Sinistres am Freitag

Der Ad-Sinistram-Autor Roberto De Lapuente behandelt heute in einem Artikel die »Unmöglichkeit reinen Lebens« und postuliert: »Wer atmen will, macht sich schuldig«. In seinem Artikel habe ich einen Absatz gefunden, der gleich drei Irrtümer enthält:

Für die politische Linke ist die ungleiche Bezahlung (normalerweise) zweier Arbeiter unerträglich – für die politische Rechte und die Mitte, die irgendwo rechts steht, ist das kein gescheiterter Versuch arbeitsteiliger Organisation, sondern Ausdruck von Individualität und irgendwo auch gerechtfertigt, weil Ungleichheit etwas sei, was entweder Gott oder aber die Natur gegeben habe.

Ich melde hier dreifachen Widerspruch an.


Unterschiedliche Leistungen sind nicht von Gott oder der Natur gegeben

Vermutlich würde mich der Ad-Sinistram-Autor aus der Linksaußen-Position in seinem festgefügten Links-Rechts-Schema als »irgendwo mitte-rechts« einordnen. Ich kenne aber hier überhaupt niemanden, der behauptet, eine ungleiche Bezahlung sei »von Gott oder der Natur gegeben«.

Eine ungleiche Bezahlung bei gleicher Tätigkeit resultiert im Normalfall aus ungleicher Leistung und ungleicher Qualifikation von Menschen. Für ihre Leistung und Qualifikation sind diese Menschen weitgehend selbst verantwortlich – und kein höheres Wesen.

Wenn ihr Verdienst zum Leben nicht reicht oder wenn sie gar nicht arbeiten können, dann müssen sie natürlich unterstützt werden. Aber wenn hundert Menschen in einem Unternehmen arbeiten und unterschiedlich hohe Leistungen bringen, dann sollen diese Leistungen auch unterschiedlich bezahlt werden. Es gibt schließlich nicht nur eine Verteilungsgerechtigkeit, sondern auch eine Leistungsgerechtigkeit.


Arbeitsteilige Organisation ist nicht unbedingt mit gleicher Bezahlung verbunden

Eine ungleiche Bezahlung hat auch überhaupt nichts mit einem »gescheiterten Versuch arbeitsteiliger Organisation« zu tun. In einer arbeitsteiligen Organisation werden in der Regel eben nicht alle Menschen gleich bezahlt. Manche Arbeit wird stärker nachgefragt und folglich höher bewertet.

Die Erfahrungen aus Sozialismus, Maoismus, Stalinismus und ähnlich gelagerten linken Gesellschaftsmodellen zeigen: Gleichmacherei galt allenfalls für die arbeitsteilig arbeitenden Massen. Die Funktionärskaste war »gleicher« (vgl. George Orwells »Farm der Tiere«) und hat sich von der Arbeit schön weit entfernt gehalten.


Die Linke spricht nicht für die Arbeiter, wenn sie eine leistungsgerechte Entlohnung ablehnt

Es liegt ja bekanntlich im Selbstverständnis der Linken, dass sie die Interessen der Arbeiter und Angestellten vertritt. Die Mehrheit der Arbeiter und Angestellten in der Wirtschaft legt aber sehr viel Wert auf eine Bezahlung nach Leistung und Qualifikation. Eine Gleichmacherei beim Lohn widerspricht folglich ihren Interessen.

Auch die meisten Gewerkschafter und die SPD sind prinzipiell für Aufstieg durch Qualifikation und für leistungsgerechte Entlohnung.

Allenfalls die Vertreter einer ganz radikalen Linken sind auf totale Gleichheit fixiert. Das sind dann allerdings mehrheitlich keine Arbeiter und Angestellten, sondern man kann sie eher als Salon-Linke bezeichnen. Dort stehen dann wohl Bücher wie »Auf die faule Haut« von Roberto De Lapuente im Regal – das für kapitalistisches Geld verkauft und über Amazon vertrieben wird ;-)

Bekommen eigentlich »auf der faulen Haut« auch alle den gleichen Lohn?


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4 Antworten zu Sinistres am Freitag

  1. Antifa sagt:

    Eine ungleiche Bezahlung bei gleicher Tätigkeit resultiert im Normalfall aus ungleicher Leistung und ungleicher Qualifikation von Menschen. Für ihre Leistung und Qualifikation sind diese Menschen weitgehend selbst verantwortlich – und kein höheres Wesen.

    Ich nominiere „Leistungsgerechtigkeit“ schonmal vorab als Unwort des Jahres. Wer was wie leistet und tatsächlich bezahlt bekommt, liegt oft nicht an den Menschen selbst, sondern wird auf unserer Welt wesentlich an Kriterien wie sozialer und nationaler Herkunft festgemacht. Wer bestimmt denn was „Leistung“ ist?

    Allenfalls die Vertreter einer ganz radikalen Linken sind auf totale Gleichheit fixiert. Das sind dann allerdings mehrheitlich keine Arbeiter und Angestellten, sondern man kann sie eher als Salon-Linke bezeichnen.

    Ich weiß zwar nicht was da schon wieder „radikal Links“ sein soll, aber ich bin Arbeiter und bin für „totale Gleichheit“.

    • stefanolix sagt:

      Da muss ich ganz entschieden widersprechen. Ich habe selbst einen Facharbeiterberuf gelernt und ausgeübt. Ich habe völlig andere Erfahrungen gemacht.

      Im Grunde begann es ja schon in den Schulferien, als ich in einem Betrieb für BMSR-Technik arbeiten war: Ohne Leistung gab es dort gar nichts zu verdienen. Die Ferienarbeit wurde selbstverständlich nach Leistung differenziert bewertet: Wer faul war und nichts gemacht hat, brauchte sich gar nicht wieder melden.

      Ich habe mir, seit ich 14 war, alles selbst erarbeitet, was man damals als junger Mensch so haben musste, weil ich noch mehrere jüngere Geschwister hatte und weil in unserer Familie große Geschenke einfach nicht möglich waren.


      Ich erinnere mich an die letzten Jahre der DDR-Zeit, als auf einigen Gebieten das Leistungsprinzip eingeführt wurde: Im letzten Lehrjahr und als junge Facharbeiter haben wir uns immer gern Prämien für gute Leistungen erarbeitet.

      Und wir sind an manchem Wochenende (so wie viele andere Bauarbeiter auch) »schurwerken« gegangen. Wer das nicht machen wollte, hatte mehr Freizeit, konnte sich aber eben auch weniger leisten.

      In unserer Klasse (Berufsausbildung mit Abi) haben einige Leute nebenbei gearbeitet. Andere Lehrlinge von unserer Berufsschule und die Facharbeiter von den Baustellen natürlich auch.

      Den Arbeitern soll also der Gedanke an leistungsdifferenzierte Bezahlung fremd sein? Da kenne ich aber merkwürdigerweise ganz andere Arbeiter.

      Ich würde übrigens wetten, dass Sie mit der Idee von der »totalen Gleichheit« noch nicht mal alle sächsischen Wählerinnen und Wähler der Linkspartei überzeugen können ;-)

  2. Sathiya sagt:

    Was Du immer alles findest… ;-)
    Der verlinkte Artikel ist ganz interessant, aber die von Dir aufgegriffene Bemerkung ist wirklich etwas seltsam. :-)
    Ich möchte auf Deine Worte eingehen, eventuell etwas offtopic, aber gut.

    Meiner Beobachtung und Erfahrung nach rufen diejenigen am meisten und lautesten nach jeder Form von Gerechtigkeit, die am wenigsten die Absicht haben, sich nach ihrer Leistung beurteilen und belohnen zu lassen oder etwas von ihrem Stück Kuchen abzugeben. Allen voran die Gleichmacher.

    Ich bin Krankenschwester von Beruf, und da wird in Ansätzen nach Leistung bezahlt – Schichtzulage, Wochenenden, Funktionsdienst, Stationsleitung, Operationsdienst. Das ist völlig in Ordnung und ich sehe nicht ein, wieso jemand, der sich vor allen Diensten drückt (also beispielsweise ständig am Wochenende krank feiert), dann denselben Zuschlag bekommen soll – was aber laut als Ruf nach mehr Gerechtigkeit verkündet werden würde. Apropos krankmachen: die Arbeit verteilt sich dann auf die zur Arbeit erschienenen… und müßte dann eigentlich auch entsprechend bezahlt werden, da definitiv mehr Leistung erbracht wird. Wie ist es da mit der Leistungsgerechtigkeit?

    Etwas anderes ist es, wenn beispielsweise festangestellte Mitarbeiter und Jobber von Personalleasingfirmen in ein und derselben Firma arbeiten und dieselbe Arbeit tun und dasselbe leisten – und dabei für die gleiche Arbeit völlig unterschiedlich bezahlt werden. Das empfinde ich als ungerecht. Das schürt den sozialen Unfrieden.
    Nun könnte man kommen und sagen – selbst schuld, als Jobber bei einer Personalagentur, man könnte sich ja um einen richtigen Job kümmern… aber das ist nicht so einfach. Ich denke, das ist von vorn herein so gewollt und mit voller Absicht so konzipiert, das eigene Personal outzusourcen und fremdes deutlich schlechter bezahltes dafür zu verwenden (was auch oft genug noch dieselben Leute sind, um das Maß an Ungerechtigkeit voll zu machen!) Sprich – gleiche Leistung – höchst ungleicher Lohn. Gerecht?!

    Diesem Satz von Antifa
    „Wer was wie leistet und tatsächlich bezahlt bekommt, liegt oft nicht an den Menschen selbst, sondern wird auf unserer Welt wesentlich an Kriterien wie sozialer und nationaler Herkunft festgemacht.“ stimme ich zu. Das hat m.E. nichts mit Ahnung von oder Interesse an leistungsdifferenzierter Bezahlung zu tun, sondern die Leistungsbeurteilung und Lohneinstufung kommt von außen und folgt intransparenten Kriterien, ist durch die Arbeiter heutzutage so gut wie nicht beeinflußbar.

    Grüße, und ein schönes Wochenende, Sathiya

    • stefanolix sagt:

      Arbeitsausfall durch Krankheit ist ein heikles Thema, gerade in sozialen Berufen, in der Pflege und in medizinischen Berufen. Ich sehe es oft in der engeren Verwandtschaft und Bekanntschaft.

      Im Idealfall (in einem guten Team) kannst Du Dich darauf verlassen, dass niemand leichtfertig »krank macht« und dass sich das Risiko der Mehrarbeit somit relativ gleich verteilt. Ich meine in diesem Fall: Wer weniger krank ist, kann sich ja auch freuen.

      Vom nicht so idealen Fall will ich lieber schweigen. Den habe ich auch schon in verschiedenen Rollen hautnah miterlebt. Der Betreuungsschlüssel ist darauf einfach nicht kalkuliert und manche Leute nutzen ihre Rechte auch über Gebühr aus. Dafür gibt es kaum tragfähige Lösungen.


      Zur Leistungsbeurteilung und Einstufung: Das kann man so pauschal nicht sagen. Sicher kommt die Leistungsbeurteilung von oben (außen), aber sie muss deshalb nicht intransparent und auch nicht zum Nachteil der Arbeiter sein. Gute Facharbeiter wissen, was sie wert sind und wie sie nach Leistung bezahlt werden.

      Die Facharbeiter in den erfolgreichen Auto-Konzernen bekamen z. B. im Jahr 2012 zwischen ca. 4.000 und ca. 8.000 Euro Jahresprämie. Ein Facharbeiter in der Stammbelegschaft beim Daimler beginnt mit 3.500 Euro brutto. Bei Audi und BMW dürfte es in den Stammbelegschaften ähnlich aussehen.

      Leiharbeit ist natürlich ein Problem. Es hat aber mehrere Ursachen. Eine Ursache ist das Arbeitsrecht. Hätten wir pragmatische Regeln für den Wechsel zwischen Beschäftigungsverhältnissen und für die Befristung, müsste es viel weniger Leiharbeit geben.

      [Edit: Leiharbeit ist für den Auftraggeber ziemlich teuer, zumeist teurer als die Bruttolöhne für eigene Mitarbeiter. Der Auftraggeber zahlt dabei für die Abwälzung von Risiken auf die Leiharbeitsfirma. Ginge es nur um den reinen Bruttolohn, wäre es lohnender, die Mitarbeiter befristet oder fest selbst zu beschäftigen.]


      Der Satz von Antifa ist auf einer hohen Abstraktionsebene sicher nicht falsch. Wer kann z. B. den Unterschied bestreiten, der zwischen einem Lebensniveau eines griechischen und eines deutschen Arbeiters besteht? Aber: Die beiden haben eben auch eine unterschiedliche Qualifikation, Leistung, Lebensarbeitszeit und Produktivität.

      Aber ich wollte nicht abstrahieren, sondern konkretisieren: Ich wehre mich vehement gegen die These, dass Gleichmacherei im Interesse der Arbeiter sei. Gleicher Lohn für unterschiedliche Leistung ist innerhalb eines Unternehmens definitiv nicht sozial (Voraussetzung: nachvollziehbare Leistungskriterien und faire Leistungsbewertung).

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