»Bruder Eichmann« vom Referat IV B 4

Heute vor 50 Jahren wurde Adolf Eichmann in Israel hingerichtet. Der Titel dieses Artikels erinnert an ein Theaterstück von Heinar Kipphardt, das ab 1983 im Großen Haus in Dresden aufgeführt wurde.

Ich habe dieses Theaterstück mit 16 oder 17 Jahren im Rahmen des Deutschunterrichts besucht. Damals konnte ich den Autor politisch nicht einordnen und ich wusste auch nichts über die Kontroversen, die das Stück in der BRD ausgelöst hatte. Umstritten waren vor allem die Analogie-Szenen, in denen beispielsweise die Verschwörungstheorie von der Ermordung der RAF-Häftlinge in Stammheim transportiert wird.

»Bruder Eichmann« gehört zu den Theaterstücken, die bei mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen haben. Horst Schönemann sagte damals als Chefregisseur des Staatstheaters Dresden:

Eichmann tritt uns in diesem Stück nicht als blutrünstiger Mörder entgegen. Er wird schlimmer dargestellt: als Bruder Eichmann. Dem »Monster« kann ich mich entziehen, dem »Bruder« nicht.


»Bruder Eichmann« basiert zum einen auf den Prozessakten und auf der Berichterstattung über den Prozess. Zum anderen nimmt Heinar Kipphardt intensiv auf Hannah Arendts Werk »Eichmann in Jerusalem« Bezug.

Hannah Arendt hatte darin das bekannte Wort von der Banalität des Bösen geprägt. In einem Interview mit dem Hitler-Biographen Joachim Fest hat sie es so formuliert:

Wir stellen uns doch unter einem Verbrecher jemanden mit verbrecherischen Motiven vor. Und wenn wir uns Eichmann begucken, dann hat er verbrecherische Motive eigentlich überhaupt nicht. Nämlich das, was man gewöhnlich unter »verbrecherischen Motiven« versteht. Er wollte mitmachen. Er wollte Wir sagen, und dies Mitmachen und dies Wir-Sagen-Wollen war ja ganz genug, um die allergrößten Verbrechen möglich zu machen.

Die Hitlers sind doch nun wirklich nicht diejenigen, die eigentlich typisch für diese Dinge sind; denn die wären doch ohnmächtig ohne die Unterstützung der anderen.

[Quelle: Transkript einer Radiosendung]


Hannah Arendt wurde zur Zeit des Eichmann-Prozesses von vielen Seiten vorgeworfen, sie verharmlose die Verbrechen der Nazis. Das wurde vor allem mit dem Wort »Banalität« im Titel ihres Aufsatzes begründet, aber auch mit ihrer harschen Kritik an jüdischen Organisationen, die zu lange mit dem NS-Staat kooperiert hatten.

Hannah Arendt wurde aber von anderer Seite genauso stark verteidigt: Mit ihren Berichten und Kommentaren zum Eichmann-Prozess habe sie radikal die Funktionsweise der nationalsozialistischen Diktatur beschrieben. Entscheidend seien die vielen kleinen Mittäter gewesen — und nicht die Verbrecher an der Spitze. Aus dem selben Interview:

Und die Lust an diesem reinen Funktionieren – diese Lust, die ist ganz evident bei Eichmann gewesen. Dass er besondere Machtgelüste gehabt hat, glaube ich nicht. Er war der typische Funktionär. Und ein Funktionär, wenn er wirklich nichts anderes ist als ein Funktionär, ist wirklich ein sehr gefährlicher Herr.


Als (fast schon) literatur-süchtige junge DDR-Bürger dachten wir ähnlich. Wir lasen damals heimlich über die Verbrechen des Stalinismus im »Archipel Gulag«, wir hatten die Mauer vor Augen und wir haben in der Sprache der DDR-Ideologen nach Gemeinsamkeiten mit der Sprache des Dritten Reichs (Victor Klemperers »LTI«) gesucht.

Wir haben auch gespürt, dass es in der DDR viele eichmann-ähnliche Funktionäre im MfS und anderen Repressionsorganen gegeben haben muss, obwohl uns natürlich Lebenserfahrung und Informationen fehlten.

Das Stück hat uns (glaube ich) alle tief beeindruckt. Der Schauspieler Peter Hölzel spielte diese Bruder-Eichmann-Figur beeindruckend — bis unter den Galgen. Damals, als Jugendlicher, glaubte ich noch daran, dass die Todesstrafe für Verbrechen gegen die Menschheit gerechtfertigt sei.


Im weiteren Verlauf der Radiosendung mit Hannah Arendt sagte Joachim Fest:

Die Deutschen haben in diesen Führungsfiguren, von Hitler angefangen bis herunter zu Eichmann, immer wieder das Tier aus der Tiefe gesehen und sich damit möglicherweise ein gewisses Alibi verschaffen wollen. Denn wer dem Tier aus der Tiefe unterliegt, ist natürlich viel weniger schuldig als der, der einem ganz durchschnittlichen Menschen von dem Zuschnitte etwa Eichmanns unterliegt.

Hannah Arendt erwähnt ein Erlebnis Ernst Jüngers: Bei einem Aufenthalt in Norddeutschland hatte er einen Bauern besucht. Dieser Bauer bekam halbverhungerte russische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit zugewiesen. Er mokierte sich in unsäglicher Weise darüber, dass diese Kriegsgefangenen das Futter der Schweine gegessen haben. Arendt dazu:

Ernst Jünger bemerkt zu dieser Geschichte: »Manchmal ist es, als ob das deutsche Volk vom Teufel geritten wird.« Und er hat damit nicht »dämonisch« gemeint.

Sehen Sie, diese Geschichte hat eine empörende Dummheit. (…) Der Mann sieht nicht, dass das Menschen tun, die eben verhungert sind, nicht wahr, und [dass] jeder es tut. (…) Eichmann war ganz intelligent, aber diese Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Da ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist.


Noch ein letzter Ausschnitt aus dem Interview mit Hannah Arendt. Sie wird darauf angesprochen, dass sich Adolf Eichmann doch immer damit verteidigt hat, in den bürokratischen Apparat eingebettet gewesen zu sein. Sie antwortet:

Nun, abgesehen davon, dass die Bürokratie im Wesen anonym ist, lässt jede rastlose Tätigkeit Verantwortung verflüchtigen. Es gibt im Englischen einen idiomatischen Ausdruck: »stop and think« – halt an und denk nach.

Kein Mensch kann nachdenken, ohne anzuhalten. Wenn Sie jemanden in eine rastlose Tätigkeit hereinzwingen, nicht wahr, oder [er] sich hereinzwingen lässt, dann werden Sie immer dieselbe Geschichte haben.

Sie werden immer die Sache haben, dass Verantwortungsbewusstsein sich nicht bilden kann. Es kann sich nur bilden in dem Moment, wo man reflektiert – nicht über sich selbst, sondern über das, was man tut.


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