Der vegetarische Trichter

Der neue Vorsitzende der FDP hat in seiner Grundsatzrede auch die vegetarische Ernährung erwähnt. Wie sich das für einen neuen Parteivorsitzenden gehört, tat er es nicht ohne Seitenhieb auf die politische Konkurrenz:

Kennen Sie den Veggie-Day, also den vegetarischen Tag? Auch beschlossen von den Grünen und umgesetzt von Rot/Grün in Bremen. Das bedeutet, dass in keiner Küche, keiner Gastronomie, an einem bestimmten Tag dann Gerichte mit Fleisch gekocht und ausgeteilt werden dürfen.

Liebe Freunde, ich habe Bekannte, die sind Vegetarier. Ich habe Freunde, die sind bekennende Fleischesser. Und es mag auch gesund sein, gelegentlich mal auf ein Stückchen Fleisch zum Mittag zu verzichten.

Aber ich würde nicht im Traum darauf kommen, selbst als Arzt, den Menschen vorschreiben zu wollen, was sie essen dürfen und was nicht. Mit Freiheit hat auch das nichts zu tun, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich bin ja nun ein überzeugter Werktagsvegetarier, der nur einmal in der Woche Fleisch isst. Trotzdem gebe ich Philipp Rösler prinzipiell recht: Man sollte niemanden zum Verzicht zwingen.

Ich bin bei solchen Beispielen aus Parteitagsreden aber auch misstrauisch: Wie will Rot/Grün eine ganze Stadt an einem Tag in der Woche zur vegetarischen Ernährung zwingen?

Die Rede Röslers ließ den Vegetarierbund nicht ruhen. Er hat eine vorgefertigte Botschaft an den FDP-Vorsitzenden verfasst, die sich auf den Redeabschnitt bezieht. Man kann diese »Petition« zeichnen und hinterlässt dabei seine persönlichen Daten. So gibt der Vegetarierbund Röslers Aussage wieder:

Bei Ihrer Antrittsrede als neuer Parteichef der FDP haben Sie unter anderem über den Veggietag gesprochen. Sie meinten weiterhin, dass am Veggietag keine Gerichte mit Fleisch gekocht und ausgeteilt werden dürften und man damit den Menschen vorschreiben würde, was sie essen dürften und was nicht. Ihre Aussage stimmt so nicht. Der Veggietag setzt komplett auf Freiwilligkeit. Niemand wird dazu gezwungen, sich an der Kampagne zu beteiligen. (Hervorhebung von mir).

Merken Sie etwas? Der Bezug auf die Stadt Bremen ist verschwunden. Gibt es eventuell zwei Arten des Veggietags — eine mit freiwilliger und eine mit erzwungener Teilnahme? Ich habe die Website der Initiative nach der Stadt Bremen durchsucht. Und ich wurde fündig:

Bremen ist die erste Stadt in Deutschland, in der der Donnerstag ein „Veggiday“ ist, meint: In Kantinen, Restaurants, Kitas und Schulen soll an diesem Tag auf Fleisch verzichtet werden. Die Schirmherrschaft für das Projekt hat der Präsidenten des Senats, Bürgermeister Jens Böhrnsen übernommen: „Das Klimaprojekt Veggiday ist langfristig angelegt und will vorbildlich auch für andere Städte sein. Jeder kann sich leicht beteiligen.“ (Quelle)

Hatte Rösler also doch recht? Kann ein Beamter, eine Erzieherin, ein Schüler oder eine Altenheimbewohnerin an diesem Tag nicht zwischen vegetarischem und nichtvegetarischem Essen wählen? Das wollte ich genauer wissen. Also schaute ich mich auf der Website der Stadt Bremen um.

Inzwischen beteiligen sich 78 Kindertagesstätten, zahlreiche Schulen und auch die Bremer Heimstiftung an 26 Standorten an der Aktion. Angeschlossen haben sich Großküchen und Krankenhäuser, vor allem aber viele kleinere Institutionen und Einrichtungen. Auch das Bremer Rathaus ist dabei: Bei Veranstaltungen donnerstags, die vom hauseigenen Bankettmanagement betreut werden, kommt kein Fleisch auf den Teller. Auch Bürgermeister Böhrnsen hat seinen Terminkalender auf den fleischlosen Donnerstag eingestellt: „Ich esse gerne einmal Fleisch, aber ich empfinde den Veggiday nicht als Verlust, weil mir etwas fehlt auf dem Teller. Auch am Veggiday bekomme ich vollwertige und leckere Mahlzeiten.“ (Quelle)

Wirklich freiwillig scheint mir die Teilnahme nicht zu sein.

Philipp Rösler hat teilweise recht: Manchen Leuten wird die vegetarische Ernährung an diesem Tag einfach vorgesetzt. Die Kinder, die Altenheimbewohner und die Patienten können es sich wohl kaum aussuchen und werden auch nicht gefragt.

Die rot/grüne Koalition ist offenbar bestrebt, den Veggietag in ihrem Einflussbereich überall durchzusetzen. Damit werden sogar Klimaziele verknüpft: Würden alle Bremer Bürger einmal in der Woche auf Fleisch verzichten, dann könnte der CO2-Ausstoß von 40.000 Autos eingespart werden.

Das erinnert an die Zahlenspiele der Planwirtschaft in der DDR. Welcher CO2-Ausstoß entsteht eigentlich, wenn das Fleischessen nach dem erzwungenen Verzicht anderswo nachgeholt wird? Nur fünf bis zehn Prozent der Bürger sind überzeugte Vegetarier.

Fazit: Auf diese Weise kommt eine eigentlich gute Idee in die Mühlen der populistischen Politik.

  1. SPD und Grüne in Bremen wollen möglichst vielen Menschen in städtischen Einrichtungen vorschreiben, was sie donnerstags essen sollen. Zwang ist aber immer kontraproduktiv. Auf diese Weise kann sich kein Ernährungsbewusstsein bilden.
  2. Philipp Rösler will die Grünen unbedingt als Freiheitsfeinde darstellen und gibt dabei den Zustand in Bremen nicht exakt wieder.
  3. Der Vegetarierbund enthält uns in seiner Petition wichtige Informationen vor. Er will auf diese Weise Aufmerksamkeit erregen, E-Mail-Adressen von Sympathisanten speichern und letztlich neue Ressourcen akquirieren.

Der politische Stil ist auf allen drei Seiten so schlecht, dass man den Appetit verliert.


PS: Als Illustration der falsch wiedergegebenen Rösler-Worte hat der Vegetarierbund ein verzerrtes Bild Rößlers verwendet. Das finde ich unanständig. Wenn man kein ordentliches Bild hat, dann sucht man sich ein (legal) frei verfügbares Bild.


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23 Responses to Der vegetarische Trichter

  1. Grundsätzlich gebe ich Dir recht mit der Kritik. Allerdings: Kinder und Altenheimbewohner haben auch an anderen Tagen keine Wahl. Was in einem Altenpflegeheim oder Krankenhaus auf den Tisch kommt, ist nie besonders lustig, ob nun Fleisch drin ist oder nicht. Dafür gibt es keine politische Lösung, das liegt an einem Mangel an Phantasie, Können und Wissen bei den zuständigen Köchen.

    • stefanolix sagt:

      Vor vielen Jahren hatte ich beruflich mal mit einer Gruppe Diätköchinnen zu tun, die für ein Krankenhaus gearbeitet haben. Damals habe ich mich noch nicht so sehr für das Thema Kochen interessiert, aber ich habe deutlich gemerkt: die hatten fachlich etwas auf dem Kasten.

      Ausgebremst werden sie nach eigener Aussage vor allem durch die harten Kalkulationen (Arbeitszeit, Rohstoffe, Hilfsstoffe) -> Preis.

      Schade. Für mich kam diese Begegnung etliche Jahre zu früh. Heute würde ich ihnen ganz andere Fragen stellen ;-)

      PS: Es gibt auch Kindergärten mit Frischküche und bewusst nachhaltigen Angeboten auf freiwilliger Basis.

    • Popeye sagt:

      Also ich bin Altenpfleger, wir haben eine eigene Küche. Jeden Tag außer Wochenende gibt es zwei Gerichte zur Wahl und das Essen ist so lecker, das nicht nur das Personal gerne mit isst, sondern auch eine Menge Gäste ins Haus kommen. Von der Menge an nach Hause geliefertem Essen ganz zu schweigen!

      • Das freut mich zu hören. Ich habe in einem Pflegeheim gearbeitet, in dem es wirklich schauerlich war (nicht nur die Küche). Aber natürlich sollte ich nicht pauschalisieren; auch Krankenhausküchen habe ich bereits in sehr verschiedener Qualität (von richtig lecker bis absolut grauenvoll) erlebt.

  2. David von Schewski sagt:

    Ich gehe stark davon aus, dass schon die wirtschaftlichen Interessen auch – oder gerade – in Bremen zu stark sind, um mal eben allen Restaurants und Dönerbuden an einem Tag das Fleisch verbieten zu können. Gegen die Geldlobby kommt niemand an, in dem Fall aber mal zurecht. Wie damals, als überlegt wurde eine Deutsch-Quote im Radio einzuführen. Netter, visionärer Gedanke, aber kommerzieller Selbstmord für Radiosender, woran es dann auch gescheitert ist.

    • stefanolix sagt:

      Die kommerziellen Interessen müsste man differenziert betrachten. Vegetarisches Essen ist nicht billiger. Es wird also allenfalls bei anderen Produzenten eingekauft.

      Und eine weitere Anmerkung: Die Vertreter der »Geldlobby« und ihre Familien essen wahrscheinlich selbst überdurchschnittlich oft vegetarisch.

  3. Antifa sagt:

    Was das Beispiel angeht, erinnere ich mich an das Essen während meiner Schulzeit, da hatte ich eigentlich jeden Tag nur die Wahl zwischen Fleisch und Fleisch.

    • stefanolix sagt:

      Wann war denn Deine Schulzeit? Ich bin in der DDR zur Schule gegangen (mit Essensmarken zu 0.55 Ostmark pro Portion) und da musste natürlich gegessen werden, was auf die Teller kam. Ich mich aber noch sehr gut erinnern, dass ich (und auch andere) an manchen Tagen die Fleischanteile aussortiert haben, vor allem, wenn es Nudeln mit Wurstgulasch oder Krautgulasch gab.

      • Antifa sagt:

        Sowohl als auch. In beiden Fällen wäre über Vegetarier gelacht worden bzw. konnte ich mein Essverhalten damals auch einfach noch nicht so reflektieren, wenn dann heute EIN Tag im Jahr dazu genutzt wird, Kindern das vegetarische Essen näher zu bringen, dann empfinde ich das einfach nur als (Ge)wissenserweiterung.

      • stefanolix sagt:

        Es ist nicht ein Tag pro Jahr, es ist ein Tag pro Woche.

        Gewissens- und Wissenserweiterung gehört in der Grundschule in den Unterricht in Sachkunde, Ethik bzw. Religion. Und zuerst an den heimischen Küchentisch. Durch Aufklärung wird der Grundstein für bewusste Entscheidungen gelegt.

        Andere Arten von Zwang müssen wiederum sein: Ich finde es absolut richtig, dass an Schulen nicht geraucht werden darf, weil dabei viele Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden und weil man natürlich das Mindestalter für Raucher durchsetzen muss.

        Aber nicht mehr Zwang als notwendig …

        Ich würde den Zwang zum vegetarischen Donnerstag übrigens genauso kritisieren, wenn er durch Schwarz/Grün, Schwarz/Rot oder irgendeine andere Koalition durchgedrückt worden wäre.

      • Antifa sagt:

        Mich würde mal interessieren wie das dann in den anderen Tagen der Woche aussieht? Gibt es da eine vegetarische Alternative?

      • stefanolix sagt:

        In Dresden m.W. ja, das hängt vom Anbieter ab. In der DNN oder SZ soll heute ein Beitrag zur Schulspeisung in Dresden sein, ich hatte aber noch keine Zeit zum Lesen.

        Mein Kind isst allerdings nachmittags zu Hause seine warme Mahlzeit, so dass mich das momentan gerade nicht tangiert ;-)

        Mal sehen, wie es am Gymnasium sein wird.

      • Antifa sagt:

        Na das wäre ja insofern interessant, ob denn an den anderen Wochentagen die Kinder die Möglichkeit haben zu wählen oder ob sie defacto zum Fleisch essen gezwungen werden.

      • stefanolix sagt:

        Kann ich mir nicht vorstellen. Jeder Anbieter sollte wenigstens ein vegetarisches Angebot haben, auch in Bremen. Letztlich kann man das Schnitzel auch weglassen und nur Gemüse + Beilage essen.

      • Antifa sagt:

        „Jeder Anbieter sollte wenigstens ein vegetarisches Angebot haben, auch in Bremen.“

        Ja aber ist es denn so, bis Ende der 90er war das zum Beispiel in meiner Schule nicht der Fall. Falls es jedoch so sein sollte, dann macht die Aktion keinen Sinn.

        Letztlich kann man das Schnitzel auch weglassen und nur Gemüse + Beilage essen.

        Satt wirst Du davon als Kind sicher nicht.

      • Abgesehen davon, daß viele Leute kein oder nur wenig Fleisch essen wollen, gibt es auch immer mehr Schüler, die halal oder koscher essen. Schon deshalb ist es vermutlich für Schulküchen das Sinnvollste, viel vegetarisches Essen anzubieten.

  4. David von Schewski sagt:

    Naja, als Döner, Burger und Currywurstkette würde ich schon den Aufstand proben, wenn sowas durchkommt.

    • stefanolix sagt:

      Solange sich der Zwang auf die staatlichen Einrichtungen beschränkt, dürften die Döner-Imbisse, Burger-Restaurants und Currywurstbuden eher zu den ökonomischen Gewinnern zählen.

      Es gibt ja die Erfahrungen aus England, wo die Schüler auch mit gesundem Essen (nach den Rezepten eines sehr guten Kochs) beglückt werden sollten. Die umliegenden Fastfood-Anbieter hatten daraufhin Hochkonjunktur.

      Tragisch ist, dass aufgrund des Zwangs in solchen Fällen vermutlich sogar gutes Essen weggeworfen wird.

      Würde man dagegen nachhaltig auf Überzeugung setzen, könnten sich alle Anbieter darauf einstellen. Es gibt ja auch sehr viel vegetarisches und sogar veganes Fastfood. Hier in der Nähe ist eine Wurstbraterei, die auch vegetarische Würste anbietet (nicht mein Geschmack, aber auf dem Gebiet hat sich durchaus einiges getan).

  5. […] dem Blog von Stefanolix wird auf eine Aktion hingewiesen, die alles andere als liberal ist: Den Bremer „Veggie […]

  6. Habe gestern (Donnerstag) in Bremen ein Buletten-Brötchen des amerikanischen Kulturimperialismus vom Fast Food König um die Ecke eingenommen. Höchstwahrscheinlich war das gar nicht gut für mein Gewicht, meinen Cholesterinspiegel und mein Risiko für Krebs, Gicht oder kardiovaskuläre Erkrankungen, wohl aber für mein Seelenheil. So gut hats schon lang nicht mehr geschmeckt. Bruger essen für die Freiheit, hervorragend!

    • stefanolix sagt:

      Herzlichen Dank für den Hinweis! In der gedruckten Ausgabe von heute steht es nämlich nicht drin. Es wäre ja interessant, wenn die DNN für die Online-Ausgabe extra solche Artikel schreibt. Da müsste man die Seite ja öfter mal besuchen ;-)

      Ich bin auch als überzeugter Werktagsvegetarier der Meinung, dass man bei vier Wahlgerichten nicht zwangsweise vier vegetarische Gerichte anbieten muss. Vegetarier sollten genau die Toleranz üben, die sie auch von anderen erwarten.

      Bei einem einzigen Gericht ist es klar: wenn es einmal in der Woche z.B. Hefeklöße oder Milchreis gibt, dann ist das eben vegetarisch. Punkt.

      Bei vier Wahlgerichten sehe ich es als Zwang an und den lehne ich in dieser Form ab. Eine solche Maßnahme schadet sowohl dem Image des vegetarischen Essens als auch dem Umsatz der Mensa. Möglicherweise muss sogar Essen weggeworfen werden, weil sich viele Studenten eine Alternative suchen. Das kann nicht im Sinne der Nachhaltigkeit sein.

      Allerdings verstehe ich auch die Aufregung und den Protest nicht. Liberale glauben doch an den Markt. Warum lässt man nicht die Kunden entscheiden: wenn ein angekündigter zwangsweise vegetarischer Tag zu einem Umsatzeinbruch führt, werden die Verantwortlichen daraus wohl ihre Konsequenzen ziehen.

  7. […] Studenten letztlich alles schlucken würden … Ergänzung: Ein Artikel aus dem Mai 2011 hieß Der vegetarische Trichter und befasste sich damals schon mit dem […]

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