Die Schweizer und ihr Umgang mit Fehlern

24. Oktober 2014

Es war eine dieser typische Twitter-Szenen: Man wird auf eine Studie hingewiesen, man überfliegt den Artikel, und man stellt ernsthafte Unstimmigkeiten fest. Man twittert den Herausgeber an – und in 90% der Fälle bekommt man kaum eine verwertbare Antwort.

Nicht so im Fall des Berichts über eine Studie der Credit Suisse. Auf ihrer Website stand Ende September ein oft zitierter Glaubenssatz dieser Tage:

Höherer Frauenanteil trägt zu Unternehmenserfolg bei

Daraufhin fragte ich via Twitter an:

Dialog mit CreditSuisse

Im Dialog mit CreditSuisse
(ein Klick vergrößert den Screenshot des Dialogs).

Den Dialog können Sie im Original auf Twitter nachlesen.


Um es kurz zu machen: Der Artikel wurde ergänzt. Es wurden einige Sätze eingefügt, die ich jetzt zitiere. Sie sind leider in dem Artikel nicht gekennzeichnet und bilden auch keinen eigenen Absatz. Das kann aber mit dem verwendeten CMS zu tun haben und ich will es ausdrücklich nicht schlechtreden.

Bedeutet dies nun, dass bessere Unternehmen mehr Frauen beschäftigen, oder dass Frauen lieber für erfolgreiche Unternehmen arbeiten, oder dass Frauen selbst die Performance der Unternehmen verbessern? Vermutlich ist an allen drei Thesen etwas dran.

Die statistischen Befunde, auf die der Bericht hinweist, deuten darauf hin, dass Vielfalt in einem Unternehmen mit besseren Finanzergebnissen und höheren Aktienmarktbewertungen einhergeht, doch die Credit Suisse räumt ein, dass sie die Frage nach der Kausalität nicht beantworten kann. Dies schränkt die Aussagekraft der Beobachtungen in der Studie stark ein.

Der Rest des Artikels wurde nicht geändert. Aber immerhin: Wer heute auf die Studie stößt und den Artikel liest, wird nicht mehr ganz so stark in die Irre geführt …

Der Originaltext der Studie (PDF) ist für diejenigen interessant, die sich wirklich ein Bild von dem Sachverhalt machen wollen. Eine Kausalität zwischen Unternehmenserfolg und Frauenanteil in Führungsgremien wird dort nicht nachgewiesen …


Durch Zufall habe ich eine Seite des Schweizer Fernsehens gefunden, auf der man Korrekturen von offensichtlich falschen Moderationstexten oder Meldungen dauerhaft veröffentlicht. So wurde dort im Original folgendes angesagt:

„Die Katastrophe von Fukushima hat weitreichende Folgen. In vielen Ländern ist der Ausstieg aus der Atomenergie inzwischen beschlossene Sache, auch in der Schweiz.“

Und korrigiert:

Diese Aussage ist nicht korrekt. Nur wenige Länder haben sich für den Atomausstieg entschieden, und nur in einzelnen Ländern steht dieser Entscheid in direktem Zusammenhang mit Fukushima. […]

Das ist immer noch weit entfernt von der Realität: viele neue Atomkraftwerke sind weltweit im Bau und deren Betreiberländer denken nicht im Traum an einen Ausstieg. Aber es ist immerhin die Korrektur eines Fehlers.


Wäre das in unseren öffentlich-rechtlichen Medien so möglich? Die »Tagesschau« hat einen ähnlich falschen Satz über die Opfer der Tsunami- und Erdbebenkatastrophe verbreitet und meines Wissens nie auf diese eindeutige Weise korrigiert.

Immerhin steht die Korrektur beim Schweizer Fernsehen bis heute so im Netz, auf der Seite der »Tagesschau« habe ich nichts gefunden. Ich lasse mich gern korrigieren, aber die Fehlerkultur der Schweizer scheint wesentlich weiter entwickelt zu sein als die Fehlerkultur der Deutschen.

Bevor es zu Missverständnissen kommt: Das soll kein Artikel sein, in dem die Schweiz oder die Schweizer idealisiert werden. Die Überschrift soll auch kein Stereotyp transportieren. Aber mich faszinierte an diesen Fällen, dass es auch eine andere Fehlerkultur als in deutschen Medien geben kann. Hier werden vor allem im Umgang mit Statistiken laufend Fehler gemacht – und nahezu immer unter den Tisch gekehrt.




Ein Schlagertext, der »Islamische Staat« und jede Menge Unverständnis

20. Oktober 2014

Die Theologin und Feministin Antje Schrupp möchte mit ihrem gestrigen Artikel begründen, warum »Frauen auch nicht von Natur aus Feministinnen« seien. Als Einleitung wählt sie eine Zeile aus einem Schlagertext:

»Du machst mich zu einem besseren Mann«

Seit Otto Waalkes’ genialer Wort-zum-Sonntag-Parodie »Theo, wir fahrn nach Lodz« wissen wir, dass diese unselige Kombination aus Schlager und Glaubensbekenntnis nur scheitern kann. Otto begann sein »Wort zum Sonntag« mit diesen Zeilen:

Wir alle haben unsere Sorgen und Nöte und lassen uns nicht mit billigem Trost über die Last des Alltags hinwegtäuschen. Aber als ich neulich in meiner Musikbox blätterte, da stieß ich auf folgende kleine Zeile: »Theo, wir fahr’n nach Lodz«. …


Bei Antje Schrupp sieht die Einleitung nicht viel anders aus:

Ich komme in die Küche und da läuft im Radio ein Schlager. Eine Art Liebeslied soll das wohl sein, gesungen von einem Er, adressiert an eine Sie. Die Refrainzeile: »Du machst mich zu einem besseren Mann«.

Otto Waalkes und Antje Schrupp haben nun eine interessante Gemeinsamkeit: Das kalkulierte Missverständnis der Schlagerzeile. Antje Schrupp gruselt es aus zwei Gründen:

Erstens werde hier das alte Geschlechterarrangement abgefeiert, wonach Frauen in einer heterosexuellen Beziehung die Aufgabe haben, die »Qualität des Mannes« sicherzustellen.

Zweitens sei es gruselig, dass vielen Frauen diese Zeile gefalle, weil sie sich gerne in dieser Rolle sähen: Den Mann zu einem besseren Mann zu machen. Das sei ein Teil der »patriarchalen romantischen Liebeserzählung«.


Ach wenn’s mich doch gruselte!

Was Antje Schrupp nicht verstehen kann oder nicht verstehen will: Eine auf Dauer angelegte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Frauen oder zwei Männern ist immer auch eine gemeinsame Entwicklung.

Die banale Schlagerzeile ist in Wahrheit Teil eines Dialogs: Du bringst mich voran und ich bringe Dich voran. Wäre das nicht so, könnten wir ja alle allein leben.

Natürlich wird dieses »Geschlechterarrangement« künstlerisch verwertet, seit der Mensch Zeit und Gelegenheit hatte, so etwas wie Kultur zu entwickeln. Im Theater der alten Griechen, in den Satiren der Römer, im Decamerone, in den großen Opern und kleinen Operetten – und irgendwann eben auch im Schlager.


Eine Schlagerzeile reicht Antje Schrupp natürlich nicht, um ihre These zu stützen. Sie greift zum ultimativen Beweis, indem sie sich der Rolle von Frauen im »Islamischen Staat« zuwendet:

Später lese ich einen Artikel über die brutale Herrschaft des „Islamischen Staats“, in dem steht, dass es dort Frauen sind, die die Aufgabe übernehmen, andere Frauen zu disziplinieren. Das ist ja kaum zu glauben, denn noch frauenverachtender als beim IS kann ein Patriarchat doch gar nicht aussehen.

Hier unterliegt die Autorin einem Trugschluss. Die Herrschaft des IS ist nicht in erster Linie ein Patriarchat. Es handelt sich um eine Herrschaft des Terrors unter dem Vorwand einer besonders radikalen und extremen Art der islamischen Religion.

Es ist durchaus möglich, dass Frauen dabei im Sinne der Führung des IS agieren, aber dafür gibt es zwei wesentlich plausiblere Gründe als die Identifikation mit dem Patriarchat.

Ein Teil der Frauen dürfte es schlicht aus Angst um ihr eigenes Leben tun. Wenn diese Frauen Morde und Folter miterleben mussten, werden sie schon aus dem Überlebenswillen heraus jede Regel akzeptieren und wohl auch durchsetzen.

Aber es ist natürlich auch denkbar, dass sich Frauen mit den Machtzielen des IS so stark identifizieren, dass sie also freiwillig bei der Machtausübung mitmachen.

Dass sich Frauen im Herrschaftsgebiet des IS besonders tiefgreifende Gedanken über die Wirkmechanismen des Patriarchats machen, halte ich allerdings für eher für unwahrscheinlich.


Aus der Schlagerzeile und aus ihrer Interpretation der Herrschaft des IS über Frauen leitet Antje Schrupp in der Folge nur noch Banalitäten ab.

Sie unterstellt beispielsweise, dass viele Frauen »einen solchen Kampf [gegen das »Patriarchat«] gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden«.

Das könnte allerdings auch daran liegen, dass es in modernen Beziehungen gar kein frauenverachtendes und unterdrückendes »Patriarchat« mehr gibt, das zu bekämpfen wäre: Beide Teile sind relativ selbständig und grundsätzlich im Fall einer Trennung auch für das Alter abgesichert.

Das »Bestehende« ist eben hierzulande für die meisten Frauen und Männer nicht der Horror, den Antje Schrupp imaginiert. Das liegt schlicht daran, dass der Zwang und die materielle Abhängigkeit in heutigen Ehen oder Partnerschaften weitgehend weggefallen sind. Wer den Artikel von Antje Schrupp zu Ende liest, kann nur mit Otto Waalkes konstatieren:

»Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Haaren. Und sollte nicht auch einer von uns, oder morgen, oder heute, oder vielleicht nicht. Wer weiß. Schönen guten Abend. «



Buridans Pferd und andere Bilder von einem Ausflug nach Pillnitz

19. Oktober 2014


Rund um Pillnitz (19.10.2014):
Bilder vom Spaziergang am späten Vormittag …


Herbstfarbenmix im Botanischen Garten (1)

19. Oktober 2014

Botanischer Garten Dresden (18.10.2014):
Bilder vom Rundgang kurz vor der Schließung …


Deo? Gratias!

14. Oktober 2014

Die Dresdner Lokalzeitung DNN hat sich zum Zweck der Produktwerbung ein ganz neues Format ausgedacht. Es gibt dort nicht nur »Sonderbeilagen« und »Verlagssonderveröffentlichungen« und die furchtbar peinliche Stichwortgeberei einer Journalistin im sogenannten »Canaletto-Gespräch«. Als immer noch zahlender Abonnent der DNN durfte ich gestern im redaktionellen Teil(!) die Werbeform

An dieser Stelle berichten wir regelmäßig über neue und ungewöhnliche Produkte.

kennenlernen. Und glauben Sie mir: Das Vergnügen war ganz auf der Seite der DNN.


Gestern wurde das Salbei-Deo des Herstellers Weleda vorgestellt. Der Artikel ist so aufgebaut:

Einleitung: Was ist ein Deo und wo tut es gut?

Unsicherheit erzeugen: Viele Deos enthalten Aluminium. Aluminium kann Folgen wie Krebs und Alzheimer haben.

Produkt vorstellen und loben: Das Salbei-Deo enthält kein Aluminium und ist auch sonst OK.


Was sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung wirklich über Aluminium in Kosmetika, die auf die Haut aufgetragen werden? Dafür gibt es ein Risikoprofil (Seite 2). Zusammenfassung:

Die Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung bei der Verwendung eines aluminiumhaltigen Antitranspirants wurde mit »Möglich« eingeschätzt.

Als Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung gibt das Amt an: »Keine unmittelbare Beeinträchtigung«.

Die Aussagekraft der vorliegenden Daten ist gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich. Das Bundesamt fasst zusammen:

Ein kausaler Zusammenhang zwischen der erhöhten Aluminiumaufnahme durch Antitranspirantien und der Alzheimer-Krankheit bzw. Brustkrebs konnte trotz einer Reihe entsprechender Studien aufgrund der inkonsistenten Datenlage wissenschaftlich bisher nicht belegt werden.

Aus Sicht des BfR besteht vor allem Forschungsbedarf hinsichtlich der tatsächlichen Aufnahmemenge von Aluminium über die Haut. Außerdem fehlen dem BfR Daten für eine Risikobewertung von Aluminium nach langfristiger dermaler Exposition. Erst mit solchen Informationen kann eine abschließende gesundheitliche Risikobewertung zu aluminiumhaltigen Antitranspirantien und weiteren aluminiumhaltigen Kosmetika vorgenommen werden.


Das herauszufinden hätte natürlich ein paar Minuten Recherche gekostet. Aber wozu soll sich ein Qualitätsjournalist den schönen Artikel mit Recherche kaputtmachen? Er schreibt:

Denn das Bundesinstitut für Risikobewertung rät zur Vorsicht: Ein Zuviel des Leichtmetalls im Körper könnte Krebs und Alzheimer zur Folge haben. Aluminiumsalze stecken in vielen Deos, denn sie verstopfen die Schweißdrüsen und sind daher hocheffiziente Geruchshemmer. Aus Sicherheitsgründen greifen viele jetzt aber zur alufreien Alternative.


Ironie der Geschichte: Der Hersteller Weleda nutzt unter anderem Tonerde. Darin sind Magnesium, Aluminum und Silicate enthalten. Wenn man also anderweitig Tonerde auf die Haut aufträgt oder in Kosmetik verwendet, ist Aluminium plötzlich wieder akzeptabel. Im After-Shave-Balsam ist Aluminium enthalten, aber im Deo nicht …


Vielleicht sollte ich auch noch kurz erklären, was das »Canaletto-Gespräch« ist: Am Samstag wird auf der ersten Seite des Lokalteils der untere Teil abgetrennt und in ganz kleiner Schrift als »AnzeigenSpezial« gekennzeichnet. Diese typographische Meisterleistung sieht etwa so aus (Klick auf das Bild vergrößert):

Die Kategorie »Canaletto-Gespräch« in der Wochenendausgabe der DNN …

Die Kategorie »Canaletto-Gespräch« in der Wochenendausgabe der DNN …

Das Format »AnzeigenSpezial« ist so aufgebaut: Eine Autorin aus dem redaktionellen Teil der Zeitung gibt Stichworte und ein »Gast« darf sich darstellen. Für Sie getestet:

Ein Interview mit einer Lokaljournalistin als »AnzeigenSpezial« …

Ein Interview mit einer Lokaljournalistin als »AnzeigenSpezial« …

Dabei stellen sich für mich zwei Fragen: Wie stark dürfen sich die Tätigkeiten Journalismus und PR miteinander verbinden? Und: Wie unabhängig kann eine Lokalredaktion über Interviewpartner eines solchen Gesprächs berichten, wenn mit dem Unternehmen mal etwas schiefgeht?



Die glücklichen Dresdner und ihre glückliche Oberbürgermeisterin …

12. Oktober 2014

In der Diskussion über die Sperrung der historischen Augustusbrücke hat der Grünen-Stadtrat Thomas Löser von der Gefahr einer »Stadt ohne Visionen« gesprochen. Eine Stadt ohne Visionen sei eine traurige Stadt. Nun gibt es ja unterschiedliche Arten von Visionen, aber ganz unrecht hat er nicht.


Die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz stieg sofort nach dem Debattenbeitrag in freier, unvorbereiteter Rede auf die Aussage Lösers ein. Hier ist mein Transkript aus dem Video Nr. 3 etwa ab Minute 15:00.

Orosz: Herr Löser, eine Korrektur erlaube ich mir zu Ihrer Formulierung »eine Stadt ohne Visionen ist eine traurige Stadt«. Ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

Es gab eine aktuelle Umfrage in einer Zeitung hier in Dresden, vor kurzem, zum wiederholten Male, dass über zwei Drittel der Dresdner Bevölkerung glücklich sind in Dresden – ich weiß nicht, von welcher Stadt Sie sprechen.

kurze Pause mit Zwischenrufen

Das müssen Sie einfach nur zur Kenntnis nehmen!

Zwischenrufe (offenbar Einwände zur Umfrage)

Ja, jetzt, jaaaa – die Journalisten haben das falsch gemacht, und überhaupt, und alles, aber irgendwann müssen Sie es doch mal zur Kenntnis nehmen.


Selbst wenn die Umfrage der »Sächsischen Zeitung« statistisch seriös wäre (was sie nicht ist), zeigt der Beitrag von Frau Orosz aus meiner Sicht, warum sich die CDU nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger umschauen sollte:

  1. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die ihre politischen Einsichten aus plakativ aufbereiteten Umfragen einer Lokalzeitung bezieht.
  2. Wir haben eine Oberbürgermeisterin, die nicht in der Lage ist, auf einen sachlichen Einwand eine sachliche Antwort zu geben.

Ich will im folgenden kurz erklären, warum jeder politische Bezug auf die Ergebnisse der Glücksumfrage der »Sächsischen Zeitung« äußerst fragwürdig ist.


Problem 1: Die Selbstauswahl

Diese Umfrage beruhte auf dem Prinzip der Selbstauswahl. Die Leserinnen und Leser hatten drei Möglichkeiten: Sie konnten an der Umfrage überhaupt nicht, einmal oder mehrfach teilnehmen.

Um sich für eine der drei Möglichkeiten zu entscheiden, mussten sie natürlich erst einmal wissen, dass die Umfrage stattfindet. Sie mussten auch in der Lage sein, im Web oder auf dem Papier an der Umfrage teilzunehmen. Allein anhand dieser Voraussetzungen wird schon eine Vorauswahl getroffen.

Dazu kommt: Das Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung entspricht nicht der Fläche des Freistaats. Es gibt zwei große Gebiete mit anderen flächendeckend verbreiteten Zeitungen. Die Umfrage kann also nicht »Glückliche Sachsen« heißen, sondern allenfalls »Glückliche Sachsen im Verbreitungsgebiet der Sächsischen Zeitung«.

Selbst wenn wir davon ausgingen, dass alle erwachsenen Bürger Sachsens von der Umfrage erfahren hätten: Eine Umfrage, bei der sich die Teilnehmer aus eigener Entscheidung einmal oder mehrfach einbringen können, ist aus Sicht der Politik und aus Sicht der Sozialwissenschaft wertlos. Eine Stichprobe, die durch völlig unkontrollierte Selbstauswahl (auch noch teilweise online) gebildet wird, kann nicht repräsentativ sein.

Problem 2: Die Auswertung der Ergebnisse

Selbst bei einer wissenschaftlich korrekten und für alle Sachsen repräsentativen Umfrage wäre es statistisch falsch, die Ergebnisse auch noch nach dem Wohnort der Befragten auszuwerten. Denn für die Wohnorte der Befragten ist so eine Umfrage eben nicht automatisch repräsentativ. Profis wissen das – und gehen bei der Auswertung entsprechend sorgfältig zu Werke.

Noch weniger Sinn hat also eine Aufteilung der Ergebnisse der Glücksumfrage auf die einzelnen Städte und Kreise des Verbreitungsgebiets der Zeitung. Der größte anzunehmende Unsinn ist eine Aufteilung auf einzelne Stadtteile und Ortschaften der Stadt Dresden. Selbst davor ist die Zeitung nicht zurückgeschreckt.

Die Berichterstattung über die Umfrage zog sich in der Sächsischen Zeitung über viele Ausgaben hin. Hier ist eine Auswahl der Überschriften:

  • Freunde und Geld machen Sachsen glücklich
  • Beim Liebesleben oft nur Durchschnitt
  • Familie ist das größte Glück der Riesaer
  • Den Bautzenern fehlt was zu ihrem Glück
  • Der Osten nimmt Abschied von der Ostalgie

Alle diese Überschriften kann man so, wie sie sind, in die Blaue Papiertonne werfen. Keine davon hat einen statistischen, politischen oder sozialwissenschaftlichen Wert.

Wir werden in den nächsten Jahren in der Stadt große Probleme zu bewältigen haben. Es tut mir leid für das bürgerliche Lager in Dresden, aber eine Oberbürgermeisterin, die sich von solchen Umfragen politisch beeinflussen und beeindrucken lässt, ist hier völlig fehl am Platze.


Quellen und weiterführende Links



Zum »Tag gegen die Todesstrafe«

11. Oktober 2014

Ein kurzer Anstoß zum Thema Todesstrafe. Mich beschäftigt gerade eine Studie zu den Einstellungen der Muslime in vielen Staaten der Welt. Sie kommt vom renommierten PewResearch-Institut. Es gibt eine Zusammenfassung mit teilweise überlagerten Daten und dazugehörigen Grafiken.

Diese Zusammenfassung wird von manchen Kommentatoren herangezogen, um zu beweisen: Muslime sind für die Todesstrafe, weil der Islam für die Todesstrafe ist.


Ich habe mir die Rohdaten und die Fragestellungen angeschaut. Ich bin heute Abend zu müde, um darüber einen langen Artikel zu schreiben. Aber die Fragen zu Todes- und Körperstrafen möchte ich noch kurz darstellen. Die befragten Muslime konnten zustimmend oder ablehnend antworten:

  • Q92b: the death penalty for people who leave the Muslim religion
  • Q92c: punishments like whippings and cutting off of hands for crimes like theft and robbery
  • Q92d: stoning people who commit adultery

Es gibt in der Tat erschreckende Zahlen in der Studie. Von allen Befragten, die sich als Muslime bekannt haben, sind in Pakistan 75% und Afghanistan 79% für die Todesstrafe bei Abkehr vom Islam (Q92b). In diesen beiden Ländern würden auch weit über 80% eine Frau zu Tode steinigen, weil sie (möglicherweise!) Ehebruch begangen hat.

Auf der anderen Seite ist es frappierend, wie stark die Daten in ein und derselben Religion streuen. In manchen Ländern stimmte der Aussage Q92b fast niemand zu: 2% sind es in Albanien, 3% im Kosovo und 4% in Bosnien-Herzegowina, 9% in der Türkei.


Also kann es nicht an der Religion allein liegen, sondern es muss andere Einflüsse geben: Rechtsstaat, Trennung von Religion und Staat, Demokratie, Kultur und Bildung sowie wahrscheinlich auch Wohlstand durch eigene Arbeit.

Mir gibt das zu denken. Gerade am Tag gegen die Todesstrafe. Auch der Islam kann die Phase der Aufklärung durchlaufen, die das Christentum lange hinter sich hat. Auch Muslime können in manchen Ländern mit großer Mehrheit zu der Überzeugung gelangen, dass man die Abkehr von ihrer Religion nicht mit dem Tode bestrafen sollte.

Man sollte nie vergessen: Vor einigen hundert Jahren brannten bei uns die Scheiterhaufen, weil Menschen beschuldigt wurden, sich von ihrer Religion abzuwenden. Und das war nicht die muslimische.



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