Wie die Dresdner Zeitung DNN mit einer Pressemitteilung zum Thema Alkohol umgeht

Auch im Jahr 2014 gibt es eine wichtige Aufgabe für Blogger: Wir müssen der Presse beim Umgang mit Zahlen und Fakten auf die Finger sehen. Dazu habe ich mir heute eine Meldung aus der DNN vom Silvestertag herausgesucht. Der betreffende Absatz basiert auf einer Pressemitteilung der Stadt Dresden.


Was hat die Zeitung DNN verbreitet?

Vor riskantem Alkoholkonsum warnt auch die Stadt Dresden auf 160 City-Light-Plakaten im gesamten Stadtgebiet und regt an, in der Zeit der Feste über die eigenen Trinkgewohnheiten nachzudenken. Ungezügelter Alkoholgenuss sei nicht nur Männersache. Laut Statistik würden etwa ein Fünftel aller Frauen und ein Drittel aller Männer überdurchschnittlich viel Alkohol trinken.


Was hat die Stadt Dresden in ihrer Pressemitteilung veröffentlicht?

Tatsächlich ist riskanter Alkoholkonsum nicht nur Männersache. Laut Statistik konsumieren 22 Prozent aller Frauen und 32 Prozent der Männer in Deutschland riskant. Bei beiden Geschlechtern ist laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2013 der Anteil riskant konsumierender in den oberen Bildungsgruppen am größten.


Was kann man daraus über den Umgang mit Statistik lernen?

Es besteht offensichtlich ein großer Unterschied zwischen beiden Aussagen: Die Zeitung bezieht sich auf einen »durchschnittlichen« Konsum. Die Pressemitteilung bezieht sich auf die Einstufung in eine Kategorie.

Wenn man in einem Zeitungsartikel das Wort »durchschnittlich« liest, lohnt sich immer ein kurzes Nachhaken: Meint der Journalist den arithmetischen Mittelwert? Meint er eventuell den Medianwert? Oder wendet er das Wort »durchschnittlich« einfach nur umgangssprachlich an?

Wenn nicht erkennbar ist, wie der Journalist das Wort »Durchschnitt« oder »durchschnittlich« gemeint hat und worauf sich der zitierte Durchschnitt überhaupt bezieht, dann ist die Aussage mit großer Wahrscheinlichkeit Mist.

In unserem Beispiel könnte es rein theoretisch einen Gesamtdurchschnitt für alle Erwachsenen geben. Es könnte auch separate Durchschnittswerte für Männer und Frauen geben. Selbst wenn man diese beiden Angaben hätte, wären sie weitgehend wertlos, weil der Alkoholkonsum eben nicht gleichmäßig verteilt ist.


Durchschnittswerte sind ja bekanntlich oft wertlos. Im DDR-Kabarett gab es den schönen Satz:

Im Durchschnitt war der Dorfteich einen Meter tief – und trotzdem ist die Kuh ersoffen.

Diesen Satz sollten sich alle Journalisten über den Schreibtisch hängen.


Hintergrund und Quellen

Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung ist öffentlich verfügbar. Mit wenigen Klicks kann man ihn direkt aus der Pressemitteilung heraus aufrufen: Suchphrase markieren, Suchmaschine aufrufen, Link zum Bericht der Bundesregierung anklicken.

Hätten sich die Verantwortlichen bei der DNN nur wenige Minuten Zeit genommen, dann hätten sie sehr schnell gemerkt, dass von »durchschnittlich« überhaupt keine Rede sein kann.

Ein durchschnittlicher Alkoholkonsum wird im Drogen- und Suchtbericht nicht genannt. Folglich kann man auch nicht schließen, wie viele Männer und Frauen überdurchschnittlich viel Alkohol konsumieren. Die Stadt Dresden hat sich bei der Formulierung ihrer Pressemitteilung etwas gedacht.


Fazit

Journalisten haben die Aufgabe, eine Pressemitteilung sachlich einzuordnen und die Leser richtig zu informieren. Im Normalfall müssen Zahlen, Daten, Fakten geprüft werden, weil Pressemitteilungen immer durch Interessen geleitet sind.

Journalisten haben nicht die Aufgabe, eine Pressemitteilung sprachlich nur ein wenig zu verändern. Wenn eine Formulierung sprachlich geändert wird, darf dabei jedenfalls ihr Inhalt nicht verändert werden. Richtiges Abschreiben aus der Pressemitteilung hätte in diesem Fall genügt …


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16 Antworten zu Wie die Dresdner Zeitung DNN mit einer Pressemitteilung zum Thema Alkohol umgeht

  1. stefanolix sagt:

    PS: Beim Kaffee trieb mich die Frage um, warum laut Statistik die gebildeten Menschen mehr Alkohol trinken als die ungebildeten.

    Dann habe ich mir im Suchtbericht der Bundesregierung und in der dort zitierten Untersuchung die Testfragen angesehen.

    Seitdem frage ich mich: Wie liest und versteht ein Mensch ohne eine gewisse Grundbildung diesen Test? Hier ist die österreichische Version des offiziellen WHO-Tests mit dem schönen Namen AUDIT:

    http://www.praevention.at/upload/documentbox/AUDIT.pdf

    Seit ich das gelesen habe (und angesichts der PISA-Ergebnisse) werde ich die Vermutung nicht los: Es /könnte/ am Verständnis der Testfragen gelegen haben.

  2. Wolf sagt:

    Danke für den Beitrag & alles Gute für 2014!
    Falscher Umgang mit Mittelwerten ist ein Klassiker …

    Wenn man den Kopf in der Sauna hat und die Füße im Kühlschrank, sprechen Statistiker von einer angenehmen mittleren Temperatur.

    Ich bin übrigens kein Fan desjenigen, der das gesagt hat … Bayerische Politik-„Ikone“ …

    Beim Alkoholkonsum interessiert mich der Mittelwert wenig (ok, je nach Fragestellung), da finde ich anders definierte Kategorien sinnvoller: z. B. Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit, Gesundheitsschädigung, Einfluss auf Stimmung (Aggressivität, Melancholie) etc.

    Schön ist, dass die Stadt Dresden genau definiert, was mit „riskant“ gemeint ist.

    • stefanolix sagt:

      Das »riskante Verhalten« wird aus dem Suchtbericht zitiert. Diesen fachlichen (medizinischen) Begriff übernimmt die Stadt Dresden nur. Mehr Informationen im Drogen- und Suchtbericht ab Seite 17.

      http://drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Service/Publikationen/BMG_Drogen-_und_Suchtbericht_2013_WEB_Gesamt.pdf

      Ich denke, es geht bei »riskant« zuerst um die Risiken für die Person selbst, wobei natürlich Risiken für die Familie und die Gesellschaft hinzukommen.


      Was die geflügelten Worte zum Durchschnitt betrifft, kann man also zusammenfassen, dass im Osten eine Kuh ertrank und im Westen der nackte Strauß zitiert wurde ;-)


      Auch Dir alles Gute für ein erfolgreiches Jahr 2014 und ich wünsche Dir, dass die Berechnungen alle aufgehen mögen ;-)
      Ich freue mich, wenn Du als Statistik-Fachmann meine ingenieurmäßigen Artikel liest und bin dankbar für Hinweise.

  3. Muyserin sagt:

    Sehr interessant, Danke, auch wenn ich mir die Unterschiede zwischen Mittel-, Medianwert etc. NIEW werde merken können (ich bin da halt Mittel-, oder war’s Medianmaß?).

    Bei dem DDR-Zitat fiel mir gleich der herrliche Sketch „Die Kuh im Propeller“ ein.

  4. Muyserin sagt:

    „NIE“, sollte das heißen.

    • stefanolix sagt:

      Zu den »mittleren Werten«: Man kann überhaupt nur mit mittleren Werten arbeiten, wenn man die Daten dazu hat.

      Stell Dir vor, wir wollen herausfinden, wie viel Alkohol die Dresdner im Mittel trinken.

      Wir haben aber keine wirklich gesicherten Daten über den Alkoholkonsum aller Dresdner, denn dazu müssten wir sie lückenlos überwachen.

      Wir können auch nicht den Alkoholkonsum einer repräsentativen Auswahl der Dresdner (Stichprobe) messen. Selbst wenn sie mit einer lückenlosen Überwachung über ein Jahr einverstanden wären, würde die Messung ihr Trinkverhalten beeinflussen.

      Wir können allenfalls eine repräsentative Stichprobe der Dresdner zum Interview einladen. Für solche Interviews wurde der AUDIT-Fragebogen entwickelt. Damit erfasst man Selbstauskünfte über den geschätzten Alkoholkonsum. Was wir nicht wissen:
      – Werden die Fragen verstanden?
      – Werden die Fragen ehrlich beantwortet?
      – Welchen Einfluss hat die Umgebung?
      – Welchen Einfluss hat der Termin der Befragung?


      Übrigens sind auch alle Informationen wertlos, in denen es heißt: Die Deutschen trinken im Jahr 150 Liter Bier pro Hals. Natürlich kann man die abgegebene Biermenge durch die Anzahl der Erwachsenen teilen (manchmal auch durch die Anzahl aller Einwohner). Aber das Ergebnis ist völlig wertlos.

  5. Wolf sagt:

    Geht ja tierisch zu hier mit der Statistik … Ich will zu den Kühen und dem Strauß mal noch ein Tier hinzufügen (die Idee ist nicht von mir): Wenn jemand bei der Hasenjagd gleichmäßig rechts und links daneben schießt, mag er mit seinem Jägerlatein am Ende sein. Immerhin kann er sagen: Statistisch ergibt das im Durchschnitt (Mittelwert) einen totgeschossenen Hasen.

    • stefanolix sagt:

      Ja. Und wenn die Presse zehnmal links und zehnmal rechts neben der Realität liegt, hat sie im Durchschnitt alles richtig gemacht ;-)

      PS: Und mit dem Alkohol gab es schon im April 2013 Probleme: https://stefanolix.wordpress.com/2013/04/05/eine-badewanne-voll-bloedsinn/

      • Wolf sagt:

        In der Statistik wird manchmal ernsthaft in dieser Art argumentiert. Z. B. bei einer Tagung zu Online-Marktforschung (Symano). Da wurde ein Tool vorgestellt, das Textbeiträge in sozialen Medien analysiert, um daraus Stimmungsbilder abzuleiten. Einwand: Was macht denn das Tool, wenn jemand schreibt: „Das Produkt finde ich völlig daneben.“ und jemand antwortet: „Ja, das sehe ich genau so.“ Der Referent musste zugeben, dass das zweite Statement positiv gewertet wird – das Tool konnte nicht erkennen, dass es sich um eine Zustimmung zu einem negativen Beitrag handelt, die somit ebenfalls negativ gemeint ist. Und dann passte das Argument: „Solche Fehler mitteln sich aus“.

      • stefanolix sagt:

        Welcher Teil solcher Werkzeuge ist Statistik und welcher Teil ist Kaffeesatzleserei? Um ehrlich zu sein: Ich würde kein Geld für so ein Werkzeug ausgeben. Es geht ja nicht nur um die bestätigenden Reaktionen. Solche Werkzeuge können auch keinen Sarkasmus, keine Ironie und keine dick aufgetragene Lobhudelei erkennen.

      • Wolf sagt:

        Ich hab noch keine Erfahrung aus erster Hand mit diesen Tools. Zumindest reagieren sie wohl halbwegs brauchbar, wenn ein Unternehmen z. B. aufgrund einer ungeschickten Aussage einer Führungsperson in die Schlagzeilen gerät. Ein solcher Effekt lässt sich durchaus abbilden, soweit ich gehört habe.

        Es wird wohl schon ziemlich viel in der Richtung gearbeitet. Bei einer Produktvorführung (IBM SPSS Modeler, Text Mining) fiel das Beispiel: Kunde eines Telekommunikationsunternehmens ruft bei der Hotline an. Der Callcenteragent nimmt den Anruf an und sieht eine grün markierte Punktzahl: Der Kunde ist allem Anschein nach bisher zufrieden, die Kündigungswahrscheinlichkeit wird gering eingeschätzt. Doch nun beschwert er sich: Tarif zu teuer, die Konkurrenz ist billiger, ein Leistungsmerkmal kostet zusätzlich … Der Agent schreibt in Stichworten mit. Die Software rechnet in Echtzeit im Hintergrund mit, es fallen mehrere negative Begriffe, die Punktzahl ändert sich, nun ist sie rot, eine Warnung erscheint: Abwanderungsgefahr! Sofort wird ein auf den Kunden zugeschnittenes Sonderangebot erstellt. „Was halten Sie davon?“ Der Kunde nimmt dankbar an, die Kundenbindung war erfolgreich …

      • stefanolix sagt:

        OK. Aber wir wissen doch, wie schnell solche Scoring-Werte fehlerbehaftet sein können. Selbst bei der Schufa, die ja noch mit relativ nachvollziehbaren Werten rechnet, werden Fehler gemacht.

        Ich sehe ein Datenschutzproblem: In dem genannten Telekommunikationsbeispiel werden über den Kunden Informationen gesammelt, die er nicht kennt, und von denen auch bei einer Datenschutzanfrage nie erfahren wird. Die alte Bundesregierung wollte m. W. den Verbraucherschutz in Sachen Scoring stärken, aber daraus ist wohl nichts geworden.

      • Wolf sagt:

        Ich will da gar nichts verteidigen, ich finde auch manche Entwicklungen gruslig …

      • stefanolix sagt:

        Wir machen aber auch Fehler, wenn Menschen die Einstufungen vornehmen, wie bei der Befragung zum Alkohol: Es kann ein durch und durch charakterfester Mensch etwas zu viele Risiko-Punkte haben, weil er (a) als Pfarrer sehr ehrlich antwortet und (b) in einem Weinanbaugebiet lebt. Dann gilt dieser Mensch plötzlich in der Statistik als »gefährdet« und als »Risiko«, obwohl er den Wein locker wegsteckt und überhaupt nicht physisch oder psychisch vom Alkohol abhängt.


        PS: Ich wollte Dich nicht in eine Verteidigungsposition bringen. Ich sehe auch den großen Nutzen der Auswertungstechnik. Es kann durchaus Algorithmen geben, die lebensrettend sind, wenn etwa Daten von vielen Krebspatienten ausgewertet werden.

  6. […] dem Bereich der Countrymusik, “Statistically Honky Tonk”. Hier geht es vor allem um die Unsinnigkeit von Mittelwerten. Vergleiche dazu den Beitrag Mittelwert oder Median? Beschreibung der Einkommensverteilung sowie […]

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