Ein Volkstribun gibt seinen Doktortitel zurück

Und nach dieser Beschäftigung,
meine Damen und Herren,
habe ich auch festgestellt,
wie richtig es war,
dass ich am Freitag gesagt habe,
dass ich den Doktortitel nicht führen werde.

[Quelle]

Kann man jemandem böse sein, der aus freien Stücken eine richtige Entscheidung getroffen hat? Da fehlt zwar das kleine Detail, dass ihm dieser Titel gar nicht mehr zustand, ja eigentlich noch nie zugestanden hat. Und dass die Uni jetzt wohl kaum noch prüfen wird, wie schlimm das Plagiat ist. Aber sonst hat er alles richtig gemacht.

Aus diesem Menschen wird noch viel werden. Vielleicht wird er noch hohe Ämter erringen, vielleicht wird ihn seine Partei weiterhin als Hoffnungsträger einsetzen. Aber etwas Großes wird er nicht mehr.


Weiter mit Herrn zu Guttenberg:

Ich sage das ganz bewusst,
weil ich am Wochenende auch
nachdem ich diese Arbeit mir
intensiv noch einmal angesehen habe,
feststellen musste,
dass ich gravierende Fehler gemacht habe.
Gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex,
den man so ansetzt, nicht erfüllen.

Der wissenschaftliche Kodex, den man so ansetzt, war ihm bis zu dem Zeitpunkt noch etwas wert, als er nicht erwischt worden war — nein, das stimmt ja eigentlich nicht. Der Titel war ihm etwas wert. Der Kodex war ihm völlig egal. Heute wird der wissenschaftliche Kodex in einem Nebensatz abgehandelt. Fast schon verächtlich, als sei das eine Konvention von gestern.

Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht,
ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich
in irgendeiner Form getäuscht
und musste mich natürlich auch selbst fragen,
meine Damen und Herren:
Wie konnte das geschehen?
Wie konnte das passieren?

Das würden wir unseren Kindern nie durchgehen lassen. Dreijährige versuchen es so: »Meine Hand hat gehauen« (ich nicht). Und wir zeigen ihnen die Grenzen. Aber einem veritablen Minister lassen wir das durchgehen?

Und so ist es, dass man nach …
einen Blick dann zurückwirft
und feststellt
man hat sechs, sieben Jahre
an einer solchen Arbeit geschrieben
und hat in diesen sechs, sieben Jahren —
möglicherweise an der einen oder anderen Stelle,
an der einen oder anderen Stelle auch zuviel,
auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren.

Der aufmerksame Leser sagt: damit kann man doch nicht hunderte Stellen erklären. Seit gestern abend ist die Beschäftigung so vieler Leute im Netz, so vieler Journalisten und Geisteswissenschaftler, mit der Doktorarbeit völlig sinnlos geworden, weil man in die Formel »an der einen oder anderen Stelle auch zuviel« jeden Betrugsversuch einschließen kann. Hoffentlich werden die Autoren der Originaltexte das Urheberrecht zur Hilfe nehmen!

Der akademische Grad kann nicht zurückgegeben, sondern allenfalls aberkannt werden. Das wird lange dauern, weil die Uni ja rechtsbewusst handeln muss. Wenn es soweit ist, dann ist alles vergessen.


3 Responses to Ein Volkstribun gibt seinen Doktortitel zurück

  1. ein aufmerksamer Leser ;) sagt:

    Sehr richtig!
    Man muss bei dieser Debatte, trotz des um den Hr. (Dr.) Guttenberg geschaffenen Personenkults, auf die nüchternen Fakten schauen.
    Und die zeigen, schaut man sich das GuttenPlag-Wiki (http://de.guttenplag.wikia.com) einmal an, dass er bei viel zu vielen Stellen die Quellenangabe eines meist wortwörtlichen Copy-Paste-Zitats (un-)absichtlich vergessen hat.
    Mit jedem „normalen“ und nicht so im öffentlichen Rampenlicht stehenden Promovenden wäre sprichwörtlich ein „kurzer Prozess“ gemacht worden.
    Auch in diesem Sinne finde ich die von der Uni Bayreuth gestellte Frist von zwei Wochen zu lang!

    Ich habe zu Guttenberg, trotz seiner teilweise schon übereifrigen medialen Zusammenarbeit, dem perfekten Sich-in-Szene-setzen, eigentlich sehr schätzen gelernt. Und leider treten diese Fälle à la „hoch gelobt, tief gefallen“ eben auch in der Spitzenpolitik auf. Aber ein (Verteidigungs-)Minister, der von seinen Soldaten alle militärischen Eide in puncto Ehrlichkeit u.ä. abverlangt, der muss als positives Beispiel voran gehen! Dementsprechend halte ich es für wichtig, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und den Rücktritt zu erklären.

    Ein letzter Punkt noch, der mich – neben allem persönlichen an zu Guttenberg – erheblich stört: Dieser Skandal kratzt nicht nur am Image des Verteidigungsministers, sondern wirft (wieder einmal) ein schlechtes Licht auf unsere Schwarz-Gelbe-Koalition im Bund, die (weiß Gott!) schon einiges verzapft hat. Sie ist – verglichen mit dem, was vorher war – dennoch um einiges dynamischer und zielstrebiger und wird nun wieder in einem negativen Antlitz dargestellt, welches sie selber kaum wieder abzustreifen vermag …. mehr Politikverdrossenheit, Wutbürgertum etc. – DAS ist das eigentlich tragische an diesem ganzen Skandal.

  2. Herr von Guttenberg biedert sich an mit dem Hinweis, daß er seine Doktorarbeit schrieb, als er schon Familienvater war.
    Ja und? Darf ein Familienvater mehr lügen und betrügen als ein Single? Ob jemand bei Abfassung einer wissenschaftlichen Arbeit Kinder hat oder nicht, ist für die Beurteilung der Arbeit völlig irrelevant.

  3. Jane sagt:

    Yup. Er hat zwar gelogen und betrogen, bis alles von selbst aufflog, aber sonst hat er alles richtig gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass in unserer Gesellschaft aus so jemandem noch viel wird.

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