Wie das BKA einmal eine Statistik zur Kriminalität erstellte und wir sie nicht lesen sollten

In der Bundespressekonferenz haben Journalisten nach der Entwicklung der Kriminalität gegen Ausländer und unter Ausländern gefragt. Die Bundesregierung erstellte dazu nach eigener Aussage »presseoffene Kernaussagen«. Herr Dr. Plate vom BMI sagt dazu in der Bundespressekonferenz:

Den [Bericht] kann ich leider als solchen als Vollfassung nicht zur Verfügung stellen, da der eingestuft ist, das hängt ein bisschen auch mit dem Prozedere zusammen, wie der erstellt wird unter Berücksichtigung der Daten aus den Ländern, weil überwiegend handelt es sich ja um Straftaten, die einen Charakter haben, dass sie nicht in Bundeszuständigkeit ermittelt werden sondern in Zuständigkeit der Länder, sodass man das (etwas umgangssprachlich gesagt) einsammeln muss. [Quelle: BPK-Video]


Diese »Kernaussagen« kann man in schöner großer Schrift und in zum Teil sehr einfachen Formulierungen beim BKA finden und als PDF-Datei lesen. Ein Beispiel:

Gemessen am Anteil an der Zuwanderungszahl traten Algerier, Marokkaner, Georgier, Serben und Tunesier deutlich überproportional als Tatverdächtige auf.

Syrer, Afghanen und Iraker weisen hohe absolute Fallzahlen auf. Jedoch war die Zahl der Tatverdächtigen dieser Nationalitäten – gemessen an ihrem Anteil an der Zuwanderungszahl – deutlich unterproportional.

Konkrete Zahlen? Fehlanzeige. Das BMI wirft den Journalisten einige stark vereinfachte Kernaussagen vor die Füße und die Journalisten müssen daraus einen Artikel fabrizieren. Das ist ein Job, um den ich niemanden beneide. Das Ergebnis sieht dann so wie dieser FAZ-Artikel aus, der den stark vereinfachten BKA-Bericht eben noch mal mit eigenen Worten zusammenfasst.

Da die Kernaussagen so völlig unkonkret sind, lässt sich auch jede Meinung damit begründen. Lesen Sie dazu diesen Kommentar aus der WELT, der sich auf Zahlen bezieht, die in dem Bericht gar nicht konkret benannt sind.

In beiden Zeitungen wird nicht erwähnt, dass der BKA-Bericht unter Verschluss ist und natürlich wird der BKA-Bericht dort auch nicht verlinkt. Die Leser werden in dem Glauben gelassen, dass die Journalisten die Zahlen kennen. Sie haben aber nur die »Kernaussagen«, die man leider zum großen Teil auch als »Nichtaussagen« bezeichnen könnte.


Im weiteren Verlauf wurde in der Bundespressekonferenz von Journalisten nach der Beteiligung der einzelnen Bundesländer gefragt. Herr Dr. Plate vom BMI kann dazu hier nachgehört werden:

Also es ist grundsätzlich richtig, ohne dass ich einzelne Länder jetzt gerade nennen kann, dass nicht alle Länder zu allen Berichten beigetragen haben und dass auch die Datenbasis nicht bei allen 16 Bundesländern einheitlich gewesen ist und dass das Bundeskriminalamt sozusagen prozesshaft versucht hat, das immer weiter anzugleichen, und mehr und mehr Länder ins Boot zu holen. Ob jetzt aber für die vierte Lageübersicht bereits alle 16 dabei sind mit gleicher Datenbasis, bin ich für den Moment überfragt.

Ein Journalist fragt nach: »Das heißt aber auch: Dann wäre die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Erhebungen nicht gegeben?«

Ja, na ja, gut … vergleichen … da sind wir schon wieder beim Thema Äpfel mit Birnen vergleichen, das ist halt so die Frage, inwieweit das sozusagen Äpfel und Birnen sind. Es ist eine gewisse Vergleichbarkeit gegeben, weil es nie nur zwei Bundesländer waren, sondern ich glaube, zuletzt waren es irgendwie 12 oder 13 und das hat schon eine gewisse Repräsentativität, aber eine absolute sozusagen zahlenscharfe wissenschaftliche Vergleichbarkeit, haben Sie völlig recht, ist nicht gegeben, wenn der Kreis der Bundesländer sich, und sei es auch nur geringfügig, geändert hat, von einer zur anderen Übersicht.

Ich darf zusammenfassen: Der eigentliche Bericht ist unter Verschluss und die aufeinander folgenden Lagebilder sind nicht vergleichbar. Geben Sie mir bitte per E-Mail Bescheid, wenn Sie in Ihrer Tageszeitung etwas darüber gelesen oder im Radio etwas darüber gehört haben. Es interessiert mich wirklich, welches Medium sich traut, darüber offen zu berichten.


Ergänzung: Der Bundesrichter Fischer hat sich in der ZEIT ebenfalls mit solchen Statistiken befasst. Sein bitteres Fazit:

Erste Aufgabe und Voraussetzung einer kritischen Presse ist es, die Dinge zu verstehen. […] Wann ist in der deutschen Presse der letzte Bericht erschienen, der die Zahlen und Ergebnisse der PKS unter methodenkritischem, kriminologischem Blickwinkel infrage stellte? Was sind das für »kritische Medien«, die nur noch nach personalisierbaren »Skandalen« suchen, aber den Skandal im Gewöhnlichen nicht bemerken? [Quelle]


6 Antworten zu Wie das BKA einmal eine Statistik zur Kriminalität erstellte und wir sie nicht lesen sollten

  1. E-Haller sagt:

    Die Bundespressekonferenz in Reinform zu hören und zu sehen ist seit Monaten erhellender als das, was „die Presse“ ™ dann daraus macht. Erhellende Sternstunden z.B. das Gestammel von Fr. Chebli zu heiklen außenpolitischen Fragen… Blöd nur, dass man sich dafür richtig Zeit nehmen muss, wenn man keine Folge verpassen will. Dank jedenfalls an Thilo Jung für seine (wenn auch manchmal streitbare) Arbeit.

    • stefanolix sagt:

      Ich muss ganz ehrlich sagen: das Transkribieren war erst eine Qual und dann wollte ich es ihnen heimzahlen ;-)

      Ich fragte mich: Wer veralbert hier eigentlich wen?

      Und: Wer von den Damen und Herren auf dem Podium hat den Posten aus welchen Gründen bekommen? Was spielt hinein: Kompetenz, Quote, persönliche Kontakte, Proporz der Parteien …?

      Ja, es kostet Zeit. Man kauft ja eigentlich Zeitungen, um die Fakten zu lesen, die durch kompetente Journalisten aus der Konferenz entnommen wurden. Blöd nur, wenn es an Fakten und Nachfragen fehlt.

      Ist Dir eventuell bekannt, ob und wie man als Außenstehender auf die Protokolle zugreifen kann?

      • E-Haller sagt:

        Ich bin auf die BPK und T. Jung durch einen Beitrag im Medienmagazin von Radio Eins aufmerksam geworden (Samstags, 18 Uhr). Damals wurde ein anderes Presse-Mitglied der BPK gefragt, was er von ihm hält und die Umstände der Konferenz erklärt. Die BPK ist ein Verein und nur Mitglieder dürfen teilnehmen, entsprechend dürften auch nur diese Zugriff auf die Protokolle haben. Dieser Vereins-Hintergrund hat mich doch etwas sprachlos gemacht, wirken doch Name und auch Bilder z.B. in der Tagesschau etc. sehr „offiziell“.
        Den Vorteil, der z.B. auf Wikipedia beschrieben wird (auch kritische Journalisten würden Fragen stellen dürfen), nehme ich in den Mitschnitten jedenfalls selten wahr. Vielmehr wirken die meisten Frager schockierend „selbstzensiert“ oder unterwürfig. Ach ja, im Medienmagazin ordnete der befragte Journalist Herrn Jung als ganz engagiert, aber mit seinen ständigen Nachfragen auch als nervig-zeitfressend für die anderen Medienvertreter ein.
        Was die Qualifikation des Podiums angeht: keine Ahnung. Irgendwas mit „sich-selbst-bescheissen-können“ muss es sein.

  2. Gerade im Spiegel gefunden:

    Die Polizei macht es sich einfach. Ein Einbruch gilt als aufgeklärt, wenn die Beamten einen Tatverdächtigen ermittelt haben. Ob es wirklich der Täter war, ob es je einen Prozess gibt – das interessiert für die PKS nicht.

    Diese Praxis kann bedeuten: Beamte haben Indizien dafür, dass ein auf frischer Tat geschnappter Ganove für 20 weitere Einbrüche verantwortlich sein könnte – dann sind im Nu 21 Fälle gelöst.

    So viel zur Aussagekraft der PKS …

  3. […] bei Konzerten etc., Appeasement-Statements von Journalisten und Politikern oder allgemeine Desinformationen, all dies wirkt nachhaltig auf die […]

  4. […] hinsichtlich seines Wahrheitsgehaltes einem Faktencheck unterziehen müssen. Und ich bin gespannt, welche Korrekturen in der Sichtweise, je nach Lager, angesagt sein […]

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