Leuchtende Blätter

23. November 2014

Botanischer Garten (23.11.2014)


Von Frauenquoten und Statistik …

20. November 2014

Kristin Rose-Möhring ist Gleichstellungsbeauftragte des Ministeriums im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Sie wurde dadurch bekannt, dass sie gegen ihre eigenen Ministerinnen Kristina Schröder und Manuela Schwesig klagte: Ministerin Schröder hatte es doch trotz einer Frauenquote bei Führungskräften von über 50% nicht etwa gewagt, einen Mann als Pressesprecher zu wählen.

All das wäre keinen Beitrag wert, wenn Frau Rose-Möhring nicht eine einflussreiche Frau innerhalb der Lobby der Gleichstellungsbürokratie wäre. Aus dem Ministerium von Frau Schwesig kommen politische Entwürfe, wonach die Anzahl der bürokratischen Posten (exklusiv für Frauen) als Gleichstellungsbeauftragte drastisch erhöht werden soll. Aus einem Artikel des SPIEGEL (31/2014):

Für Ärger sorgt auch die Forderung nach mehr Gleichstellungsbeauftragten. Das Verteidigungsministerium hat ausgerechnet, dass es dafür die Stellen von 100 auf 200 verdoppeln müsste. Der Staatsbetrieb Deutsche Bahn kalkuliert für die Tochterfirmen mit mindestens 960 neuen Stellen.

Noch werden diese Entwürfe in der #Groko entschärft. Aber auch in der entschärften Form kosten sie immer noch sehr viel Geld und bringen eher Schaden als Nutzen.


Kristin Rose-Möhring bloggt zur Zeit sehr offenherzig über Statistik für Gleichstellungsbeauftragte. Wenn ich mir diese Blogbeiträge nur mit dem gesunden Menschenverstand anschaue, muss ich mich sehr zurückhalten, um nicht sarkastisch zu werden. Hier passt das Zitat: »Hätte sie geschwiegen, wäre sie Philosophin geblieben …«.

Bereits in der ersten Folge ihrer Serie zur Statistik stellt Frau Rose-Möhring eine Behauptung auf, die sehr tief blicken lässt. Sie postuliert:

Zahlenwerke und Statistiken werden der Gleichstellungsbeauftragten vor allem dann entgegengehalten, wenn es gilt, Fortschritte und Gleichstellungserfolge in der Dienststelle zu untermauern oder ihre Forderungen abzuschmettern. Das soll überzeugend, wissenschaftlich und unangreifbar wirken und die Gleichstellungsbeauftragte mundtot oder zumindest leiser machen.

Frau Rose-Möhring begreift Statistik also nicht etwa als wissenschaftliches Instrument, sondern in erster Linie als eine Art Werkzeug der Gegnerinnen und Gegner ihrer Gleichstellungsbürokratie. Sie hält aber tapfer dagegen:

Mit ein bisschen gesundem Frauenverstand können wir schnell lernen, grundsätzliche Fehler in der Erstellung dieser Zahlenwerke und die Fragwürdigkeit von deren Interpretation zu erkennen.


Frau Rose-Möhrings Artikelserie scheint zwei Ziele zu haben: Sie möchte andere Gleichstellungsbürokratinnen über Statistik aufklären und sie möchte ihre Aufklärung mit Rechenbeispielen untermauern. In beidem scheitert sie grandios.

Einerseits bemüht sie sich, die Statistik als eine Art Orakel darzustellen, dem man jede beliebige Antwort entlocken kann. Andererseits bringt sie Rechenbeispiele, die schon die Schüler einer 7. oder 8. Klasse als falsch erkennen sollten. Charakteristisch ist diese Aussage aus Teil 3:

Soll also manipuliert werden, muss „man“ die Stellschräubchen an den zu berücksichtigenden Zahlen und anzuwendenden Methoden einfach ein bisschen drehen, bis das Ergebnis dem Mensch am Computer passt. Das dürfte auch für einen Statistikbanausen nicht allzu schwer sein. Hat er noch ein paar Fachkenntnisse, vereinfacht das die Sache noch.

Im Klartext: Wenn ohnehin alles »gedreht« werden kann, können auch alle Ergebnisse von Statistiken als Manipulation denunziert werden.


Im Teil 3 ihrer Serie schreibt Frau Rose-Möhring, dass sie als Studentin mit einem Kommilitonen ins Gespräch gekommen sei, der ihr von »23 anderen Arten angeblich gängiger Verteilungskurven« erzählt habe. Und weiter:

Und es sollte noch viele weitere Arten geben, einen Mittel- oder Durchschnittswert zu bestimmen (für mich und sicher auch viele andere Lai/inn/en ist das dasselbe). Die Ergebnisse, so wurde ich belehrt, seien so unterschiedlich, dass sie nur von der angewandten Methode abhingen. Für mich jedenfalls war es das – ich klinkte mich geistig aus.

Wenn Frau Rose-Möhring anderen Frauen die Statistik erklären möchte, dann sollte sie sich nicht schon bei den Mittelwerten geistig ausklinken. Das wirkt dann doch etwas unglaubwürdig.


Ich war natürlich auch gespannt auf die Methoden, mit denen Frau Rose-Möhring uns den »gesunden Frauenverstand« rechnerisch beibringen möchte. In mehreren Beiträgen ihrer Serie wird klar, dass Frau Rose-Möhring schon an der Prozentrechnung scheitert. Beispiel aus Beitrag 1:

Auch hier macht ein Beispiel deutlich, um was es geht: In einer Dienststelle mit ursprünglich 1.000 Beschäftigten und einem Frauenanteil von 10%, also 900 Männern und 100 Frauen können 5% mehr weibliche Mitarbeiter verschiedenes bedeuten:

  • jetzt insgesamt 15% Frauen, also 150 Frauen und 850 Männer;
  • oder der Anteil der 100 Frauen hat sich um 5% erhöht, also jetzt 105 Frauen und 895 Männer;
  • oder – da über Männer eigentlich nichts gesagt wird – der Anteil der Frauen hat sich um 5% auf 105 und der Anteil der Männer sagen wir um 10% auf 990 bei jetzt 1095 Beschäftigten erhöht […];

Es gibt hier keine zwei Möglichkeiten. Die Aussage »5% mehr weibliche Mitarbeiter« muss sich auf einen festen Grundwert beziehen. Wenn es vorher 100 Mitarbeiterinnen gab, dann sind es nach einer Steigerung um 5% natürlich 105 Mitarbeiterinnen. Ob sich dabei auch der Frauenanteil in der Belegschaft erhöht hat, hängt von der neuen Gesamtzahl der Beschäftigten ab.

In Frau Rose-Möhrings erstem Anstrich müsste es heißen: »Der Anteil der Frauen an der Belegschaft hat sich um fünf Prozentpunkte von 10% auf 15% erhöht.« Den Unterschied zwischen »Prozent« und »Prozentpunkt« sollte man kennen, bevor man sich anschickt, über Statistik zu schreiben.

Im dritten Anstrich bringt sie »Anteil« und »Anzahl« so schlimm durcheinander, dass es beim Lesen fast schon physische Schmerzen erzeugt.


Ein didaktisch ähnlich schwaches Beispiel bringt Frau Rose-Möhring im zweiten Teil ihrer Serie:

Wenn Sie hören, dass es einem Personalchef gelungen sei, in 4 von 5 Abteilungen den Frauenanteil im letzten Jahr um 20% zu steigern, kann das auch bedeuten, dass vorher in jeder Abteilung nur 5 Frauen beschäftigt waren und er vor der Erhebung aus einer Abteilung 4 Frauen auf die anderen Abteilungen umgesetzt hat, wo die Erhöhung von 5 auf 6 jetzt 20% Steigerung ausmacht.

Der Personalchef steigert hier nicht den Frauenanteil, sondern die Anzahl der Frauen (von 5 auf 6). Über den Anteil kann gar keine Aussage getroffen werden, da man die Gesamtzahl der Beschäftigten im ersten und zweiten Jahr nicht kennt. Im dritten Teil konterkariert Frau Rose-Möhring ihr eigenes Beispiel:

50 Neueinstellungen mit 5 Frauen gegenüber 40 Neueinstellungen mit 4 Frauen im letzten Jahr zeigt gleichstellungspolitische Stagnation auf Steinzeitniveau. Aufbereitet zu einer Steigerung der Neueinstellung von Frauen um 20% (von 4 auf 5) ist es dann aber schon fast ein Durchbruch, soweit dies nicht weiter hinterfragt wird.

Eine Steigerung von 4 auf 5 Neueinstellungen ergibt nicht 20% Steigerung, sondern 25%. Zumindest nach meinem Männerverstand …


Zum Schluss noch eine Perle aus dem Rose-Möhringschen Lehrblog der »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte«:

Computer sind im Grunde ehrliche und wahrheitsliebende Kerle. Sie rechnen im Rahmen der Programmierung unermüdlich alles und das richtig. Sie kümmern sich nicht darum, ob die Daten richtig erhoben wurden, ob die verglichenen Zeiträume stimmig sind, ob Äpfel mit Birnen verglichen werden oder ein Zahlenverhältnis überhaupt etwas Vernünftiges aussagt.

Das könnte man nach der Lektüre der ersten drei Artikel über die Autorin auch vermuten.


Der Teil 4 ist offenbar für den kommenden Montag vorbereitet, aber ich habe ihn durch Zufall in der Suche schon gefunden. Im ersten Absatz heißt es:

Der Zeitpunkt ist gekommen, sich um den interpretatorischen Teil der Statistik zu kümmern. Die Systematikerinnen unter Ihnen werden vielleicht einwenden, dies sei auch schon in den anderen Teilen enthalten gewesen […]

Der gesunde Menschenverstand sagt mir: Nein. War er nicht. Es war ja noch nicht mal fehlerfreie Prozentrechnung enthalten. Es bleibt nur zu hoffen, dass es Frauen mit Kenntnissen der Statistik gibt, die den Mut haben, Frau Rose-Möhring zu erklären, was sie da für eine Leistung abgeliefert hat …


Quellen: »Statistik für Gleichstellungsbeauftragte« von Kristin Rose-Möhring.

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

(Abgerufen am 20. November 2014.)



Mein Kürbis-Risotto 2014

17. November 2014

Die Zutaten für zwei Personen:

  • 250g Carnaroli-Reis
  • 1 kleine Tasse Olivenöl
  • 2 große frische Knoblauchzehen
  • 1 kleine, scharfe, frische Paprikaschote
  • 2 große Tassen heißer, milder Gemüsefond
  • Meersalz
  • 250g festes Kürbisfleisch (Hokkaido) grob geraspelt

Die Zubereitung:

  1. Knoblauch und Paprika werden geputzt und in ganz kleine Stücken geschnitten.
  2. Der Boden eines dickbödigen Topfs wird gut mit Olivenöl bedeckt.
  3. Knoblauch und Paprika werden bei mittlerer Hitze ganz kurz leicht angedünstet.
  4. Der Reis kommt hinzu. Jetzt wird alles vorsichtig gerührt, damit der Reis von allen Seiten mit Öl umhüllt ist. Es beginnt nach Öl, Knoblauch und Paprika zu duften.
  5. Das geraspelte Kürbisfleisch wird untergehoben und eventuell noch etwas Öl zugegeben. Dabei wird weiter gründlich gerührt.
  6. Nach etwa 3 bis 4 Minuten wird schrittweise mit einer kleinen Kelle etwas heißer Gemüsefond zugegeben. Und gerührt!
  7. Das Risotto im Auge behalten. Wenn die Flüssigkeit aufgebraucht ist: Eine Kelle zugeben und Rühren nicht vergessen!
  8. Das Kürbis-Risotto ist nach etwa 10 bis 12 Minuten cremig. Wenn zum letzten Mal Flüssigkeit zugegeben wird, kann man es nach dem Rühren mit etwas Meersalz abschmecken.


Von Büchern, Hüten und ProfessoriXen: Eine Antwort auf Antonia Baum

17. November 2014

Als ich zur Zeit der Wende an der Technischen Universität Dresden studierte, hatten wir einen Professor[1], der in der DDR seit den 1970er Jahren als Autor eines wichtigen Fachbuchs bekannt war. In der Wendezeit stand er kurz vor der Emeritierung.

Wer mein Fach studieren wollte, kam an dem Fachbuch des Professors nicht vorbei: Erstens war es recht gut und zweitens gab es in der DDR-Fachliteratur wegen der Ressourcenknappheit keine große Auswahl.

Wenn wir uns als Dresdner Studenten mit Studenten von außerhalb austauschten, kam oft die Rede auf Professor X: Was es denn für ein Gefühl sei, an seiner Fakultät zu studieren und an seinem Institut studentische Hilfskraft zu sein?

Es waren durchaus gemischte Gefühle: Professor X hatte in den Jahrzehnten seit dem Erscheinen seines berühmten Fachbuchs kaum noch etwas veröffentlicht. In seinen Vorlesungen und in seinem Umgang mit den Doktoranden wurde er von Jahr zu Jahr unleidlicher, beim akademischen Mittelbau war er gefürchtet, und das Personal der Universität machte meist einen weiten Bogen um ihn. Legendär war die lange Liste der Bücher, die er aus der Bibliothek ausgeliehen und nie zurückgegeben hatte.

Wenn wir als Studenten ins Erzählen kamen, fiel meist auch der Spitzname des Professors: Hinter seinem Rücken wurde er Professor Gessler genannt, weil rund um sein Büro eine ganze Batterie aus unsichtbaren Gesslerhüten gegrüßt werden musste. Man hatte auch am Ende der DDR und in der Wendezeit das Machtgefälle zwischen den Professoren und dem »Rest« zu respektieren.

Die Zeit des Professors X an unserer Universität endete an einem traurigen Novembertag Anfang der 1990er Jahre. Als er sein Büro endgültig verlassen hatte, begann das große Aufräumen. Zwei Dutzend Fachbücher aus der Bibliothek fanden wir verstaubt unter dem Sofa, auf dem er so gern Mittagsschlaf gehalten hatte …


25 Jahre später hat sich Antonia Baum gestern in der F.A.S. mit den Diskussionen rund um die Professorin Antje Lann Hornscheidt befasst, die sich nicht mehr als Professorin, sondern als Profx bezeichnen lassen will.

In ihrem Artikel zeigt Antonia Baum einige Absurditäten und Unverschämtheiten, mit denen die Diskussion vergiftet wurde. Antonia Baum nimmt die Perspektive der Berliner Professorin ein, und das ist nicht nur legitim, sondern notwendig – aber sie vergisst dabei einen ganz wesentlichen Punkt: das Machtgefälle zwischen Professoren und Studierenden.

Ich kann keinen Artikel über den Fall Hornscheidt lesen, ohne an unseren Professor X zu denken. Es gibt nämlich nicht nur sprachlich einen Unterschied zwischen den Wendungen »Achten Sie darauf, mich als Profx anzusprechen!« und »Ich wünsche mir, als Profx angesprochen zu werden.«

Wer früher als Student oder Doktorand zu Professor X ging, war sich des Machtgefälles spätestens beim Warten im Vorzimmer bewusst. Wer heute auf der offiziellen Webseite der Professorin Hornscheidt liest

Wollen Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen? Achten Sie bitte darauf, Anreden wie “Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt” zu verwenden.

und dort zu einer obligatorischen Prüfung antreten muss, wird sich wohl sehr gründlich überlegen, ob er seine Sprache verbiegt oder seine Prüfungsnote in Gefahr bringt.

Dieser »Wunsch«, wie es Antonia Baum interpretiert, ist allenfalls unter Gleichgestellten ein Wunsch. Unter Berücksichtigung des akademischen Machtgefälles ist es kein Wunsch mehr. Man stelle sich einen Augenblick vor, ein Professor mit Adelstitel würde auf seiner offiziellen Webseite betonen

Wenn Sie mit Professor von und zu X Kontakt aufnehmen möchten, achten Sie bitte darauf, die Anrede »Seine Freiherrliche Hoheit« zu verwenden.

Auch in diesem Fall würde eine Anrede konstruiert, die es gar nicht gibt. Die »Freiherrliche Hoheit von und zu …« erscheint in der aufgeklärten Gesellschaft des Jahres 2014 genauso absurd wie die »Profx Hornscheidt«. In erster Linie sind diese Wendungen aber anmaßend, denn in beiden Fällen wird von Studierenden und Mitarbeitern eine Unterwerfungsgeste verlangt.

Es gibt rein rechtlich die beiden Anreden »Sehr geehrte Frau Professor …« und »Sehr geehrter Herr Professor …«. Die sexuelle und soziale Selbsteinstufung der Lehrpersonen ist Privatsache und hat in offiziellen Beziehungen an der Universität nichts zu suchen. Der alte Gesslerhut sollte in der Mottenkiste bleiben. Er wird nicht dadurch akzeptabel, dass man ihn heute als Gesslix-Hut aufstellt.


Ergänzungen:

1. Ich bitte alle Leserinnen und Leser, Frau Prof. Hornscheidt als Mensch zu respektieren und demgemäß nicht auf der persönlichen Ebene anzugreifen.

2. Es geht mir in meinem Artikel ausschließlich um das offizielle Handeln von Frau Prof. Hornscheidt in ihrem Amt an der Uni. Jede Person kann sich privat nennen lassen, wie sie möchte – in einer öffentlich-rechtlichen Machtposition geht das aber nicht.

3. Frau Prof. Hornscheidt ist an der Humboldt-Uni in ein Amt berufen worden. Möglicherweise muss man dort nach der Berufung kaum noch Leistungsnachweise bringen. Es ist trotzdem vermessen, eine Amtsenthebung zu fordern, nur weil uns ihre Publikationen suspekt vorkommen. Rechtlich gesehen ist das nicht möglich.

4. Es ist in Ordnung, wenn Antonia Baum in der F.A.S. auch die Perspektive von Frau Prof. Hornscheidt darstellt. Das gehört zum Pluralismus. Ich finde es aber problematisch, dass sie die eine Seite positiv und die andere negativ verzerrt.


[1] In der fiktiven Figur »Professor X« sind Erinnerungen an die Eigenheiten mehrerer Personen aus meiner Zeit an der TU zusammengefasst.



Was wissen wir über Grünen-Wähler, die gern fliegen?

14. November 2014

Am Morgen kam mir ein Link zu einem Artikel bei Focus-Online in die Quere: Etwas schadenfroh schrieb jemand, dass die Grünen-Wähler laut diesem Artikel sehr gern in ein Flugzeug steigen – jedenfalls häufiger als andere Wähler. Die Überschrift:

Ökofreunde im Kerosinrausch
Studie zeigt: Grünen-Wähler fliegen am häufigsten

Der FOCUS bezieht sich interessanterweise auf einen Artikel von SPIEGEL-online (Nebenbemerkung: Früher waren diese beiden Illustrierten noch Nachrichtenmagazine und hatten den Ehrgeiz, eigene Recherche zu leisten). In der Einleitung bei FOCUS heißt es:

Die Grünen kämpfen politisch seit langem gegen den umweltschädlichen Luftverkehr – vor allem die Steuerprivilegien bei Kerosin- und Mehrwertsteuer sind der Ökopartei ein Dorn im Auge. Die Grünen-Wähler sehen das offenbar anders, wie eine unveröffentlichte Studie zeigt, über die „Spiegel Online“ berichtete. Diese zeige nämlich, dass die Anhänger der Partei bei weitem am häufigsten fliegen.

Eine unveröffentlichte Studie sollte für uns als aufgeklärte Bürger grundsätzlich irrelevant sein: Wenn man die Daten nicht selbst prüfen kann, ist man auf die PR oder auf den Qualitätsjournalismus angewiesen.


Lassen wir das so stehen und wechseln zu SPON. Dort ist als Überschrift zu lesen:

Reiseverhalten von Grünen-Wählern: Bahn predigen, Business fliegen

Man leistet sich bei SPON sogar eine Fotostrecke mit Säulendiagrammen.

Als Essenz der Überschriften aus SPON und FOCUS bleibt: »Die Grünen-Wähler fliegen im Kerosinrausch häufig Business-Class«.

Und jetzt zeige ich Ihnen, warum an diesen Artikeln größte Zweifel angebracht sind.


Die Zahlen stammen von der renommierten Forschungsgruppe Wahlen, die auch die Wahlprognosen für das ZDF erstellt. Am Ende des Artikels heißt es:

Für die Umfrage wurden im September insgesamt 1032 Menschen interviewt. Darunter waren 77 Befragte, die sich als Grünen-Wähler bezeichneten.

Rechnen wir nach: Bei einer unterstellten Wahlbeteiligung von 75% und einem Grünen-Anteil von 10% sind rein zufällig 77 Befragte Grünen-Wähler. Also liegt die Vermutung nahe, dass den Befragten einfach im Rahmen der repräsentativen Umfrage zur Wahl noch einige Fragen zur Luftfahrt gestellt wurden.

Das ist auch absolut legitim. Die Ergebnisse einer solchen Befragung sind aber dann nur repräsentativ für die Grundgesamtheit. Die Teilnehmer der Stichprobe werden ja so ausgesucht, dass die deutschen Wählerinnen und Wähler so gut wie möglich repräsentiert werden: Einkommen, Alter, Geschlecht, regionale Verteilung …

Aber die 77 Befragten, die sich als Grünen-Wähler bezeichneten, sind keinesfalls repräsentativ für alle Grünen-Wähler. Wenn man die Einstellung der Grünen-Wähler zum Fliegen und allgemein zum Reiseverhalten erheben will, muss man eine repräsentative Stichprobe aus Grünen-Wählern zusammenstellen. Wiederum nach Einkommen, Alter, Geschlecht und regionaler Verteilung.


Noch eine letzte Anmerkung: FOCUS und SPIEGEL weisen wenigstens auf den Auftraggeber der Studie hin – auch das ist in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber der Auftraggeber ist hier irrelevant. Entscheidend ist die Boulevard-Orientierung der beiden Illustrierten, die mal Nachrichtenmagazine gewesen sind. Es geht nur noch um die knallige Überschrift und überhaupt nicht mehr um die Sache.



Die Schweizer und ihr Umgang mit Fehlern

24. Oktober 2014

Es war eine dieser typische Twitter-Szenen: Man wird auf eine Studie hingewiesen, man überfliegt den Artikel, und man stellt ernsthafte Unstimmigkeiten fest. Man twittert den Herausgeber an – und in 90% der Fälle bekommt man kaum eine verwertbare Antwort.

Nicht so im Fall des Berichts über eine Studie der Credit Suisse. Auf ihrer Website stand Ende September ein oft zitierter Glaubenssatz dieser Tage:

Höherer Frauenanteil trägt zu Unternehmenserfolg bei

Daraufhin fragte ich via Twitter an:

Dialog mit CreditSuisse

Im Dialog mit CreditSuisse
(ein Klick vergrößert den Screenshot des Dialogs).

Den Dialog können Sie im Original auf Twitter nachlesen.


Um es kurz zu machen: Der Artikel wurde ergänzt. Es wurden einige Sätze eingefügt, die ich jetzt zitiere. Sie sind leider in dem Artikel nicht gekennzeichnet und bilden auch keinen eigenen Absatz. Das kann aber mit dem verwendeten CMS zu tun haben und ich will es ausdrücklich nicht schlechtreden.

Bedeutet dies nun, dass bessere Unternehmen mehr Frauen beschäftigen, oder dass Frauen lieber für erfolgreiche Unternehmen arbeiten, oder dass Frauen selbst die Performance der Unternehmen verbessern? Vermutlich ist an allen drei Thesen etwas dran.

Die statistischen Befunde, auf die der Bericht hinweist, deuten darauf hin, dass Vielfalt in einem Unternehmen mit besseren Finanzergebnissen und höheren Aktienmarktbewertungen einhergeht, doch die Credit Suisse räumt ein, dass sie die Frage nach der Kausalität nicht beantworten kann. Dies schränkt die Aussagekraft der Beobachtungen in der Studie stark ein.

Der Rest des Artikels wurde nicht geändert. Aber immerhin: Wer heute auf die Studie stößt und den Artikel liest, wird nicht mehr ganz so stark in die Irre geführt …

Der Originaltext der Studie (PDF) ist für diejenigen interessant, die sich wirklich ein Bild von dem Sachverhalt machen wollen. Eine Kausalität zwischen Unternehmenserfolg und Frauenanteil in Führungsgremien wird dort nicht nachgewiesen …


Durch Zufall habe ich eine Seite des Schweizer Fernsehens gefunden, auf der man Korrekturen von offensichtlich falschen Moderationstexten oder Meldungen dauerhaft veröffentlicht. So wurde dort im Original folgendes angesagt:

„Die Katastrophe von Fukushima hat weitreichende Folgen. In vielen Ländern ist der Ausstieg aus der Atomenergie inzwischen beschlossene Sache, auch in der Schweiz.“

Und korrigiert:

Diese Aussage ist nicht korrekt. Nur wenige Länder haben sich für den Atomausstieg entschieden, und nur in einzelnen Ländern steht dieser Entscheid in direktem Zusammenhang mit Fukushima. […]

Das ist immer noch weit entfernt von der Realität: viele neue Atomkraftwerke sind weltweit im Bau und deren Betreiberländer denken nicht im Traum an einen Ausstieg. Aber es ist immerhin die Korrektur eines Fehlers.


Wäre das in unseren öffentlich-rechtlichen Medien so möglich? Die »Tagesschau« hat einen ähnlich falschen Satz über die Opfer der Tsunami- und Erdbebenkatastrophe verbreitet und meines Wissens nie auf diese eindeutige Weise korrigiert.

Immerhin steht die Korrektur beim Schweizer Fernsehen bis heute so im Netz, auf der Seite der »Tagesschau« habe ich nichts gefunden. Ich lasse mich gern korrigieren, aber die Fehlerkultur der Schweizer scheint wesentlich weiter entwickelt zu sein als die Fehlerkultur der Deutschen.

Bevor es zu Missverständnissen kommt: Das soll kein Artikel sein, in dem die Schweiz oder die Schweizer idealisiert werden. Die Überschrift soll auch kein Stereotyp transportieren. Aber mich faszinierte an diesen Fällen, dass es auch eine andere Fehlerkultur als in deutschen Medien geben kann. Hier werden vor allem im Umgang mit Statistiken laufend Fehler gemacht – und nahezu immer unter den Tisch gekehrt.




Ein Schlagertext, der »Islamische Staat« und jede Menge Unverständnis

20. Oktober 2014

Die Theologin und Feministin Antje Schrupp möchte mit ihrem gestrigen Artikel begründen, warum »Frauen auch nicht von Natur aus Feministinnen« seien. Als Einleitung wählt sie eine Zeile aus einem Schlagertext:

»Du machst mich zu einem besseren Mann«

Seit Otto Waalkes’ genialer Wort-zum-Sonntag-Parodie »Theo, wir fahrn nach Lodz« wissen wir, dass diese unselige Kombination aus Schlager und Glaubensbekenntnis nur scheitern kann. Otto begann sein »Wort zum Sonntag« mit diesen Zeilen:

Wir alle haben unsere Sorgen und Nöte und lassen uns nicht mit billigem Trost über die Last des Alltags hinwegtäuschen. Aber als ich neulich in meiner Musikbox blätterte, da stieß ich auf folgende kleine Zeile: »Theo, wir fahr’n nach Lodz«. …


Bei Antje Schrupp sieht die Einleitung nicht viel anders aus:

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: »Du machst mich zu einem besseren Mann«.

Otto Waalkes und Antje Schrupp haben nun eine interessante Gemeinsamkeit: Das kalkulierte Missverständnis der Schlagerzeile. Antje Schrupp gruselt es aus zwei Gründen:

Erstens werde hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die »Qualität des Mannes« sicherzustellen.

Zweitens sei es gruselig, dass vielen Frauen diese Zeile gefalle, weil sie sich gerne in dieser Rolle sähen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das sei ein Teil der »patriarchalen romantischen Liebeserzählung«.


Ach wenn’s mich doch gruselte!

Was Antje Schrupp nicht verstehen kann oder nicht verstehen will: Eine auf Dauer angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Frauen oder zwei Männern ist immer auch eine gemeinsame Entwicklung.

Die banale Schlagerzeile ist in Wahrheit Teil eines Dialogs: Du bringst mich voran und ich bringe Dich voran. Wäre das nicht so, könnten wir ja alle allein leben.

Natürlich wird dieses »Geschlechterarrangement« künstlerisch verwertet, seit der Mensch Zeit und Gelegenheit hatte, so etwas wie Kultur zu entwickeln. Im Theater der alten Griechen, in den Satiren der Römer, im Decamerone, in den großen Opern und kleinen Operetten – und irgendwann eben auch im Schlager.


Eine Schlagerzeile reicht Antje Schrupp natürlich nicht, um ihre These zu stützen. Sie greift zum ultimativen Beweis, indem sie sich der Rolle von Frauen im »Islamischen Staat« zuwendet:

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Hier unterliegt die Autorin einem Trugschluss. Die Herrschaft des IS ist nicht in erster Linie ein Patriarchat. Es handelt sich um eine Herrschaft des Terrors unter dem Vorwand einer besonders radikalen und extremen Art der islamischen Religion.

Es ist durchaus möglich, dass Frauen dabei im Sinne der Führung des IS agieren, aber dafür gibt es zwei wesentlich plausiblere Gründe als die Identifikation mit dem Patriarchat.

Ein Teil der Frauen dürfte es schlicht aus Angst um ihr eigenes Leben tun. Wenn diese Frauen Morde und Folter miterleben mussten, werden sie schon aus dem Überlebenswillen heraus jede Regel akzeptieren und wohl auch durchsetzen.

Aber es ist natürlich auch denkbar, dass sich Frauen mit den Machtzielen des IS so stark identifizieren, dass sie also freiwillig bei der Machtausübung mitmachen.

Dass sich Frauen im Herrschaftsgebiet des IS besonders tiefgreifende Gedanken über die Wirkmechanismen des Patriarchats machen, halte ich allerdings für eher für unwahrscheinlich.


Aus der Schlagerzeile und aus ihrer Interpretation der Herrschaft des IS über Frauen leitet Antje Schrupp in der Folge nur noch Banalitäten ab.

Sie unterstellt beispielsweise, dass viele Frauen »einen solchen Kampf [gegen das »Patriarchat«] gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden«.

Das könnte allerdings auch daran liegen, dass es in modernen Beziehungen gar kein frauenverachtendes und unterdrückendes »Patriarchat« mehr gibt, das zu bekämpfen wäre: Beide Teile sind relativ selbständig und grundsätzlich im Fall einer Trennung auch für das Alter abgesichert.

Das »Bestehende« ist eben hierzulande für die meisten Frauen und Männer nicht der Horror, den Antje Schrupp imaginiert. Das liegt schlicht daran, dass der Zwang und die materielle Abhängigkeit in heutigen Ehen oder Partnerschaften weitgehend weggefallen sind. Wer den Artikel von Antje Schrupp zu Ende liest, kann nur mit Otto Waalkes konstatieren:

»Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Haaren. Und sollte nicht auch einer von uns, oder morgen, oder heute, oder vielleicht nicht. Wer weiß. Schönen guten Abend. «



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