Das Straßenschild muss weg!

In Berlin wird über die Umbenennung der Mohrenstraße diskutiert und ich wurde gebeten, meine Meinung zu diesem Gastartikel in der Berliner Zeitung zu sagen:

Offene Frage, @drbrandner und @stefanolix: Gibt es ein unideologisches Argument für den Namen „Mohrenstraße“? [Tweet zum Einstieg]

Der Fragesteller ist Christian Bangel, Chef vom Dienst bei @zeitonline. Zuerst reagierte Barbara Brandner mit der Frage, welches Argument denn für die Umbenennung spräche.

Gegenfrage: Gibt es für deren Umbenennung ein unideologisches Argument? Der Text ist Ideologie. Weder Mohr noch Neger haben in der Sprachgeschichte überwiegend abwertende Bedeutung. [Tweet]

Darauf Christian Bangel:

Da steht das Gegenteil und ich schließe mich an. Sie müssten Belege für Ihre Ideologiebehauptung liefern. Oder besser: für die von Ihnen behauptete positive Konnotation des Wortes „Mohr“.

Christian Bangel setzt sich also ebenfalls dafür ein, dass die Straße umbenannt wird – aber er fordert uns zu Argumenten heraus. Diese Herausforderung nehme ich gern an.

Bevor wir einsteigen: Es gibt für kaum ein Wort nur eine absolut positive oder absolut negative Konnotation. Die Konnotation eines Wortes ändert sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Bei Urteilen über die Vergangenheit sollten nur mit äußerster Vorsicht unsere heutigen Maßstäbe angelegt werden.


Die Autoren des Artikels aus der Berliner Zeitung möchten anhand sprachlicher Argumente herleiten, dass der Begriff »Mohr« in der deutschen Sprache negativ besetzt sei und dass das Straßenschild folglich verschwinden müsse. Für alle Zitate aus dem Artikel gilt diese Quelle.

Schauen wir, um die Diskussion zu versachlichen, zunächst auf die Etymologie. Das Wort „Mohr“ (altdeutsch: mor) stammt sowohl vom griechischen moros („töricht“, „einfältig“, „gottlos“) als auch vom lateinischen maurus („schwarz“, „dunkel“) ab.

Hier wird bereits versucht, die Bedeutung des Wortes in einen negativen Rahmen zu setzen. Als erste Abstammung des Wortes wird (ohne Quellenangabe) eine Bedeutung genannt, die in den Online-Nachschlagewerken DWDS, Wiktionary, Duden und im alten Wörterbuch der Deutschen Sprache (Grimm) nirgends zu finden ist (siehe unten).

Um es klar zu sagen: Die Autoren sind in der Beweispflicht. Sie müssten anhand von Quellen zeigen, dass das deutsche Wort »Mohr« aus einem griechischen Wort stammt, das später im Englischen für »Trottel« oder »Idiot« stand.


Es geht weiter im Text:

In der Lutherbibel heißt es dann: „Kan auch ein Mohr seine haut wandeln?“ Bis heute, in der Fassung aus dem Jahr 2017 erneut bestätigt, verwendet die Lutherbibel an dieser Stelle das Wort „Mohr“.

Der Begriff „Mohr“ entspricht etymologisch zwar locker dem griechischen Aithiopia hat aber allenfalls unspezifische geografische Konnotationen. Der Gebrauch des Begriffs durch Martin Luther ist klar negativ belegt: Im Kontext des zitierten Bibelverses geht es darum, dass die Farbe schwarz die nicht änderbar sündhafte Seele anzeigt.

Auch hier gibt es in dem Artikel keine Quellenangabe. Aber ich reiche sie gern nach: Martin Luther verwendet das Wort »Mohr« bei der Übersetzung einer Brandrede des Propheten Jeremia, der den Bewohnern Judas und Jerusalems mit sehr drastischen Worten ihre Schlechtigkeit und chronische Unverbesserlichkeit vorhält:

Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Parder seine Flecken? So könnt ihr auch Gutes tun, die ihr des Bösen gewohnt seid. [Jeremia 13, Vers 23]

Was der Prophet damit sagt: Ihr seid so sündig und unverbesserlich, dass Ihr nie wieder Gutes tun könnt. Er stellt den schwarzen Menschen nicht als schlecht, sondern seine Haut als unveränderbar dar. Das ist ein Unterschied.

Was man mit dem Wissen von heute sagen kann: Jeremia objektifiziert die Haut der schwarzen Menschen für seine Argumentation. Das würde man heute mit dem gebotenen Anstand sicher nicht tun.

Zur theologischen Seite habe ich den evangelischen Inselpfarrer von Teneriffa-Süd befragt. Er bestätigte mir, dass die Konnotation nicht negativ ist und sagte mir dazu noch:

Das Alte Testament ist das älteste Dokument aus dem vorderen Orient, das überhaupt einen allgemeinen Begriff des Menschen hat, unabhängig von Ethnie, Rasse und Geschlecht.

Damit ist das Argument gegen Martin Luther auch erledigt: Luther übersetzt den Jesaja nach bestem Wissen und Gewissen. Er verwendet das Wort »Mohr« in keiner Weise negativ oder rassistisch.


Auch bei der folgenden Argumentation aus dem Artikel fehlen wieder der Zusammenhang und die Quelle:

Diese negative Prägung des Wortes „Mohr“ lässt sich auch literarisch durch die Jahrhunderte verfolgen. Bei Kleist heißt es etwa: „Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,/ Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende/ Ich mich“ – die Mohren sind die, die sich von Menschen unterscheiden.

Ich kann nur empfehlen, jedes Argument im Zusammenhang zu lesen. Hier ergibt sich aus dem Zusammenhang, dass Kleist im Text den einzigen Menschen meint, den jemand in der Fremde zu kennen glaubt, weil er nämlich derselben Kultur angehört:

Nur dir, nur dir darf ichs vertraun – Denn hier
Auf dieser Burg – mir kommt es vor, ich sei
In einem Götzentempel, sei, ein Christ,
Umringt von Wilden, die mit gräßlichen
Gebärden mich, den Haaresträubenden,
Zu ihrem blutgen Fratzenbilde reißen –
– Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,
Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende
Ich mich – Denn niemand, bei Gefahr des Lebens,
Darf außer dir des Gottes Namen wissen,
Der mich entzückt. –

[Heinrich von Kleist: Die Familie Schroffenstein]

Auch hier argumentieren die Autoren des Artikels also nicht redlich: aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Quellenangabe soll eine negative und rassistische Verwendung unterstellt werden, die es bei Kleist nicht gibt.


Eine letzte Argumentationslinie der Gastautoren der »Berliner Zeitung« soll die negative Verwendung des Begriffs »Mohr« bei Hofe beweisen und scheitert ebenso:

An herrschaftlichen Höfen wurde der Begriff „Mohr“ für Menschen genutzt, die ver- und gekauft wurden: So bestand die Prinzessin am Ostfriesischen Hof zu Aurich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf ihren „Mohren“ – Fürst Georg Christians versuchte vergeblich „einen jungen Mohren und eine junge Mohrin“ in Amsterdam für sie zu kaufen.

Und Friedrich Wilhelm I. schrieb 1728 an seinen Gesandten, er solle „nach anliegendem Maßband einige junge Mohren kaufen […]. Sie müssen so jung sein, dass sie noch wachsen werden. Der Resident muss darauf bedacht sein, die Jungens wohlfeil zu bekommen.“

Ja: An herrschaftlichen Höfen wurden zu jener Zeit Menschen gehandelt. Friedrich Wilhelm I. von Preußen hat von August dem Starken auch 600 Dragoner »übernommen« und gegen wertvolle Vasen getauscht, die bis heute unter der Bezeichnung »Dragonervasen« in Dresden zu sehen sind.

Beide Geschäfte sind nach heutigen Maßstäben ein Verstoß gegen elementare Menschenrechte. Nach damaligen Maßstäben hat Friedrich Wilhelm aber einfach nur beschrieben, was er für eine »Ware« haben will: eben Dragoner oder Mohren. Nicht das Wort »Mohr« ist hier der Skandal, sondern der Handel mit Menschen – ob es nun Soldaten oder Menschen mit schwarzer Hautfarbe waren.


Zuletzt bleibt anzumerken dass ich weder für eine Umbenennung noch gegen eine Umbenennung der Straße bin. Für einen Argumentationswettstreit bin ich aber zu haben.

Wenn die Straße per Beschluss der Kommunalpolitiker umbenannt wird, sollte es mit guten Argumenten begründet werden. Wenn eine demokratische Entscheidung der Betroffenen getroffen werden soll, schaden Argumente bekanntlich auch nicht. Nur: Gebt mir bitte bessere Argumente als diesen tendenziösen Artikel aus der Berliner Zeitung!


Sprachlich interessante Links:

Der Begriff Mohr im DWDS

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm: Mohr

Der Duden: Mohr

Wiktionary: Mohr


Weiterführende Links: Ein Bild in Berlin und seine Geschichte [via].


Weiterführende Debatte:

Diskussion mit Christian Bangel (Thread)


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24 Responses to Das Straßenschild muss weg!

  1. Adrian sagt:

    Wie wollen sie die Straße denn nun benennen? „Women of Color-Straße“?

    • stefanolix sagt:

      Ich weiß es doch auch nicht. Ich habe nur die Argumente des Artikels in einen Zusammenhang gestellt. Mögen die Anwohner und die dort arbeitenden Menschen demokratisch entscheiden, ob die Straße überhaupt umbenannt werden muss. Dann findet sich schon ein Name.

      • Adrian sagt:

        In Berlin wird sowas nicht demokratisch entschieden.

      • stefanolix sagt:

        Ich gebe zu: es war etwas spitz formuliert. Aber beim »Tempelhofer Feld« durften die Berliner doch z. B. abstimmen?

        PS: Was ich an Berlin so toll finde: Man hält sich nicht lange mit den wichtigen Dingen auf (BER, marode S-Bahn, Obdachlosigkeit) – aber ist immer Zeit, sich um Symbole zu streiten (Plakate, Toiletten, Straßenschilder).

  2. djadmoros sagt:

    Danke, schöne Recherche! Man könnte zu den Dragonern noch die hessischen Söldner ergänzen, die der Landgraf von Hessen-Kassel während der amerikanischen Revolution an die Briten vertickt hat, sowie die römische Provinz Mauretanien, die als Herkunftsgebiet der muslimischen Eroberer Spaniens (nur eine Minderheit waren ethnische Araber) dazu führte, dass diese als »Mauren« (frz. »maures«, identische Aussprache) bezeichnet wurden.

    (Jetzt muss ich mir wohl Sorgen um die letzten beiden Silben meines Nicks machen! :-) )

    • stefanolix sagt:

      Dein Name kommt doch aber vom »Väterchen Frost«?

      • djadmoros sagt:

        Richtig! :-) Aber dieses Wissen wäre bei den Autoren des Artikels wohl nicht in guten Händen. Und das ist es, was mich an der Sache wirklich ärgert: die Unredlichkeit, mit der hier agiert wird: einerseits beanspruchen diese Kritiker die moralische Kommandohöhe, aber gleichzeitig betrachten sie die Sache offenbar als taktisches Spielchen nach dem Motto: »mal schauen, ob ich Dich bluffen kann!« Weil sie ja »die Guten™« sind und das folglich dürfen. Und klassische Bildung ist für sie offenbar auch bloß »patriarchaler Rotz«.

        Beziehungsweise: dass die Autoren Anzug- und Krawattenträger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sind, weckt in mir Sorgen über den Grad an Opportunismus gegenüber den Erwartungen der politischen Korrektheit.

      • stefanolix sagt:

        Es ist ja bekannt, dass ich in Sachen Sprache ein begeisterter Amateur und Quereinsteiger bin. Ich bin Dipl.-Ing (TU) und habe nie eine Sprachwissenschaft studiert. Wenn selbst mir auffällt, dass die Argumentation Bluff, schief und unredlich ist, dann sollte es einer Zeitungsredaktion mit Sprach-Profis doch erst recht auffallen?

      • djadmoros sagt:

        @Stefanolix:

        »Wenn selbst mir auffällt, dass die Argumentation Bluff, schief und unredlich ist, dann sollte es einer Zeitungsredaktion mit Sprach-Profis doch erst recht auffallen?«

        Eben! Und darum müssen wir wohl mindestens mit bedingtem Vorsatz rechnen.

    • Ja, das spanische Wort für die Mauren ist „moros“

      https://es.wikipedia.org/wiki/Moro

  3. Gereon sagt:

    Tja, jeder politisch korrekte Sprachunsinn wendet sich gegen den Unsinn. Man kann Wörter verbieten und ächten, dann wird halt das Wort Schimpfwort, was als korrekt gilt. Wie Migrant und Kulturbereicherer. Diese politisch korrekten Worte werden fast nur noch im allgemeinen Sprachgebrauch als Schimpfwort verwendet. Und das ist gut so. Mohr und Neger sind an sich keine Abwertungen sondern Beschreibungen, die auch liebenswürdig sein können. Kulturbereicherer ist heute eindeutig negativ besetzt.
    Die können machen, was sie wollen, das Leben findet seinen Weg.
    Wenn die in Berlin sich nicht endlich um echte Probleme kümmern, ist die Straße bald ohne Namen und heisst bald nur noch ‚ die dritte Barrikade wenn du in den Trümmerhaufen, der mal Stadt war reinkommst, lnks‘

  4. Stephan sagt:

    Wenn man annimmt, dass Deutschland den amerikanischen kulturellen Trends nachfolgt, dann stehen uns in naher Zukunft unzählige Diskussionen über Straßennamen, Statuen usw. bevor. Das ist an sich kein Problem – solange diese Diskussionen redlich geführt werden. Darum danke für Ihren Beitrag!

  5. Klaus sagt:

    Gefällt Schwarzen die Bezeichnung Mohr/Neger? „Du Homo!“ mag in meinem Bekanntenkreis nicht jeder Schwule, einen Homoplatz fänden sie vielleicht auch nicht besonders prickelnd. Auch wenn Homo erstmal nur Mensch heißt (u.a.).
    Da mir Straßennamen relativ egal sind, darf gern auf Befindlichkeiten von Minderheiten Rücksicht genommen werden.

    Meiner Meinung nach bringt es nichts, wenn alle an der Diskussion Beteiligten auch noch an der Lösung anderer Probleme wie BER, Ordnung&Disziplin, S-Bahn-Zuverlässigkeit etc pp mitwirken, ich gebe aber zu bedenken, dass evtl. manche Menschen in der Lage sind, mehrere Themen gleichzeitig zu überblicken.

    • stefanolix sagt:

      Es steht überhaupt nicht zur Debatte, eine Straße neu nach einem oft abwertenden Begriff für Homosexuelle zu benennen. Wie ich in meinem Artikel auch betone, bin ich für Bürgerbeteiligung mit besseren Argumenten.

      • Klaus sagt:

        Eben hatte sich ja ein Bürger K. beteiligt und das Argument, eine Minderheit könnte sich verletzt fühlen, in die Waagschale geworfen. Dem Bürger K. ist die Benennung der Straße zu unwichtig, seinetwegen könne in diesem Fall auf eine _etwaige_ Minderheit Rücksicht genommen werden. Zur Illustration verwendete der Bürger K. einen Vergleich zu Homosexuellen, ohne dass die Umbenennung einer Straße zur Homostraße zur Debatte stünde – auch wenn dies dem Bürger K., der selbst homosexuell ist, völlig egal wäre. Vielleicht würde er sogar versuchen, einen Briefkasten auf dieser Straße zu ergattern.

        Der Bürger K. hatte ebenfalls das Gefühl, dass einige Mitdiskutanten der Meinung wären, es gäbe wichtigere Dinge als Straßenbezeichnungen zu diskutieren. Der Bürger K. teilt diese Meinung ein wenig, wie oben geschrieben. Er ist allerdings auch der Auffassung, dass das Diskutieren von Straßenbezeichnungen durchaus zulässt, noch andere Probleme zielführend zu diskutieren und das Argument der monothematischen Diskussionsfähigkeit nicht bei allen Mitmenschen tatsächlich ursächlich für unbewältigte gesellschaftliche Aufgaben sein muss.

        Jetzt verstanden?

    • djadmoros sagt:

      @Klaus:

      »Gefällt Schwarzen die Bezeichnung Mohr/Neger? (…) Da mir Straßennamen relativ egal sind, darf gern auf Befindlichkeiten von Minderheiten Rücksicht genommen werden.«

      Ich finde dieses Argument falsch herum aufgezogen: man kann – was unsere Sprachpuristen verweigern – Sprache nur in ihrem Gebrauchskontext bewerten: Rassismus ist es, wenn ich jemanden im Gespräch gezielt so bezeichne, um eine Beleididung oder Herabwürdigung auszudrücken. Wenn mir das aus Unaufmerksamkeit unterläuft, kann ich das in einer konkreten Gesprächssituation, in der das Anlass zum Missverständnis gibt, klarstellen und mich ggf. auch dafür entschuldigen.

      Im Falle eines Straßennamens handelt es sich weder um eine konkrete Gesprächssituation noch ist überhaupt ein Adressat intendiert. Zudem ist der Straßenname selbst höchstwahrscheinlich nicht als Produkt einer gezielt betriebenen »Gedächtnispolitik« zustandegekommen, was in meinen Augen allein ein legitimer Grund wäre, ihn rückgängig zu machen – schließlich wollen wir auch keinen Adolf-Hitler-Platz mehr.

      Aber wenn das schlicht ein altüberlieferter Straßenname mit eigenem historischen Kontext ist, dann wäre es in meinen Augen sogar eine rückwirkende Fälschung des historischen Gedächtnisses, ihn umzubenennen (aus demselben Grund halte ich auch eine »Bibel in gerechter Sprache« für heuchlerischen Unfug).

      Im konkreten Fall fällt zudem auf, dass sogar die Autoren selbst die Rassismus-Implikation offenbar für so schwach halten, dass sie uns unseriöserweise den griechischen »Trottel« unterzuschieben versuchen.

      • djadmoros sagt:

        @Stefanolix: Danke! Da bin ich ja froh, dass ich nicht der Einzige bin, dem das Argument einfällt! :-)

      • Klaus sagt:

        Mir wäre es auf jeden Fall auch wesentlich lieber, wenn man sich nicht auf solche Scheingefechte zurückzieht, sondern „echten“ Rassismus angeht. Ich kann auch gar nicht einschätzen, ob diese Minderheit a) existiert/nicht bloß 3 Leute umfasst und b) von diesem Straßennamen so angepisst ist – das überlasse ich den Berlinern.

        Da ich bisher jede Straßennamenänderung überlebt habe, ist _mir persönlich_ aber auch die historische Dimension nicht besonders wichtig. Historiker sind letzten Endes ja auch eine Minderheit. Dass die (Achtung, an den Haaren herbeigezogenes Beispiel) Fetscherstraße in Dresden früher Fürstenstraße hieß und vermutlich irgendwas mit einem (vielleicht sogar konkreten) Fürsten zu tun hatte, ist mir egal. Fetscher sagt mir allerdings was, keine Sorge. Von Fürst wird sich kaum einer verletzt fühlen, vermute ich, deshalb an den Haaren herbeigezogen.

        Wer auf der sprachwissenschaftlichen Schiene argumentiert, sollte wissen was er tut, da gebe ich ebenfalls allen Recht, andernfalls macht man sich lächerlich.

      • Zur Herkunft des Namens Mohrenstraße: Die Straße selbst ist im Zuge der Erweiterung Berlins um 1700 durch den Bau einer neuen Vorstadt, Friedrichstadt, entstanden. Den Namen hat sie erst ein paar Jahre später bekommen, vermutlich in Bezug auf eine Gruppe von jungen Männern aus den niederländischen oder brandenburg-preussischen Kolonialgebieten in Afrika, die dort einquartiert worden sein sollen und die als Diener am Hofe oder als Militärmusiker dienten. Inwiefern sie unter Zwang nach Europa gekommen sind, wird sich vermutlich nicht mehr klären lassen. In dem schönen Artikel über Gustav Sabac el Cher ist das recht gut dargestellt.
        Der konkrete historische Kontext, soweit er sich rekonstruieren lässt, gäbe für den post-kolonialen Puristen schon Argumente her, den Straßennamen einzukassieren. Bloß: Damit tilgte man die Präsenz dieser schwarzen Berliner des 18. Jahrhunderts komplett aus dem Straßenbild. Und selbst wenn man die Straße nach Mandela oder sonst einem, dem Herzen Lifestyle-liberaler und -Linker lieber Symbol-Schwarzer benennen würde: Die echten, konkreten schwarzen Berliner und damit die tatsächliche schwarze Geschichte Berlins wären zugunsten des guten Gefühls den weißen, privilegierten Bürgersöhnchen aller Altersstufen im DIW zum Verschwinden gebracht worden.
        Wenn es tatsächlich um die Sichtbarmachung der kolonialen Verstrickungen Berlins und eine Hineinnahme dieses Teils der Geschichte in unser aktuelles Bild von uns und unserer Geschichte ginge, wäre ein Denkmal sowie eine Informationstafel das Mittel der Wahl. Und die könnte der DIW ja finanzieren, wenn ihm das Schicksal der „Mohren“ so am Herzen liegt.
        Etymologie, vor allem auf dem Niveau des Artikels der DIW-Leute, taugt dagegen ganz schlecht als Argument bei Auseinandersetzung um Straßennamen und noch viel komplexeren historischen Zusammenhängen: Sprache ist ein chaotischer, dynamischer, ‚unsauberer‘ Prozess, Begriffe bedeuten nie eindeutig irgendwas, selbst die von Philosophen oder Wissenschaftlern mühselig abgegrenzten Fachbegriffe nicht. Sprachpolizeiliche Anwandlungen, auch wenn ich sie im Bezug auf Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ für gerechtfertigt halte, haben deswegen immer etwas tief lächerliches und gleichzeitig autoritäres.
        Mit denselben Argumenten, mit dem der DIW und seine Freunde die Mohrenstraße umbenennen wollen, wäre viel dringlicher zu fordern, dass sämtliche Friedrich-, Wilhelm, Dorotheen-, Karolinen-, Alexander- und Augusten- etc. -straßen zu verschwinden hätten: Alles Huldigungsadressen an den preussischen Militarismus und seine zutiefst undemokratische Gesellschaft. Und da haben wir noch nicht über den Gendarmenmarkt sowie über die halbe preussische Generalität gesprochen, die vielen Berliner Straßen ihren Namen gegeben hat.
        Ein anderes Thema, über das man auch episch diskutieren könnte, ist, ob solche Symbol-Politik-Nummern ein deutlicher Hinweis auf eine in Sachen praktischer Politik eher inkompetente und nicht-handlungsfähige Bezirks- und Stadtregierung sind. (Also ein Anzeichen, dass man sehr große andere Probleme hat, die aber nicht angehen kann oder will.)

    • Werlauer sagt:

      Ich denke, die Innenansicht von Individuen oder Kleingruppen kann nicht der Maßstab sein, nachdem gesellschaftliches Handeln bestimmt werden sollte. Meiner Ansicht nach, benötigen wir verabredete Regeln mit möglichst klaren, objektiv messbaren Bedingungen. Gerne können – während der Findungs- oder in einer Überprüfungsphase der Regeln – die Sichtweisen unterschiedlicher (auch kleiner) Gruppen einbezogen werden.

      Wenn wir aber die persönliche Verfasstheit von Individuen zum Maßstab machen, haben wir die haarsträubenden SJW-Diskussionen, die nirgendwohin führen außer in das, was die Nordamerikaner „oppression olympics“ nennen.

  6. Der Unterschied zwischen weißen und schwarzen Menschen muss ja nun in der Kommunikation irgendwie benannt werden, sonst kann man darüber nicht sprechen. Die historischen Diskriminierungen schafft man jedenfalls nicht durch Umbenennungen aus der Welt.

    In Kolumbien (20% der Bevölkerung afrikanischer Herkunft) ist das spanische Wort für Schwarze, Negros, auch nicht mehr erwünscht. Man sprich stattdessen von „Morenos“, was soviel bedeutet wie „Dunkle“. Na gut, wenn es denn hilft…

    Afrokolumbianer untereinander nennen sich selbst übrigens „Niche“.

    Eine beliebte Salsaband heißt „Grupo Niche“: Video.

  7. Paul sagt:

    Meine Oma sagte bei dieser Gelegenheit immer: „Haben DIE keine anderen Sorgen“ und „die Sorgen möchte ich auch haben“.

    Deshalb, lieber stefanolix, entschuldige bitte, kann ich mich diesem Thema nur mit einigem Unernst nähern.

    Das Ganze halte ich für einen Wahnsinn, den anscheinend weite Teile der Bevölkerung Deutschlands befallen hat.
    Das sind nicht nur der Genderwahnsinn, der Klimawahnsinn, der Genmanipulationswahnsinn sowie der Erneuerbareenergiewahnsinn sondern auch der Sprachbereinigungswahnsinn.

    Das hat in der DDR schon angefangen, mit der Abschaffung des Amerikaners (einem Gebäck). Wann Negerküsse, Mohrenköpfe und Zigeunerschnitzel abgeschafft wurden weiß ich nicht.
    Es kränkt mich als Berliner, dass in anderen Landesteilen unserer Republik immer noch Berliner gegessen werden. Auch die Kartoffel muss durch Erdäpfel ersetzt werden, weil sie in Berlin – als Kartoffelfresser oder verkürzt „Du Kartoffel“ als Schimpfwort verwendet wird.

    Aber dieses Thema wird sich wohl in naher Zukunft von selbst erledigen, weil es Bestrebungen gibt die Deutsche Sprache gänzlich abzuschaffen. Selbst in Tagesschau und heute, begegne ich bei aufmerksamem zuhören, ständig Formulierungen, die nicht dem korrekten Sprachgebrauch entsprechen. Da, wie wir wissen, im Deutschen sowieso Wortschätze aus anderen Sprachen gehäuft zu finden sind, ist es auch kein Verlust, wenn das Deutsch verloren geht.

    Schwarze, das Wort darf man auch schon nicht mehr benutzen, also Menschen mit anderer Pigmentierung (ist das korrekt), demonstrieren in der Mohrenstraße für die Abschaffung des Namens Mohrenstraße. Welcher Kabarettist das sich das wohl ausgedacht.

    Ich höre mal auf, weil ich keine Zeit mehr habe. Bin damit beschäftigt einen Verein zur Umbenennung des Sachsendamms zu gründen.
    So wie ich die Berliner kenne, werde ich wohl bald Tausende für dieses Vorhaben gewinnen können.

    Ich höre mal auf obwohl mir zu diesem Thema noch Vieles einfallen würde.

    Herzlich, Paul

  8. Beobachter sagt:

    So nett wie ich die Arabesken finde (wirklich), für die Beurteilung der Straßenumbenennung spielt es keine Rolle, was die alten Engländer oder die neuen Griechen unter Mohr verstehen.

    Ein vernünftiges Beurteilungskriterium sollte sein, welche Assoziationen oder Emotionen das Wort hervorruft.
    Bei Mohrenstraße würde ich sagen: auf dem Level von blabla.

    Mohr assoziiert vielleicht zu „der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“. Das war es dann schon.

    Man kann natürlich immer und überall was finden, wenn man nur will.
    Wenn man zum Arbeiten zu dumm oder zu faul ist und sich lieber als Vollzeitaktivist finanzieren lässt, dann kann man nicht nur, dann muss man was finden.

    Oder glaubt jemand, mit der Umbenennung der Mohrenstraßen lassen die es dann gut sein?

    Wie unaufrichtig das ist, haben hier schon mehrere aufgezeigt.
    Ich möchte gern eine Facette hinzufügen.

    Kann sich jemand daran erinnern, dass 100 meist junge, meist dunkelhäutige Menschen zur Fitna-Moschee gezogen sind, um ein „Umbenennungsfest“ zu feiern?
    Wobei es mir nicht auf das „dunkelhäutig“ ankommt, ich würde mich genauso über die Teilnahme von Angela Merkel oder Meiko Haas freuen.

    Pustekuchen.
    Weder fordert jemand die Umbenennung der Fitna-Moscheen. Noch fordert jemand die Umbenennung von anderen ausländischen Einrichtungen, die nach Massenmördern benannt sind.

    Double standards at its best.

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