warum ist bei der Veröffentlichung von Schlussfolgerungen aus der Studie größte Vorsicht angebracht? Die ING DiBa veröffentlicht eine Zusammenfassung, ohne die zugrunde liegenden Daten zu veröffentlichen. Daraus ergeben sich die folgenden statistischen Einwände:

  1. Die Größe der Stichprobe lässt keinen Rückschluss auf ihre Repräsentativität zu.
  2. Die Zusammensetzung der Stichprobe nach den Merkmalen Wohnort, Alter und Geschlecht ist der Öffentlichkeit unbekannt.

Allein aus diesen beiden Gründen sind Rückschlüsse auf Dresden oder Hamburg nicht seriös: Wir wissen nicht, wie sich die Depots nach Geschlecht, Wohnort oder Alter verteilen. Und die Teilnehmer der Studie wurden nicht regulär repräsentativ ausgewählt, sondern per Selbstauswahl zusammengestellt.


Schon der Rückschluss auf die Anlageerfolge der Frauen und der Männer (wie in diesem Artikel) erscheint mir sehr gewagt – erst recht das Ableiten eines Trends aus den Studien 2013 und 2015. Absolut spekulativ sind aber Schlussfolgerungen auf Kombinationen aus mehreren statistischen Merkmalen:

In der Schlagzeile »Hamburger Seniorinnen sind die erfolgreichsten Privatanleger in Deutschland« stecken drei Merkmale, deren Verteilung wir nicht kennen: Wohnort, Geschlecht, Alter. Es ist völlig spekulativ, daraus eine Spitzenleistung bei der Geldanlage abzuleiten – obwohl es natürlich für Hamburg eine schöne Schlagzeile gibt.


Liebe Journalistinnen und Journalisten in Hamburg: Verkneift Euch Jubelmeldungen über den Anlageerfolg Eurer Einwohner. Liebe Dresdner Männer: Lasst Euch nicht die Laune verderben. Es ist ein Zahlenspiel ohne jede gesellschaftliche Relevanz.

Und liebe Verschwörungstheoretiker: Mit der #Pegida, den Chemtrails, der Klimaerwärmung, den Russen oder der deutschen Teilung haben die Ergebnisse auch nichts zu tun.

Es ist reine PR – denn mit den Berichten über die Studie kommt der Name der Bank in die Zeitung. Mehr steckt nicht dahinter …


Ergänzung: Wenn zu einer Studie keine Rohdaten veröffentlicht werden, ist sowieso immer Misstrauen angebracht. Die Zusammenfassung in Form bunter Folien und Diagramme ist schön und einfach – aber ohne zugrunde liegende Daten kann man weder die Diagramme noch die Rangfolgen beurteilen.



Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 107 Followern an