Ein kostenloser Ratgeber-Artikel für die »Sächsische Zeitung«

Liebe Redaktion der »Sächsischen Zeitung«,

Sie haben Ihren Lesern am vergangenen Freitag einen Ratschlag zur Altersvorsorge gegeben, der wahlweise Erheiterung, Fassungslosigkeit oder Zorn auslösen konnte.

Eines ist jedenfalls klar: Nutzbringend war Ihr Ratschlag nicht. Keine deutsche Bank oder Sparkasse kann ihren Kunden ein seriöses und sicheres Produkt zu diesen Konditionen anbieten. Damit so etwas nicht wieder vorkommt, möchte ich Ihnen zwei Tipps geben.


Der erste Tipp ist der einfachere: Werfen Sie alle schlechten Artikel weg. Wenn Sie nichts Gescheites anbieten können und die Seite partout voll werden muss, dann drucken Sie lieber ein Symbolbild. Denken Sie an Ernest Hemingway:

»The most essential gift for a good writer is a built-in, shock-proof, shit detector. This is the writer’s radar and all great writers have had it.«

Das sollte erst recht für Redakteurinnen und Redakteure gelten.


Woran erkennt man einen schlechten Anlage-Ratschlag?

  1. Der Autor rechnet über einen sehr langen Zeitraum mit einer unsinnig hohen Genauigkeit. Niemand kann über eine Zeitspanne von Jahrzehnten auch nur annähernd schätzen, wie sich die Geldanlage in einem Sparplan entwickeln wird. Es ist daher völlig sinnlos, das Ergebnis auf den Euro genau auszurechnen.
  2. Der Autor lässt offen, woher der Ertrag aus der Geldanlage kommen soll. Irgend jemand muss aber diesen Ertrag über 40 Jahre erarbeiten. Die Leser wollen wissen, wer das sein wird.
  3. Der Autor projiziert ökonomische Randbedingungen in die ferne Zukunft, die einzig in seiner Phantasie existieren. Der gesunde Menschenverstand sollte uns aber sagen, dass es völlig unmöglich ist, das Zinsniveau über vier Jahrzehnte und dann auch noch für den nachfolgenden Auszahlungszeitraum abzuschätzen.
  4. Der Autor projiziert die steuerlichen Rahmenbedingungen der Gegenwart in die ferne Zukunft. In Wahrheit ändern sich die Steuergesetze immer wieder. Niemand kann auf das Prozent genau angeben, auf welcher Grundlage unsere Einkommen und Vermögen in 40 Jahren besteuert werden.

Wenn ein Autor in seinem Artikel überhaupt keinen Gedanken an diese vier Punkte verschwendet hat, wenn er Ihnen das beschriebene Anlageprodukt nicht bei mindestens drei seriösen Instituten zeigen kann, und wenn in dem Artikel auch sonst keinerlei Realitätsbezug erkennbar ist:

Knüllen Sie das Blatt sorgfältig zu einer Kugel und werfen Sie die Papierkugel mit Schwung in den Papierkorb. Gehen Sie über Los zu Tipp 2.


Der zweite Tipp ist etwas komplizierter zu befolgen, aber mit etwas gutem Willen werden Sie das schaffen: Sichern Sie die Unabhängigkeit Ihrer Autoren. Ein Ratgeber-Artikel soll den Lesern dienen und niemandem sonst. Lassen Sie sich jeden Montag von Ihrem Terminplanungsprogramm daran erinnern:

  1. Die Leser bezahlen Ihre Arbeit in der Redaktion.
  2. Die Leser wollen aus Ihrer Ratgeberseite einen Nutzen ziehen.

Mögen sich »Verbraucherportale für private Finanzen« und deren Autoren auf dem Markt um ihre eigenen Interessen kümmern – das ist für die Leser irrelevant. Eine Redaktion hat immer den Interessen der Leser zu dienen und das erste Interesse der Leser ist: Sie wollen ordentliche Beiträge lesen. Seien Sie für Ihre Leser da – dann sind die Leser auch für Sie da. So einfach ist das.

Mit freundlichen Herbstgrüßen
Ihr Leser Stefanolix

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PS: Ich habe dann doch noch einen dritten Tipp für Sie. Lesen Sie das Buch und das Blog »Deadline« des Schweizer Journalisten Constantin Seibt. Besser können Sie als Journalisten Ihre Zeit im Moment nicht anlegen.


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Eine Antwort zu Ein kostenloser Ratgeber-Artikel für die »Sächsische Zeitung«

  1. […] Ein zweites Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung war im letzten Jahr die »Finanzberatung« zur Altersvorsorge, die übrigens von einem freien Mitarbeiter kam. Ich habe damals einen der Artikel dekonstruiert [1] und einige zugegebenermaßen sarkastische Ratschläge aufgeschrieben [2]. […]

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